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Autoaggression bei Frauen - Hintergründe und ihre Auswirkungen

Diplomarbeit 2003 124 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Einleitung

1 Definition und Termini
1.1 Definition: „Autoaggression“ und „Selbstverletzendes Verhalten“
1.2 Abgrenzung zu anderen Formen Selbstverletzenden Verhaltens
1.3 Verwendeter Terminus
1.4 Forschungsteil

2 Formen der Selbstschädigung
2.1 „Alltägliche“ Formen der Selbst(be)schädigung
2.2 Heimliche Selbst(be)schädigung
2.3 Münchhausen-Syndrom
2.4 Münchhausen by Proxy-Syndrom
2.5 Offene Selbst(be)schädigung

3 Überschneidungsbereiche bei Selbstverletzendem Verhalten
3.1 Selbstverletzendes Verhalten im Rahmen des Borderline-Syndroms
3.2 Selbstverletzendes Verhalten im Rahmen von Essstörungen
3.3 Selbstverletzendes Verhalten im Rahmen von Süchten
3.4 Epidemiologie

4 Ursachen und Hintergründe bei Selbstverletzendem Verhalten
4.1 Gesellschaftliche Faktoren
4.2 Familiäre Faktoren
4.3 Exkurs: Traumatheorien
4.4 Seelische und körperliche Misshandlung
4.5 Sexualisierte Gewalt als Sozialisationserfahrung

5 Erklärungsansätze für Selbstverletzendes Verhalten
5.1 Medizinische und Biologische Ansätze
5.2 Der Psychoanalytische Erklärungsansatz
5.3 Erklärungsmodelle der Verhaltensforschung

6 Die Bedeutung des Körpers
6.1 Der Körper als Objekt
6.2 Die Symbolik von Haut, Blut und Schmerz

7 Funktion der Selbstverletzung
7.1 Selbstverletzung als Ausdruck und Bewältigung von Gefühlen
7.2 Selbstverletzung als kommunikativer Aspekt

8 Selbstverletzung und Weiblichkeit
8.1 Weibliche Sozialisation
8.2 Der weibliche Körper

9 Selbstverletzendes Verhalten in Bezug auf die Sozialarbeit
9.1 Grundsätze professioneller Sozialer Arbeit
9.2 Aufgaben der sozialen Arbeit

10 Zusammenfassung

Literaturliste

Anhang

Danksagung

Die Zeit, in der man eine Diplomarbeit schreibt, ist nicht immer einfach. Mehrere Menschen haben mir emotionalen Rückhalt gegeben oder standen mir mit fachlichem Rat zur Seite. Ich möchte deshalb folgenden Personen meinen Dank aussprechen:

Danken möchte ich besonders Frau Annegret Dieterle für die Betreuung dieser Arbeit und ihr Interesse, das sie dem Thema entgegengebrachte.

Weiterhin danke ich allen vier ExpertInnen aus den unterschiedlichen Bereichen der sozialen Arbeit, mit denen ich ein Interview führen durfte. Durch ihre Vermittlung von praktischen und persönlichen Erfahrungen wurde für mich das komplexe Thema greifbar und ergänzte meinen theoretischen Hintergrund.

Ein großer Dank gilt den zwei Betroffenen, die mir ihr Vertrauen schenkten und Auskunft gaben über ein ganz persönliches Thema.

Für die Korrekturarbeiten möchte ich mich bei Steffi Schäfer und bei meinem Bruder Jörg sehr herzlich bedanken.

Einleitung

Das Thema „Selbstverletzendes Verhalten“ junger Menschen, insbesondere junger Frauen, rückte in den letzten Jahren durch die Medien immer stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Experten geben an, die Bedeutung der Selbstverletzung nehme zu. So geht man in Deutschland nach vorsichtiger Schätzung von bis zu 200.000 Menschen aus, die sich selbst Schaden zufügen. Die meisten davon sind Mädchen und Frauen im Alter von 16-30 Jahren (Langsdorff Art., 2001). Das „Selbstverletzende Verhalten“ hat inzwischen einen ähnlich hohen Stellenwert, wie ihn die Magersucht in den 70er und die Bulimie in den 80er Jahren erreicht haben. (Sachsse 1999, S.8)

„ Immer mehr junge Frauen leiden unter dem Zwang, sich selbst zu verletzen. Mit einem tiefen Schnitt ins Fleisch lindern sie ihre Seelenqualen. Doch jede Verwundung ist zugleich ein Schrei um Hilfe.“ (Hägele, 2001)

Die Artikel „Erst Musik, dann das Messer“, veröffentlicht in dem Magazin „Der Spiegel“ (Hägele, 2001), „Schnibbeln, um sich wieder zu spüren“ (Langsdorff, 2001) aus der Stuttgarter Zeitung, sowie „Messer in der Seele“ (Balthasar, 2001), publiziert in der Frankfurter Rundschau, zeigen deutlich die Aktualität und Brisanz von Selbst- verletzendem Verhalten. Selbst der Umfang der Literatur zu diesem Thema wurde im Laufe der letzten Jahre immer größer und vielfältiger, was aber dennoch nicht zu einem besseren Verständnis der Problematik führte, da sie sich meist auf eine rein pathologische Sichtweise beschränkt.

Die Idee zu dieser Arbeit ergab sich nach meinem ersten Praxissemester, das ich in einem Frauenzentrum absolvierte. Schwerpunkt meiner Tätigkeit war das Erlernen der Beratungstechnik für sexuell missbrauchte Frauen und die Begleitung von einer 14- tägig stattfindenden Selbsthilfegruppe mit gleicher Thematik. Des Weiteren gehörten zu meinen Aufgaben die Leitung des Mädchentreffs und die Verbreitung von Präventions- angeboten in Grundschulen gegen sexuellen Missbrauch. In diesen Bereichen, vor allem aber in den Beratungen und der Selbsthilfegruppe wurde ich mit diesem Thema konfrontiert. In den Gesprächen mit den Frauen und Mädchen zeigte sich mir immer wieder die doch weit verbreitete Symptomatik des Selbstverletzenden Verhaltens und der problemreiche Umgang mit diesem Thema. In weiteren Bereichen der sozialen Arbeit, wie zum Beispiel im Sozial-psychiatrischen Dienst und im Kinderschutzbund, ist mir dieses komplexe Thema „Selbstverletzung“ immer wieder in unterschiedlichen Variationen begegnet. Das „Selbstverletzende Verhalten“ junger Frauen taucht demnach in vielen Bereichen der sozialen Arbeit auf. Aus diesem Grund entschied ich mich zur intensiven Auseinandersetzung mit dieser Thematik.

