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Die Institutionalisierung des Kursächsischen Ingenieurkorps u.b.B. der Auswirkungen des Großen Nordischen Krieges

Bachelorarbeit 2010 49 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
a. Herleitung des Themas
b. Forschungs-/Literaturbericht
c. Definitionen

2. Ingenieure vor dem Nordischen Krieg
a. Numerische Entwicklung
b. Ausbildung und Festungsbau
c. Organisation
d. Einsatz

3. Ingenieureinsatz im Nordischen Krieg
a. Riga 1700
b. Thorn 1703
c. Stralsund 1715

4. Aufstellung eines Korps und Heeresreform 1730-33
a. Numerische Entwicklung
b. Ausbildung und Festungsbau
c. Organisation
d. Einsatz

5. Vergleich mit anderen Staaten
a. Frankreich
i. Entwicklung
ii. Ausbildung/Professionalisierung
iii. Organisation
b. Brandenburg-Preußen
i. Entwicklung
ii. Ausbildung/Professionalisierung
iii. Organisation

6. Zusammenführung der Ergebnisse/Fazit

7. Literatur/Quellen

1. Einleitung

a. Herleitung des Themas

Das späte 17. und frühe 18. Jahrhundert sahen einen tiefgreifenden Umschwung in nahezu allen Bereichen des Militärs. An die Stelle wuchtiger Trutzburgen traten flache, mit geometrischer Exaktheit geplante, Festungen. Der Söldner musste dem „miles perpetuus“ (Soldat eines stehenden Heeres) weichen. Die Artillerie entwickelte sich von einer Waffe, die hauptsächlich Angst verbreiten sollte, aber wenig Wirkung „im Ziel“ hatte, zu einer schlagkräftigen Waffengattung. Der Aufbau einer „[…] große[n] Anzahl der Befestigungen veränderte ohne Frage das Verhältnis der Belagerungen zu den Schlachten erheblich“.1 Obwohl einem späteren Zeitalter zuzuordnen sollte in diesem Atemzug Clausewitz zitiert werden: „Eine Festung, die eine wirkliche Belagerung veranlaßt und aushält, drückt natürlich mit einem stärkeren Gewicht auf die Waagschale des Krieges als eine, welche durch ihre Werke bloß den Gedanken einer Wegnahme dieses Punktes entfernt […]“.2 Damit stieg sowohl der Bedarf an geeigneten Erbauern dieser Festungen als auch an geeigneten Fachkräften und Möglichkeiten zu ihrer Belagerung.

Einzelne Truppengattungen begannen sich im Laufe dieser Entwicklung herauszubilden. So wurden aus Artilleriehandwerkern sehr schnell Pontoniere, Sappeure, Mineure und schließlich Pioniere. Festungsbaumeister, die, zeitweilig angestellt und der Artillerie angegliedert, das militärische und teilweise auch zivile Bauwesen leiteten, wurden schließlich ein separater Teil des Heeres und in dauerhaften Diensten gehalten.

Doch lief die Entwicklung in diesem Bereich wirklich so geradlinig ab? Was veranlasste das militärisch rückständige Sachsen dazu, ein Ingenieurkorps aus der Taufe zu heben - noch weit vor der Führungsmacht dieser Zeit, Frankreich, und vor dem militärisch dominanten Brandenburg-Preußen?

Betrachtet man die Lage und den Ausbau der kursächsischen Festungen als deutlichste Arbeit von Ingenieuren, bzw. Kriegsbaumeistern dieses Zeitrahmens, fällt auf, dass sie, militärisch gesehen, veraltet waren. Oftmals als Artilleriefestung nach italienischem Vorbild auf Anhöhen oder Bergen gelegen, waren sie für einen eventuellen Angreifer sicher nicht einfach zu nehmen. War jedoch die Artillerie zerschlagen oder ohne Munition, war die Festung keine Bedrohung mehr. Anders Brandenburg-Preußen und Frankreich. Beide bedienten sich des neuen, flachen Festungstyps (Brandenburg-Preußen in der niederländischen Variante, die Franzosen maßgeblich beeinflusst von Vauban).3

