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Die tatsächliche Umsetzung des britischen Freihandels an der Goldküste und in Nigeria zwischen 1830 und 1880

Seminararbeit 2011 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Weg zum Freihandel in Großbritannien und seinen Kolonien

2. Ausgewählte Freihandelstheorien
2.1. Der Begriff „Freihandel“
2.1.1. Definition
2.1.2. Theorien
2.2. Der Imperialismus des Freihandels

3. Die ökonomische Wirklichkeit in Afrika
3.1. Goldküste
3.1.1. Die Problematik „Aschanti“
3.1.2. Wirtschaftliche Umbrüche
3.1.3. Weiterentwicklung: Bürgerelite und Kronkolonie
3.2. Nigeria
3.2.1. Gesellschaftliche Ausbeutung
3.2.2. Die Problematik im Landesinneren und am Niger

4. Der Freihandel - eine Illusion?

Quellen und Literaturverzeichnis

1. Der Weg zum Freihandel in Großbritannien und seinen Kolonien

Nach dem Verlust der amerikanischen Kolonien am Ende des 18. Jahrhunderts, ordnete und orientierte sich das britische Empire neu. Die merkantilistische Ausrichtung wich einer macht politischen, die vor allem darauf gerichtet war, in die weite Teile der Erde zu expandieren. Neue Gebiete sollten vor allem für den Handel erschlossen und erobert werden. Das Funda ment hierfür bildeten wirtschaftlichen Beziehungen, die Vormachstellung auf See und weitläu figen Besitzungen.

Im Laufe des 19. Jahrhundert baute Großbritannien seine Seemachtflotte kontinuierlich aus. Sie war unumstritten die Größte der europäischen Länder. Dies ermöglichte nicht nur eine Kontrolle der wichtigen Seewege, sondern auch die uneingeschränkte Ein und Ausfuhr von Handelsprodukten in die ganze Welt. Dass Großbritannien als einzige anerkennenswerte In dustrienation nicht auf staatlich regulierte Märkte inklusive Zölle und Monopole angewiesen war, versteht sich von selbst. So ist es auch nicht verwunderlich, dass dieses Zeitalter eine sehr liberale Politik mit sich brachte. Schon zwischen den Jahren 1820 und 1825 fanden die ersten Reformen im Bereich des Zollwesens statt, die einen freieren Handel förderten. Schnell hatte man festgestellt, dass ein freier Handel einen florierenden Warenaustausch, vor allem anfangs zwischen den ehemaligen Kolonien Amerikas und auch später mit europäischen Ländern, die ökonomischen Statistiken Großbritanniens sehr positiv aussehen lässt. Als 20 Jahre später un ter der Regierung des Premierministers Peel die Kornzölle abgeschafft wurden, war die Aufhe bung der Navigation Laws, die einen barrierefreien Raum für den britischen Handel garantier ten, nur noch reine Formsache.1

Der Freihandel hatte über den Merkantilismus gesiegt. Einem uneingeschränkten Güteraus tausch mit der ganzen Welt stand nichts mehr im Wege. Im Zuge dessen dehnte das Empire auch seine kolonialen Herrschaftsgebiete aus. Wobei es hierbei nicht nur wirtschaftliche For men übertrug, sondern auch im Hinblick auf Militär, Religion und Kultur, seine Kolonien maß geblich beeinflusste.2 Nicht nur Gebiete im asiatischen Raum waren von großem Interesse, sondern auch Südamerika sowie Australien und Neuseeland reizten die Briten. Alte Produkte, die man durch die amerikanischen Kolonien verloren hatte, wurden durch neue Produkte er setzt und gesellschaftlich etabliert. Afrika spielte in dieser Hinsicht bis zum frühen 19. Jahrhun dert nur eine minimalistische Rolle als Zwischenstation auf dem Seeweg nach Indien und war bekannt für den Sklavenhandel, der jedoch massiv von Großbritannien bekämpft wurde. Dies soll jedoch an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden. Denn um 1830 gewann Afrika immer mehr wirtschaftliche Bedeutung. Auf Expeditionsreisen entdeckte man, dass Afrika noch viel mehr Produkte zu bieten hatte, als bisher bekannt. Nachdem neben der anfänglichen „Frei handelseuphorie“ schnell auch Kritik gegenüber der Wirtschaftlichkeit laut wurde, musste die britische Regierung handeln. Das größtenteils unentdeckte Afrika bot dabei eine gute Gele genheit. Durch die Einnahme und Kolonialisierung verschiedenster Gebiete dehnten die Briten ihre Herrschaft immer weiter aus. War es dem Empire früher wichtig, die merkantilistische Politik durchzusetzen, so galt es nun, mit aller Macht die freihändlerischen Prinzipien durchzu setzen.3 Dass diese wirtschaftlichen Prinzipien sich nicht ohne einen politischen Einfluss etab lieren ließen war allen Beteiligten schnell bewusst. Aussagen wie „ by informal means if possib le, or by formal annexations when necessary“ 4 unterstreichen, wie konsequent die Vorstellung der Briten verfolgt wurden. Im Folgenden soll nun untersucht werden, inwiefern die Grundsät ze des Freihandels in den afrikanischen Gebieten unter britischem Einfluss umgesetzt wurden. Dabei soll zunächst in aller Kürze genau der Begriff „Freihandel“ definiert und die Theorie da hinter geklärt werden, um sich diesem Thema praxisbezogen zu nähern. Die Wirklichkeit der Freihandelsumsetzung soll an den Beispielen der Gebiete der Goldküste und Nigerias veran schaulicht werden.

