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Theorie der kulturellen Reproduktion nach Pierre Bourdieu

Der Einfluss kulturellen Kapitals auf Bildungschancen

Hausarbeit 2007 15 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Bourdieus Theorie kultureller Reproduktion
2.1 Das kulturelle Kapital
2.2 Kapitaltransformationen
2.3 Kulturelles Kapital und soziale Ungleichheiten im Bildungssystem

3. Empirische Untersuchungen
3.1 Kulturelles Kapital und Bildungsaspiration
3.2 Kulturelles Kapital und Schulerfolg
3.3 Kulturelles Kapital und Reproduktion von Führungskräften im französischen Unternehmensbereich

4. Fazit

5. Literatur

1. Einführung

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu strebte schon zu Beginn seiner Arbeit als Sozialwissenschaftler nach einer Form des Eingreifens in die soziale Welt. Auf der Grundlage empirischer Forschung, soll es dem Soziologen gelingen, Misstände in den gesellschaftlichen Verhältnissen aufzuzeigen. Damit verbunden ist für Bourdieu immer die Möglichkeit der Reform, die aktive Bemühung um den Abbau von sozialer Ungleichheit, Not und Elend (Münch 2004, S. 417). Denn Bourdieu versteht seine Aufgabe vielmehr als engagierter Intellektueller, der sich angesichts kultur-und sozialpolitischer Probleme der Teilnahme an konstruktiven Diskussions- und Gestaltungsprozessen verpflichtet fühlt (Schwingel 2000: 8). Die sozial verantwortliche Mitgestaltung der Welt war dem verstorbenen Globalisierungskritiker Anliegen, der seine theoretischen Ansätze lieber angewandt als ausdiskutiert gesehen hätte (Schwingel 2000: 8ff).

Die bildungssoziologsichen Erkenntnisse und Theorien Pierre Bourdieus sollen Gegenstand dieser Arbeit werden. Sie analysieren die Reproduktion sozialer Ungleichheiten durch das Bildungssystem. Dabei soll seiner Theorie der kulturellen Reproduktion besondere Aufmerksamkeit zukommen, die durch die international und periodisch vergleichbaren Ergebnisse der PISA-Studien aus dem Jahre 2000 und 2003 neue Aktualität erfährt. Einführend sei festgehalten, dass Bildung in modernen Gesellschaften zur wichtigsten Größe für materiellen Wohlstand avanciert (Hradil 2001: 148f). Vor allem in Bezug auf soziale Ungleichheiten ist Bildung eine Determinante von weitreichender Bedeutung, die als Indikator sozialer Differenzierung dient. Die Ergebnisse der Untersuchungen des 'Programme for International Student Assessment' der OECD bestätigen die Effekte sozialer Herkunft auf Bildungschancen in der Bundesrepublik Deutschland. Kompetenzerwerb in den Pflichtbildungssystemen Deutschlands ist maßgeblich auf soziale Herkunft zurückzuführen. So sind in keinem der 32 untersuchten Staaten die Unterschiede zwischen der mittleren Lesekompetenz von 15-Jährigen aus Familien des unteren und oberen Quartils der Sozialstruktur so signifikant wie in Deutschland (Baumert, Schümer: 383f). Die folgende Arbeit geht der Frage nach, aus welchem Grund und inwiefern die soziale Herkunft als ausschlaggebend für Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg angesehen werden kann.

Dabei wird zu Beginn der Arbeit die Bedeutung der Bildungsexpansion für den sozialpolitisch angestrebten Abbau sozialer Ungleichheiten im Bildungssystem untersucht.

Anschließend sei Bourdieus Theorie der kulturellen Reproduktion dargestellt. Wobei die Reproduktion kulturellen Kapitals und deren Implikationen für die Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheit im und durch das Bildungssystem im Vordergrund steht.

Bourdieus Konzepte sind Grundlage der Erklärung bestehender Ungleichheiten der Bildungschancen und der Bedeutung der Ressourcen des Einzelnen im Bildungssystem sowie der Bedeutung des Bildungssystems für die Verteilung von Chancen.

Nach der theoretischen Ausarbeitung Bourdieus Konzepte der kulturellen Reproduktion folgt die Darlegung ausgewählter empirischer Untersuchungen. In der Tradition der Soziologie Bourdieus soll versucht werden, einerseits durch empirische Studien einen anschaulichen Einblick in die Theorie zu gewähren, andereseits konkrete Ansätze bourdieuscher Bildungssoziologie in der Praxis zu liefern.