Der nächste Unterschied betrifft die Lage der Festungen. Während Brandenburg- Preußen und Frankreich vornehmlich Festungsanlagen anlegten, um die Grenzen zu sichern, setzte man in Sachsen auf die Sperrung der Gebirgspässe nach Böhmen und die Verteidigung der Elbe als Nachschub- und Transportweg. Dies ist nicht als die Handlungsweise einer fortschrittlichen, militärisch gleichwertigen, Partei anzusehen, sondern als Versuch, sich angesichts qualitativer und quantitativer Unterlegenheit mit möglichst wenigen Kräften zu behaupten.

Zahlenmäßig waren die sächsischen Ingenieure bei der offiziellen Aufstellung des Korps 1712 nicht annähernd so stark wie die „Ingenieurgruppe“ Frankreichs - also scheint auch die Größe kein ausschlaggebender Punkt gewesen zu sein.

Weicht man also von dem Gedanken ab, dass eine gewisse Professionalisierung und Größe die Aufstellung eines Korps nötig machen, so bleibt nur die militärische Notwendigkeit. Seit dem Erlangen der polnischen Krone befand sich Sachsen unter August I.4 nahezu dauerhaft in militärischen Konflikten. Den wichtigsten davon stellt der sogenannte „Große Nordische Krieg“ dar, in dem Sachsen, Russland und Dänemark auf Gebietserweiterungen auf Kosten des noch sehr jungen Karl XII. von Schweden spekulierten. Nach anfänglichen Erfolgen musste Sachsen mit dem Frieden von Altranstädt vorläufig aus dem Geschehen ausscheiden - nicht, ohne jedoch die Gunst der Stunde nach dem Eingreifen Zar Peters I. zu nutzen und wieder in den Krieg einzutreten.

Die Aufstellung des Korps fand unmittelbar nach der ersten Phase dieses Krieges statt. Nimmt man nun den zynischen militärischen Grundsatz, dass „Vorschriften mit Blut geschrieben werden“, so besteht die nicht unwahrscheinliche Möglichkeit, dass die Aufstellung als Folge und Lehre der ersten Kriegsjahre erfolgte. Dies wird in dieser Arbeit zu untersuchen sein.

b. Forschungs- und Literaturbericht

Die erste Bearbeitung, die Aufschluss über die untersuchten Themen geben kann, ist von Flemings „ Der vollkommene teutsche Soldat “5 aus dem Jahr 1726. Neben Ausführungen über Befestigungskunst und die Belagerung wird auch die Ausbildung von Grundlagen, wie „Lesen, Schreiben, Mahlen und Zeichnen der jungen Leute“6, „Rechenkunst“7, „Geographie“8 und den „Mathematischen Wissenschaften“9 als besonders förderungswürdig beschrieben - also Grundlagen für eine reguläre Ausbildung zum Ingenieur. Des Weiteren befasst sich der Autor auch mit der Fortifikations- und Belagerungskunst und auch allgemeinen Grundsätzen der Kriegsführung. Von Fleming, ein sächsischer Obristleutnant, erhebt allerdings nicht den Anspruch, ein Lehrbuch für sächsische Ingenieure verfasst zu haben, sondern das gesamte militärische Wissen seiner Zeit aufbereitet und zusammengefasst zu haben. Man kann diesem Werk entnehmen, welchen Stand der Ausbildung ein Ingenieuroffizier mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte, aber nicht, wie das Korps gegliedert war und wie die reguläre Ausbildung eines solchen Offiziers aussah.

Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert, als Zeit der Generalstabsliteratur, brachte vor allem sehr detaillierte, aber wenig interpretierende Werke hervor. Dazu zählt zum Beispiel Schuster/Franckes „ Geschichte der Sächsischen Armee “ 10. Der Schwerpunkt liegt hier allerdings auf der Kampftruppe (Infanterie, Dragoner, Kürassiere) und auf der schießenden Artillerie. Kampfunterstützung (technische Truppen, militärisches Fuhrwesen, Ingenieure/Kriegsbaumeister vor 1712) wird zwar in den unzähligen Etatlisten aufgeführt, aber nicht separat behandelt. Auch dieses Werk wurde von einem sächsischen Obristleutnanten verfasst. Das Werk gibt wenig Auskunft über die exakte Formierung eines Korps und über die nötige Ausbildung, die ein angehender Ingenieur erhalten musste.

Selbiges ist auch bei von Kretzschmars „ Geschichte der kurfürstlich und königlich Sächsischen Feld-Artillerie “11 zu beobachten, die eine sehr detaillierte Darstellung der Entwicklung der schießenden Artillerie in Sachsen liefert, die technischen Truppen aber erst nach der Umwandlung zum Pionierkorps erwähnt und die Ingenieure nur am Rande behandelt.

Hanschs „ Geschichte des königlich sächsischen Ingenieur- und Pionierkorps “12 ist sicher das für diese Arbeit wertvollste Werk aus dem Bereich der Generalstabsliteratur. Hansch liefert eine detaillierte Beschreibung und Listung der sächsischen technischen Truppen und Ingenieure/Kriegsbaumeister ab dem Spätmittelalter, allerdings ohne tiefgreifende Untersuchung. Mit dem 17. Jahrhundert bezeichnet er sehr eingehend die Einsätze und Entwicklungen der verschiedenen Gattungen der technischen Truppen und die Entwicklung zu einem geschlossenen Ingenieurkorps. Im Vergleich zu anderen Generalstabswerken klammert er die sächsischen Truppen, die sich während der Personalunion in Polen aufhielten, nicht aus seinen Betrachtungen aus. Verschiedene Entwicklungen, unter Anderem die Nennung verschiedener Stufen der Formierung des Ingenieurkorps, können dem Werk entnommen werden - allerdings wird aufgrund der fehlenden Untersuchung des Materials keine Verbindung oder Entwicklung dargestellt. Die angegliederten Listen und Dokumente sind jedoch eine sehr gute Basis für eine Nutzung als Quelle über die Dislozierung, Handlungsspielraum und Einsatz von Ingenieuroffizieren.

Die erste umfangreiche Bearbeitung des Nordischen Krieges finden wir in dem zusammenfassenden Werk Von Beusts.13 Die Interpretation die Von Beust vornimmt scheint dabei stellenweise nicht gerade neutral zu sein, sodass das Werk zwar wertvolle Daten liefern kann, aber für eine Bewertung der Kriegshandlungen sächsischer Ingenieure im Nordischen Krieg nur bedingt geeignet ist. Desselben Themas nimmt sich Von Sarauws „ Feldzüge Karls XII. “ an, der, womöglich noch am objektivsten, die Kriegsereignisse, vor Allem in Polen, schildert.14

Für die Beschreibung des Brandenburg-preußischen Ingenieurkorps unverzichtbar ist Von Bonins „ Geschichte des Ingenieurkorps und der Pioniere in Preu ß en “.15 Das Werk zeichnet sich vor Allem durch eine Aufzählung von Etatlisten, Kommandeuren und errichteten Bauwerken aus, verrät aber wenig über die sozialen Verhältnisse des preußischen Ingenieurkorps.

Das letzte der Werke aus diesem Bereich der Forschung ist Verlohrens „ Stammregister und Chronik der Kur- und Königlich Sächsischen Armee “ 16, welches die Geschichte des Ingenieurkorps Fakt für Fakt auf zwei Seiten zusammenfasst, ohne eine Deutung oder Verbindung zwischen den Daten und Zahlen herzustellen.

