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Online Communities - Voneinander lernen miteinander umzugehen

Erleichtern die virtuellen Gemeinschaften den Wissenstransfer und sind soziale Netzwerke wirklich sozial?

Seminararbeit 2010 22 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Strukturmerkmale von Online-Communities
2.1 Infrastruktur
2.2 Soziographische Struktur
2.3 Partizipationsstruktur
2.4 Kommunikationsstruktur
2.5 Informationsstruktur
2.6. Präsentationsstruktur
2.7 Verhältnis Online-Offline

3. Verschiedene Formen von Online-Communities
3.1 Communities of Practice
3.1.1 The Domain
3.1.2 The Community
3.1.3 The Practice
3.2 Foto-Communities
3.2.1 Fotocommunity.net
3.2.2 Deviantphoto.eu
3.2.3 Flickr.com
3.3 Social-Communities - Facebook
3.3.1 Erfolgsgeschichte Facebook
3.3.2 Anwendungen und Dienste
3.3.3 Großer Bruder Facebook

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die heutige Gesellschaft befindet sich im Wandel. Immer stärker wird die Integration von Informations- und Kommunikationstechnologie im Alltag deutlich und bringt ebenso viel Diskussions- wie Analysepotential mit sich. Soziale Systeme entwickeln sich auf der Basis ihrer konventionellen Strukturen weiter und nutzen neue, interaktionsmediale Kanäle, um miteinander zu agieren und zu kommunizieren. Die Entwicklungen, die das Web 2.0 mit sich gebracht hat, geben dem User immer mehr Möglichkeiten sich interaktiv mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen, sich selbst mitzuteilen und vor allem sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Online-Communities bieten jedem Nutzer genau diese Möglichkeiten. Man könnte es inzwischen fast schon als selbstverständlich bezeichnen, Mitglied in einer Community zu sein. Denn wer nicht an der Kommunikation auf Social-Community- Plattformen wie Facebook, MySpace, Lokalisten, oder Xing teilnimmt, läuft Gefahr sich dadurch aus seinem sozialen Umfeld auszugliedern. „Wer nicht drin ist, isoliert sich sozial komplett"1, sagt Phillip Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung Hamburg. Auf den Plattformen wird nicht nur auf Veranstaltungen und Treffs hingewiesen, sondern auch gemeinsam Erlebtes diskutiert, kommentiert und abgesprochen. Foto-Communities wie Flickr entwickeln sich zu informellen Lernkulturen und bieten Service rund um das Thema Fotografie, während die NAAE (National Association of Agricultural Educators) als Community of Practice agiert.2 Sie stellt ihren Mitgliedern eine usergenerierte Datenbank mit praktischen Hilfestellungen und Tipps für Agrarwirtschaft zur Verfügung. Der Kernpunkt bei allen Communities, egal in welcher Form sie auftreten, ist stets die Vernetzung und die interaktive Kommunikation. Noch nie haben sich so viele Menschen entschlossen ihre persönlichen Daten einer Firma quasi blind anzuvertrauen, nur um den Kontakt mit anderen Menschen zu suchen und zu pflegen. In Deutschland ist ungefähr jeder Achte Mitglied des sozialen Netzwerks Facebook. 11.119.240 (Stand: Oktober 2011) Deutsche haben sich entschieden, ihre Daten auf der Plattform zu veröffentlichen.3 Ist dies das Ende der Privatheit? - mag sich so mancher Fragen, der noch die Proteste gegen die Volkszählung 1983 in Erinnerung hat. Das Weigern gegen eine Erhebung persönlicher Daten und gegen einen Überwachungsstaat à la Orwell brandete damals in einer Welle gesamtdeutscher Empörung.4 Heute, 27 Jahre später, legen die Bürger ihre persönliche Freiheit und ihre individuellen Informationen mit Vergnügen in die Hände eines multinationalen, profitorientierten Konzerns. In dieser Seminararbeit soll herausgearbeitet werden, weshalb sich so viele Menschen dazu entschließen, ihr Gesicht zusammen mit vielen persönlichen Daten auf einer Website zu veröffentlichen und welche Gefahren dies birgt. Besonderer Fokus liegt dabei auf der Plattform Facebook, die mit inzwischen 500 Millionen Mitgliedern bevölkerungstechnisch gesehen so groß ist wie die gesamte Europäische Union. Im Vorfeld soll jedoch geklärt werden, was eine Online-Community in ihren Grundzügen ausmacht und wie sie konstituiert ist. Es werden die populärsten Communities im Internet aufgezeichnet und beschrieben welchen Zweck, insbesondere aus didaktischer Perspektive, sie verfolgen. Im Verlauf der Arbeit werden sich einzelne Aspekte herauskristallisieren, die es datenschutz- und persönlichkeitsrechtlich zu analysieren gilt. Dabei werden aktuelle Studien, Kennzahlen und selbst eruierte Nachforschungen herangezogen, um die Argumente des Fazits zu stützen.

