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Personzentrierung in der umweltpsychologisch orientierten Nachhaltigkeitsberatung

Ein Mehrwert für sozial-ökologische Zukunftsbeständigkeit?

Masterarbeit 2011 83 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1 Einführung

2 Wozu Nachhaltige Entwicklung?
2.1 Bisherige Hemmnisse bei der Umsetzung Nachhaltiger Entwicklung
2.2 Notwendigkeit einer psychologischen Perspektive

3 Gegenstand der umweltpsychologischen Nachhaltigkeitsberatung
3.1 Mensch-Umwelt-Beziehung
3.2 Matthies Integratives Einflussschema Umwelt schonenden Verhaltens
3.3 Bedarf, Themen und Anforderungen an eine umweltpsychologisch orientierte Beratung im Kontext Nachhaltiger Entwicklung

4 Aspekte der Personzentrierten Beratung
4.1 Menschenbild, Ziele und Persönlichkeitstheorie – für die Nachhaltigkeitsberatung relevante Schlüsselbegriffe
4.1.1 Problemwahrnehmung, Selbstkonzept und Inkongruenzerleben
4.1.2 Selbstverwirklichungstendenz und die fully functioning person
4.1.3 Beziehungsgestaltung, Selbstbestimmung und Ressourcen
4.2 Themen, Anwendungsbereiche und Praxis
4.3 Der Personzentrierte Ansatz in der Umweltberatung?

5 Umweltpsychologische und personzentrierte Beratung – ein ungleiches Paar auf Erfolgskurs?
5.1 Parallelen und Ergänzungspotenzial
5.1.1 Gemeinsame Themen, Ansprüche und Begriffsbestimmungen
5.1.2 Strategien aus der (umwelt)psychologischen Interventionsforschung
5.1.3 Methodische, soziale und reflexive Kompetenzen
5.1.4 Personzentrierte Wirkweisen als hilfreiche Erweiterung in der umweltpsychologisch orientierten Nachhaltigkeitsberatung
5.2 Beziehungsfähig - das Beispiel Wohnen in Gemeinschaft
5.3 Unterschiede und Grenzen

6 Zusammenfassung, Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

Der Ansatz von Carl R. Rogers, früher als nicht-direktive oder klientenzentrierte Psychotherapie oder einfach als Gesprächspsychotherapie bezeichnet, wird heute allgemein als Personzentrierter Ansatz angesehen, der sich u.a. für die Beratungsarbeit in vielfältigsten Lebens- und Tätigkeitsbereichen bewährt hat (vgl. Lück u.a., 2011, Rechtien u.a., 2010, Sander & Ziebertz, 2010, http://www.gwg-ev.org/).

Anliegen des Verfassers der Arbeit ist es, „den Personzentrierten Ansatz (PZA) in das Konzept einer umweltpsychologisch orientierten Nachhaltigkeitsberatung zu integrieren“. Er möchte zeigen, welche Kooperations- und Kombinationsmöglichkeiten zwischen beiden Konzepten bestehen und welchen Nutzen die Personzentrierte Beratung für die sozial-ökologische Zukunftsbeständigkeit hat. Bei dieser anspruchsvollen Zielsetzung kommen dem Verfasser sein früheres Studium der Sozialen Verhaltenswissenschaften und seine derzeitige berufliche Tätigkeit als freiberuflicher Umweltberater zugute.

Lenßen zeigt, dass Umweltberatung in Deutschland in erster Linie durch Personen erfolgt, die nicht Psychologen oder Sozialwissenschaftler sind. Solide Beratungskompetenz ist aber schon wegen der natürlichen Widerstände erforderlich, die beratene Personen und Institutionen natürlicherweise zeigen. Aktuelle Gebiete, in denen eine Personzentrierte Beratung hilfreich sein kann, werden dargestellt und diskutiert. Natürlich geht Lenßen innerhalb seiner Diskussion auch auf mögliche Grenzen ein.

Abschließend gibt der Verfasser ein Beispiel aus eigener Praxis, das deutlich macht, in welche Richtung Personzentrierte Beratung in der Umweltberatung gehen kann.

Die Darstellungsform ist glatt und geschliffen, hat – auch durch die Einbeziehung farbig gestalteter Schaubilder und Tabellen – nahezu den Charakter eines Lehrbuchs. Insgesamt liegt hier also eine gut lesbare Arbeit vor, die vom aktuellen Stand der Forschung ausgeht und zwei aktuelle Themen- und Forschungsbereiche sinnvoll verbindet.

Gern empfehle ich die Lektüre der Arbeit und wünsche mir, dass weitere Untersuchungen folgen, in denen geprüft wird, in welcher Weise der Personzentrierte Ansatz in der Umwelt- und Nachhaltigkeitsberatung genutzt werden kann.

Prof. Dr. Helmut E. Lück

Hagen, im Juni 2011

1 Einführung

„Die Menschheit steht an einem entscheidenden Punkt ihrer Geschichte“ (BMUNR, 1997, S. 9).

Die aktuellen gesellschaftlichen und ökologischen Probleme sind äußerst facettenreich - ihre Auswirkungen für uns und unsere Lebensgrundlagen gravierend. So prognostiziert bspw. das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) jüngst in seiner NRW-Studie vor allem die steigende Hochwassergefahr und häufigere Trockenheiten (MUNLV, 2009). Die Erwärmung begünstigt die Verbreitung von Krankheitserregern und Allergie auslösenden Pflanzen und bedingt Engpässe bei der Trinkwasserversorgung (Schwarz & Ernst, 2008). Hitzewellen sind insbesondere ein Risiko für ältere Menschen, außerdem steigt das Waldbrandrisiko. Bereits jetzt sterben jährlich weltweit fast 300 000 Menschen an den Folgen der Erderwärmung durch Mangelernährung, Obdachlosigkeit und Umweltschäden (Wille, 2009). Die Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen wird große Flüchtlingsströme und kriegerische Auseinander-setzungen auslösen.