Allen bisher genannten Werken, mit Ausnahme des Kriegshandbuches von Fleming, ist gemein, dass sie vor Allem auf Zahlen und Daten Wert legen und zum Beispiel die Formierung eines Korps als festgelegtes Datum angesehen wird. Sicher fand diese Formierung zu einem bestimmten Zeitpunkt, nämlich 1712, auf dem Papier statt, doch ist aus den Arbeiten dieser Generation nicht ersichtlich, ob es sich auch um ein Korps, im Sinne einer geschlossenen Einheit, oder nur um eine militärische Zuordnung bestimmter Einheiten handelt. Auch über den Stand der Ausbildung und die Anforderungen an einen Offizier der Ingenieure erfährt man aus diesen statistischen Aufzählungen wenig.

Dies wird in der zugehörigen B.A.-Arbeit, zumindest soweit möglich, zu klären sein.

Neuere Forschung zu diesem Thema, bzw. zur Rolle von Ingenieuren und technischen Truppen im frühneuzeitlichen Heer, wurde vor Allem vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) und vom Militärverlag der DDR publiziert.

Aus den Reihen des MGFA sind vor Allem zwei Handbücher von Interesse: Forstmeiers „ Handbuch zur deutschen Militärgeschichte “17 und Neugebauers „ Grundkurs deutsche Militärgeschichte “ 18, die allerdings beide das Heerwesen und die Organisation nur am Rande streifen und einen generellen Überblick geben, also nicht spezifisch auf die kursächsische und königlich-polnische Armee eingehen. Des Weiteren beachtet zumindest das „ Handbuch zur deutschen Militärgeschichte “ nur unzureichend den Einfluss des Festungswesens auf die Entwicklung von Ingenieuren zu einer eigenen Waffengattung außerhalb der schießenden Artillerie.

Eine neuere Übersichtsarbeit stammt von Luh, welcher versuchte, die gesamte Kriegsführung darzustellen, wobei zwar Belagerungen und die Bedeutung von Festungen umfassend erläutert werden, aber das militärische Ingenieurwesen und die Technischen Truppen nicht mit in die Betrachtungen einfließen.19 Weniger aktuell, aber in den gleichen Kontext einzuordnen ist Blacks „ European Warfare “ von 1994.20

Zwei Werke aus dem Militärverlag der DDR, die die Entwicklung des Ingenieurkorps eingehender beschreiben und im Falle Müllers auch einen regionalen Bezug zu Sachsen herstellen, sind Brühls „ Wörterbuch zu Deutschen

Militärgeschichte “ 21 (WzMilG) und Müllers „ Die Armee Augusts des Starken “ 22. Beide sind jedoch, wenn auch teilweise sehr verborgen, stark auf den Gegensatz Sachsen - Brandenburg-Preußen ausgerichtet. Man könnte diese Art der Geschichtsschreibung weniger als pro-sächsisch, sondern vielmehr als anti- preußisch bezeichnen. Es wird ein Gegensatz zwischen dem militaristisch- aggressiven Brandenburg-Preußen und dem friedliebenden Sachsen konstruiert. Des Weiteren ist Müllers Arbeit im Wesentlichen ein Bildband und enthält wenige fundierte Verweise.

Die momentan aktuellste Arbeit zum kursächsischen und Brandenburgpreußischen Ingenieurkorps stammt aus dem Jahr 1995. Es handelt sich hierbei um eine Magisterarbeit, die versucht, einen Vergleich der Entwicklungen in Sachsen und Brandenburg-Preußen im Bereich des militärischen Ingenieurwesens und der technischen Truppen zu ziehen.23

Nach den 1990er Jahren wurde das Ingenieurkorps, insbesondere die technischen Truppen, eher ein Forschungsbereich der Sozial- und Wirtschafts-, sowie der Technikgeschichte.