2. Strukturmerkmale von Online-Communities

Als eine der ersten Communities des Internets konstituierte sich 1985 The WELL. Aus der Zusammenarbeit von Larry Brilliant (Networking Technologies International - NETI) und Stewart Brand (The Point Foundation) entwickelte sich eine netzwerkbasierte Plattform für Onlinekonversation.5 Zu dieser Zeit genügte noch eine Speicherkapazität von 800 Megabyte, um die Software auf einem UNIX-basierten Server zur Verfügung zu stellen. Vergleicht man dies mit heutigen Kennzahlen, so wird deutlich, wie sehr sich die Technik und die Größenordnung verändert haben. Facebook arbeitet im Oktober 2009 mit ca. 30.000 Servern und 230 Technikern die eine tägliche Logfile6 von ca. 25 Terabytes verwalten - und die Speicherkapazität der Facebook-Server steigt weiter mit jedem neuen User.7

Doch das Grundkonzept ist im Prinzip das gleiche geblieben. Eine häufig angeführte Definition für Online-Communities lautet:

,,Informelle Personengruppen oder Netzwerke, die aufgrund gemeinsamer Interessen und/oder Problemstellungen über einen längeren Zeitraum hinweg miteinander kommunizieren, kooperieren, Wissen und Erfahrungen austauschen, neues Wissen schaffen und dabei voneinander lernen"8

Der Austausch ist also zentrales Thema, nicht nur bei lernorientierten Communities, sondern auch in sozialen Netzwerken. So wird in Communities of Practice oder in den Foto- Communities Wissen verteilt, vermittelt, weitergegeben und gemeinsam konstruiert, während in sozialen Netzwerken Erfahrungen, Neuigkeiten und Emotionen kommuniziert werden. Alle Online-Communities unterliegen dabei allerdings gewissen Grundstrukturen. Marotzki unterscheidet sieben online-ethnografische Strukturmerkmale.

2.1 Infrastruktur

Online-Communities haben grundsätzlich die Aufgabe, die Interaktivität den Anforderungen entsprechend zu gestalten. Dabei geht es darum, die implementierten technischen Optionen über eine entsprechende Interface-Gestaltung und über entsprechende Navigationsangebote den spezifischen Anforderungen oder Ideen der Community entsprechend nutzbar zu machen.9 In der Anfangsphase des World Wide Web existierte beispielsweise die Online-Community Funcity, welche grob mit dem SecondLife gleichzusetzten ist. Als Metapher bzw. Infrastruktur nutzte diese Gemeinschaft eine virtuelle, simulierte Stadt mit Einkaufspassagen, Cafés und Hotels. Die Entwicklung ging in den 90er Jahren aber eher in die Richtung Portalseitenstruktur. Diese stellen einen Verbund aus Daten-, Interface- und Navigationsstrukturen dar und beschränken somit die Ausdrucks­und Handlungsmöglichkeiten innerhalb der Community. Bei Foto-Communities werden beispielsweise Bilder und Text als Datenstruktur eingeführt.

2.2 Soziographische Struktur

Die soziographische Struktur umfasst Zugangsprozeduren und -bedingungen, das Regelwerk und Statussystem, sowie das Gratifikations- und Sanktionssystem. So muss jede Community entscheiden, ob sie ihren Nutzern gratis Mitgliedschaften gewährt, oder ob sie eine Gebühr verlangt. The WELL forderte 1985 beispielsweise acht Dollar Mitgliedsbeitrag pro Monat und weitere zwei Dollar pro Stunde.10 Heute erhebt allerdings kaum eine der populären Communities eine Nutzungsgebühr, außer jene, die eine Premiummitgliedschaft anbieten. Zur soziographischen Struktur gehört des Weiteren auch das Buddy- und Ignoresystem. Jedem Mitglied steht es frei, sich seine persönliche Freundesliste anzulegen, als auch bestimmte User zu ignorieren und somit keinerlei Nachrichten von diesen zu erhalten.

