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Selbstverhältnis und Selbstliebe in den Freundschaftsbüchern der Nikomachischen Ethik des Aristoteles

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 22 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. philia – Der antike Freundschaftsbegriff

III. Die Nikomachische Ethik
III.I. Die Seelenteile
III.II. Freundschaft in der Nikomachischen Ethik

IV. Die Selbstliebe
IV.I. Das Selbstverhältnis
IV.II. Gute Selbstliebe
IV.III. Schlechte Selbstliebe

V. Egoismus oder Altruismus – Eine gerechtfertigte Debatte?

VI. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Wer Freunde haben will, der muss sich selbst Freund sein.“

Ein einleuchtender und nahezu von jedem mit Zustimmung bedachter Satz. So oder so ähnlich sehen Erkenntnisse von großen Denkern aus, wenn sie durch den Volksmund auf ihren wesentlichen Inhalt reduziert und über Generationen hinweg tradiert werden. Dabei ist nichts Schlechtes, bis darauf, dass der Autor eines solchen Gedankens meist nicht mehr mit demselben in Verbindung gebracht wird. Den obigen Satz würden sicherlich eine Reihe von Menschen als eigene Grundüberzeugung deuten, nur wenige würden ihn mit der Nikomachischen Ethik (NE) des Aristoteles in Verbindung bringen. Was unter anderem daran liegen mag, dass es einfacher ist, solch einen prägnanten Satz zu behalten, als sich mit dem mächtigen Gedankengebäude des Philosophen auseinanderzusetzen. Die Fülle seines Denkens, seine Präzision in der Begriffsfindung und seine argumentative Kunstfertigkeit machen es dem Interpreten seiner Arbeiten nicht gerade leicht. Dennoch soll hier versucht werden, sofern das im begrenzten Rahmen einer Hausarbeit möglich ist, sich in angemessener Weise einem zentralen Thema seiner Hauptethik anzunehmen – Dem Selbstverhältnis und der Selbstliebe. Im Zentrum der Arbeit stehen die Bücher VIII und IX, welche sich eingehend mit dem Thema der Freundschaft (philia) auseinandersetzen. Insbesondere das vierte und das achte Kapitel des neunten Buches fordern hier erhöhte Aufmerksamkeit, da sich der Philosoph darin dem Selbstverhältnis und der Selbstliebe annimmt. Es soll gezeigt werden, in wie weit die Freundschaft und die Selbstbeziehung im Gesamtkonzept der NE zu verorten und wie sie zueinander aufgestellt sind. Dabei wird sich erweisen, dass die aristotelische Vorstellung eines Verhaltens-zu-sich auf seiner Theorie von verschiedenen Seelenteilen basiert. Dazu wird in einem ersten Schritt der antike Freundschaftsbegriff, die philia, vorgestellt. Des Weiteren sollen die Grundgedanken der NE Erwähnung finden, wobei der Focus auf der Unterteilung der Seele und der Behandlung der Freundschaft im Werk liegen wird. Diese thematische Einbettung soll dazu dienen, die daran anschließende Betrachtung der Selbstliebe in das Gesamtkonzept der NE einordnen zu können. Nach einer kurzen Einleitung in die früheste Begriffsgeschichte der Selbstliebe, folgt die Bestimmung des Selbstverhältnisses, wie sie Aristoteles vornimmt. Anschließend werden die gute und die schlechte Selbstliebe thematisiert. Die Rückführung auf die Unterscheidung der Seelenteile wird dabei stets im Auge behalten. Ein kurzer Ausflug in die Forschungsdebatte rund um das Selbstverhältnis und das abschließende Fazit sollen dazu beitragen, die Aktualität und Relevanz des aristotelischen Konzeptes zu veranschaulichen.