Neben der Klimaverschiebung machen uns weitere Trends Sorgen: ungezähmter Kapitalismus und wachsende Anspruchssteigerung, Massenmotorisierung und die Kosten für Mensch, Natur und Volkswirtschaft, soziale Ungleichheit mit der Gefahr von Überschuldung, Armut und Krankheit, Zunahme von Gewalt (nicht nur) an Schulen (Keupp, 2009, Münch, 2009, UBA, 2008, Hüttenmoser, 2009, Isele, 2009, BMAS, 2008, KFN, 2009). Die Liste der Beeinträchtigungen ließe sich problemlos fortführen.

Innerhalb der letzten Jahrzehnte gab es unzählige wissenschaftliche Untersuchungen, Kongresse, Fachbeiträge, Kommissionen, Demonstrationen, (inter)nationale Abkommen, politische Gipfeltreffen, Proklamationen und andere Anstrengungen, um Expertenwissen zu bündeln, Lösungen zu finden und eine Nachhaltige Entwicklung im Sinne einer dauerhaft umwelt- und sozialverträglichen Zukunftsbeständigkeit in Gang zu setzen (vgl. etwa die Internetportale des Weltzukunftsrates, des Umweltbundesamtes, des Rats für Nachhaltige Entwicklung und des Bundesministeriums des Innern). Sogar Papst Benedikt XVI. mahnte im Juli 2009 mit seiner aktuellen Enzyklika eine humanere Weltordnung an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allerdings kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass die Schwierigkeiten hierdurch nicht weniger, die Sorgen nicht geringer wurden. Im Gegenteil: es werden mehr Straßen gebaut und der Autokauf subventioniert, Passagierflüge gibt es zu Billigtarifen, die Richtlinien für die Finanzmärkte werden gelockert, millionenschwere Boni an Verantwortliche der Wirtschaftskrise gezahlt, die Praxis der Emissions-zertifikate für die Industrie nicht konsequent angewandt, die Ziele des Kyoto-Protokolls von 1997 bleiben unerreichbar. Die beschriebene Ent-wicklung bestätigt erneut, dass das Risiko-Wissen um die Umwelt-zerstörung und die gesellschaftlichen Zumutungen bei weitem nicht ausreicht, um Verhalten tatsächlich

zu ändern (vgl. z. B. Hunecke, 2001, Kuckartz, 1998).

Über Jahre hinweg getätigte Stichproben - bezogen auf das o. g. Konglomerat an Aktionen für mehr Nachhaltigkeit - haben gezeigt, dass bei allem Bestreben um den Wandel sehr selten der Mensch im Mittelpunkt der Betrachtungen stand. Diese Psychologievergessenheit vernachlässigt, dass wir in dreifacher Weise in die gesellschaftliche und ökologische Misere involviert sind: wir sind sowohl Verursacher als auch Betroffene und Bewältiger der Krise (Kruse, 2006). Daher ist m. E. die explizite Berücksichtigung des menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns unabdingbar, um geeignete, effektive und auf Dauerhaftigkeit ausgerichtete Veränderungsstrategien zu generieren.

Mit den Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt befasst sich seit Jahrzehnten die Umwelt- oder Ökologische Psychologie. Sie erforscht und entwickelt z. B. Strategien zur Förderung sozial- und umweltgerechten Verhaltens und bietet somit ein erhebliches Potenzial für die inhaltliche Nachhaltigkeitsberatung (Lantermann & Linneweber, 2008.). Neben dem erwähnten Feld- und Methodenwissen bedarf es jedoch weiterer - sogenannter sozialer und reflexiver Kompetenzen, da eine wesentliche Herausforderung darin besteht, Personen möglichst vieler heterogener Gesellschaftsbereiche anzusprechen, zu sensibilisieren, dort abzuholen, wo sie stehen und mitzunehmen auf eine Reise zu mehr Nachhaltigkeit. Dabei gilt, sowohl das Alltagshandeln einzelner zu betrachten, als auch Verantwortliche und Gruppen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft sowie Multiplikatoren aus Wissenschaft und Verbänden zu erreichen und einzubeziehen. Ein Vehikel ist nötig, welches in erster Linie Vertrauen, Zuversicht und Entschlossenheit zu einer ernsthaften Veränderung ermöglicht. Gemeint ist ein bestärkendes Beziehungsangebot, wie es der Personzentrierte Ansatz nach Carl R. Rogers (2002) darstellt: situationsangemessen Kontakt herstellen, Bedürfnisse, Befürchtungen und Absichten der Akteure hören und verstehen, Ziele, Entscheidungen und Problemlösungswege gemeinsam fokussieren und entwerfen und vor allem eine wertschätzende, annehmende Interaktionsatmosphäre erzeugen.

Erfahrungen aus der eigenen Beratungspraxis haben gezeigt, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen einen ernormen Stellenwert für das Gelingen umweltpsychologischer Hilfeleistungen und letztendlich auch für die wirkungsvolle Umsetzung Nachhaltiger Entwicklung haben.