Exemplarisch dafür steht Anklams Untersuchung, die primär die am preußischen Beispiel inspirierte Kartographie und Landvermessung in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung stellt.24 Beispiele für einen stark technikgeschichtlich geprägten

Forschungsansatz bietet Duffy.25 Seine Abhandlungen berühren die baltischen Kriegsschauplätze leider nicht in demselben Maße wie die Festungen der Raubkriege Ludwigs XIV. Dennoch kann man den Werken sehr viel über die generelle Bedeutung von Festungen, ihre Errichtung und vornehmlich: ihre Belagerung erfahren, was zum Verständnis dieser Art der Kriegsführung dringend geboten ist.

Der Nordische Krieg, das Hauptmotiv dieser Arbeit, ist in der deutschen Forschungsliteratur leider nur unzureichend dargelegt, sodass man, wenn man des Schwedischen, Polnischen oder Russischen nicht mächtig ist, nur wenige, vor Allem wenige aktuelle Arbeiten findet.

Ein erstes ergiebiges Werk dazu lieferte Bengtsson, der allerdings hauptsächlich eine Biographie Karls XII. verfasste, die wenige Kritikpunkte an der schwedischen Kriegsführung, aber viele Kritikpunkte an der Kriegführung der Verbündeten nachzuweisen versuchte.26 Neuere Arbeiten stammen von Oakley27 und Frost28, die das Kapitel des Nordischen Krieges allerdings nur in die generellen Konflikte um das Baltikum einordneten und eine genauere Untersuchungen dieser Kriegshandlungen (1700-1721) nicht vornahmen. Eine Untersuchung der Verhältnisse zwischen Sachsen und Polen, jedoch leider nicht der konkreten Kriegsereignisse wurde 1962 von Kalisch und Gierowski vorgelegt.29

Zum besseren Verständnis bietet es sich an, die Stadtgeschichten von Riga und Stralsund zur Bewertung der Angriffe heranzuziehen. Beispiele dafür sind Eckardts30 und Mettigs31 Schriften zur livländischen und Rigaer Geschichte und Zapniks32 Untersuchung zur Pestepidemie in Stralsund während des Nordischen Krieges. Bis auf Zapnik sind die Arbeiten allerdings, verständlicherweise, nicht gerade wertungsfrei gegenüber den Sachsen.

Die Werte zum französischen Ingenieurkorps wurden der umfangreichen Untersuchung von Langins entnommen.33 Einziges Problem dieser Arbeit ist, dass er keine genaue Definition eines „Korps“ liefert und somit auch eine Ingenieurgruppe hoher Professionalität, aber niedriger Organisation als solches bezeichnet. Dennoch liefert sein Werk den momentan aktuellsten und umfangreichsten Beitrag zum französischen Ingenieurkorps. Hervorzuheben sind hierbei vor Allem die Untersuchungen zu den sozialen Verhältnissen innerhalb des Korps und zwischen dem Korps und den anderen Waffengattungen.

c. Definitionen

Unter Professionalisierung, im Sinne dieser Arbeit, versteht man sowohl die Verwissenschaftlichung der Arbeit der Ingenieure und Kriegsbaumeister, was sich besonders am Beispiel Vauban zeigen lässt, als auch die Standardisierung der Ausbildung, die höheres, vergleichbares Niveau der Ingenieure zuließ. Militärisch genormte Ausbildungsgänge für Ingenieuroffiziere finden sich allerdings erst ab etwa 1740, das heißt am Rande unseres Betrachtungszeitraumes.

Ein Korps beschreibt eine selbständige militärische Einheit, bzw. eine geschlossene Gruppe innerhalb dieser. Das Korps definiert sich selbst nicht hauptsächlich durch die Zuordnung, sondern durch einen inneren Zusammenhalt, durch das Gefühl, eine Gruppe darzustellen. Inwiefern das 1712 errichtete Korps dem gerecht wird, wird zu untersuchen sein.

