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Bewußtsein, Identität und Gewalt

Der Zusammenhang zwischen den Voraussetzungen individueller Wahrnehmung, der persönlichen Identität und der gesellschaftlichen Entwicklung

Essay 2011 255 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhalt

Einfuhrung

1. EinzelnePhanomeneundFragestellung
1.1 Intention
1.2 Lebenswelt
1.3 Paradoxie der Selbsthervorbringung
1.4 Wirkzusammenhangerschliefien
1.5 AlltagsbewufitseinalsMafistab
1.6 SprachealsselbstverfangeneWirklichkeitsbehauptung
1.7 Menschenbilder

2. Theorieentwicklung
2.1 Axiome
2.2 Potentielles
2.3 Bewufitseinstheorie
2.4 Identitatstheorie
2.5 Identitatsmarkt ist Gewaltmarkt
2.5.1 Exkurs: Gewalttheorien
2.5.1.1 Die Begrundung der strukturellen Gewalt...
2.5.1.2 Gewaltentstehungstheorien
2.5.2 Identitatserweiterungen analog zum Potentiellen transformieren identitatskonstitutiv entstehende Gewalt

3. BelegefurdieGultigkeitderTheorieinderLebenswelt
3.1 Allegorisches - Lebensweltliches als Bewufitseinsanaloges
3.1.1 Normatives
3.1.2 Religioses
3.1.2.1 Exkurs:Judisch-chassidisch beeinflufite Christologie
3.1.3 Systematisierung des Allegorischen fuhrt zur Wissenschaft
3.2 Wissenschaftliches
3.2.1 Hirnforschung
3.2.1.1 Exkurs: Mind Mapping als Modell des Kognitiven und Psychischen
3.2.1.2 Selbstorganisation des Gehirns entspricht Projektion des Potentiellen in lebensweltlich Sinnhaftes
3.2.2 Kunstliche Intelligenz
3.2.3 Erziehungswissenschaft- Identitatsentwicklung an Schulen
3.2.3.1 Exkurs:TheorienschulischerGewalt
3.2.3.2 Zwanzig Thesen zur schulischen Interaktion - ein Vorschlag fur ein Gesamtverstandnis

4. Ergebnisse

I. Abstract

II. Methode

III. Vorgehensweise

IV. Wirkzusammenhang

V. Strategien

VI. Interaktionsbeispiele

VII. UbertragbarkeitderErgebnisse

5. VisualisierungderBewufttseinsintention

6. Literatur

Einfuhrung

Medien vermitteln sich widersprechende Menschenbilder und Ide- ale. Die Willensfreiheit des Menschen wird unterstellt und zugleich bestritten. Religiose Erfahrungen gelten als essentiell und irratio­nal. Es werden gewaltfreie Diskurse eingefordert, obwohl sie nach den Theorien ihrer Verfechter in der Realitat gar nicht vorkommen konnen. Einige meinen, mit der Tabuisierung bestimmter Begriffe und Probleme die offentliche Meinung steuern zu konnen, und dafi sich die gesellschaftliche Wirklichkeit durch die Nichtbeachtung von Tatsachen andert - gleichzeitig werden Relativismus und eine nicht naher erlauterte Ganzheitlichkeit vorgeschlagen. Paradoxes, die Begrundung der Begrundungsunmoglichkeit, gilt als Weisheit; auch die Nachricht und der Kommentar werden in deutschen Me­dien oft bedenkenlos vermischt.

Diese Konfusion und Irrationalitat in der offentlichen Debatte ent- spricht der desolaten ideengeschichtlichen Situation. Die vom Spat- mittelalter bis in das 20. Jh. entwickelte Idee der Ruckfuhrung des Religiosen in das Private und die damit einhergehende Betonung einer neutralen, dem Religiosen gegenuberstehenden Vernunft sind heute unglaubwurdig. Mit der menschlichen Vernunft begrundete Ordnungen erwiesen sich immer wieder als gewalthaltig und ir­rational, menschliche Interaktion wird deshalb heute oft als ver- nunftloses Konstrukt bzw. als Struktur oder als blofie Macht und Gewalt verstanden. In Europa glauben einige, dafi das Denken selbst gescheitert und die Vernunft tot sei. Selbst zweckorientierte Leitbilder bleiben diffus, weil Zweckorientierung ein eigentliches Ziel des Menschen voraussetzt, das bisher nicht ausformuliert wur- de. Anstatt einer Theorie der Moderne gibt es nur Spekulationen daruber.

Auch die politische Realitat scheint unauflosbar. Zwar sind Men- schenrechte die Grundlage entwickelter Staaten, jedoch gelten sie als theoretisch unbegrundbar und als lediglich politisch durchge- setzt.[1] Dies hat weltpolitische Folgen, weil problematische, Gewalt verursachende Weltanschauungen nur mit klaren Kriterien beur- teilt und uberwunden werden konnen, und die Befriedung und Entwicklung der Welt nicht gelingen konnen mit Wertvorstellun- gen, die theoretisch gar nicht darstellbar sind.

Aufgrund unterschiedlicher Wertvorstellungen fuhren die Frei- heit des Gewissens und die Durchfuhrung freier Wahlen in isla- mischen Landern nicht in die pluralistische Demokratie mit star- ken Zivilgesellschaften, sondern zur Errichtung religios totalitarer Regime.[2] Die Destabilisierung wird auch im Westen grofier, weil fur die durch die wirtschaftliche Strukturanpassung verursachten sozialpolitischen Herausforderungen zunehmend die intellektuel- len und materiellen Ressourcen fehlen. Die ideologische Misere der westlichen Welt wird andauern, weil ihre Vorstellungen Jahrhun- derte alt sind und Weiterentwicklungen fehlen - auch dem Terror religioser Eiferer hat der Westen weltanschaulich nichts entgegen- zusetzen, weil sein Selbstverstandnis nicht begrundet ist.

Fur die individuelle Entscheidungsfindung, bei der Ausgestaltung von Institutionen und fur die Strategieentwicklung in Wirtschafts- unternehmen ist ein Verstandnis erforderlich, das rationaler und weit weniger widerspruchlich als die erwahnten Vorstellungen ist. Die bewufite aktive Gestaltung der Zukunft bedarf der Offenle- gung der unabhangig von wechselnden Diskursmoden[3] geltenden Wirkzusammenhange des Menschlichen, die ein Gesamtverstand- nis erlauben, aus dem die Menschenrechte ebenso verstandlich ab- geleitet werden konnen wie die Ursachen des interaktionellen Ge- schehens.

Die heute mit dem »Verschwinden der Vernunft« einhergehende Irritation kann mittels einer genauen Bestimmung der menschli­chen Intention begegnet werden, die eine Unterscheidung der for- derlichen Interaktion und der diversen Gewaltformen gestattet. Das vom Menschen Gewollte ist aus seinen Handlungen ableitbar, die Regeln gehorchen mussen, weil andernfalls ein Uberleben gar nicht moglich ware. So wie die Gesetze der Physik auch ohne ihre explizite Kenntnis galten und sich der Mensch schon immer nach ihnen richtete, so beweist die Fahigkeit des Menschen, eine das Selbst konstituierende komplexe Interaktion immer wieder neu auszubilden, zeitunabhangige Regelmafiigkeiten und damit eine Gesetzmafiigkeit, die ermittelt und ausformuliert werden kann.

Nur das reine Vorstellungsvermogen des Menschen mufi die in der menschlichen Existenz angelegten Gesetze nicht beachten, sondern kann den Menschen auch als sinnlos phantasieren. Der Mensch im Lebensvollzug kann dies dagegen nicht, weil es dem Menschen im Leben um Bestimmtes gehen mufi, dem er sich nicht entziehen kann. Lebenssinn, Vernunft und letztbegrundbare Nor- men mussen in der sich verandernden Lebenswirklichkeit aus dem Konstanten, das in der Veranderung bleibt, nachweisbar sein und gepruft werden konnen. Demnach mufi das fur die Ausformulie- rung eines Gesamtverstandnisses Erforderliche, das auch mit den Resultaten der Wissenschaft zu vergleichen und zu beweisen ist, in der Lebenspraxis enthalten sein. Nicht vorgefafite Annahmen, sondern Handlungen und Gefuhle indizieren das vom Menschen Gewollte. Im folgenden wird von Allgemeinerfahrungen ausge- hend ein dies berucksichtigendes Gesamtverstandnis erlautert.

i. Einzelne Phanomene und Fragestellung

i.i Intention

Menschen sorgen sich lebenslang um ihr Dasein und ihr Seins- verstandnis.[4] Bestimmte Themen beschaftigen sie. Es geht dem Menschen um Sinnhaftigkeit, um Lebensvollzug und Selbstent- sprechung - bezogen auf das individuelle Leben sind dies Wirklich- keitswahrnehmung, Daseinsbewaltigung und ein menschenwurdi- ges Leben. Diese Intentionen sind an das Bewufitsein gebunden, an die einzige Verbindung zwischen der Welt und dem einzelnen Menschen.

i.2 Lebenswelt

Welt wird nur als individuelle Lebenswelt gewahr. Wirklichkeit kann nur fiktiv in den Gehirnen individuell vorgestellt sein. Selbst der Mitmensch ist genau genommen ein neurogener Zustand, ei- ne Liktion des Gehirns, weil jede individuelle Realitat lediglich in Lorm von Synopsenbindungen im Gehirn erinnert und bewufit sein kann.

