Lade Inhalt...

Deutsche und polnische Bräuche

Ein konfrontativer Vergleich und Analyse einiger populärer Bräuche aus Deutschland und Polen unter kulturellen, geografischen und etymologischen Gesichtspunkten

Diplomarbeit 2011 115 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation
1.2 Untersuchungsgegenstand und Zielsetzung
1.3 Quellenwahl

2 Begriffsdefinitionen
2.1 Deutsche Begriffe
2.1.1 Tradition [Poln.: tradycja]
2.1.2 Usus [Poln.: uzus]
2.1.3 Brauch [Poln.: obrzęd]
2.1.4 Ritual/ Ritus [Poln.: rytuał]
2.1.5 Feiertag [Poln.: święto]
2.2 Polnische Begriffe
2.2.1 tradycja [Dt.: Tradition]
2.2.2 obrzęd [Dt.: Brauch]
2.2.3 święto [Dt.: Feiertag]
2.2.4 zwyczaj -> obyczaj [Dt.: Gewohnheit -> Brauch/ Sitte]
2.2.5 uzus [Dt.: Usus]
2.3 Kurze Zusammenfassung

3 Populäre Bräuche in Deutschland
3.1 Das Oktoberfest
3.1.1 Über die Tradition
3.1.2 Vergleich mit Polen
3.2 Reformationstag
3.2.1 Über die Tradition
3.2.2 Vergleich mit Polen
3.3 Martinstag
3.3.1 Über die Tradition
3.3.2 Vergleich mit Polen
3.3.3 Spruchweisheiten zum Martinstag

4 Populäre Bräuche in Polen
4.1 Imieniny [Dt.: Namenstag]
4.1.1 Über die Tradition
4.1.2 Vergleich mit Deutschland
4.1.3 Andrzejki [Dt.: Andreastag]
4.2 Studniówka
4.2.1 Über die Tradition
4.2.2 Vergleich mit Deutschland

5 Gemeinsame Bräuche in Polen und Deutschland
5.1 Aprilscherz
5.1.1 Über die Tradition
5.2 Ostern
5.2.1 Über die Tradition
5.2.2 Die Symbole des Osterfestes
5.2.3 Sorbische/ wendische Osterbräuche in Deutschland
5.2.4 Śmigus-dyngus in Polen [Dt.: „nasser Montag“]
5.3 Sommersonnenwende und Johannestag [Poln.: letnie przesilenie i Noc Świętojańska]
5.4 Importiertes Brauchtum
5.4.1 Valentinstag
5.4.2 Halloween

6 Aberglaube

7 Abschließende Analyse in Bezug auf Gemeinsamkeiten
7.1 Grundlegende Informationen zur Analyse und Übersicht aller Traditionen
7.2 Gemeinsamkeiten der Traditionen
7.2.1 Gemeinsamkeiten in Bezug auf Religion
7.2.2 Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Wettervorhersage
7.2.3 Gemeinsamkeiten in Bezug auf den Aberglauben
7.2.4 Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Symbolik
7.2.5 Ergebnis der Analyse
7.3 Weitere wichtige Traditionen

8 Zur Bedeutung von Traditionen, ihrer Vergangenheit und Zukunft
8.1 Braucht eine moderne Gesellschaft überhaupt Traditionen?
8.2 Wozu braucht eine Gesellschaft Traditionen?
8.3 Werden alle Traditionen überleben?
8.4 Beruht unsere Gesellschaft auf falschen Traditionen?

9 Fazit und Ausblick

10 Internetquellen

11 Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Sorbisches Siedlungsgebiet und die nieder- und obersorbische Sprachenlandschaft

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Übersicht über den Konsum beim Oktoberfest

Tabelle 2: Übersicht der behandelten Traditionen, ihre Einordnung in Traditionsarten, ihre Anwendung und Veranstaltungstermine

Tabelle 3: Weitere wichtige Fakten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Motivation

Die Menschheit befindet sich bereits seit längerem im Zeitalter der Globalisierung. Alles wird schneller, einfacher, präziser und bequemer. Nicht umsonst wird häufig die Formulierung von der‚ Welt als Dorf‘ benutzt, denn die Kommunikation schreitet immer weiter voran und verbindet somit die Menschen aus den entferntesten Winkeln der Welt miteinander. Doch weder die Kommunikation selbst, noch der Terminus „Dorf“ sind das, was sie einmal waren. Früher verstand man unter Kommunikation, dass Menschen sich persönlich gesehen und miteinander kommuniziert haben, später war es auch das Telefonieren, das viele Menschen stundenlang beschäftigt und auch näher gebracht hat. Heute ist es das Internet, welches vollkommen neue Wege eröffnet. Der Unterschied zu früher besteht indes darin, dass heute niemand mehr aus dem Haus gehen muss, um einen Bekannten zu sehen, Einkäufe zu erledigen, um mit hunderten anderer Menschen gleichzeitig zu diskutieren oder dringend benötigte Informationen bei Bedarf sofort abzurufen. Videotelefonie, Chatten, das Versenden von Kurznachrichten, soziale Netzwerke oder das Online-Banking sind nur einige von vielen Kommunika-tionsmethoden, die es ermöglichen, das Haus nicht zu verlassen und dennoch andere Menschen kennenzulernen und sie zu sehen und zu hören. Auch der Begriff „Dorf“ wird heute oftmals anders verstanden als es noch vor einigen Jahren der Fall war. „Dorf“ stand früher immer für eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig hilft, ge-meinsame Ziele verfolgt, zu bestimmten Anlässen zusammenkommt und Meinungen austauscht, aber auch oft unter sich ist, was eine gewisse Abschottung von der urbanisierten Welt bedeutet hat. Davon kann bei der aktuellen Formulierung „die Welt ist ein Dorf“ nicht mehr die Rede sein.

Das globale Dorf wird wohl wahr, aber anders, als man sich das einmal vorgestellt hatte. Es wird nicht die Welt zu einem einzigen großen Dorf, sondern die ganze Informationsgesellschaft splittert sich auf in lauter kleine Dörfer, deren Bewohner über die ganze Welt verstreut sind: statt des einen globalen Dorfs viele global verteilte Dörfer. (Zimmer 2000: 40).

Diese Aussage von Zimmer macht deutlich, dass es trotz fortschreitender Technik oder gerade wegen dieser, zu einer gewissen Isolierung kommt, die die Definition eines Dorfes neu belegt. Die Beschleunigung unserer Welt, die Bequemlichkeit und die mit großen Schritten fortschreitende Technik lässt uns häufig vergessen, welche Werte und Traditionen uns von unseren Vorfahren hinterlassen worden sind. Diese Arbeit soll einen Überblick über Traditionen geben, die von unseren Eltern gefeiert wurden und heute immer häufiger „untergehen“. Die Ursachen für das (Ver-) Schwinden der Traditionen können unterschiedlicher Natur sein. Viele Traditionen werden noch heute praktiziert, allerdings sind deren Ursprünge vielen Menschen weitgehend unbekannt, weil jene sich mit den Jahren so stark verändert haben. Andere wiederum geraten in Vergessenheit, weil sie entweder von älteren Generationen nicht weitervermittelt oder so kommerzialisiert worden sind, dass die eigentliche Bedeutung nicht überdauert hat. Dies kann man an den wohl wichtigsten Feiertagen des Christentums, nämlich Weihnachten und Ostern, am deutlichsten aufzeigen. Heutzutage wird in den Ge-schäften häufig bereits im Januar die Dekoration für Ostern vorbereitet, im September oder Oktober lassen sich dementsprechend die ersten Weihnachtsmänner entdecken. Es ist nicht mehr nötig auf das Fest zu warten, da dieses praktisch das ganze Jahr über in den Geschäften präsent ist und die Menschen auf diese Weise lange vor dem eigentlichen Datum darauf einstimmt. Dies führt dazu, dass der eigentliche Feier-tag an Bedeutung verliert und weniger geschätzt wird, da eine gewisse Übersättigung bei den Menschen vorherrscht. Weihnachten besteht nicht nur aus Weihnachtsmännern und Geschenken unter dem Tannenbaum und Ostern hat ursprünglich nichts mit dem Oster-hasen zu tun. Auch stellen weder Tannenbaum noch Osterhase ursprüngliche Symbole für diese Feste dar. Um auf die Anfangsformulierung zurückzukommen: Es gibt noch einen weiteren Grund, warum gerade dieses Thema eine wichtige Rolle für mich spielt und dieser ist meiner persönlichen Lebenssituation geschuldet. Da ich mit sechs Jahren nach Deutschland gekommen bin, weiß ich, was es bedeutet, zwischen zwei Ländern aufgewachsen zu sein. Einerseits bin ich in Deutschland aufgewachsen, andererseits habe ich meine Wurzeln in Polen. Ich weiß, dass viele Menschen mein Schicksal teilen und habe somit beschlossen, die wichtigsten Aspekte der Traditionen beider Länder hier zusammenzufassen und miteinander zu vergleichen.

