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Die sorbische Minderheit und ihre Sprachen

Situation, Schutz und Förderung

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: „Sorben, wo liegt das denn?“

2. Die sorbische(n) Sprache(n)
2.1. Obersorbisch
2.2. Niedersorbisch
2.3. Gegenwärtige Sprachsituation

3. Gesetzliche Anerkennung, Schutz und Förderung
3.1. Europa- und Völkerrecht
3.2. Nationale Gesetzgebung
3.3. Ländergesetzgebung

4. Spracherhalt und Sprachförderung: Institutionen und Projekte

5. Fazit: „Sie“ und „Wir“ – Die Mauer soll weg

Literaturverzeichnis

Gesetzestexte

Internetquellen

Informationsbroschüren

1. Einleitung: „Sorben, wo liegt das denn?“

„Sorben, wo liegt das denn?“ – Diese und andere Reaktionen erhielt die Zeitung „Die Welt“ bei ihrer Umfrage zum Thema Sorben im Juni 2008. So waren einige Befragte der Meinung, bei „Sorben“ handele es sich um ein Land in der Nähe von Polen, andere wiederum konnten sich zumindest an sorbische Traditionen wie das Hahnrupfen, Fastnacht und das Osterreiten erinnern. Auch eine Feldstudie aus dem Jahre 2008 zur Wahrnehmung der Sorben/Wenden in der Niederlausitz“[1][2], durchgeführt in Cottbus, dem sorbischen/wendischen Zentrum Brandenburgs, bestätigt den Eindruck einer mangelnden Wahrnehmung der Sorben/Wenden in der Öffentlichkeit: so gab beispielweise die Hälfte aller Befragten an, im vorangegangenen Jahr die Sorben/Wenden nicht in der öffentlichen Diskussion wahrgenommen zu haben[3], bzw. nur 3 der 16 Befragten unter 20 Jahren ordneten sie als Minderheit ein[4].

Selbstverständlich sind die Sorben oder auch Wenden genannt – wobei der Begriff „sorbisch“ wissenschaftlich exakter, die Bezeichnung „wendisch“ volkstümlicher ist[5] - kein Land, sondern ein westslawisches Volk ohne eigenen Staat, dessen Vorfahren im 6.Jahrhundert zur Zeit der Völkerwanderung in dem Gebiet östlich von Elbe und Saale siedelten. Unter den rund 20 sorbischen Stämmen befanden sich die Lusici[6], welche um Cottbus und im Spreewald in der Niederlausitz im heutigen Brandenburg sesshaft wurden, und die Milzener, die sich am Schnittpunkt von Spree und der Handelsstraße von Köln nach Kiew, im heutigen Sachsen niederließen. Sie gaben ihrem Siedlungsgebiet den Namen „Lausitz“, welcher slawischen Ursprungs ist, so viel wie „Wasserloch“ bedeutet und auf eine wasserreiche Gegend verweist[7]. Nur die Lusici und die Milzener waren in der Lage der Kolonisation von fränkischen, flämischen, thüringischen und sächsischen Bauern im 12. und 13. Jahrhundert standzuhalten und sich ihre nationale Identität weitgehend zu bewahren. Dieses gefestigte ethnische Bewusstsein half ihnen, den Assimilierungsbestrebungen der Herrschenden und antisorbischen Tendenzen entgegenzuwirken. Diese traten in verstärktem Maße im 17.Jahrhundert zur Zeit des Deutschen Reiches auf, als Minderheiten als Gefahr für den ethnisch homogenen Nationalstaat angesehen wurden und in den Jahren 1920 bis 1945 als im Zuge der nationalsozialistischen Germanisierungspolitik sorbische Aktivitäten und der Gebrauch der sorbischen Sprache verboten und sorbische Führungskräfte inhaftiert worden waren[8]. Auch in der Zeit nach 1871 kann keinesfalls von einer liberalen Minderheitenpolitik die Rede sein. Zwar wurde „den fremdsprachigen Volksteilen des Reiches“ in Artikel 113 der Weimarer Verfassung das Recht „auf freie, volkstümliche Entwicklung“ gewährt, was besonders den Gebrauch ihrer eigenen Sprache garantieren sollte, jedoch blieb diese Regelung rein deklaratorisch, ohne das ausführende Gesetze gefolgt wären. Es kann also bestenfalls von einem „duldendem Nationalitätenrecht“ gesprochen werden[9]. Erst nach 1945 in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR wurde offiziell „eine Politik der Förderung der sorbischen/wendischen Sprache“[10] betrieben.Die sorbische Sprache war in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, in Schulen, Medien, in der Kultur, in Kunst und Wissenschaft ebenso präsent, wie auf zweisprachigen Ortstafeln, Straßenschildern, in staatlichen Institutionen und Dokumenten[11]. Auch wenn einige Experten resümieren, dass die Stellung der Sorben in der DDR im Vergleich zu anderen sozialistischen Staaten vorbildhaft war[12], so blieb ihnen ein politisches Mitwirkungsrecht weiterhin verwehrt und auch der sorbische Dachverband Domowina war nicht vielmehr als ein „Transmissionsriemen“[13], welcher der Durchsetzung der ideologischen Ziele der SED zu dienen hatte.

