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Kontrovers diskutiert: Thilo Sarrazin und Martin Walser - Zwei Feuilleton-Debatten im Vergleich

Hausarbeit 2011 31 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Sarrazin-Debatte
2.1 Der Inhalt von „Deutschland schafft sich ab“
2.2 Die Kontroverse um Thilo Sarrazin
2.2.1 Das Lettre International- Interview und seine Folgen
2.2.2 Die Debatte um das Buch
2.3 Die Position Klaus von Dohnanyis in der Sarrazin-Debatte
2.4 Analyse der Sarrazin-Debatte
2.4.1 Die Polarisierung der Person Thilo Sarrazin
2.4.2 Überprüfung der Fakten
2.4.3 Thilo Sarrazin: Ein geschickter Selbstvermarkter?
2.4.4 Konkretes Sprechen – konkretes Verstehen?
2.4.5 Meinungsfreiheit

3. Die Walser-Bubis-Debatte
3.1 „Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede“
3.2 Die Debatte
3.3 Klaus von Dohnanyi vs. Ignatz Bubis
3.4 Die Aussprache
3.5 Analyse der Debatte

4. Sarrazin und Walser im Vergleich

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

„Unerträglich“, „menschenverachtend“, „dumm und nicht weiterführend“, „diffamierend und verletzend“, „polemisch“ und „dämlich“, sind nur einige der Bezeichnungen für die Aussagen Thilo Sarrazins in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“. Sarrazin hat im Jahre 2010 wochenlang die Feuilletons der Zeitungen beherrscht und wurde in Deutschland kontrovers diskutiert. Doch auch schon vor dem Erscheinen seines Buches ist Sarrazin mit polarisierenden Aussagen in den Medien präsent. Zwölf Jahre zuvor hielt der Schriftsteller Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche eine Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, in der er sich kritisch zum Umgang mit der Holocaust-Erinnerung äußerte. Diese Rede löste ebenfalls eine Debatte aus, die in den Feuilletons der deutschen Zeitungen ausgetragen wurde, in der Ignatz Bubis, damaliger Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, sein härtester Gegner war.

Die aktuellere Debatte um Thilo Sarrazin soll in dieser Arbeit im Vordergrund stehen.

Bereits vor Sarrazin wiesen andere auf integrationspolitische Probleme in Deutschland hin, zum Beispiel Giovanni die Lorenzo, der Herausgeber der Wochenzeitung DIE ZEIT, im Jahre 2004, Rolf Stolz in „Deutschland, deine Zuwanderer“ aus dem Jahr 2002 oder Hans-Hermann Gockel 2006 in „Die überstrapazierte Nation“.[1] Allerdings lösten sie nicht annähernd die gleichen Reaktionen in Öffentlichkeit und Politik aus, wie Thilo Sarrazin. Warum waren die Reaktionen bei ihm anders? Wieso wurde er gehört und seine Vorredner nicht? Im Verlauf dieser Arbeit soll die Kontroverse rund um Thilo Sarrazin dargelegt und analysiert werden.

Das Buch Sarrazins wird nur kurz zusammengefasst, da der Fokus dieser Arbeit nicht auf dem Inhalt des Buches, sondern auf der Debatte, die dem Erscheinen dieses Buches voraus- und nachging, liegen soll. Dennoch ist es wichtig einige Inhalte und Zitate zu kennen, um die Reaktionen der Öffentlichkeit und die Kontroverse zu verstehen. Auf die komplette Debatte rund um Talkshow-Auftritte, Zeitungs-Artikel, Internet-Plattformen und weitere Reaktionen zu seinen Äußerungen und seinem Buch kann in dieser Hausarbeit nicht eingegangen werden, da es ein nahezu unüberschaubares Meer an Stimmen zu Thilo Sarrazin gibt. Von daher beschränkt sich die Wiedergabe der Debatte in dieser Arbeit auf einen Teil der Reaktionen in den Feuilletons, die aber deutlich machen, wie kontrovers Thilo Sarrazin diskutiert wurde. Im Anschluss an die Wiedergabe der Debatte wird diese analysiert und unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert.

