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Die Bibliothek der Franziskaner in Göttingen - Spannungsverhältnisse zwischen Ordensansprüchen und Bildungsrealität

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 24 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Gründung des Franziskanerklosters in Göttingen

3. Die Bibliothek der Franziskaner
3.1 Die überlieferte Abschrift des Bibliothekskataloges
3.2 Aufbau und Inventar der Bibliothek

4. Die Vereinbarung von Armutsideal und Wissen

5. Das Aufkommen der Observanz in Göttingen

6. Zusammenfassung

Quellen- und Literaturverzeichnis

„ Wenn jeder einzelne darauf verzichtet, Besitz anzuh ä ufen, dann werden alle genug haben. “

- Franziskus von Assisi1

1. Einleitung

Bibliotheken stellen bis heute eine wichtige und herausragende Institution der Menschheit dar. In ihnen wird das gesammelte Wissen von der Antike bis zur Gegenwart aufbewahrt und somit für nachfolgende Generationen gespeichert. Darüber hinaus gewähren sie einem breiten Publikum Zugang zu ihrem Inventar, sodass Bibliotheken häufig den Ausgangspunkt einer jeden wissenschaftlichen Arbeit darstellen. Wer nun allerdings glaubt, unsere heutigen Bibliotheken seien eine Invention der Moderne, der irrt gewaltig. Bereits in der Antike konnte die Bibliothek von Alexandria durch ihr reiches Inventar zu erheblichen Ruhm gelangen. Im Mittelalter wurde diese Errungenschaft der Antike keinesfalls aufgegeben. Es waren vor allem die Bettelorden und im Besonderen die Dominikaner und Franziskaner, welche ein eigenständiges Bibliothekswesen entwickelten und dieses in städtischen Räumen institutionalisierten. Da mittelalterliche Bibliotheksinventare jedoch nur fragmentarisch überliefert wurden, gibt es nur wenige wissenschaftliche Untersuchen zu speziellen Bibliotheken der Bettelorden. Eine Ausnahme hierbei ist allerdings die Dissertation von Eva Schlotheuber, welche sich intensivst mit der Franziskanerbibliothek in Göttingen befasst.

Diese Arbeit soll an Schlotheuber anknüpfen, um einen weiteren Beitrag zur mittelalterlichen Bibliotheks- und Bettelordensgeschichte Göttingens zu liefern. Die zentrale Fragestellung hierbei ist, wie der Orden der Franziskaner mit Buchbesitz und Wissensaneignung umging und wie dies mit den Ordensregeln zu vereinbaren war. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, wie sich mit Aufkommen der Observantenbewegung das Verhältnis der Göttinger Franziskaner zu ihrer Bibliothek veränderte.

Bevor jedoch genauer auf die Bibliothek eingegangen wird, soll im hieran anschließenden Kapitel die Gründung des Franziskanerklosters in Göttingen näher untersucht werden. Dabei soll vor allem auf die Annalen des Göttinger Chronisten Franciscus Lubecus (1533-1595) aus den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts zurückgegriffen werden. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass diese Annalen in der Forschung bis heute nicht unumstritten sind. Die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen werden vor allem deshalb angezweifelt, weil Lubecus die ihm vorliegenden Quellen unkritisch betrachtete und selbst bei Widersprüchen innerhalb der Annalen keine klärenden Kommentare verwandt. Dennoch sollen die Annalen des Lubecus hier verwendet werden, da weitere Quellen aufgrund der Reformation häufig nicht überliefert wurden. Im Anschluss an dieses Kapitel wird die Bibliothek der Franziskaner in Göttingen näher betrachtet. Hierfür soll zunächst die Abschrift des Bibliothekinventars aus dem Jahre 1530 näher betrachtet werden. Daran anschließend wird genauer auf den Inhalt und den Aufbau der Bibliothek eingegangen, es sei jedoch darauf hingewiesen, dass eine genaue Aufschlüsselung des Inventars in dieser Arbeit nicht erfolgen wird, da dies den Umfang dieser Arbeit sprengen würde. Vielmehr soll es darum gehen, wie die Franziskaner mit Buchbesitz umgingen und wie dieser Umgang mit den Ordensstatuten des Franziskus von Assisi (1181/1182-1226) zu vereinbaren war. Diese Untersuchung der Buchnutzung und Archivierung von Büchern in Bibliotheken wird im vierten Kapitel durchgeführt, wobei auf die wichtigsten normativen Regelungen eingegangen werden soll. Im Anschluss daran wird untersucht, welche Veränderungen in Göttingen einsetzten, als die Observanz in der Stadt Einzug erhielt. Das abschließende Kapitel sechs fasst die Ergebnisse dieser Arbeit zusammen.

