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Analyse des Textes von Annen Waldschmidt: "Diskursives Ereignis „Selbstbestimmung“: Behindertenpädagogische und bioethische Konstruktionen im Vergleich"

Hausarbeit 2006 15 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zentrale Aussagen des Textes
Vorgehensweise und Argumentation
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Rahmenbedingungen der individuellen Selbstbestimmung
Grenzen
Selbstbestimmung als Handlung
Freiheitsbegriff
Adressaten
Subjektivität
Kritik und Appelle

3. Bezüge zum Modul „Ethik in der integrativen Heilpädagogik“
Anthropologie und ethische Fragestellungen
Subjektivität und Dialog
Heilpädagogische Professionalität zwischen Fremd- und Selbstbestimmung
Aktuelle (bio)ethische Fragestellungen

4. Eigene Stellungnahme zur Thematik Selbstbestimmung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aufgrund der Vielfältigkeit von Menschenbildern stellt sich die existentielle Frage, ab wann ein Mensch als Mensch gilt und ab wann dieses Menschenleben auch Würde besitzt. Dazu bedarf es zu- nächst der Fragestellung, in wie weit ein Mensch der nicht fähig ist selbstbestimmt zu leben, ein Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft hat. Nicht nur das, sondern vielmehr die Autonomie an sich spielen in dem Vergleich des Bioethik-Diskurses mit dem der Geistigbehindertenpädagogik eine wichtige Rolle. Im Folgenden will ich versuchen die zentralen Aussagen des Textes „Diskursives Er- eignis „Selbstbestimmung“: Behindertenpädagogische und bioethische Konstruktionen im Ver- gleich“ von Anne Waldschmidt zu beschreiben und die Art und Weise der Argumentation anschaulich zu machen. Des Weiteren werde ich Bezüge zu Inhalten des Moduls „Ethik in der integ- rativen Heilpädagogik“ und dem Text versuchen herzustellen. Abschließend werde ich eine eigene Stellungnahme zur Thematik der Selbstbestimmung entwickeln und diese fachlich begründen.

2. Zentrale Aussagen des Textes

2.1 Vorgehensweise und Argumentation

Bereits in der Einleitung ihres Textes macht Anne Waldschmidt verständlich, wie ihre Ausarbeitung aufgebaut ist. Sie vergleicht in ihrem Werk zwei Diskurse; den der Bioethik mit dem der Geistigbe- hindertenpädagogik (vgl. S. 140). Für ihre Analyse bezieht sie sich auf andere Texte, die von elf Fachvertretern der Geistigbehindertenpädagogik von 1985 - 1996 entwickelt wurden. Außerdem lässt sie acht deutschsprachige Quellen des Bioethik-Diskurses von 1976 - 1995 (vgl. S. 140) ein- fließen. Anne Waldschmidt arbeitet mit einem Kategorienschema, das sich in sechs Aspekte untertei- len lässt: Zuerst werden Rahmenbedingungen der individuellen Selbstbestimmung bei beiden Diskursen überprüft. Anschließend beschreibt sie die Grenzen der Autonomiebestrebungen und geht auf die Kernhandlungen der Diskurse ein. Fortführend betrachtet sie den Freiheitsbegriff, beschaut sie die in Frage kommenden Adressaten und ermittelt in wie weit diese autonomiefähig sind. Um dies verständlich zu machen wirft sie letztlich einen Blick auf die jeweilige Vorstellung eines Sub- jekts und des Menschseins. Anne Waldschmidt geht von vier Autonomiekonstruktionen aus, die sich durch den ganzen Text ziehen: Selbstbeherrschung, Selbstinstrumentalisierung, Selbstthematisierung und Selbstgestaltung (vgl. S. 140). Sie beurteilt die Positionen der beiden Diskurse sehr sachlich und formuliert bereits in den Teilüberschriften wichtige Fragen, die zu klären sind. Diese bleiben jedoch ab und an unbeantwortet. Beispielsweise die Frage: Was ist der Mensch? (vgl. S. 157). In ihrem Ver- gleich betrachtet sie stets zuerst die Bioethik, die oft zu kurz ausfällt, und anschließend die Behinder- tenpädagogik, die sie ausführlicher zu behandeln vermag. Mit dies deutet darauf hin, dass Anne Waldschmidt selbst die Position der Geistigbehindertenpädagogik vertritt. Diesem Diskurs erteilt sie abschließend auch mehr Lösungsansätze und verurteilt die Bioethik als Angriff auf die Menschenwürde (vgl. S.160).