2. Ausgewählte Freihandelstheorien

2.1. Der Begriff „Freihandel“

2.1.1. Definition

Einfach gesagt beschreibt Freihandel „ den völligen Verzicht auf staatliche Beschränkungen grenz überschreitender wirtschaftlicher Austauschbeziehungen“ 5. In Folge dessen „ sollen durch internationale Tauschprozesse den Wohlstand und die Lebensqualität der nationalen Volkswirt schaften dauerhaft erhöht werden“ 6 .

2.1.2 Theorien

Der schottische Moralphilosoph Adam Smith (1723 1790) hat in seinem Werk „ Wohlstand der Nationen“ gezeigt, dass eine Welt nur industrialisiert werden kann, wenn diese auf einem Aus tausch von wirtschaftlichen Gütern basiert, der nach der Grundlage der freihändlerischen Prin zipien erfolgt.

Eines der wichtigsten Prinzipien bilden die komparativen Kostenvorteile. Der britische Ökonom David Ricardo (1772 1823) „spann“ diese Idee dahingehend weiter, dass sich der internationa le Güteraustausch für zwei Länder auszahlt, sobald eines der beiden Länder die verschiedenen Produkte billiger herstellen kann oder beide Länder jeweils ein Gut mit extrem niedrigen Kos ten produziert. Dabei muss sich jedoch das schwächer entwickelte Land auf Güterherstellung mit den vergleichend geringsten Kostenvorteilen bestehen. Diese Theorie erhält nach Ricardo nur Gültigkeit, wenn im internationalen Handel nur zwei Staaten inbegriffen sind.7

2.2 Der Imperialismus des Freihandels

John Gallagher und Ronald Robinson bezogen die Theorie des Freihandels in ihrer Schrift „The Imperialism of Free Trade“ explizit auf die Ausdehnung der britischen Herrschaft. Sie warfen der britischen Regierung vor, ihr Empire unter dem Vorsatz der „scheinbaren“ indirekten Herr schaft auszudehnen. Denn dahinter verberge sich oft eine formelle Annexion. So könnten die Briten ihre Herrschaft über die Kolonie sicher ergreifen, diese jedoch bei Zeiten wieder lockern, wenn die Kolonie sich selber verwalten könnte. Natürlich ist zu diesem Zeitpunkt eine wirt schaftliche Abhängigkeit von England vorhanden. Weiter würde das gegenseitige Wohlwollen die Kolonie weiterhin an England binden.

Von einem scheinbaren Zeitalter des „Laissez faire“ kann hier nicht gesprochen werden. Ge biete wurden nach zwei Faktoren ausgesucht: Gewährleistung der politischen Sicherheit sowie des wirtschaftlichen Profits. Politik und Wirtschaft bilden somit eine Interdependenz. Jedoch wurden die größten Machtmittel zur Sicherung des Handels eingeschränkt; dies ist nach Gal lagher und Robinson das wohl auch markanteste Merkmal der Freihandelsära im 19. Jahrhun dert.8

3. Die ökonomische Wirklichkeit in Afrika

Strebsame Freihändler wie Cobden erhofften sich durch den Freihandel einen wirtschaftlichen Aufschwung und Frieden auf der Welt. So konnte Großbritannien u.a. mit diesem Gedanken als Rechtfertigung auch den Freihandel in seinen Kolonien einführen. Die in allen Bereichen „zu rückgebliebenen“ Gebiete in Afrika sollten lernen, sich den „zivilisierten“ internationalen Wirt schaftsbeziehungen anzupassen. Großbritannien eröffnete im Zuge des schon damals vorhan denen Globalisierungsprozesses den „Scrambel of Africa“ 9, an dem sich die wirtschaftsstarken Länder Europas beteiligten, aber gleichzeitig auch die Ära des Freihandels in Afrika. Die Briten stellten zu diesem Zeitpunkt ein sehr dynamisches Land dar und hatten den höchsten Wohl stand pro Kopf der Bevölkerung.10 Durch den wirtschaftlichen Handel bzw. die Ausbeutung Afrikas sollte dies auch weiterhin so bleiben und sich ggf. verbessern. Die Expansion nach Afri ka erschien hier als „ moralische Pflicht gegen über der übrigen Menschheit“ 11.