Heute sind die Sorben – neben den Dänen in Schleswig-Holstein, den Friesen und den Sinti und Roma – als nationale Minderheit in der Bundesrepublik Deutschland anerkannt und werden gefördert. Da das von Deutschland 1995 unterzeichnete und 1997 ratifizierte Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten keine Definition des Begriffes „Minderheiten“ enthält, hat die Bundesrepublik folgende Kriterien für die Minderheiten in Deutschland aufgestellt:

- ihre Angehörigen sind deutsche Staatsangehörige,
- sie sind traditionell in Deutschland heimisch,
- sie leben hier in angestammten Siedlungsgebieten,
- sie unterscheiden sich vom Mehrheitsvolk durch eigene Sprache, Kultur und Geschichte, also eigene Identität, welche sie bewahren möchten[14].

Besonders für die Sorben ist der Erhalt ihrer Sprache, ihrer Kultur und Geschichte eminent wichtig für die Bewahrung ihrer Identität, da sie kein eigenes Mutterland besitzen, das identitätsstiftend wirken könnte. Daher soll sich die nachfolgende Arbeit mit den Besonderheiten und der Entwicklung beider sorbischen Sprachen befassen, sowie mit Institutionen und Projekten, welche im besonderen Maße dem Erhalt und auch der Weiterentwicklung der selbigen dienen. Dabei soll auch begrenzt auf die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für den Schutz und die Förderung der sorbischen Minderheit eingegangen und ein Eindruck von der heutigen Situation der Sorben und ihrer Sprache in Deutschland vermittelt werden.

Am Ende der nachfolgenden Ausführungen wird ein kurzes Fazit stehen, in welchem auch einige Problembereiche, wie z.B. das Sorbische im Schulunterricht und in der Verwaltung, aber auch die mangelnde Sensibilisierung der Mehrheitsbevölkerung gegenüber „sorbischen Themen“ , wie sie bereits zu Beginn dieser Einleitung deutlich geworden ist, kritisch betrachtet werden.

Magdeburg, den 22.05.2011

2. Die sorbische(n) Sprache(n)

Die Diskussionen, ob es sich beim Ober- und Niedersorbischen um zwei selbstständige, wenn auch eng verwandte Sprachen handelt oder um Dialekte einer Sprache dauern noch immer an. Eine endgültige Klärung dieser Frage wird – wenn überhaupt – noch längere Zeit in Anspruch nehmen, soll aber nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Im Folgenden wird daher von zwei Standartsprachen die Rede sein, deren von unterschiedlichen Rahmenbedingungen beeinflusste Entwicklung, sprachliche Besonderheiten, sowie spezielle Aspekte der Sprachplanung und gegenwärtigen Sprechersituation nachfolgend dargestellt werden sollen.

Beide Sprachen sind indoeuropäischen Ursprungs und bilden eine eigene Untergruppe der westslawischen Sprachen[15]. Sie sind eng mit dem Tschechischen, dem Polnischen und dem Slowakischen verwandt[16]. Ober- und Niedersorbisch sind flektierende Sprachen, d.h. Deklination und Konjugation erfolgen mittels Endungen und kleinen Änderungen im Stamm, und weisen einen starken Einfluss des Deutschen auf[17]. Doch auch die deutsche Sprache zeigt Einflüsse des Sorbischen: so sind einige mutmaßlich deutsche Städtenamen im Osten Deutschlands sorbischen Ursprungs: der Name Leipzig leitet sich vom sorbischen Wort lipa, also Linde ab und Chemnitz vom sorbischen kamjeń, Stein[18]. Entstehung und Kodifikation der sorbischen Schriftsprachen hängen eng mit Luthers Reformation zusammen, da diese die Verbreitung des Christentums in der Muttersprache der Gläubigen förderte. Als erste handschriftliche Überlieferung gilt die Übersetzung des Neuen Testaments durch Mikławš Jakubica aus dem Jahr 1548, welche im Sorauer niedersorbischen Dialekt verfasst wurde[19]. Das erste gedruckte Buch in niedersorbischer Sprache entstand 1574 und trug den Titel „Spěwarske a mały katechizm Luthera“ (Gesangbuch und kleiner Katechismus Luthers) von Magister Albin Moller. 1597 wurde Luthers Katechismus erneut übersetzt, nun von Wjacław Warichius im Bautzner obersorbischen Dialekt[20]. Die Kodifizierung von Ober- und Niedersorbisch durch Grammatiken und Wörterbücher setzte im 19.Jahrhundert ein, wobei die der obersorbischen Sprache früher begann und stabiler verlief[21]. Da auf Grund des Fehlens eines sorbischen Staates nie die Notwendigkeit einer einheitlichen Verständigung der sorbischen Bevölkerung bestand, konnten beide Sprachen – Ober- und Niedersorbisch – bis heute erhalten bleiben.

