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Flexibilisierung durch Telearbeit

Eine Prüfung der Vor- und Nachteile flexibler Arbeitsformen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 23 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung und Verbreitung von Telearbeit

3. Definition und Formen der Telearbeit

4. Soziale und wirtschaftliche Vorteile

5. Vor- und Nachteile für den Arbeitnehmer

6. Vor- und Nachteile für den Arbeitgeber

7. Schluss

8. Literaturverzeichniss

1. Einleitung

„Skifahrer werden sich an attraktiven Orten am Alpenrand niederlassen, Segler vielleicht in Schleswig- Holstein oder gleich am Mittelmeer und Kulturfreaks wird es nach Berlin oder München ziehen. Wer mehreren Hobbies frönt, lebt im Sommer hier, und im Winter dort und arbeitet am jeweiligen Ort mit Hilfe der Telekommunikation, die ihm (und ihr ja auch) eine flexible Aufteilung der Tageszeit auf Arbeit und Freizeit erlaubt.“ (Ballerstedt 1985, S. 219)

Wer stellt sich sein Arbeitsleben nicht so vor? Ein Leben, in dem nicht Arbeit die Hauptrolle spielt, sondern Freizeit? Ein Leben in dem sich die Arbeitzeit an die Freizeit anpasst?

Und der Weg zu diesem Traum ist klar: Telearbeit!

Telearbeit scheint ein Allheilmittel zu sein. Sie ist die flexibelste aller Arbeitsformen. Sie ist nicht nur ortsunabhängig, sondern erlaubt es auch, zu arbeiten, wann immer es gewünscht wird.

Aber ist Telearbeit wirklich die Antwort auf den wachsenden Wunsch nach mehr Flexibilität in der Arbeitswelt? Kann sie tatsächlich Probleme wie Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung, Verkehrschaos, Integration von Müttern in die Arbeitswelt und mehr lösen? Oder ist sie doch so gefährlich wie Skeptiker behaupten. Führt Telearbeit zu sozialer Isolation? Und überwiegen auch sonst die Nachteile die Vorteil der Flexibilität, und sollte Telearbeit, wie 1983 von der IG Metall gefordert, zum Schutz der Arbeitnehmer als Arbeitsform verboten werden? (vgl. Jäckel u.a. 2001)

In dieser Arbeit soll versucht werden, einige dieser Fragen zu klären. Es soll geklärt werden, inwiefern Telearbeit tatsächlich Chance ist den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren und wie viel Risiko dabei ist.

Damit dies möglich ist, wird im nächsten Kapitel zunächst geklärt, welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen in der Vergangenheit zur Entwicklung einer neuen Arbeitsform wie Telearbeit geführt haben. Ebenso wichtig ist es, die aktuelle Verbreitung von Telearbeit in Deutschland und international sowie das Wachstumspotential darzustellen, damit deutlich wird, dass es sich zwar immer noch um ein Phänomen von geringem Ausmaß handelt, das aber aufgrund seines Wachstums durchaus wert ist, näher betrachtet zu werden.

Da es sich bei Telearbeit nicht um eine einheitliche Arbeitsform handelt und jede Ausprägung verschiedene Vor- und Nachteile hat, soll in Kapitel 3 geklärt werden, was Telearbeit ist und welche verschiedenen Formen es gibt. Damit im weiteren Verlauf Telearbeit allgemein betrachtet werden kann, werden schon an dieser Stelle die Eigenschaften der einzelnen Formen ausgeführt.

Die nachfolgenden Kapitel versuchen, Antworten auf die oben gestellten Fragen zu finden. Es soll geklärt werden, welche Auswirkungen Telearbeit als flexible Arbeitsform auf Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft hat. Ebenfalls werden die Chancen und Risiken im einzelnen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber analysiert und es wird erarbeitet, wie nur die Vorteile zum Tragen kommen und die Nachteile weitgehend ausgeschlossen werden können.

Zum Schluss findet sich hoffentlich eine Antwort darauf, ob Telearbeit zukünftig eine tatsächliche Alternative zu etablierten Arbeitsverhältnissen bieten kann oder, ob die Probleme sich als so groß erweisen, dass Telearbeit für immer eine Randerscheinung bleiben wird.

In dieser Arbeit werden arbeitsrechtliche sowie datenschutzrechtliche Aspekte nicht berücksichtigt. Diese sind zwar bei der Einführung von Telearbeit durchaus wichtig und gerade bei dieser Arbeitsform auch nicht problemlos zu lösen, übersteigen aber gerade deshalb bei Weitem den Rahmen dieser Arbeit. Auch soll diese Arbeit keinesfalls eine Anleitung zur Einführung von Telearbeit sein, sondern diese aus sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten, um ihre Relevanz für den Arbeitsmarkt beurteilen zu können.