Die vorliegende Diplomarbeit ist eine Annäherung an ein sehr komplexes Thema. Der Grundgedanke liegt einerseits darin, das Verständnis für Betroffene zu fördern, anderer- seits soll das teilweise noch vorherrschende Tabu und die einseitig pathologische Sichtweise abgebaut werden. In der Arbeit richtet sich der Fokus auf die Erklärungs- ansätze, die persönlichen Hintergründe und Entstehungszusammenhänge sowie die Funktion und die Dynamik von „Selbstverletzendem Verhalten“ junger Frauen. Ein weiterer Aspekt ist die Betrachtung der weiblichen Sozialisation sowie die Rolle des weiblichen Körpers vor allem in der Pubertät. Das „Selbstverletzende Verhalten“ stellt ein Handlungsfeld der sozialen Arbeit dar, in dem Potentiale für Interventionsmöglich- keiten zu finden sind.

Aus all diesen Zusammenhängen ergeben sich für die vorliegende Diplomarbeit folgende Fragestellungen:

- Welche Ursachen und Hintergründe gibt es für das „Selbstverletzende
Verhalten“ junger Frauen und wie groß sind deren Auswirkungen?
- Welche Funktion hat „die Selbstverletzung“ und wie kann dieses Verhalten erklärt werden?
- Welche Konsequenzen ergeben sich für das Handlungsfeld der sozialen Arbeit bezüglich des „Selbstverletzenden Verhaltens“ junger Frauen? Zur Aufarbeitung dieser Schwerpunkte und Fragestellungen hat die Arbeit folgende Gliederung:

Im ersten Kapitel werden zunächst die Termini „Autoaggression“ und „Selbst- verletzendes Verhalten“ definiert und bestimmt. Im Anschluss folgt eine Darstellung der Forschungsmethode.

Eine einleitende Übersicht über die verschiedenen Formen der Selbstschädigung wird in Kapitel zwei gegeben. Anschließend findet unter den Gesichtspunkten einer allgemeinen Standortbestimmung eine Abgrenzung zu den selbstschädigenden Formen des „Selbstverletzenden Verhaltens“ statt.

Kapitel drei beinhaltet Überschneidungsbereiche mit psychischen Krankheitsbildern. Hier nehme ich Abgrenzungen vor und zeige Zusammenhänge auf. Des Weiteren gibt das Kapitel einen kurzen Überblick über die Epidemiologie des „Selbstverletzenden Verhaltens“.

Mit den verschiedenen Ursachen und Hintergründen der Selbstverletzung befasst sich das vierte Kapitel ausführlich. Neben den gesellschaftlichen Faktoren und den familiäre Einflüssen werden traumatische Erfahrungen wie seelische und körperliche Misshand- lungen sowie sexueller Missbrauch zur Erforschung der Hintergründe in Betracht gezogen.

Das fünfte Kapitel zeigt Erklärungsansätze auf, die von biochemischen Vorgängen im Organismus über die psychoanalytische Sichtweise bis hin zur Verhaltensforschung reichen.

Welche Rolle die Bedeutung des Körpers spielt und welche Funktion das „Selbstverletzende Verhalten“ hat, wird in den Kapiteln sechs und sieben dargestellt.

Kapitel acht thematisiert den Zusammenhang zwischen Weiblichkeit und Selbstver- letzendem Verhalten. Erkenntnisse über den weiblichen Körper und die weibliche Sozialisation geben Aufschluss über die Bedeutung des Körpers bei „Selbstverletzen- dem Verhalten“.

Abschließend werden auf der Grundlage der Ausarbeitungen Möglichkeiten, Ansatzpunkte und Aufgaben der sozialen Arbeit im Zusammenhang mit dem „Selbstverletzenden Verhalten“ bei jungen Frauen in Kapitel neun aufgezeigt.

Um verschiedene Perspektiven bezüglich des „Selbstverletzenden Verhaltens“ junger Frauen berücksichtigen zu können, finden neben diverser Fachliteratur auch zwei weitere Quellen Verwendung:

Vier Interviews, die ich mit Experten und Expertinnen aus unterschiedlichen Bereichen der sozialen Arbeit geführt habe, fließen in die Diplomarbeit mit der Kennzeichnung „ExpertIn“ ein.

Frau P. (Dipl. Pädagogin), MädchenGesundheitsLaden.

Frau V. (Dipl. Sozialpädagogin), Frauenzentrum.

Frau Dr. S. (Oberärztin ), Erwachsenenpsychiatrie.

Herr I. (Dipl. Sozialarbeiter), Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Zwei Gespräche, die ich mit Betroffenen aus einer Selbsthilfegruppe für sexuell missbrauchte Frauen geführt habe, fließen ebenfalls mit der Kennzeichnung „Betroffene

(1)“ und „Betroffene (2)“ in die Arbeit mit ein.

1 Definition und Termini

In der Literatur kann bisher keine einheitliche Definition für „Selbstverletzendes Verhalten“ gefunden werden. Der Personenkreis „Frauen mit Selbstverletzendem Verhalten“ ist zu heterogen und zu komplex der Zustand, als dass man zu einer alles erfassenden Beschreibung kommen könnte. Es werden viele Synonyme gleichwertig oder parallel benutzt. Im Folgenden werden die zwei in Deutschland am häufigsten gebrauchten Termini „Autoaggression“ und „Selbstverletzendes Verhalten“ dargestellt.

1.1 Definition: „Autoaggression“ und „Selbstverletzendes Verhalten“

Die psychiatrische und psychologische Literatur verwendet folgende Begriffe: Selbstverletzendes Verhalten (Levenkron, Smith), (offenes) Selbstschädigendes Verhalten (Sachsse, Brezowsky), (offene) Selbstbeschädigung (Eckhardt), Selbstzerstörerisches Verhalten (Klosinski, Menninger), Selbstdestruktives Körperagieren (Hirsch), Selbstverstümmelung (Kaplan, Menninger); Autoaggressionen (Rohmann/Hartmann, Subkowski) und Autodestruktion (Battegay).

Folgende englische Fachbegriffe erweitern die begriffliche Vielfalt dieses Symptomkomplexes:

- local self-destruction,
- self-damaging behaviour,
- self-stimulatory,
- delicate self cutting etc.

Die Fülle der Termini resultiert aus den unterschiedlichen Ansichten der Experten, da jeder Autor „Selbstverletzendes Verhalten“ anders definiert und jede Begriffsbestimmung andere Aspekte beinhaltet.

Die im Folgenden exemplarisch aufgeführten Definitionen sollen die Verschiedenheit und Vielfalt deutlich machen.

„Autoaggression“:

Törne (1988) versteht unter dem Termini „Autoaggression“ das Resultat einer Kommunikationsstörung, durch die der Mensch sich einerseits mit der Umwelt auseinandersetzen und sich andererseits von ihr distanzieren und abgrenzen kann.

