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Die Zinstheorie - Beispiele für das EUR-Währungsgebiet

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 26 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- / Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Ziel der Arbeit
1.2. Einordnung der Arbeit

2. Die Klassisch Zinstheorie

3. Die Neoklassische Zinstheorie
3.1. Erkenntnisse Eugen von Böhm-Bawerks
3.1.1. Einführung und Prämissen
3.1.2. Positive Zinstheorie
3.1.3. Implikation und Kritik
3.2. Die neoklassische Zinstheorie von Knut Wicksell
3.2.1. Einführung und Prämissen
3.2.2. Die Zinsspannentheorie
3.2.3. Implikation und Kritik

4. Die keynsianische Zinstheorie
4.1. Liquiditätspräferenztheorie des Zinses
4.2. ISLM Modell
4.2.1. Erläuterung
4.2.2. Würdigung und Kritik

5. Zinsstrukturtheorie
5.1. Grundidee der Zinstrukturtheorie
5.2. Erwartungshypothese
5.3.Zinsspannentheorem von Malkiel
5.4 Marktsegmentions – Hypothese
5.5. Implikationen und Beobachtungen

6. Geldpolitische Implikationen aus der Zinstheorie
6.1 Taylor Zinsregel

7. Auswertungen und Erkenntnisse aus E-Views

8. Fazit und kritische Auseinandersetzung

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungs / Tabellenverzeichnis

Abb.1: Zinsspannentheorie Knut Wicksells sowie vorherige klassische Ansicht

Abb.2: Entwicklung der Geldmenge M3 sowie der Zinssätze mit ein, fünf und zehnjähriger Laufzeit

Abb.3: Liquiditätspräferenztheorie des Zinssatzes

Abb.4: Keynsianische Zinstheorie, dargestellt im ISLM Modell

Abb.5: Aktuelle Zinsstrukturkurve per 04.12.2009

Abb.6: Bank of England inflation report

Abb.7: Verlauf des Geldmarktzins vs. Prognostizierter Taylorsatz

Abb.8: Zinsvolatilitäten zum Nachweis des Zinsspannentheorems nach Malkiel

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Ziel der Arbeit

Das Ziel der Arbeit ist die Darstellung der Entwicklung der Zinstheorie sowie ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Bedeutung, indem die den jeweilig betrachteten Modellen unterstellten Annahmen bzw. Rahmenbedingungen aufgezeigt und auf die daraus übertragbaren Erkenntnisse eingegangen wird. Dabei schließt sich eine Rezension im Hinblick auf die beobachtbaren Implikationen der beschriebenen Modelle der Zinstheorie, bezogen auf das EUR-Währungsgebiet an. Zum Ende folgt eine kritische Auseinandersetzung der gewonnenen Erkenntnisse und Analyse empirischer Daten. Im Hauptaugenmerk stehen dabei die Neoklassik und der Keynsianismus, sowie die zum Ende gestellte Frage, welche Implikationen sich für die Geldpolitik aus der Zinstheorie ergeben.

1.2. Einordnung der Arbeit

Schon weit früher als die Ökonomen, beschäftigten sich Philosophen und Kleriker mit der Betrachtung und Deutung des Zinses bzw. dessen Phänomen. Aristoteles kam bereits vor über 2000 Jahren zu der Erkenntnis: „dass Geld ist um des Tausches Willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich aber nur selbst. Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur“[1]. Hiervon ausgehend übertrug Thomas von Aquin dieses Gedankengut weitest-gehend vollständig in das kanonische Zinsverbot (codex iuris canonicis), wonach die Kirche es für den Christen als schändlich betrachtete, wenn dieser von seinen Brüdern Zinsen forderte[2]. Aus dem neuen Testament selbst geht ein klares Zinsverbot jedoch nicht hervor[3].Die dogmatische Ansicht der römisch katholischen Kirche führte infolgedessen zur Begründung des sogenannten Zinsverbots, welches fortan nicht nur Vertreter des Klerus, sondern auch weltliche Bürger betraf. Diese Denkweise zeigt sich auch in den Arbeiten bekannter Dichter und Literaten, bspw. in der Szene in der Polonius seinem Sohn den klaren Rat, „Kein Borger sei und auch Verleiher nicht“, mit auf den Weg gibt[4]. Spätestens seit der englischen Klassik und dem erstarken des Kapitalismus setzte eine Umkehr ein. Ein Zinsverbot besteht in der heutigen Zeit einzig in islamischen Ländern, wo die Einhaltung dessen, zentraler Bestandteil der Religion ist[5]. Im Folgenden soll der Zins jedoch aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive verstanden werden. Dabei stellt die Zinstheorie die ökonomische Lehre des Zustandekommens von Zinssätzen und deren Höhe dar. Dabei definiert sie sich als Preis für die frühere Verfügbarkeit bzw. spätere Bezahlung von Gütern[6]. Von Böhm-Bawerk benennt: „Das aus dem Kapitale fließende Einkommen werde ich Kapitalzins nennen“[7]. Ausgehend von obig aufgeführter Einordnung, soll nachstehend die Auswirkungen der Zinstheorien der unterschiedlichen Epochen erläutert und untersucht werden. Dabei gilt jedoch zu beachten, dass die aufgeführten Theorien nicht die kompletten Errungenschaften der Zinstheorie, sondern einen Pfad einiger wesentlicher Erkenntnisse von der Klassik bis zur Neuzeit darstellen.