Trotzdem werden von Individuen innerhalb ihrer blofi vorge- stellten, virtuellen Lebenswelt interaktionell Gemeinschaften kre- iert, die auf die Wirklichkeit der menschlichen Welt Einflufi neh- men, und das menschliche Wollen wird durch bestimmte, immer wiederkehrende Themen des Bewufitseins erkennbar, die bei jedem Menschen mit Gefuhlen der Sorge, des Anspruchs oder des Versa- gens verbunden sind.

Es gibt demnach zwei Bereiche, die erkannt und vermittelt wer­den mussen, namlich die aufieren Gegebenheiten der jeweiligen Lebenswelt und die offenbar bewufitseinskonstitutiv von Anfang an vorhandene innere Sinnhaftigkeit des menschlichen Lebens, die als individuelle Ambitionen bzw. Themen des Bewufitseins lebens- weltlich das Potentielle des Menschen und seine eigentliche Inten­tion offenbart.

i.3 Paradoxie der Selbsthervorbringung

Interaktionell entstehende Wirklichkeit bleibt fur das Indivi- duum weitgehend unkontrollierbar, obwohl sich die aufieren strukturellen Gegebenheiten der Lebenswelt nur aufgrund in- dividueller Intentionen und Aktionen bilden und individuelles Potentielles nur dann umgesetzt werden kann, wenn es an diese aufieren strukturellen Vorgaben angepafit ist.[5] Eine Theorie, die das durch Menschen gestaltete aufiere Strukturelle, das nur durch die lebensweltliche Umsetzung der inneren, bewufitseinskon- stitutiven Bedingungen entstehen kann, und das pradisponierte Potentielle, das in seiner Umsetzung durch Aufieres strukturiert wird, verbindet, wurde eine gezieltere Ausgestaltung strukturel- ler Gegebenheiten erlauben und helfen, Gesellschaften durch eine verbesserte Umsetzung des individuellen Potentiellen effektiver zu machen.[6]

Eine diese Fragestellung betreffende Analyse und Theoriebil- dung ist in drei Banden vorgesehen. Im vorliegenden Band werden einige Voraussetzungen erlautert, wird die Theorie in einer ersten Annaherung entwickelt und werden erste lebensweltliche Bele- ge vorgetragen. Im zweiten Buch wird die Geschichte der Ideen mit den dargelegten Vorstellungen verglichen. In einem dritten Band soil gepruft werden, in welcher Weise jedwede menschliche Aufierung mit den aufgrund der Analyse als gesetzmafiig ange- nommenen Wirkzusammenhangen in Verbindung gebracht wer­den kann.

1.4 Wirkzusammenhang erschliefcen

Weder die Grammatik einer Sprache und die aus ihren Formalien ableitbaren Geltungsanspruche von Satzaussagen[7] noch Begriffe oder Diskurse bestimmen ein Individuum, sondern die Umset- zungschancen des individuellen Potentiellen innerhalb der jeweils erlebten Interaktion und Gemeinschaft. Nur Individuen konnen etwas zur Kenntnis nehmen und in eine vorgestellte Wirklichkeit einwirken, weil nur sie Welt als Lebenswelt wahrnehmen. Demzu- folge konnen die bei Interaktionen relevanten Wirkzusammenhan- ge nur im individuellen Bewufitsein begrundet sein, weil es aufier- halb dessen gar nichts geben kann.[8]

Das Verhaltnis zwischen individueller Intention, die interaktiv und additiv die Ausgestaltung aufierer Strukturen (einschliefilich wechselnder Diskursmoden) hervorbringt, und der jeweiligen Umsetzung des individuellen Potentiellen innerhalb lebensweltlich vorgefundener Strukturen kann nicht durch die Beschreibung von Aufierlichkeiten verstanden werden, sondern nur durch die Gene- rierung der darin enthaltenen sinnhaften Inhaltlichkeit. Nicht Begriffe oder das aktuell Gesagte verdeutlichen das vom Menschen Angestrebte, das eigentlich Gemeinte, sondern die lebensweltli- chen Handlungen von Individuen insgesamt.[9]

1.5 AlltagsbewuGtsein als MaGstab

Eine Interaktions- oder Gesellschaftstheorie, die zugleich das durch Individuen indirekt entstehende aufiere systemische Strukturelle und das individuell innerlich Intendierte ein- schliefit, kann nicht von festgelegten Vorannahmen, sondern mufi vom Alltagsbewufitsein ausgehen, weil sich in der Alltag- lichkeit der Lebenswelt beide Bereiche vollstandig uberlagern.[10]

Nur das Alltagsdenken des Menschen - dies sind die Themen des menschlichen Bewufitseins - kann Anhaltspunkte fur ein Gesamtverstandnis dieser sich gegenseitig bedingenden Bereiche geben. Es mussen jene Phanomene gefunden werden, die in alien Teilaspekten der lebensweltlichen Wirklichkeit identische Mu­ster aufweisen, weil diese durch die gesuchten Intentionen verur- sacht werden.[11] Inhaltliche Uberschneidungen bei der im folgen- den durchgefuhrten Analyse sind demnach kein Widerspruch, sondern der Beweis, dafi eine die Interferenzen, die gegenseitigen Wirkuberlagerungen, berucksichtigende Formulierungsvariante des gesuchten Gesamtzusammenhangs erarbeitet wurde, der in seiner Gesamtheit nur durch mehrfaches Durchdringen vermit- telt werden kann.[12]

i.6 Sprache als selbstverfangene Wirklichkeitsbehauptung

Die Wirkzusammenhange des Menschlichen, die begrifflich schwer zu fassen sind, konnen in sehr unterschiedlicher Weise ausgedruckt werden. Jede Wortwahl verandert die Bezuge und suggeriert eine Genauigkeit, die die Willkur der Begriffswahl vergessen lassen. Dieselben Inhalte liefien sich mit anderen Begriffen und Metaphern ebenso deutlich darstellen.

Die Eingangigkeit einer Argumentation ist immer zeitbedingt, weil sie vom Vorverstandnis bzw. den jeweiligen ideengeschichtli- chen und diskursbedingten Konventionen abhangt. Deswegen mufi bezuglich des vorliegenden Textes von vorschnellen Zuordnungen abgesehen werden, und Geduld ist erforderlich, um das Gemeinte zu erschliefien.

i.7 Menschenbilder

Zu alien Zeiten wurden Menschenbilder entwickelt, die ein Ge- samtverstandnis offerierten, das im jeweiligen Kontext verstand- lich und glaubwurdig war.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Thomas von Aquin (1225-1274) stellte den Menschen als zwischen Tier und Engel stehend dar und machte dadurch in der religiosen Sprache seiner Zeit deutlich, dafi Menschen dem zeitlich Korperli- chen und irdisch Muhseligen verhaftet sind und zugleich das Ver- mogen des ewigen Geistes in sich tragen. Diese Theologie betont die individuelle Erfahrung eines uber die Zeitlichkeit hinausgehen- den und Sinn stiftenden Wissens. Jedoch wird die Notwendigkeit der bewufiten interaktionell abgestimmten Ausgestaltung der Welt mit dieser Lehre nicht deutlich.

