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Von 'gilgul', Golem und Wunderrabbis

Motive der chassidischen Volksliteratur in Bruno Schulzʼ "Cynamonowe sklepy"

Studienarbeit 2009 15 Seiten

Literaturwissenschaft - Slawische Länder

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Tiergeschichten - Seelenwanderung

3 Sagengestalten

4 Einfluss des Chassidismus - Wunderrabbis

5 Rolle der Frau - Golem-Motiv

6 Das Schtetl

7 Zusammenfassung

8 Bibliographie

9 Anhang
9.1 Eine Sabbatentweihung
9.2 Das verzauberte Pferd

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit möchte ich das Werk ÄSklepy cynamonowe“ von Bruno Schulz im Hinblick auf verwendete Motive untersuchen. Als besonders bedeutsam erscheinen hier Motive der chassidischen Volksliteratur wie etwa Legenden über die Zaddikim, auch Wunderrabbis genannt, oder die sogenannte Seelenwanderung, die im Rahmen von Tiergeschichten geschildert wird. Zu erwähnten Sagengestalten und deren Rolle im Werk werde ich kurze Erklärungen liefern.

Weiters werde ich analysieren, welchen Einfluss das Motiv des Schtetls auf dieses Werk Schulz’ hat sowie die Rolle der auftretenden Frauenfiguren beschreiben. Die Frauen bei Schulz lassen sich mit dem bekannten Golem-Motiv verknüpfen - vor allem die bedeutendsten fungieren als übermächtige Lenkerinnen.

2 Tiergeschichten - Seelenwanderung

Tiergeschichten bzw. Tiere als Motiv in verschiedener Form treten im Zyklus ÄSklepy cynamonowe“ besonders häufig auf - meist sind sie mit dem Motiv der Seelenwanderung (hebr. gilgul) verbunden. Beispiele sind etwa in den Einzelerzählungen „Nawiedzenie", „Ptaki", „Sklepy cynamonowe" sowie „Nemrod" zu finden.

In „Sklepy cynamonowe" beginnt ein altes Droschkenpferd, mit dem kindlichen Erzähler zu sprechen:

Z trudem przekopywał się koń przez czystą i świeżą jego masę. Wreszcie ustał. Wyszedłem z dorożki. Dyszał ciężko ze zwieszoną głową. Przytuliłem jego łeb do piersi, w jego wielkich czarnych oczach lśniły łzy. Wtedy ujrzałem na jego brzuchu okrągłą czarną ranę. --Dlaczego mi nie powiedziałeś? - szepnąłem ze łzami. - Drogi mój - to dla ciebie - rzekł i stał się bardzo mały, jak konik z drzewa. Opuściłem go. Czułem się dziwnie lekki i szczęśliwy.

(Schulz 2003, 48)

Es kann sich hier um eine herumirrende Seele handeln, die auf der Suche nach Erlösung von (Tier-)Körper zu Körper wandert. Sproede schreibt zum Motiv des gilgul:

Nach dem physischen Tod des Menschen - aber auch während des Schlafes - bricht seine Seele zu einer irrenden Wanderung auf, die das Exil des erwählten Volkes spiegelt. Die Seele kehrt in den Menschen zurück, wenn die Verfehlungen bereinigt sind; […]

(Sproede 2000, 262)

Das gilgul-Motiv wird also auch zum Ausdruck der Leiden des jüdischen Exils verwendet - ein besonders deutliches Symbol hierfür ist auch die große Wunde auf dem Bauch des Pferdes. Es ist eine ganz ähnliche Sage über den Baal Schem Tow überliefert, die von ebenfalls von einem arbeitenden bzw. leidenden Pferd handelt, das die Seele eines Verstorbenen birgt (siehe Anhang). Ein Mann hatte seine Schulden nicht bezahlt und musste nun im Körper des Pferdes dieses Unrecht abarbeiten. In der Legende erlöst der Baal Schem Tow die unglückliche Seele, in dem er den Schuldschein zerreißt - der Pferdekörper stirbt. Auch in ÄSklepy cynamonowe“ gelingt es Józef, die wandernde Seele zu erlösen, da der Pferdekörper in seiner ursprünglichen Form verschwindet.

Eine andere Form der Tiergeschichte findet sich in der Beschreibung der allmählichen Verwandlung des Vaters in ein tierähnliches Wesen - hier wird er einem Fuchs immer ähnlicher:

Twarz jego i głowa zarastały wówczas bujnie i dziko siwym włosem, sterczącym nieregularnie wiechciami, szczecinami, długimi pędzlami, strzelającymi z brodawek, z brwi, z dziurek od nosa - co nadawało jego fizjonomii wygląd starego, nastroszonego lisa. Węch jego i słuch zaostrzał się niepomiernie i znać było po grze jego milczącej i napiętej twarzy, że za pośrednictwem tych zmysłów pozostaje on w ciągłym kontakcie z niewidzialnym światem ciemnych zakamarków, dziur mysich, zmurszałych przestrzeni pustych pod podłogą i kanałów kominowych.

