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Performativität am Beispiel von Peter Handkes "Kaspar"

Essay 2010 3 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Ein wichtiger Zug des zeitgenössischen Theaters ist die Fokussierung auf die performative Ebene der Aufführung: Das heißt, dass das Schauspiel nicht mehr als Werk angesehen wird, sondern als Ereignis oder als Prozess.1 Deshalb ist der Begriff „Performativität“ bei der Betrachtung des postdramatischen Theaters besonders wichtig. Im Folgenden möchte ich zunächst klären, was das „Performative“ ist und danach zeigen inwiefern dieses Konzept für die Interpretation von Peter Handkes Kaspar nützlich sein kann.

Die genaue Definition des Begriffs „Performativität“ scheint problematisch zu sein. Er wurde zum ersten Mal von John L. Austin im Rahmen des sprachphilosophischen Ansatzes eingeführt. Er behauptete, dass sprachliche Äußerungen eine andere Funktion besitzen als nur etwas zu beschreiben oder zu behaupten, und zwar können sie auch „performativ“ sein.2 Als „performative“ Äußerung wird also diejenige genannt, deren Inhalt mit den Handlungen, die im Laufe dieser Äußerung stattfinden, übereinstimmt.

Der Begriff erschien aber auch für die anderen Disziplinen sehr furchtbar, insbesondere für die Kulturwissenschaft. Hier wurden die performativen Züge der Kultur in den Blick genommen. Judith Butler beschäftigt sich mit der Frage der „phänomenalen Verkörperungsbedingungen“3, wobei sie den Prozess der performativen Erzeugung mit einem Prozess von Verkörperung identifiziert. Darüber hinaus macht sie einen wichtigen Vergleich zwischen Verkörperungsbedingungen und den Bedingungen der Theateraufführung.4

Das Stück Kaspar gehört zu den sogenannten „Sprechstücken“ von Peter Handke, in denen er sich mit Themen wie der Rolle des Publikums in der Aufführung und der Macht der Sprache beschäftigte. Kaspar liegt eine rätselhafte Geschichte zugrunde über Kaspar Hauser, der 1828 in Nürnberg erschien und wie wahnsinnig aussah. Er konnte kaum sprechen und gehen, weil er seit seiner Geburt 16 Jahre im dunklen Keller verbracht hatte. Die einzige Phrase, die er wusste war: „Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist“. Gerade diese Phrase, die am Anfang seiner Beherrschung der Sprache steht, wird zentral für Peter Handkes Stück.

Bei der Betrachtung des Stückes muss man davon ausgehen, was es zeigt, welche Handlungen in ihm und von ihm erzeugt werden. Das Performative richtet sich zunächst auf die Zuschauer/Leser, indem deren emotionelle Reaktion verlangt wird, d.h. eine Art Kommunikation, die zwischen den Schauspielern und dem Publikum entsteht. Im Stück Kaspar handelt es sich mehr um eine Interaktion zwischen Kaspar und den Einsagern, die im Prozess der Aneignung der Sprache bei Kaspar stattfindet. Dabei ist dieser Prozess zwangsläufig, indem die Einsager ihre Macht über Kaspar ausüben. Darauf weißen die zahlreichen Wiederholungen hin, die die Einsager in ihrer Rede benutzen. Das Performative zeigt sich hier nicht nur durch die Assoziationen mit Folter, sondern auch durch die zwischen- menschlichen Beziehungen innerhalb der Performance, in dem der Sprecher absolute Kontrolle über das Modell demonstriert. Dieser Einfluss der Einsager führt dazu, dass Kaspar seine eigene Identität verliert.

Im Stück Kaspar wird die Sprachproblematik selbst zum Thema. Die Performativität der Sprache besteht darin, dass Kaspar durch das Sprechen Kenntnis über die Wirklichkeit gewinnt. Es ist bemerkenswert, dass er im Prozess des Erlernens der Sprache gleichzeitig auch viele andere Erfahrungen macht: Er hört verschiedene Geräusche, er empfindet Gefühle. Indem er die Sprache zu beherrschen versucht, wird fast jede sprachliche Äußerung von bestimmten Handlungen gefolgt. Während er seine Sprache verbessert beziehungsweise ordnet, werden auch parallel dazu die Möbel auf der Bühne in Ordnung gebracht.

Die Einführung des Konzepts der „Performativität“ hat die Vorstellungen über das Textverständnis stark verändert. Der Text wird also in erster Linie aus der Sicht seiner Handlung und vielmehr dessen, was er zeigt erfasst, als dessen, was er sagt. Wenn wir über den Einzug des Performativen ins Theater sprechen, so hat es viele Veränderungen auf verschiedenen Ebenen mit sich gebracht. Vor allem sind es die präsenzgebundenen Strategien der Inszenierung, die aktivere Rolle des Publikums und die veränderte Rolle der Theaterfigur.

[...]


1 Vgl. Gabriele. Klein: „Der entzogene Text. Performativität im zeitgenössischen Theater“. In: Ulrike Maria Stuart. Hrsg. Ortrud Gutjahr. S. 65-78. Hier S. 65.

2 Vgl. Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen. S. 31.

3 Ebd., S 38.

4 Vgl. ebd., S. 38f.

Details

Seiten
3
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640937578
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173437
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Schlagworte
Peter Handke Performativität postdramatische Theater Kaspar

Autor

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Titel: Performativität am Beispiel von Peter Handkes "Kaspar"