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Erzählperspektiven in Günter Kunerts Kurzgeschichte "Die Beerdigung findet in aller Stille statt" - eine Funktionsanalyse

Seminararbeit 2002 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Erzählperspektiven in der Kurzgeschichte ‚Die Beerdigung findet in aller Stille statt’
2.1. Die Perspektive
2.2. Der personale Erzähler
2.3 Der auktoriale Erzähler

3. Schluss

1. Einleitung

Die Kurzgeschichte ‚Die Beerdigung findet in aller Stille statt’ ist eine Form des Schaffens von Günter Kunert, dessen Werk laut Manfred Keune wie „eine laufende poetische Beobachtung, Reflexion und Kommentierung unserer Welt und ihren fundamentalen historischen, politischen und menschlichen Problemstellungen“1 ist. Die Kurzgeschichte mit dem Titel ‚Die Beerdigung findet in aller Stille statt’ steht im Kontext menschlicher Problemstellungen. Die folgende Analyse soll demonstrieren, wie die Kurzgeschichte mittels eines Realitätsausschnittes menschliche Problemstellungen formuliert. Die zitierte poetische Beobachtung soll anhand einer Erzählanalyse dokumentiert werden. Dabei wird im folgenden die spezifische Erzählsituation der Kurzgeschichte untersucht. Beginnend mit der Einführung in den Diskurs der literarischen Erzählformen bzw. Erzählperspektiven soll im Anschluss unter Klärung der für die Kurzgeschichte konstitutiven Erzählperspektiven, deren Funktion für die Wahrnehmung und die Betrachtungsweise des Lesers erörtert werden.

2. Die Erzählperspektiven in der Kurzgeschichte ‚Die Beerdigung findet in aller Stille statt’

2.1. Die Perspektive

Ein Charakteristikum der Geschichte, ob kurz oder lang, ist die Art und Weise wie sie erzählt wird. Robert Scholes und Robert Kellogg beschreiben dieses Charakteristikum wie folgt:

By definition narrative art requires a story and a story teller. In the relationship between the teller and tale, and that other relationship between the teller and the audience, lies the essence of narrative art.2

Mit anderen Worten, eine Geschichte besteht aus dem Erzählstoff und einem Erzähler, der diesen Erzählstoff formuliert. Der Erzähler fungiert als vermittelnde Instanz zwischen dem Erzählten und dem Zuhörer bzw. dem Leser. Dadurch wird eine Beziehung zwischen Erzähler und Leser aber auch zwischen Erzähler und Erzählung geschaffen.

Ziel der folgenden Untersuchung der Kurzgeschichte von Günter Kunert ist es, die genannten Beziehungen zwischen Erzähler und Leser und zwischen Erzähler und Erzählung in dieser Kurzgeschichte zu bestimmen, um somit im Anschluss charakteristische Funktionen der zuvor bestimmten Relationen aufzuzeigen. Die jeweiligen Relationen werden durch die sogenannte Erzählsituation festgelegt. Die Literaturwissenschaft unterscheidet mehrere Erzählsituationen. Grundsätzlich differenziert man zwischen der personalen, der auktorialen und der Ich – Erzählsituation.3 Jede dieser Erzählsituationen zeichnet sich durch einen unterschiedlichen Grad der Subjektivität aus. Der Grad der Subjektivität bestimmt die epische Distanz zwischen dem Erzähler und den Geschehnissen und den Figuren der Erzählung. In einer Erzählung, in der die Ich – Erzählsituation dominiert, sind Erzähler und Handlungsfigur identisch. Das heißt der Erzähler ist zugleich Subjekt der Handlung. Der personale Erzähler berichtet aus der Figurenperspektive. Er schildert die Gedanken, Aussagen und Gefühle von Figuren aus deren Blickwinkel. Dadurch gewinnt der Leser den Eindruck der Unmittelbarkeit von Erzähltem oder anders ausgedrückt mit den Worten von Jochen Vogt:

Vielmehr entsteht beim Leser der Eindruck, ein vor seinen Augen

ablaufendes Geschehen zu betrachten, sich auf dem Schauplatz des

Geschehens selbst zu befinden.4

Die auktoriale Erzählsituation ist gekennzeichnet durch die epische Distanz zwischen Erzähler und Figuren. Der auktoriale Erzähler berichtet von einem überlegenen, höhergestellten Standpunkt aus. Die bewertende und kommentierende Erzählweise, die die epische Distanz zwischen Erzähler und Figuren evoziert, ist in dieser Erzählsituation dominierend. Der auktoriale Erzähler tritt ganz deutlich als vermittelnde Instanz in Erscheinung.