(Schulz 2003, 41)

Ähnlich wie in „Sklepy cynamonowe“ wird auch in ÄPtaki“ eine Verwandlung des Vaters geschildert - wobei dieser hier mit einem Vogel verglichen wird, dem er sich immer mehr annähert:

Gdy siedział naprzeciw ojca, nieruchomy w swej monumentalnej pozycij odwiecznych bóstw egipskich, z okiem zawleczonym białawym bielmem, które zasuwał z boku na źrenice, ażeby zamknąć się zupełnie w kontemplacji swej dostojnej samotności - wydawał się ze swym kamiennym profilem starszym bratem mego ojca. Ta sama materia ciała, ścięgien i pomarszczonej twardej skóry, ta sama twarz wyschła i koścista, te same zrogowaciałe, głębokie oczodoły. Nawet ręce, silne w węzłach, długie, chude dłonie ojca z wypukłymi paznokciami miały swój analogon w szponach kondora. […] Charakterystyczne jest, że kondor używał współnego z moim ojcem naczynia nocnego.

(Schulz 2003, 20)

Schließlich scheint die Seele des Vaters in einem ausgestopften Vogel gefangen zu sein, der Erzähler berichtet von Äverweinten und tränenden Augenhöhlen“ (Äprzez wypłakane, łzawe orbity […]“ [Schulz 2003, 56]), also kann sich hier eine lebendige Seele gemäß gilgul befinden. Außerdem fragt der Sohn seine Mutter: ÄPrawda, że to jest on?“ (Schulz 2003, 57) - den Familienmitgliedern ist also klar, dass die Seele des Vaters in diesem Stück seiner

Vogelsammlung Ästeckt“.

Karin Dulaimi beschreibt die Verwandlungen des Vaters als Projektionen durch den Sohn:

Nicht der Vater ist anpassungsunfähig […], sondern der Ich-Erzähler. Dieser sieht den Vater als Magier, als Erlöser, aber auch als Vogel, Küchenschabe […] Darum sind die Verhaltensweisen, die der Vater sowohl in seiner Magier- oder Erlöserrolle als auch in seiner Rolle als Vogel oder Küchenschabe zeigt, sämtlich Projektionen des IchErzählers. […] Die Anpassungsunfähigkeit führt den Ich-Erzähler in die Isolation, in einen Extremzustand, der Veränderungen zur Folge haben muß, diese eigentlich - als für die Existenz notwendig - dringlich fordert.

(Dulaimi 1975, 93)

Der Sohn ist seiner Umgebung also eigentlich selbst fremd und projiziert seine eigene Unsicherheit auf den Vater. Ganz ähnlich verhält er sich im Umgang mit dem kleinen Hundewelpen Nemrod. Er beschreibt die für den Hund sehr abenteuerlichen Entdeckungen, wobei sich diese mit jenen des Erzählers etwa im Viertel der Zimtläden vergleichen lassen.

Bruno Schulz’ Werke werden häufig in mehreren Gesichtspunkten mit jenen Franz Kafkas verglichen - darauf werde ich in dieser Arbeit nicht genauer eingehen. An dieser Stelle sei nur erwähnt, dass vor allem das Motiv der Verwandlung bei beiden Autoren eine wichtige Rolle spielt - wenngleich diese auch jeweils unterschiedlichen Zwecken dient:

Kafka applies metamorphosis subjectively in that seminal tale [Anm.: gemeint ist ÄDie Verwandlung“] to his surrogate, the son figure, while Schulz never uses it for the autobiographical boy Joseph, but exclusively for his father and other family adults, uncles and aunts. Kafka applies metamorphosis as an irreversible punishment to a guilty character, whereas Schulzian metamorphosis is not predicated on guilt; it has a creative or playful aspect, and it can be reversed, at least in the father’s case.

(Brown 1990, 225)

In der Erzählung ÄKarakony“ gibt es eine sehr deutliche Referenz an die ÄVerwandlung“ Kafkas - bei Schulz verwandelt sich der Vater wie Gregor Samsa in eine Küchenschabe.

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, […] (Kafka 1998, 7)

Im Vergleich dazu aus Schulz’ Werk: ÄPodobieństwo do karakona występowało z dniem każdym wyraźniej - mój ojciec zamieniał się w karakona.” (Schulz 2003, 58). Sowohl bei Kafka als auch bei Schulz wendet sich die Familie von dem Verwandelten ab und überlässt ihn mehr oder weniger seinem Schicksal.