II. philia – Der antike Freundschaftsbegriff

Die Vorsokratiker deuteten philia als kosmologisches Prinzip, eine verbindende Kraft, die sich nicht nur auf den sozialen Bereich beschränkte.[1] In der Metaphysik Platons meint philia ein auf die gemeinsame Hinwendung zur Idee des höchsten Gutes gegründetes Verhältnis.[2] Der eros vermittelt hier zwischen den Menschen und formt die Gemeinsamkeit der philia. Sie ermöglicht es, dass höchste Ziel des Menschen zu verwirklichen.[3] Allmählich wurde die Bedeutung der philia auf gesellschaftliche Bereiche ausgeweitet. Philia bezeichnete eine verwandtschaftliche, auf Bluts- oder Stammesangehörigkeit basierende Zusammengehörigkeit. Freundschaft wurde zu einem wesentlichen Merkmal der adligen, nach Außen abgeschlossenen Männergesellschaft. Mit der Geburt der attischen Demokratie kam der philia zudem eine soziologische und politische Bedeutung zu.[4] Der Ort der aristotelischen Freundschaft ist die Polis. Alle beschriebenen Formen von Freundschaftsverhältnissen lassen sich ihr subsumieren.[5] Die Freundschaft wurde zum elementaren Band des antiken Staates, wodurch dessen Stabilität und Zusammenhalt bedingt waren. Auch in der Erziehung spielte sie eine wichtige Rolle. Die päderastische Freundschaft zwischen Jünglingen und Älteren war ein auf den erotischen Bereich ausgeweitetes Meister-Lehrling Übereinkommen, welches dem Jüngeren Wissen und dem Älteren Lust sicherte. In den Augen eines modernen Menschen, der Freundschaft mit Emotionen verbindet, mag die philia der Antike eher als Zweckgemeinschaft, denn als Sympathiebekenntnis erscheinen.[6]

Der wesentliche Unterschied zum heutigen Verständnis von Freundschaft ist der, dass philia in der Antike immer ein streng rationaler, auf Entscheidungen basierender Zusammenschluss war. Die heute als selbstverständlich geltende Verbindung von Gefühlen und Freundschaftsbund war den Griechen zu jener Zeit fremd.[7] Die Motivation zum Zusammenschluss folgte weniger Affekten, als einer eingeübten, vernünftigen Haltung (hexis).[8] Zwar spielte auch die Geneigtheit einem anderen Menschen gegenüber (pathos) eine Rolle, doch wurde dieses Element der philia als zweitrangig angesehen.

Die philia in der Antike hat in all ihren unterschiedlichen Ausprägungen wichtige immanente Momente. So ist etwa immer eine Ähnlichkeit der beiden Freunde (philoi) impliziert, wenn von philia die Rede ist. Philia diente immer als Mittel zur eudaimonia, der Freund half dabei die Glückseligkeit erreichen zu können. Außerdem lässt sich in ihr immer eine Exklusivität feststellen. Die philoi gehörten einer intellektuellen, männlichen und aristokratischen Gesellschaftsschicht an. Zur Benennung von Verhältnissen unter Frauen, Sklaven und Barbaren wurde philia nicht gebraucht. Ein weiterer Aspekt der philia ist die Gegenseitigkeit des Verhältnisses. Nur wenn Zuneigung auch erwidert wurde, konnte von philia die Rede sein, ein Merkmal, das dem heutigen Verständnis der Freundschaft weitestgehend entspricht. Im Weiteren wird deutlich werden, dass sich die Momente des Eudaimonismus, der Exklusivität, der Ähnlichkeit und insbesondere das der Gegenseitigkeit bei Aristoteles in eklatanter Weise offenbaren. Die Freundschaftsbücher der NE werden daher auch oft als Zusammenfassung der vorherigen Theorien über philia verstanden. Allerdings darf dabei nicht der eigene, neue Ansatz der aristotelischen philia -Konzeption übersehen werden.

Obwohl der deutsche Ausdruck „Freundschaft“ den griechischen der „philia“ nur unzureichend wiedergibt, soll er im Weiteren unter Vorbehalt seines weiten Bedeutungsfeldes so wiedergegeben werden.[9] Zunächst gilt es jedoch eine Zusammenschau der in der Nikomachischen Ethik (NE) behandelten Kerngedanken zu liefern. So soll die Wertung der Selbstliebe ermöglicht und ihr Anteil an der philia herausgestellt werden.

III. Die Nikomachische Ethik

Wann genau die Nikomachische Ethik entstanden ist wird bis heute gemutmaßt. Dirlmeier schätzt ihre Entstehung auf einen Zeitraum um 330 v.Chr.[10] Auch wie ihre Entstehung mit den anderen beiden Ethiken, der Eudemischen Ethik und der Magna Moralia, die beide Aristoteles zugeschrieben werden, zusammenhängt, ist ungewiss. Mit der NE hält der Leser aber die meist kommentierte und am sorgfältigsten gegliederte Ethik der Antike in den Händen.[11] Sie macht es sich zur Aufgabe dem Menschen ein Idealbild eines guten Lebens (euzén) vorzustellen.[12] Zunächst stellt Aristoteles fest, dass jede Tätigkeit des Menschen ein Ziel hat. Hat der Mensch aber ein Ziel erreicht, strebt er zum nächsten und so fort. Die einzelnen Ziele erweisen sich so als Wegpunkte, als Zwischenziele zum Erreichen eines jeweils anderen. In dieser Mannigfaltigkeit der Ziele entdeckt der Philosoph ein exponiertes und höchstes Ziel. Er nennt es das oberste Gut, die Glückseligkeit (eudaimonia), die um ihrer selbst willen erstrebt wird.[13] Die Kenntnis des obersten Gutes ist von großer praktischer Bedeutung für die vom Menschen zu wählende Lebensweise.[14] Nur wer die Wesensart dieses Zieles kennt, hat auch die Möglichkeit es zu verfolgen. Die eudaimonia ist das Endziel des menschenmöglichen Handelns, das jedem Mangel entbehrt.[15] Das oberste Gut ist kein statischer Zustand oder gar eine Position, es ist Tätigkeit. Das Glück lässt sich also nur durch Aktivität (energeia) erreichen und halten, und zwar im Tätigsein gemäß der Tugend.[16]