2. Die Gründung des Franziskanerklosters in Göttingen

Parallel zur Entstehung und zur Verdichtung des Städtewesens im 12. und 13. Jahrhundert kam es zur „explosionsartigen“ Ausbreitung der Bettelorden. Dieser Prozess war die Folge einer enormen seelsorgerischen Nachfrage, welche auf die sich neu entwickelten Anforderungen des städtischen Lebens einging. So wurden nun der Handel, die Berufsarbeit sowie das Handwerk, welche zur Grundlage der städtischen Lebensrealität wurden, in die Predigten der Mendikanten aufgenommen.2

Eine ähnliche Entwicklung dürfte sich auch in Göttingen zugetragen haben. Zwar gibt es bezüglich der Klostergründung der Franziskaner keine überlieferten Urkunden, es kann jedoch vermutet werden, dass die Gründung des Klosters für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts zu datieren ist. Für diese Annahme existieren mehrere Anhaltspunkte und Quellen. Die wichtigste Quelle liefert hierbei Franciscus Lubecus (1533-1595) mit seinen Göttinger Annalen, welche bereits im vorangegangen Kapitel näher beleuchtet wurden. In einem seiner Berichte erwähnt Lubecus die Gründung des Franziskanerklosters, wobei er sich auf eine Urkunde oder eine Urkundenzusammenfassung beziehen könnte.3 In seinem Bericht heißt es:

Im 1268 jare, nach dem und alse sich die herzogen zu Brunswig fruntlich ire lande gedeilet, auch herzog Albrecht außund van seiner gefengnißerloseth, des kriges fast mude und uberdrussig, gedacht er, wie er sich mochte zu sache und zufriden geben, im stillen leben und er Godt muchte dienen, darum seinem vater, so im hern entslaffen, und seiner seelen zu den ehren und weil er auch selbst nhunmeer alt und auf der gruben ginge, war er willens, ein closter zu bawen, darmit, weil in der stat Brunswig ein Franciscanerkloster, so wollt er auch in dißer stat Gottingen auch eines haben. Gab demnach dieser herzog Albrecht nach und vorgonstigt den Fratribus Minoribus odder den Poenitentibus in der Roden Straten eins zu bawen, sonderlich jarlang gebawet und zusammengebettelt. Alle fursten, grafen, freihern, ritter und edlen haben zu bawung und anrichtung dises gotshauses gegeben, als die herzoge zu Brunswig und Lunenborg, die hern zu Sassen Lawenborth, die zu Anhalt, die Misenschen, Dorrinschen, Hessischen, die grafen zu Eberstein, Plesse, Homborch, die junkern van Hardenberg, Rostorf, Kestlingrode, Vslar, Hanstein, Adeleifessen, die von Glake. 4

Wird dieser Quelle Glauben geschenkt, so wäre die Gründung des Klosters in die Regierungszeit des Herzogs Albrecht I. (1252-1279) gefallen, welcher gleichzeitig Stifter des Klosters gewesen sein soll. Der Grund für die Gründung war vermutlich, dass Göttingen der Stadt Braunschweig nicht nachstehen sollte. Weiterhin wird angegeben, dass aufgrund des bewegten und ereignisreichen Lebens Herzog Albrechts I., eine Einrichtung zur Seelsorge errichtet werden sollte. Aus diesen Gründen stellte der Herzog wohl Grund und Boden für die Erbauung des Klosters bereit, wobei am Bauprozess ebenfalls der regionale Adel beteiligt gewesen sein soll, insbesondere die Grafen von Everstein.

Im Zusammenhang mit einer Fehde zwischen Herzog Albrecht I. und den Grafen von Everstein aus dem Jahre 1256 erwähnt Lubecus erneut das Göttinger Franziskanerkloster.5

Es haben hernach auch diese grafen [Die Grafen von Everstein, der Verf.] an das newe closter, so man in der stad Gottingen zu bauwen angefangen, auch ire guter geben; das war aber das Franciscaner- odder Barfoetencloster, als der grafe zu Eberstein wapen im chore hengent noch furhanden ist. 6

Fertiggestellt war das Kloster laut Lubecus im Jahre 1306: „ In diesem 1306. jare ist dißBarfussencloster schon alle ferdig, dan sie einen brief haben, darinnen die 3 regula domini Francisci [ … ] “ .7 Demnach hätte die Bauzeit des Klosters 40 Jahre gedauert.

