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Der bürgerliche Erziehungsdiskurs in Hermann Hesses "Unterm Rad"

Diplomarbeit 2011 76 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

WIDMUNG

DANKSAGUNG

RESUME

EINFÜHRUNG
I. ZUM FORSCHUNGSOBJEKT UND ZUR MOTIVATION
II. ZUR PROBLEMATIK DER ARBEIT
III. ZU DEN FORSCHUNGSHYPOTHESEN
IV. ZUM FORSCHUNGSSTAND
V. ZUM METHODISCHEN VORGEHEN
VI. ZUR GLIEDERUNG DER ARBEIT

KAPITEL I: BEGRIFFSBESTIMMUNGEN
I. DAS BÜRGERTUM
1. Zur Definition
2. Geschichtliche Entwicklung des Bürgertums
3. Bestandteile des Bürgertums

II. DIE ERZIEHUNG
1. Zur Definition und zu den Zielen der Erziehung
2. Die Erziehungsstile

KAPITEL II: AUSSAGEN DES BÜRGERLICHEN ERZIEHUNGSDISKURSES IN UNTERM RAD
I. DIE SCHULE UND DER BÜRGERLICHE ERZIEHUNGSDISKURS
1. Über den zu erziehenden Menschen
2. Über die Rolle der Schule
3. Über den braven Schüler
4. Über die ideale Erziehung
II. DIE BÜRGERLICHE HÄUSLICHE ERZIEHUNG
1. Das Kind in der bürgerlichen Familie
2. Respekt und Gehorsam gegenüber den Älteren
3. Sparsam leben, erfolgreich sein.
III. DIE RELIGIÖSE UND SENTIMENTALE ERZIEHUNG
1. Die Religion in Unterm Rad
2. Die sentimentale Erziehung

KAPITEL III : DAS VERBOTENE UND REGELVERSTOSSENDE INNERHALB DES BÜRGERLICHEN ERZIEHUNGSDISKURSES
I. UNZULÄSSIGE AUSSAGEN
1. Erholung und Durchfallen
2. Der neumodische Glaube
II. AUSZUSCHLIESSENDE SCHÜLERTYPEN IN UNTERM RAD
1. Der Schüler mit schlechten bzw. durchschnittlichen Leistungen
2. Der Genie
III. REVOLUTIONÄRE FIGUREN IN UNTERM RAD
1. Der witzige Dunstan
2. Der rebellische Hermann Heilner

KAPITEL IV: HERMANN HESSES STELLUNGNAHME ZUM BÜRGERLICHEN ERZIEHUNGSDIKURS
I. DIE SCHLECHTEN NACHWIRKUNGEN DER BÜRGERLICHEN ERZIEHUNG AUF DIE JUGENDLICHEN
1. Beschädigung der Gesundheit und Nachlassen der Schulleistungen des Jungen
2. Entfremdung von der Natur und den Menschen
II. DIE STIL- UND ERZÄHLHALTUNGEN IM ROMAN UNTERM RAD
1. Die ironische Stilhaltung
2. Die metaphorische Stilhaltung
3. Die rhetorische Stilhaltung
III. ALTERNATIVE WEGE ZUR ÜBERWINDUNG DER UNMÜNDIGKEIT
1. Transgression und Rebellion
2. Der Selbstmord als Ausweg
3. Der Rückkehr in die eigenen Kindheitserfahrungen

SCHLUSSBETRACHTUNGEN

LITERATURVERZEICHNIS

DANKSAGUNG

Ich danke Herrn Prof. Dr. Joseph GOMSU, meinem Betreuer, der meine Arbeit mit Geduld gelesen hat. Ich danke ihm auch für seine Kritiken, Bemerkungen und Anregungen, die für die Anfertigung meiner Arbeit von Bedeutung gewesen sind.

Mein besonderer Dank gilt auch Herrn Dr. Hyacinthe ONDOA, der mir Bücher zur Verfügung gestellt hat. Dank gebührt auch Herrn Dr. NGOUEBENG EBOL für seine Orientierungshilfe bei der Literatursuche. Hier möchte ich auch meinem Freund Blaise DOUFTA danken, der Bücher für mich bestellt hat.

Zum besten Dank bin ich meiner Familie verpflichtet, besonders meinen Eltern Josué und Marie NDOULA, und meinen Brüdern Emmanuel BECHE, Shalom TCHOKFE und Alliance Fidèle ABELEGUE.

Herrn Kurt MÄRKI sage ich großen Dank für seine Gebete und seine unvergessliche finanzielle Unterstützung. Eine materielle und finanzielle Unterstützung während meiner Forschungsarbeit habe ich auch von Herrn Apolinaire AMBASSA, Aimé YANDAL und Christophe BARKA bekommen. Ich spreche ihnen einen herzlichen Dank aus. Meinem Freund CHETIMA DYA, dessen Computer ich für die Verfassung meiner Arbeit benutzt habe, bin ich auch zum großen Dank verpflichtet. Für den Druck der Arbeit habe ich eine Unterstützung von Herrn METSAI KEDA und von meinen Freunden Samuel ZRA und Moise NDAWAKA bekommen, denen ich herzlich danke.

Endlich sage ich meinen Kommilitonen herzlichen für ihre Bemerkungen und Kritiken während unserer Diskussionen. Meiner Kommilitonin NGO BANLOG, die meine Arbeit für die Endkorrektur gelesen hat, gebührt mein besonderer Dank.

Ich danke allen, die auf irgendeiner Weise zum Zustandekommen dieser Memoire-Arbeit beigetragen haben.

RESUME

La présente étude porte sur le discours éducatif bourgeois dans Unterm Rad de Hermann Hesse. Elle vise à interpréter le système éducatif présenté dans l’œuvre comme un discours dans le sens de Michel FOUCAULT. Partant de cette conception foucaldienne du discours, nous nous sommes posé un certain nombre de questions, à savoir : quels sont les énoncés du discours éducatif bourgeois dans Unterm Rad ? Quelles sont les normes et les valeurs de la société bourgeoise de la fin du 19e siècle en Allemagne qui déterminent et définissent ces énoncés ? Quels types d’énoncés sont rejetés et quels types de personnes sont bannis du discours ? Quelle position prend l’auteur par rapport au discours bourgeois ?