2. Die klassische Zinstheorie

Die Epoche der klassischen Zinstheorie fasst in etwa 100 Jahre zwischen der zweiten Hälfte des 18. und 19. Jahrhunderts zusammen. Die Vorklassische Zinstheorie hatte sich im Vorfeld mehr der Rechtfertigung als der Ursachenergründung gewidmet[8] und sieht Geld in der langen Sicht als neutral an im Bezug auf Geldmenge und Zinssatz[9]. Vertreter der klassischen Zinstheorie waren unter anderem Jean Baptiste Say, Adam Smith, David Ricardo, John Stuart Mill und Thomas Tooke. Die klassische Zinstheorie bzw. deren Anhänger gehen im Wesentlichen davon aus, dass sich der Zinssatz auf dem Markt als Gleichgewichtspreis, aus den angebotenen Ersparnissen und nachgefragten Investitionen, ergibt[10]. Ausschlaggebend hierfür ist zum einen die Entscheidung der Haushalte über die intertemporale Verteilung ihres Konsums und zum anderen die Investitionsentscheidung der Unternehmer[11]. Im Mittelpunkt steht die Größe bzw. Höhe des Kapitalreichtums eines Landes. Es wird beobachtet, dass sich der Zins durch eine Änderung des Verhaltens der Haushalte oder Unternehmen, in Form von Sparen und Konsum, jeweils neu austariert. So führt bspw. eine höhere Sparneigung zu einer neuen Kompensation von Sparen und Investition bei einem niedrigeren sich einstellenden Zinsniveau. Infolgedessen gewinnen Investitionen an Attraktivität und werden vermehrt durchgeführt. Die Klassiker gehen dabei insgesamt von einem Zins als reale Größe aus, der nicht durch die monetäre Größe des Geldes bzw. wenn überhaupt nur kurzfristig beeinflusst wird. Dies ist auch unter der Neutralität des Geldes bekannt, welche in der klassischen Dichotomie, d.h. der Trennung zwischen monetärem und realem Bereich der Volkswirtschaft zur Aussage kommt[12].

Eine weitere zentrale Ansicht der Klassiker ist die Überzeugung von der Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft, die z.B. metaphorisch im Werk von Smith als „invisible Hand“ beschrieben wird[13] als auch die Entwicklung des Sayschen Theorem, wonach vereinfachend formuliert jedes Angebot sich seine eigene Nachfrage schafft (m.a.W. stetig fortschreitende Wirtschaft). Beide Aussagen implementieren die Sichtweise, dass eine Volkswirtschaft immer allein in eine Gleichgewichtssituation tendiert[14].

Aufgrund der gewählten Abstraktionen im Bezug zur Realität des Zustandekommens und der Funktionsweise des Zinses ließen die Klassiker den nachkommenden Vertretern der Neoklassik genügend Spielraum zur Weiterentwicklung ihrer Thesen. Kritisiert wird u.a., dass der Zusammenhang zwischen Ersparnisbildung und Zins nicht allgemein nachweisbar sei[15]. Eine Situation innerhalb eines konjunkturellen Abschwungs verbunden mit extrem pessimistischer Erwartung lasse auch einen nicht positiven Zins zu[16]. Die Nichtbeachtung der Erwartungen der Wirtschaftssubjekte, die ausbleibende Berücksichtigung des Zeitbezuges auf den Zins sowie das Fehlen der Einkommenskomponente sind nicht wenige Schwachpunkte der Klassiker, die durch Erweiterungen der Neoklassiker im folgenden verbessert werden sollten.

