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Reflexion der Lebenssituation von Menschen mit Beeinträchtigungen im Spannungsfeld von Aussonderung und Integration anhand von Beispielen aus den Hospitationen

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hospitation in der Klinik Hohe Mark
Reflexion an Hand des Textes „Wir verstehen die Geschichte der Moderne
nur mit den Behinderten vollständig“ von Klaus Dörner
Anwendung des Normalisierungsprinzips von B. Nirje/B. Perrin

3. Die Nikolauspflege und die Empfehlungen zur sonderpädagogischen Förderung

4. Vergleich der Lebenshilfe Heidenheim mit dem „FIB“ unter den Aspekten des Normalisierungsprinzips

5. Resümee

6. Veränderungen in meinem eigenen Bild von behinderten Menschen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Integration wird heute immer bedeutender, da die Zahl an ausländischen Mitbürgern stetig ansteigt, und auch die Anzahl der immer älter werdenden Menschen weiter zu- nimmt. Auch im Sinne behinderter Menschen gewinnt Integration immer weiter an Bedeutung. Unter ihr versteht man die Einbeziehung und Eingliederung bestimmter Menschengruppen in ein größeres Ganzes, hier entsprechend die Gesellschaft (vgl. DUDEN, 2005: S. 465). Integration ist ein langsamer Prozess innerhalb des deut- schen Sozialstaatsprinzips.

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit der Lebenssituation von Menschen mit Be- einträchtigungen im Spannungsfeld von Aussonderung und Integration. Hierzu werde ich die von mir im Rahmen des Studiums besuchten Einrichtungen einbeziehen und die Erfahrungen an Texten aus der Lehrveranstaltung reflektieren. Alle Institutionen der Behindertenhilfe verstehen Integration unterschiedlich. Dem- entsprechend setzen sie diese auf ihre Weise um. Auf Grund der vielfältigen Organi- sationsformen, habe ich mich auf solche beschränkt, die allgemein bekannt sind und im ständigen Interesse der Öffentlichkeit stehen. Demnach habe ich eine Psychiatrie (Klinik Hohe Mark), eine Sonderschule (Königin Olga-Schule), die Lebenshilfe Hei- denheim und ein relativ neues Konzept vom Verein zur Förderung der Integration Behinderter e.V. (FIB) kennen gelernt. Um die Erfahrungen sichtbar zu machen, be- diene ich mich verschiedener Texte. Ich beginne hierbei mit dem auf die Vergangen- heit bezogenen Aufsatz „Wir verstehen die Geschichte der Moderne nur mit den Be- hinderten vollständig“. Gehe weiterführend auf den Text zum Beschluss der Kultus- ministerkonferenz von 1994 „Die Empfehlungen zur sonderpädagogischen Förde- rung“ ein und zeige auf warum die Sonderschulen fähig sind diese Richtlinien zu be- folgen und weshalb Regelschulen damit Schwierigkeiten haben. Um dies zu veran- schaulichen, ziehe ich den Text „Zur bildungspolitischen Dimension der Integration“ hinzu. Ob die von mir besuchten Institutionen schlussendlich fähig sind „Normalität“ zu schaffen, wird sich anhand des Normalisierungsprinzips zeigen. Anschließend gehe ich kurz auf das Menschenbild im Sinne des Behinderungsbegrif- fes ein, indem ich einige Aspekte des Textes „Die Behinderung liegt im Auge des Betrachters“ von Lindemann/Vossler schildere. Schlussendlich schließe ich mit der Erörterung der zweiten Fragestellung, inwiefern sich bei mir selbst etwas im Bild von behinderten Menschen verändert hat ab.