De notre analyse, il ressort que le discours éducatif bourgeois postule une éducation autoritaire qui consiste à dépouiller l’enfant de ses dispositions naturelles et à implanter en lui les valeurs et les idéaux de la morale bourgeoise, tels que le succès, l’esprit de concurrence, l’esprit d’épargne, la piété, l’amour pour la tradition, le respect de l’autorité et les règles préétablies, la bravoure et la maîtrise de soi, entre autres. L’échec, la rébellion, l’auto-détermination, la détente, le goût du neuf et du moderne font par contre partie de ce que discours bourgeois considère comme des interdits. Cela implique que les génies et les élèves sous-doués sont considérés comme des produits ratés du système éducatif et en sont bannis ou y sont marginalisés. Toutefois, le roman Unterm Rad laisse apparaître une confrontation entre le système et les personnages qui en sont exclus. Ces derniers développent des stratégies pour se soustraire au joug du système et surmonter la marginalisation dont ils font l’objet. Dans cette confrontation, l’auteur prend le parti des marginalisés et s’insurge contre le discours éducatif bourgeois. Cette prise de position est trahie dans l’œuvre tant par la présentation des effets néfastes qu’exerce l’éducation bourgeoise sur la personne de Hans Giebenrath, le personnage principal, que par l’adoption d’un certain nombre de tonalités dans le texte, à savoir la tonalité ironique, métaphorique et rhétorique. Enfin, l’ouvre suggère des voies alternatives qui mènent à l’émancipation de l’individu, lesquelles voies passent par la rébellion et la transgression des normes et règles préétablies.

Mots-clés : discours, éducation, bourgeoisie, normes, valeurs, interdits.

EINFÜHRUNG

Die vorliegende Memoire-Arbeit interessiert sich für den bürgerlichen Erziehungsdiskurs in Hermann Hesses Werk Unterm Rad.

I. ZUM FORSCHUNGSOBJEKT UND ZUR MOTIVATION

Mauro Ponzi beschreibt das Gesamtwerk von Hermann Hesse wie folgt:

Im Mittelpunkt aller Romane Hermann Hesses steht die Bildung eines Individuums, fast alle stellen als Hauptperson einen Jüngling dar, der jene ‚Schattenschwelle‘ zwischen Adoleszenz und Reife überschreiten muss.1

Im Roman Unterm Rad ist diese „Schattenschwelle“ geprägt von bürgerlichen Denk- und Handlungsmustern, Normen und Werten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die der Jüngling in sich integrieren muss. In diesem Roman wird die Geschichte eines begabten Knaben namens Hans Giebenrath geschildert. Wie alle seiner Mitbürger kannte sein Vater, der Zwischenhändler und Agent Josef Giebenrath, „keinen höheren Ehrgeiz als den, [seinen Sohn] womöglich studieren und Beamte werden zu lassen“ (9)2. Zur Erfüllung dieses Traumes gab es für Hans „nur einen einzigen schmalen Pfad: durchs Landexamen ins Seminar, von da an ins Tübinger Stift und von dort entweder auf die Kanzel oder aufs Katheder“ (9). So wurde Hans als einziger Kandidat der Stadt an das Landexamen3 geschickt. Vorher hatte er tags- und nachtsüber fleißig und hart arbeiten müssen:

An die Schulstunden, die täglich bis vier Uhr dauerten, schloss sich die griechische Extralektion beim Rektor an, um sechs war dann der Herr Stadtpfarrer so freundlich, eine Repetitionsstunde in Latein und Religion zu geben, und zweimal in der Woche fand nach dem Abendessen noch eine einstündige Unterweisung beim Mathematiklehrer (10).

Auch in der Nacht hatte Hans viele Hausaufgaben zu erledigen. Diese Mühe und Anstrengungen waren nicht umsonst. Hans bestand das Landexamen als Zweiter und durfte endlich seine verdienten Ferien genießen. Er fing wieder zu angeln an und fand daran Vergnügen. Doch musste er diese Ferien unterbrechen, um sich auf das nachfolgende Schuljahr vorzubereiten. Nochmals wurde Hans durch Latein-, Griechisch- und Religionsstunden überlastet. Zu Beginn des Schuljahrs fährt] Hans nach dem Seminar zu Stattgart. Dort wohnt er mit neun anderen Kameraden in der Stube Hellas, wo er sich mit dem „Dichter und Schöngeist“ (66) Hermann Heilner befreundet. Da die Schulbehörden Genies nicht gern hatten, wurde Hansens Freund wegen rebellischen Verhaltens aus der Schule entlassen. Nach dieser Entlassung geriet Hans in Einsamkeit, hinzu kamen Konzentrationsschwäche, Halluzinationen und Kopfschmerzen. Seine Leistungen begannen zu sinken, und er verlor den Respekt seiner Lehrer und Kameraden. Nach ärztlicher Bestimmung wurde Hans wegen Nervenzusammenbruchs aus der Schule entlassen und musste auf seine Ambitionen verzichten. Der enttäuschte Vater Giebenrath ließ ihn die schwierige Mechaniklehre besuchen, wo er seinen ehemaligen Schulfreund Konrad trifft. Inzwischen verliebte er sich in ein Mädchen namens Emma, versank jedoch in Verzweiflung, als dieses die Stadt verließ. Auf einem Fest, auf das Konrad ihn eingeladen hatte, trank Hans zu viel Alkohol, ertrank in einem Fluss auf dem Weg nach Hause und starb.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Der bürgerliche Erziehungsdiskurs in Hermann Hesses Unterm Rad “ gründet zunächst in der Teilnahme an einem Seminar betitelt „Roman Allemand“ im Jahre 2007 an der Universität Jaunde I. Im Rahmen dieses Seminars wurde der Roman Unterm Rad als Beispiel eines deutschen Romans gelesen und analysiert. Das Interesse an der bürgerlichen Gesellschaft gründet in der Mitarbeit in einer Referatsgruppe zum Thema „Bürger und Bürgertum in Fontanes Frau Jenny Treibel “, gehalten an der Universität Jaunde I im Rahmen des Seminars „Littérature et Société“. Der weitere Grund, warum ich mich mit dem Werk Unterm Rad befasse, ist eine persönliche Identifikation mit der Hauptfigur Hans Giebenrath: Konkurrenzgeist in der Schule, Problem im Umgang mit Mädchen, Aufwachsen in einer Gesellschaft, wo die Älteren und die Erwachsenen „die einzige erkennbare Wahrheit“4 zu besitzen glauben, auf die die Heranwachsenden sich beziehen sollen.