Weitere Hinweise auf Gründungszeit des Klosters lassen sich aus Ordensinternen Überlieferungen ableiten. So verfassten die Göttinger Franziskaner im Jahre 1533 einen Brief an den Rat der Stadt, in welchem sie mitteilten, dass sie nicht gewillt seien, den Konvent zu verlassen und auseinanderzugehen, da „ wy armen brodere unde unße vorvedere byna 2 ½ hundert jaren syn dorch unße gnedigen heren van Brunßwick myt vorwillinge geistliker unde weltliker overicheit alße pewestliker hillicheit unde keyserlicher majestat in christliker wiße ingeforet “ .8 Demzufolge waren die Franziskaner um 1533 bereits seit etwa 250 Jahren in Göttingen. Diese leicht zu lösende, mathematische Aufgabe, lässt die Schlussfolgerung zu, dass das Kloster in den 80er Jahren des 13. Jahrhunderts gegründet wurde. In dieser Zeit war jedoch bereits Albrecht II. (1279-1318), der unter anderem in Göttingen residierte und den Stadtausbau maßgeblich förderte, Herzog von Braunschweig-Lüneburg. Zwar würde diese Quelle den Aussagen Lubecus‘ widersprechen, sie verdeutlicht jedoch, dass die Gründung des Klosters auf herzoglichem Grund erfolgte.9 Dieses Indiz wird von einem weiteren Brief, der von den Franziskanern im Laufe der Auseinandersetzung um die Räumung des Klosters verfasst wurde, unterstützt.

Int erste, dat dat kloster von deme forstedome von Brunswick unde Luneboerch fry unde ane alle unwohnlicke upgelechte blicht mochte erhaven syn [ … ]; orsake so dat kloster is up eyner fryen stede deßforstendomes gelegen. 10

Die Annalen des Franziskanerpaters Bürvenich aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts liefern einen weiteren Anhaltpunkt für das Gründungsdatum. Für das Jahr 1246 lässt sich folgender Vermerk finden: „ Conventus Gottingensis in custodia Hassiae inchoatus est “ .11 Dieses Gründungsdatum wurde in der Vergangenheit als unglaubwürdig angesehen, da die Forschung annahm, das Franziskanerkloster sei um 1400, nur einige Jahre früher als das Dominikanerkloster, durch Herzog Albrecht II. gegründet wurde. Dennoch sollte dieses Gründungsdatum nicht vernachlässigt werden, da Bürvenich sich auf Quellen bezieht, welche während eines Streits zwischen Konventualen und Observanten in den Jahren 1628-1630 im Göttinger Konvent zusammengeführt wurden und Bürvenich als Augenzeuge dabei war.

Somit ist anzunehmen, dass Bürvenich sich auf diese zusammengetragenen Dokumente stützt.12

Ebenfalls spricht für eine Gründung des Klosters um die Mitte des 13. Jahrhunderts, dass die Bauform der Franziskanerkirche, welche den Bautypus einer einfachen Saalkirche verkörperte, typisch für diese Zeit war. So wurden nur die frühen Franziskanerbauten in Form von einfachen Sälen erbaut, welche vor 1250 datiert werden können.13

Neben dem Kloster wurde jedoch auch eine Bibliothek in Göttingen errichtet, welche oberhalb des Refektoriums im ersten Stockwerk eines Steingebäudes untergebracht war. Dieses Gebäude ist bis heute erhalten und lag nicht weit entfernt vom Schulraum des Franziskanerkonvents.14

[...]


1 Franziskus von Assisi (1181/1182-1226), eigentlicher Name Giovanni Bernadone, Begründer des Franziskanerordens.

2 Vgl. Susanne Drexhage-Leisebein, Reformerisches Engagement städtischer Obrigkeit in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die franziskanischen Reformbewegungen in der städtischen Kirchen- und Klosterpolitik am Beispiel ausgewählter Städte im Gebiet der Sächsischen Ordensprovinz, in: Dieter Berg (Hrsg.), Bettelorden und Stadt. Bettelorden und das städtische Leben im Mittelalter und in der Neuzeit, Werl 1992, S. 210.

3 Vgl. Eva Schlotheuber, Die Franziskaner in Göttingen. Die Geschichte des Klosters und seiner Bibliothek, Werl 1996.

4 Zit. nach Schlotheuber, Die Franziskaner in Göttingen, S. 5.

5 Vgl. Schlotheuber, Die Franziskaner in Göttingen, S. 6.

6 Zit. nach Schlotheuber, Die Franziskaner in Göttingen, S. 6.

7 Ebd.

8 Zit. nach Schlotheuber, Die Franziskaner in Göttingen, S. 5.

9 Schlotheuber, Die Franziskaner in Göttingen, S. 6.

10 Zit. nach Schlotheuber, Die Franziskaner in Göttingen, S. 6.

11 Ebd., S. 7.

12 Vgl. Schlotheuber, Die Franziskaner in Göttingen, S. 7.

13 Ebd.

14 Vgl. Eva Schlotheuber, Büchersammlung und Wissensvermittlung. Die Bibliothek des Göttinger Franziskanerklosters, in: Martin Kitzinger, Sönke Lorenz, Michael Walter (Hrsg.), Schule und Schüler im Mittelalter. Beiträge zur europäischen Bildungsgeschichte des 9. bis 15. Jahrhunderts, Köln, Weimar, Wien 1996, S. 219.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640940691
ISBN (Buch)
9783640940189
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173825
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Franziskaner Bettelorden Mittelalter Göttingen Bibliothek Bildung Bildungsanspruch Ordensrealität Observanten Observanz Konventualen Mathias Kunz Kunz

Autor

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