1.2 Untersuchungsgegenstand und Zielsetzung

Das Ziel dieser Diplomarbeit besteht darin, einige ausgewählte populäre Traditionen in den Ländern Polen und Deutschland miteinander zu vergleichen und zu analysieren, dabei bilden diese Traditionen den konkreten Untersuchungsgegenstand. Weiter sollen auch die unterschiedlichen Traditionsarten miteinander verglichen und im Hinblick auf Gemeinsamkeiten untersucht werden.

Da die Bedeutung von Traditionen in beiden Gesellschaften, sowohl in Polen als auch in Deutschland, in den letzten Jahren stark abgenommen hat und diese sich in einem Prozess befinden, in welchem „Traditionelles“ durch „Modernes“ ersetzt wird, soll diese Arbeit einen Einblick in die deutschen und polnischen Traditionen ermöglichen. Dabei werden die jeweiligen Traditionen bzw. Bräuche dort, wo die Literatur Informa-tionen in polnischer Sprache liefert, aus dieser in die deutsche Sprache übertragen, mit dem jeweils anderen Land verglichen und unter den Gesichtspunkten von Herkunft, Aktualität und Umsetzung in der Praxis untersucht und, wenn möglich, auf eine bestimmte Region eingegrenzt.

In den Kapiteln „Populäre Bräuche in Polen“ und „Populäre Bräuche in Deutschland“ folgt auf jede Beschreibung einer Tradition die entsprechende Analyse unter den zuvor erwähnten Gesichtspunkten. Im Abschnitt „Gemeinsame Bräuche in Polen und Deutschland“ findet die Analyse schon während der Beschreibung statt. Eine Ausnahme stellt hier das Kapitel „Ostern“ dar, welches ebenfalls eine getrennte Beschreibung und Analyse auf Grund des Umfangs und der Komplexität besitzt. Zum Schluss folgt eine abschließende Analyse, die alle behandelten Traditionen im Hinblick auf einen „gemeinsamen Nenner“ untersucht. Diese Analyse soll vor allem die Frage nach den Gemeinsamkeiten der Traditionen beantworten. Dazu werden diese aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und kollektiv unter der jeweiligen Gemeinsamkeit subsumiert. Zu den zu untersuchenden Gemeinsamkeiten zählen u.a. Religion, Aberglaube und die Wettervorhersage. Im letzten Kapitel soll eine Interpretation und Deutung der durchgeführten Untersuchungen folgen, die auch eine persönliche Sichtweise beinhaltet. Diese soll als eine Art abschließende Schlussfolgerung angesehen werden. Auf Grund der Tatsache, dass zum Thema Traditionen keine repräsentativen Statistiken zur Ent-wicklung, aber auch zur Zukunft von Traditionen vorliegen, soll das letzte Kapitel unter Vorbehalt als Substitut dienen. Der Vergleich beginnt mit der Gegenüberstellung und Erläuterung der Terminologie zum Thema Tradition und Brauchtum beider Länder.

1.3 Quellenwahl

Die zu diesem Thema verfügbare Literatur ist sehr begrenzt, daher stützt sich diese Diplomarbeit auf die im Folgenden genannte Literatur und wird durch seriöse Internetquellen und Dokumente ergänzt. Die genutzten Internetquellen sind zumeist offizielle Internetseiten einer Stadt (Posen, München), Region (Spreewald), eines Staates (Sejm Rzeczypospolitej Polskiej, Außenministerium Polen, Bundeszentrale für politische Bildung), eines Vereins (Bayerischer Brauerbund) oder eines Verlages (St. Benno-Verlag). Eine Ausnahme stellt das Kapitel studniówka dar, zu welchem keine Literatur gefunden werden konnte. Daher lehnt sich die Beschreibung ausschließlich an persönliche Erfahrungen und Berichte aus dem Bekanntenkreis, mit Ausnahme der gekennzeichneten Stellen, zu denen Nachweise im Internet gefunden werden konnten. Die Untersuchung der Traditionen konnte in vielen Fällen durch Zeitungsberichte und Zeitungsartikel namhafter Verlage bekräftigt werden (Spiegel Online; Focus Online, Sächsische Zeitung Online, Gazeta Krakowska). In diesen erscheinen jedes Jahr Statistiken zur Praxis und Erläuterungen zu bestimmten Ritualen im Jahresverlauf, die an einige, bereits vergessene Bräuche erinnern sollen. Die Presseberichte wurden in den meisten der genannten Fälle zum Nachweis der Aktualität und der gegenwärtigen Praxis von Traditionen genutzt. Wo die Möglichkeit bestand, wurde versucht, literarische Beispiele bekannter Schriftsteller und Theologen einzubeziehen (J. Kochanowski, M. Rej, M. Luther), um die Kontinuität und Bedeutung des jeweiligen Brauches zu akzentuieren. Zur Begriffsklärung wurden überwiegend offizielle Wörterbücher verwendet (etymologische Wörterbücher, Duden, Lexika, PWN). Bei der Fachliteratur diente vor allem Ogrodowska und Szymanderska bei den polnischen Bräuchen und Bieritz, Läpple, Rias-Bucher und Woll bei den deutschen Bräuchen als Haupt-orientierung. Da das Themengebiet der Traditionen und Bräuche äußerst umfangreich ist, musste sich diese Arbeit auf einige ausgewählte Bräuche und Traditionen kon-zentrieren, die jeweils stellvertretend für ein ganzes Genre stehen. Dabei wurde versucht, aus jedem größeren Genre mindestens ein Beispiel zu nennen. Auf diese Weise konnten religiöse, volkstümliche und familiäre Bräuche und Traditionen abgedeckt werden.

Insgesamt war es einfacher deutsche Literatur zum Thema Traditionen zu finden als polnische. Obwohl die Suche nach Literatur sowohl im Internet als auch in polnischen Büchereien und Bibliotheken stattgefunden hat, gibt es direkt zu diesem Thema nur sehr wenig zugängliche Literatur. Hinzu kommt noch, dass sich die meisten davon nur auf kirchliche Feste und Rituale konzentrieren. Auch in Deutschland beinhaltet der größere Teil der Literatur das Thema kirchliche Bräuche, doch es ließ sich auch Literatur finden, die neben der kirchlichen auch Traditionen anderer Art beschreibt. Regionale Bräuche müssen zumeist in der jeweiligen Region nachgeforscht werden, da sie häufig nicht in der landesweiten Literatur vertreten sind. Dazu gibt es jedoch Verlage, die sich speziell auf bestimmte Regionen konzentrieren und in einigen Fällen sogar eine bestimmte Volksgruppe repräsentieren, so z.B. der Domowina-Verlag (Böhme, Adam, Fascyna & Matschie), welcher Literatur zum Thema Sorben/ Wenden und den dazugehörigen Regionen anbietet.

2 Begriffsdefinitionen

Zunächst möchte ich die relevantesten Begriffe vorstellen, die im Zusammenhang mit der Beschreibung und Analyse von Bräuchen unumgänglich sind. Sowohl in der deutschen als auch in der polnischen Sprache müssen mehrere Begriffe definiert werden, um festzustellen, wie sich diese voneinander abgrenzen und wo die Gemein-samkeiten liegen. Dabei gibt es sowohl im Polnischen als auch im Deutschen innerhalb der jeweiligen Sprache Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Begriffen, aber auch zwischen den beiden Sprachen gibt es viele Übereinstimmungen. Bei der Betrachtung der folgenden Terminologie wird evident, dass beide Sprachen auf ähnlichen Begriffen zum Thema Traditionen beruhen und dass ihre Anwendungsgebiete nahezu gleich sind. Im Folgenden werden die relevantesten Begriffe zur Bezeichnung einer Tradition ge-nannt, übersetzt und erklärt.

2.1 Deutsche Begriffe

2.1.1 Tradition [Poln.: tradycja]

Der Begriff Tradition wurde laut Seebold im 16. Jahrhundert vom lateinischen Verb „tradere“ entlehnt‚ was so viel bedeutet wie „übergeben, überreichen“ (vgl. Seebold 2002). Laut Duden besagt das entsprechende Nomen „traditio“ so viel wie „Übergabe“, „Auslieferung“, „Überlieferung“, „Gewohnheit“ (vgl. GFWb. 2007: 1363). Der Duden fügt außerdem hinzu, dass damit die Weitergabe (das Tradieren) an spätere Genera-tionen gemeint ist (vgl. GFWb. 2007: 1363), also die Weitergabe von Handlungs-mustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen. Laut Duden ist Tradition das, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o.Ä. in der Geschichte von Generation zu Generation entwickelt und weitergegeben wird (vgl. BWb. 2010: 933). Traditionen existieren sowohl in privaten wie auch in religiösen und politischen Lebensbereichen. Dazu beschreibt die Bundeszentrale für politische Bildung in einem Politiklexikon, dass Menschen, die sehr traditionsorientiert seien, zumeist eine konservative Haltung besäßen, das Gewohnte, Herkömmliche und Vertraute bevorzugten und dement-sprechend Neuerungen skeptisch gegenüber stünden[1]. Dem Duden zufolge gelten Traditionen im Christentum „als außerbiblische, von der katholischen Kirche als ver-bindlich anerkannte Überlieferung von Glaubenslehren seit der Apostelzeit.“ (GFWb. 2007: 1363).