II. ZUR PROBLEMATIK DER ARBEIT

Aus der Lektüre des Romans Unterm Rad ist es leicht zu folgern, dass es bestimmte Instanzen im Text gibt, die einen starken Einfluss auf das Schicksal des Individuums ausüben, dieses sogar lenken. Diese Instanzen sind auf der einen Seite die Institutionen Familie, Kirche und Schule, auf der anderen Seite die diese Institutionen vertretenden Figuren, nämlich der Vater Giebenrath, der Stadtpfarrer, die Schulbehörden und die Lehrer. Jedoch sind sie selbst „einer redebeherrschenden Macht unterworfen“5, und zwar der bürgerlichen Ordnung, die das Handeln und Denken der einzelnen Figuren determiniert, und ihnen ein Denk- und Verhaltensmuster aufzwingt. Dementsprechend bestimmt diese Ordnung auch das, was den Individuen zulässig ist und was nicht. Daher lassen sich die folgenden Fragen stellen: welche Aussagen des Romans Unterm Rad gehören zum bürgerlichen Erziehungsdiskurs? Welche bürgerliche Werte und Praktiken prägen diese Aussagen? Wie wirken sie auf die Handlungen der verschiedenen Figuren? Welche Textaussagen werden vom Diskurs als Unvorhergesehenes und Regelverstossendes ausgegrenzt? Und welche Stellung nimmt der Text zu diesem Diskurs?

III. ZU DEN FORSCHUNGSHYPOTHESEN

Die bürgerliche Moral stützt sich auf die säkularisierten Werte der Aufklärung, und auf die Ideen der Einheitsräume und der klaren Grenzen zwischen Vernünftigem und Unvernünftigem, Gutem und Bösem. Diese Werte charakterisieren sich unter anderem durch „Sicherheit, […] absolute Überzeugungen, [und] ‚vorgefertigte‘ Wahrheit“6. Aus diesen Werten leitet die bürgerliche Pädagogik die Eigenschaften des guten Zöglings, und zwar „Autoritätshörigkeit, Unterordnung und Kritikverbot“7. Zahlreiche Schriftsteller, die unter diesem Erziehungssystem gelitten haben, haben sich dagegen aufgelehnt, und für eine freiheitliche Erziehung plädiert.

Das Unbehagen der jungen Leute an der ‚bürgerlichen‘ Lebensweise und die existentielle Rebellion vor dem ‚Philistertum‘ waren Kennzeichen nicht nur der expressionistischen Literatur, sondern auch der Werke von anderen Autoren.8

Als Beispiele nennt Mauro Ponzi neben Hesses Unterm Rad Musils T ö rless, Rilkes frühe Erzählungen und sogar auch Theodor Fontanes Romane9, zu denen man Wedekinds Theaterstück Fr ü hlings Erwachen zählen kann.

Diese Feststellungen in Betracht ziehend, können wir die folgenden Hypothesen als provisorische Antworten auf die in der Problematik gestellten Fragen formulieren:

a) Die Aussagen des Textes Unterm Rad über die Erziehung sind ohne Weiteres durch die bürgerliche Moral geprägt. Die erziehenden Instanzen übernehmen die Aufgabe, in den Jüngling die bürgerlichen Ideale einzupflanzen.

b) Die zweite Vermutung resultiert aus der ersten: der bürgerliche Erziehungsdiskurs grenzt alle Aussagen aus, die diese Ideale nicht beachten und stattdessen das Freiheitliche, den Genie, den Schöngeist und das Natürliche zum Ausdruck zu bringen versuchen. Dieser Diskurs hält „alles, was uns heute als beneidenswerter Besitz erscheint, die Frische, das Selbstbewusstsein, die Verwegenheit, die Neugier, die Lebenslust der Jugend […] jener Zeit, die nur Sinn für das ‚Solide‘ hatte, als verdächtig“.10

Verbannt werden ebenfalls diejenigen Figuren, die den festen etablierten Normen trotzen, und versuchen, „sich dieser Bildung und dieser ‚Normalisierung‘ zu entziehen“11.

c) Der Roman Unterm Rad schreibt sich in das Lager der Schriftsteller und Denker seiner Zeit ein, die sich gegen die autoritäre Pädagogik und die Kälte der bürgerlichen Erziehung aufgelehnt haben. Insofern kann der Roman Hesses als eine „ Botschaft des Autors“12 gelesen werden.

Er verhält sich - implizit oder explizit stellungnehmend - zu den gesellschaftlichen und literarischen Verhältnissen seiner Zeit, antwortet nach Inhalt und Form auf individuelle und gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen.13

IV. ZUM FORSCHUNGSSTAND

Über das Thema der Erziehung in den Werken von Hermann Hesse sind zahlreiche Veröffentlichungen vorhanden. Jedoch beschäftigen sich wenige Autoren mit dem Roman Unterm Rad. Die Frage der Erziehung bei Hermann Hesse ist auf sein Gesamtwerk bezogen, da fast alle Romane und Erzählungen von Hermann Hesse in unterschiedlicher Weise auf dieses Phänomen eingehen. In seinem Artikel „Der Jugendmythos bei Hermann Hesse“14 befasst sich Mauro Ponzi mit dem Gesamtwerk Hesses. Er erkennt dabei Hesses Werken „einen pädagogischen Charakter“15 zu: „sie erzählen im Grunde genommen von Reiseerfahrungen als Lebenserfahrungen, welche die innere Wendung des Protagonisten bewirken und ihm den Zugang zur Wahrheit öffnen“16. Ponzi interpretiert Hesses Werke in Anlehnung an die Thematik der gesamten literarischen Produktion des ausgehenden 19. Jahrhunderts, an Freuds und Jungs Theorien, an den romantischen Mythos des ewigen Jungen und an Nietzsches Denken.

In ihrer Abschlussarbeit „Erziehung, Literatur und Psychologie: zu Hesses Unterm Rad “17 gehen Ralou Joanne Njeugeut Ngassam und Ariane Tazou Yemeli auf die Thematik der Erziehung aus psychologischer Sicht ein. Sie interpretieren Hesses Roman als Kritik an den schlechten psychologischen Auswirkungen der autoritären Erziehung auf die Kinder, und machen eine produktionsästhetische Analyse des Werkes, um schließlich eine Kontextualisierung des Themas auf die spezifische Situation des kamerunischen Erziehungssystems zu machen.