2. Hospitation in der Klinik Hohe Mark

2.1 Reflexion an Hand des Textes

„ Wir verstehen die Geschichte der Moderne nur mit den Behinderten vollständig “ von Klaus Dörner Erbaut wurde die Klinik „Hohe Mark“ im Jahre 1904 in Oberursel, anfangs allein für den Hochadel, um dem Menschen Genesung zu bringen und ihn zu lehren wie man gesund bleibt (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 19). 1933 wurde die leer stehende Kuranstalt vom heutigen Träger, der Deutschen Gesellschaft Diakonieverband Mar- burg e.V. erworben (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 21). Die Diakonissen prägten die Klinik mit der Vorstellung einer seelsorgerlichen Begleitung von psychisch kran- ken Menschen (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 14). Im zweiten Weltkrieg wurde die Kuranstalt zum Reservelazarett umgestaltet. Somit wurde verhindert, dass die Hohe Mark in das später von den Nationalsozialisten einsetzende Euthanasiepro- gramm psychisch Kranker einbezogen wurde. Es gelang der Klinikleitung durchzu- setzen „Zivilkranke“ zunächst in kleiner, später auch in größerer Anzahl weiter be- handeln zu dürfen (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 22). Die gute Beziehung zu der Besatzungsmacht USA machte es möglich 400 Patienten mit Nahrungsmitteln zu versorgen (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 22). Ab 1971 entstanden verschiedene Therapiemöglichkeiten, wie beispielsweise die Beschäftigungs-, Gestaltungs- oder Arbeitstherapie, mit zunächst internen und später auch externen Arbeitsplätzen in den Betrieben von Oberursel. Diese Therapie machte es den Patienten leichter, schon während ihres Klinikaufenthaltes, sich auf die Anforderungen des Arbeitslebens ein- zustellen (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 26). Außerdem machte die heute so ge- nannte „Belastungserprobung“, durch gezielte Wochenendbeurlaubungen, den Pati- enten die vorhandenen Konfliktfelder zu Hause wieder erlebbar (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 26). Seit 1980 organisiert die Klinik jährlich Tage der offenen Tür und Führungen nach dem Sonntagsgottesdienst, um Öffentlichkeitsarbeit zu leisten (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 26).

Ein besonderes Augenmerk ist hierbei auf die bereits angesprochene Problematik der Arbeit mit psychisch Kranken im Zeitalter der Industrialisierung zu richten. Dieses hat die Klinik Hohe Mark auf andere Weise geprägt als zu dieser Zeit typisch. Klaus Dörner erklärt mit Bezug auf Kocke, dass durch die Industrialisierung, Aufklä- rung und den Kapitalismus die Arbeit, Leistung und der Respekt gegenüber Bildung und Wissenschaft hochgeschätzt wurde (vgl. Dörner, 1994: S. 369). Dieser Prozess führte nach Dörner zum sozialen Urknall, was soviel bedeutete, wie dass die Hausge- sellschaft in drei unterschiedliche Segmente zerbrach (vgl. Dörner, 1994: S. 371): Leben, Wohnen und Arbeiten war in ein und derselben Hausgesellschaft nicht mehr möglich. Es entstand das Wirtschafts- oder Produktionssystem, das Sozialsystem und die Kleinfamilie (vgl. Dörner, 1994: S. 372 f.). Da die Schwächeren nicht annä- hernd so produktiv sein konnten, wollte man diese aussondern. Um sie nicht sich selbst zu überlassen, gründete man Irrenanstalten, Anstalten für geistig Behinderte, Krüppelheime, Gefängnisse, Kindergärten, Alten- und Pflegeheime (vgl. Dörner, 1994: S. 374). Ende des 19. Jahrhunderts wurden Behinderte oder anders Benachtei- ligte vollständig aus der Gesellschaft ausgegrenzt, mit indem sie als „Minderwertige“ oder „Untermenschen“ bezeichnet wurden (vgl. Dörner, 1994: S. 379).