2.1.2 Usus [Poln.: uzus]

Laut Seebold stammt der Begriff Usus vom lateinischen „usus“ ab und bedeutet „Brauch, Übung, Praxis“. Er wurde Seebold zufolge im 17. Jahrhundert vom lateinischen Verb „uti“ abgeleitet, welches die Bedeutung „gebrauchen“ trägt (vgl. Seebold 2002). Im Duden wird Usus als durch häufiges Wiederholen übliche Ver-haltensweise einer kleineren Gruppe von Personen bezeichnet (vgl. BWb. 2010: 1004). Die durch den Duden im Weiteren genannten Synonyme für diesen Begriff sind u.a. „Brauch, Tradition“ und „Gewohnheit“ (vgl. BWb. 2010: 1004), welche hier ebenfalls unter Punkt 2 behandelt werden.

2.1.3 Brauch [Poln.: obrzęd]

Der Begriff „Brauch“ bzw. „Brauchtum“ entwickelte sich laut Seebold (2002) in Deutschland im 17. Jahrhundert in der Form und Bedeutung, in der man ihn heute kennt, nämlich durch die Verwendung von verneinten Sätzen („etwas nicht nötig haben“). Ursprünglich benutzte man hierfür das Verb „brauchen“, das „genießen, sich erfreuen“ und „gebrauchen“ bedeutete. Daraus ergab sich später das Substantiv „Brauch/Brauchtum“. Weiter erklärt Seebold die Entwicklung der Bedeutungswandlung von „Verwendung“ zu „Sitte“ durch Wendungen wie „rechter Brauch“ und „unser Brauch“ (vgl. Seebold 2002). Der Duden zählt hier die folgenden Begriffe als Synonyme auf „Brauchtum, Ritual, Tradition, Usus, Sitte, feste Gewohnheit“ und „Überlieferung“ (vgl. SWb. 2004), von denen die meisten in Punkt 2 dieser Arbeit ebenfalls separat behandelt werden.

2.1.4 Ritual/ Ritus [Poln.: rytuał]

Laut Seebold wurde „Ritus“ im 16. Jahrhundert in Deutschland vom lateinischem „ritus“ übernommen und bedeutet „der religiöse Brauch, die Zeremonie“ und wird im Kollektiv als „Ritual“ bezeichnet (vgl. Seebold 2002). Der Duden beschreibt die Bedeutung des Begriffs als „religiöser [Fest]brauch in Worten, Gesten und Handlungen“ sowie „das Vorgehen [bei feierlichen Handlungen] nach festgelegter Ordnung“ (GFWb. 2007: 1189).

2.1.5 Feiertag [Poln.: święto]

Gemäß der Definition von Seebold entwickelte sich der Begriff „Feiertag“ aus dem lateinischen Begriff „festum“, welcher die Bedeutung „feierlich“ bzw. „der religiösen Feier gewidmet“ trägt (vgl. Seebold 2002).

2.2 Polnische Begriffe

2.2.1 tradycja [Dt.: Tradition]

Das Universalwörterbuch PWN beschreibt den Begriff „tradycja“ als Abfolge von Vorgangsregeln, als Sitten, Ansichten und Informationen, die von Generation zu Generation weitergegeben würden. Laut PWN sind das in der katholischen Kirche Schriften, die von Theologen in den ersten Jahrhunderten des Christentums verfasst wurden sowie Beschlüsse des Konzils und der Päpste, die neben der Bibel als zweite Quelle der Offenbarung angesehen werden (vgl. PWN 2008, Bd. T- Ż: 97). Die Definition eines Traditionalisten [Poln.: tradycjonalista] ist PWN zufolge ein Mensch, der großen Wert auf bereits bekannte Regeln und Gesetze legt und sich stets an diese, und mit ihr an die Traditionen, hält. Hierbei wird der Konservative dem Traditionalisten gleichgestellt (vgl. PWN 2008, Bd. T- Ż: 97). Gemäß der Beschreibung des polnischen Fremdwörterbuches PWN wurde „tradycja“, wie im Deutschen, auch hier vom lateinischen Begriff „traditio“ entlehnt (vgl. SWO-PWN 2008).

2.2.2 obrzęd [Dt.: Brauch]

Laut Universalwörterbuch PWN (vgl. 2008, Bd. K-Ó: 1081) ist ein Brauch [Poln.: obrzęd; auch obrząd (vgl. Bańkowski 2000: 351)], eine Ansammlung von Handlungen und Praktiken, die durch anerkannte Traditionen häufig als Vorschrift bzw. Regel angesehen werden und eine symbolische Bedeutung tragen. Oft begleiten Bräuche auch eine Feierlichkeit, die sowohl religiösen als auch familiären, politischen oder gesell-schaftlichen Charakter besitzen kann. Bańkowski datiert die Herkunft dieses Begriffs in Polen auf das 14./ 15. Jahrhundert. In dieser Zeit soll der Terminus in den St. Florian Psalmen und den Psalmen von Puławy aufgetaucht sein, anfangs überwiegend im Plural „obrzędy“ [Dt.: Bräuche]. Die Bedeutung ist dem polnischen Buch der Etymologie Andrzej Bańkoswkis zufolge eine„ ‚göttliche‘ Disposition, im Sinne einer ordnungs-gemäßen Ausführung von Ritualhandlungen“ (2000: 351). Ogrodowska (vgl. 2001: 137) beschreibt die Bedeutung als feierliches, symbolisches und ritualisiertes Verhalten und Handeln, welches durch eine Tradition oder einen Brauch bestimmt wird. Sie spricht auch davon, dass ein Brauch Ausdruck einer Weltanschauung und anerkannten Werten ist sowie einen wesentlichen Bestandteil der gesellschaftlichen Bindung, der zwischenmenschlichen Kommunikation und der Identität darstellt.

2.2.3 święto [Dt.: Feiertag]

Der Begriff „święto“ entspricht dem deutschen Begriff „Feiertag”. Laut PWN (vgl. 2008, Bd. P-Ś: 1606) ist das ein besonders festlicher Tag, der eher selten über einen Tag hinausgeht, an dem die Mitglieder einer bestimmten Zugehörigkeitsgruppe, wie z.B. einer Religion, Nation, eines Berufes oder einer Familie, am Jahrestag eines wichtigen Ereignisses an diversen Feierlichkeiten teilnehmen. Dieser Tag ist meist arbeits- und schulfrei. Gemäß der Beschreibung im Universalwörterbuch PWN sind die Gläubigen an einem kirchlichen Feiertag dazu verpflichtet, am Gottesdienst teilzunehmen, da dieser Tag durch die Kirche offiziell als Feiertag bestimmt wurde. Weiter gibt PWN an, dass staatliche und meist nationale Feiertage ebenso arbeitsfrei sind und an Tagen begangen werden, die ein wichtiges Datum für die jeweilige Nation oder den Staat darstellen.

2.2.4 zwyczaj -> obyczaj [Dt.: Gewohnheit -> Brauch/ Sitte]

Beide polnischen Begriffe, also „zwyczaj“ [Dt.: Gewohnheit] und „obyczaj“ [Dt.: Brauch/ Sitte] sind in den Wörterbüchern von PWN nahezu identisch beschrieben. Dennoch findet man in der Multimedia Enzyklopädie von PWN einen Unterschied, der besagt, dass ein „zwyczaj“ sich mit der Zeit in einen „obyczaj“ umwandeln und dabei in den Bereich der Sittlichkeit und sogar des Rechts übergehen kann (vgl. EM-PWN 1998). Somit muss etwas erst eine Gewohnheit sein, damit es sich zum Brauch bzw. zur Sitte verändert. Das Universalwörterbuch PWN (vgl. 2008, Bd. K-Ó: 1098) beschreibt den Brauch bzw. die Sitte und die Gewohnheit [Poln.: obyczaj] als eine gebräuchliche, vereinbarte Art und Weise, meist durch eine Tradition bekräftigt, die vorgibt, wie bei bestimmten Anlässen zu handeln ist. Als Anlass können unterschiedliche Gelegenheiten angesehen werden, diese sind laut PWN meist abhängig von der Region, Zeit bzw. Epoche und der jeweils praktizierenden Menschengruppe. Das Synonymwörterbuch von PWN gibt sowohl bei „obyczaj“ als auch bei „zwyczaj“ den jeweils anderen Begriff als Synonym an. Auch unter dem Begriff Tradition [Poln.: tradycja] findet man sowohl „zwyczaj“ als auch „obyczaj“ als Synonym (vgl. SS-PWN 2006: 220; 407; 525). Hierzu nennt PWN ein Beispiel in Form einer populären Redewendung: „Co kraj, to obyczaj“ (PWN 2008, Bd. K-Ó: 1098), was wörtlich übersetzt heißt: „Jedes Land hat seine eigenen Sitten.“ In Deutschland existiert jedoch eine äquivalente Redewendung, die wie folgt lautet: „Andere Länder, andere Sitten“. Das Universalwörterbuch PWN (2008, Bd. K-Ó: 1098 und Bd. T- Ż: 1102-1103) ergänzt die bereits beschriebenen Bedeutungen um zwei weitere. Die Eine beschreibt ein charakteristisches Verhalten einer Person oder eines Tieres, die mit „obyczaj“ oder „zwyczaj“ bezeichnet werden kann. Die Andere nennt eine Verhaltensweise einer Person oder eine Verhaltensregel, nach der sich ein Mensch richtet und lebt. Laut Ogrodowska (vgl. 2001: 137) ist ein „obyczaj“ eine Verhaltensweise, die in bestimmten Situationen wiederholt wird und mit sozialen Sanktionen belegt ist. Von jedem Mitglied einer Gemeinschaft wird die Einhaltung dieser Bräuche/ Sitten erwartet, die durch eine Tradition aufgezwungen werden. Weiter beschreibt Ogrodowska den Unterschied zwischen den beiden Begriffen, der darin liegt, dass „obyczaj“ im Vergleich zu „zwyczaj“ eine normative Kraft und Funktion besitzt. Das bedeutet, es steht im engen Zusammenhang mit den gesellschaftlich anerkannten Normen und Werten und ist ein spontaner Ausdruck dieser in bestimmten Situationen. Als Beispiel für „obyczaj“ nennt hier Ogrodowska den Respekt gegenüber einer verstorbenen Person oder auch die Anerkennung von fremdem Eigentum, aber ebenso den Kleidungsstil, der auch das Verhüllen der Haare bei verheirateten Frauen impliziert. Die Verletzung dieser Bräuche/ Sitten wird laut Ogrodowska (vgl. 2001: 137) der Verletzung von gesellschaftlichen Normen gleichgestellt und kann dadurch auf Missbilligung oder sogar Verdammung der jeweiligen Person stoßen, die in Form von gesellschaftlichem Druck und vielen anderen informellen Sanktionen ausgeübt wird.

