Lade Inhalt...

Die Suche (nach) der Anna Mahr

Analyse des Dramas "EInsame Menschen" von Gerhart Hauptmann anhand der Figur Fräulein Anna Mahr

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der sozial-geschichtliche Hintergrund
2.1 Das Frauenbild vor 1900
2.2 Die Studentin um 1900

3. Die Suche nach der Anna Mahr
3.1 Anna Mahr – Eine Frau voller Widersprüche
3.2 Funktionalität der Figur
3.2.1 Projektionsfläche Anna
3.2.2. Katalysatorfigur und Mulitperspektive
3.3 Die Suche der Anna Mahr

4. Schlussgedanken

5. Literatur

1. Einleitung

Ziel des über zwei Semester angelegten Projektseminars „Einsame Menschen“ von Martin Kammer, Schauspieler und Regisseur, ist es, das gleichnamige Drama von Gerhart Hauptmann, erschienen 1891, mit uns Studenten zu inszenieren. In der intensiven Lektürearbeit beschäftigten wir uns im ersten Semester mit der dramenanalytischen und interpretatorischen Auslegung des Stoffes. Auf diese Weise gelang uns eine erste Annäherung an die handelnden Figuren. Ganz in diesem Sinne möchte ich diese Arbeit nutzen, um meinen Fokus auf die Person „Anna Mahr“ zu richten. Zum Einen wähle ich dieses Thema wegen eines starken Interesses für diese widersprüchliche Schlüsselfigur bezogen auf den Kontext des Stückes. Zum Anderen bietet es mir die Möglichkeit, Anregungen und Erkenntnisse für die noch bevorstehende eigene Rollenarbeit zu erlangen, und schließlich aus dem Wunsch heraus ein vertieftes Verständnis für das Drama in seiner Gesamtheit zu gewinnen.

Im ersten Teil der Arbeit beleuchte ich den historischen Kontext, aus dem heraus „Einsame Menschen“ entstanden ist, nämlich im Hinblick auf die Rolle der Frau im sozial-geschichtlichen Wandel der damaligen Zeit. Dabei werde ich erst auf das tradierte Rollenverständnis vor 1900 eingehen, um im zweiten Schritt Aufkommen und Bedeutung der ersten Studentinnen herauszuarbeiten.

Auf Grundlage dieser Betrachtungen werde ich im zweiten Teil der Hausarbeit die Figur der Anna Mahr genauer untersuchen. Hierbei erstelle ich zunächst eine vorläufige Charakterisierung, in der ich unter anderem ihre Darstellung in das Rollenverständnis jener Zeit einordne. Daran schließt sich eine Analyse über die Funktionalität der Figur bezüglich der Handlung und der dramatischen Form des Stückes an, um so Aufschluss über die Widersprüchlichkeit ihres Charakters und ihrer Handlungen zu erhalten. Abschließend versuche ich noch eine zusammenfassende Interpretation zur Klärung der Motive in der Hoffnung, auf diese Weise zu einem vollständigen Bild ihrer Person zu gelangen.

2. Der sozial-geschichtliche Hintergrund

Der von Gerhard Hauptmann vorangestellten Regieanweisung „Zeit: Gegenwart“ (S.2)[1] ist zu entnehmen, dass die Handlung des Dramas zeitgleich in der Entstehungsphase anzusiedeln ist. Hinsichtlich der unterschiedlich skizzierten weiblichen Figuren in „Einsame Menschen“ besteht daher die Klärung des sozial-geschichtlichen Hintergrundes, also der Situation von Frauen zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Schlagwörter wie „Geschlechterdebatte“ tauchen auf, wenn der Fokus auf eine Zeit gerichtet wird, in der das weibliche Geschlecht durch ein sich wandelndes Selbstverständnis und durch veränderte Verhaltensweisen kontroverse Auseinandersetzungen hervorruft. Zum ersten Mal steht hierbei wieder die Frau als Individuum im Mittelpunkt des Diskurses. Im Zuge dessen wird beispielsweise der „Deutsche Verband für Frauenstimmrecht" gegründet sowie der Zugang zum Frauenstudium erstritten. So kann die Frauenbewegung einerseits deutliche Erfolge bezüglich Selbstbestimmung, Bildungschancen und Stimmengleichheit verzeichnen. Andererseits ändert dies die innergesellschaftliche Mentalität insgesamt kaum: Die Allgemeinheit der Frauen hat vorwiegend keine Chance, sich aus dem herkömmlichen Bild zu lösen und scheint auch selbst nur wenig das Bedürfnis danach zu haben. So bleibt das „schwache Geschlecht“ in den gängigen Rollenzuweisungen, als wesentlicher Teil der eigenen Identität, doch verhaftet.