In Verbindung mit der Beratungstätigkeit kommt es immer wieder dazu, Nachhaltigkeit zu kommunizieren, Konflikte zu bearbeiten, Gruppen zu moderieren, Weiterbildung anzubieten und einzelne Akteure zu coachen. Daher versucht die vorliegende Arbeit den Personzentrierten Ansatz (PZA) in das Konzept einer umweltpsychologisch orientierten Nachhaltigkeitsberatung zu integrieren. Ziel ist es, aufzuzeigen, welche Kooperations- und Kombinationsmöglichkeiten zwischen beiden Konzepten bestehen und welchen Mehrwert die Personzentrierte Beratung für die sozial-ökologische Zukunftsbeständigkeit hat. Der Verfasser fragt, wo und wie der Personzentrierte Ansatz in der Umwelt- oder Nachhaltigkeitsberatung nützlich sein und sie ergänzen kann und geht innerhalb dieser Diskussion auch auf mögliche Grenzen ein.

Nachfolgend wird zunächst umrissen, was sich hinter dem Begriff Nachhaltige Entwicklung verbirgt, welche Anlässe zu einem veränderten Denken anregten und welcher Zweck mit der Umsetzung einer sozial-ökologischen Zukunftsbeständigkeit verfolgt wird. Ausschlaggebend für die wissenschaftliche Auseinandersetzung sind die Erfahrungen mit den Schwierigkeiten bei der Umsetzung prosozialer und -ökologischer Verhaltensweisen und die hieraus resultierende Begründung einer psychologisch orientierten Beratungspraxis (Punkt 2.1 und 2.2).

Kapitel drei befasst sich mit dem Gegenstand umweltpsychologischer Nachhaltigkeits-beratung als Ausgangspunkt für die Integration des personzentrierten Beratungsansatzes. Skizziert werden Ziele, Menschenbild und Zugänge einer Psychologie der Mensch-Umwelt-Beziehung (3.1), das Integrative Modell umweltgerechten Handelns von Matthies (3.2) und - in Anlehnung an die beraterische Praxis des Autors - Anforderungen an eine psychologisch fundierte Beratung für Nachhaltige Entwicklung (3.3).

In einem weiteren Schritt werden die, für eine Nachhaltigkeitsberatung bedeutsamen, Aspekte der Personzentrierten Beratung vorgestellt (Kapitel vier). Zentrale Begriffe beziehen sich sowohl auf das theoretische Verständnis des Selbstkonzeptes und des Problemerlebens (4.1.1) als auch auf die angenommene Tendenz eines jeden Menschen sich selbst zu aktualisieren (4.1.2) und auf die unterstützende Beziehungsgestaltung (4.1.3). Kapitel vier schließt mit der Aufstellung von Themen und Anwendungsgebieten aus der personzentrierten Beratungspraxis (4.2 und 4.3).

Die einleitende Fragestellung erstreckt sich auf den möglichen Mehrwert für die Nachhaltigkeitsberatung durch die Einbindung des personzentrierten Beratungsansatzes. Kapitel fünf untersucht somit die Erfolgsperspektiven dieser Kombination (5.1) und geht auf gemeinsame Themen und Zielvorstellungen ein (5.1.1). Die drei darauf folgenden Abschnitte (5.1.2, 5.1.3 und 5.1.4) befassen sich mit Strategien der in Frage stehenden Disziplinen und dem Integrationspotenzial konkreter Anwendungszugänge. Bevor Punkt 5.3 Unterschiede und Grenzen einer solchen Interessengemeinschaft aufzeigt, soll ein Praxisbeispiel aus dem Bereich Generationen übergreifendes Wohnen einen kurzen Einblick in die personzentriert umweltpsychologische Beratung geben. Der abschließende Ausblick geht knapp der Frage nach, auf welchem Weg der PZA in den Betrieb der Nachhaltigkeitsberatung diffundieren kann.

Die in der vorliegenden Arbeit durchgehend gewählte männliche Formulierung dient der einfacheren Lesart und ist keinesfalls diskriminierend gemeint.

2 Wozu Nachhaltige Entwicklung?

„Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ (Jonas, 1984, S. 36).

Gibt man die beiden Worte Nachhaltige Entwicklung in die Suchmaschine einer großen Düsseldorfer Buchhandlung ein, so erhält man mehr als 880 Buchtitel zum Thema. Es existieren mittlerweile weit über 5000 Definitionen für Nachhaltigkeit (de Haan & Gerhold, 2008, S. 5). D. h. der Begriff ist zweifellos in Gesellschaft, Bildung und Politik angekommen. Allerdings birgt der inflationäre Gebrauch die Gefahr der „… Überfrachtung des Konzepts mit verschiedenen Aufgaben …“ (vgl. de Haan & Gerhold, 2008, S. 5). Die Auseinandersetzung mit der Vielfältigkeit der Bedeutung von Nachhaltigkeit kann hier nicht fortgeführt werden. Interessierte finden im Schwerpunktheft Bildung für nachhaltige Entwicklung der Fachzeitschrift Umweltpsychologie (2008) bemerkenswerte Ausführungen (vgl. auch Michelsen & Godemann, 2005).