Nissen (1975) fasst sie als umgeleitete aggressive Akte auf. Es sind somit Aggressionen, die sich normalerweise auf den ursprünglichen Aggressor beziehungsweise den Urheber der Aggression beziehen. Laut Nissens Theorie identifizieren sich diese Personen mit dem Aggressor und lassen somit die Aggressionen gegen diesen nicht zu. (Teuber 2000, S.19)

Autoaggressionen sind Verhaltensweisen, die sich gegen den eigenen K ö rper richten, die meist stereotyp und meist mit hoher Geschwindigkeit ablaufen und dem eigenen K ö rper physische Sch ä digungen oder extreme Reizungen zuf ü gen, wobei, abh ä ngig vom beobachtbaren Grad der Erregung und Spannung, Qualit ä t und Intensit ä t in andersartig stereotype oder aggressive Verhaltensweisen ü bergehen. “

(Rohmann und Hartmann 1988, S.17)

„Autoaggression“ ist ein feststehender Begriff, bei dem der positive Einfluss wie z.B. Wunsch nach Körperwahrnehmung nicht in Betracht gezogen sowie den Funktionen und Hintergründen des Verhaltens wenig Beachtung geschenkt wird (Ebd. 1988, S.13).

Rohmann und Hartmann haben den Terminus „Autoaggression“ als Überbegriff bzw. als Sammelbecken für alle Formen der Selbstschädigung verwendet (1988, S.13). In den folgenden Jahren wurde der Terminus „Autoaggression“ in der Literatur immer mehr als Synonym und als Überbegriff für artifizielle Krankheit beziehungsweise für die heimliche Selbst(be)schädigung benutzt (Eckhardt 1994, S.41; Teuber 2000, S.15; Koch/Resch 2002, S.159-172).

„Selbstverletzendes Verhalten“:

Tade und Barhoff definieren den Begriff wie folgt:

„ Selbstverletzendes Verhalten impliziert weder einen Zerst ö rungsversuch noch unterstellt es Aggressionen. Der Begriff beschreibt einfach ein Verhalten, das eine psychische Verletzung des eigenen K ö rpers produziert. “ (zit. nach Rohmann und Elbing 1998, S.129)

„Selbstverletzendes Verhalten“ als Fachausdruck hat einen wertungsfreien beschreibenden Charakter, hingegen wird bei dem Terminus „Autoaggression“ die Handlung als destruktiv und aggressiv interpretiert und liefert dadurch einen Erklärungsversuch mit. (Hänsli 1996, S.17ff)

In der Zeitschrift „Therapiewoche Neurologie Psychiatrie“ stellt Scharfetter eine begriffliche Definition der Selbstschädigung dar, die zwar sehr eng aber ziemlich treffend das Phänomen beschreibt:

„ Als Selbstsch ä digung bezeichnet man die selbstzugef ü gte, eigenaktive, direkte und konkrete Besch ä digung, Verletzung, Deformation des eigenen K ö rpers und die Krank- heitsinduktion. Die Besch ä digung ist dabei nicht offenkundig und unmittelbar lebensbedrohlich und ist auch sozial-kulturell nicht akzeptiert. “ (Scharfetter 1992, S.763)

Scharfetter beschreibt in ihrer Definition das „Selbstverletzende Verhalten“ am präzisesten und infolgedessen wird ihre Begriffsbestimmung die Grundlage bilden für die am Ende des Kapitels dargestellte Definition.

Unter dem Terminus „Autoaggression“ wird der Schweregrad, die Komplexität und die Ernsthaftigkeit des „Selbstverletzenden Verhaltens“ deutlich. Aus diesem Grund wurde dieser Begriff in den Titel der Arbeit eingesetzt. Der Terminus „Selbstverletzung“ und „Selbstverletzendes Verhalten“ hingegen weist einen neutralen, beschreibenden Charakter auf und wird daher in der Diplomarbeit für die fortlaufenden Erklärungen und Beschreibungen des Symptoms verwendet.

Da der Fokus meiner Ausführungen speziell auf das „Selbstverletzende Verhalten“ bei Frauen gerichtet ist, wird meist die weibliche Form verwenden. Eine explizite Unterscheidung der Geschlechter erfolgt nur dann, wenn es die Argumentation erfordert. Selbstverständlich ist die männliche Form mit eingeschlossen.

1.2 Abgrenzung zu anderen Formen Selbstverletzenden Verhaltens

Die Begriffserklärung grenzt sich von dem „Selbstverletzenden Verhalten“ als Suizidversuch ab, da die Verletzungen nicht unmittelbar lebensbedrohlich sind.

„ Selbstverletzung ist kein erfolgloser Selbstmordversuch - es geht um Verletzung nicht um Sterben. Nur ein sehr geringer Prozentsatz der Menschen, die sich selbst verletzen, begehen sp ä ter tats ä chlich einen Selbstmord. Deshalb ist Selbstverletzung an und f ü r sich nur selten ein Hinweis auf eine Selbstt ö tungsabsicht “ (Smith/Cox/Saradjian 2000, S.22).

Suizid kann allenfalls absichtlich auf zu starke Verletzungen folgen. Die Betroffenen können eindeutig die Gefühle einer drohenden Selbstverletzung und einen Selbstmord auseinander halten. Für die Betroffenen ist das „Selbstverletzende Verhalten“ ein Ventil, eine schmerzhafte Art, um sich zurück ins Lebens zu holen. (Herpertz & Saß 1994, S.297)

Es findet eine weitere Abgrenzung Selbstverletzenden Verhaltens zu den sozialkulturell gebilligten Handlungen wie religiösen Ritualen und Initiationsriten statt, die in der Ethnologie ausführlich beschrieben werden.

Religiöse Rituale haben die Funktion Buße zu tun, um sich von jeglicher Schuld, bösen Gedanken, Taten, körperlichem Verlangen und schlechtem Gewissen zu befreien. Ziel dieser Selbstverletzenden Praktiken ist es, durch den Schmerz eine höhere Form des Daseins zu erlangen und auf diese Weise Gott näher zu kommen.

Die Initiationsriten sind Rituale, die den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter verdeutlichen. Sie haben verschiedene Funktionen wie Trennung von der Kindheit und Eingliederung in die Erwachsenenwelt, Vermittlung einer sexuellen Rollen- wie auch einer sozialen Gruppenidentität. (Menninger 1974, S. 277-291) Gesellschaftlich tolerierte selbstschädigende Praktiken indirekter Form wie zum Beispiel gesundheitsgefährdendes Ess-, Trink und Rauchverhalten sowie Risikosportarten schließt diese Definition nicht mit ein. (Scharfetter 1992, S.763)

In Kinder- und Jugendeinrichtungen von Heimen oder stationären Einrichtungen ist immer häufiger „Selbstverletzung“ als Teil von Gruppenritualen beziehungsweise nachahmendes Verhalten zu beobachten. Diese Tendenz wird im Verlauf der Arbeit nur kurz aufgegriffen aber nicht weiter ausgeführt, da diese von anderen Hintergründen begleitet wird und auch auf andere Ursprünge und Motivationen zurückzuführen ist.