Zu dieser Zeit wurde die Klinik Hohe Mark eröffnet. Behinderte Menschen wurden innerhalb des Gesellschaftsgefüges als „Ballastexistenzen“ (Dörner, 1994: S. 380) gesehen und die Mehrheit der Menschen glaubte, man tue ihnen mit dem Gnadentod etwas gutes (vgl. Dörner, 1994: S. 380). Das eigentliche Anliegen der Gesellschaft war aber ein anderes. Dahinter stand die Idee eine glückliche, gesündere und soziale- re Gesellschaft zu schaffen, indem man die „defekten Untermenschen“ beseitigt (vgl. Dörner, 1994: S. 381). Selbiger Denkprozess führte letztendlich zum Versuch der „Endlösung“ der Sozialen Frage. Die Nationalsozialisten fügten nur noch die radikale Umsetzung hinzu, um die „Leistungs- und Glücksmaximierung“ zu erlangen (vgl. Dörner, 1994: S. 383). Die Klinik Hohe Mark konnte dieses Ausmaß an Zerstörung von Menschenleben innerhalb der eigenen Einrichtung verhindern. Ihr Leitbild war ein anderes als nur die bloße Verwahrung.

Da es sich bei der Klinik Hohe Mark um eine konfessionelle Klinik handelt, stellt die Seelsorge einen wichtigen Aspekt dar. Sie sieht das Leben allein in Gottes Hand liegen, weswegen auch kein Leben von den Menschen als lebensunwert bezeichnet werden kann (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 6). Dem liegt ein gänzlich anderes Menschenbild als das der Nationalsozialisten zu Grunde.

Durch die ganzheitliche Behandlung und die Wertschätzung der Patientinnen und Patienten versucht die Klinik einen wichtigen Beitrag zu leisten, um der immer noch vorhandenen Stigmatisierung psychisch kranker Menschen entgegenzutreten. (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 12).

2.2 Anwendung des Normalisierungsprinzips von B. Nirje/B. Perrin

Des Weiteren stellt sich mir die Frage in wie weit das Normalisierungsprinzip bei meiner Hospitation in der Klinik Hohe Mark und speziell in der dortigen Gerontopsychiatrie Anwendung findet.

Sollte man den Beschreibungen des Landrates Glauben schenken können, dann wür- de in den letzten Jahren im Hochtaunuskreis nach den Prinzipien „ambulant vor stati- onär“, „Normalität schaffen“ und „Integration in die Gemeinde“ ein bedarfsgerechtes und bürgernahes Netz an gemeinde-psychiatrischen Angeboten aufgebaut worden sein (vgl. Klinik Hohe Mark, 2004: S. 15). Obwohl die Klinik etwas außerhalb liegt, gibt es eine gute U-Bahn-Anbindung nach Oberursel und auch nach Frankfurt. Gera- de die Ruhe und die große Parkanlage gibt den Patienten etwas was sie brauchen - Zeit für sich. Innerhalb des Klinikums bestehen verschiedene Arbeitsbereiche, wie die Allgemeine Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Suchtmedizin, die Akutpsychiatrie und Psychotherapie, aber auch spezielle Therapieangebote, wie Ergo-, Musikthera- pie, so wie der Soziale Dienst. Dies alles erstreckt sich auf unterschiedliche und meh- rere Häuser. Dies entspricht dem Normalisierungsprinzip, das besagt, dass Wohnen, Arbeiten und Freizeitgestaltung nicht im selben Gebäude abgehalten werden sollten, sondern räumlich getrennt von einander stattfinden möge (vgl. Nirje; Perrin, 1999: S. 11). Allerdings bleibt zu kritisieren, dass all diese Angebote zwar räumlich getrennt, aber doch insgesamt auf dem Gelände des Klinikums stattfinden.