Im gegenwärtigen Kontext wird eine Entwicklung dann als nachhaltig definiert, „… wenn sie dauerhaft umweltgerecht, sozialverträglich und wirtschaftlich tragfähig ist und die Partizipation gesellschaftlich wichtiger Gruppen fördert …“ (de Haan & Gerhold, 2008, S. 5, BMUNR, 1997). Gemäß der, auf der internationalen Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro verfassten Deklaration (Agenda 21) meint der Begriff (der eigentlich der Forstwirtschaft entstammt und der Idee entspricht, dass in einem Wald nicht mehr Bäume gefällt werden dürfen, als nachwachsen können) „… sich selbst tragende Entwicklungsprozesse, die zum einen keiner permanenten Unterstützung ... von außen bedürfen, zum anderen die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können …“ (Altmann, 1997, S. 122). Die Kriterien werden im Kasten unten zusammenfassend dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Phänomene des globalen Umweltwandels sind Degradation natürlicher Ökosysteme (z. B. durch Bodenversiegelung und toxische Belastungen), Verlust an Biodiversität (aufgrund von Abholzung und Monokultur), Ressourcenverknappung (etwa durch Wasserverschmutzung und Überfischung), Zunahme anthropogen verursachter Naturkatastrophen, Gefährdung der Welternährung und –gesundheit (Krömker, 2008)

Allerdings können viele der in der Agenda 21 angesprochenen Probleme und Lösungen nur unter Beteiligung und Mitwirkung der Kommunen verwirklicht werden. Dieser Ansatz, der auch nichtstädtische Akteure verstärkt in den politischen Prozess einbezieht, will den Menschen ein höheres Maß an Emanzipation über ihre Lebensumstände und Umwelt ermöglichen, da es „… ohne die Anerkennung der aktiven Subjekte, ohne ihre unhintergehbaren Ansprüche auf Selbstbestimmung und Partizipation … keine zukunftsfähige Zivilgesellschaft geben … kann …“ (Keupp, 1998, S. 289). Benachteiligten Gruppen soll somit die Möglichkeit ausreichender Artikulations- und Durchsetzungsfähigkeit gegeben werden.

Ziele auf der Ebene der Städte und Gemeinden benennt die Charta von Aalborg: mehr Direkt-Demokratie, lokales Management für Zukunftsbeständigkeit, Ressourcenschutz, verantwor-tungsbewusstes Konsumverhalten, nachhaltige Stadt- und Verkehrsplanung, Gesundheits-förderung, unterstützend wirkendes Gemeinwesen (Aalborgplus10, 2004).

Abbildung 3 visualisiert prominente Themen auf kommunaler Ebene.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Realisierung einer Nachhaltigen Entwicklung nach o. g. Prinzipien hinkt ihren Ansprüchen aus den vergangenen 20 Jahren jedoch hinterher (Hoffmann, 2005). Am Beispiel der Stadt Düsseldorf und einigen anderen Kommunen werden im Anschluss Schwierigkeiten und Barrieren skizziert.

2.1 Bisherige Hemmnisse bei der Umsetzung Nachhaltiger Entwicklung

„Rechte ohne Ressourcen zu besitzen ist ein grausamer Scherz“ (Rappaport, 1985, S. 268)

Aus dem Blickwinkel der Zukunftsbeständigkeit stehen die Städte und Gemeinden insbeson-dere vor Herausforderungen in den Bereichen Ressourcenverbrauch, Abfall-produktion, Luftverschmutzung, Lärm, Vandalismus, motorisierter Individualverkehr und Chancen-ungerechtigkeit (Teichert, 2005). Im bundesdeutschen Raum existieren zwischenzeitlich über 2000 Lokale Agenda 21-Prozesse, deren Akteure als strategische Vermittler zwischen Bürgern, Rat und Verwaltung fungieren. Mit Hilfe geeigneter Instrumente (wie Projekt- und Netzwerkarbeit, Kampagnen, Veranstaltungen und Mediationsverfahren) sollen sie mit allen Beteiligten einen Konsens über zukünftige Stadt- und Gemeindeentwicklung erzielen. Dieser hohe Anspruch erfordert von den Entwicklungshelfern ein breites Spektrum an Kompetenzen, über die sie meist nicht verfügen. Sie benötigen nicht nur Grundsatz-, Fakten- und Handlungswissen bezogen auf den Gegenstand Nachhaltige Entwicklung (Rheingans-Heintze, 2005), sondern auch Fähigkeiten in der Gesprächsführung, einen Überblick über strukturelle und organisatorische Bedingungen der Kommunalpolitik und –verwaltung, Kenntnisse über komplexe Mensch-Umwelt-Beziehungen und angemessene Interventionsstrategien, um Einstellung und Verhalten im Sinne der Nachhaltigkeitsidee zu fördern. So erstaunt es nicht, dass die (hauptsächlich ehrenamtlich) Aktiven vor Ort immer wieder über Schwierigkeiten in der Kommunikation, unklare Zuständigkeiten, fehlende soziale und personelle Kapitalien und zu wenige Einflussmöglichkeiten berichten: „… es mangelt an materiellen Ressourcen und an Präsenz im öffentlichen Bewusstsein. Zum anderen haben die Akteure mit vielerlei organisatorischen Defiziten und Hindernissen zu kämpfen …“ (Rheingans-Heintze, 2005, S. 734). Dies bedeutet keinesfalls, dass nicht einzelne Themen in den politischen Gremien ausführlich beraten werden und Projekte zur Umsetzung gelangen, „… diese liegen jedoch zumeist außerhalb des Terrains lokalpolitisch brisanter Themen – wie z. B. Verkehrspolitik, soziale Ungleichheit, Stadt-Umland-Konflikte …“ (Rheingans-Heintze, 2005, S. 240).

Im Rahmen einer Untersuchung für das Umweltamt Düsseldorf (Lenßen, 2005), in der es um Voraussetzungen für eine nachhaltige Mobilität ging, wurden zusätzliche Hemmfaktoren in der Zusammenarbeit mit städtischen Entscheidungsträgern erkennbar: Opportunismus, Konkurrenzdenken, Ignoranz, Verantwortungsdiffusion, Intransparenz, Abwertung, Unzuverlässigkeit, Ambivalenz, Lobbyismus, Misstrauen und Missverständnisse. Es kommt zudem nicht selten vor, dass Mitstreiter Beratung aufsuchen, um ihre Gefühle der Unzufriedenheit, ihre (De)Motivation, ihre Wut, Enttäuschung, ihren Ärger und ihre Misserfolge zu besprechen und zu reflektieren. Dies geschieht sowohl über den telefonischen als auch über den Kontakt vor Ort.