Fur Thomas von Aquin war die Vernunft noch ein hilfreiches Mittel, Gott und den Glauben zu beweisen. Im Gegensatz dazu fafite Martin Luther (1483-1546) den Glauben selbst als Gna- de auf, als Rechtfertigung des Sunders, der, wenn er die Gnade des Glaubens erfahren hat, er an Jesus und die Lehre der Kir- che glaubt, Heil erlangen kann - nach Luther ist der Christ nicht auch durch intellektuelles Muhen oder Werke gerechtfertigt, wie z. B. Anselm von Canterbury (1033-1109) und Pelagius (gest. 422) lehrten, sondern ausschliefilich durch die individuell von Gott geschenkte Gnade des Glaubens. In der Folge wurden Glaube und Vernunft als Gegensatz verstanden, weil die Gnade des Glaubens reines Gottesgeschenk sein muE, die nicht aufgrund rationaler, von Menschen erdachter Grunde entstehen kann. S0ren Kierkega­ard (1813-1855) radikalisierte den unter anderen von Luther in der Form der Trennung von religiosem Glauben und Vernunft wieder eingefuhrten gnostischen Dualismus.[13] Fur ihn waren die Absur- ditat, die Unvernunftigkeit und Unbegrundbarkeit des Glaubens die Voraussetzung fur Gnade.[14]

Ohne die Aufhebung des Dualismus von Glauben und Vernunft ist auch die Wissenschaft - zumindest theoretisch - Hokuspokus. Die Annahme, dafi Religioses unvernunftig und somit unverstand- lich sein musse, negiert jede Vorstellung einer rational wahrnehm- baren Welt, weil Religioses das Gesamtverstandnis thematisiert und Wissenschaft kein Gesamtverstandnis bieten kann, das nicht ebenfalls religios ware.[15] Bis heute ist die dualistische Vorstellung der Gegensatzlichkeit von Glauben und Vernunft in der westlichen Welt ideengeschichtlich wirksam.

Ganz in der Sprache der gegenwartigen Zeit sind technisierte Vorstellungen vom Menschen. Ein wie ein Computer gedachter Mensch ist bezuglich des Inputs (Sinneseindrucke) und der Hard­ware (Gehirn) nicht vollumfanglich bestimmbar, weswegen eine Berechenbarkeit unmoglich bleibt. Auch dies ist eine zutreffende allegorische Beschreibung des Menschen und deshalb eine wahre Aussage, die jedoch in der bewufiten und interaktiv auszugestal- tenden Lebenswelt keine Orientierung gibt, sondern fatalistische Haltungen nahelegt, weil in diesem Modell kein Subjekt, keine Freiheit und keine Verantwortung erkennbar sind.

Die auf den Menschen ruckubertragene Vorstellung einer beseel- ten Maschine ist zudem animistisch[16] - der grofite technische und wissenschaftliche Fortschritt korrespondiert bezeichnenderweise ideengeschichtlich mit der Urform des religiosen Empfindens, dem Animismus, dem jedes Kind anhangt.[17]

Jedes ernsthaft entwickelte Menschenbild ist richtig, weil es die kontextuellen Bezuge der jeweiligen Lebenswelt berucksichtigt und dadurch mit dem Menschen zu tun hat und Plausibilitat be- sitzt.

Es ist deshalb nicht zu fragen, welches Menschenbild wahr ist, sondern wie umfassend es ist, d.h. inwieweit es die reale Lebens­welt verstandlich macht und eine dem Menschen gemafiere Ent- wicklung begunstigt. Deshalb wird im folgenden ein ganz ande- res Modell begrundet, das die Lebenswelt, die darin entstehenden Bedurfnisse und die sich dadurch bildende Identitat als Resultat eines Potentiellen versteht.

2. Theorieentwicklung

Es werden insgesamt vier Axiome eingefuhrt, die aus dem indi- viduellen Erleben abgeleitet sind und die jedermann uberprufen kann, weil ihre Implikationen alltagliche Erfahrung sein mussen. Die anschliefiend folgende Argumentation und Theoriebildung sind vollstandig auf diesen Axiomen aufgebaut.

2.1 Axiome

Erstes Axiom: Sinnhaftigkeit Individuen denken Sinnhaftes und zwar bezogen auf die von ihnen wahrgenommene Welt und die Wirksamkeit ihrer Handlungen. Sie erwarten Kausalitat in ihrer Lebenswelt, und sie wollen, dafi der Effekt ihrer Handlungen mit der Handlungsabsicht zusammen- hangt. Das lebensweltlich unterstellte Sinnhafte bezieht sich auch auf das Individuum, der Mensch erlebt sich als berechtigt, weil die Wahrnehmung des Selbst an die Wahrnehmung der Welt gebunden ist und die Vorstellung einer sinnhaften Welt das die Sinnhaftigkeit denkende Bewufitsein einschliefit.

Dies bedeutet, dafi mit dem menschlichen Bewufitsein und der Wahrnehmung von Welt zugleich auch ein konkreter Sinn des jeweiligen Lebens unmittelbar empfunden wird. Die individuell immer erlebte Ausrichtung auf die Wahrnehmung von Sinnhaf- tem wird als Gewifiheit oder Zweifel, als Selbstverstandnis oder Suche, als Befindlichkeit, Stimmung und Gefuhl oder als Sorge bewufit. Selbst in der Verzweiflung oder im Versagen wird Sinn mitgedacht, denn ohne ihn waren diese Gefuhle, die Feststellung des Verlustes, der Nichtentsprechung, der Entfremdung oder Ver- fehlung, gar nicht moglich. Sogar das Erleben einer Sinnlosigkeit ist nicht ohne den fiktiv hinter dem Mangel unterstellten Sinn, nicht ohne ein konstitutiv vorhandenes Sinnhaftes vorstellbar. Erst die Bewufitlosigkeit unterbricht diese bewufitseinskonstitu- tive Intention.

Zweites Axiom: Gesellschaftlichkeit

Menschen leben sozial. Sie leben unmittelbar bezogen auf be- stimmte andere Menschen, fur eine fiktive Gemeinschaft, die nur indirekt erlebt werden kann, oder sie leisten einen Beitrag fur eine Zukunft, die nur uberindividuell Wirklichkeit werden wird. Sie beziehen sich in jedem Fall auf andere, selbst dann, wenn sie nichts mehr von ihnen wissen wollen. Der soziale Bezug beinhaltet das unmittelbare Miteinander eines gemeinschaftlichen Lebensvollzu- ges, die praktische Daseinsbewaltigung und die dabei stattfinden- de Interpretation der Welt einschliefilich der damit einhergehenden Wertvorstellungen.

Jeder Mensch, auch der Einsame oder Selbstgenugsame, will unter jeweils gegebenen Bedingungen Menschliches entwickeln und umsetzen, um sich als eigentlich zu empfinden. Der Mensch verweist stets auf ein fiktiv unterstelltes eigentlich Menschliches und dabei immer auch auf Mitmenschliches und Gesellschaftli- ches, und er versteht sich selbst diesbezuglich entweder als parti- ell exemplarisch vorbildlich, als defizitar und Suchender oder als tragisch verfangen und am Selbstvollzug gehindert. Die Intention sinnhafter Weltwahrnehmung konkretisiert sich im Zwischen- menschlichen und in der darin enthaltenen Vision des Menschli- chen. Gefuhle verdeutlichen sie und den Grad der jeweils erreich- ten Selbstentsprechung. In menschlichen Gemeinschaften wird die intentionale Sinnhaftigkeit inhaltlich und durch die Inszenierung einer Lebenswelt veraufierlicht.

Drittes Axiom: Lebensweltlichkeit

Das vom Menschen Wahrgenommene verandert sich mit der Be- deutung, die das Wahrgenomme fur ihn hat.[18] Menschen nehmen nicht unmittelbar wahr, sondern ordnen Bedeutungen ihrem Le­ben zu. Diese Zuordnungen erfolgen interaktiv, weil die Symbolik des Wahrzunehmenden kommunikativ ausgehandelt bzw. weiter- entwickelt und vermittelt wird.

Dies bedeutet, dafi die vom Menschen wahrgenommene Welt grundsatzlich von ihm konstruiert sein mufi und auch die sozialen Bezuge Vorstellungen sind, die sich aus gemeinsam ermittelten symbolischen Werten, der Bewertung der lebensweltlichen Wahr- nehmung, begrunden. Das Verstandnis der Welt und die Relation zu anderen Menschen verandern sich folglich durch Bedeutungen, die situativ biographisch und interaktiv chronologisch als Lebens- welt projiziert bzw. vereinbart werden konnten.

Viertes Axiom: Geschichtlichkeit

Zu alien Zeiten findet menschliches Leben innerhalb politischer Gegebenheiten statt, die als durch Menschen ausgestaltete struktu- relle bzw. systemische Bedingungen geschichtlich unmittelbar die Entwicklungsvoraussetzung des Individuums darstellen. Kultur, Tradition, die Moral der jeweiligen Offentlichkeit und das geltende Recht sind fur das Individuum Lebensbedingungen, mit denen es umzugehen hat. Neben der Beschaffenheit der naturlichen Umge- bung und der Abhangigkeit vom Korperlichen und Zeitlichen sind auch die ideengeschichtlich entstandenen kanonisierten Konstruk- tionsweisen der jeweils vorgestellten Wirklichkeit und etablierten Institutionen Daseinsbedingungen menschlicher Existenz.