Bei der Definition des Ingenieurs halte ich mich an die gängige Definition deutscher Militärlexika aus dem späten 19., frühen 20. Jh. Demzufolge ist ein Ingenieur vorrangig eine Person, die sich auf das Herstellen von Belagerungswaffen und den Festungsbau versteht.34 Die Begriffe des Ingenieurs und des Kriegsbaumeisters sagen, im Kontext dieser Arbeit, also nichts über deren Qualifikation aus, sondern sind als Synonyme, bzw. unterschiedliche Bezeichnungen derselben Tätigkeit zu verstehen.35

Institutionalisierung beschreibt im Kontext dieser Arbeit die feste, dauerhafte Formierung. Dies bedeutet, dass Offiziere nicht nur für einen Feldzug angeworben und anschließend entlassen werden, sondern dass zumindest eine Grundstruktur einer militärischen Ingenieureinheit besteht, was bedeutet, dass eine Kommandostruktur mit dauerhafter Führung existiert, die im Kriegsfall mit angeworbenen Ingenieuren aufgefüllt wird.

[...]


1 Luh: Kriegskunst. S. 99.

2 Clausewitz: Vom Kriege. S.146. Die Bedeutung von Festungen, sowie deren Erbauung und die Möglichkeiten ihrer Belagerung waren in den Napoleonischen Kriegen, trotz Weiterentwicklung der Artillerie und Massenheer, im Wesentlichen nicht anders als nahezu einhundert Jahre zuvor.

3 Beide Festungstypen sind dazu ausgelegt, vor den Mauern keinen toten Raum zu lassen, sondern auf das gesamte Feld, auch mit Musketenfeuer, wirken zu können. Der Unterschied zwischen beiden Typen liegt weniger in der Form oder der Planung, sondern in der Nutzung des Baumaterials. Während französische Festungen zumeist aus Stein errichtet wurden, setzte das niederländische System auf Erdwälle. Vauban entwickelte allerdings auch die Angriffsweise auf eine solche Festung weiter, u.a. durch neue Formen von Laufgräben und Sappen. Vgl.: Luh: Kriegskunst. S. 84. Vgl.: Duffy, Christopher: Fire and Stone: The science of Fortress Warfare 1660-1860. Castle Books: Edison 2006. S. 10-12.

4 August der Starke/der Prächtige, August II. von Polen

5 Von Fleming, Hans Friedrich: Der vollkommene Teutsche Soldat welcher die gantze Kriegs- Wissenschafft, insonderheit was bey der Infanterie vorkommt, vorträgt, von Hannss Friedrich von Fleming. Leipzig 1726. Nachdruck Graz: Akademische Druck- u. Verl.-Anst., 1967.

6 Von Fleming: Der vollkommene teutsche Soldat. S. 14.

7 Ebd. S. 16.

8 Ebd. S. 36.

9 Ebd. S. 31.

10 Francke, U.; Schuster, O.: Geschichte der Sächsischen Armee von deren Errichtung bis auf die neueste Zeit. Duncker & Humblot, Leipzig 1885.

11 Von Kretschmar, A.: Geschichte der kurfürstlich und königlich Sächsischen Feld-Artillerie von 1620-1820. Berlin 1876.

12 Hansch: Geschichte des königlich sächsischen Ingenieur-und Pionierkorps (Pionier-Bataillons Nr. 12). Dresden 1898.

13 Von Beust: Friedrich: Feldzüge der Kursächsischen Armee. Leipzig 1802.

14 Von Sarauw, Christian: Die Feldzüge Karls XII.: Ein quellenmäßiger Beitrag zur Kriegsgeschichte und Kabinetspolitik Europas im XVIII. Jahrhundert. Verlag von Bernhard Schli>

15 Von Bonin, Udo: Geschichte des Ingenieurkorps und der Pioniere in Preußen: Erster Theil: Bis zum Abschluss der Reorganisation von 1808-1812. Berlin 1877.

16 Verlohren, Heinrich August: Stammregister und Chronik der Kur- und Königlich Sächsischen Armee von 1670 bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Carl Beck, Leipzig 1910.