3 Sagengestalten

Im ganzen Zyklus ÄSklepy cynamonowe“ werden einige Sagengestalten aus verschiedenen Kulturkreisen erwähnt. Als Beispiele seien genannt:

- Pomona

Die römische Göttin des Obstes wird verwendet um Adela zu beschreiben: ÄAdela wracała w świetliste poranki, jak Pomona z ognia dnia rozżagwionego […]“ (Schulz 2003, 7) Diese Göttin wird üblicherweise mit weiblichen Formen sowie geerntetes Obst tragend dargestellt1

- genauso präsentiert sich Adela an dieser Stelle. Hier lässt sich ein Zusammenhang mit der für den Erzähler besonders faszinierende Eigenschaft der Frauen herstellen - der Fruchtbarkeit (siehe auch Kap. 5).

- Nemrod

Józef nennt einen kleinen zugelaufenen Hund ÄNemrod“. Dieser Name scheint nicht besonders zu dem unbeholfenen Welpen zu passen, heißt so doch eine große alttestamentliche, kriegerische Königsgestalt. Dieser Herrscher gilt auch als Erbauer des Turmes zu Babel2 - hier lassen sich also quasi wieder Parallelen herstellen; die Sagengestalt erlebt die Babylonische Sprachverwirrung und der kleine Hund und sein mit sich mit diesem identifizierender Besitzer leben im dauernden Chaos des Schtetls.

Auch das neue Mitglied der Familie muss sich der eigentlichen Herrin des Hauses, Adela, unterordnen:

Chyba że niespodzianie spadał nań kataklizm w postaci szorowania podłogi - obalenie praw natury, chlusty ciepłego ługu, podmywające wszystkie meble, i groźny

szurgot szczotek Adeli. (Schulz 2003, 36)

- Demiurgos

Der Vater erwähnt den altgriechischen Schöpfergott Demiurg(os) im Kapitel ÄTraktat o manekinach albo wtóra księga rodzaju“. Dieser sei nicht der einzige, der Leben schaffen könne - jeder könne Materie formen und neue Lebensformen schaffen (Schulz 2003, 42). Wenig später wird er selbst zum Ziel einer Umformung - Adela und ihre Kolleginnen verwandeln den Mann in ein völlig willenloses, auf Befehle wartendes Wesen, einem Golem ähnlich (siehe Kap. 5). Außerdem wird der Vater selbst mitunter vom Sohn als eine Art Demiurg wahrgenommen: ÄNie patrząc, widziałem go, groźnego Demiurga, jak leżąc na ciemnościach, jak na Synaju […]“ (Schulz 2003, 15).

4 Einfluss des Chassidismus - Wunderrabbis

Der osteuropäische Chassidismus spielt eine besonders wichtige Rolle im Werk von Bruno Schulz. Heiko Haumann fasst das Wesen dieser jüdischen Glaubensrichtung zusammen: ÄDer Chassidismus hatte eine ungeheure Resonanz, weil er sich auf die Lebenswelt der Menschen bezog, nicht Askese und Traurigkeit forderte, auch nicht ständige Sühne oder persönliche Erniedrigung, sonder Fröhlichkeit und Frömmigkeit, Brüderlichkeit und Liebe.“ (Haumann 2008, 57). Die lebensbejahende Haltung der Chassidim, die auch den sinnlichen Genüssen nicht abgeneigt sind, ist allgegenwärtig. Ein gewisser Äekstatischer“ Ton durchzieht die ÄSklepy cynamonowe“ - in zahlreichen detaillierten Beschreibungen schildert der kindliche Erzähler mit großer Begeisterung seine Umgebung.

Adela wracała w świetliste poranki, jak Pomona z ognia dnia rozżagwionego, wysypując z koszyka barwną urodę słońca - lśniące, pełne wody pod przejrzystą skórką czereśnie, tajemnicze, czarne wiśnie, których woń przekraczała to, co ziszcało się w smaku; morele, w których miąższu złotym był rdzeń długich popołudni; a obok tej czystej poezij owoców wyładowywała nabrzmiałe siłą i pożywnością płaty mięsa z klawiaturą żeber cielęcych, wodorosty jarzyn, niby zabite głowonogi i meduzy - surowy materiał obiadu o smaku jeszcze nieuformowanym i jałowym, wegetatywne i telluryczne ingrediencje obiadu o zapachu dzikim i polnym.

(Schulz 2003, 7)

Das religiöse Leben selbst spielt jedoch in den Schilderungen des Erzählers nur eine indirekte Rolle - so kommen etwa alte chassidische Legenden über die Wunderrabbis in mehr oder weniger verschlüsselter Form vor. Alfred Sproede beschreibt einen Zusammenhang zwischen den Erzählungen ÄSklepy cynamonowe“ und ÄUlica Krokodyli“ und einer der Legenden über den Baal Schem Tow:

[...]


1 http://www.absoluteastronomy.com/topics/Pomona

2 http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=295&letter=N&search=nimrod 4

Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640956937
ISBN (Buch)
9783640956647
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v174016
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – Slawistik
Note
3,0
Schlagworte
Bruno Schulz Chassidismus Golem Gilgul Wunderrabbis polnische Literatur

Autor

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