2. Entwicklung und Verbreitung von Telearbeit

Sowohl über die Entstehungsgeschichte von Telearbeit als auch über Ihre Verbreitung gibt es unterschiedliche Ansichten. Diese sind abhängig davon, wie Telearbeit definiert wird und welche Tätigkeiten als Telearbeit betrachtet werden. Fest steht jedoch, dass Telearbeit als neue Arbeitsform das Produkt einer hochmobilen Gesellschaft und global vernetzten Ökonomie ist, die durch den Einsatz von hochentwickelten neuen Kommunikations- und Informationsmedien ermöglicht werden. (vgl. Hochgerner 1998)

Als Auslöser für die aufkommende Telearbeit in den 70er in den USA gilt die Ölkrise. Der häufigste Grund, das Auto zu benutzen, ist den Weg zur Arbeit zurückzulegen. Um der Ölknappheit entgegen zu wirken, entwickelten die kalifornischen Forscher Nilles, Gray, Carlson und Hannemann die Idee, nicht den Arbeiter zur Arbeit, sondern die Arbeit zum Arbeiter zu bringen. Der Pendelverkehr sollte reduziert werden und durch Kommunikationstechnologie ersetzt werden. (vgl. Jäckel u.a. 2001) Gleichzeitig entwickelten sich in Skandinavien die ersten Nachbarschaftsbüros. (vgl. Büssing 2001a)

In Deutschland hat die Telearbeit wahrscheinlich ihren Ursprung Anfang der 80er in der Druckindustrie. Durch die steigende Technisierung des Druckgewerbes wurde es Arbeitskräften ermöglicht, Tätigkeiten wie Texterfassung und Satzerstellung außerhalb des Betriebs durchzuführen. Der Datenaustausch war jedoch noch auf offline Medien wie Disketten beschränkt. Bereits 1988 richtete IBM die ersten Telearbeitsplätze im heutigen Sinn in Deutschland ein. (vgl. Jäckel u.a. 2001)

Ebenfalls begann sich seit Ende der 80er Jahre eine neue Arbeitsphilosophie in Deutschland durchzusetzen. Es wurde die ideale Kombination von Freizeit und Arbeitszeit gesucht. Sinnvolle Beschäftigung war nicht länger der Arbeit vorbehalten, sondern eroberte auch die Freizeit, die es von nun an zu ermöglichen galt. Arbeit war nicht länger nur ein Mittel, die eigene Biographie zu gestalten, sondern es wurden bedingt durch Individualisierungstendenzen auch Selbstverwirklichungsansprüche an die Arbeit gestellt. Arbeit sollte subjektiv gestaltbar werden. (vgl. Steinhardt 2002) Diese neue Gleichgewichtsethik erforderte neue Arbeitszeitmodelle. (vgl. Strümpel 1988) Solche im Gegensatz zu den bisherigen Arbeitsmodellen flexibleren Modelle erlaubten es, den Arbeitnehmern vor allem ihre Arbeitszeit in Bezug auf ihre Freizeit abzustimmen. Hierzu zählt neben Gleitzeit, Teilzeit und Arbeitzeitkonten auch die Telearbeit. Sie ist genau betrachtet sogar eine Weiterentwicklung der anderen Modelle, da sie nicht nur die Arbeitszeit flexibilisiert sondern auch den Arbeitsort.

Trotz dieser früh erkannten Vorteile der Telearbeit, ist diese bis heute in ihrer Verbreitung stark eingeschränkt. Gründe hierfür liegen häufig in mangelnder Aufklärung und vielen verschiedenen Mythen zum Thema Telearbeit. Außerdem konnte festgestellt werden, dass die Einführung von Telearbeitsplätzen trotz Veränderungsdruck auf Seiten der Arbeitnehmer oft auch durch die Angst bestehende bzw. bewährte Unternehmensstrukturen loszulassen, begründet ist. (vgl. Jäckel u.a. 2001)

Verlässliche Zahlen über ein genaues Ausmaß der Telearbeit sind schwer zu finden und noch weniger gut zu vergleichen, da diese, wie bereits erwähnt, von einer genauen Definition abhängen.

Betrachtet man die zur Verfügung stehenden Zahlen, so lässt sich festhalten, dass Telearbeit in Deutschland sich im Wachstum befindet. Waren 1999 – 20 Jahre nach dem Entstehen der ersten Telearbeitsplätze- nur 6% aller Beschäftigten an einem Telearbeitsplatz beschäftigt, sind es nur drei Jahre später bereits 16,6%. Dies zeigt nicht nur, dass Telearbeit in Deutschland ein Wachstum von 40% hat, sondern auch, dass die Akzeptanz von Telearbeit in Deutschland gestiegen ist. Der Veränderungsdruck scheint sich besonders in den letzten Jahren gegen die vorherrschenden Ängste durchgesetzt zu haben. Dennoch steht das wachsende Interesse an Telearbeitsplätzen auf Seiten der Arbeitnehmer immer noch einem viel zu kleinen Angebot von Arbeitsplätzen gegenüber. (vgl. Schat 2001)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