„Selbstverletzendes Verhalten“ im Rahmen des Justizvollzugs und bei geistiger Behinderung wird der Vollständigkeit halber erwähnt. Dieses Spezialgebiet wird jedoch nicht näher erläutert, da dies sonst den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

1.3 Verwendeter Terminus

Die umgangssprachlichen Bezeichnungen wie „Ritzen“ oder „Schnippeln“ werden in der Arbeit keine Anwendung finden, da diese eine Verniedlichung oder Verharmlosung der Thematik darstellen. Die Bedeutung einer leichten sowie einer schweren Selbstverletzung ist als ein Eingriff am Körper zu sehen und daher ernst zu nehmen.

In der Fachliteratur stößt man gelegentlich auf den Begriff „die Selbstverletzerin“ oder „Selbstverstümmlerin“ (Kaplan, 1991). Dieser wird in der Arbeit keine Verwendung finden, da er die Frau auf ihr Verhalten begrenzt und festschreibt.

Sachsse gebraucht in seinen Büchern oftmals den Terminus „Selbstbeschädigung“, stellt jedoch fest, dass dieser auch als be- und verurteilende Konnotation gesehen werden kann. (Sachsse 1999, S.36)

Deshalb werden im Weiteren die Termini „Selbstverletzendes Verhalten“, und „Selbstverletzung“ verwendet, da sie neutrale Termini darstellen, ohne jegliche Wertung. Der Inhalt dieser Termini beruht auf der im Folgenden erstellten Definition von „Selbstverletzendem Verhalten“:

Selbstverletzendes Verhalten liegt vor, wenn sich Betroffene eigenaktive, direkt, bewusst oder unbewusst, wiederholte Verletzungen am eigenen K ö rper, mit Gegenst ä nden wie Rasierklingen, Scherben, Messern, Zigarettenglut oder Flammen eines Feuerzeugs, zuf ü gen. Die Verletzungen haben keine intendierten suizidalen Wirkungen und z ä hlen nicht zu den sozial-kulturell sanktionierten Handlungen.

Im nächsten Abschnitt wird die Forschungsmethode meiner sechs Interviews dargelegt, da ab jetzt Interviewzitate und -inhalte als Bestandteil der Ausarbeitungen eingefügt werden.

1.4 Forschungsteil

Um den theoretischen Teil meiner Arbeit praxisnah darstellen zu können, führte ich vier Experteninterviews mit Fachkräften aus verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit. Dabei wählte ich bewusst bezüglich der Thematik des „Selbstverletzenden Verhaltens“ bei jungen Frauen folgende soziale Einrichtungen: Erwachsenenpsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Frauenzentrum und MädchenGesundheitsLaden. Für mich war es wichtig, nicht nur den Standpunkt der Autoren und die Aussagen der Experten auf diesem Gebiet aufzuzeigen, sondern die Sichtweise von betroffenen Frauen mit einzubeziehen. Aus diesem Grund habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, zwei Interviews mit Frauen zu führen, die sich selbst verletzen. Hilfreich war mir dabei mein erstes Praxissemester im Frauenzentrum. In dieser Einrichtung begleitete ich im Rahmen einer Selbsthilfegruppe sexuell missbrauchte Frauen. Zwei von ihnen erklärten sich bereit, mit mir ein Interview zu führen. Die Bereitwilligkeit und Offenheit der Frauen mir gegenüber basierte auf dem gegenseitigen Vertrauen, welches sich während meines Praktikums entwickelt hatte. Dieses Zusammenspiel zwischen Theorie in Form von Fachliteratur, den Expertenaussagen verschiedener Einrichtungen sowie der ganz individuellen Sichtweise von Betroffenen stellt das komplexe Thema plastisch dar.

Für die Befragungen wählte ich die Technik des Leitfadeninterviews. Wichtig sind hierbei klare vorformulierte Fragen oder Themen und eine in sich schlüssige Glie- derung. Nicht gegliederte Interviews können dazu führen, dass Interviewer und Befragte das Ziel aus den Augen verlieren. Der Leitfaden dient dem Zweck, dass im Interview möglichst alle relevanten Aspekte und Themen angesprochen werden. Die Reihenfolge und auch die Formulierung der Fragen sollte dem Erzählfluss angepasst werden. Ich entwickelte einen Fragebogen entsprechend der theoretischen Grundkonzeption meiner Diplomarbeit. Die Interviews basieren nicht auf einem vorgegebenen Fragebogen, sondern wurden lediglich durch die Zielvorgabe des Gesprächs bestimmt. Mein Ziel bestand darin, praxisnahe soziale Sachverhalte und Informationen von Experten und betroffenen Frauen über das Thema „Selbstverletzung“ zu erhalten. In der Regel sind Leitfadeninterviews wenig strukturiert bis teilstrukturiert. Der Charakter eines der- artigen Interviews entspricht einem Alltagsgespräch, was eine vertraute Atmosphäre herstellt. (Friebertshäuser/Prengel 1997, S 375-379) Je offener und freier das Gespräch verläuft, um so mehr Spontaneität ist zu verwarten. Diese Gesprächsform ermöglicht es, bei Befragten eine Erzählung anzuregen. Die Aufzeichnung der Interviews kann durch Tonbänder oder in Form von Protokollen erfolgen. Zwei meiner ExpertInnen und die beiden betroffenen Frauen waren gegen eine Tonbandaufzeichnung, weshalb ich während des Gesprächs stichpunktartig protokollierte. Um Interpretationsfehler zu vermeiden, ließ ich die InterviewpartnerInnen das fertig geschriebene Protokoll lesen und bestätigen. Die anderen beiden Gespräche nahm ich auf Tonband auf, transkribierte diese und kürzte Wiederholungen und Füllwörter heraus.

Es soll im Verlauf der Arbeit geprüft werden, ob die Lehrmeinungen mit der Praxis bzw. mit den Aussagen der ExpertInnen übereinstimmen oder voneinander abweichen. Einige Antworten der Experten und der Betroffenen, in ihren unterschiedlichen Sichtweisen, fließen ohne Bewertung und Stellungnahme an geeigneter Stelle in die Ausarbeitungen mit ein. Am Ende folgt ein kurze Auswertung dieser Forschungsaufgabe die mit in den Schlussteil eingebracht wird.

Nachfolgend wird die alltägliche, gesellschaftlich akzeptierte Form der Selbstschädigung und die krankhafte Form dargestellt, mit dem Hinweis, dass die Grenzen zwischen diesen Formen fließend sind. (Eckhardt 1994, S.13).

2 Formen der Selbstschädigung

Dieses Kapitel soll verschiedene Möglichkeiten von Selbstverletzendem Verhalten aufzeigen. Die Formen der Selbstverletzung treten unter sehr unterschiedlichen Umständen, Bedingungen und Motivationen auf. Diese Formen weisen ein große Vielfalt auf. Sie gehen von gesellschaftlichen Konventionen über religiöses Zeremoniell bis hin zu artifiziellen Störungen. Nach der Darstellung der „alltäglichen“ Formen der Selbstschädigung wird ansatzweise auf die zwei Hauptgruppen der Selbstverletzung eingegangen: die offene und die heimliche Selbstschädigung. Ziel, ist es, die Unterschiede und die wesentlichen Aspekte der zwei Hauptgruppen heraus zu arbeiten, jedoch auf die Hintergründe, Ursachen und Erklärungen wird nicht näher eingegangen, da dies nicht Hauptthema der Arbeit ist.