2.2 Notwendigkeit einer psychologischen Perspektive

„[Der Klimawandel] kommt sowieso – ist übrigens auch egal, ob der von Menschen gemacht ist oder möglicherweise nicht: wir müssen unser Verhalten ändern!“ (Leggewie in Hubert, 2007, S. 6).

Die dargestellten Stolpersteine und Bedürfnisse machen deutlich, dass die Akteure für die Gestaltung einer sich nachhaltig entwickelnden Gesellschaft unbedingt verhaltenswissen-schaftliche Kompetenzen und Unterstützung benötigen.

Schaut man jedoch in die Gremien, Fachforen, politischen Beiräte und kommunalen Verwal-tungen, so stellt man fest, dass eine Verbindung zwischen Psychologie und Nachhaltiger Entwicklung eher unüblich ist. Allenfalls in Bereichen der Verkehrs-unfallvermeidung sind hier und dort Verkehrspsychologen involviert.

Eine interne Mitgliederbefragung des Verbandes für Umweltberatung NRW (vub NRW e. V.) hat ergeben, dass lediglich rund 3% der Umweltberater einen sozialwissenschaftlichen Berufshintergrund haben. Häufiger anzutreffen sind Vertreter aus den Ingenieurs-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften, Handwerker und Juristen (2009, mündliche Mitteilung durch einen Verantwortlichen an den Verfasser, K. L.).

Dabei kann ein dauerhafter Schutz unserer Lebensgrundlagen und soziale Gerechtigkeit nur erreicht werden, wenn Erleben und Verhalten der Verursacher, Betroffenen und Bewältiger Berücksichtigung finden. Die Entwicklung zukunftsfähiger Lebensstile ist abhängig davon, ob es uns gelingt, die Barrieren zwischen Wissen, Wollen, Können und Handeln zu überwinden (de Haan & Gerhold, 2008).

Noch befremdlicher mutet es an, wenn es darum geht, die Praktiker bei der Problemlösung ihrer erwähnten intra- und intergruppalen Herausforderungen beraterisch zu unterstützen. Hierfür stehen offiziell kaum (weder finanzielle noch personelle) Mittel zur Verfügung, obwohl unhinterfragbar feststeht, dass bspw. durch Supervision professionelle Ressourcen wie Feldkompetenz, Souveränität und Wahrnehmungsfähigkeit gefördert werden (Eichert, 2005), Moderation die Zusammenarbeit und Lösungskompetenz verbessert (Irle, 2001) und personzentrierte (Einzel)Gespräche Vertrauen und gegenseitige Akzeptanz aufbauen helfen (Rogers, 2002).

Man kann sagen, dass es bei den Anforderungen an eine psychologische Begleitung von Nachhaltigkeits-Entwicklungen grundsätzlich um zwei Tendenzen geht: erstens um das verhaltenswissenschaftliche Feld- und Konzeptwissen bezogen auf die komplexen Mensch-Umwelt-Interaktionen (vgl. hierzu die Ausführungen zu Kapitel 3) und zweitens um eine Art Prozess bezogenes Wissensmanagement mit dem Ziel, die Beziehungen zwischen den Akteuren und Verbrauchern zu gestalten und zu verbessern. Gemeint sind bspw. Kenntnisse über Kommunikationsabläufe und Fähigkeiten zur vertieften Wahrnehmung und Selbst-reflexion, aber auch Möglichkeiten zur Selbstmotivation, zur Verantwortungs-übernahme und Entscheidungskompetenz. Bereits jetzt lässt sich erahnen, welche Bedeutung die personzentrierte Praxis – vor allem für den zweiten Aspekt – haben kann. Aber wie sieht es mit der Passung zwischen den Annahmen und Aussagen des PZA und dem inhaltlichen Gegenstandsbereich umweltpsychologischer Beratung aus? Um einer Antwort näher zu kommen, folgt zunächst ein kurzer, unvollständiger Blick auf Grundlagen, Erklärungsansätze, Ziele und Zugänge der Umweltpsychologie.

3 Gegenstand der umweltpsychologischen Nachhaltigkeitsberatung

Die vorliegende Arbeit kann lediglich auf einige - für die Fragestellung relevante – Aspekte der Umweltpsychologie eingehen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Frage nach den Merkmalen einer – für die optimale Persönlichkeitsentwicklung - förderlichen Umwelt. Was benötigen Menschen, um die Zukunft ihrer Städte im o. g. Sinne zu gestalten und wie kann Kongruenz zwischen Wollen und Können erreicht werden?

Während früher oft technologisch und ordnungspolitisch orientierte Ansätze den Schutz unserer Lebenswelt dominierten, werden heute immer häufiger Maßnahmen gefordert, die den Menschen und die vielfältigen Gründe, die sein Verhalten bestimmen und entsprechendes Handeln fördern oder behindern, einbeziehen. Die Qualifikation von (Umwelt)Psychologen in Bezug auf Nachhaltige Entwicklung ist immer dann gefragt, wenn es z. B. darum geht

- zu verstehen, warum Menschen entgegen besseren Wissens ihre Lebensgrundlage zerstören, d. h. den Zusammenhang zwischen (Umwelt)Bewusstsein und (Umwelt)Verhalten nach zu vollziehen
- zwischen Anwendern, Entwicklern und Initiatoren von umweltfreundlichen Produkten, Technologien und Maßnahmen zu vermitteln
- Menschen zu mehr Umweltschutz, Rücksichtnahme und (sozialer) Verantwortung zu bewegen.