Die Geschichtlichkeit ist die Folge der Sinnhaftigkeit des mensch- lichen Lebens, die individuell intuitiv bewufit ist und interaktionell in einer ganz bestimmten Weise umgesetzt stets gegeben ist. Die mit der Entstehung von Bewufitsein zusammenhangende Sinnhaf­tigkeit liegt in der Lebenswelt geschichtlich, d. h. in einer interaktiv unter Bezugnahme auf andere Menschen und Gemeinschaften in konkrete Wertvorstellungen und Lebenspraxis uberfuhrten Weise, immer schon vor.

2.2 Potentielles

Potentielles ist Voraussetzung

Das Potentielle ist das fur Menschen Mogliche und das mit dem Moglichen eigentlich Gewollte, das nur innerhalb der tatsachlichen Lebenswelt entwickelt und Realitat werden kann. Dementspre- chend hangen die biographische Entwicklung und das individuelle Selbstverstandnis, die Identitat, unmittelbar mit den lebensweltli- chen Bedingungen zusammen, die die Umsetzung des Potentiellen erlauben. Umgekehrt mufi auch die Identitat von Gemeinschaf- ten und politischen Gebilden durch individuelle Aneignung und Handlung Wirklichkeit geworden sein, weil auch sie nur aufgrund des dem Einzelmenschen verfugbaren Potentiellen ausgestaltet werden kann.

In dieser Beschreibung mussen alle lebensweltlich erfahrbaren Phanomene enthalten sein, weil weder eine individuelle Biographie noch die Geschichte von Staaten auf etwas anderem kumulierend aufgebaut sein kann als auf dem Potentiellen des Menschen. Die menschliche Lebenswelt wird als sinnhaft wahrgenommen, weil sie als individuelle Umsetzung des Potentiellen sinnhaft ist. Die Umsetzungsbedingungen des Potentiellen steuern die Interaktion und die individuelle Identitat.

Verfangenheit

Durch die Umsetzungsbedingungen der jeweiligen Lebenswelt wird die Ausgestaltung des Potentiellen in konkrete Identitat ver- anlafit. Das, was lebensweltlich geschieht, mufi zwar im individu- ellen Potentiellen angelegt sein, jedoch beeinflussen die aufieren Vorgaben die tatsachliche Umsetzung und interaktionelle Ent­wicklung.

Dies bedeutet, dafi dem Menschen seine eigenen Motive ver- borgen bleiben, er verfangen ist, weil das von ihm Gewollte, die Entwicklung des Potentiellen, durch die konkreten Formen der Umsetzung des Potentiellen, die sich durch Lebensweltliches bio- graphisch ergaben und individuell gewahlt wurden, ihm selbst verstellt bleibt. Die tatsachliche Ausformung des Potentiellen beeintrachtigt die Wahrnehmung des damit Gewollten.[19] Analoges gilt fur die Entwicklung von Gemeinschaften und ganzen Gesell- schaften. Das tatsachlichUmgesetzte des Potentiellen, die jeweilige Identitat, verstellt das Potentielle und verhindert damit ggf. eine eigentlich erhoffte Entwicklung bzw. die Auflosung vorhandener Widerspruche.

Dementsprechend sind nicht die lebensweltlich tatsachlich vorhan- denen Vorstellungen oder soziale Konstellationen fur die Feststel- lung des beim Menschen wirksamen Zusammenhangs mafigebend, sondern die hinter der vordergrundigen Realitat und den formulier- ten Anspruchen deutlich werdenden Intentionen, die sie verursacht haben. Nicht das Gesagte und anscheinend Geglaubte sind fur die Ermittlung des gesuchten Potentiellen essentiell, sondern die Hand- lungen insgesamt, die das letztlich Beabsichtigte verdeutlichen. Zwar istjede Identitat authentisch, weil sie das Ergebnis einer Umsetzung des Potentiellen in der jeweiligen Lebenswelt ist. Aber weil jede Identitat nur eine Erscheinungsform ist und mit dem ihr zugrun- deliegenden Potentiellen nicht gleichgesetzt werden kann, ist fur die Analyse des Menschlichen die Darstellung des Potentiellen selbst erforderlich. Nur das Potentielle des Menschen kann Aufschlufi uber die Grundlagen menschlicher Sinnfindung geben. Nur das Potenti­elle verdeutlicht den Wirkzusammenhang, das zeitlos Konstante als Grundlage der in der Zeit sich verandernden Erscheinungsformen der menschlichen Individuen und der Geschichte.

Diskurse

Die Feststellung des Potentiellen ist unmittelbar nicht moglich, weil im alltaglichen Diskurs nur die Auswirkungen, die Sinnkonstruk- tionen des Individuums, nicht aber die Ursache, das bewufitseins- konstitutiv Intendierte und eigentlich Gewollte, deutlich werden. Dieses verborgene, lediglich in seiner lebensweltlichen Umsetzung indirekt erscheinende Potentielle kann jedoch »reflexiv«, d.h. mit- tels der Rekonstruktion der bereits geschehenen lebensweltlichen Umsetzung des Potentiellen, nachgewiesen werden. Nicht eine si- tuativ vorgetragene Meinung ist mafigebend, weil sie zunachst le- diglich Ausdruck einer an die Lebenswelt angepafiten Umsetzung des individuellen Potentiellen ist, sondern die Wechselbeziehung der Gedanken, Erinnerungen, Gefuhle und Handlungen des Men- schen insgesamt. Nicht die einzelne, lebensweltlich verfangene individuelle Aussage, sondern die systematische Erschliefiung der Themen des menschlichen Bewufitseins offenbart die Struktur und ermoglicht die systematische Erfassung des Potentiellen.

Die Themen des Bewufitseins, die als lebensweltliche Umset­zung von Potentiellem fur jedes Individuum im Laufe seines Lebens essentiell werden und von ihm nach und nach abgearbeitet werden mussen, beinhalten das Gesuchte. Fur die Ermittlung des gesuchten Potentiellen bedarf es der Wissenschaft, weil nur sie mit bestimmten Verfahren zumindest zeitweise die Alltagsdiskurssi- tuation uberschreiten und dadurch die das Verstehen erschwerende Verfangenheit im Vordergrundigen aufheben kann.

Wissenschaft

Wissenschaft kann nichts Neues erfinden, sondern lediglich durch Reduktion und Prazisierung der Fragestellung auch schon vor ih- rer Entdeckung wirksame Zusammenhange besser beschreiben. Irrtumer und Paradigmenwechsel, die das zuvor fur wahr gehal- tene Vorlaufermodell widerlegen, zeigen, dafi selbstverstandlich auch die Wissenschaft der grundsatzlichen Verfangenheit des Men- schen in die Identitat konstituierende Alltagsdiskurse, bei Wissen- schaftlern in fachspezifische und wissenssoziologisch begrundete Einschrankungen, nicht entkommen kann und das Erkennen der eigentlichen Wirkzusammenhange schwierig bleibt.[20]

Der Wirkzusammenhang einer immer schon strukturiert vor- zufindenden Lebenswelt mufi jedoch unbedingt ermittelt werden, weil dies fur die Weiterentwicklung einer nach allgemeiner Auf- fassung in jeder Hinsicht komplexen Welt unerlafilich ist. Den gesuchten Wirkzusammenhang mufi es auch geben, und er kann systematisch aufgezeigt werden, weil der durch ihn verursachte Lebenssinn individuell immer empfunden wird, d.h. seine Exi- stenz eine anthropologische Konstante und ein allgemeingultiges psychologisches Phanomen ist. Auch wird die implizit vorhandene und fur das Verstandnis des Menschen relevante Struktur durch den Umstand bewiesen, dafi menschliches Leben Gemeinschaften, Kulturen, technische, wissenschaftliche und politische Entwick- lungen und Ordnungen hervorbringt, die ohne ein regelgeleitetes Verhalten des Menschen, dessen Gesetze grundsatzlich benennbar sein mussen, nicht moglich waren. Zwar differieren menschliche Sozialisationen, und sie werden begrifflich sehr unterschiedlich gefafit, jedoch bleiben Menschen in jedem Fall interaktionell beein- flufibar und agieren demzufolge aufgrund desselben Potentiellen bzw. derselben Intentionen und desselben Wirkzusammenhangs.