2.2 Unterschiede und Gemeinsamkeiten

2.2.1 Rahmenbedingungen der individuellen Selbstbestimmung

Waldschmidt schreibt von der Selbstbestimmung als heute wichtigem „Schlüsselbegriff“ (vgl. S. 138) für viele Gruppen der Behindertenhilfe, wie der Lebenshilfe und People First. Der Selbstbe- stimmungsgedanke gilt als ambivalent und offen für unterschiedliche Inhalte (vgl. S.139). Sie stellt die Selbstbestimmung mit einer Konstruktion, einem Denkmodell gleich, das variabel und veränder- bar scheint und auf die Historik verweist (vgl. S. 139). Die praktizierte Selbstbestimmung ist nach Waldschmidt abhängig von der Gesellschaft und der Institution (vgl. S. 139). Mit dieser Aussage weist sie auf die Rahmenbedingungen hin, die deutliche Unterschiede in beiden Diskursen ausma- chen. Nach ihrer Ansicht weist die Bioethik nicht auf die Rahmenbedingungen hin. Eine Ausnahme stellt Harris Aussage dar, der von authentischen Entscheidungen spricht, die nicht beeinflusst von der Außenwelt getroffen werden sollen (vgl. S. 141). Sie zitiert Harris, der davon überzeugt ist, dass die Selbstbestimmung durch vier Typen von Mängeln eingeschränkt wird. Diese betreffen die Kontrolle der Person über ihre Wünsche und Handlungen, ihre praktischen Überlegungen, die Bewertung der Informationen, die ihr bei der Entscheidung zur Verfügung stehen und die Stabilität ihrer Wünsche (vgl. S. 142). Dies hat zur Folge, dass die Person weder zwischenmenschliche Beziehungen noch materielle Mittel, sondern nur Informationen benötigt um selbstbestimmt entscheiden zu können (vgl. S. 142).

Auf der Seite der Behindertenpädagogik wird, so Waldschmidt, viel Wert auf die Rahmenbedingun- gen gelegt. Hier wird Selbstbestimmung kontextualisiert und als relationales Konzept gesehen (vgl. S. 142). Die Autonomie hängt folglich vom Verhalten und Interesse der sozialen Umwelt ab (vgl. S. 142). Als soziale Kategorie müsse Selbstbestimmung von einer unauflösbaren Du-Bezogenheit aus- gehen, so auch Buber: „Der Mensch wird am Du zum Ich“ (vgl. S. 143). Die konkreten Rahmenbe- dingungen wären nach Waldschmidt Wahlmöglichkeiten und Handlungsräume (vgl. S. 143). Sie spricht eingehend von externen Bedingungen, für diese sie Niehoff als Beispiel anführt, der selbst Empowerment fordert, um Rahmenbedingungen zu schaffen zum Austausch, zur gegenseitigen Bera- tung und zur Interessenvertretung von Minderbemittelten-Gruppen (vgl. S. 143). Anhand von Theu- nissen/Plaute befürwortet Waldschmidt hingegen ein bedürfnis- und bedarfsgerechtes Netzwerk rehabilitativer Systeme, die die Autonomie sichern sollen (vgl. S. 143). Des Weiteren erörtert sie die internen Rahmenbedingungen und bezieht sich auf autonomieförderliche Beziehungsstrukturen. Auf Rock Bezug nehmend soll die Machtstellung der Professionellen gegenüber behinderten Menschen aufgehoben werden und den Behinderten mehr Einfluss ermöglicht werden (vgl. S. 144). Weiterge- hend spricht sie die Assistenz an, die zunehmend an Bedeutung gewinnt (vgl. S. 144). Die Aufgabe der Professionellen sollte sein, die Betroffenen zu motivieren und Hilfe zu vermitteln um zur Selbst- hilfe zu gelangen (vgl. S. 144). Im Zwischenergebnis zeigt sie zusammenfassend den individualisti- schen Ansatz in der Bioethik auf, der sich vom Kontextualisierten der Geistigbehindertenpädagogik unterscheidet.

2.2.2 Grenzen

Grenzen lassen sich unterteilen in notwendige und vermeidbare Grenzen, die in beiden Diskursen angesprochen werden. Jedoch gibt es auch in diesem Bereich Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Die negativ formulierte Aussage Harris´, es existiere keine vollkommene Selbstbestimmung (vgl. S. 145) zeigt, dass die autonome Entscheidung des Menschen immer von anderen Faktoren abhängt. Genauso schränken Abhängigkeit, Fürsorge und Paternalismus die Selbstbestimmung ein (vgl. S. 145). Allerdings werden auch notwendige Begrenzungen erwähnt, wie beispielsweise die der Gefahr von Fremd- oder Selbstschädigung (vgl. S. 145).

Im Gegensatz dazu werden die Grenzen der Selbstbestimmung in der Geistigbehindertenpädagogik ausführlich behandelt. Hier wird von der Relativität der Autonomie gesprochen. Als Notwendigkeit werden soziale Abhängigkeitsverhältnisse gesehen, die die Autonomie einschränken (vgl. S. 146). Auch hier hebt Waldschmidt die sozialen Bezugssysteme hervor, nach denen wir nicht absolut frei entscheiden können (vgl. S. 146). Wie in der Bioethik wird die notwendige Grenze der Selbstbe- stimmung bei Fremd- oder Selbstschädigung sichtbar. Als vermeidbare Grenzen führt Waldschmidt die soziale Abhängigkeit und Isolation von behinderten Menschen auf, wie auch die erschwerte Selbstbestimmung durch äußere Rahmenbedingungen, wie Massenunterbringung (vgl. S. 147). Demnach sollen nach Theunissen/Plaute alle Wohnformen, die die Selbstbestimmung einschränken, abgelehnt werden, da die Grenzen im institutionellen System auffindbar sind (vgl. S. 148). Hier wird auch die Orientierung an Defiziten aufgezeigt und die ablehnende, mit Vorurteilen versehene Hal- tung der Gesellschaft, die folglich die Selbstbestimmung eingrenzt (vgl. S. 148). Außerdem verhel- fen die Professionellen mit ihrer Bevormundung und Überbetreuung den Betroffenen nicht zu mehr Autonomie (vgl. S. 148).