2.2.5 uzus [Dt.: Usus]

Laut Universalwörterbuch PWN (vgl. 2008, Bd. T- Ż: 321) trägt „uzus“ (im Polnischen auch „usus“) im Polnischen die gleiche Bedeutung wie „zwyczaj“ [Dt.: Gewohnheit, Brauch] und zeichnet sich auch durch gängige bzw. angewandte Praxis aus. Weiter gibt PWN an, dass es auch in Polen vom Lateinischen „usus“ abstammt.

2.3 Kurze Zusammenfassung

Eine feine Differenzierung der Termini ist anhand der genannten Wörterbücher nicht genauer durchführbar, vor allem deshalb, weil alle Begriffe in der Alltagssprache zum größten Teil gleichrangig behandelt werden und somit auch untereinander austauschbar sind. Sowohl die Synonymwörterbücher in Deutschland als auch in Polen erlauben es, nahezu alle Begriffe beliebig auszutauschen, ohne die Bedeutung gravierend zu ver-ändern. Das bestätigt auch Ogrodowska (vgl. 2001: 137), die z.B. die Begriffe „zwyczaj“, „rytuał“, „obrzęd” und „obyczaj” als austauschbar bezeichnet und sowohl in der Wissenschaft als auch in der Alltagssprache nur kaum voneinander unterscheidet. Wie man den einzelnen Begriffserklärungen entnehmen kann, liegt die Wortherkunft der meisten Begriffe in der lateinischen Sprache, zudem ist den Begriffen häufig eine klerikale Herkunft inhärent. Auffallend ist, dass die polnischen Wörterbücher sich über-wiegend auf kirchliche Quellen und Ursprünge beziehen, während in Deutschland die Definitionen in der vorliegenden Literatur eher sachlich beschrieben werden und den kirchlichen Aspekt nur nebenbei ansprechen oder sogar ganz auslassen.

Die Übersetzung der Terminologie aus der einen in die andere Sprache gestaltet sich recht einfach, da für jeden Begriff ein entsprechendes Äquivalent in der anderen Sprache existiert. Würde man sich nur nach den deutsch-polnischen und polnisch-deutschen Wörterbüchern richten, könnte man nahezu alle Begriffe bei der Übersetzung miteinander austauschen, ohne die Bedeutung zu verändern. Deshalb war es an dieser Stelle wichtig, alle Begriffe, die eine Tradition insgesamt bezeichnen, hier einmal zu nennen und kurz zu definieren.

Im alltäglichen Sprachgebrauch werden in den meisten Fällen die Begriffe „Brauch/ Brauchtum“ und „Tradition“ verwendet. Handelt es sich um einen kirchlichen oder gesetzlichen Feiertag, wird auch der Begriff „Feiertag“ [Poln.: święto] in diesen Fällen gebraucht. Auch in dieser Arbeit werden hauptsächlich die zuvor erwähnten Termini gebraucht und von dieser Vorgehensweise wird nur dort, wo es unumgänglich ist, abgewichen.

3 Populäre Bräuche in Deutschland

3.1 Das Oktoberfest

Das Oktoberfest ist in Deutschland bundesweit bekannt und erfreut sich auch außerhalb deutscher Grenzen großer Popularität. Da es inzwischen einen überaus hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat, erscheint es vorteilhaft, das Fest, stellvertretend für andere deutsche Volksfeste, in diese Zusammenstellung aufzunehmen. Laut Rias-Bucher (vgl. 1999: 177-178) sind Pferderennen, die zum Anlass der Hochzeitsfeier von Ludwig I., dem Bayernkönig, und Therese von Sachsen-Hildburghausen am 17. Oktober 1810 in München ausgetragen wurden, der Ursprung dieses Festes. Seitdem entwickelte sich die Stadt München zum Austragungsort des größten Volksfestes der Welt. Auf der offiziellen Internetseite des Oktoberfestes[2] erfährt man, dass das Fest jährlich in den letzten beiden Septemberwochen stattfindet und am ersten Sonntag im Oktober endet. Als Grund wurde die immer länger werdende Dauer des Festes ange-geben, weshalb man sich entschloss, es bereits in den milderen Septemberwochen statt-finden zu lassen, da das Wetter in diesem Zeitraum besser geeignet schien. Heute dauert das Oktoberfest 16 Tage. Die Internetseite informiert auch über Besucherzahlen, die den Erfolg der Veranstaltung mit ca. 6 Millionen Gästen jährlich bestätigen. Weiter wird die Statistik für das Jahr 2010 angegeben, aus welcher hervorgeht, dass das Oktoberfest sein 200. Jubiläum mit 6,4 Millionen Besuchern begangen hat, wobei der bis heute erreichte Rekord bei 7,1 Millionen Menschen im Jahr 1985 liegt[3]. Laut oktoberfest.de[4] musste das Oktoberfest bzw. die „Münchner Wiesn“, wie es von den Bayern auch genannt wird, in der Vergangenheit immer wieder abgesagt werden. Zum ersten Mal war dies 1813, also drei Jahre nach Einführung, aufgrund der napoleonischen Kriege der Fall. Als nächstes in den Jahren 1854 und 1873 wegen der Cholera-Epidemie, 1870 aufgrund des deutsch-französischen Krieges, von 1914 bis 1920 in der Zeit des Ersten Weltkrieges sowie in den Jahren 1939 bis 1948 während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Insgesamt ist das Oktoberfest seit 1810 24-mal ausgefallen. Als Ersatz soll des Öfteren ein kleineres Herbstfest gedient haben.

Laut oktoberfest.de wurde im Jahr 1950 erstmalig das Oktoberfestfass durch den Münchner Oberbürgermeister mit den Worten „O´zapft is!“ angezapft. Seitdem ist dies eine traditionelle Eröffnungstradition dieser Veranstaltung. Das Oktoberfest ist ein hervorragendes Beispiel einer langjährigen Tradition, die sowohl Altbekanntes als auch Modernes miteinander verbindet. Zum traditionellen Teil des Festes zählen unter anderem die alten Buden und Schausteller, die auf der offiziellen Internetseite namentlich und einzeln genannt werden, dazu zählt unter anderem das Würstl-Schnappen, das Schubkarrenrennen, das Sacklaufen, das Baumsteigen, der berühmte Flohzirkus, das Teufelsrad, die Krinoline oder das Riesenrad, welches die Silhouette der Wiesn bestimmt. Ergänzt wird all dies durch die Losbude, die dem Oktoberfest einen wohltätigen Zweck verleiht, da der Erlös armen Landleuten zugutekommen soll. Der wohl auffälligste Brauch des Oktoberfestes sind die traditionellen Trachten, die sowohl von den Schaustellern und Wirten als auch von den Besuchern getragen werden. Dazu wird jedes Jahr ein Trachtenumzug organisiert, bei dem die Teilnehmer in den typischen Trachten der Zünfte und Ortschaften in Richtung der berühmten Theresienwiese ziehen. Die andere Seite des Oktoberfestes bietet etwas für Technikbegeisterte, wie z.B. die High-Tech-Anlagen „Alpina Bahn“, auf der der Gast für ca. zwei Sekunden der Erd-anziehungskraft entfliehen kann, das Karussell „High Energy“ und den Freifallturm „Power Tower“[5].