17 Forstmeier, Friedrich ; Meier-Welcker, Hans ; Papke, Gerhard ; Regling, Volkmar: Handbuch zur deutschen Militärgeschichte 1648-1939: Band 5, Abschnitt 9. München 1979.

18 Neugebauer, Karl-Volker: Grundkurs deutsche Militärgeschichte: Band 1: Die Zeit bis 1914: Vom Kriegshaufen zum Massenheer. Oldenbourg Verlag München 2006. S.118.

19 Luh, Jürgen: Kriegskunst in Europa 1650-1800. Böhlau Verlag: Köln, Weimar, Wien 2004.

20 Black, Jeremy: European Warfare: 1660-1815. UCL Press: London 1994.

21 Brühl, R: Wörterbuch zur deutschen Militärgeschichte: Bd.2 Mi-Z. 2. Aufl. Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1987.

22 Müller, Reinhold: Die Armee Augusts des Starken: Das Sächsische Heer von 1730 bis 1733. Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1984.

23 Wollschläger, Thomas: Krieger mit Zirkel und Messlatte: Studien zur Entstehung, Entwicklung und Institutionalisierung von Ingenieurkorps und Technischen Truppen in Brandenburg-Preußen und Sachsen zwischen 1648 und 1756. Tectum Verlag, Marburg 1995.

24 Anklam, Ewa: Wissen nach Augenmaß: militärische Beobachtung und Berichterstattung im Siebenjährigen Krieg. Münster 2007.

25 Duffy, Christopher: Fire and Stone: The science of Fortress warfare 1660-1860. Edison: Castle Books, 2006 Duffy, Christopher: The Fortress in the Age of Vauban and Frederick the Great, 1660-1789: Siege Warfare Volume II. London: Routledge & Kegan Paul, 1985.

26 Bengtsson, Frans: Karl XII. K.F. Koehler Verlag: Stuttgart 1957.

27 Oakley, Stewart P.: War and Peace in the Baltic 1560-1790. Routledge: London 1992.

28 Frost, Robert I.: The Northern Wars 1558-1721. Longman: Harlow 2000.

29 Kalisch, J.; Gierowski J.: Um die polnische Krone: Sachsen und Polen während des Nordischen Krieges 1700-1721. Rütten & Loening: Berlin 1962.

30 Eckardt, Julius: Livland im achtzehnten Jahrhundert: Umrisse einer livländischen Geschichte. Leipzig 1876.

31 Mettig, Constantin: Geschichte der Stadt Riga. Verlag Jonck & Poliewsky: Riga 1897.

32 Zapnik, Jörg: Pest und Krieg im Ostseeraum: Der „Schwarze Tod“ in Stralsund während des Großen Nordischen Krieges (1700-1721). Verlag Dr. Kovac: Hamburg 2007.

33 Langins, Janis: Conserving the Enlightment: French Military Engineering from Vauban to the Revolution. MIT Press: Cambridge, London 2004.

34 Vgl.: Von Albert, Von Alten: Handbuch für Heer und Flotte. S. 37. Dies schließt auch die Bearbeitung von Festungsentwürfen, den Entwurf des Pioniergerätes, die Konstruktion von Festungen und das Verfassen von Vorschriften für Ingenieure und technische Truppen ein.

35 Vgl.: Von Albert, von Alten: Handbuch für Heer und Flotte. S. 36.

Details

Seiten
49
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640944187
ISBN (Buch)
9783640944347
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174056
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Artillerie Ingenieur Ingenieurkorps Nordischer Krieg Karl XII August der Starke Schweden Brandenburg Preußen Frankreich Festung Festungswesen Belagerung Sappeure Mineure Pontoniere Frühe Neuzeit Militärgeschichte Sachsen Pioniere sächsische Krieg Kriegsbaumeister Geschichte technische Truppen Stralsund Riga Kriegführung

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Titel: Die Institutionalisierung des Kursächsischen Ingenieurkorps u.b.B. der Auswirkungen des Großen Nordischen Krieges