[...]


[1] Welt Online: Bitte, was sind eigentlich die Sorben? unter http://www.welt.de/lifestyle/article2069031/Bitte_was_sind_eigentlich_die_Sorben.html (12.02.2011).

[2] Kisser,C./Hoy,T.: Cottbus und seine Bürger. Ein Stimmungsbild zur Wahrnehmung der Sorben/Wenden in der Niederlausitz. In: Norberg,M./Kosta,P: (Hrsg.): Potsdamer Beiträge zur Sorabistik Nr.9. Domownja/Heimat. Sorbische/wendische Perspektiven auf die Lausitz. Universitätsverlag Leipzig 2008. S.131-145.

[3] Ebd. S.135.

[4] Ebd. S.133.

[5] Adam,H.: Sorben oder Wenden? In: Die Sorben in der Niederlausitz. Serby w DolnejŁužycy. (Informationsbroschüre) S.4.

[6] Zu Deutsch: Lusizer.

[7] Kowar,M.: Witajće k nam do Lužicy! Herzlich willkommen in der Lausitz! In: Kleine Information zu den Sorben/Wenden in Deutschland. (Informationsbroschüre).

[8] Elle,L.: Unter staatlichem Schutz. Die Sorben und die deutsche Minderheitenpolitik. In: Osteuropa. Minderheiten in Osteuropa. Ansprüche, Rechte, Konflikte. Ed. 11/2007 S.208-209.

[9] Elle,L.: Unter staatlichem Schutz. Die Sorben und die deutsche Minderheitenpolitik. In: Osteuropa. Minderheiten in Osteuropa. Ansprüche, Rechte, Konflikte. Ed. 11/2007 S.208.

[10] Neumann,M.: Minderheitenpolitik im „toleranten Brandenburg“ und das sorbische/wendische Siedlungsgebiet. In: Norberg,M./Kosta,P: (Hrsg.): Potsdamer Beiträge zur Sorabistik Nr.9. Domownja/Heimat. Sorbische/wendische Perspektiven auf die Lausitz. Universitätsverlag Leipzig 2008. S. 156

[11] Longerich,M.: Sorben in Deutschland. Familie Handrick in Wendischbaselitz. In: Leiserowitz,R. (Hrsg.): Die unbekannten Nachbarn. Minderheiten in Osteuropa. Ch.Links Verlag Berlin 2008. S. 114.

[12] Vgl. Elle,L.: Unter staatlichem Schutz. Die Sorben und die deutsche Minderheitenpolitik. In: Osteuropa. Minderheiten in Osteuropa. Ansprüche, Rechte, Konflikte. Ed. 11/2007 S.209, sowie Longerich,M.: Sorben in Deutschland. Familie Handrick in Wendischbaselitz. In: Leiserowitz,R. (Hrsg.): Die unbekannten Nachbarn. Minderheiten in Osteuropa. Ch.Links Verlag Berlin 2008. S. 114.

[13] Elle,L.: Unter staatlichem Schutz. Die Sorben und die deutsche Minderheitenpolitik. In: Osteuropa. Minderheiten in Osteuropa. Ansprüche, Rechte, Konflikte. Ed. 11/2007 S.208.

[14] Ebd. S.198.

[15] Janich,N./Greule,A.: Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Tübingen 2002. S. 290.

[16] Longerich,M.: Sorben in Deutschland. Familie Handrick in Wendischbaselitz. In: Leiserowitz,R. (Hrsg.): Die unbekannten Nachbarn. Minderheiten in Osteuropa. Ch.Links Verlag Berlin 2008. S.116

[17] Janich,N./Greule,A.: Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Tübingen 2002. S. 290.

[18] Sorbisches Institut. Serbski Institut: Die Sprache der Sorben. S.5 (Informationsbroschüre).

[19] Měškank,W.: Einige Bemerkungen zum niedersorbischen Schriftum. In: Die Sorben in der Niederlausitz. Serby w DolnejŁužycy. (Informationsbroschüre) S. 14.

[20] Ebd.

[21] Janich,N./Greule,A.: Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Tübingen 2002. S. 290.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640943852
ISBN (Buch)
9783640943517
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174030
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für fremdsprachliche Philologien
Note
1,0
Schlagworte
minderheit sprachen situation schutz förderung

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