Wettbewerb

Unabhangig vom Erkenntnisinteresse ist die Ermittlung der Wirk- zusammenhange des Menschlichen heute auch deshalb unabding- bar, weil im in offenen Gesellschaften zwangslaufig vorhandenen Wettbewerb die unterschiedlichen Interaktionsstrategien uber die politische und okonomische Zukunft entscheiden. Der Mensch bleibt auf ein den Wirkzusammenhangen gemafies Interagieren angewiesen, weil nur auf diese Weise eine effiziente Selbstorga- nisation gelingt, die fur eine allgemein erhoffte Zukunft hilfreich ist. Lediglich heuristisch ermittelte oder politisch opportunistisch begrundete strukturelle Anpassungen sind im Wettbewerb un- terlegen, weil der in ihnen wirksame Zusammenhang undeutlich bleibt. Nicht die Verteidigung des Bestehenden wird die Menschen uberzeugen, auch nicht die formale Darlegung eines bestimmten grofitmoglichen Nutzens oder eine in ihren Konsequenzen nicht ausformulierte prinzipienethische Vorstellung, sondern Gegeben- heiten, die eine zum Menschlichen analoge Entwicklung erleich- tern, werden attraktiver sein und gewinnen.

Die Zukunft wird entschieden von der in der jeweiligen Gemein- schaft und Gesellschaft erreichten Vermittlung zwischen dem Potentiellen und der Welt, vom Umfang der Umsetzung des Inten- dierten im Gegebenen. Die diesbezugliche Leistungsfahigkeit wird mafigeblich vom wissenschaftlichen Fortschritt sogenannter Geisteswissenschaften und insbesondere der Philosophic abhan- gen. Denn der Alltagsdiskurs enthalt zwar das gesuchte, aktiv zu nutzende Regelhafte der lebensweltlichen Umsetzung des indivi- duellen Potentiellen, jedoch bedarf es fur die genaue Darstellung der gesuchten Gesetzmafiigkeit einer zeitweisen Uberschreitung des Alltagsdiskurses, die nur wissenschaftlich erreichbar ist. Die Systematisierung der dabei vorfindbaren Gesetze wird das vom Menschen Gewollte besser verdeutlichen. Ebenso werden daraus Interaktionsformen ableitbar sein, die die selbtsorganisierte eigen- standige Umsetzung der Wirkzusammenhange erleichtern und dadurch eine individuell und gesellschaftlich dem Menschen gema- fie Entwicklung begunstigen.

Wissenschaftliche Methodik

Mit der Reduzierung der Fragestellung auf konkrete, empirisch nachweisbare Wirkzusammenhange wurden die Naturwissen- schaften leistungsfahig. Erst die Nichtbeachtung der durch die je- weilige Identitat verursachten Verfangenheit, bis zur Neuzeitprag- ten theologisch begrundete Naturvorstellungen die Wissenschaft, befahigte Wissenschaftler dazu, komplexitatsreduzierte Kausa- litatsmodelle vorzuschlagen. Auch jene Wissenschaften, die sich nicht mit den in der Materie bereits enthaltenen und dem Alltags­diskurs nicht direkt zuganglichen Wirkzusammenhangen beschaf- tigen, werden nur dann uberzeugende Ergebnisse hervorbringen, wenn sie in unterschiedlicher Weise unabhangig vom aufgrund der aktuellen Ideengeschichte Geglaubten die fur sie relevante Thema- tik aufarbeiten.

Der Unterschied zwischen den Naturwissenschaften und den sogenannten Geistes- oder Kulturwissenschaften besteht derzeit vor allem im Selbstverstandnis. Wahrend es die Naturwissenschaf- ten teilweise erreicht haben, sich von ideologisierenden Konnota- tionen des Alltagsdiskurses loszulosen, gelang dies den anderen Wissenschaften nur bedingt. Zwar wurde die theologische Inter­pretation des lebensweltlichen Geschehens in der Neuzeit zuneh- mend aufgegeben, jedoch steht die Entmischung von kultureller bzw. identitatsbezogener Perspektive und der jeweils aktuellen politischen Vorgabe auf der einen Seite und der Ermittlung relevan- ter Kausalitaten auf der anderen Seite in den Kulturwissenschaften zum grofien Teil noch aus - entsprechend kontrovers und wider- spruchlich sind die dort anzutreffenden Vorstellungen. Es kommt deshalb bei der Weiterentwicklung der Nicht-Naturwissenschaften darauf an, den Alltagsdiskurs herauszuhalten, weil Wissenschaft nicht der Apologet sich andernder Diskursmoden oder Ideologien sein darf, sondern Wirkzusammenhange erschliefien mufi, damit diese in gesellschaftlich verantwortungsvoller und demokratisch legitimierter Weise genutzt werden konnen. Denn das Gesuchte ist zwar im Alltagskurs enthalten, jedoch wird es in ihm nicht unmit- telbar formuliert - die jeweils gangigen Geistesmoden sind ledig- lich Teil einer momentanen, sich fortlaufend verandernden Kultur und durfen die Wissenschaft nicht beeindrucken.

Fur die Systematisierung des gesuchten Wirkzusammenhangs wer­den kaum gesonderte Forschungen notwendig sein, weil die Ge- setzmafiigkeit des Menschlichen immer und uberall in der Lebens- welt des Menschen gegeben sein mufi. Dementsprechend wird sie durch die Auswertung jener wissenschaftlichen Arbeiten ermog- licht, die das Menschliche thematisieren.

2.3 BewuRtseinstheorie

Gewifiheit der Welt und Lebenswelt

Bewufitsein nimmt das Selbst als in einer Welt seiend wahr. Wahrneh- mung beinhaltet Bedeutungen, die das Verhaltnis des Selbst zu seiner Lebenswelt erfassen. Welt wird als Lebenswelt erfahren und indivi- duell mufi jedes Phanomen dieser Perspektive als symbolischer Wert zugeordnet werden. Nicht die Sinneseindrucke entscheiden, sondern die symbolische Bedeutung, die sie fur das Individuum reprasentie- ren - mafigeblich ist nicht das Wahrzunehmende, sondern der Wahr- nehmende bzw. das von ihm Wahrgenommene. Dies bedeutet, dafi das Wahrzunehmende im strengen Sinne gar nicht wahrgenommen wird, sondern lediglich den Wahrnehmenden zu einer Bedeutungs- konstruktion veranlafit, die Wahrnehmung durch das Potentielle ver- ursacht wird und ausschliefilich Projektionen des Potentiellen Inhalt menschlicher Wahrnehmung sein konnen.[11] Die Welt des Menschen existiert in seinem Bewufitsein und nirgendwo sonst.

Welt wird nicht als solche, sondern lediglich individuell als Bedeutsames wahrgenommen. Genau genommen lebt jeder Mensch vollkommen fur sich, und niemand kann sagen, ob das Erlebte auch real existiert, d.h. ob Mitmenschen tatsachlich vorhanden sind und es uberhaupt eine Welt gibt. Diese skeptische Einsicht ist jedoch nur akademisch interessant. Denn jedes Lebewesen kann nur den konstitutiv gesetzten Selbstvollzug wollen, d.h. es mufi die erlebte Welt als authentische annehmen und kann in diesem angeborenen Eifer die Existenz der von ihm erlebten Welt nicht bestreiten, son­dern allenfalls theoretisch in Frage stellen.[12] Selbst ein Asket oder Mystiker mufi sein Leben innerhalb der von ihm wahrgenommenen Kultur zelebrieren und mufi den real existierenden Reis, den man ihm gibt, essen. Vor allem aber mussen Menschen die Umsetzung ihres Lebenssinn konstituierenden Potentiellen wollen und setzen schon deshalb die Existenz der Welt voraus.

Das Vorhandensein der Welt ist nicht nur aus psychologischen Grunden unbestreitbar. Die Redundanz in sich schlussiger Wahr- nehmungen gibt dem Individuum lebensweltlich absolute Gewifi- heit.[23] Weil eine Uberfulle von Hinweisen erlebt wird, die indivi- duell auf eine ganz bestimmte Welt verweisen, gibt es alien Grund, diese ganz bestimmte, tagtaglich erlebte Welt als real anzunehmen und in ihr tatig zu sein. Weil die vom Individuum intuitiv unter- stellten Kausalitaten immer und immer wieder bestatigt werden, ist die Welt vernunftigerweise unbestreitbar. Denn etwas, das vom Individuum direkt mit ausgestaltet werden kann, mufi existieren. Selbst wenn - rein hypothetisch - alles Erleben Illusion sein sollte, so bleibt die individuelle Erfahrung einer in sich stringenten Wahr- nehmung der Welt. Fur den Menschen ist es unerheblich, wie die Welt letztlich ist, weil es fur ihn keinen Zweifel geben kann, dafi es fur ihn seine Welt gibt, die in seinem Bewufitsein als Erinnerung und Erwartung im Augenblick sinnhaft prasent gehalten wird.