Die Walser-Bubis Debatte aus dem Jahr 1998 ist etwas kompakter und wird in einem nächsten Schritt zum Vergleich mit der Sarrazin-Debatte herangezogen. In beiden Debatten wird die Position des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi herausgestellt, da dieser zu den Positionen der Protagonisten der Debatten – Martin Walser, Ignatz Bubis und Thilo Sarrazin - Stellung bezogen hat und zumindest in der Walser-Debatte selbst in die öffentliche Kritik geraten ist. Nach der Analyse der Walser-Debatte werden beide Debatten miteinander verglichen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten werden herausgestellt. In einem Fazit wird abschließend ein Bezug der Debatten zur Öffentlichkeit und zu den Medien hergestellt.

Literatur zu beiden Debatten ist zahlreich vorhanden. Gerade die Kontroverse um Thilo Sarrazin ist noch sehr aktuell und doch gibt es schon einige Bücher, die die Debatte reflektieren, Stimmen aus Zeitungen gesammelt wiedergeben und Sarrazin auch inhaltlich überprüfen und kommentieren. Zu nennen sind hier: „Sarrazin. Eine deutsche Debatte“[2], herausgegeben von der Deutschlandstiftung Integration und die Zeitungen des Instituts für Staatspolitik: „Sarrazin lesen. Was steckt in Deutschland schafft sich ab ?“[3] sowie „Der Fall Sarrazin. Eine Analyse“.[4] Auch das Internet bietet zu diesem Thema eine enorme Flut an Informationen. Als Quelle ist das Internet allerdings kritisch zu betrachten, da es keine Gewähr für Wissenschaftlichkeit gibt. Beim Verfassen dieser Arbeit kann jedoch auf das Internet nicht verzichtet werden, da im Netz zahlreiche Online-Zeitungsartikel über die Feuilletondebatten existieren, die diese wiedergeben.

Zum Thema Walser gibt es ebenfalls Literatur in ausreichender Menge, die die Debatte und die Themen, die sich um sie herum ranken, aufgreifen. Erwähnenswert ist hier das Buch „Die Walser-Bubis Debatte. Eine Dokumentation“[5] von Frank Schirrmacher, der Texte, Leserbriefe und Feuilletonartikel in einem Werk gesammelt hat. Gerd Wiegel und Lars Klotz setzen sich in „Geistige Brandstiftung? Die Walser-Bubis Debatte“[6] kritisch mit der Thematik des Holocaust in Bezug auf Martin Walsers Rede auseinander und Micha Brumlik, Hajo Funke und Lars Rensmann reflektieren die deutsche Erinnerungspolitik und das Holocaustdenkmal in Berlin in „Umkämpftes Vergessen“[7] ebenfalls unter dem Aspekt der Friedenspreisrede von Martin Walser.

2. Die Sarrazin-Debatte

2.1 Der Inhalt von „Deutschland schafft sich ab“

Bei der Analyse einer Debatte ist der Kontext wichtig, in dem diese stattfindet. Bei der Kontroverse um Thilo Sarrazin sind in den Kontext aktuelle Problemthemen in Deutschland einzuordnen, wie zum Beispiel Armut, Bildung, Arbeit, Integration und Demographie, die Sarrazin anspricht. Die Debatte sei mehr als überfällig gewesen, so die Deutschlandstiftung Integration: „20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund. Sie haben Deutschland verändert.“[8] Auf alle Thesen kann im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen werden, da „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ auf 463 Seiten zahlreiche Themen anspricht, die mit einer Vielzahl von Informationen und Aussagen angereichert sind. Thilo Sarrazin wurde 1945 in Gera geboren und hat an der Universität Bonn Volkswirtschaft studiert. Von Januar 2002 bis April 2009 bekleidete SPD -Mitglied Sarrazin das Amt des Finanzsenators im Berliner Senat und wurde anschließend Vorstand der Deutschen Bundesbank.[9]

Sarrazin spricht von einem demografischen Wandel in Deutschland. Die Abschaffung Deutschlands begründet er unter anderem mit sinkenden Geburtenraten.[10] Sarrazin bleibt aber nicht bei demografischen Veränderungen, er postuliert, dass Deutschland sich auch auf Grund von Problemen im Bildungssystem und besonders der Migration herunterwirtschaftet und das Land verkommt. Durch die Abnahme der Geburten werde auch die Zahl der talentierten Köpfe in Deutschland abnehmen, so Sarrazin: „Natürlich vermindert sich dann auch die Zahl der Untalentierten entsprechend, aber die tragen ohnehin nichts zur Vermeidung von Engpässen in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung bei.“[11] Sarrazin belegt diese Rechnungen, wie auch viele andere, mit zahlreichen Tabellen, Statistiken und Prozentangaben aus demografischen, volkswirtschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Studien. Für das Thema „Armut“ stellt er fest: „Nicht die materielle, sondern die geistige und moralische Armut ist das Problem.“[12] Im Armutsbericht der Bundesregierung heißt es:

Armut und soziale Ausgrenzung als Folge mangelnder Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten stellen sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für deren soziale Netzwerke eine hohe Belastung dar. Armutsrisiken in Familien beschränken sich dabei nicht allein auf unzureichende finanzielle Mittel. Bei Kindern und Jugendlichen zeigen sich zusätzlich Entwicklungsdefizite, Unterversorgung mit der Folge gesundheitlicher Probleme und soziale Benachteiligung, etwa durch mangelnde Integration in der Schule und unter den Gleichaltrigen.[13]

Sarrazin empfindet diesen Text als unverständlich: „Offenbar hat bei der Formulierung die politische Korrektheit über die Verständlichkeit gesiegt.“[14] Er übersetzt den Absatz in – wie er sagt – „verständliches Deutsch“:

Von Transfers abhängige Familien haben nicht nur mit begrenzten materiellen Möglichkeiten zu kämpfen. Sie können häufig auch nicht so gut mit Geld umgehen und verfügen oft nicht über die Energie, die Planungsfähigkeit und die Fertigkeiten, die Familie gesund und ausgewogen zu ernähren. Das beeinträchtigt die Schulleistung der Kinder. Da sich die Eltern in diesen Familien auch sonst wenig um die Kinder kümmern […] sammeln sich bei diesen Kindern häufig Entwicklungsdefizite an, mit der Folge, dass sie in der Schule zurückbleiben.[15]

Sarrazin empfindet die deutschen Sozialleistungen als zu hoch.[16] Weiterhin stellt er fest, dass Transferempfänger mehr Kinder „produzieren“, als andere, da sich die Grundsicherung pro Kind um 322 Euro erhöht.[17] Er postuliert, dass ohne die deutschen Sozialleistungen ein großer Teil der Migranten niemals nach Deutschland gekommen wäre. Er sagt, dass Migranten aus islamischen Ländern mit der Grundsicherung einen aus ihrer Sicht beispiellos hohen Lebensstandard hätten:

Das befreit sie von der Notwendigkeit, ihren traditionellen Lebensstil zu ändern, sich um Spracherwerb und Arbeit zu bemühen und ihren Frauen mehr abendländische Freiheiten zuzugestehen. So führt ein gerader Weg von der Grundsicherung zu den Parallelgesellschaften der islamischen Migranten.[18]

Durch die – laut Sarrazin – zu hohe Grundsicherung in Deutschland, wird der Anreiz zu arbeiten seiner Meinung nach sehr gering.[19]

Zum Thema Bildung weist Sarrazin auf die internationale Vergleichsstudie ‚ PISA ’ von 2006 hin, und erläutert anhand der Ergebnisse in den Bereichen Lesekompetenz und Mathematische Kompetenz, in denen Korea und Finnland gute Ergebnisse erzielen, Deutschland sich im OECD -Durchschnitt befindet und die Türkei den vorletzten Platz belegt[20], dass Leistungsunterschiede „offenbar weitgehend auf angeborene Unterschiede in der Bildungsfähigkeit zurückzuführen [sind], anders ist ihre Stabilität bei völlig unterschiedlichen Schulsystemen nicht zu erklären.“[21]

Sarrazin schreibt weiterhin über Migration und Integration und macht deutlich, dass Muslime einem fremden kulturellen und religiösen Einfluss unterliegen, „den wir nicht überblicken und schon gar nicht steuern können“.[22] Er spricht von dem Begriff der „Islamophobie“ und sagt, dass dieser „gerne in einem Atemzug mit ‚Rassismus’ und ‚Antisemitismus’ genannt wird. Allerdings verkennt dieser Vergleich, dass Antisemitismus auf „hysterischen Ängsten, Erfindungen, Projektionen und Neidgefühlen“[23] beruht, die „Islamophobie“ aber nicht, so Sarrazin: „Terroranschläge, die Ehrenmorde, das Wüten der Taliban, die Kinderehen in Saudi-Arabien, die Steinigung von Ehebrecherinnen und das Aufhängen von Homosexuellen, das alles sind Realitäten.“[24] Er spekuliert im Folgenden über Erbfaktoren, die Schuld für das Versagen von Migranten im Schulsystem sein könnten: „Ganze Clans haben eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend viele Behinderungen. Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter den türkischen und kurdischen Migranten weit überdurchschnittlich ist.“[25] Für Sarrazin ist die Unterschicht genetisch bedingt dümmer als die Oberschicht. Im Unterkapitel „Was tun?“ fasst er zusammen, was der Tenor in Deutschland sein müsste:

Wer da ist und einen legalen Aufenthaltsstatus hat, ist willkommen. Aber wir erwarten von euch, dass ihr die Sprache lernt, dass ihr euren Lebensunterhalt mit Arbeit verdient, dass ihr Bildungsehrgeiz für eure Kinder habt, dass ihr euch an die Sitten und Gebräuche Deutschlands anpasst und dass ihr mit der Zeit Deutsche werdet - wenn nicht ihr, dann spätestens eure Kinder. Wenn ihr muslimischen Glaubens seid, o.k. Damit habt ihr dieselben Rechte und Pflichten wie heidnische, evangelische oder katholische Deutsche. Aber wir wollen keine nationalen Minderheiten. Wer Türke oder Araber bleiben will und dies auch für seine Kinder möchte, der ist in seinem Herkunftsland besser aufgehoben. Und wer vor allem an den Segnungen des deutschen Sozialstaats interessiert ist, der ist bei uns schon gar nicht willkommen.[26]

2.2 Die Kontroverse um Thilo Sarrazin

Dem Erscheinen des Buches „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ gehen bereits einige Ereignisse voraus, die im Verlauf des folgenden Kapitels 2.2.1 chronologisch dargestellt werden sollen. Nach der Veröffentlichung des Buches hat dieses eine Debatte enormen Ausmaßes entfacht. Dieser Debattenverlauf wird in Kapitel 2.2.2 ebenfalls chronologisch dargestellt und zeigt die Vielzahl an Stimmen zu Sarrazins Buch. Die Position Klaus von Dohnanyis wird in Kapitel 2.3 offengelegt und ist wichtig für die Analyse der Debatte in Kapitel 2.4.

2.2.1 Das Lettre International- Interview und seine Folgen

Schon während seiner Amtszeit als Berliner Finanzsenator wurde Sarrazin für seine Äußerungen zu Hartz-IV-Empfängern, die unter den steigenden Energiepreisen litten – sie sollten sich doch lieber einen dicken Pullover anziehen – kritisiert.[27]

Am 30. September 2009 erscheint in der Berliner Kulturzeitschrift Lettre International ein Interview mit Thilo Sarrazin, das in den Kontext der Kontroverse um das Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ einzuordnen ist. In diesem Interview übt er scharfe Kritik an der mangelnden Integrationsbereitschaft von türkischen und arabischen Migranten und gerät in den Fokus der Medien:

Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin. Viele von ihnen wollen keine Integration, sondern ihren Stiefel leben. Zudem pflegen sie eine Mentalität, die als gesamtstaatliche Mentalität aggressiv und atavistisch ist.[28]

Auf dieses Interview hin titelt die Zeitung BILD: „Sarrazin ‚beleidigt Türken’“[29] und auch die Tageszeitung taz, die Berliner Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, die Berliner Morgenpost; Frankfurter Rundschau und DIE ZEIT gingen mit Sarrazin hart ins Gericht. Binnen weniger Tage war das Bundesbankvorstandsmitglied Sarrazin als „Rassist“ und „Ausländerfeind“ ausgemacht und als „geistiger Brandstifter“ und „Wegbereiter rechter Gewalt“ gebrandmarkt. Die BILD ändert allerdings ihren Kurs und stellt sich hinter Sarrazin, als die Zeitung WELT und WELT online, FOCUS, Volker Zastrow in der FAZ, Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel und die Publizisten Ralph Giordano und Henryk M. Broder ihm ebenfalls zur Seite springen.[30] Henkel beispielsweise sagt im Deutschlandfunk -Interview, dass Sarrazin ihm aus dem Herzen spreche. Er habe differenziert gesprochen und Lösungsvorschläge gemacht, nur seien die wiedergegebenen Zitate verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen. Der Umgang mit Sarrazin sei seiner Meinung nach ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit.[31] Doch Axel Weber forderte Sarrazin da bereits zum Rücktritt aus der Bundesbank auf.[32] Ebenso werden erste Forderungen zum Rücktritt aus der SPD laut.[33] Am 9. Oktober 2009 veröffentlicht die BILD am Sonntag eine Emnid -Umfrage nach der 51 Prozent der Befragten Thilo Sarrazin zustimmen.[34] Am 13. Oktober beginnt die Kampagne um Thilo Sarrazin im Zuge des Lettre -Interviews abzuebben.[35]