Zur Unterstützung in konkreten Problemsituationen greift die Umweltpsychologie dabei auf Theorien und Erkenntnisse aller psychologischen Disziplinen zurück. Zentraler Gesichtspunkt ist die Abhängigkeit zwischen Person und Umwelt.

3.1 Mensch-Umwelt-Beziehung

Die umweltpsychologische Forschung geht von unauflösbaren Mensch-Umwelt-Wechselwirkungen aus (Graumann & Kruse, 2008), welche erlebens- und verhaltensrelevant sind. Wir werden somit nicht nur als Opfer unserer (schlechten) Lebensbedingungen, sondern gleichermaßen als Verursacher und potenzielle Bewältiger verstanden, da wir unsere Umwelt aktiv wahrnehmen und gestalten (Marans & Rodgers, 1975).

Bezogen auf die Transaktion zwischen Person und Umwelt setzt die Disziplin auf der individuellen Ebene an, versetzt sich also in den Menschen, in seinen Alltag hinein und betrachtet Denken, Fühlen und Handeln im Kontext gebauter, sozialer und natürlicher Umwelt. Diese komplexe Sichtweise liegt in multidisziplinären wissenschaftstheoretischen Wurzeln begründet. Theoretische Zugänge kommen etwa aus der Feldtheorie, Phänomenologie, Gestalt- und Systemtheorie (Kruse, Graumann & Lantermann, 1996).

Gemäß der engen Rückkopplungsprozesse postuliert die Psychologie der Mensch-Umwelt-Beziehung besondere (städtische) Bedingungen, die die gesunde Entwicklung der Persönlichkeit mitbestimmen:

z. B.

- Gelegenheiten zu anspruchsvollen, selbstvergessenen Aktivitäten
- Vielzahl und Vielfalt von Handlungs(spiel)räumen
- kognitiv gut lesbare, individuell gestaltete Stadtteile
- geringe Anzahl unbeeinflussbarer, unvorhersehbarer, unerklärbarer Stressoren
- funktional komplexe und manipulierbare Umwelten (z. B. autofreie Blockinnenhöfe, Biotope in Baulücken)
- (offizielle) Möglichkeiten zum Ressourcenschutz (Hellbrück & Fischer, 1999, S. 470f.).

„… Aus der Perspektive der Psychologie [ist] eine Stadt … um so urbaner, je … ausgeprägter sie … den Charakter einer menschliche Selbstverwirklichung fördernden Umwelt …“ aufweist (Hellbrück & Fischer, 1999, S. 469).

Als optimal oder gesund entwickelt gilt etwa jemand, der sich selbst und andere wertschätzt, empathisch, selbstbestimmt und kritikfähig ist, Selbstständigkeit in Anpassungskrisen zeigt, kommunikative und Lösungskompetenz aufweist und personale Kontrolle „… als der Fähigkeit, die Umwelt in Kongruenz mit eigenen Bedürfnissen, Interessen und Vorlieben zu bringen …“ (wieder)gewinnt (Hellbrück & Fischer, 1999, S. 485).

Bezogen auf die Nachhaltigkeitsproblematik „… haben sich die sozial-ökologischen Dilemmata zu einer der führenden Paradigmen der interdisziplinären Umweltforschung entwickelt …“ (Ernst, 2008, S. 378). Sozial-ökologische Ressourcenkonflikte beschreiben Situationen, in denen Gemeingüter wie Luft, Wasser, Fischbestände, Wald und Raum, aber auch Gesundheit oder der Finanzmarkt von einzelnen – auf Kosten der Allgemeinheit - übernutzt werden. (Die aktuelle Finanzkrise ist ein typischer Gemeingutkonflikt, aber auch die Übernutzung notwendiger Frei- und Grünflächen mit dem Ziel des Straßen- und Siedlungsbaus.) Der Nutzen wird also individualisiert und der Schaden sozialisiert. Die soziale Falle besteht darin, dass der eingetretene, meist kurzfristige Vorteil stimulierend auf das grenzüberschreitende Verhalten wirkt. Hinzu kommen zeitliche und räumliche Fallen, wenn sich Umweltzerstörung erst Jahre später und etwa in Schwellenländern zeigt, obwohl sie dort nicht verursacht wurde.

Weitere Konzepte der Umweltpsychologie behandeln die Themen Wahrnehmung und Bewertung von (Umwelt)Risiken, Umwelt und Stress, Verantwortung, Umweltbewusstsein und Umwelthandeln, Umweltplanung und

-gestaltung (Lantermann & Linneweber, 2008, Hellbrück & Fischer, 1999).

Ein Modell zur Erklärung individuellen (Umwelt)Handelns legt Matthies (2005) vor. Hierin finden sowohl wahrnehmungsbezogene und moralische, als auch situative und Gewohnheitsaspekte Berücksichtigung. Es soll nachfolgend dargestellt werden, da es einerseits die multifaktoriellen Bedingungen menschlichen Verhaltens sehr gut aufzeigt und andererseits Veränderungsstrategien gut ableitbar sind.

3.2 Matthies Integratives Einflussschema Umwelt schonenden Verhaltens

„Unser Problem ist weniger, dass wir nicht wüssten, was zu tun ist – unser Problem ist vielmehr, dass wir es nicht tun, obwohl wir Bescheid wissen“ (Schahn, 1993, S. 33).