3. Die Neoklassische Zinstheorie

Die Neoklassik stellt die konsistente Weiterentwicklung der Erkenntnisse der Klassiker, beginnend mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dar. Zentrale Anliegen der Neoklassik sind zum einen die Erkenntnisse bzgl. des Marginalismus[17], die Erläuterung der Wirkungsweise des Preismechanismus in einem komparativ–statischen Modell, als auch die Betrachtung der Zeit und der individuellen Zukunftserwartungen.

3.1. Erkenntnisse Eugen von Böhm-Bawerks

3.1.1. Einführung und Prämissen

Von Böhm-Bawerk gilt als Begründer der österreichischen Schule und wird von einigen Ökonomen auch als einflussreichster der österreichischen Kapitaltheoretiker gesehen. Als Zinstheoretiker bewirkte er gegenüber den Theoretikern der Klassik vor allem zwei wesentliche Fortschritte. Zunächst wird die systematische Trennung von Gebrauchs- und Tauschwert aufgehoben sowie die Grenznutzenlehre in der Mengerschen Ausprägung konsequent angewandt. Der zweite wesentliche Fortschritt bestand in der Auffassung, die Produktion in einem zeitlich gerichteten ablaufenden Prozess anzusehen. Hiermit erkannte er, dass der entscheidende Aspekt des Bestehens von Zinsen in deren intertemporalem Charakter liegt[18]. Er nahm für seine ausgehenden Überlegungen die Gültigkeit der Sayschen Theorie an bzw. zweifelte ebenso wenig an der Beständigkeit der Quantitätsgleichung[19].

3.1.2. Positive Zinstheorie

Zur Kristallisierung seiner Zinstheorie benennt von Böhm-Bawerk in seinem Hauptwerk drei Gründe für einen positiven Zins. Jeder der Gründe ist gesondert in der Lage eine Wertdifferenz zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Gütern zu erläutern[20]. Die drei Gründe sind; „die Verschiedenheit der Versorgungsverhältnisse in Gegenwart und Zukunft, die perspektivische Unterschätzung künftiger Vorteile und Güter, sowie die Ergiebigkeit langwieriger Produktionsmethoden“[21]. Anhand dieser Argumente begründet er den ursprünglichen Zins. Er sieht dabei den Zins als Reinertrag, welchen eine Unternehmung durch das in den Produktionsprozess eingesetzte Kapital erzielt[22] und stellt nicht mehr den zu Unrecht von den Arbeitern erpressten Gewinn der Kapitalgeber dar[23]. Vielmehr stellt der Zins jetzt den Preis für die spätere Bezahlung von Gütern dar, bzw. anders ausgedrückt bildet er die Differenz zwischen dem morgen zu zahlenden Preis und dem heute zu zahlenden Preis für ein verfügbares Gut ab[24]. Z.B. erhöht sich der Wert eines zum Zeitpunkt bezahlt werden muss. Dabei stellt der Faktor 1+r die Gegenwartspräferenz dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1.3.Implikation und Kritik

Von Böhm-Bawerk durchbrach mit der Betrachtung des Zinses, im Zusammenspiel mit realen Größen der Volkswirtschaft, die bisherige Sichtweise der Klassik. In seinen Arbeiten geht er jedoch vornehmlich verbal vor, demzufolge mangelt es an mathematischer Präzision. Ebenso stieß seine Behandlung des Produktionsprozesses in diversen Streitgesprächen mit Clark und Fisher auf Kritik[25]. Schwer wiegt auch die Kritik Schumpeter´s gegen die Agiotheorie Böhm-Bawerks. Er verwehrt sich gegen den beschriebenen Ansatz und sieht in der unterstellten Zeitpräferenz lediglich eine Folge des, insgesamt jedoch auf andere Weise zu erklärenden, Zinses[26]. Nach seiner Vorstellung lässt sich das Zinsproblem einzig im Rahmen der Dynamik

lösen, da er den Zins als Produkt der Entwicklung betrachtet[27]. Ebenso fügt Lutz an, dass Böhm Bawerk eine sehr vereinfachte Welt im Auge hat[28]