3.1.1 Über die Tradition

Das Oktoberfest fand ursprünglich als Folge eines christlichen Sakraments statt, nämlich des Ehesakraments. Mit der Zeit jedoch rückte der eigentliche Ursprung der Veranstaltung in den Hintergrund und das Oktoberfest wandelte sich zum volks-tümlichen Fest wie man es heute kennt. Derzeit ist nur den wenigen der zahlreichen Wiesn-Besucher bekannt, dass es seinen Anfang als Teil einer Hochzeits-zeremonie nahm. Die Deutsche Welle[6] und Spiegel Online[7] berichten, dass das Oktober-fest aktuell als größtes Bierfest der Welt gilt. Der Standort Bayern hat zu diesem Bedeutungswandel erheblich beigetragen, denn das größte Bundesland Deutschlands gilt als Mekka für Bierliebhaber aus der ganzen Welt. Laut Angaben des Bayerischen Brauerbundes[8] gab es im Jahr 2002 640 Brauereien in Bayern, die insgesamt über 40 Biersorten und 4000 Biermarken angeboten haben (siehe: Tabelle 1: Übersicht über den Konsum beim Oktoberfest). Demnach ist es nicht verwunderlich, dass sich diese Brauereien auf dem wohl bekanntesten Fest auch außerhalb der Grenzen Deutschlands profilieren wollen. Focus Online zufolge steigen die Preise für Bier auf dem Oktoberfest doppelt so schnell wie die Inflation[9]. Dennoch ist das bayerische Bier trotz stetig steigender Preise heute ein fester Bestandteil des Oktoberfestes und für die meisten Besucher nicht mehr wegzudenken. Aber auch für die Stadt München ist das Fest ein relevanter Wirtschaftsfaktor, auf den man nicht verzichten möchte. So wird während der 16-tägigen Dauer der Veranstaltung laut Angaben der offiziellen Internetseite der Landeshauptstadt München[10] über 800 Millionen Euro Umsatz gemacht; ein beachtlicher Wert. Doch die Bezeichnung „Oktoberfest“ oder „Münchener Wiesn“ alleine macht noch kein Oktoberfest im ursprünglichen Sinne aus. Es ist eben nicht nur das Bier, der Jahrmarkt und die Zelte, die das Fest ausmachen, sondern die jahrelange Kontinuität und das Resultat dieser, nämlich eine Tradition aufrechtzuerhalten und zu pflegen.

Tabelle 1: Übersicht über den Konsum beim Oktoberfest[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1.2 Vergleich mit Polen

Das Oktoberfest wurde in Deutschland erfolgreich eingeführt und gilt seit langem als „deutscher Exportschlager“; diesen Titel bestätigen zahlreiche Medien, so auch Focus Online[12]. Trotz vieler Nachahmer bleibt das Münchner Oktoberfest das einzige Original seiner Art. In Polen organisiert bereits das Deutsche Generalkonsulat Krakau[13], die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer, das Goethe Institut in Krakau, das Nürnberger Haus [Poln.: Dom Norymberski] sowie die Kanzlei Rödl & Partner ein Oktoberfest in der Stadt Krakau, in Kleinpolen. Die Feier wird größtenteils von deutschen Veranstaltern organisiert und ist in Polen zurzeit noch wenig bekannt. Auch in anderen Städten wird versucht, vom Ruhm des Oktoberfestes zu profitieren, indem man den Namen für die Veranstaltungen nutzt und darauf hofft, wenigstens einen Bruchteil des weltweiten Erfolges auch auf regionaler Ebene zu erzielen. So informiert die Zeitung „Gazeta Krakowska“[14], dass die Stadt Brzesko, ebenfalls in der Woiwodschaft Kleinpolen gelegen, bereits seit 2009 ein Oktoberfest nach dem deutschen Vorbild plant. Geplant war dieses Festival ursprünglich für September 2010, das Jahr, in dem das deutsche Oktoberfest sein 200. Jubiläum und die Brauerei Okocim, eine Brauerei aus der Region Brzesk, ihr 165 jähriges Bestehen beging. Doch bis zum heutigen Tage gibt es keine konkreten Hinweise darauf, ob dieses Vorhaben de facto zu Stande gekommen ist oder aufgegeben wurde. Die Niederländisch-Polnische Industrie und Handelskammer hingegen berichtet auf ihrer offiziellen Internetseite[15], dass im Jahr 2010 in Breslau das „International Oktoberfest“ für Geschäftsleute, welches von mehreren Industrie- und Handelskammern aus der ganzen Welt organisiert wird und unter dem Patronat der Bayerischen Vertretung in Breslau steht, bereits zum siebten Mal erfolgreich stattgefunden habe.

Insgesamt ist zu konstatieren, dass das Oktoberfest sich in Polen noch nicht durchgesetzt hat. Häufig fehlt es an Organisationstalent, aber letztlich ist es vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Polen das traditionsreiche Original in Bayern bevor-zugen. Diesen Sachverhalt beweisen in erster Linie die vielen Angebote der polnischen Reiseveranstalter kurz vor dem Oktoberfest in Deutschland, die sich dann verstärkt in ganz Polen häufen. Diese Angebote werden von den Polen gern und häufig genutzt, denn da das Oktoberfest im Nachbarland stattfindet halten sich Reisedauer und Reise-kosten in Grenzen.

3.2 Reformationstag

Dieser für die evangelische Kirche so bedeutende Feiertag wird am letzten Tag im Oktober, also am 31.10. begangen. Im Jahr 1517 schlug Martin Luther laut Bieritz (vgl. 1988: 155) an diesem Datum seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg und leitete damit den eigentlichen Beginn der reformatorischen Bewegung ein. Fischer (vgl. 2004: 74) bezeichnet die Feierlichkeiten, die an diesem Datum jährlich stattfinden, als Beginn der Reformation und gleichzeitig als Geburtstag des Protestantismus. In den meisten Bundesländern wird dieser Gedenk-tag jedoch nicht als gesetzlicher Feiertag angesehen und die Gottesdienste finden Fischer zufolge (vgl. 2004: 74) daher am Abend statt. Die Evangelische Kirche in Deutschland[16] informiert auf ihrer Internetseite darüber, welche Bundesländer den Re-formationstag als gesetzlichen Feiertag anerkennen, dazu zählen Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Laut Fischer (vgl. 2004: 74) finden in Wittenberg, der Geburtsstadt des Protestantismus, jedes Jahr am 31. Oktober zahlreiche Feiern, Gottesdienste und Aufführungen statt.

Martin Luther, Theologieprofessor, Mönch und Initiator der Reformation, bewirkte mit seinen Thesen eine weltweite Veränderung. Er spaltete die christliche Kirche und beeinflusste damit auch weitere Länder, sich gegen den Papst zu stellen und von ihm zu lösen. Dem Magazin GEO[17] zufolge habe Luther die katholische Kirche nur re-formieren, sich jedoch nicht gänzlich von dieser lösen wollen; ein Prozess, wie er letztendlich stattgefunden habe, sei GEO zufolge von Luther ursprünglich nicht angestrebt worden. Hauptgrund für die ins Leben gerufenen Forderungen in Form der 95 Thesen war der von der katholischen Kirche betriebene Ablasshandel. Luther verfasste in deutscher Sprache einen Appell an alle weltlichen Fürsten, da er in der Kirche kein Gehör gefunden hatte. Somit appellierte er in seiner Schrift unter anderem wie folgt: „Denn was sie mit Ablaß, Bullen, Beichtbriefen, Butterbriefen und anderen Confessionáles haben in allen Landen gestohlen, noch stehlen und erschinden, eracht ich als Flickwerk und gleich, als wenn man mit einem Teufel in die Hölle würfe.“ (Luther 2005: 43). Dies ist nur eine von zahlreichen Aussagen aus Luthers Schriften, die deutlich machen, wie sehr der Reformator den Ablasshandel verachtet hat. Er nennt auch weitere Beispiele für prachtvolle Bauten der Kirche, die wohl durch die Einnahmen aus dem Ablasshandel finanziert wurden. Doch da er mit dieser Schrift nicht die Finanzierung der katholischen Kirche detailliert beschreiben und offenlegen wollte, erwähnte er diese Aspekte nur nebenbei und schrieb dazu: „Nicht daß sie wenig eintragen, denn es könnte sich wohl ein mächtiger König davon erhalten…“ (2005: 43). Er beendete das Thema der Finanzierung der Kirche durch den Ablasshandel, indem er schrieb: „Ich schweige auch zur Zeit noch davon, wo solches Ablaßgeld hinkommen ist.“ (2005: 43). Luther wollte grundsätzlich die Kirche reformieren und Dogmen wie den Ablasshandel oder die Unfehlbarkeit des Papstes beseitigen; dem Deutschen Roten Kreuz zufolge vertrat er die Auffassung, die Sünden wären bereits durch das Opfer Jesu am Kreuz erlassen worden[18]. Das bedeutendste Werk Luthers ist indes seine Bibel-übersetzung. Dieses Werk hat die Entwicklung der deutschen Sprache stark beeinflusst und trug enorm zur Vereinheitlichung der der Hochsprache bei. Laut Mag. Ingrid Oblak[19], bestand Luthers Ziel darin, dass jeder Haushalt eine Bibel besäße und diese auch verstehen könne; eine Auffassung, die von der katholischen Kirche, welche die Meinung vertrat, das Lesen der Bibel solle der elitären Theologenschaft vorbehalten bleiben, abgelehnt wurde. Zum Erfolg Luthers trug damals auch die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg einen großen Teil bei. Dies verhalf Luther seine Bibelübersetzung und seine Kritiken über den Ablasshandel zu verbreiten, so dass er schneller und effizienter Anhänger und Unterstützer finden konnte.