2.1 „Alltägliche“ Formen der Selbst(be)schädigung

Alltägliche Selbstschädigungen können kulturell gebilligte oder gesellschaftlich erwünschte Verhaltensweisen sein, die meist unbewusst und in indirekter Form geschehen.

Zu den gesellschaftlich erwünschten und akzeptierten Schädigungen des Körpers zählen das Enthaaren, Schönheitsoperationen wie Fettabsaugen, Piercing, Tätowieren und das Bräunen der Haut. Dies sind Handlungen, die ganz bewusst durchgeführt werden, um den Körper zu reparieren und zu verschönern. Kaplan erweitert das Spektrum und zählt zu den alltäglichen Handlungen das Schneiden von Fingernägeln und Nagelhaut, das Gesichtspeeling, Abmagerungskuren und das Herausschneiden von Knochengewebe. Sie stellt sich die Frage, ob dieses nicht mit Selbstverstümmelung eines Körpers oder sogar mit Perversion gleichzusetzen ist. (Smith/Cox/Saradjian 2000, S.15, Kaplan 1991, S.391, Menninger 1974, S, 308-316)

Es sind vor allem Mädchen und erwachsene Frauen, die diesen Verhaltensweisen nachkommen, sich dem Druck der Gesellschaft beugen und einem Schönheitsideal nacheifern.

Eine weitere gesellschaftlich sanktionierte Form der alltäglichen Selbstverletzung sind Extremsportarten wie Triathlon, Bungeejumping oder aggressive Sexualpraktiken. Es werden dabei Grenzen spürbar, was beinhaltet, dass körperliche Schäden in Kauf genommen werden. (Koch / Resch 2002, S.159)

„ Bereits zwanghaft ü bertriebene sportliche Aktivit ä ten k ö nnen die Funktion haben, dem Ich mit der extremen Beherrschung des K ö rpers ein Machtgef ü hl wie ü ber ein Objekt zu verschaffen, wodurch drohende Zust ä nde von Schw ä che oder gar Aufl ö sung des Selbst kompensiert werden. “ (Hirsch 2000, S. 9)

Diese Handlungen haben nicht immer sofort eine schädigende Auswirkung zur Folge, sondern sie können zu einem späteren Zeitraum oder gar durch Umwege in Erscheinung treten. Bei der indirekten Form der Selbstschädigung werden das Rauchen, Selbstver- nachlässigung, sowie alle Formen von Süchten inklusive der Essstörungen dazugezählt. (Eckhardt 1994, S. 13)

Die Beweggründe für das alltägliche Selbstverletzende Verhalten sind bei jedem Einzelnen von unterschiedlicher Natur. Die Bedeutung der indirekten Verletzungsakte kann von Gruppenzugehörigkeitsgefühl, über die Suche nach Identität und spürbaren Grenzen bis hin zu Entspannung und Abreaktion von Alltagskonflikten sein. (Koch/Resch 2002, S.159)

Der Unterschied zur Selbstschädigung als Krankheit besteht darin, dass der Selbstverletzende Akt alleine durchgeführt wird und unmittelbar und eindeutig zur Verletzung führt. (Smith/Cox/Saradjian 2000, S 16)

Das abnormale Handeln aus starken Emotionen oder erdrückenden Situationen heraus ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit, Not und Leiden. Beide Verhaltensweisen erfüllen den Zweck, eine Störung zu beseitigen und eine Ordnung aufrecht zu erhalten. (Hänsli 1996, S.56/57). Eine klare Trennung von normalem und abnormalem Verhalten ist nicht möglich.

2.2 Heimliche Selbst(be)schädigung

In der Fachsprache wird die heimliche Selbstschädigung oft auch als Überbegriff und als Synonym für artifizielle Krankheit verwendet. Diese Art der Selbstschädigung ist gekennzeichnet durch „ das aktive Erzeugen von k ö rperlichen St ö rungen auf allen medizinischen Fachgebieten. Das hei ß t, nahezu jedes Krankheitsbild kann auch artifiziell verursacht werden “ (Schmeißer 2000, S.24).

Von den Betroffenen werden die seelischen und/oder körperlichen Krankheitssymptome absichtlich, aber nicht freiwillig vorgetäuscht. Das bedeutet, dass das Erzeugen von Krankheitsbildern von einem unbewussten Impuls hervorgerufen wird. Diese Verhaltensweisen sind für die Betroffenen nicht willentlich kontrollierbar und nicht nachvollziehbar. (Hänsli 1996, S.56/57).

Durch das Vortäuschen ist es den Betroffenen möglich, die Patientenrolle einzunehmen und sich in Krankenhäuser einweisen zu lassen (Eckhard 1994, S.45). Es können Krankheitssymptome sein, die sich in einer Vielzahl von Krankheitsbildern äußern und die alle Körperteile und -organe betreffen. Besonders beliebt ist die Manipulation des Magen-Darm-Trakts, bei der es zu Durchfällen oder Darmverschlüssen kommt. Die von der Thematik Betroffenen spritzen sich toxische Substanzen, rufen Blutarmut durch Eigenblutabnahme hervor und verhindern die Wundheilung, um nur einige Selbstmanipulationen zu nennen (Schmeißer 2000, S.23ff). Durch die vorgetäuschten Symptome und selbst hervorgerufenen Beschwerden dauert es oft lange, bis eine richtige Diagnose gestellt werden kann. Im weiteren besteht die Schwierigkeit die Betroffenen in eine psychotherapeutische Behandlung zu bekommen, da sie die Selbstschädigung verleugnen und fest davon überzeugt sind, eine körperliche Krankheit zu haben.

Interessant ist, dass 80% der Betroffenen Frauen sind und ein Drittel von ihnen einen medizinischen Beruf erlernt haben (Eckhard 1994, S.45ff).

2.3 Münchhausen-Syndrom

Das Münchhausen-Syndrom wird auch als chronisch-artifizielle Erkrankung bezeichnet. Auch hier steht das Erfinden, Erzeugen und Verschlimmern von Krankheitssymptomen im Vordergrund, um einen Klinikaufenthalt hervorzurufen. Das Krankheitsbild ist dadurch geprägt, das die Betroffenen hochstaplerische Geschichten erzählen und Erklärungen mit falschem Namen, Biographien und Krankheitsverläufen abgeben. Das brachte dieser Erkrankung den Namen des Lügenbarons Münchhausen ein. Ein häufiger Wechsel der Hospitäler und das Mitführen einer Liste mit bekannten Ärzten sind weitere Charakteristika der betroffenen Personen (Hänsli 1996, S.35f).