3.2. Die Neoklassische Zinstheorie von Knut Wicksell

3.2.1. Einführung und Prämissen

Der schwedische Ökonom Knut Wicksell entwickelte, aufbauend auf den Erkenntnissen von Eugen von Böhm-Bawerk[29], die neoklassische Zinstheorie entscheidend weiter. Dabei bedient er sich unter anderem dem Begriff der Zeitpräferenz, sowie der Mehrergiebigkeit von Produktionsumwegen[30] und würdigt die Errungenschaften von Böhm-Bawerks insgesamt als zukunftsweisend[31]. Als Rahmengerüst wählt er analog zu Böhm-Bawerk eine stationäre Wirtschaft aus, unter der gleichzeitigen Annahme von Vollbeschäftigung sowie der Gültigkeit der Quantitätstheorie. Wicksell beruft sich in seinem Beitrag zur Zinstheorie nicht mehr ausschließlich auf den realen Bereich einer Volkswirtschaft, sondern bezieht erstmals den monetären Bereich der Volkswirtschaft in seine Überlegungen mit ein. Unter dem Begriff Kapital versteht Wicksell Vermögensgegenstände, die ein Einkommen generieren, ohne ihrerseits verbraucht zu werden[32].

3.2.2. Die Zinsspannentheorie

Wicksell definiert einen Zinssatz, der Sparen und Investieren ins Gleichgewicht bringt, sowohl Geldwertstabilität sichert als auch die Volkswirtschaft auf einem Gleichgewichtspfad hält, den „natürlichen Zins“[33]. Der Darlehenszins ergibt sich aus der Austarifierung von Angebot und Nachfrage nach Krediten. Gemäß Aussage Wicksells befindet sich eine Wirtschaft genau dann im Gleichgewicht, falls der Darlehenszins mit dem natürlichen Zins identisch ist[34]. Lässt sich dies festhalten, existiert ein normaler Zustand. Wicksell erkannte jedoch Preisschwankungen, die er auf Abweichungen zwischen Darlehens- und natürlichem Zins zurückführte.

Abb. 1 Eigene Graphik der Zinsspannentheorie Wicksells

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wicksell untersucht nun, wie eine solche Diskrepanz auftreten kann. Er identifiziert dabei eine monetäre Veränderung, bspw. eine exogene Erhöhung des bisherigen Geldangebots (S) mit Hilfe einer Geldmengenerhöhung (∆M) der Zentralbank, als auslösendes Ereignis. Der

Geldzins reagiert aufgrund des Angebotsüberhangs und pendelt sich auf niedrigerem Niveau im GG. ein (vgl. grüne Pfeile Abb.1). Der natürliche Zins reagiert über realwirtschaftliche Veränderungen. Ein niedrigerer Zins wandelt die individuellen Zukunftserwartungen der Unternehmer um und lässt aufgrund des billigen Geldes die Unternehmensgewinne steigen bzw. sorgt auf diesem Weg für eine erhöhte Nachfrage nach Krediten. Dies geschieht jedoch nur solang, wie der Darlehenszins niedriger als der natürliche Zins ist. Demnach können Kreditinstitute den Geldzins beeinflussen und Zinsdifferenzen wie auch Preisschwankungen bei Gütern hervorrufen. Genauer gesagt führt die erhöhte Nachfrage von Seiten der Unternehmen zuerst zu einer Preiserhöhung der Produktionsmittel und im zweiten zu einer Erhöhung der Preise der produzierten Güter. Entscheidend ist diesbezüglich die Einhaltung der Prämisse der Vollbeschäftigung[35].