2.2.3 Selbstbestimmung als Handlung

Bei der Umsetzung von Autonomie zeigen beide Diskurse auffällige Gemeinsamkeiten. In der Bio- ethik heißt Selbstbestimmung nach Hoerster auf eigene Verantwortung entscheiden zu können (vgl. S. 149). Anne Waldschmidt bezeichnet dies als Entscheidungsautonomie, die nach Harris geübt wer- den müsse (vgl. S. 149). Die Bioethik hat nur die Entscheidungsebene im Sinne, die auch die Hand- lungsebene einschließt (vgl. S. 149). Dennoch, erkennt Waldschmidt, bleibt die Vollziehung in der Bioethik abstrakt. Bei der Geistigbehindertenpädagogik hingegen werden viele Beispiele sichtbar (vgl. S. 149). Mit der Bioethik gemeinsam, wird bei der Behindertenpädagogik selbst- und eigenver- antwortliches Entscheiden für wichtig erachtet. Jedoch kann sich Selbstbestimmung nach Theunis- sen/Plaute auf unterschiedlichen Ebenen abspielen (vgl. S. 149). So kann ein behinderter Mensch schon in kleinen einfachen Bereichen Entscheidungen treffen. Waldschmidt spricht hier von der Dif- ferenzierung der Handlungsdimension (vgl. S. 150), die sich in Entscheidungsautono- mie/Bewusstseins- und der Handlungsautonomie unterteilt. Unter der Handlungsautonomie verstehen Speck und Theunissen/Plaute die Vollziehung der eigenen Entscheidung unmittelbar im Handeln (vgl. S. 150), diese ist bei einer schweren geistigen Behinderung eingeschränkt. Jedoch sei die Autonomie der Betroffenen nicht infrage zu stellen, da sie in der Bewusstseinsautonomie vor- handen ist (vgl. S. 150). Nach Anne Waldschmidts Ansicht stellen die Professionellen auf der Ebene der Handlung den Aufruf zur Handlung nicht an die Betroffenen sondern an sich selbst (vgl. S. 150). Als konzeptionelle Umorientierung fordern die Vertreter der Behindertenpädagogik die Beachtung kleinster Willensbekundungen der Betroffenen, den Einfallsreichtum des Erziehers Wahlmöglichkei- ten zur Verfügung zu stellen und eine Theorie angreifender Rehabilitationspraxis. Zudem fordern sie einen Perspektivwechsel zur Respektierung der Würde eines behinderten Menschen (vgl. S. 151) und legen Wert auf eine Umformulierung vom „Betreuer“ zum „Assistenten“ und vom „Patienten“ zum „Klienten“. Weiterhin wird mehr Einfluss behinderter Menschen verlangt und gefordert, dass die Selbstständigkeit geistig behinderter Menschen geschult wird um deren Selbstbestimmung zu ge- währleisten (vgl. S. 151). Auch wird das Prinzip des handlungsbezogenen Lernens befürwortet, das die Bereitstellung von Lern- und Handlungsfeldern voraussetzt (vgl. S. 152). Ebenso werden Verän- derungen in der Rehabilitations- und Behindertenpolitik befürwortet, indem Hahn angemessene Per- sonalschlüssel und Pflegesätze fordert, Bradl ein Hilfsangebot, das den Bedarf an Hilfe individualisiert und persönliche Assistenz anbietet (vgl. S. 152). Ferner setzen sich die Diskursver- treter für Mitwirkungsmöglichkeiten von Heimbewohnern ein und sprechen sich für eine Dezentrali- sierung der Institutionen aus (vgl. S. 152). Auch lehnen sie, so Waldschmidt, Bevormundung durch stationäre und ambulante Pflegeheime ab (vgl. S. 152).

2.2.4 Freiheitsbegriff

Anne Waldschmidt erläutert im Folgenden den Freiheitsbegriff, der auch oft als Synonym für Selbstbestimmung herangezogen wird. Besonders in der Bioethik wird dieser hervorgehoben. Nach Waldschmidts Ansicht wird die negative Freiheit von der positiven unterschieden (vgl. S. 153). Die negative Freiheit meint die Fähigkeit zu handeln ohne behindert zu werden.

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Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640943777
ISBN (Buch)
9783640943630
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173997
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
1,70
Schlagworte
analyse behindertenpädagogische konstruktionen vergleich Anne Waldschmidt
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