3.2.1 Über die Tradition

Das Beispiel „Martin Luther“ und die damit entstandene Bewegung bzw. Neuorientierung der christlichen Kirche veranschaulicht, dass es nicht immer sinnvoll ist, alle Traditionen einfach hinzunehmen, ohne diese bei Bedarf zu hinterfragen. Eine Tradition bzw. ein Brauch sollte niemandem Schaden zufügen und vor allem nicht dazu dienen, Menschen, die an den Ursprung und damit an die wirkliche Bedeutung des Brauchs glauben, auszunutzen, indem man ihren Glauben und ihr Vertrauen ausbeutet. Leider ist das in der Praxis dennoch häufig der Fall. Bräuche sind Praktiken, die Menschen am Leben erhalten, weil sie dahinter einen tieferen Sinn erkennen und aus voller Überzeugung handeln, so zumindest sieht der Idealfall aus. Der in diesem Abschnitt behandelte Fall des Ablasshandels, den Luther stark kritisiert hat, ist ein negatives Beispiel eines Brauchs, der sich nicht durchgesetzt hat und der letztlich auch von der katholischen Kirche abgesetzt wurde. Heute bezahlt niemand mehr Geld für eine Beichte oder den Erlass seiner Sünden. In Deutschland finanzieren sich die katholische und evangelische Kirche durch Kirchensteuern und Spenden, aber laut Spiegel Online[20] auch durch Unterhaltung wirtschaftlicher Betriebe, wie z.B. Brauereien[21], eigene Baufirmen, eigene Banken[22], Weinberge, Gutshöfe, Aktienanteile und andere Geldquellen. Spiegel Online berichtet über Carsten Frerk[23], einen Hamburger Politologen der im Jahr 2001, nach dreijähriger Untersuchung und Analyse, seine Ergebnisse präsentiert hat. Aus Frerks Ergebnissen geht deutlich hervor, dass die beiden christlichen Kirchen in Deutschland zu den reichsten Unternehmern zählen. Er vermerkte ergänzend, dass es nicht einfach gewesen sei, Informationen über die Bilanzen der beiden Kirchen zu erlangen, vor allem, weil viele Betriebe nicht direkt über die Kirche, sondern über Vereine, Initiativen und Gemeinden gesteuert würden. Der Prozess, den Martin Luther begonnen hat, hat auch Folgen für andere Länder gehabt. So ist es nicht verwunderlich, dass der 31. Oktober auch heute noch feierlich zu Ehren von Martin Luther und denen, die ihm dabei geholfen haben, zelebriert wird. Die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt informiert auf ihrer Internetseite[24] über das anstehende Reformationsjubiläum im Jahr 2017, bei dem die protestantische Kirche ihr 500 jähriges Bestehen feiern wird.

3.2.2 Vergleich mit Polen

In Polen ist der Reformationstag am 31. Oktober weder auf Landesebene noch in bestimmten Woiwodschaften gesetzlicher Feiertag. Laut Gesetzblatt vom 13. Mai 1994 (vgl. Dz.U. 1994 nr 73 poz. 323) besteht jedoch für jeden Angehörigen der pro-testantischen Kirche die Möglichkeit, sich an diesem Feiertag arbeits- bzw. schulfrei zu nehmen[25]. Aus den Angaben des polnischen Statistischen Hauptamtes [Poln.: Główny Urząd Statystyczny] aus dem Jahr 2010 geht hervor[26], dass 95,8% der Bevölkerung in Polen im Jahr 2008 der katholischen Kirche angehörte. Weiter beziffert der Bericht die evangelisch-augsburgische Kirche in Polen mit 75.000 Angehörigen im Jahr 2008, darunter viele Deutschstämmige. Das offizielle Förderportal der Republik Polen gibt an, dass außerdem noch andere protestantische Kirchen hinzukommen, z.B. die Pfingst-bewegung und die Siebenten-Tag Adventisten sowie mehrere kleine Kirchen-gemeinschaften. Das Förderportal bezeichnet die protestantischen Kirchen in Polen als drittgrößte Christengemeinschaft[27]. Auch in Polen finden in den protestantischen Gottes-häusern am Reformationstag Gottesdienste statt.

3.3 Martinstag

Beim Martinstag handelt es sich um einen Namenstag des Heiligen Martin, welcher jedes Jahr am 11. November begangen wird. In Deutschland wird dieser Tag in erster Linie von vielen Kindern mit großer Freude gefeiert. Laut Rias-Bucher (vgl. 1999: 189) versammeln sich jedes Jahr Kinder mit Freunden in Kindergärten und Schulen und ziehen mit selbstgebastelten Laternen durch die Straßen. Bei großen Umzügen reitet sogar ein als heiliger Martin verkleideter Mann mit einem Umhang, Helm und Schwert auf einem Pferd voran. Rias-Bucher zufolge kommt es ebenso vor, dass ein Trompeter vorausläuft, zu dessen Melodien die Kinder Lieder singen, die sie zuvor im Kinder-garten gelernt haben, so z.B. „Ich geh‘ mit meiner Laterne“. Nach der Wanderung werden die Kinder mit den gesammelten Martinshörnchen zu Hause belohnt. Die Kälte und die als Folge dieser entstandenen roten Wangen sollen den Kindern bewusst machen, weshalb der Martinstag gefeiert wird. Laut Bieritz (vgl. 1988: 157) soll Martin um 316/317 in Szombathely in Ungarn geboren worden sein und war zunächst Soldat. Fischer (vgl. 2004: 86) schreibt, dass Martin mit 18 Jahren zum Christentum konvertiert sein soll und aus dieser Zeit auch die berühmteste Legende über ihn stamme. So soll Martin während einer frostigen Winterzeit seinen Militärmantel mit einem frierenden und unbekleideten Bettler geteilt haben. Dazu zerteilte er seinen Offiziersmantel mit seinem Schwert und reichte eine der beiden Hälften dem frierenden Mann. Nach dieser Begegnung soll Martin die Taufe erhalten haben und sei aus diesem Grund kurz darauf aus dem Militär ausgetreten, um im Dienste der Kirche zu wirken. Einige Quellen berichten, ihm sei in der Nacht der Mantelteilung Christus in seinen Träumen erschienen und soll ihn über die wahre Identität des Bettlers aufgeklärt haben (vgl. Rias-Bucher 1999: 190). Im Jahr 371 wurde er Widerwillen zum Bischof von Tours an der Loire gewählt. Die Umstände, auf welche Weise Martin sich vor der Ernennung zum Bischof gewehrt haben soll, leiten eine weitere Legende über ihn ein. Laut Woll (vgl. 2001: 84-85) soll er sich, als er von seiner bevorstehenden Wahl zum Bischof hörte, in einem Gänsestall versteckt haben, jedoch vom lauten Geschnatter der Gänse verraten worden sein. Da an diesem Tag auch Gänse von Bauern geschlachtet wurden, weil man sie wegen des anstehenden Winters nicht mehr auf den Weiden halten konnte, entstand der Name Martinsgans. Laut Bieritz (vgl. 1988: 157) starb Martin am 8. November 397. Läpple (vgl. 1996: 164) beschreibt eine überraschende Welle der Verehrung Martins, die bereits mit seinem Tod begann und ihm dadurch eine Sonderrolle unter den Heiligen eingeräumt hat. Diese Sonderrolle spiegelt sich laut Läpple (vgl. 1996: 164) auch in der Kirche wider, Martin ist nämlich der erste christliche Heilige, der als Nicht-Märtyrer zur Ehre der Altäre erhoben und somit zum Vorbild für viele Mönche und Priester wurde. Damit führte er eine neue Kategorie der „Heiligen“ ein, nämlich jener, die als „Bekenner“ in den kirchlichen Kalendarien geführt werden. Laut Fischer (vgl. 2004: 86) war Martin zum Nationalheiligen des Frankenreiches erkoren worden und ist nun Schutzpatron Frankreichs.

Läpple (vgl. 1988: 164) beschreibt den Martinstag als wichtiges Datum für alle Bauern, denn mit diesem Tag endete das Bauernjahr und alle Feldarbeiten mussten abgeschlossen sein. Das Datum läutete den Winteranfang und gleichzeitig den Beginn der Vorbereitungszeit auf Weihnachten ein. Diese umfasste laut Bieritz (vgl. 1988: 180) früher sechs Adventssonntage, während denen man Buße tun musste und während der der Verzehr von Fleisch strengstens untersagt war. Am 11. November durfte man ein letztes Mal vor der sechswöchigen Fastenzeit Fleisch essen, dazu gehörte in vielen Familien auch der Verzehr der zuvor genannten Martinsgans. Da auf dieses Datum auch der Abschluss des Bauernjahres fiel, waren an diesem Tag die Pachtzahlungen fällig und den Hirten und dem Gesinde wurde laut Woll (vgl. 2001: 83-84) der Jahreslohn ausbezahlt. Dieser Tag wurde auch als Schlachttag bezeichnet: Weil nicht das gesamte Vieh durch den Winter gefüttert und unterhalten werden konnte, begann an diesem Tag laut Woll die Schlachtzeit. Dies war somit ein besonderer Tag, da es frisches Fleisch zu essen gab. Eine Selbstverständlichkeit war es auch, den Familien und Nachbarn, die keinen Schlachttag hatten, Fleisch- und Wurstwaren abzugeben. Dazu zählten z.B. Lehrer, Dienstboten und Pfarrer, weil sie keine Tiere unterhielten sondern anderen Aufgaben nachgingen (vgl. Woll 2001: 84). Der Überschuss an Fleisch wurde für den Winter eingelegt.