2.3 Partizipationsstruktur

Nicht jeder Nutzer besitzt die gleichen Rechte an der Teilhabe bezüglich der Kommunikation und Gestaltung des Netzwerks. Meist beschränkt sich das Grundrecht der Mitglieder auf die inhaltliche Partizipation, bei der lediglich Beiträge initiiert und beantwortet werden dürfen. Erweitert wird dies durch die strukturelle Partizipation. Hier dürfen bereits neue Diskussionsforen und Artikel erstellt werden. Die Moderation und Leitung dieser Foren obliegt dabei aber immer noch Mitgliedern mit dem Recht auf organisatorische Partizipation. Diese können Entscheidungen über den Grundcharakter und über Veränderungen an der Community treffen.11

2.4 Kommunikationsstruktur

Die Kommunikationsstruktur ist in der Regel ein Bündel aus verschiedenen Kommunikationsdiensten. Mitglieder können dabei synchron oder asynchron Kontakt miteinander aufnehmen.12 Die Anwendungen des Web 2.0 erleichten die herkömmlichen one-to-one Kommunikationsdienste und erweitern diese um many-to-many orientierte Kanäle. Chats, Foren, Mails, Instant Messages, SMS-Interface und viele weitere Textbasierte Anwendungen ermöglichen zwar den reinen Informationsaustausch, aber erst die Erweiterung um persönliche Avatare und graphische Kommunikationsdienste machen eine Community lebendig und attraktiv.

2.5 Informationsstruktur

Den Mitgliedern steht eine Auswahl an Tools zur Verfügung, durch die sie an relevante Informationen gelangen können. Dazu zählen nicht nur Wikis, Linksammlungen und Blogs, sondern auch simple Anwendungen wie ein Kalender, die FAQ und die Glossare. Insbesondere Wikis aber „transformieren den traditionellerweise nicht-interaktiven Charakter der Informationsstruktur (one-to-many-Kommunikation) zunehmend in ein interaktives Geschehen."13

2.6. Präsentationsstruktur

Unter dieser Form von Identitätsmanagement versteht man im Bezug auf die Communities alle verfügbaren Mittel sich selbst zu präsentieren. Dazu gehören bei Portalstrukturen die persönliche Identitätskarte mit individuellen Hobbies, Neigungen und Eigenschaften, sowie Informationen über die Herkunft und teilweise sogar politische und religiöse Ansichten. Des Weiteren wird dem Nutzer meist die Möglichkeit geboten einen Avatar als Profilbild einzusetzen. Dies kann ein Foto des Nutzers selbst sein oder ein beliebiges Bild, welches ihn am besten beschreibt. Zu beachten ist, dass das inszenierte Online-Ich nicht zwingend ein Abbild des Users ist. Gerade weil die Möglichkeit besteht sich im Internet komplett neu zu präsentieren, sind die Unterschiede zwischen Online-Ich und realem Ich meist gravierend. Blizzard Entertainment hat dieses Verlangen danach, sich zu präsentieren aufgegriffen. Blizzards animierte, magische Welt, die World of Warcraft, bevölkern bereits über 12 Millionen Spieler. Vergleicht man aber die Personen, welche die mächtigen Helden in diesem Massive Multiplayer Online Role Playing Game (MMORPG) am heimischen Computer befehligen, begreift man Blizzards Erfolgsmodell. In Clemens Hartmanns Film über Vallek, einen populären World of Warcraft Spieler, erkennt man die krassen Gegensätze. Der abgemagerte junge Mann mit vernachlässigter Körperhygiene leidet deutlich an Realitätsverlust und beschreibt sich selbst während den Einstellungen des Films im realen Leben: „Was ihr gerade seht, bin nicht ich."14. Als die Einstellung zu seinem virtuellen Charakter wechselt, behauptet er entschlossen: „Das bin ich!"15. Nur mit diesem veränderten Abbild seiner selbst traut er sich ein Teil der Community in Blizzards Spielwelt zu sein.

