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Das Generische Maskulinum und die feministische Linguistik

von Hanna Fern (Autor)

Seminararbeit 2009 14 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung - Die feministische Linguistik
Die Kontroverse um das Generische Maskulinum

2. Ersetzungsregel und Identitätsverlust

3. Sprachökonomisierung und Archilexem

4. Ambiguität

5. Die Kanzlerin trifft auf das arbiträre Zeichen
Sprachgebrauch und gesellschaftliche Realität

6. Sprache und Wahrnehmung

7. Die Sapir-Whorf-Hypothese

8. Fazit

9. Bibliographie

1. Hinführung - Die feministische Linguistik

Die Wurzeln der feministischen Linguistik liegen in den Studentenbewegungen der 1970ern, als der Zusammenhang zwischen Sprache und Geschlecht das Interesse der Linguistinnen weckte. Vorreiterinnen aus den USA und Europa wie Robin Lakoff, Deborah Tannen, Luise Pusch und Senta Trömel-Plötz analysierten die patriarchalen Strukturen der Sprache und die damit verbundene sprachliche Diskriminierung der Frau. Der von Luise Pusch geprägte Begriff der „feministischen Linguistik“ beinhaltet zwei Schwerpunkte. Zum einen werden das Sprachsystem und der Sprachgebrauch, zum anderen das kommunikative Sprachverhalten von Männern und Frauen kritisch reflektiert (Samel 2000: 10). Die vorliegende Arbeit behandelt den ersten Schwerpunkt[1], wobei im Bereich des Sprachsystems und des Sprachgebrauches konkret auf den Gebrauch des generischen Maskulinums und das damit verbundene „Genus-Sexus-Problem“ eingegangen werden soll (Irmen/Köhncke 1996: 152). Das generische Maskulinum billigt den „Gebrauch maskuliner Personenbezeichnungen und Pronomina zur Referenz auf beide Geschlechter“ (Bußmann 2002: 245), was bedeutet, dass Frauen sich in geschlechtergemischen Gruppen mit der männlichen Bezeichnung identifizieren müssen. Als erste Leitfrage dieser Arbeit ergibt sich also die Kontroverse, ob der Gebrauch des generischen Maskulinums in der deutschen Sprache frauendiskriminierend ist und deshalb abgeschafft werden muss, oder ob es seinem Anspruch geschlechts-infinit zu sein gerecht wird.

Die zweite Leitfrage bringt den im Zuge der „Neuen Frauenbewegung“ geprägten Begriff des „Sexsimus“ ins Spiel, welcher die Unterdrückung der Frauen durch Männer bezeichnet (Samel 2000: 17). Ein sexistischer Sprachgebrauch kennzeichnet sich laut den Ratschlägen für einen nichtsexistischen Sprachgebrauch dadurch aus, dass „Frauen und ihre Leistungen sprachlich ignoriert werden“ (Häberlin et al. 1992: 8). Da davon ausgegangen wird, dass „eine männliche Herrschaftssicherung über Sprache und Sprechen“ (Samel 2000: 20) gelingen konnte, ist es von essentieller Wichtigkeit den Zusammenhang zwischen Sprachgebrauch und gesellschaftlicher Realität bzw. der Wahrnehmung zu berücksichtigen. Dadurch ergibt sich der zweite Leitfaden dieser Arbeit, welcher untersucht, in wie fern Sprache unsere Wahrnehmung beeinflusst und ob unsere Sprache dadurch zur gesellschaftlichen Gleichberechtigung von Frauen und Männern beitragen kann.