3.3.1 Über die Tradition

Den Ursprung dieser alljährlichen Tradition bildet ein gewöhnlicher Mann, der zurzeit des Geschehens Soldat bei der Armee war. Durch eine gute Tat und somit den Beweis dafür, dass damals auch ein Offizier einem Bettler die Hand reichen konnte, wurde er mit der Zeit zum Heiligen. Wichtig jedoch ist, dass in Martins Leben ein gewisser „roter Faden“ zu erkennen ist, der indiziert, dass es nicht nur die eine Tat gewesen ist, die ihn ausgemacht hat und seine Gutmütigkeit unter Beweis stellte. Die Legende über seine Angst, das Amt eines Bischofs einzunehmen expliziert, dass er sein Leben nicht im Hinblick auf eine Beförderung oder einen besseren Posten bestritten hat, sondern weil er sich dazu berufen fühlte, zumindest, wenn man den Legenden glauben darf. Er trat durch seine Taufe in die Kirche ein, engagierte sich dort weiter und wurde so zu einem Heiligen, aber vor allem zu einem Vorbild für viele andere Menschen. Dies ist in der heutigen Zeit ein Hinweis dafür, dass schon damals eine Tat, die eigentlich als selbstverständlich gelten sollte, so hoch angesehen war, dass diese Legende noch nach vielen Hundert Jahren weiter erzählt wird. Zum Teil ist es genau dies, was Traditionen ausmacht. Es sind Geschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und sich auch, je nach aktueller Mode, verändern können. Dennoch hat der Grundgedanke dieses Anlasses überlebt, nämlich der Gedanke, dass die Hilfs-bereitschaft eines Menschen ein Vorbild für viele andere sein sollte. Für viele Menschen ist es daher auch nicht wichtig, ob die Geschichte tatsächlich so vorgefallen ist, viel-mehr zählt für sie die Wirkung, die dieser Tag in den Menschen hervorruft. Damit ist diese Tradition ein gutes Beispiel für spezifische Werte, die oft mit Traditionen vermittelt werden. Denn letztendlich ist es nicht nur der Brauch allein, der einen traditionsreichen Feiertag ausmacht, sondern die Werte, die dahinter stehen. In der Bundesrepublik ist der Martinstag kein gesetzlicher Feiertag. Der heilige Martin ist der Namenspatron von Martin Luther, der am 10. November geboren wurde und am 11. November seine Taufe erhalten hat. Obwohl in Deutschland Namenstage nicht gefeiert werden, da sich der Geburtstag durchgesetzt hat, bilden Heilige eine Ausnahme, da ihre Namenstage als kirchliche Feiertage von den Kirchen am Leben erhalten werden und auf diese Weise nicht in Vergessenheit geraten. Sie sind fester Bestandteil des kirchlichen Jahres und besitzen meist auch eine andere Bedeutung als die von Menschen gefeierten Festtage. So leitete laut Bieritz (vgl. 1988: 180) der Martinstag früher die Fastenzeit ein, die damals bis zum 6. Januar, dem Dreikönigsfest, andauerte und insgesamt acht Wochen betrug.

3.3.2 Vergleich mit Polen

In Polen verbindet man diesen Tag vor allem mit dem Unabhängigkeitstag des Landes, dennoch ist der Heilige Martin auch in der Kirche wohl bekannt und wird dementsprechend gefeiert. In der Gesellschaft ist dieser Brauch jedoch nur den Wenigsten bekannt. Laut Zarych (vgl. 2010: 32) ist diese Tradition vor allem in den westlichen und nördlichen Teilen Polens bekannt, eine Ausnahme hierzu bildet die Stadt Posen [Poln.: Poznań] in der Woiwodschaft Großpolen [Poln.: Wielkopolskie], wo der Martinstag, schon seit langem jedes Jahr gefeiert wird; so auch im Jahr 2011[28]. Die Feierlichkeiten finden sowohl in der St. Martin Kirche als auch auf der gleichnamigen Straße statt, deren Namenstag an diesem bedeutenden Datum ausgiebig gefeiert wird. Die offizielle Internetseite der Stadt Posen[29] informiert darüber, wie der heilige Martin in Posen seinen Bekanntheitsgrad erreichen konnte. Die Legende soll ihren Beginn in der St. Martins Kirche genommen haben, in der ein Pfarrer die versammelte Gemeinde an diesem Tag um Gaben für die Armen gebeten haben soll. Ein Konditor soll daraufhin drei ganze Backbleche mit Martinshörnchen für die Armen mitgebracht haben, kurz darauf sollen sich ihm auch andere Konditoren angeschlossen haben. Vor dem Krieg haben Handwerker auch Fleisch und Brot an diesem Tag verteilt, damit die hungernde Bevölkerung an diesem Tag satt wurde. Noch heute werden an diesem Tag die Martinshörnchen bzw. rogale świętomarcinńskie, die nur in Posen produziert werden dürfen und in der EU zu den Produkten mit geschützter Herkunftsbezeichnung zählen, gebacken und am Martinstag verkauft. Ogrodowska zufolge (vgl. 2001: 110-111) galt der heilige Martin auch in Polen als Patron der Viehschlachtung. In Analogie zu Deutschland gab es um diesen Tag herum ein üppiges Mahl und das Teilen mit den Armen wurde als Selbstverständlichkeit angesehen. Ogrodowska beschreibt, dass der Brauch früher den übermäßigen Konsum von Nahrungsmitteln und Getränken in diesen Tagen gerechtfertigt habe, da es die letzte Gelegenheit vor der Fastenzeit gewesen sei. Weiter schreibt sie, dass einige St. Martin sogar für den nachsichtigen Patron der Viel-fresser und Säufer gehalten hätten. Sowohl Ogrodowska (vgl. 2001: 110-111), als auch Zarych (vgl. 2010: 32) bestätigen, dass die Legenden um den heiligen Martin in Polen in der gleichen Form bekannt seien. Auch in Polen galt der Martinstag früher als Zeit der Wende: Das Datum läutete den Winteranfang ein, galt als Signal zur Beendigung aller Feldarbeiten und das Vieh wurde ein letztes Mal auf die Weide getrieben. Der Martinstag ist auch in Polen kein gesetzlicher Feiertag.

3.3.3 Spruchweisheiten zum Martinstag

Wie bei fast jeder Tradition entstehen mit der Zeit zu jedem Brauch bzw. zu jedem Usus bestimmte Weisheiten und „Bauernregeln“, die sich stark einpräg(t)en. Auch in Bezug auf den Martinstag sind sowohl in Polen als auch in Deutschland viele „Bauernregeln“ überliefert worden. Alle Weisheiten belegen die Veränderungen und Pflichten, die dieser Tag mit sich brachte. Ein wichtiger Aspekt bei der Genese der „Bauernregeln“ war beispielsweise der Winteranfang, auf diese Weise entstand folgender Spruch:

Der heilige Martin tuts Feuer in Kamin. (Läpple 1996: 164)

Zum anderen deuten die Sprüche auch auf die Beendigung der Feldarbeiten hin:

Kommt Martin heran, hat der Bauer das Dreschen getan. (Läpple 1996: 164)

Aber auch der Brauch des Tafelns, Feierns und der damit verbundene Schlachttag wurde in Form von Sprüchen tradiert:

Sankt Martin ist ein guter Mann, er bringt die Bratgans uns heran. (Läpple 1996: 164)

Auf Martin schlacht` man fette Schwein`, auch wandelt sich der Most in Wein. Man isst dann auch gebratene Gans und trinkt den Most halb oder ganz. (Fischer 2004: 86)

Dzień świętego Marcina dużo gęsi zarzyna. (Ogrodowska 2001: 111)

Marteine, Marteine, mach das Wasser zu Weine. (Woll 2001: 85)

Na Marcina, gęś do komina. (Zarych 2010: 32)

Aufgrund des Brauchs der Umzüge mit Laternen in Deutschland sind einige besondere Sinnsprüche entstanden, die auf einen rein kirchlichen Hintergrund bezogen werden können. So symbolisieren die selbstgebastelten Laternen der Kinder bei den Umzügen das Licht des Glaubens. Somit soll St. Martins Vorbild wie die hellen Laternen in den dunklen Straßen den Gläubigen den Weg erleuchten:

Ein Lichtermeer zu Martins Ehr´! (Fischer 2004: 86)

Martin ist ein frommer Mann. Zündet ihm die Lichter an, dass er’s droben sehen kann, was er Gutes hat getan. (Woll 2001: 85)

Schließlich kommt noch der wirtschaftliche Aspekt hinzu. Einige Menschen fürchteten diesen Tag, da sie entweder ihre Angestellten auszahlen mussten und dazu nicht in der Lage waren oder - aus der Perspektive der Angestellten - nicht wussten, ob der Dienst-herr im Stande war, den kompletten Lohn auszuzahlen. Für viele war dieser Tag daher auch eine Zeit des Bangens und der Ungewissheit.