Individuelle Welt

Die Welt ist fur Menschen als jeweilige individuelle Lebenswelt im- mer evident. Eine unmittelbare Wahrnehmung der Welt ist nicht moglich, weil lediglich die menschliche Lebenswelt wahrgenom- men werden kann, die immer zugleich eine individuelle sein mufi. Alle Menschen leben deshalb im ubertragenen Sinne autistisch, weil sie aufier sich selbst nichts haben, das ihnen die Welt kreiert und verstandlich macht.

Weil eine unmittelbare Wahrnehmung nicht moglich und zugleich die Existenz der Lebenswelt individuell gewifi ist, die Welt des Menschen demzufolge offensichtlich in ihm selbst entsteht, kann das Bewufitsein des Menschen nur selbstorganisiert sein. Es mufi ein Potentielles vorliegen, das durch Sinnesreizung zu einer als sinnhaft erlebten individuellen Wahrnehmung synthetisiert wird. Denn weder ein einzelner Sinneseindruck kann Bewufitsein erzeu- gen, weil Wahrzunehmendes nur als wahrgenommene symbolische Bedeutung erkennbar ist,[24] noch konnen Intentionen des Potenti- ellen allein etwas bewirken, weil sie erst in der lebensweltlichen Umsetzung real und damit zugleich auch Inhalt des Bewufitseins werden konnen.[25]

ZeitHchkeit

Die wahrgenommene Welt entsteht individuell unter Einbeziehung von Sinneseindrucken ohne die Wahrnehmung der »Welt an sich«. Bewufitsein ist demnach eine Selbstsetzung[26] und das Resultat ei-ner zeitlich sich ereignenden, andauernden Syntheseleistung zwi- schen dem angelegten Potentiellen und der mittels der Intentionen bzw. Kategorien des Potentiellen wahrgenommenen Welt. Mit der Wahrnehmung von Welt wird auch das in der Welt seiende indivi- duelle Subjekt wahrgenommen, und die Wahrnehmung des Selbst ist mit der Wahrnehmung der Welt verknupft.[27] Bewufitsein ist ein Zeit voraussetzendes und deshalb auch Zeit konstituierendes Phanomen, weil die bewufitseinskonstitutive Gleichzeitigkeit von Wissen um die Welt und Wissen um das Selbst in einer zeitlichen Folge und Kontinuitat stattfinden mufi, die das Empfinden des ei- nen aufgrund des anderen erst erlaubt und dabei die Synchronisati­on von Erinnerung und erinnerter Erwartung vollzieht. Die Um- setzung von Potentiellem, durch die die Lebenswelt gewahr wird bzw. entsteht, ereignet sich zeitlich.[28]

Intentionalitat

Die das Bewufitsein konstituierende Syntheseleistung zwischen Potentiellem und Welt ist nicht nur zwangslaufig zeitlich, sondern auch zwangslaufig intentional, weil die bewufite Wahrnehmung der Lebenswelt eine spezifische Ausrichtung der Wahrnehmung voraussetzt.

Individuen sind gezwungen, zeitlich fortlaufend ihre Wahr­nehmung mit ihren Vorstellungen abzugleichen und bezogen auf das bereits Wahrgenommene und Erwartete zu handeln, um anschliefiend genauer wahrzunehmen, Annahmen zu prazisieren und wiederum angepafit zu handeln. Intentional mufi unter alien Umstanden Sinnhaftes gedacht werden, d.h. es mussen Wirklich- keitswahrnehmung und praktische Daseinsbewaltigung in einer fur das Potentielle angemessenen Weise verknupft werden, so dafi eine Lebenswelt entsteht, die individuellen Selbstvollzug erlaubt. Mit dem menschlichen Bewufitsein ist programmatisch der »Auf- trag« verbunden, die tatsachlich immer nur fiktiv wahrnehmbare Welt sinnhaft zu denken bzw. Potentielles so lange lebenswelt- lich einzubringen, bis ein als authentisch empfundenes Leben, ein Gleichgewicht zwischen Potentiellem und Welt, erfahrbar wird.[29]

Wahrnehmung ist die fortlaufende Konstruktion von Sinnhaf- tem, die als kognitive Erfassung der individuell erkennbaren Welt erlebt wird. Sie erfolgt aufgrund bewufitseinskonstitutiver Inten- tionen, die auch lebensweltlich spurbar werden und zwar als Wil- le, auf die Welt einzuwirken, um durch die Transformation von Potentiellem in Lebensweltliches Selbstvollzug zu erreichen. Diese Einwirkungsintention ist nicht blofi ein durch die Bewufitseins- struktur determinierter Wunsch, sondern auch existentiell notwen- dig, weil ohne nachhaltige Einwirkung in die Welt, ohne Arbeit, Wirklichkeitsannahmen nicht bestatigt werden und die praktische Daseinsbewaltigung nicht gelingen kann. So entsprechen die psy- chologischen Gegebenheiten, die Sorge um das aufiere existentielle Sein und das (dafur notwendige innere) Seinsverstandnis, und die Notwendigkeit der praktischen Daseinsbewaltigung dem analog dazu strukturierten Bewufitseinsaufbau. Die Intentionen und die Themen bzw. die Inhalte des Bewufitseins ergeben sich aus dem Aufbau und der Funktionsweise des Bewufitseins.

Resonanz und Identitat

Mit dem zeitlichen Vollzug der lebensweltlichen Umsetzung von Potentiellem, der als Denken von Sinnhaftem erfahren wird, wird auch die Wahrnehmung des Selbst bestandig fortgefuhrt. Die zeit- lich biographische Selbst-Wahrnehmung kumuliert zur Identitat aufgrund der in Gemeinschaften erzielten Resonanz, der Reaktion und Akzeptanz.[30] Die ublichen Umsetzungsformen des Potentiel- len bzw. die Transformationen von Sinneseindrucken in Bedeutung werden interaktiv entschieden, im Austausch mit anderen, weil auf diese Weise viel umfassendere Identitatsentwicklungen moglich sind und die vereinbarte Wirklichkeitsannahme zu einer tatsach- lich existierenden, realen Lebenswelt ausgestaltetwerden kann.[31]

Die durch Interaktion entstehende, inszenierte Wirklichkeit ist zugleich strukturelle Gegebenheit, die als Entwicklungsrahmen die Voraussetzung und die Begrenzung fur die Umsetzung des individuell Potentiellen ist. Strukturelle Gegebenheiten sind inter- aktionell entstanden als sich verselbstandigende Resonanz, die das Individuum, das sie situativ ausloste, uberdauert. Wahrend das Potentielle allenfalls als Intention innerhalb der erreichten Reso­nanz, der konkreten Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen, erlebt wird, liegt Strukturelles als Entwicklungsbedingung gesell- schaftlich materialisiert immer schon vor.[32]

Identitat und strukturelle Gewalt

Bei der Synthese von Potentiellem und Welt ereignet sich zeitlich Bewufitsein, das Interaktion intendiert, durch die Resonanz, die Aktivierung des Potentiellen anderer, provoziert wird. Biogra- phisch entsteht beim Individuum auf diese Weise Identitat, und geschichtlich entstehen Gegebenheiten, die als Strukturen die Um- setzungsmoglichkeiten des individuellen Potentiellen bestimmen. So wie die zeitlich durch die interaktionell moderierte Umsetzung des Potentiellen entstandene personliche Identitat eine Realitat jedes Individuums ist, die wie ein aufierer Faktor den Ausgangs- punkt weiterer individueller Entwicklung darstellt, so manifest- ieren und veraufierlichen sich in Gemeinschaften interaktionell geschaffene Strukturen, die dann beispielsweise zu Gesetzen des Zivil- und Strafrechts verdichtet, durch Besitzrechte geregelt oder durch kulturelle Vorgaben beurteilt vorliegen und sich lebenswelt- lich verselbstandigen. Sie sind realer als die Welt des einzelnen, weil sie ihn nicht nur zeitlich uberdauern, sondern auch als kollektive Realitat bestehen.

[...]