Aus der epischen Distanz bzw. dem Erzählwinkel resultiert auch die Beziehung zwischen dem Leser und der Erzählung und den darin vorkommenden Figuren. Der Erzählwinkel konstituiert den Grad des Einfühlungsvermögens, der Erfahrbarkeit der Figuren und ihren Handlungen seitens des Lesers. Er bestimmt das Maß der Einbeziehung in die Handlung bzw. den Umfang des Mit- und Nachdenkens, der Wahrnehmung und Wertung des Lesers. Bei der Betrachtung der Kurzgeschichte ‚Die Beerdigung findet in aller Stille statt’ fällt auf, dass die Erzählsituation nicht konstant ist. Vielmehr alterniert der Text zwischen zwei Erzählsituationen. Auf der einen Seite findet man die für die Kurzgeschichte häufig verwendete personale Erzählsituation vor. Auf der anderen Seite ist der auktoriale Erzähler für diese Kurzgeschichte sehr charakteristisch.

Die zwei folgenden Kapitel sollen klären welche erzähltechnischen Merkmale auf die jeweilige Erzählsituation schließen lassen und demonstrieren welcher Art die Relationen von Erzähler, Erzähltem und Leser sind und deren Intensität und Funktion für das Leseverhalten hinsichtlich des dargestellten Geschehens bestimmen.

2.2. Der personale Erzähler

Günter Kunert postuliert in ‚Versuch über meine Prosa’, dass:

Unsere sogenannten zwischenmenschlichen Beziehungen seit dem ersten

Drittel unseres Jahrhunderts durch zwei Aspekte bestimmt sind: Anonymität

und Verdinglichung. [...] Wir begegnen einander nur funktional, emotional

unbeteiligt, als zwei Gegenstände, zugunsten einer überlagernden

Funktionsebene kurzfristig miteinander beschäftigt.5

Eine spezifische Demonstration erfährt diese Aussage Kunerts in dessen Kurzgeschichte mit dem Titel ‚Die Beerdigung findet in aller Stille statt’. Eine von Funktionalität und Emotionslosigkeit geprägte Ehe erfährt ihr Ende durch den plötzlichen Unfalltod der Ehegattin:

Steif gefaltete Mienen: Ergebnis unnatürlicher Mühen, etwas fehlendes

sichtbar zu machen: das Mitleid. Zu jedem dieser künstlich betroffenen

Gesichter gehört unabdingbar eine ausgestreckte, zu mitfühlendem Druck

bereite Rechte und eine gedämpfte Stimme, Kondolationen haspelnd betreffs

des unerwarteten Ablebens der Gattin, der Gemahlin, der Else Schöngar,

geborene Pilowski, deren Witwer das vorgetäuschte, vielleicht sogar echte

Bedauern abkürzt durch Entzug seiner verlegenheitsfeuchten Hand und den

Hinweis, die Beerdigung fände in aller Stille statt. Von Blumenspenden bitte

man abzusehen. In tiefer Trauer - Konrad Schöngar.6

[...]


1 Keune, Manfred: Günter Kunert. Konturen seines literarischen Werkes. In: Kunert – Werkstatt.
Materialien und Studien zu Günter Kunerts literarischem Werk. Hrsg. Von Manfred Durzak/
Manfred Keune. Bielefeld: Aisthesis Verlag 1995. S. 34.

2 Scholes, Robert, Kellogg, Robert: Nature of Narrative. London: Oxford University Press 1966. S. 240.

3 Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie. 7. Auflage. Opladen: Westdeutscher Verlag 1990. S. 49ff.

4 Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. S. 50.

5 Kunert, Günter: Warum schreiben? Notizen zur Literatur. Berlin: Aufbau Verlag 1976. S. 228f.

6 Kunert, Günter: Die Beerdigung findet in aller Stille statt. In: Die Schreie der Fledermäuse.

Gedichte, Geschichten, Aufsätze. Frankfurt am Main: Ullstein 1981. S. 129.

Details

Seiten
13
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638219778
ISBN (Buch)
9783638796668
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17390
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – FB Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Erzählperspektiven Günter Kunerts Kurzgeschichte Beerdigung Stille Funktionsanalyse

Autor

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