Die Kontroverse um das Generische Maskulinum

„Mann, bist du überhaupt imstande, gerecht zu sein? [...] Kannst du mir sagen, wer dir die unumschränkte Macht verliehen hat, die Angehörigen unseres Geschlechts zu unterdrücken?“

Olympe de Gouges, 1791

2. Ersetzungsregel und Identitätsverlust

Die Kritik seitens der feministischen Linguistik bezieht sich auf den „androzentischen“ Gebrauch des generischen Maskulinums (Samel 2000: 43), was den Mann als die Norm und die Frau als Abweichung der Norm bezeichnet (Hellinger 1990: 58). Diese „Vorliebe“ für das männliche Genus wird in der androzentrische Ersetzungsregel reflektiert, welche besagt, „dass die maskulinen Personenbezeichnungen […] stellvertretend für die Bezeichnung von Frauen verwendet werden können.“ (Samel 2000: 55). Diese Definition geht von einem generischen Maskulinum aus, das die semantische Markierung [neutral] trägt und daher in Bezug auf geschlechtergemischte Gruppen die zusätzliche Nennung der Frau überflüssig macht. Im Duden 2006 wird erklärt, dass man bei der Personenbezeichnung zwischen dem „realen natürlichen Geschlecht und dem kommunikativ relevanten Geschlecht“ unterscheiden muss (DUDEN 2006: 155). Ist das natürliche Geschlecht also unwichtig, so kann das generische Maskulinum sowohl männliche also auch weibliche Personen in selbem Maße bezeichnen. Die feministische Linguistik argumentiert jedoch, dass „das Genus bei Personenbezeichnungen eindeutig semantische Funktionen“ hat (Samel 2000: 69) und das generische Maskulinum die Anwesenheit der Frauen nicht zum Ausdruck bringt.

Da das generische Maskulinum und die geschlechtsspezifische Form des Maskulinums identisch sind wird kritisiert, dass das generische Maskulinum dazu verleitet die Bezeichneten mit einem „männlichen Referenten“ zu identifizieren (Samel 2000: 67). Mit der Bezeichnung der Kunde assoziiert man auf Grund der Lexembedeutung des Wortes zuerst einen Mann. Irmen und Köhncke belegen empirisch, dass das generische Maskulinum den Mann als das „typische Exemplar beinhaltet“ (Irmen/Köhncke 1996: 163). In einem Fragebogen, der Formulierungen im generischen Maskulinum, in einer geschlechtsneutralen Form und in der Form der Beidbenennung enthielt, wurde folgendes Fazit gezogen: „Auch wenn das Konzept „Frau“ prinzipiell verfügbar ist, braucht seine Aktivierung nach dem GM [generischen Maskulinum] mehr Zeit als die des Konzepts „Mann“.“ (Irmen/Köhncke 1996: 163). Der Mann wird also schneller als Bezeichneter erkannt als die Frau. Folgen dieses Nicht-Erkannt-Werdens sind nicht nur, dass die Fremdidentifikation gestört wird, auch die Selbstidentifikation der Frauen mit einer maskulinen Bezeichnung kann erschwert sein. Diesen Zusammenhang zwischen Erkannt-Werden und Identität beschreibt Luise Pusch so, dass das Identifiziert werden die Voraussetzung für eine Identitätsgewinnung ist (Pusch: 1984: 24). Jedoch werden Frauen oft nicht mit der maskulinen Personenbezeichnung identifiziert, wodurch sie sprachlich unsichtbar gemacht werde. Dieser Identitätsverlust ist eine gravierende Benachteiligung gegenüber den männlichen Mitgemeinten. Da das generische Maskulinum seinem Anspruch „geschlechtsneutral“ zu sein dadurch nicht gerecht wird, spricht Pusch von einer „Pseudogeschlechtsneutralisierung“ (ebd. 1984: 61). Da Frauen mit maskulinen Bezeichnungen mitgemeint sein sollen, Männer sich aber nie mit femininen Bezeichnungen identifizieren müssen, leidet die deutsche Sprache laut Schoenthal an einer „fundamentale(n) Asymmetrie“ zu Gunsten des männlichen Sexus und Genus (Schoenthal 1989: 301). Somit ist ein Kritikpunk an der androzentrische Ersetzungsregel der, dass Frauen überhaupt nicht „ersetzt“ werden dürfen, da sie dadurch ihrer Präsenz und Persönlichkeit beraubt werden.