Nach wochenlanger Stille um seine Person äußert sich Sarrazin Ende November wieder in der Öffentlichkeit zur Schweizer Volksabstimmung über ein Bauverbot für Minarette. Das Ergebnis zeige, „dass in der Tiefe der Gesellschaft anders gedacht wird, als die politische Klasse und die Mehrheit der Medien glauben wollen.“[36] Am 15. März 2010 lehnt die Landesschiedskommission der Berliner SPD den Ausschluss Sarrazins aus der Partei ab.[37] Das Erscheinen des Buches „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“, wird am 6. Mai 2010 für den 30. August 2010 angekündigt.[38] Bei einer Veranstaltung am 10. Juni 2010 in Hessen, warnt Sarrazin davor, dass Deutschland aufgrund von Immigranten aus „der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten sowie Afrika […] auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer“[39] werde. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnet seine Aussagen daraufhin in der BILD am Sonntag als „dumm und nicht weiterführend“.[40] Es folgen Strafanzeigen wegen Volksverhetzung bei den Staatsanwaltschaften in Darmstadt und Berlin.[41]

2.2.2 Die Debatte um das Buch

Am 23. August veröffentlichen die Zeitungen SPIEGEL und BILD erste Auszüge aus Thilo Sarrazins Buch,[42] woraufhin eine Welle der Entrüstung durch die Medien geht.[43] Der Berliner Landeschef der SPD, Michael Müller, bezeichnet Sarrazins Äußerungen im Tagesspiegel als „absurde Ergüsse“ und „menschenverachtend“[44]. Der Interkulturelle Rat in Deutschland hält Sarrazin vor, dass er sich „zum Fürsprecher rechtsextremistischer Parteien und Bewegungen“ gemacht habe. Es sei eine Schande für die Bundesbank, „einen Rassisten im Vorstand zu haben“.[45] SPD -Chef Sigmar Gabiel bezeichnet Sarrazins Aussagen teilweise als „dämlich“ und seine Sprache „gewalttätig“.[46] Maria Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, wirft Sarrazin „pauschale Polemik gegen muslimische Migranten“ vor, die „diffamierend und verletzend sei“, Volker Beck, parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, spricht von „Hasstiraden“.[47] Laut Regierungssprecher Steffen Seibert seien Sarrazins Äußerungen „überhaupt nicht hilfreich“ dafür, dass man bei der „großen nationalen Aufgabe“ der Integration vorankommt.[48] Der innenpolitische Sprecher der CDU Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Robin Juhnke, und der stellvertretende Vorsitzende der CDU -Fraktion im hessischen Landtag , Hans-Jürgen Irmer, sind zwei der ersten Politiker, die eine Diskussion über Sarrazins Aussagen fordern und ihn verteidigen.[49]

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger findet Thilo Sarrazins Äußerungen unerträglich, sie betont: „Auf die Liberalität und Offenheit unserer Gesellschaft können wir stolz sein.“[50] Hans-Olaf Henkel steht Sarrazin auch schon wie nach dem Lettre -Interview bei: „Da wird wieder einmal in typischer Art und Weise auf den Überbringer der schlechten Nachricht eingeprügelt.“[51] Man könne einige seiner Äußerungen zwar kritisieren, aber ihm auch dankbar sein, dass er gewisse Themen aufgreift. Der Publizist Udo Ulfkotte sieht es genauso. Man müsse endlich offen darüber sprechen, dass im deutschen Sozialsystem durch Einwanderung bis 2007 ein Minus von mehr als einer Billion Euro entstanden ist, so Ulfkotte in der Leipziger Volkszeitung.[52] Allein im Jahr 2007 kostete Migration den deutschen Staat 77,62 Milliarden Euro.[53]

[...]