Die beschriebene Preissteigerung hält sich derweil aufrecht, bis die Abweichung von Darlehenszins und natürlichem Zins nicht mehr besteht, d.h. sich das Marktzinsniveau einstellt. Myrell beschreibt diese als „kumulativen Prozess, der ein dynamischer Ablauf in der einen oder anderen Richtung von einer geldtheoretischen Gleichgewichtslage aus ist“[36]. Den sog. Wicksellschen Prozess beschreibt Wicksell selbst auch als eine „akkumulatorische Wirkung auf die Preise“[37]. Dabei ist zu beachten, dass durch die gestiegene Kreditnachfrage der Darlehenszins wiederrum steigt, so dass der ursprüngliche Effekt nur vorübergehend anhält[38]. Prinzipiell kann sich der Wicksellsche Prozess durch eine Geldvermehrung, wie aber auch durch Geldvernichtung einstellen. Wicksell überwindet damit die klassische Dichotomie[39], indem er den Zins mit dem realen und monetären Bereich kombiniert und dem Geld in der kurzen Frist reale Effekte zubilligt. Damit bildet der Wicksell–Effekt eine differenzierte Antwort zur Erklärung von Preisschwankungen und fließt in heutige Theorien bzgl. Konjunkturschwankungen mit ein.

3.2.3. Implikationen & Kritik

Zusammengefasst vertritt Wicksell die These, dass eine Liquiditätszuführung bzw. eine Liquiditätsabführung durch die jeweilige Notenbank die Zinsen senkt bzw. steigen lässt. Um dies zu überprüfen bzw. empirisch zu belegen, lassen sich die M3 Geldmenge sowie die Entwicklung der verschiedenen Zinssätze gegenüberstellen. Sollte die These zutreffen sollte leicht Zeitverzögert bspw. nach einer Geldmengenerhöhung das Zinsniveau gefallen sein. Grundlegend für die Überprüfung der hier getroffenen Aussagen ist folgende Abbildung. Dabei zeigt sich kein konstanter Zusammenhang zwischen den Zinsen und einer Erhöhung der Liquidität in Form eines Anstieg der Geldmenge M3. Bisher unbeachtet ist aber der Zusammenhang einer Geldmengenerhöhung auf die Inflation bzw. auf das allgemeine Preisniveau. Eine erhöhte Inflation kann einen verstärkenden Effekt auf den Anstieg der Zinsen haben. Lutz kritisiert Wicksell im Bezug auf die Vernachlässigung der dauerhaften Produktionsgüter und die ausbleibende Lösung der Schwierigkeiten, die der Subsistenzfonds der Theorie machte[40].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Entwicklung M3/Zins 1J/5J/10J[41]

4. Die keynsianische Zinstheorie

Den Grundstein für einen grundlegenden Wandel gegenüber den klassischen und neoklassischen Auffassungen bzgl. der Wirkung von Geldmengenveränderungen auf real-wirtschaftliche Größen legte Keynes mit seiner Arbeit „The General Theory of Employment, Interest and Money“. Inspiriert durch das Versagen der bekannten Modelle im Bezug auf die Weltwirtschaftskrise 1929, entwickelte er seine Thesen, die sich dabei durch einen problemorientierten, politischen Bezug auszeichnen. Im Spezialfall der Vollbeschäftigung akzeptierte Keynes die Prämissen der vorkeynsianischen Lehre, im realistischeren Fall der Unterbeschäftigung jedoch nicht. Da er nicht den unterstellten Selbstheilungskräften des Marktes vertraute, avisierte er staatlichen Handlungsbedarf[42].

4.1. Liquiditätspräferenztheorie des Zinses

Die von Keynes verfasste Liquiditätstheorie dementiert die bisher gewonnenen Erkenntnisse der Quantitätstheorie im Bezug auf die Abhängigkeit der Ersparnisse vom Zins. Er sieht den Zins insgesamt mehr „als den Wunsch Vermögen in Form von Kasse zu halten (liquidity – preference) mit der verfügbaren Menge an Kasse im GG.“[43]. Der Zins bestimmt sich durch das GG. zwischen Geldnachfrage und Geldangebot unter der Annahme eines zinsunelastischen Geldangebots. Bei gegebener Geldnachfrage sinkt der Zins, je geringer das Geldangebot ausfällt, jedoch nur bis zum zinsunelastischen Geldnachfragepart (vgl. Abb.3). Der linke Bereich der x-Achse stellt daher die Transaktionskasse, der rechte Bereich der Spekulationskasse dar. Bspw. durch eine Erhöhung des Volkseinkommens verändert sich die Geldnachfragekurve zu, erhöht den Bedarf an Transaktionskasse und hat de facto einen Anstieg des Zinsniveaus zur Folge. Dies hat wiederrum ein Sinken der Spekulationskasse zur Folge, da der nun attraktivere Zins weiteres Geld aus diesem Bereich abzieht und der höhere Bedarf an Transaktionskasse nur aus einem Rückgang der Spekulationskasse erfüllt werden kann.[44] Am Ende dieses Prozesses stellt sich ein neues Zinsniveau ein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3 Liquiditätspräferenztheorie des Zinssatzes[45]