vgl. empirica 2002

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland zwar immer noch im Mittelfeld hinter den Skandinavischen Ländern und den USA, bei denen Telearbeit bereits eine lange Tradition hat, hat aber die momentan größte Wachstumsrate aller Länder, was eindeutig ein Indikator für das noch vorhandene Potential von Telearbeitsplätzen in Deutschland ist. Betrachtet man nur die mobilen und die selbstständigen Telearbeiter, so ist Deutschland bereits heute in der Spitzengruppe vertreten. (vgl. empirica 2002)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

vgl. empirica 2002

3. Definition und Formen der Telearbeit

Obwohl häufig von Telearbeit gesprochen wird[1], als handele es sich dabei um eine einheitliche Arbeitsform, sollte zwischen den verschiedenen Ausprägungen deutlich unterschieden werden, da diese meist grundsätzlich voneinander differieren und jede einzelne eigene Vor- und Nachteile sowohl für Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber hat.

Allgemein betrachtet ist Telearbeit „jede auf Informations- und Kommunikationstechnologie gestützte Tätigkeit, die ausschließlich oder zeitweise an einem außerhalb der zentralen Betriebsstätte liegenden Arbeitsplatz verrichtet wird. Dieser Arbeitsplatz ist mit der zentralen Betriebsstätte durch elektronische Kommunikationsmittel verbunden.“ (BMA u.a. 1998, S. 10)

Telearbeit wird in sogenannte häusliche und mobile Telearbeit sowie Telearbeit in Satellitenbüros und Telehäusern unterschieden.

Bei der häuslichen Telearbeit befindet sich der Arbeitsplatz des Beschäftigten in den eigenen Wohnräumen. Der Arbeitnehmer nutz die Informations- und Kommunikationstechnologie zur Übertragung von Arbeitsergebnissen. Häusliche Telearbeit kann permanent, alternierend, supplementär oder selbstständig sein. Besonders die permanent häusliche Telearbeit hat zum allgemein schlechten Ruf dieser Arbeitsform geführt. Hierbei „steht dem Telearbeiter kein Arbeitsplatz beim Arbeitgeber zur Verfügung. Stattdessen erfolgt die Arbeitsverrichtung ausschließlich in der Wohnung des Mitarbeiters.“ (BMA u.a. 1998, S. 10) Häufige Tätigkeiten, die ausschließlich zuhause durchgeführt werden, sind Datenerfassung, Texterfassung und Programmierertätigkeiten.

Da der Telearbeiter nur selten in persönlichen Kontakt mit Kollegen oder Vorgesetzten tritt, kann diese Arbeitsform zu sozialer Isolation führen. Gleichzeitig bietet sie aber Erwerbstätigen mit eingeschränkter Mobilität, wie z.B. Behinderten, eine Möglichkeit zur Integration. Auch für Arbeitnehmer, die sich im Erziehungsurlaub befinden oder ein krankes Familienmitglied betreuen müssen, kann die permanent häusliche Telearbeit ein Weg sein, den Kontakt zur Arbeitswelt zu erhalten.

Bei der alternierenden Telearbeit „besitzt der Arbeitnehmer sowohl einen Arbeitsplatz beim Arbeitgeber als auch einen in seiner Wohnung, wobei er zwischen diesen Arbeitsplätzen hin- und herwechselt.“ (BMA u.a. 1998, S. 11) Definitorisch muss der Arbeitnehmer nur mindestens einen Tag zuhause arbeiten, um als alternierender Telearbeiter zu gelten. Im Gegensatz zur permanenten häuslichen Telearbeit wird bei dieser Arbeitsform der Kontakt zu Vorgesetzten und Kollegen gehalten. Besonders diese Telearbeitsform erfordert einen hohen organisatorischen Aufwand. „Der Wechsel zwischen häuslichem und betrieblichem Arbeitsplatz erfordert beispielsweise eine vorrausschauenden Planung der Arbeitstätigkeiten, da man zuhause nur begrenzt auf physische Dokumente (z.B. Ordner, Akten, Briefe) zurückgreifen kann.“ (Jäckel u.a. 2001, S. 147) Besprechungen oder Meetings können mit Telearbeitern nicht spontan abgehalten werden, da diese nicht immer im Betrieb präsent sind. Grundsätzlich könnte jede Tätigkeit in Form von alternierender Arbeit ausgeführt werden. Dies ist nur eine Fragen des Aufwands, den Arbeitnehmer und Arbeitgeber dafür bereit sind zu betreiben.

[...]


[1] Alle Definitionen und Beschreibungen der verschiedenen Telearbeitsformen sind- soweit nicht anders vermerkt- angelehnt an die Definitionen des BMA u.a. 1998 und empirica 2002.

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640938544
ISBN (Buch)
9783640985630
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173606
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Soziologie Flexibilisierung Telearbeit Heimarbeit Home Office Desk Sharing Arbeitsformen

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