Anders als Ponzi beschränke ich mich in dieser Arbeit lediglich auf den Roman Unterm Rad. Ich interessiere mich dabei auf den Diskurs über Erziehung, auf seine Bedingungen und sein Funktionieren. Und im Gegenteil zu Njeugeut Ngassam und Tazou Yemeli behandele ich den Roman nicht als eine „stilisierte bzw. strategische Antwort auf Fragen, welche die jeweilige Situation dem Autor stellt“18, sondern als einen Ort, wo sich ein bestimmter Diskurs der Entstehungsepoche befindet.

V. ZUM METHODISCHEN VORGEHEN

Die vorliegende Analyse wird anhand der Kategorien der Diskursanalyse durchgeführt. Die Diskursanalyse gründet in den Arbeiten des französischen Philosophen Michel Foucault. Sie verweist auf eine genaue Untersuchung von Diskursen, ihren Funktionsweisen und Bedingungen. Unter Diskurs wird im Allgemeinen „eine strukturierte Menge von (überwiegend sprachlichen) Äußerungen, deren Geltungsbereich durch eine Diskursordnung geregelt wird“19, verstanden. Roys Tyson zufolge ist Diskurs „a social language created by particular cultural conditions at a particular time and place, and it expresses a particular way of understanding human experience”20. Aus diesem Zitat wird klar, dass sich der Diskurs durch die verschiedenen Äußerungen konstituiert, die „zum spezifischen Thema des Diskurses Wissenselemente beitragen“21. Desweiteren werden diese Aussagen des Diskurses zu einer gegebenen Zeit in einem bestimmten Raum produziert, und bringen ein bestimmtes Weltdeutungs- und Erkenntnismuster zum Ausdruck, das selber kulturell bedingt ist. Das Objekt des Diskurses (das, worüber er spricht), wird nicht bloß von dessen Aussagen beschrieben. Vielmehr wird es durch diese Aussagen produziert und geschaffen. Das „discursive object […] does not derive in any sense from a particular state of things, but stems from the statement itself”22.

Der Diskurs übt Gewalt auf die von ihm beschriebenen Objekte aus, indem er ihnen neue Bedeutungen aufzwingt, und sie mit bestimmten Denk- und Handlungsmustern assoziiert. „Le discours n’est pas le reflet de la réalité des pratiques, exact ou inexact, il est d’abord une pratique particulière qui fait violence aux pratiques qu’elle décrit“23. In diesem Sinne schafft der Diskurs eine neue Welt von Bedeutungen, eine neue Auffassung der Dinge und eine neue Art und Weise, wie mit diesen Dingen umgegangen werden soll. Clayton Whisnant beschreibt diesen produktiven Prozess folgendermaßen:

Discourse creates a world […] by shaping our perception of the world, pulling together chains of associations that produce a meaningful understanding and organizing the way we behave towards objects in the world of our everyday life.24

Die Produktion des Diskurses erfolgt nicht willkürlich, sondern wird nach bestimmten Ordnungsprinzipen geregelt und kontrolliert.

Je suppose que dans toute société la production du discours est à la fois contrôlée, sélectionnée, organisée et redistribuée par un certain nombre de procédures qui ont pour rôle d’en conjurer les pouvoirs et les dangers, d’en maîtriser l’avènement aléatoire, d’en esquiver la lourde matérialité.25

Die Prozeduren der Produktion von Diskursen beachten bestimmte „Konstitutionsregeln, die die äußere Begrenzung von Diskursen, sowie ihre innere Organisation betreffen“26. Was die externe Begrenzung angeht, handelt es sich um die Ausschließungskriterien, und zwar « la production des interdits mais aussi la distinction entre la folie et la raison ou plus encore l’opposition du vrai et du faux »27. Jeder Diskurs wehrt sich gegen das, was seinen Regeln und Normen nicht gehorcht, gegen die „Gefahr anmaßender Inkompetenz“28 und gegen alles, was er nach seinem Weltdeutungsmuster Lüge straft. Also begrenzt sich der Diskurs von außen durch die Produktion der „ Verbote, die das Nichtzulässige aus dem Diskurs fernhalten und nach außen verbannen“29. Auf der anderen Seite wird die Produktion des Diskurses aber auch durch eine interne Organisation geregelt, die den Mechanismen der Kontinuitätsstiftung und der Verknappung von Partizipation“30 folgen. Um seine Macht zu behalten, muss sich der Diskurs vor „dem Hereinbrechen des Unvorhergesehenen “31 schützen. Die unvorhergesehenen Aussagen empfindet er als Gefahr und Drohung für seine bestehende Ordnung und grenzt sie einfach aus. In diesem Sinne darf nicht irgendjemand an irgendwelchem Diskurs partizipieren, und so entsteht ein Machtverhältnis zwischen den zulässigen und den nichtzulässigen Aussagen, daher auch zwischen den genehmigten und ungenehmigten Sprechern: „Discourses […] give [the] individuals degrees of social, cultural and even possibly political power“32.

Eine weitere Kategorie, die Foucault in die Diskurstheorie eingeführt hat, ist die der episteme. Darunter versteht er „die gemeinsamen grundlegenden Regelsysteme, die dominierende Verfasstheit historisch differierender Diskurstypen“33. Hier wird die gesellschaftliche historische Ordnung gemeint, die die zeitgenössischen Diskurse konfiguriert und prägt.

Anhand der Kategorien der Diskursanalyse werde ich in dieser Arbeit die Erziehung als ein Objekt des Diskurses erfassen. Es wird dementsprechend darum gehen, zu erschließen, wie der bürgerliche Erziehungsdiskurs sein Objekt auffasst, also was nach diesem Diskurs eine gute Erziehung bzw. wer ein guter Zögling ist. Selbstverständlich ist hier die Analyse einiger Aussagen bestimmter Figuren unentbehrlich. In diesem Zusammenhang ist es auch möglich zu zeigen, wie der bürgerliche Diskurs auf das Verhalten und die Handlung der einzelnen Figuren wirkt, ja wie ihr Verhalten durch den Diskurs bedingt ist. Desweiteren will ich auch zeigen, dass der bürgerliche Diskurs über Erziehung nach den Mechanismen der Kontrolle und der Regelung der Partizipation und nach Ausschließungskriterien funktioniert, so dass er manche Aussagen als Unvorhergesehenes, Unzulässiges und Regelverstossendes ausgrenzt. Schließlich kann durch die Diskursanalyse Einblicke gewonnen werden in die episteme des Erziehungsdiskurses in Unterm Rad, das heißt in die Determiniertheit dieses Diskurses durch die zusammenhängenden Weltdeutungs- und Erkenntnismuster seiner Epoche.