3. Sprachökonomisierung und Archilexem

Auf Grund dieses referenzsemantischen Wirkens fordern LinguistInnen alternative Bezeichnungen für beide Geschlechter wie die Beidbenennung (Lehrerinnen und Lehrer), das Abstraktum (Lehrkörper), die komplette Neutralisation (Sie ist eine gute Lehrer) oder die Einführung des generischen Femininums, unter welchem sich Männer mit ausschließlich weiblichen Bezeichnungen identifizieren müssen. Die Forderung einer zusätzlichen Nennung der Frau bringt aber Nachteile praktischer, funktioneller und übersichtlicher Art mit sich, die berücksichtigt werden müssen. Alternativen zum generischen Maskulinum wie die Beidbenennung (bzw. das Binnen-I oder der Schrägstrich) machen den Text zu lang und sind ungeeignet für politische Proklamationen oder Reden. Um der Korrektheit Willen steht in der Ordnung der Prüfung für die Weiterbildung von Lehrern/Lehrerinnen für das Lehramt an öffentlichen Schulen im Lande Bremen in § 4 Absatz 2 der Prüfungskommission:

„Einer Prüfungskommission gehören an: 1. als Vorsitzende/r ein/e Beamter/Beamtin der Behörde des Senators oder ein/e vom Senator Beauftragte/r.“ (10.07.09, www2.bildung.bremen.de). Texte wie dieser wirken überladen und unübersichtlich und stören zudem das Verständnis. Aber nicht nur aus sprachökonomischen Gründen ist das generische Maskulinum zu befürworten. Das Vorhandensein weiblicher Bezeichnungen schließt den Gebrauch des generischen Maskulinums gerade dadurch nicht aus, dass es bestimmte Aussagen gibt, die sich anders nicht ausdrücken lassen. Ein Beispiel für die Notwendigkeit des generischen Maskulinums liefert Dagmar Lorenz mit dem Satz: Sie ist unser bester Ingenieur (10.07.09, www.ulrichdevries.de/frauensprache). Würde man nach Forderungen der feministischen Linguistik die Frau bei der geschlechtsspezifischen Berufsbezeichnung nennen, so würde der Satz „Sie ist unsere beste Ingenieurin“ eine Zweideutigkeit hervorrufen. Diese Aussage impliziert, dass die Frau unter allen anderen Frauen zwar die beste Ingenieurin ist, es aber einen oder mehrere männliche Ingenieur gibt, der besser ist als sie.

Aber auch dann, wenn die feminine Bezeichnungsform Sinn ergeben würde, ist es dennoch überflüssig, diese zu gebrauchen. Bezeichnungen wie der Kunde, der Bürger oder der Angestellte sind nicht nur geschlechtsneutrale, generische Maskulina, sondern in der Kategorie der Archilexeme anzusiedeln, welche als Oberbegriffe geschlechtsneutral sind und auf beide Geschlechter zutreffen. Eisenberg (2004:155) charakterisiert in seiner Grammatik die Verwendungsmöglichkeiten des Archilexems folgendermaßen:

Der Angestellte bezeichnet sowohl den männlichen Angestellten als auch die Spezies der Angestellten. Das Maskulinum als unmarkierter Fall gibt die Bezeichnung für den übergeordneten, an sich geschlechtsneutralen Begriff ab.

[...]


[1] Im Rahmen dieser Arbeit wäre ein zu großer Exkurs nötig um zusätzlich auf die geschlechtsspezifischen Redestrategien oder das Rollenverhalten eingehen zu können.

Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640939992
ISBN (Buch)
9783640940127
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173804
Institution / Hochschule
Universität Basel
Note
2
Schlagworte
generische maskulinum linguistik

Autor

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    Hanna Fern (Autor)

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Titel: Das Generische Maskulinum und die feministische Linguistik