2.1 Das Frauenbild vor 1900

„Es ist kein Rock noch Kleid, das einer Frau oder Jungfrauen übeler anstehet, als wenn sie klug will sein.“

(Martin Luther)

Das Frauenbild bezieht sich noch immer auf unreflektierte Meinungen, die sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts gehalten haben. Nach Dorothea Leoprin basieren letztlich alle Vorurteile ihrer Zeit auf folgenden Behauptungen:

- „daß die Vernunft der Weiber nur halbe sei“,
- „daß das weibliche Geschlecht mehr als die Männer zu Affekten geneigt sei“,
- „daß die Weiber unbeständig seien“,
- „daß es diesem Geschlecht an Aufmerksamkeit fehle“,
- „daß überhaupt das Temperament dieses Geschlechts sich nicht zum Studieren schicke“,
- „daß dieses Geschlecht nichtswürdige Geschäfte treibe“.[2]

Die daraus resultierenden Charaktereigenschaften einer Frau („klein, schwach, zart, empfindlich, furchtsam, kleingeistig“) stehen somit nicht nur im krassen Gegensatz zu denen des Mannes („stark, fest, kühn, ausdauernd, hehr und kraftvoll an Leib und Seele“)[3], sondern reduzieren sie zudem auf eine dem Mann nicht gleichwertige Partnerin. Die Frau wird als Wesen betrachtet, dass Erziehung zwar braucht, aber für Bildung und Entwicklung völlig ungeeignet ist. Ein weiterer Aspekt, der bei einer ganzheitlichen Betrachtungsweise nicht vernachlässigt werden sollte, ist der Wandel der bürgerlichen Sexualmoral: So wird die weibliche Sexualität und alles was damit einhergeht als Fundament für die Definition der Ehe geltend gemacht. Der "gesunden" und "anständigen" Frau werden jegliche erotische Bedürfnisse abgesprochen. Es wird sogar behauptet, die "gute" Frau lasse den Geschlechtsakt nur über sich ergehen; es sei ihr eigentlich etwas Unangenehmes und sie tue es nur, um ihrem Mann Freude zu bereiten[4]. So wird „Untreue“ beim Mann durchaus als etwas Naturgegebenes geduldet, nicht aber bei der Frau; was einmal mehr den Besitzstatus des „Weibes“ markiert. Im Zuge dessen wird auch sprachlich die weibliche Sexualität und Körperlichkeit negiert. Eine Dame habe nun keine „Brust“ und keinen „Busen“ mehr, sondern nur noch „Hals“, und anstatt „schwanger“ zu sein, sei sie nun „guter Hoffnung“ oder „in anderen Umständen“. Die bürgerliche Frau des 19. Jahrhunderts wird folglich weniger als physisch weibliches Wesen denn als „Seele“ oder „gute Seele des Hauses“ beschrieben, vergleichbar mit einem Engel. Diese Metapher definiert auch die Art und Weise, in der bürgerliche Frauen, zum Beispiel nach Knigge, ihren Körper tragen und bewegen sollen: quasi körperlos, alle Aufmerksamkeit auf die Seele lenkend.

Ein weiterer zentraler Aspekt, der zum Idealbild der bourgeoisen Frau als entsexualisierte und körperlose, aber liebende Ehefrau und Mutter gehört, ist die christliche Frömmigkeit.

Es wird angenommen, dass diese ihr von Natur aus leichter falle, da ihre weiblichen Tugenden – Untertänigkeit und Aufopferung – die Voraussetzungen für die hingebungsvolle Frömmigkeit im christlichen Glauben sind, womit einmal mehr ihre dienende Rolle akzentuiert wird.