4.2. ISLM Modell

4.2.1. Erläuterung

Zu Beginn ist zu betonen, dass die im Nachhinein vorgestellte Visualisierung des ISLM Diagramms eine Weiterentwicklung des Modells von Keynes nach Hicks darstellt[46], der damit seiner Interpretation der Keynes´schen Gedanken zur Verbreitung verhalf. Wenn Politiker oder WW. über den Zusammenhang von Zins, Geldmenge und Beschäftigung nachdenken, benutzen Sie meist Bausteine aus dieser ISLM-Analyse.

Die LM–Kurve zeigt alle Kombinationen zwischen Zins und Einkommen an, für die die Liquidititätspräferenztheorie[47] erfüllt ist. Nach dieser bestimmt sich die Zinshöhe zwischen Geldnachfrage und –angebot. Unendliche viele Kombinationen von Volkseinkommen und Zins illustrieren die Form der LM-Kurve. Hieraus lässt sich ablesen, dass der Zins dabei umso höher bzw. niedriger ist, je höher bzw. niedriger das Volkseinkommen ist.[48] Die LM - Kurve gibt die keynsianische Beschreibung des Geldmarktes an.

Im Gegensatz zum bisherigen Glauben, sieht Keynes im Sparen der Konsumenten einen Nach-frageausfall[49]. Unter der Annahme, dass die marginale Sparneigung positiv ist und man gleichzeitig unterstellt, dass bei einem steigenden Zinssatz Investitionen abnehmen, impliziert dies einen fallenden Verlauf der IS-Kurve. Diese stellt den graphischen Ort dar, bei dem jedem Einkommen ein Zins zugeordnet wird, sodass Ersparnis gleich Investition gilt.

[...]


[1] Aristoteles, Politik, 2003, O.Gigon (Hrsg.) S. 62-63

[2] Vgl. Neues Testament, Lukas, Vers.6, Satz 35 sowie Altes Testament, Deuteronomium, Vers 23, Satz 20

[3] Vgl. Neues Testament, Matthäus, Vers 25, Satz 25-30

[4] Shakespeare, Hamlet, 1.Akt, 3.Szene

[5] Vgl. Koran, Sure 3, Vers 130

[6] Vgl. Issing, Einführung in die Geldtheorie, 2006, S.99 ff.

[7] Böhm Bawerk, Kapital und Kapitalzins, Abt.2. Geschichte und Kritik der Kapitalzins-Theorien, 1884, S 8

[8] Vgl. Anderegg, Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik, 2007, S.95

[9] Vgl. Ricardo, The works and correspondence of D.Ricardo, 1951, S.23

[10] Es gilt I(i(-))=S(i(+)), d.h. Investitionen entsprechen im GG. der Sparneigung, jeweils abhängig vom Zins

[11] Vgl. Issing, Einführung in die Geldtheorie, 2006, S.102 ff.

[12] Vgl. Pigou, Veil, 1949. Diese Theorie fand erheblichen Einfluss in die in der Neoklassik zuzuordnende Quantitätsgleichung / Quantitätstheorie. Demnach schlägt sich eine Erhöhung der Geldmenge in einer proportionalen Erhöhung des Preisniveaus wieder.

[13] Smith, The wealthfare of nations, Book IV, Chapter II:“Er wird in diesem wie auch in anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu erfüllen, den er zu keiner Weise beabsichtigt hat.“

[14] Vgl. Felderer, Homburg, Makroökonomik, 2005, S.83 ff.