Das Wissen um die sozial-ökologischen Problemlagen und hohes Umweltbewusstsein sind – wie sich herausgestellt hat – kein Garant dafür, letztendlich auch Lebensraum zu schützen oder prosozial zu handeln, wenngleich beide Aspekte als erster Schritt in die richtige Richtung unabdingbar sind (Kruse, 2005). Eine drängende Frage (nicht nur) in der umweltpsychologisch orientierten Nachhaltigkeitsberatung lautet daher: Unter welchen Bedingungen ändern wir tatsächlich unser Verhalten? Welche Verhaltensaspekte sind hinderlich oder förderlich, wenn es z. B. darum geht, das Auto Fahren einzuschränken und günstige (politische) Voraussetzungen für eine Stadt der kurzen Wege zu schaffen.

Die weiterentwickelte umweltpsychologische Modell- und Interventionsforschung hat eine breite Palette von Erkenntnissen zu Bestimmungsstücken von Umwelthandeln und Veränderungsmöglichkeiten generiert und bestehende Modellkonzepte immer wieder um bestimmte Verhaltensdeterminanten erweitert (Ajzen, 1991, Lazarus & Launier, 1981, Ittner, 2001). Ellen Matthies (2005) schlägt vor, ein an dem aktuellen Wissensstand orientiertes, integratives Einflussschema zu entwerfen, um nicht zuletzt auch Praktikern anderer Disziplinen einen geeigneten Überblick anzubieten und Nutzungswege aufzuzeigen. Hierzu leitet sie zunächst aus verschiedenen empirisch geprüften Modellkontexten die folgenden relevanten Konstrukte für umweltgerechtes Handeln ab: Kosten-/Nutzenerwartungen, soziale Norm, persönliche (ökologische) Norm, Problemwahrnehmung, Wahrnehmung von Handlungskonsequenzen und Verhaltensspielräumen und Verhaltensgewohnheiten (Matthies, 2005, S. 71) und fügt diese entsprechend in ein Einflussschema ein (vgl. Abb. 4). Kern ihres Rahmenmodells ist das moralische, ökologische Motiv, nämlich die „… erlebte persönliche Verpflichtung, sich umweltschonend zu verhalten …“ (Matthies, 2005, S. 72). Dies ist von großer Bedeutung, da das Gefühl persönlicher Verantwortung und Verpflichtung eine intrinsisch motivierte Handlung ermöglicht, nämlich, sich unabhängig von äußeren Belohnungen nachhaltig prosozial zu verhalten: die Anreize liegen in der Sache, Aufgabe, Erfordernis oder dem Schwierigkeits- oder Neuerungsgrad selbst.

Das Modell macht anhand unterschiedlicher Phasen - von der Normaktivation über die Motivation und Evaluation bis hin zur tatsächlich ausgeführten Aktion – Aussagen über die Voraussetzungen umweltgerechten/umweltschädigenden Handelns:

„… Zu einer Aktivierung moralischer Motive kommt es dann, wenn die handelnde Person wahrnimmt, dass ein Problem besteht (Problemwahrnehmung), dass ihr eigenes Verhalten damit in Zusammenhang steht (Wahrnehmung von Handlungskonsequenzen), und dass sie die Fähigkeiten hat, sich auch im Sinne einer Problemlösung zu verhalten (Bewusstheit von Fähigkeiten) …“ (Matthies, 2005, S. 72).

In einer Entscheidungsphase werden dann normative und andere Motive (z. B. Minimierung von Verhaltenskosten) gegeneinander abgewogen, bevor in der Handlungsphase das entsprechende Verhalten zum Ausdruck kommt. Der gesamte Entscheidungsfindungsprozess wird durch die moderierenden Variablen Gewohnheiten und aktuelle Handlungssituation beeinflusst.

Matthies berücksichtigt in ihrem Einflussschema ebenfalls die Möglichkeit einer Redefinitionsschleife, für den Fall, dass eine „… nicht moralkonforme[…] Entscheidung in Gang gesetzt wird, um Schuldgefühle abzuwehren …“ (Matthies, 2005, S. 72). Ihr Rahmenmodell kann als „… Heuristik zur Planung von Interventionen genutzt …“ werden (Matthies, 2005, S. 74) und dazu beitragen, dass wir realiter das tun, von dem wir wissen, dass wir es tun müssen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der aktuelle Beitrag fragt nach der Passung und dem Zusatznutzen personzentrierter Interaktionen für die Beratung im Dienste dauerhaft umwelt- und sozialgerechter (Stadt)Entwicklung. Gerade die aus dem genannten Modell abgeleiteten Strategien und Techniken zur Verhaltensbeeinflussung bieten Ergänzungspotenzial für den Einsatz personzentrierter Begleitung/Begegnung. Kapitel fünf greift die Diskussion über die Kompatibilitätsmöglichkeiten der Ansätze eingehender auf.

Die bisherigen Ausführungen zu den gesellschaftlichen Problemlagen, zum Verständnis Nachhaltiger Entwicklung und zu den Schwierigkeiten bei ihrer Umsetzung lassen vermuten, welche Ansprüche und Bedürfnisse an eine psychologisch ausgerichtete Beratung gestellt sind. Der folgende Abschnitt gibt einen strukturellen Überblick unter Berücksichtigung spezieller Themen.

3.3 Bedarf, Themen und Anforderungen an eine umweltpsychologisch orientierte Beratung im Kontext Nachhaltiger Entwicklung

In der Diskussion um das Angebot einer Nachhaltigkeitsberatung taucht der Begriff Umweltberatung oftmals (synonym) auf (Jarre & Specht, 2005, Wegehaupt-Schneider & Rusteberg, 2005). Hierzu ist soviel zu sagen, dass die Vorstellung einer Nachhaltigen Entwicklung eine breiter gefasste Bedeutung hat. Der Terminus Nachhaltigkeitsberatung setzt sich - über die üblichen Themenfelder der Umweltproblematik hinaus - mit der Abhängigkeit „… zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Systemen wie Politik, Recht Wissenschaft, Wirtschaft oder Bildung …“ auseinander (Michelsen, 2005, S. 25). Man kann sagen, dass das Prädikat Nachhaltig das der Umwelt abgelöst hat. Insofern stellt Renate Cervinka (2006) bspw. die Frage danach, ob die Umweltpsychologie auf dem Weg zur Nachhaltigkeits-psychologie ist.