3.1 Goldküste

3.1.1 Die Problematik „Aschanti“

Schon in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts übernahm die britische Regierung die Geschäf te an der Goldküste. Ganz nach dem Leitsatz „ mit formeller Macht, wenn nötig“ annektierten die Briten die Küste durch erzwungene Verträge mit den dort ansässigen Häuptlingen. Nach der Abschaffung des Sklavenhandels orientierte man sich hinsichtlich der vorhandenen Roh stoffe und Waren neu. Die Cape Coast und Accra entwickelten sich schnell zu den zentralen Handelsstützpunkten der Küste. Jedoch ging das Vordringen in das Landesinnere sehr schlep pend voran, was an dem einheimischen Stamm der Aschanti lag.12

Dieser Stamm gründete sich schon im 11./12. Jahrhundert u.a. auf den Handel mit Kola und Gold und wurde somit im Laufe der Zeit immer mächtiger. Die Profitgier trieb die Aschanti so weit, dass sie Mittäter eines florierenden Sklavenmarktes wurden, was gleichzeitig enorme Konflikte mit einem weiteren einheimischen Stamm (Fanti) mit sich brachte. England trat ne ben Holland als Streitschlichter auf und versuchte zu vermitteln - vergebens: das Reich und die Macht der Aschanti wurden immer größer. Als es England zu „bunt“ wurde, gingen sie konse quent gegen die Aschanti vor. So verzichteten im Vertrag von Fomena 1874 die Aschanti auf alle Recht an der Küste und stimmten zu, dass die Sklaverei und der Sklavenhandel illegal wa ren. Die Hauptquelle des Stammes war damit nun offiziell erloschen.13 Für die Briten erschien es wesentlich einfacher beispielsweise gleich die ganze Cape Coast zu besetzen. Der Hinter grund war: Sie konnten so generell nach ihren wirtschaftlichen Vorstellungen handeln und gleichzeitig gegen das Schmuggeln von Waren in jeglicher Form vorgehen.14

[...]


1 Vgl. Peter Wende, Das britische Empire. Geschichte eines Weltreichs, München (2. Auflage) 2009, S. 125 132.

2 Vgl. Martin Lynn, British Policy, Trade, and Informal Empire in the Mid Nineteenth Century, in: The Oxford History of the British Empire Volume III. The Nineteenth Century, hrsg. von Andrew Porter, Ox ford und New York 1999, S. 101.

3 Vgl. Wende, Das britische Empire, S. 131 f.

4 John Gallagher/ Ronald Robinson, The Imperialism of Free Trade, in: Great Britain and the Colonies 1815 1865, hrsg. von A.G.L. Shaw, London 1970, S. 145.

5 Erwin Dichtel/ Otmar Issing, Vahlens Großes Wirtschaftslexikon, München 2. Auflage 1993, S. 724 f.

6 Bundeszentrale für politische Bildung, http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=7LFROC (Letzter Zugriff: 28.03.2011) - vergleiche auch Schubert/Klein, Das Politiklexikon. Bonn 4. Auflage 2006.

7 Vgl. Gerold Ambrosius/ Dietmar Petzina/ Werner Plumpe, Moderne Wirtschaftsgeschichte. Eine Ein führung für Historiker und Ökonomen. München 1996, S. 107, 314.

8 Vgl. John Gallagher/ Ronald Robinson, Der Imperialismus des Freihandels, in: Imperialismus, hrsg. Von Hans Ulrich Wehler, Königstein 1979, S. 185 190.

9 Dies ist der gängige Begriff für den „Wettlauf um Afrika“ . Dieser beschreibt die Erschließung der afrika nischen Kolonien der europäischen Mächte.

10 Vgl. Jürgen Osterhammel/ Niels. P. Petersson, Geschichte der Globalisierung. Dimensionen Prozesse Epochen, München 4. Auflage 2007, S. 55 60.

11 John Gallagher/ Ronald Robinson, Großbritannien und die Aufteilung Afrikas, in: Imperialismus, hrsg. Von Hans Ulrich Wehler, Königstein 1979, S. 202.

12 Vgl. Thea Büttner, Geschichte Afrikas. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (Band 1), Berlin 1976, S. 239 f.

13 Vgl. Joseph Ki Zerbo, Die Geschichte Schwarz Afrikas (Histoire de l'Afrique noire), Wuppertal 1979, S. 283288.

14 Vgl. W.E.F. Ward, A history of Ghana, London 2. Auflage 1958, S. 244.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640936502
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173452
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
Geschichte Kolonialismus Britische Empire Afrika 19. Jahrundert Wirtschaft Freihandel
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