Neben den Kategorien der Diskursanalyse werde ich auch Kategorien der Strukturanalyse verwenden, um die Erzählhaltung des Textes herauszuarbeiten. Dieser methodische Ansatz ist vor allem für den letzten Teil relevant.

VI. ZUR GLIEDERUNG DER ARBEIT

Gemäß den methodischen Ansätzen, die ich in dieser Arbeit verwenden will, teile ich meine Arbeit in vier Kapitel ein. Das erste Kapitel widmet sich der Bestimmung der zentralen Begriffe, nämlich Bürgertum und Erziehung.

Im zweiten Kapitel interessiere ich mich für die Textaussagen, die dem bürgerlichen Erziehungsdiskurs gehören. Es geht darum zu zeigen, welche Instanzen, welche Figuren an diesem Diskurs teilnehmen, wie die dem Diskurs unterworfenen Figuren handeln und sich verhalten. Selbstverständlich ist es sinnvoll, die geltenden Werte, Normen und Praktiken der bürgerlichen Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert in Betracht zu ziehen, um zu zeigen, wie sie den Erziehungsdiskurs prägen.

Das dritte Kapitel der Analyse beschäftigt sich zum einen mit denjenigen Aussagen, die von dem traditionellen bürgerlichen Diskurs ausgeschlossen und verworfen werden, zum anderen mit den durch den Diskurs verbannten Typen von Menschen. Am Ende wird auch die Auseinandersetzung der ausgeschlossenen Figuren mit dem Diskurs geschildert, und zwar die von ihnen entwickelten Strategien, um sich gegen den Diskurs Sturm zu laufen.

Im vierten Kapitel wird versucht zu zeigen, inwiefern der Roman Hesses als Kritik an die bürgerliche Pädagogik gelesen werden kann. Hier wird den Akzent auf die nachteiligen Folgeerscheinungen der bürgerlichen Erziehung bei den Jugendlichen gelegt. Es wird auch darum gehen, die Stil- und Erzählhaltung des Textes zu analysieren, um die Einstellung des Autors gegenüber dem bürgerlichen Erziehungsdiskurs zu analysieren. Hier wird auch auf die alternativen Wege eingegangen, die der einzelne gehen kann, um die Wahrheit zu finden, d.h. auf „diese selbstbefreiende[n] Weg[e]“34, dessen Anliegen nicht darin besteht, „in dem jungen Knaben die rohen Kräfte und Begierden der Natur zu bändigen und an ihre Stelle stille, mäßige und staatlich anerkannte Ideale zu pflanzen“ (50), sondern diesen dazu zu bringen, ein Selbstbildnis zu bilden, das ihn ermöglichen soll, die „Welt zu kennen“35.

KAPITEL I: BEGRIFFSBESTIMMUNGEN

In diesem Kapitel geht es darum, die zentralen Begriffe des Themas zu bestimmen und zu klären. Es handelt sich um die Begriffe Bürgertum und Erziehung.

I. DAS BÜRGERTUM

1. Zur Definition

Die Brockhaus-Enzyklopädie merkt an, dass Bürgertum als Gesellschaftsklasse schwer abzugrenzen ist. Demzufolge verweist der Begriff Bürgertum keineswegs auf eine historisch einheitliche Klasse von Menschen. Er kann nur aus einer historischen Perspektive definiert werden, so dass es einen „alten“ und einen „neuen“ Bürgertum-Begriff gibt36. Das Bürgertum bezeichnet zum einen eine Klasse von Menschen, die „früher meist mit städt[ischem] Wohnsitz, Haus- und Grundbesitz, wirtschaft[licher] Selbständigkeit, Ausübung bestimmter Berufe, guter Schulbildung“ ausgestattet war, zum anderen „ein Sammelbecken, die breite Mitte zwischen der Besitz- und Geburtsoberschicht auf der einen, dem Bauerntum auf der anderen und der Arbeiterschaft auf der dritten Seite“37. Das Bürgertum lässt sich also negativ bestimmen: Bürger gehören weder zum Adel, noch zum Bauerntum noch zur Arbeiterklasse. Im Mittelalter bildete es eine dem Adel und dem Bauerntum gegenüber eigenständige Schicht, in der Neuen Zeit aber stand es im Gegensatz zur Arbeiterklasse. Das alte Bürgertum besteht aus „Mitglieder[n] einer Stadt als Rechtsgenossenschaft mit bestimmten korporativen Rechten und Freiheiten, d.h. die Inhaber von Bürgerrecht und deren Familie“.38 Sie bilden das sogenannte Stadtbürgertum, da sie ausschließlich in den Städten zu finden sind. Aus dieser Gruppe entwickelte sich das neue Bürgertum als, „eine ständeüberschreitende Funktionselite jenseits ständisch-korporativer Zugehörigkeit, zusammengesetzt aus der wachsenden Zahl deren, die in den Justiz- und Verwaltungsämtern von Kirche, Stadt, Reich und vor allem den Territorien tätig sind“39. Diese Definition des neuen Bürgertums ist unzureichend, denn sie berücksichtigt lediglich das intellektuelle Bürgertum und vernachlässigt das ökonomische. Gerade für dieses ökonomische Bürgertum - das im Deutschen oft mit dem aus dem Französischen geleiteten Wort Bourgeoisie bezeichnet wird - interessieren sich Karl Marx und Friedrich Engels in ihrem Manifest der kommunistischen Partei. Für die beiden Theoretiker bilden nämlich die wirtschaftlichen Verhältnisse die Grundlage jeder geistigen Erscheinung und jeder politischen und sozialen Organisation. Die Bourgeoisie ist demnach die Klasse der Ausbeuter und der Kapitalisten, deren Existenzbedingung „die Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten, die Bildung und Vermehrung des Kapitals“40 ist. Für Marx und Engels steht das Bürgertum im Antagonismus zu der Arbeiterklasse, dem Proletariat. Bei ihnen erscheint das Bürgertum in seinem neuzeitlichen Gewand. Ich habe dennoch schon angemerkt, dass es bis dahin einen langen Entwicklungsweg in der Geschichte gegangen ist.