Beratungsangebote zur Entwicklung von Nachhaltigkeit existieren reichlich – setzt man Beratung mit Kommunikation gleich. Ein Blick in das Handbuch Nachhaltigkeits-kommunikation von Michelsen und Godemann (2005) macht die Mannigfaltigkeit der Handlungsfelder deutlich: Naturschutz, Konsum, Verkehr und Energie, Nachhaltigkeit in Unternehmen, Lokale Agenda 21 und kommunale Planung, Bildung im schulischen und außerschulischen Sektor.

Die (umwelt)psychologische Sichtweise auf Nachhaltigkeitskommunikation impliziert allerdings

„… drei Perspektiven: Es geht um die gesellschaftliche Konstruktion von komplexen Konzepten wie Umwelt, Natur oder auch nachhaltige Entwicklung …; die der unmittelbaren Sinneswahrnehmung entzogenen (globalen) Mensch-Umweltprobleme und ihre systemischen Verknüpfungen sind angewiesen auf Kommunikation …; und schließlich ist Kommunikation ein wichtiges Instrument neben anderen, um Menschen zu nachhaltigerem Verhalten zu bewegen. Für die beiden ersten Bereiche ist Kommunikation eine conditio sine qua non, beim dritten Problemfeld geht es um Kommunikation und mehr … “ (Hervorhebungen durch Kruse, 2005, S. 109).

Lenelis Kruse weist somit auf wesentliche Erfordernisse hin, die ein Programm zur Förderung nachhaltigen Handelns - ja, veränderten Verhaltens grundsätzlich - unterstützen sollte: (gemeinsame) Information und Orientierung, Deutung und Klärung, Handlung und Bewältigung (Sander, 1999, S. 36).

Das Dienstleistungsangebot einer psychologisch orientierten Beratungsstelle ist breit gefächert und kann in der Regel nicht von einem Anbieter alleine erfüllt werden. Es reicht von einfachen Sachinformationsvermittlungen und konkreten Verfahren (z. B. zur Ressourceneinsparung oder zur Verkehrs- und Müllvermeidung) über die Begleitung von Aktionen des bürgerschaftlichen Engagements bis hin zu Bildungsangeboten und Individual- und Gruppenberatungen (Jarre & Specht, 2005). Zur Zielgruppe der Nachhaltigkeitsberatung zählen Privathaushalte, Kommunen und Bürgerinitiativen ebenso wie Personen aus Verbänden, politischen Gremien und Wirtschaftsorganisationen.

Wie einer der offiziellen Internetauftritte der Technischen Universität Berlin (www.umweltpsychologie.de) dokumentiert, sind umweltpsychologisch ausgerichtete Agenturen und Beratungsbüros auf dem Gebiet der Nachhaltigen Entwicklung in Deutschland eher rar.

Im Düsseldorfer Umwelt-Zentrum führen Lenßen & Lenßen eine derartige Fachberatung für Nachhaltige Entwicklung durch (www.Lenssen-und-Lenssen.de). Abb. 5 gibt - in Abhängigkeit der kommunalen Themen Stadtplanung, Agenda 21, spezielle Umwelten und ökologische sowie sozio-kulturelle Probleme - einen Einblick in ihre Praxisschwerpunkte und Tätigkeiten. Bezogen auf das jeweilige städtische Aufgabenfeld und die konkrete Fragestellung befassen sich die Berater auf der praktischen Ebene größtenteils mit Ressourcenkonflikten unterschiedlicher Nutzergruppen und mit den Determinanten von Umweltbewusstsein und Verhalten. Zusätzliche Praxisschwerpunkte sind Weiterbildungs-angebote, Risikokommunikation und die Begleitung von Projekten. Die Aufgaben reichen von Problem- und Potenzialanalysen, Öffentlichkeitsarbeit und Untersuchungen über Moderation, Supervision und Evaluation bis hin zu Strategie-Konzeptionen und der Durchführung von Beteiligungsverfahren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Übereinstimmung mit den inhaltlichen Ansprüchen, dem Leistungsspektrum und der Praxis für Nachhaltige Entwicklung lässt sich bezogen auf das Kompetenz- und Qualifikationsprofil des Rat Gebenden sagen, „…dass kommunikative Fähigkeiten, persönliche Offenheit und Flexibilität sowie Grundlagenwissen in umwelt- und beratungsnahen Fächern der Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften unverzichtbar sind …“ (Jarre & Specht, 2005, S. 179). Anders ausgedrückt benötigt der Nachhaltigkeitsentwickler

Fähigkeiten in der

- methodischen Dimension: speziell kognitive Fertigkeiten, um bspw. Wissen aufbereiten, verstehen und situativ transferieren zu können
- reflexiven Dimension: die moralische Kompetenz, um bspw. unabhängig über die Angemessenheit bestimmter Leitbilder entscheiden zu können und Ambiguitäts-toleranz
- sozialen Dimension: gemeint sind Bereitschaften zu Empathie, Dialog und Kooperation (Stengel, Liedtke, Baedeker & Welfens, 2008, S. 31).

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Titel: Personzentrierung in der umweltpsychologisch orientierten Nachhaltigkeitsberatung