In der Klinik Hohe Mark ist ein normaler Tages-, Wochen- und Jahresablauf im Sin- ne des Normalisierungsprinzips nur teilweise vorgegeben. Der Patient hat zwar die Möglichkeit der Routine zu entfliehen, allerdings stößt dies zunehmend auf Ableh- nung und es wird praktisch ständig überprüft, was der Einzelne jeweils macht. Mög- lichkeiten zum Alleinsein findet der Patient während den Spaziergängen und -in be- grenzter Form- auf seinem Zimmer. Die Patienten werden in „Ausgehstufen“ einge- teilt, die darüber Auskunft geben, ob sie alleine spazieren gehen dürfen, nur in Be- gleitung von Personal oder gar nicht. Außerdem liegen aus Platz- und Sicherheits- gründen fast immer zwei Patienten auf einem Zimmer. Die Patienten sollten sich an die Essenszeiten und Teepausen halten und können sich auch nicht aussuchen was sie essen möchten, sondern bekommen vorgefertigte Mahlzeiten serviert. Da die Patien- ten aber in der Regel nur maximal 36 Tage in der Klinik verbringen, scheint dies nicht so dramatisch zu sein. Es herrscht keine passive Monotonie, wie im Normalisie- rungsprinzip beschrieben. Es werden verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten an- geboten, von Therapien bis zu sportlichen Aktivitäten, wie beispielsweise speziell in der Gerontopsychiatrie die „Hockergymnastik“. Weiterhin wird darauf geachtet, dass das Toilettentraining jeden Tag eingehalten wird, wie im Normalisierungsprinzip an- geführt wird (vgl. Nirje; Perrin, 1999: S. 10). Unter einem normalen Jahresablauf verstehen Nirje und Perrin, die Einhaltung von Ferien, Feiertagen und Urlaub, wie auch die Verdeutlichung des Jahreszeitenwechsels. Auf der Gerontopsychiatrie wird hierauf viel Wert gelegt. Es werden die Geburtstage und religiöse Feiertage gefeiert; durch Angebote wie Wandern wird die Natur erforscht und der Jahreszeitenablauf untermalt. Durch die Belastungserprobung bekommen die Patienten Wochenendbeur- laubungen. Dadurch werden Kontakte zur Familie erhalten, die für die älteren Patien- ten von großer Bedeutung sind. In der wöchentlichen Gruppenvisite, an der die Pati- enten, Ärzte und Pfleger teilnehmen, wird auf jeden Patienten eingegangen, nach sei- nem Wohlbefinden gefragt, ob er bestimmte Wünsche oder Bitten hat, die in Abspra- che mit den Ärzten erfüllt werden können. Hierfür wäre ein mit Kompromissen ver- sehener Einkaufsbummel in Oberursel anzuführen. Dies trägt zur Erhaltung der Selbstständigkeit bei. Außerdem wird durch die Gruppenvisite die Einbindung in die Gruppe gefördert und die Isolation aufgehoben, was beinahe als „Soziale Integration“ (Nirje; Perrin, 1999: S. 26) zu betrachten ist. Die „Räumliche Integration“ (Nirje; Perrin, 1999: S. 26) ist in der Klinik Hohe Mark leider nicht vorzufinden, da sie doch außerhalb der Stadtgrenze. Gegen Ende des Aufenthaltes des einzelnen Patienten be- urteilt der Soziale Dienst ob der Patient noch in der Lage ist selbstständig zu leben und ambulant betreut zu werden oder ob ein Aufenthalt in einem Altenheim angeregt werden sollte. Somit ist auch die „Persönliche Integration“ (Nirje, Perrin, 1999: S. 26 f.) in Ansätzen zu erkennen.

Aus all meinen Hospitationen war subjektiv herauszuhören, dass die Einrichtungen über zu wenig Personal verfügen. Dies hat zur Folge, dass sie nicht so auf den Patien- ten eingehen können, wie es vielleicht nötig wäre und wie dies die Einrichtungen gerne gewährleisten würden. Allerdings bemüht sich das Personal in der Gerontopsy- chiatrie um innerbetriebliche Fortbildungen, um so kompetent wie möglich zu arbei- ten. Es findet einmal im Monat Supervision statt, um Probleme mit den Patienten, aber auch im Team zu diskutieren. Zusammenfassend bemüht sich die Klinik Hohe Mark, ein Stück weit Normalität zu schaffen, die Selbstständigkeit der Patienten zu fördern und Integration zu ermöglichen. Dennoch bleibt sie eine Anstalt, in der Selbstbestimmung insgesamt nicht ermöglicht werden kann.

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Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640943760
ISBN (Buch)
9783640943616
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173996
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
1,30
Schlagworte
lebenssituation beeinträchtigungen aussonderung integration
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Titel: Reflexion der Lebenssituation von Menschen mit Beeinträchtigungen im Spannungsfeld von Aussonderung und Integration anhand von Beispielen aus den Hospitationen