Die Betroffenen lassen alle Eingriffe und Untersuchungen mit sich geschehen:

„ Sie sind gleichsam ideale Patienten und idealisieren ihre Ä rzte, bis dann Zweifel an der Echtheit ihrer Krankheit aufkommen, welche einen Umschwung der Beziehung bewirken (...), mit heftigen aggressiven Beziehungsspannungen und abruptem Beziehungsabbruch “ (Plaßmann 2000, S. 122).

Die ständige Reise in verschiedene Kliniken und der fehlende Leidensdruck erschwert die Behandlung der Menschen und bringt eine Entwurzelung im Beruf und einen Abbruch der sozialen Kontakte mit sich. Bei dem Münchhausen- Syndrom ist der Männeranteil doppelt so hoch wie der Anteil der betroffenen Frauen (Eckhard 1994, S. 62ff). Diesem Erscheinungsbild liegt eine Persönlichkeitsstruktur „ mit starker St ö rung des Selbstwertgef ü hls und oft daraus folgend einem stark ü berh ö hten Ich-Ideal (vor). Dies f ü hrt zur Verleugnung der wahren und zur Schaffung einer neuen Identit ä t. “

(Schmeißer 2000, S.28). Durch die Identität „Patient“ können sie Bewunderung und Zuwendung durch das medizinische Personal erlangen, wodurch gleichzeitig das labile Selbstwertgefühl stabilisiert wird.

2.4 Münchhausen by Proxy-Syndrom

Bei diesem seltenen Krankheitsbild handelt es sich um Mütter, die Krankheitssymptome an ihren Kindern vortäuschen, künstlich erzeugen oder vorhandene Krankheits- symptome verschlimmern. Die bekannten Erscheinungsformen sind zum Beispiel künstlich erzeugter Durchfall, heimliche Vergiftungen, oder sie täuschen neurologische Erkrankungen vor. Sie versuchen auf diese Weise einen Krankenhausaufenthalt für ihre Kinder zu bewirken. Für diese können die elterlichen Eingriffe und die ärztlichen Maßnahmen körperliche Schäden sowie psychische Störungen zur Folge haben. Im ICD 10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen) ist das Münchhausen by Proxy-Syndrom als eine Sonderform der Kindesmisshandlung aufgeführt. Die Kinder tragen das Symptom stellvertretend (by proxy) für die Mütter, die die eigentlichen Patientinnen wären, aus. Durch verschiedene Methoden und Verhaltensweisen versuchen die Frauen über ihre Kinder, in der Klinik die eigenen Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Zuwendung zu befriedigen (Ebd., S. 29ff).

Die Väter spielen bei dem Vorgehen in der Familie eher eine passive und tolerante Rolle. Auch hier finden die Handlungen der Eltern unbewusst statt, die krankhaften Taten sind daher nicht willentlich herbeigeführt. Ergänzend ist zu erwähnen, dass dieses Symptom auch bei Erwachsenen auftritt. Es werden bei nahe stehenden erwachsenen Personen beispielsweise heimlich pharmazeutische Mittel verabreicht, um Krankheitssymptome hervorzurufen (Hänsli 1996, S.38).

Die Hintergründe des Verhaltens sind im psychischen Bereich einzuordnen, die jedoch nicht näher erläutert werden.

Im Folgenden wird auf die Überschneidungsbereiche mit der offenen Selbstverletzung eingegangen.

2.5 Offene Selbst(be)schädigung

Als offene Selbstverletzung bezeichnet man das sich Zufügen von körperlichen Verletzungen, bei der keine bewusste suizidale Intention vorliegt (Eckhard 1994, S. 42; Herpertz und Saß 1994, S. 297).

Von einer offenen Selbstschädigung wird gesprochen, wenn der Patient die schädigende Handlung vor Zeugen vornimmt oder im Verlauf der Erstversorgung oder auch während der ersten psychosomatischen Consiliaruntersuchung die Verursachung aufklärt. Es wird innerhalb der offenen Selbstverletzung zwischen einer leichten und einer schweren Form von „Selbstverletzendem Verhalten“ unterschieden, wobei auch hier die Grenzen fließend sind.

Unter das leichte Selbstverletzende Verhalten kann man eines der häufigsten Verletzungsmethoden, nämlich das Schneiden an der Hautoberfläche, zählen. Betroffene selbst nennen ihr Handeln auch „Ritzen“ und „Schnippeln“. Meistens werden Rasierklingen, Glasscherben, Messer oder Scheren zur Durchführung der Selbstverletzung benutzt.

Formen der schweren Selbstverletzung sind durch Verbrennen, Verbrühen, Aufkratzen der oberflächlichen Haut, Bisswunden sowie durch Manipulation von Wunden gekennzeichnet, welche dann eine chirurgische Wundversorgung nötig machen. Unter diese Form werden sogar Aktivitäten wie etwa Abtrennung von Gliedmaßen, Kastration und Bloßlegung von Knochen gefasst (Koch / Resch 2002, S. 161; Schmeißer 2000, S. 20 ff). Die Schwere des Selbstverletzenden Verhaltens steht eng in Verbindung mit der Schwere der Störung (Sachsse 1999, S.35).

Ergebnis der Experten- und Betroffenenbefragung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Die häufigsten Arten von Selbstverletzung der im Rahmen dieser Arbeit untersuchten sozialen Einrichtungen (vgl. Anhang)

Ein weiterer zu beobachtender Aspekt bei dieser Form von Selbstverletzendem Verhalten betrifft die verletzten Körperteile. So werden bestimmte Körperteile häufiger verletzt als andere. Aus einer 1989 veröffentlichten, an 240 betroffenen Frauen durchge- führten Studie stammen folgende Angaben (Smith/Cox/Saradjian 2000, S.18):

Arme (speziell Handgelenke) 74%

Beine 44%

Bauch 25%

Kopf 23%

Brust (es wurde zwischen Brustkorb und Busen unterschieden) 18%

Genitalbereich 8%

Zwar zeigen andere Untersuchungen ähnliche Verletzungsschemata, Gespräche mit betroffenen Frauen zeigen aber, dass ein größerer Prozentsatz diejenigen Körperteile verletzen, die mit weiblicher Identität zu tun haben (Busen und Genitalbereich). Dieses Ergebnis mag damit zusammenhängen, dass sexuell missbrauchte Frauen durch ihre Erfahrungen diese Körperteile zu hassen gelernt haben. Frauen verstehen darunter auch eine Möglichkeit, „ den fr ü her dort erlebten k ö rperlichen Schmerz auszudr ü cken “ (Ebd. S.18).

Eine Bestätigung dieser Untersuchung geht aus den zwei Interviews der Betroffenen hervor. Betroffene (1) schneidet sich an Brust und Arm, Betroffene (2) verletzt sich am Arm und an der Schenkelinnenseite. Beide sind sexuell mißbraucht worden. (S.27, Anhang).

Im Gegensatz zu den artifiziellen Formen wissen und bestätigen die Betroffenen offener Selbstschädigung, dass sie sich selbst verletzt haben. Früher war man der Ansicht, dass die heimliche und offene Selbstverletzung auf verschiedenen psychodynamischen Prozessen basieren, jetzt ist man jedoch auf dem Stand, dass die Grenzen fließend sind (Sachsse 1999, S.36).