2.7 Verhältnis Online-Offline

Häufig werden neben der ritualisierten Online-Kommunikation auch Treffen in der Realität vereinbart. Dazu gehören beispielsweise in der World of Warcraft Community sogenannte Gildentreffen, bei denen sich die Mitglieder einer im Spiel geformten Gruppe persönlich kennenlernen. Zu dieser Überschreitung der medialen Grenze gehören aber auch in Plattformen eingebundene Anwendungen wie Shops mit realer Warenlieferung. Benjamin Jörissen beschreibt dies als einen „Moment organisierterTransgression"16.

3. Verschiedene Formen von Online-Communities

Natürlich gab es Communities auch schon sehr lange vor dem Internetzeitalter. Als Community könnte man beispielsweise auch Gruppen von Hausfrauen oder Köchen bezeichnen, die sich regelmäßig treffen, um über ihre Lieblingsrezepte zu kommunizieren. Auch bereits in der Steinzeit trafen sich Jäger, um ihre Erfahrungen über Jagdmethoden auszutauschen. Das Internet hat diese Kommunikation lediglich vereinfacht, virtuell gemacht und dadurch globalisiert. Aus dieser Möglichkeit, des Austausches von praktischen Erfahrungen haben sich die sogenannten Communities of Practice (im Verlaufstext CoP genannt) konstituiert. Im Folgenden soll nur auf die Online-Variante der CoP eingegangen werden.

3.1 Communities of Practice

CoP gliedern sich in die Reihe der Online-Communities als diejenige Gemeinschaften mit dem wahrscheinlich größten praktischen Lern- und Lehrpotential. Aus didaktischer Perspektive können die Mitglieder der jeweiligen CoP so einfach wie noch nie auf anwendungsbezogenes Wissen zugreifen und sich über die Methodik mit Spezialisten und Interessierten austauschen. Nach Etienne Wenger stützt sich eine erfolgreiche CoP auf drei Säulen:

[...]


1 Vgl. Billhardt S. et al.: Big Brother.In: Focus, Nr.29/10, S. 81

2 Vgl. National Association of Agricultural Educators: NAAE Communities of Practice (URL: http://naae.ca.uky.edu:8080/clearspace_community/index.jspa;jsessionid=39458FF11D2EB104DA588CFCBCB8 AFC7, Zugriff am 02.10.2010)

3 Vgl. Roth, Phillip & Wiese, Jens: Facebook Nutzerzahlen im Oktober 2010. 2010 (URL: http://facebookmarketing.de/zahlen_fakten/facebook-nutzerzahlen-im-oktober-2010, Zugriff am 04.10.2010)

4 Vgl. o.V: Volkszählung:Laßt 1000 Fragebogen glühen. In: Der Spiegel, Nr. 13/83 (URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14022649.html, Zugriff am 02.10.2010)

5 Vgl. Pernick, Ron: A Timeline of the First Ten Years of The WELL (URL: http://www.well.com/conf/welltales/timeline.html, Zugriff am 02.10.2010)

6 Ereignisprotokolldatei

7 Vgl. o.V: Wie viele Server braucht Facebook? (URL: http://www.mediauser.de/wie-viele-server-braucht- facebook/, Zugriff am 02.10.2010)

8 Vgl. Sevsay-Tegethoff, Nese: Bildung und anderes Wissen. Zur „neuen" Thematisierung von Erfahrungswissen in der beruflichen Bildung. Wiesbaden: GWV Fachverlage 2007

9 Vgl. Jörissen, Benjamin: „Informelle Lernkulturen in Online-Communities. Mediale Rahmung und rituelle Gestaltungsweisen." In: Wulf, Christoph: Lernkulturen im Umbruch. Rituelle Praktiken in Schule, Medien, Familie und Jugend. Wiesbaden: VS 2007, S. 189

10 Vgl. aao., Pernick

11 Vgl. aao., Jörissen: S. 190

12 Vgl. ebd., S.191

13 Vgl. ebd., S.191

14 Vgl. Hartmann, Clemens: Bericht über einen der besten WOW-Spieler. (URL: http://www.youtube.com/watch?v=TnWl2z_ZjvU, Zugriff am 04.10.2010)

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. aao., Jörissen: S.192

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640942060
ISBN (Buch)
9783640941971
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173827
Institution / Hochschule
Universität Passau – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Online Communities Facebook Community of Practice Foto Communities Flickr Social Communities Deviantphoto Fotocommunity

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