[1] Menschenrechte werden entweder als Teil des positiven Rechts ver- standen, wodurch die entsprechenden Gesetze nur in den das jewei- lige Abkommen unterzeichnenden Staaten gelten - dies gilt z.B. fur die Befugnisse des Europaischen Gerichtshofs fur Menschenrechte in Strafiburg, der nur die vom jeweiligen Einzelstaat zugebilligten rechtlichen Fragen beurteilen darf und zwar nach den Gesetzen des jeweiligen Einzelstaates oder sie werden mit Verweis auf eine nicht naher bestimmte Wurde als allgemein gultig behauptet und dadurch lediglich politisch eingefordert. Johan Galtung, ein anerkannter Menschenrechtsexperte, lehnt die Begrundung von Menschenrech- ten kategorisch ab. Die traditionelle religiose Begrundung von Men- schenrechten ist nicht verallgemeinerbar, weil nicht alle Religionen die Menschen als gleichberechtigte, willensfreie und eigenverant- wortliche Geschopfe Gottes ansehen. Die Annahme, dafi der Mensch von Natur aus eine Wurde besitze, aus der sich Rechte ableiten, mag richtig sein, jedoch wird die Wiirde unterschiedlich verstanden, so dafi auch dieser Ansatz ohne systematische Begrundung unverbind- lich, metaphysisch und inhaltlich vage bleibt. Auch ein personliches Bekenntnis zu Menschenrechten ist keine Begrundung. Sogar die Intention von Menschenrechten bleibt undeutlich, weil entgegen der popularen Vorstellung selbst die Rechte auf Leben, Gesundheit und Freiheit auch in modernen Staaten nur abstrakte und nicht unantast- bare Rechte sind - die Rechtsstaaten lassen Ubergriffe auf das Leben, die Gesundheit und die Freiheit ihrer Burger ganz regular zu und schreiben dafur lediglich klare rechtliche Regelungen, d.h. Willkur- verzicht, vor.

[2] Der Koran verlangt die Verbindung von Staat und Religion, die religios begrundete Herrschaft und die staatliche Beachtung religi- oser Gesetze, so dafi nur mit Manipulationen oder Gewalt voruber- gehend und nicht dauerhaft stabilisierbar andere Formen des Politi- schen entstehen konnen (vgl. Koran, ubersetzt von Rudi Paret, 1982). Die Errichtung eines weltweiten islamischen Gottesstaates ist auch das Kriegsziel des islamisch begrundeten Terrorismus - seine Zwi- schenziele, die Durchsetzung bestimmter Truppenreduzierungen, die Behinderung demokratischer Bewegungen und die Absicherung einer islamischen Parallelkultur in Europa, dienen der Erfullung die- ser politischen Vorgabe des Korans.

[3] »Diskursmoden« sind die innerhalb einer Gemeinschaft bzw. einer Zeit- epoche jeweils gangigen und gerade akzeptierten Argumentationen.

[4] Vgl. Heidegger.

[5] Der einzelne kann nur appellieren, aber seinen Einflufi auf andere nicht selbst bestimmen.

[6] Die kulturellen Lebensbedingungen der in Gemeinschaften leben- den Menschen, die von den Baulichkeiten und Erwerbsmoglichkeiten bis hin zu Hierarchien, Institutionen, Traditionen und dem Selbst- verstandnis reichen, sind ausschliefilich das Ergebnis individueller menschlicher Handlungen, die in Anpassung an das aufiere Materielle und interaktionell Vorgefundene erfolgten. Diese aufieren Strukturen beeinflussen ihrerseits die Entwicklung des Individuums, weil es sich nur innerhalb des Gegebenen einbringen kann. Dementsprechend steuert die Struktur einer Gemeinschaft die individuelle Entfaltung, von der wiederum - gewissermafien zirkular - die Interaktion inner­halb der jeweiligen Gruppen und damit die strukturelle Ausgestal­tung der Gesellschaft abhangen. Dieser Prozefi der Selbsthervorbrin­gung gesellschaftlicher und individueller Identitat und Lebenswelt ist bisher weitgehend unverstanden. Die Verdeutlichung diesbezuglicher Zusammenhange ist die Voraussetzung fur eine verbesserte Mode­ration der gesellschaftlichen Interaktion und der praziseren Ausge­staltung jener Strukturen, die die Voraussetzung fur die Entstehung eines individuell befriedigenden Lebens und gesellschaftlicher Ent­wicklung sind.

[7] Aus den in den Formalien der Grammatik enthaltenen Geltungsansprüchen wurden verschiedene Diskursethiken und Maximenethiken konstruiert. Der formale Aufbau von Satzaussagen ist ein wichtiger Aspekt der zwischenmenschlichen Kommunikation, der aber nicht mit dem für Menschen relevanten Wirkzusammenhang gleichgesetzt werden darf. Die Formalien der Grammatik ergeben sich aus der Logik, weil lediglich grammatikalisch aufgebaute Sätze einen Inhalt haben, d.h. einen Sinn enthalten und verstanden werden können. Grammatikalische Muster sind verständigungskonstitutiv. Selbst Äußerungen, die nicht explizit grammatikalisch aufgebaut scheinen, z.B. Körpersprache, Warnschilder, Ausrufe, verkürzte Sätze unter Jugendlichen, in bestimmten sozialen Gruppen oder im Arbeitsleben, werden im Falle einer gelingenden Kommunikation inhaltlich als vollständige Satzaussagen mit Subjekt und Verb oder Subjekt, Verb und Objekt usw. wahrgenommen.

[8] Auch Satzaussagen existieren lediglich im Bewußtsein als Vorstellung bzw. Wahrnehmung - sie haben keine eigene Existenz in der Welt und keine Relevanz über das vom Menschen Gedachte hinaus.

[9] Das tagtagliche Gerede (Heidegger) kommentiert Momentanes, aber offenbart die im Aktuellen angelegte Tendenz nicht. Wenn Regen- tropfen Menschen waren, dann wurden sie uber ihre Bewegung und Veranderung eifrig debattieren und allem Bedeutung beimessen, obwohl der eigentlich relevante Wirkzusammenhang, der die Bewe­gung in Bachen, Flussen und Seen hin zum Meer verursacht, lediglich die Schwerkraft ist.

[10] Die verbal vorgetragene Meinungsaufierung und das dabei indi­viduell beanspruchte Selbstverstandnis sind immer zugleich das Ergebnis systemischer Gegebenheiten und der darin erfolgten Umsetzung individueller Intentionen. Diese bei einem Gesprach zunachst ununterscheidbare Vermischung beider Kategorien kann den gesuchten Wirkzusammenhang nicht direkt verdeutlichen. Jedoch ist das mit der individuellen Umsetzung von Potentiel- lem Gewollte durch die analytische Rekonstruktion des Alltags- bewufitseins ermittelbar, weil zeitlich fortlaufend situative und diskursive Zwangslagen an Einflufi verlieren und aufgrund der Gefuhle, Haltungen und Handlungen das eigentlich Intendier­te verstandlich wird. So sagt beispielsweise die Identifikation mit bestimmten Markenprodukten recht wenig uber diese aus, weil sich Moden andern, jedoch wird langfristig deutlich, dafi die betroffe- nen Individuen durch Markenartikel Zugehorigkeit und Selbstver­standnis ausdrucken mochten. schritte erzielt werden (vgl. Kuhn), d.h. Wissenschaft irrt und ent- wickelt sich, wenn wissenschaftlicher Irrtum nachgewiesen werden kann. Wissenschaft erkennt nicht die Welt, sondern es werden immer nur Modelle entwickelt, die mit der Welt zu korrespondieren schei- nen, solange sie brauchbare Ergebnisse liefern.

[11] Es kommen nur Phanomene, die als Kausalitaten in ganz unterschied- lichen Zusammenhangen relevant zu sein scheinen, in Betracht, weil eine einzelne Erscheinung situativ verursacht sein kann. Die jeweilige aktuelle Identitat stellt immer eine Vermischung zwischen dem aufie- ren Strukturellen, das die Entwicklung begrundete, und dem Poten- tiellen, das innerhalb des Aufieren lebensweltlich wirksam werden konnte, dar, die den das Geschehen begrundenden Wirkzusammen- hang nicht offenlegt, sondern verstellt.

[12] Der gesuchte Zusammenhang mufi - wie bei einem Naturgesetz - all- gemein gultig, d. h. holistisch, sein.

[13] Martin Luther war Professor fur augustinische Theologie. Augusti­nus war ursprunglich ein Anhanger der Gnosis (Manichaer). Die von der Gnosis beeinflufite Rechtfertigungslehre des Augustinus veran- lafite Luther zu seiner folgenschweren Theologie.

[14] Nach Kierkegaard mufi das Eigentliche des Seinszusammenhangs, das Religiose bzw. die Religion, irrational sein, und dementspre- chend ist das sogenannte Vernunftige blofie Behauptung, Illusion und Demagogie. Das Erkennen von Zusammenhangen ware danach eine Selbstentfremdung und ein Trugbild, das die existentiell notwendi- ge religiose Einlassung behindert - es kann kein Rationales geben, wenn das ihm Zugrundeliegende insgesamt irrational gedacht werden mufi.