Die Abgrenzung zwischen dem Suizid beziehungsweise Suizidversuch und dem Selbstverletzenden Verhalten besteht darin, dass zum Beispiel das Schneiden an Handgelenken kein Suizidversuch, sondern eine lebenserhaltende Maßnahme ist. Das Selbstverletzende Verhalten dient oft dazu, bedrohliche, nicht aushaltbare Situationen zu überwinden und wieder die Kontrolle über sich selbst zu erlangen. Ein weiterer motivierender Faktor ist das Bedürfnis, sich selbst zu spüren, um befürchtete ängstigende Zustände abzuwehren und sich in der Realität des Lebens zu halten. So handelt es sich eher um eine Art Lebensäußerung, die zwar ein gewisses Risiko birgt, mit dem aber die Frauen in der Regel verantwortungsbewusst umgehen.

Der Unterschied zur alltäglichen Selbstschädigung ist, dass die Schädigung nicht vorsätzlich ist und die Auswirkungen erst später auftreten. Die Betroffenen empfinden die alltägliche Selbstschädigung wie Piercing oder Härchen ausreißen als schmerzhaft und unangenehm. Diejenigen jedoch, die sich selbst verletzen, richten ihr Handeln nicht nach Modeerscheinungen oder nach Schönheitsidealen, sondern ihr Zustand ist geprägt von einer emotionalen und sensorischen Empfindungslosigkeit (Bovensiepen 2002, S.60).

Dass diese vielfältigen, auf verschiedene Art und Weise in Erscheinung tretenden Formen der Selbstschädigung oft nicht oder nur schwer einer bestimmten Handlungskategorie zuzuordnen sind, wird im anschließenden dritten Kapitel dargelegt.

3 Überschneidungsbereiche bei Selbstverletzendem Verhalten

Das Selbstverletzende Verhalten ist niemals isoliert als bloße Hautschädigung zu sehen, sondern steht immer in Verbindung mit anderen Störungen und selbstschädigenden Verhaltensweisen (Sachsse 1999, S.7). So sind die Abgrenzungen beziehungsweise Überschneidungsbereiche zu anderen Störungen und Diagnosen, die im Folgenden beschrieben werden, nicht eindeutig möglich. Bei den Experten herrscht vor allem im psychiatrischen Bereich kein eindeutiger Konsens.

3.1 Selbstverletzendes Verhalten im Rahmen des Borderline- Syndroms

Das Borderline-Syndrom gehört zu der Gruppe der Persönlichkeitsstörungen. Selbstver- letzendes Verhalten wird nicht als eigene, anerkannte psychische Störung, sondern nur als ein Merkmal anderer Störungen gesehen (Schmeißer 2000, S.19, Levenkron 2001, S.24). Grundsätzlich kann Selbstverletzendes Verhalten bei der diagnostischen psychia- trischen Zuordnung ein Begleitsymptom einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder auch einer Borderline-Persönlichkeits- störung sein, so dass die Borderline-Symptomatik inzwischen auch als Traumafolge verstanden werden kann (Sachsse 1999, S.36ff; S.54ff). Betroffene leiden nicht dauer- haft sondern phasenweise, vor allem in Krisenzeiten, an einer Borderlinestörung (Sachsse 1999, S.55). Selbstverletzendes Verhalten wird auch als eine Untergruppe des Borderline-Syndroms verstanden. Der Terminus „Borderline“ bezeichnet eine unscharfe und fluktuierende „Grenzlinie“, die einen Zwischenbereich zwischen psychotischen und neurotischen Erkrankungen beschreibt. Dieses fluktuierende unklare oder nicht vorhandene Grenze zieht sich durch das ganze Leben dieser Menschen (Herpertz & Saß 2003, S.84).

In einem Überblick werden die DSM-IV festgelegten Kriterien, welche eine Diagnose „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ rechtfertigen, dargestellt. Es liegt mit großer Wahrscheinlichkeit eine Borderline-Störung vor, wenn ein Mensch unter mindestens fünf der folgenden neun Symptome leidet.

Diagnostische Kriterien nach DSM-IV

(mindestens 5 Kriterien müssen erfüllt sein)

1. Verzweifeltes Bemühen, reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern.

2. Ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen.

3. Identitätsstörungen: Eine ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selbst.

4. Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Bereichen (zum Beispiel Geldausgaben, Sex, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Fressanfälle).

5. Wiederkehrende Suiziddrohungen, -andeutungen oder -versuche oder Selbst- schädigendes Verhalten.

6. Affektive Instabilität, die durch eine ausgeprägte Orientierung an der aktuellen Stimmung gekennzeichnet ist ( etwa starke episodische Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder Angst ).

7. Chronisches Gefühl der Leere.

8. Unangemessene starke Wut oder Schwierigkeiten, Wut oder Ärger zu kontrollieren (zum Beispiel häufige Wutausbrüche, andauernder Ärger, wiederholte Prügeleien).

9. Vorübergehende stressabhängige paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome (DSM IV 1998, S.739).

Im Rahmen der Borderline-Persönlichkeitsstörung gehört das Selbstverletzende Verhalten zum Kriterium 5 nach dem DSM-IV. Das Kriterium 4 nach DSM-IV trifft auch teilweise zu, denn Kennzeichen impulsiver Verhaltensweisen können sich in Fressanfällen, Diebstahl und Glückspielen und so weiter äußern (Smith/Cox/Saradjian 2000, S.39). Im Zentrum der Borderline-Problematik sehen die meisten eine Störung der Affektregelung im Sinne einer „erhöhten Reagibilität“1. Diese ist gekennzeichnet nach Herpertz & Saß durch die niedrige Reizschwelle für interne und externe emotions- induzierte Ereignisse, durch ein hohes Erregungsniveau und verzögerte Rückbildung auf das emotionale Ausgangsniveau. Die unterschiedlichen Emotionen werden von den Betroffenen oft nicht differenziert wahrgenommen. „ Die negativen Stimmungsauslen- kungen und die daraus folgenden aversiven Spannungszust ä nde stehen in einem engen Zusammenhang mit den f ü r den Borderline-Patienten typischen selbstsch ä digenden Verhaltensweisen “ (Herpertz & Saß 2003, S.87). Sie dienen zur Linderung des Spannungszustandes und der Vermeidung von quälenden negativen Gefühlen. Körper- wahrnehmungsstörungen, Hypalgesien2 und somatoforme dissoziative Phänomene3 werden im Zusammenhang mit der Wahrnehmung von Spannung und Erregung be- schrieben.

Der Symptomkomplex zeichnet sich aus durch „ Impulsivit ä t, affektive Instabilit ä t in der Beziehungsgestaltung und Identit ä tsst ö rung. Zus ä tzlich sind noch dissoziative Erlebnisweisen zu nennen, die bei einer Subgruppe von Patienten klinisch sogar im Vordergrund stehen “ (Herpertz u. Saß 20003, S.84).