2. Geschichtliche Entwicklung des Bürgertums

Schon im 8. Jahrhundert bildeten sich „nichtdörfliche Siedlungen von freien [und unfreien] Handwerken und Kaufleuten“ neben die Bischofssitzen, Adels- und Königshöfe41. Diese Handwerker und Kaufleute schlossen sich in einem „bürgerlichen Schwurverband“42 zusammen. Dies geschah zum ersten Mal in der Bodenseegegend und am Niederrhein um das Jahr 1000. Es folgte die Scheidung der Stadt von der umgebenden Welt der Bauern und der Adligen. Somit ließ sich die Bürgertum-Klasse als die Mittelschicht definieren. Nach dieser Abgrenzung vom Adel und vom Bauerntum schlossen sich die Städte in Städtebünden zusammen. Die Stadtbürger organisierten sich von da an in Zünften und Korporationen, die sich nach beruflichen Tätigkeiten bildeten. In der Stadt gab es jedoch nicht lediglich Handwerker und Kaufleute, sondern auch Akademiker und Beamte.

Besonders im Zeitalter des Absolutismus benötigten die Herrschaftsträger die Letzeren für die Verwaltung und für die Rechtspflege. „Dafür erfolgt die Gründung von Landesuniversitäten, Kameralhochschulen, Fort- und Bergakademien etc., an denen qualifiziertes und loyales Personal ausgebildet wird“43. Von diesen Hofbeamten wurden „Gemeinsinn, Unbestechlichkeit, Verschwiegenheit, konfessionelle Zuverlässigkeit“ erwartet. Sie waren nicht nur stadtbürgerlicher, sondern auch niederadeliger Herkunft. Im Laufe des 18. Jahrhunderts „entwickelt sich eine zunehmend homogene Kultur und ein einheitliches Selbstverständnis dieser Funktionselite bürgerlicher und niederadeliger Herkunft, die sich nicht mehr über Geburt, sondern über Bildung und Leistung definiert“44.

Als „Hauptträger[n] der Ideen des Nationalstaats, des Rechtstaats und der Freiheit der Wirtschaft“45 gelang es den Bürgern, die Französische Revolution zu führen, und die Monarchie abzustürzen. In der von dieser Revolution eingeleiteten Neuzeit spaltete sich die Gesellschaft in zwei großen gegeneinanderstehenden Klassen: „große Teile des Mittel- und Kleinbürgertums, […] ebenso große Teile des Kleinbauerntums [gingen] in eine proletarische Existenz“46. Marx und Engels geben die Ursache dieses Untergangs:

Die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen, Kaufleute und Rentiers, die Handwerker und Bauern, alle diese Klassen fallen ins Proletariat hinab, teils dadurch, dass ihr kleines Kapital für den Betrieb der großen Industrie nicht ausreicht und der Konkurrenz mit der größeren Kapitalisten erliegt, teils dadurch, dass ihre Geschicklichkeit von neuen Produktionsweisen entwertet wird. So rekrutiert sich das Proletariat aus allen Klassen der Bevölkerung.47

Für die Misere der Proletarier machen Marx und Engels also die andere Klasse, die Klasse der Bourgeoisen samt der von ihnen geführten industriellen Revolution verantwortlich:„Die Zunftmeister wurden verdrängt durch den industriellen Mittelstand; die Teilung der Arbeit zwischen den verschiedenen Korporationen verschwand vor der Teilung der Arbeit in der einzelnen Werkstatt selbst“.48

In dieser Weise entwickelte sich das Bürgertum zur herrschenden Klasse. Marx und Engels fassen diese Entwicklung folgendermaßen:

Wir sehen also, wie die moderne Bourgeoisie selbst das Produkt eines langen Entwicklungsganges, einer Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und Verkehrsweise ist.

Jede dieser Entwicklungsstufen der Bourgeoisie war begleitet von einem entsprechenden politischen Fortschritt. Unterdrückter Stand unter der Herrschaft der Feudalherren, bewaffnete und sich selbst verwaltende Assoziation in der Kommune, […], dann zur Zeit der Manufaktur Gegengewicht gegen den Adel in der ständischen oder in der absoluten Monarchie, Hauptgrundlage der großen Monarchien überhaupt, erkämpfte sie sich endlich seit der Herstellung der großen Industrie und des Weltmarktes im modernen Repräsentativstaat die ausschließliche politische Herrschaft.49

Marx und Engels prophezeien das Ende des Klassenkampfs zwischen Bourgeoisie und Proletariat, das die Niederlage des Bürgertums und den Sieg der Arbeiter bedeutet.

Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst. Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden - die modernen Arbeiter, die Proletarier.50

Aus dem Vorigen ist zu folgern, dass das Bürgertum nicht nur diachronisch, aber auch synchronisch, multiple Facetten aufweist. Wie homogen es auch erscheinen mag, bestand das Bürgertum aus drei Gruppen.

3. Bestandteile des Bürgertums

Je nach ihrer beruflichen Berufung waren die Bürger in drei wesentlichen Gruppen organisiert.

a. Das Großbürgertum bezeichnete „das reine Besitz-B[ürgertum]“ und bestand aus „selbständigen Großkaufleute[n], Bankiers, Industriellen, und [die] ihnen gleichzustellenden Direktoren, Prokuristen usw. der Großbetriebe“51. Das Großbürgertum - von Marx und Engels die Bourgeoisie genannt - ist also die bürgerliche Unterklasse von Besitzern und Managers von großen Unternehmen und Industrien. Neben dieser Gruppe stand eine zweite, intellektuell orientierte Gruppe.
b. Zum Bildungsbürgertum (oder Intelligenz) gehören die „Träger öffentlicher Berufe“52 wie Gelehrte, Juristen, Professoren, Ärzte, und Lehrer, sowie Leute freier Berufe wie Rechtsanwälte, Künstler, Architekten und Ingenieure. Nicht ihr ökonomisches Vermögen, sondern ihre akademische Gelehrsamkeit kennzeichnet sie.
c. Zur dritten Gruppe, dem Kleinbürgertum, gehören einerseits „der gewerbl[iche] Mittelstand (Handwerk, Einzelhandel, Kleingewerbe)“53, der neue Möglichkeiten gefunden hat, der Drohung des Kapitalismus zu widerstehen, andererseits das „Heer der mittleren und einfachen Beamten und Angestellten, Verkäufer und Sekretärinnen“54.