Sankt Martin ist ein harter Mann für den, der nicht bezahlen kann. (Läpple 1996: 164)

[...]


[1] Bundeszentrale für politische Bildung. (2006). Tradition. Abgerufen am 14. Januar 2011 um 14.30 von Politiklexikon: http://www.bpb.de/wissen/H75VXG

[2] Schöninger, Tino; Datenwerk GmbH. (2011). Häufige Fragen von Wiesnbesuchern. Abgerufen am 24. Januar 2011 um 22.00 Uhr von Oktoberfest.de - Die Website zur Wiesn: http://www.oktoberfest. de/de/article/Das+Oktoberfest/Service/H%C3%A4ufige+Fragen+von+Wiesnbesuchern/1513/

[3] Schöninger, Tino; Datenwerk GmbH. (2011). Wiesn-Rekorde und Obskures. Abgerufen am 24. Januar 2011 um 22.00 Uhr von Oktoberfest.de - Die Website zur Wiesn: http://www.oktoberfest.de/de/ article/Das+Oktoberfest/Geschichte/Wiesn-Rekorde+und+Obskures/638/

[4] Schöninger, Tino; Datenwerk GmbH. (2011). Kriege, Bomben und Cholera. Abgerufen am 24. Januar 2011 um 23.00 Uhr von Oktoberfest.de - Die Website zur Wiesn: http://www.oktoberfest.de/ de/article/Das+Oktoberfest/Geschichte/Kriege%2C+Bomben+und+Cholera/635/

[5] Schöninger, Tino; Datenwerk GmbH. (2011). Das Oktoberfest. Abgerufen am 24. Januar 2011 um 12.00 Uhr von Oktoberfest.de - Die Website zur Wiesn: http://www.oktoberfest.de

[6] Deutsche Welle. (16. September 2008). Oktoberfest, the World's Biggest Beer Fest, Now Open. Abgerufen am 14. Februar 2011 um 16.30 Uhr von dw-world.de: http://www.dw-world.de/dw/ article/0,,3648887,00.html

[7] Spiegel Online. (18. September 2004). Münchner Wiesnzeit: Das größte Bierfest der Welt. Abgerufen am 14. Februar 2011 um 16.00 Uhr von Spiegel Online: http://www.spiegel.de/fotostrecke/ fotostrecke-936.html

[8] Bayerischer Brauerbund e.V. (2002). Braustätten. Abgerufen am 14. Februar 2011 um 17.00 Uhr von bayerisch-bier.de: http://www.bayerisch-bier.de/index.php?StoryID=168

[9] Focus Online; mhe. (29. September 2009). Wiesn-Preise steigen stärker als Inflation. Abgerufen am 27. März 2011 um 23.00 Uhr von Focus Online: http://www.focus.de/finanzen/news/oktoberfest-wiesn-preise-steigen-staerker-als-inflation_aid_440011.html

[10] Landeshauptstadt München - Referat für Arbeit und Wirtschaft. (kein Datum). Das Münchner Oktoberfest in Zahlen. Abgerufen am 2. Februar 2011 um 17.00 Uhr von muenchen.de - Das offizielle Stadtportal: http://www.muenchen.de/Rathaus/raw/Tourismusamt/oktoberfest/123440/ oktoberfest_Zahlen_Statistiken.html#Wiesn%202004

[11] Landeshauptstadt München - Referat für Arbeit und Wirtschaft. (kein Datum). Das Münchner Oktoberfest in Zahlen. Abgerufen am 2. Februar 2011 um 17.00 Uhr von muenchen.de - Das offizielle Stadtportal: http://www.muenchen.de/Rathaus/raw/Tourismusamt/oktoberfest/123440/ oktoberfest_Zahlen_Statistiken.html#Wiesn%202004

[12] Haas, C. (5. Oktober 2009). Die Wiesn, ein Exportschlager. Abgerufen am 02. Februar 2011 um 17.20 Uhr von Focus Online: http://www.focus.de/reisen/urlaubstipps/oktoberfest/international/tid-7066/ wiesn-international_aid_69199.html

[13] Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland. (kein Datum). Oktoberfest in Krakau. Abgerufen am 15. März 2011 um 15.00 Uhr von Deutsches Generalkonsulat Krakau: http://www.krakau.diplo. de/Vertretung/krakau/de/Oktoberfest__Krakau.html

[14] Więcek-Cebula, M. (04. November 2009). W Brzesku chcą mieć własny Oktoberfest. Abgerufen am 24. Februar 2011 um 16.00 Uhr von gazetakrakowska.pl: http://www.gazetakrakowska.pl/tarnow/ brzesko/181960,w-brzesku-chc-mie-w-asny-oktoberfest,id,t.html

[15] Netherlands-Polish Chamber of Commerce. (2010). INTERNATIONAL OKTOBERFEST WROCŁAW 2010. Abgerufen am 04. Februar 2011 um 12.00 Uhr von Netherlands-Polish Chamber of Commerce: http://www.nlchamber.com.pl/event/international-oktoberfest-wroc%C5%82aw-2010

[16] Evangelische Kirche in Deutschland. (7. März 2011). Reformationstag - Gesetzlicher Feiertag. Abgerufen am 12. März 2011 um 17.00 Uhr von EKD - Evangelische Kirche in Deutschland: http:// www.ekd.de/reformationstag/wissenswertes/feiertag.html

[17] Otto, F. (Oktober 2009). Europa vor der Glaubensspaltung. Abgerufen am 24. März 2011 um 17.00 Uhr von Geo.de: http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geo_epoche/62020.html?p=1

[18] Deutsches Rotes Kreuz. (31. Oktober 2008). Warum feiern wir den Reformationstag? Abgerufen am 14. Februar 2011 um 21.00 Uhr von Deutsches Rotes Kreuz - Webzeitung: http://www.drk-webzeitung.de/2008/10/31/warum-feiern-wir-den-reformationstag/

[19] Oblak, I. (1. Dezember 2008). Luthers Bedeutung für die deutsche Sprache und die Literatur. Abgerufen am 10. April 2011 um 16.10 Uhr von Evangelisch im Weinviertel - Gott sei Dank (Evangelische Pfarrgemeinde A.u.H.B. Stockerau): http://evang-stockerau.com/blog/?p=663

[20] Wensierski, P. (03. Dezember 2001). Diskret wie Schweizer Banken. Abgerufen am 25. Februar 2011 um 17.00 Uhr von Spiegel Online: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20899199.html

[21] Brauerei Hacklberg. (2011). hacklberg - Passau. Abgerufen am 25. Februar 2011 um 18.00 Uhr von http://www.hacklberg.de/main_geschichte.html

[22] Bank für Orden und Mission - Zweigniederlassung der vr bank Untertaunus eG. (2011). ordensbank.de. Abgerufen am 25. Februar 2011 um 17.15 Uhr von http://www.ordensbank.de/index. php?option=com_content&view=article&id=46&Itemid=220

[23] Wensierski, P. (03. Dezember 2001). Diskret wie Schweizer Banken. Abgerufen am 25. Februar 2011 um 17.00 Uhr von Spiegel Online: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20899199.html

[24] Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. (2011). Luther 2017 - 500 Jahre Reformation. Abgerufen am 10. April 2011 um 18.00 Uhr von Luther 2017: http://www.luther2017.de/index.php

[25] Sejm Rzeczypospolitej Polskiej. (13. Mai 1994). Internetowy System Aktów Prawnych. Abgerufen am 10. März 2011 um 19.30 Uhr von Dz.U. 1994 nr 73 poz. 323: http://isap.sejm.gov.pl/ DetailsServlet?id=WDU19940730323

[26] Główny Urząd Statystyczny. (13. August 2010). Wyznania Religijne - Stowarzyszenia Narodowościowe i Etniczne w Polsce 2006-2008. Abgerufen am 16. März 2011 um 13.30 Uhr von Główny Urząd Statystyczny - Portal Informacyjny: http://www.stat.gov.pl/gus/5840_8558_PLK_ HTML.htm

[27] Außenministerium Polen. (2008-2011). Kirchen und Religionsgemeinschaften. Abgerufen am 25. Februar 2011 von Polska - offizielles Förderportal der Republik Polen: http://de.poland.gov.pl/ Kirchen,und,Religionsgemeinschaften,666.html

[28] Urząd Miasta w Poznaniu. (2011). Wydarzenia kulturalne 2011. Abgerufen am 22. Februar 2011 um 16.30 von Poznań - Miasto know-how: http://www.poznan.pl/mim/public/publikacje/pages.html?co= list&id=19814&ch=19851&instance=1017&lang=pl

[29] Urzędu Miasta w Poznaniu. (1998-2011). Imieniny Ulicy Święty Marcin. Abgerufen am 10. April um 17.00 Uhr 2011 von Poznań - Miasto know-how: http://www.poznan.pl/mim/public/main/pages.html ?ch=20564&instance=1017&lang=pl

Autor

Zurück

Titel: Deutsche und polnische Bräuche