Ein in der griechischen Antike herrschendes Ideal war das der kalokagathia, der Schönheit (kalós) und Gutheit (agathós). Diese Verbindung von ethischer und ästhetischer Vollkommenheit, die es zu erreichen galt, wird bei Aristoteles im Begriff der Tugend (areté) gebunden.[17] Tugendhaft ist eine Tätigkeit dann, wenn sie gemäß den guten Anlagen des Menschen in vollendeter Weise verrichtet wird. Der tugendhafte Mensch, der von Aristoteles meist „der Gute“ genannt wird, vollendet sich auf diese Weise selbst, da er seinem Wesen gerecht wird und sich so gänzlich entspricht. Doch was ist diese Tugend genau?

Aristoteles beschreibt sie als feste, durch richtige Entscheidungen eingeübte Haltung (hexis), die es jederzeit erlaubt gut zu handeln.[18] Es ist die Fähigkeit das Mittlere (meson) zu erkennen und so Mangel und Übermaß zu vermeiden.[19] So ist etwa die Tapferkeit das rechte Maß zwischen Tollkühnheit und Feigheit und somit eine Tugend.[20] Der Gute dient durch seine Tugendhaftigkeit der ganzen Polis, seinen Freunden und auch sich selbst. Er handelt gemäß der dem Menschen eigenen Wesensart, wodurch er seinem Endziel entgegenstrebt und glücklich geheißen werden kann. Wie Aristoteles das Wesen des Menschen denkt, soll im Weiteren Erhellung finden.

[...]


[1] Vgl. Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972 (Bd.2), S.1105. Im Folgenden zitiert als: Ritter, Bd.2.

[2] Vgl. Franz Dirlmeier: Philos und philia im vorhellenistischen Griechentum. (Diss.) München 1931, S.87.

[3] Vgl. Ebd. S.87.

[4] Vgl. Ebd. S.86.

[5] Vgl. Ritter, Bd.2, S.1106.

[6] Vgl. Franz Dirlmeier: Philos und philia im vorhellenistischen Griechentum. (Diss.) München 1931, S.86.

[7] Vgl. Ebd. S.86.

[8] Vgl. Ursula Wolf: Aristoteles “Nikomachische Ethik”. Darmstadt 2002, S.218.

[9] Vgl. Peter Schulz: Freundschaft und Selbstliebe bei Platon und Aristoteles. Semantische Studien zur Subjektivität und Intersubjektivität, Freiburg / München 2000, S.150. Im Folgenden zitiert als: Schulz, Selbstliebe.

[10] Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik. Übersetzt von Franz Dirlmeier, Stuttgart 1969, S.374. Im Folgenden zitiert als: NE.

[11] Vgl. NE, S.364. Siehe auch: Ebd. S.380.

[12] Vgl. Nathalie von Siemens: Aristoteles über Freundschaft. Untersuchungen zur Nikomachischen Ethik VIII und IX, Freiburg / München 2007, S.17. Im Folgenden zitiert als: Von Siemens, Freundschaft. Siehe auch: NE, S.368.

[13] Vgl. NE, S.5. [1094a 1-21].

[14] Vgl. Von Siemens, Freundschaft, S.17.

[15] Vgl. NE, S.16. [1097b 12-34].

[16] Vgl. NE, S.372.

[17] Vgl. NE, S.367. Dirlmeier übersetzt areté meist mit „Trefflichkeit“.

[18] Vgl. NE, S.45. [1106b 27-1107a 14].

[19] Vgl. NE, S.45. [1106b 27-1107a 14]. Siehe auch: Ebd. S.43. [1106a 14-b 3].

[20] Vgl. NE, S.71ff. [1115a 1ff].

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640939947
ISBN (Buch)
9783640940134
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173709
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
Freundschaft Seelenteile Selbstverhältnis Egoismus Altruismus

Autor

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Titel: Selbstverhältnis und Selbstliebe in den Freundschaftsbüchern der Nikomachischen Ethik des Aristoteles