2. Bourdieus Theorie kultureller Reproduktion

Bourdieu entwickelte die Theorie der kultururellen Reproduktion, um die Permanenz der sozialen Ungleichheit aufgrund sozialer Herkunft nachhaltig erklären zu können. Bourdieu geht davon aus, dass das Bildungssystem dem Anspruch einer optimalen Selektion nach Leistungskriterien und dem daraus folgenden, an der meritokratischen Logik orientierten, Statuserwerb nicht erfüllen kann. Im Gegenteil, ob die formal gegebenen Bildungschancen von dem Einzelnen genutzt und Bildungszertifikate erfolgreich erworben werden können, ist mehr denn je abhängig von leistungsbezogenen Kriterien wie der sozialen Herkunft der Kinder und der sozialen Beziehungen deren Eltern. Zweifelsfrei kann dabei nicht von sozial gerechter Chancenverteilung gesprochen werden (vgl. Geißler 1999: 89f). So besagt Bourdieus zentrale Annahme, dass das Bildungssystem, „gewollt oder nicht gewollt, die eigentliche Funktion der Stabilisierung des Systems der sozialen Ungleichheit [hat]“ und „selbst ein wichtiger Teil im Gesamtsystem der Reproduktion von Macht [ist]“ (Ditton 1992: 57). Die mit ungleichen sozialen und kulturellen „Startkapitalien“ ausgestatteten Kinder werden im Bildungssystem nach ihrer sozialen Herkunft sortiert, sodass für Bourdieu die Funktion des Bildungssystems nicht darin besteht, allen Kindern einen gleichen und gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem zu geben, sondern darin, die bestehende Sozialordnung bzw. Ungleichheitsordnung zu reproduzieren (Fuchs-Heinritz/ König 2005: 42).

Bildungsreformen, wie sie im Zuge der Bildungsexpansion folgten, implizieren zwar eine Erhöhung der Bildungsbeteiligung und somit den gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem, jedoch greifen dauraufhin Kriterien, die sich nicht auf formale Bildungstitel stützen, um einen Status Quo zu erhalten, der Zugänge zu höheren Schichten verschließt. Bourdieu spricht hier gar von sozialdemokratischen Träumen, die ad absurdum geführt werden (Bourdieu 2006: 8).

Auch Rainer Geißler sieht die soziale Selektivität des Bildungssystems ungebrochen. Aufgrund der Bildungsexpansion konnten zwar Kinder aller Schichten verstärkt mittlere oder höhere Bildungsabschlüsse durch den Besuch von Realschulen, Gymnasien, Hochschulen etc. erwerben - ihr Bildungskapital damit vermehren. Dies kann aber sozialstrukturell lediglich als „Fahrstuhleffekt“ (Geißler 1999: 85) bezeichnet werden. Das heißt, die Ungleichheiten wurden dadurch nicht abgebaut, sondern das Bildungsniveau der Gesellschaft hat sich insgesamt erhöht. Gleichzeitig erfahren Bildungsabschlüsse eine „Entwertung“, die sich dahingehend äußert, dass mit einem Bildungszertifikat des selben Niveaus nur noch Berufspositionen mit durchschnittlich weniger Statuschancen, also Einkommen, Einfluss, Arbeitsqualität, Prestige erworben werden können. In diesem Zusammenhang wird von einem „Paradox der Bildungsexpansion“ gesprochen (Geißler 2002: 58). Schichtspezifische Ungleichheitsstrukturen, d.h. ungleiche Chancen aufgrund der sozialen Herkunft bestehen weiterhin und sind auch in der heutigen Gesellschaft nicht aufgelöst.

2.1 Das kulturelle Kapital

Im Zuge seiner Theorie der kulturellen Reproduktion unterscheidet Bourdieu im Wesentlichen drei Kapitalsorten: das ökonomische Kapital, das kulturelle Kapital und das soziale Kapital. Die unterschiedlichen Kapitalarten stellen gesellschaftliche Ressourcen dar, die die Möglichkeit bieten sich unter strategischem Einsatz begehrte Güter anzueignen. Deren Verteilung ist dabei entsprechend individuell zu bestimmen.

In einem bestimmten sozialen Feld, beispielsweise im Feld der Wissenschaft, haben bestimmte Kapitalien, z.B. Bildungskapital in Form von Titeln, einen hohen Tauschwert. Durch die unterschiedliche Verfügung der verschiedenen Kapitalarten und deren Akkumulationen werden die sozialen Positionen und die Lebenschancen im sozialen Raum bestimmt, d.h. es ist nicht für jeden alles in gleichem Maße möglich (Bourdieu 1983: 183).

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Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640942664
ISBN (Buch)
9783640942671
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173952
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Soziologie I
Note
1,3
Schlagworte
theorie reproduktion pierre bourdieu einfluss kapitals bildungschancen

Autor

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Titel: Theorie der kulturellen Reproduktion nach Pierre Bourdieu