[15] Vgl. Issing, Einführung in die Geldtheorie, 2006, S.104/105

[16] Vgl. Schmid, Geld, Kredit und Banken 200, S.164

[17] Vgl. Felderer, Homburg, Makroökonomik, 2005, S.25 Unter Marginalismus versteht man die Betrachtung von Grenznutzen bzw. Grenzkosten. Den Begründern der österreichischen Schule, C. Menger, F.v. Wieser, E.v. Böhm-Bawerk wird die Einführung des Grenzkalküls bzw. der Marginalismus zugeschrieben, ursprünglich geht dieser aber bereits auf den Ökonom J.H.v.Thienen zurück. Vgl. auch Kurz, Klassiker des ökonomischen Denkens, Band 1, S.146 ff

[18] Vgl. von Böhm-Bawerk, Kapital und Kapitalzins I, 1961, S. 450

[19] Vgl. Fuhrmann, Geld und Kredit, 1987, S. 35-36

[20] Vgl. von Böhm Bawerk, Kapital und Kapitalzins, 1921, S. 354 ff

[21] Vgl. Seyfert, Zins und wirtschaftliche Entwicklung, 1985, S. 60

[22] Vgl. Lutz, Zinstheorie, 1967, S. 434

[23] Vgl. Marx, Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie, 1928

[24] Vgl. Issing, Einführung in die Geldtheorie, 2003, S. 99

[25] Vgl. Seyfert, Zins und wirtschaftliche Entwicklung, 1985, S.58 ff.

[26] Vgl. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, 2006, S. 247

[27] Vgl. Naderer, Die Entwicklung der Geldtheorie J.A.Schumpeters, 1990, S. 96

[28] Vgl. Lutz, Zinstheorie, 1967, S.22

[29] Siehe auch Kapitel Erkenntnisse Eugen von Böhm Bawerks

[30] Vgl. Anderegg, Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik, 2007, S.100

[31] Vgl. Wicksell, Über Wert, Kapital und Rente, 1969, S.81

[32] Vgl. Grosskettler, H., Wicksell, J.G.: Klassiker des ökonomischen Denkens, 1989, S.197

[33] Vgl. Wicksell, Geldzins und Güterpreise, 2006, S.130 ff.

[34] Vgl. Issing, Einführung in die Geldtheorie, 2003, S.105 - 107.

[35] Vgl. Issing, Einführung in die Geldtheorie, 2003, S.106 ff.

[36] Myrell, Beiträge zur Geldtheorie, 2007, S.382

[37] Vgl. Wicksell, Geldzins und Güterpreise, 2006, S.112

[38] Vgl. Borchert, Geld und Kredit, 2001, S.170

[39] Vgl. Schmid, Geld, Kredit und Banken, S.220, Unter der klassischen Dichotomie versteht man die isoliert stehende Realtheorie bzgl. der Bestimmung der relativen Preise und die monetäre Theorie bzgl. der Bestimmung der absoluten Preise.

[40] Vgl. Lutz, Zinstheorie 1967, S.36

[41] Abb.2. Eigene Graphik aus E-Views Datenbasis entworfen

[42] Vgl. Keynes, The end of Laissez – Faire, 1926. Keynes vertraute nicht darauf, dass die individuelle Nutzenmax. automatisch zur Maximierung der Gesamtwohlfahrt führt. Der Staat solle daher in Bereiche eingreifen die nicht übernommen werden, jedoch nicht sozialistisch agieren.

[43] Vgl. Issing, Einführung in die Geldtheorie, 2003 S.107 ff.

[44] Vgl. Abb.3 Liquiditätspräferenztheorie des Geldes

[45] Abb.3 Eigene Graphik in Anlehnung an Issing, Einführung in die Geldtheorie, S.109

[46] Vgl. Hicks, Mr.Keynes and the classics. A Suggested Interpretation, 1937, S.147-159

[47] Vgl. Abschnitt 3.1. Liquiditätspräferenztheorie des Zinses

[48] Vgl. Formale Herleitung der Steigung der LM und IS Kurve siehe Anhang

[49] Vgl. Schmid, Geld, Kredit und Banken, 2001, S.173

Details

Seiten
26
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640944095
ISBN (Buch)
9783640944064
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173476
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Volkswirtschaftliches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Zinstheorie Eugen-von-Böhm-Bawerk Knut Wicksell John Maynord Keynes neoklassische Zinstheorie Taylor Zinsregel Zinsspannentheorem von Malkiel ISLM Modell klassische Zinstheorie

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