[15] Wenn das Gesamte unfafibar ist, kann das Detail nicht sicher zugeord- net werden - eine die Einzelheiten untersuchende Wissenschaft kann kein Gesamtverstandnis ersetzen, ohne selbst metaphysisch zu sein.

[16] Im Animismus wird die Erfahrung individueller Subjekthaftigkeit auf Gegenstande und ggf. auch auf Maschinen ubertragen.

[17] Jedes Kind versteht, dafi sich die Zahnbiirste freut, wenn man sie benutzt. Ganz selbstverstandlich sprechen Erwachsene mit Kindern animistisch, weil Kinder Animisten sind. Animismus ist die naturli- che Religiositat, die sich in jedem Menschen einstellt, bevor er durch kulturelle Uberformungen ganz gleich welcher Art komplexere Deu- tungsmuster angeboten bekommt.

[18] Beispielsweise verandern sich die Gefuhle, wenn in einer Strafie mit vielen Fufigangern plotzlich eine fur Fufiganger vermeintlich gefahr- liche Situation entsteht, obwohl vom aufieren Geschehen - viele Fufiganger laufen auf Gehwegen und passieren die Strafie, durch die vereinzelt Autos fahren - gar kein Unterschied besteht. Nicht das Tatsachliche oder Gesehene, sondern die Bedeutung bestimmt die Wahrnehmung.

[19] Vgl. Heideggers Vorstellung eines zunachst und zumeist dem Man verfallenen Selbst. Das Man ist die kulturelle Ublichkeit, eine Flucht- perspektive, die dem Individuum das Leben als das je seinige, in dem das Sein es selbst sein will, verstellt (vgl. Heidegger 1993).

[20] Beispielsweise wurden vor wenigen Jahrzehnten bei Magengeschwu- ren Teile des Magens entfernt; heute weifi man, dafi die Beschwer- den durch eine Infektion verursacht werden, die medikamentos ohne Operation behandelt werden kann. Vor Jahrhunderten gait Aderlafi als probates Mittel, heute wird die Wirkung der Chemotherapie bestritten. Der Wissenschaftshistoriker Kuhn machte deutlich, dafi Erkenntnisse nicht linear aufeinander aufbauen, sondern insbeson- dere durch neue Methoden und ein neues Gesamtverstandnis Fort-schritte erzielt werden (vgl. Kuhn), d.h. Wissenschaft irrt und ent- wickelt sich, wenn wissenschaftlicher Irrtum nachgewiesen werden kann. Wissenschaft erkennt nicht die Welt, sondern es werden immer nur Modelle entwickelt, die mit der Welt zu korrespondieren schei- nen, solange sie brauchbare Ergebnisse liefern.

[21] Die Welt wird als Bedeutung bewufit, die nicht Teil der Welt, sondern nur Teil des individuellen Potentiellen sein kann. Wahrnehmung mufi durch Potentielles verursacht sein, weil es das Mogliche der Wahrneh­mung bestimmt. Menschen haben nur eine bedingte Wahrnehmungs- fahigkeit, weil Wirklichkeit mittels vorgestellter und veranderbarer Bedeutungen erfafit wird.

[22] Eine vollige Negierung der erlebten Wirklichkeit wurde in der Lebens praxis sofort zu Erfahrungen fuhren, die die erlebte Welt als real beweisen. Bewufitsein entsteht erst durch die sinnhafte Vorstellungen hervorrufende Projektion des Potentiellen - dementsprechend mufi der Mensch die sinnhafte Wahrnehmung der Welt und die Umset­zung des Potentiellen wollen, und niemand kann die von ihm erlebte Wirklichkeit tatsachlich leugnen.

[23] Nicht erst das Denken oder das Zweifeln beweisen dem Individuum seine Lebenswelt, wie Rene Descartes vermutete, sondern bereits das Bewufitsein, die alltagliche Wahrnehmung des Selbst in der Welt, erbringt unmittelbare Gewifiheit, weil schon die bewufite Wahr­nehmung eine Konstruktion der Welt voraussetzt, die nicht zugleich bestritten werden kann. Der Zweifel an der Realitat des Erlebten prazisiert allenfalls die lebensweltlichen Vorstellungen der durch Bewufitsein bereits vorhandenen und durch nichts zu uberbietenden Evidenz. Auch das Denken und Zweifeln sind lediglich als sinnhaft erlebte Befindlichkeiten, Projektionen des Potentiellen, die im Wach- bewusstsein fortlaufend und ununterbrochen stattfinden. Das Den­ken oder Zweifeln ist lebensweltlich nicht realer und damit auch nicht unbestreitbarer als das Alltagsbewufitsein.

[24] Auch die Wahrnehmung von Farben entsteht nicht im Auge, sondern im Gehirn. Ein Gefuhl, z.B. das der Warme, wurde als blofies, rei- nes Gefuhl im Bewufitsein verschwinden, d.h. zur Bewufitlosigkeit fuhren, weil das Individuum nur noch dieses Gefuhl ware und kei- ne Distanz mehr dazu hatte, die notwendig ist, um ein Gefuhl zu haben, d. h. um es wahrzunehmen und zu empfinden (vgl. Sartre). Ein Gefuhl wird erlebt, solange das Subjekt nicht selbst Welt wird und dadurch nicht mehr gewahr wird, dafi es fuhlt, und das Bewufitsein selbst wurde verschwinden, wenn distanzlos lediglich ein bestimmtes Gefuhl Bewufitseinsinhalt wurde.

[25] Erst die Lebenswelt aktiviert das Potentielle und provoziert eine kon- krete Reaktion - ohne Lebenswelt, als blofie Vorstellung rein theore- tisch wird das mit dem Potentiellen Intendierte nicht bewufit.

[26] Vgl. Fichte.

[27] Die durch die bewufitseinskonstitutive Syntheseleistung sich ereig- nende Konstruktion von Sinnhaftem wird individuell als Wissen um die eigene, in der Welt seiende Person erfahren.

[28] So wie die bewufitseinskonstitutive Synthese der zunachst uner- kennbaren Intention des Lebens mit den Sinneseindrucken einer Welt zu einer Wahrnehmung des Augenblicks fuhrt, die nur in einem zeitlichen Prozefi der Synchronisation von Erinnerung und Erwartung moglich ist, so mufi es dem Individuum auch biogra- phisch um die Entwicklung und Umsetzung seines Potentiellen gehen. Die biographisch sich entwickelnde kognitive Aneignung der Welt ist lediglich die Fortfiihrung, der fortlaufende Vollzug dessen, was Bewufitsein konstitutiert. Die Deutung der Welt als Sinnhaftes, d.h. auch die Wahrnehmung selbst, die konkrete bio- graphische Daseinsbewaltigung und die Suche nach individuellem Lebenssinn sind als Tatsachen jedes menschlichen Lebens eine Entitat dieses Geschehens.

[29] Die individuelle Wahrnehmung der aufieren Geschehnisse und des inneren Erlebens, das Verstandnis der dabei erfahrenen Wirkzusam- menhange und die individuelle Handlung mussen miteinander korre- spondieren - Realitat wird bestandig neu konstruiert, um eine als plau- sibel erfahrbare Lebenswelt zu denken. Nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Erkenntnis und die Daseinsbewaltigung sind dem- nach Vollzugsformen des bewufitseinskonstitutiven Potentiellen.

[30] Die fiktiven, zunachst lediglich phantasierten Selbstbilder werden interaktionell zur inszenierten Lebenswirklichkeit vereinbart - nur gegenseitig versichert wird eine Wahrnehmung des Selbst bzw. der Welt bestatigt und Teil der individuellen Identitat.

[31] Menschliche Gemeinschaften inszenieren ihre vereinbarten Vorstel- lungen und bringen dadurch ihre Wirklichkeit bedingt selbst hervor - sie leben deshalb das jeweils Gewollte und Geglaubte zwischen- menschlich und aufierlich technisch umgesetzt ganz unterschied- lich.

[32] Interaktionell entstandene gesellschaftliche Wirklichkeit uberdauert jene, die sie mehr oder weniger beteiligt hervorgebracht haben.

Details

Seiten
255
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640965892
ISBN (Buch)
9783640966271
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173456
Note
Schlagworte
Persönlichkeitsentwicklung -- Identitätsentwicklung Aggression. Bewusstsein. Soziologische Theorie. Identität. Persönlichkeitsentwicklung Identitätsentwicklung Aggression Bewusstsein Soziologische Theorie Theoretische Psychologie Identität

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Titel: Bewußtsein, Identität und Gewalt