Diese verschiedenen Bestandteile des Bürgertums haben bestimmte Werte und Praktiken gemeinsam, die sie ihren jüngeren Generationen überliefern wollen. Demgemäß wirken diese Werte und Praktiken auf die Erziehung der Kinder und Jugendlichen in beträchtlichem Masse. Sie werden im zweiten Teil dieser Arbeit behandelt. Natürlich ist es sinnvoll, den Begriff Erziehung zu bestimmen, um die Bedingtheit des Erziehungsprozesses durch diese bürgerliche Moral besser zu eruieren.

II. DIE ERZIEHUNG

Hier wird auf den Begriff Erziehung eingegangen, sowie auf die Ziele der Erziehung und auf die verschiedenen Erziehungsstile.

1. Zur Definition und zu den Zielen der Erziehung

Nach Winfried Böhm bezeichnet der Begriff Erziehung „sowohl einen Prozess wie sein Ergebnis, eine Absicht und ein Handeln (des Erziehers wie des educandus), einen Zustand des Zöglings und die Bedingungen dieses Zustandes“55. Im Allgemeinen, setzt Böhm fort, kann man mit Erziehung „jene Maßnahmen und Prozesse bezeichnen […], die den Menschen zu Autonomie und Müdigkeit hinleiten und ihm helfen, alle seine Kräfte und Möglichkeiten zu aktivieren und in seine Menschlichkeit hineinzufinden“56. Ausgangspunkt der Erziehung sind nach dieser Definition die natürlichen Anlagen des Menschen, der erzogen werden soll. In diesem Hinblick stimmt die Definition Böhms mit der von Wolfgang Brezinka überein:

Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die die Menschen versuchen, das Gefüge der physischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilende Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten.57

Die Naturanlagen und die physischen bzw. geistigen Dispositionen des educandus werden in irgendeiner Hinsicht verändert, damit neue Verhältnisweisen zustande kommen. Wie im Duden zu lesen ist, muss jeder Erziehungsprozess „bestimmten, vorher festgelegten, Erziehungszielen entsprechen“58. In diesem Sinne bezeichnet Erziehung „eine zielgerichtete und absichtsvolle Etablierung erwünschter Verhaltensweisen, Werte und Normen bei Kindern und Jugendlichen“59. Auch bei Emile Durkheim besteht die Erziehung darin, das Kind zu einem „sozialen Wesen“60 werden zu lassen. Durkheim geht von der Theorie aus, dass es in jedem Menschen zwei Wesen gibt: das „individuelle Wesen“, das „aus allen geistigen Zuständen, die sich auf uns selber und die Ereignisse unseres persönlichen Wesens beziehen“61 besteht, und das kollektive Wesen als System von Ideen und Gefühlen, das „die Gruppe oder die verschiedenen Gruppen ausdrückt, denen wir angehören“62. Ziel der Erziehung ist Durkheim zufolge die Versöhnung dieser beiden Wesen in ein soziales. Und diese Versöhnung zustande zu bringen, bedeutet,

Beim Kind eine bestimmte Anzahl von physischen, intellektuellen und moralischen Zuständen zu erwecken und zu entwickeln, die sowohl für die politische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und das Spezialmilieu, dem er anzugehören bestimmt ist, von ihm verlangt.63

Zweifelsohne sind diese von ihm verlangten Dispositionen nicht in ihm vorhanden, denn er ist ein „fast unbeschrieben[s] Blatt“ und sogar ein „egoistische[s] und asoziale[s] Wesen“, das die Erziehung dazu bringen muss, ein „moralisches und soziales Leben“ zu führen64.

Im Gegenteil zu den oben behandelten Erziehungstheorien geht es bei Jean-Jacques Rousseau nicht darum, die Naturanlagen des Menschen im Hinblick auf gesellschaftliche Ideale zu verändern, sondern gerade dieser Natur im Zögling zu folgen: „Beobachtet die Natur und folgt dem Weg, den sie euch vorzeichnet. […] Seid einfach, bedachtsam und zurückhaltend, greift nur dann rasch ein, wenn es darum geht, andere davon abzuhalten“65. Nach Rousseau vollzieht sich die Erziehung nicht „durch unmittelbares Einwirken und Lenken des Erziehers, sondern [eben] durch natürliche Erfahrungen des Zöglings“66.

Diese Diskussion über den Anteil des Erziehers beim Erziehungsprozess des educandus führt uns zum nächsten Punkt, nämlich zu den verschiedenen Erziehungsstilen.

2. Die Erziehungsstile

Klaus Hurrelmann unterscheidet vier Erziehungsstile, die er je nach dem Ausmaß der „Berücksichtigung kindlicher Bedürfnisse“ sowie des „Einsatz[es] elterlicher Autorität“67 folgendermaßen anordnet:

a. Bei der autoritären Erziehung verläuft der Erziehungsprozess auf der Basis strenger und nicht verwandelbarer Regeln, die einseitig von dem Erzieher festgelegt und scharf kontrolliert werden. Dementsprechend wird jedes unerwünschte Verhalten seitens des Zöglings bestraft. Von diesem wird verlangt, dass er sich dem Erzieher kritiklos unterwirft, und den festgelegten Regeln gehorcht. Nicht seine Interessen, sondern die des Erziehers - oder besser der Gesellschaft - stehen im Vordergrund.
b. Der autoritative Stil ist weniger streng als der autoritäre. Zwar gibt es hier noch „klare Regeln, die eingehalten werden müssen“68, aber es wird vom Erzieher erwartet, dass er offen und akzeptierend ist, und die Meinung des zu Erziehenden anerkennt.
c. Was den permissiven Stil angeht, gibt es eine höhere Akzeptanz des educandus seitens des Erziehers, eine geringere Kontrolle des Verhaltens und selten Bestrafung der unerwünschten Verhaltenserscheinungen.
d. Der Erziehende kann auch vernachlässigend sein, und für den Zögling kein Interesse zeigen, keine Zeit und keine geringe Anstrengung investieren. Er ist hier „sowohl kühl zurückweisend, als auch wenig kontrollierend“69.

[...]


1 Mauro Ponzi, „Der Jugendmythos bei Hermann Hesse“, in: ders., Hermann-Hesse-Jahrbuch, Band 3, Tübingen, Niemeyer, 2007, Seite 4.