[1] Vgl. Der Fall Sarrazin. Eine Analyse, hg. vom Institut für Staatspolitik, 4. aktualisierte Auflage, Albersroda 2010, S. 31.

[2] Sarrazin. Eine deutsche Debatte, hg. von der Deutschlandstiftung Integration, München 2010.

[3] Sarrazin lesen. Was steckt in Deutschland schafft sich ab?, hg. vom Institut für Staatspolitik, Albersroda 2010.

[4] Der Fall Sarrazin. Eine Analyse, hg. vom Institut für Staatspolitik, 4. aktualisierte Auflage, Albersroda 2010.

[5] Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation, hg. von Frank Schirrmacher, Frankfurt/M. 1999.

[6] Geistige Brandstiftung? Die Walser-Bubis Debatte, hg. von Gerd Wiegel/Johannes Klotz, Köln 1999.

[7] Brumlik, Micha/Funke, Hajo/Rensmann, Lars: Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik, Berlin 1999.

[8] Sarrazin. Eine deutsche Debatte, hg. von der Deutschlandstiftung Integration, München 2010, S. 9.

[9] Vgl. Der Fall Sarrazin. Eine Analyse, hg. vom Institut für Staatspolitik, 4. aktualisierte Auflage, Albersroda 2010, S. 7. Im Folgenden nur noch „Der Fall Sarrazin“ genannt.

[10] Vgl. Sarrazin, Thilo: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München 2010, S. 8.

[11] Sarrazin (2010), S. 53.

[12] Sarrazin (2010), S. 123.

[13] Zitiert aus: Sarrazin (2010), S. 122.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Vgl. Sarrazin (2010), S. 148.

[17] Vgl. Sarrazin (2010), S. 149.

[18] Sarrazin (2010), S. 150.

[19] Vgl. Sarrazin (2010), S. 166

[20] Vgl. Sarrazin (2010), S. 210 ff.

[21] Sarrazin (2010), S. 213.

[22] Sarrazin (2010), S. 277.

[23] Sarrazin (2010), S. 278.

[24] Sarrazin (2010), S. 278 f.

[25] Sarrazin (2010), S. 316.

[26] Sarrazin (2010), S. 326.

[27] http://www.rp-online.de/politik/deutschland/Der-geschickte-Selbstvermarkter_aid_898150.html Stand: 20.03.2011.

[28] Zitiert aus: Sarrazin lesen (2010), S. 2.

[29] Vgl. Der Fall Sarrazin (2010), S. 8.

[30] Vgl. Sarrazin lesen (2010), S. 2.

[31] Vgl. Der Fall Sarrazin (2010), S. 17.

[32] Vgl. Der Fall Sarrazin (2010), S. 12.

[33] Vgl. Der Fall Sarrazin (2010), S. 11.

[34] Ebd.

[35] Ebd.

[36] Zitiert aus: Sarrazin lesen (2010), S. 2.

[37] Vgl. Sarrazin lesen (2010), S. 3.

[38] Ebd.

[39] Zitiert aus: Sarrazin lesen (2010), S. 3.

[40] Ebd.

[41] Ebd.

[42] Ebd.

[43] Ebd.

[44] Ebd.

[45] Zitiert aus: Sarrazin lesen (2010), S. 3.

[46] Zitiert aus: Sarrazin lesen (2010), S. 3.

[47] Ebd.

[48] Ebd.

[49] Vgl. Sarrazin lesen (2010), S. 3f.

[50] Zitiert aus: Sarrazin lesen (2010), S. 4.

[51] Ebd.

[52] Vgl. Sarrazin lesen (2010), S. 4.

[53] http://www.deutsche-stimme.de/ds/?p=786 Stand: 25.03.2011.

Details

Seiten
31
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640936533
ISBN (Buch)
9783640936823
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173462
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,7
Schlagworte
Sarrazin Walser Friedenspreisrede Migration Debatte Feuilleton Thilo Sarrazin Martin Walser Deutschland schafft sich ab Meinungsfreiheit Öffentlichkeit Medien Literatur Mediokratie SPD Nationalsozialismus Holocaust Gesellschaft Wie wir unser Land aufs Spiel setzen

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Titel: Kontrovers diskutiert: Thilo Sarrazin und Martin Walser - Zwei Feuilleton-Debatten im Vergleich