So können bei Betroffenen interpersonelle Krisen (etwa Angst um Partnerverlust) zur Zunahme der inneren Spannung und zu einem Leeregefühl bis hin zur Wut führen. Um einer drohenden Persönlichkeitsspaltung entgegen zu wirken, wenden sie (zum Beispiel häufig aus Angst, um die betreffende Beziehung zu zerstören) das aggressive Potential gegen sich selbst. Um einer drohenden persönlichen Desintegration4 entgegenzuwirken, fügen sie sich in einem vorübergehenden, tranceähnlichen Zustand mit reduziertem Schmerzempfinden oft Verletzungen zu. Aus diesem Bewusstseinszustand zurück- kehrend, spüren sie durch den einsetzenden Schmerz wieder ihren Körper und erlangen anschließend einen spannungsfreien inneren Zustand. Die Ursachen dieses Verhaltens liegen in der seit Kindheit geprägten Persönlichkeitsstruktur.

Es gibt gemeinsame Charakteristika zwischen Selbstverletzenden Verhaltensweisen und Borderline-Typus. Dazu zählen zusätzliches Leiden an Depressionen und Essstörungen. Ein weiteres Merkmal ist die Grenzstörung. Das heißt, sie kennen keine Ich-Grenze und um die Grenze zwischen dem Ich und der Welt zu definieren und körperlich spürbar zu machen, fügen sie sich durch Selbstverletzung Schmerzen zu.

Beide Formen sind meist darauf zurückzuführen, dass die betroffenen Frauen in der Kindheit und Jugend eine schwere Traumatisierungen, wie schwerwiegende Vernachlässigung, sexuelle Missbrauchs- und elterliche Gewalterfahrungen erlebt haben.

Resch und Koch fanden in ihrer Untersuchung an 161 jugendlichen Patienten heraus, dass 69 % der SelbstverletzungspatientInnen auch eine Borderline-Persönlichkeits- störung haben (Resch/Koch 2002, S.164).

Eine diagnostische Einordnung ist häufig zeitaufwendig und schwierig. Der Versuch, Selbstverletzung zu verstehen, ist ein komplexes und emotionales Feld. Diese Kom- plexität und Emotionalität zu beachten, ist jedoch der Schlüssel, um mit Frauen, die Selbstverletzendes Verhalten aufweisen, umzugehen. Aus ärztlicher und therapeutischer Sicht werden Frauen, die sich selbst verletzen, oft als „krank“ bezeichnet oder be- kommen zu schnell die Diagnose Borderline-Störung auferlegt. Hierfür gibt es Medikamente, die beim Umgang mit Gefühlen und Spannungszuständen unterstützend wirken. Persönlichkeitsstörungen können jedoch nicht grundsätzlich auf medikamen- tösem Weg behandelt werden, weshalb die Psychiater oftmals diese Frauen als un- heilbar einstufen. Die Betroffenen fühlen sich dadurch etikettiert, isoliert und un- verstanden, was ihre Hilflosigkeit noch verstärkt (Smith/Cox/Saradjian 2000, S.40).

Dagegen wissen Therapeuten, die mit in der Kindheit traumatisierten Patienten gearbeitet haben, dass die Persönlichkeitsstörung eine ganz normale und voraussehbare Reaktion auf ein Trauma (wie sexueller Missbrauch) sein kann und dieses verstanden, akzeptiert und aufgearbeitet werden muss. Dadurch wird deutlich, dass das Wiedererlangen von psychischer Gesundheit vor allem auf Beziehungsarbeit und weniger auf biologischen und medizinischen Behandlungsmöglichkeiten basiert.

In der weiteren Arbeit wird die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht mit einbezogen, da das Selbstverletzende Verhalten nicht einer bestimmten Diagnose wie derzeit der Borderline-Persönlichkeitsstörung zuordenbar ist (Herpertz u. Saß 1994, S.300f).

3.2 Selbstverletzendes Verhalten im Rahmen von Essstörungen

Unter dem Begriff „Essstörungen“ werden in der Regel drei Erscheinungsformen zusammengefasst: Essgestörte essen entweder zuviel (Adipositas), verweigern die Nahrungsaufnahme gänzlich (Anorexia nervosa) oder sie nehmen große Mengen an Nahrung zu sich und erbrechen diese kurze Zeit später (Bulimia nervosa) (Gerlinghoff/Backmund 2000, S. 14-18).

Von Essstörungen spricht man in den Fällen, in denen das Essen wie zu einer Sucht wird. Durch die Vermeidung oder Aufnahme von Nahrung werden innere Spannungs- zustände abgebaut, die auf andere Weise kein Ventil finden. (Langsdorff 1996, S. 65- 75)

Frauen, die sich selbst verletzen, haben schwerwiegende Störungen des eigenen Körperbildes. Dies ist empirisch belegt und zeigt, dass das häufige Vorkommen des Selbstverletzenden Verhaltens in Verbindung mit der Ausprägung der Störung des Körperbildes steht (Sachsse 1999, S.37).

Bei psychiatrischen Patienten beläuft sich der Anteil an Selbstverletzung auf über 4%; untersucht man diese genauer, fällt auf, dass speziell bei Essstörungen (25-40%) Häufungen des Selbstverletzenden Verhaltens auftreten (Resch 2001, S.100).

Die große Gemeinsamkeit bei Essstörungen und Selbstverletzendem Verhalten ist die Manipulation des eigenen Körpers. Der Konflikt mit der Um- und Außenwelt wird auf den Körper verlagert und dort ausgetragen. Dem inneren Druck wird ein „globales Ventil“ verschafft (Eckhardt 1994, S.216; Sachsse 1999, S.57f), ohne die Wünsche, Be- dürfnisse und Forderungen an die betreffenden Mitmenschen ausgesprochen oder nach „außen“ gerichtet zu haben. Bei Essgestörten sowie bei Frauen die sich selbst verletzen, wird dieses Verhalten als ein Bewältigungsmechanismus für schwerwiegende Probleme wie etwa Trauerfälle, Scheidung oder Missbrauch angesehen, die andernfalls das Individuum überwältigen würden.

Selbstverletzendes Verhalten bei Frauen und Essstörungen treten oftmals zusammen auf oder die Symptome können sich auch gegenseitig abwechseln.

[...]


1 Das heißt Borderliner „reagieren bereits auf schwach ausgebildete, emotional relevante Stimuli mit intensiven, rasch aufschießenden Affektregelungen.“ (Herpetz u. Saß 2003, S.87)

2 Schmerzunempfindlichkeit

3 Veränderung der Optik, des Geruchs und der Akustik sowie Kinästhesie

4 Spaltung des Ganzen in seine Teile

Details

Seiten
124
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638220002
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17415
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg) – Sozialarbeit
Note
1,3
Schlagworte
Autoaggression Frauen Hintergründe Auswirkungen

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Titel: Autoaggression bei Frauen - Hintergründe und ihre Auswirkungen