2 Die Seitennummer verweisen auf: Hermann Hesse, „Unterm Rad“, in: ders., Gesammelte Werke, Frankfurtam-Main, Suhrkamp, 1987.

3 Die Aufnahmeprüfung zum niederen theologischen Seminar.

4 Ponzi, a.a.O., Seite 6.

5 Rainer Baasner & Maria Zens, Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft: Eine Einf ü hrung, Berlin, Erich Schmidt, 2005, Seite 138.

6 Ponzi, ebd., Seite 7.

7 „Frank Wedekind: Frühlings Erwachen “ , Referat, unter: http://www.fundus.org/pdf.asp?ID=10548.

8 Ponzi, ebd., Seite 5.

9 Ponzi, a.a.O.

10 Stefan Zweig, zitiert nach „Frank Wedekind…“, a.a.O.

11 Ponzi, ebd.

12 Jürgen Schutte, Einf ü hrung in die Literaturinterpretation, Stuttgart, Metzler, 1985, Seite 46 (Hervorhebung im Original).

13 Ebd. (Hervorhebung im Original).

14 Ponzi, Der Jugendmythos bei Hermann Hesse“, in: ders., Hermann-Hesse-Jahrbuch, Band 3, Tübingen, Niemeyer, 2007, Seiten 1-16.

15 Ebd., Seite 13.

16 Ebd.

17 Ralou Joanne Njeugeut Ngassam & Ariane Tazou Yemeli, „Erziehung, Literatur und Psychologie: zu Hesses Unterm Rad “, Abschlussarbeit, unveröffentlicht.

18 Schutte, a.a.O., Seite 45.

19 Baasner & Zens, a.a.O., Seite 137.

20 Roys Tyson, zitiert nach Clayton Whisnant, „Foucault & Discourse”, Eine Vorlesung, im Internet unter: http://webs.wofford.edu/whisnantcj/his389/foucault_discourse/pdf, gelesen am 12. Januar 2011.

21 Baasner & Zens, ebd.

22 Gilles Deleuze, zitiert nach Linda Graham, „Discourse analysis and the critical use of Foucault” Ein Referat, (gehalten an der Jahreskonferenz der Australian Association for Research in Education), im Internet unter: http://eprints.qut.edu.au/2689/1/2689.pdf, gelesen am 12. Januar 2011.

23 Phillipe Zittoun & Anna Durnová « L’insoutenable ordre du discours », im Internet unter : http://www.atelierpolitique.fr/assets/Uploads/foucaultvu.pdf?PHPSESSID=c7àf9d21a558364e312ec782c132dd6, gelesen am 12. Januar 2011..

24 Clayton Whisnant, ebd.

25 Michel Foucault, zitiert nach Zittoun & Durnova, ebd.

26 Baasner & Zens, a.a.O., Seite 140.

27 Zittoun & Durnová, a.a.O.

28 Baasner & Zens, ebd.

29 Ebd. (Hervorhebung von mir E.D.)

30 Ebd.

31 Ebd. (Hervorhebung von mir E.D.)

32 Whisnant, a.a.O.

33 Baasner & Zens, ebd.., Seite 139f.

34 Ponzi, a.a.O, Seite 1.

35 Ponzi, ebd., Seite 12.

36 Barbara Stollberg-Rilinger, „Was heißt Bürgertum?“, unter: http://uni- muenster.de/FNZ/Online/SozialeOrdnung/buergertum/unterpunkte/buergertum/htm, gelesen am 05. April 2011.

37 Der Brockhaus-Enzyklopädie in 20 Bänden, dritter Band, 17. Auflage, Wiesbaden, F.A. Brockhaus, 1967, Seite 497.

38 Stollberg-Rilinger, ebd.

39 Stollberg-Rilinger,, a.a.O.

40 Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der kommunistischen Partei in: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin, Band 4, 6. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1959, Berlin/DDR. S. 473. Digitalisiert am 08.03.1999 und abrufbar im Internet: http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_459.htm#Kap_I., gelesen am 05. April 2011.

41 Der Brockhaus, a.a.O., Seite 498.

42 Ebd.

43 Stollberg-Rilinger, a.a.O.

44 Ebd.

45 Der Brockhaus, a.a.O., Seite 498.

46 Ebd., Seite 499.

47 Marx/Engels, a.a.O., Seite 469.

48 Ebd.

49 Marx/Engel, a.a.O., Seite 464.

50 Ebd, Seite 468.

51 Der Brockhaus, a.a.O., Seite 497.

52 Ebd.

53 Der Brockhaus, a.a.O., Seite 497.

54 Ebd.

55 Winfried Böhm, W ö rterbuch der Pädagogik, Stuttgart, Kröner, 1994, Seite 202. Hervorhebung im Original.

56 Böhm, ebd., Seite 23.

57 Wolfgang Brezinka, zitiert nach der freien Enzyklopädie Wikipeda,

http://de.wikipedia.org/w/index.php?oldid=87046873, gelesen am 05. April 2011.

58 Zitiert nach Wikipedia, ebd.

59 Wikipedia, ebd.

60 Durkheim, in „Durkheim: Gesellschaft, Moral, Erziehung und Sozialintegration“, eine Vorlesung, siehe unter http://www.uni-potsdam.de/u/LpB/Vorlesung/Materialien%20Bildungssoziologie/Durkheim-Text.pdf, gelesen am 05. April 2011.

61 Ebd.

62 Ebd.

63 Ebd.

64 Ebd.

65 Jean Jacques Rousseau, zitiert nach Thomas Lockenvitz, „Pädagogisches Verhalten bei Jean Jacques Rousseau, auf, http://www.fh-kiel.de/fileadmin/data/sug/pdf-dokument/Lockenvitz/bezug_geschichte_rousseau.pdf. Gelesen am 05. April 2011.

66 Lockenwitz, ebd.

67 „Erziehungskonzepte“, unter http://www.uni-leipzig.de/~erzwiss/fileadmin/258_Veranstaltung%207%20- %20Erziehungskonzepte.pdf

68 Ebd.

69 „Erziehungskonzepte“, ebd.

Details

Seiten
76
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640936359
ISBN (Buch)
9783640936892
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173383
Note
16/20, (ECTS 4)
Schlagworte
Diskurs Erziehung Verbote Aussagen Werte Normen Bürgertum

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Titel: Der bürgerliche Erziehungsdiskurs in Hermann Hesses "Unterm Rad"