Um aber dieses Rollenverständnis auch in Zeiten wissenschaftlicher Aufklärung aufrecht erhalten zu können, bedarf es neuer Argumentationsmuster. Diese werden nun nicht mehr nur auf Moral und Religion gestützt, sondern auch um die interdisziplinären Bereiche der Biologie, der Psychologie und der Philosophie erweitert, da man seine Haltungen somit auch faktisch rational belegen kann. So hatten Professoren der Anatomie bereits 1872 den Frauen die grundsätzliche Untauglichkeit aus Ergebnissen der vergleichenden Gehirn- und Schädelana­tomie nachgewiesen: Das angeblich geringere Gehirngewicht mindere deren intellektuelle Leistungsfähigkeit und verhindere logisches Denken. Allen voran der Leipziger Neurologe und Psychiater Dr. Paul Julius Möbius (1853-1907) in seiner Veröffentlichung „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“: „Wollen wir ein Weib, das ganz seinen Mutterberuf erfüllt, so kann es nicht ein männliches Gehirn haben. Ließe es sich machen, dass die weiblichen Fähigkeiten den männlichen gleich entwickelt würden, so würden die Mutterorgane verkümmern und wir würden einen hässlichen und nutzlosen Zwitter vor uns haben.“[5]. Gynäkologen wiederum warnten Frauen vor Hysterie und Geisteskrankheiten, die ihnen bevorstünden, sobald sie von ihrer natürlichen Aufgaben der Ehe und Mutterschaft abwichen.[6]

2.2 Die Studentin um 1900

Diesen Anschauungen und Grundhaltungen zum Trotz rangen sich die beiden Universitäten Heidelberg und Freiburg 1900 als erste in Deutschland dazu durch, weibliche Studenten aufzunehmen; auch wenn Deutschland damit nicht gerade zu den fortschrittlichsten Ländern gehörte: hatte doch die Schweiz bereits seit 1864 Frauen zugelassen (die USA schon 1833, Frankreich 1863 und England 1869). Da das deutsche Schulwesen bis dato an Mädchenschulen einen Schulabschluss mit Abitur ganz einfach nicht vorsah, bot beispielsweise Zürich ausländischen Studentinnen an, in einem Ein-Jahres-Kurs die Hochschulzugangsberechtigung zu erwerben. Hiervon machten u.a. so herausragende Frauen wie Ricarda Huch, Rosa Luxemburg oder Marie Baum Gebrauch.

Doch trotz all dieser Errungenschaften blieb es für Studentinnen noch lange ein Kampf: weder die freie Wahl des Studienganges, die Gleichberechtigung in studentischen Gremien, die Anerkennung akademischer Grade noch der kameradschaftliche Umgang mit den männlichen Kommilitonen waren selbstverständlich. Garantiert hingegen war die ablehnende Haltung der Gesellschaft: Akademiker warnten vor der Ablenkung der Studenten, da durch die Damenanwesenheit ihr erotisches Verlangen geweckt werden würde. Außerdem sei die Wissenschaft durch Verflachung und Verweichlichung existenziell gefährdet.[7] Auch im durchschnittlichen Bürgertum wurde die gebildete, berufstätige oder politisch interessierte Frau zur Projektionsfläche weiblicher und männlicher Aversionen und Ängste. Zudem mussten Frauen, die Berufe ergriffen, sei es als Lehrerin, Krankenschwester oder als Hebamme, in der Regel unverheiratet bleiben.

[...]


[1] Im Folgenden beziehen sich die kursiv markierten Zitate, sowie die kursiv in Klammern gesetzten Seitenzahlen

auf das Manuskript: Hauptmann, Gerhart: „Einsame Menschen“. Drama. Felix Bloch Erben. 651. Berlin

[2] Blochmann, Maria W.: „Lass dich gelüsten nach der Männer Weisheit und Bildung“. Frauenbildung als

Emanzipationsgelüste 1800-1918. Pfaffenweiler 1990, S.7

[3] Blochmann, S.10

[4] Vgl. hierzu: Freiherr von Krafft-Ebing, Richard: "Psychopathia Sexualis. Eine klinisch-forensische Studie".

Stuttgart 1886

[5] Möbius, P. J.: „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“. 5. veränderte Auflage.

Halle a.S. 1903, S. 33f

[6] vgl. hierzu: http://www.uni-heidelberg.de/presse/unispiegel/april2000/frauen.html

[7] vgl. hierzu: http://www.uni-heidelberg.de/presse/unispiegel/april2000/frauen.html

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640934638
ISBN (Buch)
9783640934799
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173318
Institution / Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Note
1,0
Schlagworte
Literaturwissenschaft Rolle der Frau um 1900 Emanzipation erste Studentin Frauenbild Katalysator Katalysatorfigur Charakterisierung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Suche (nach) der Anna Mahr