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Kollektive Identität und die Konstruktion des Anderen am Beispiel des Antiziganismus

Bachelorarbeit 2010 45 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einführang

2. Nationalstaat, kollektive Identität und die Exklusion des Fremden

3. Geschichte des Antiziganismus - ein Überblick

4. Dimensionen der Konstruktion Antiziganismus
4.1. Die rassische, politische und rassenpolitische Dimension S.l
4.2. Dieökonomische Dimension S.l
4.3. Diereligiöse Dimension
4.4. Die Dimension des Doing-Gender

5. Die mediale Inszenierung des “Zigeuners”

6. Situation von Sinti und Roma im “neuen Europa”

7. Schlussbemerkung

8. Quellenverzeichnis

"Einer, der nicht dazugehört, nicht durch Verträge geschützt ist, hinter dem keine Macht steht, ein Fremder, ein bloßer Mensch, ist restlos preisgegeben}[1] ''

- Max Horkheimer

Einführung

Verstärkt seit dem Ende des Kalten Krieges, sind viele Sinti und Roma aus den ehemaligen Ostblockstaaten auf Grund ihrer schlechten sozialen Situation nach West- und Mitteleuropa emigriert. Im ehemals sozialistischen Lager waren sie die ersten, die nach der Perestroika entlassen wurden und gleichfalls auch diejenige Minderheitengruppe, die am schwerlichsten wieder Arbeit fand[2]. Oftmals in ihren Heimatländern verfolgt, fliehen viele osteuropäische Roma auch in die Bundesrepublik, wo den "Nomaden der Neuzeit[3] " nichts als Verachtung und Deklassierung entgegengebracht wird.

Angesichts der deutschen Verbrechen gegen Sinti und Roma im Dritten Reich[4], ist es mir ein besonderes Anliegen, mich mit den Vorurteilen, die es gegen diese Minderheit gibt, zu beschäftigen, an das Vorgessen bzw das Verdrängen des Porrajmos zu erinnern und strukturelle Eigenarten des Antiziganismus hervorzuheben.

Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, zu klären, inwiefern kollektive Identitäten der Mehrheitsgesellschaft die Konstruktion eines "Anderen" bedingen, der in diesem Fall, durch Stereotypen bekräftigt, in der "Konstruktion des Zigeuners" gipfelt.

Dass es eben nicht "den Zigeuner" gibt und die Wirklichkeit eben nicht von uns gefunden, sondern erfunden[5] wird, sollte in den Sozialwissenschaften spätestens seit Berger und Luckmann[6] mittlerweile Konsens sein.

Wie Sinti und Roma alltäglich im politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Diskurs in den Medien neu konstruiert werden - und vor allem - weshalb sich daraus resultierende Vorurteile so hartnäckig in den Köpfen der Mehrgesellschaft halten, soll hier Kern der Arbeit sein.

Zu Beginn gibt eine kurze Einführung einen ersten Einblick in die Thematik der kollektiven Identität und warum ein demokratisch verfasster Nationalstaat dazu tendiert, eine solche zu begünstigen. Desweiteren wird der Zusammenhang zwischen einer kollektiven Identität einer Mehrheitsgesellschaft und einer Konstruktion des Anderen oder Fremden aufgezeigt.

Wissentlich wird im folgenden Kapitel nun die Geschichte des Antiziganismus aufgezeigt und nicht wie erwartet, zur Einleitung vorangestellt. Vielmehr soll der Leser hierbei die verschiedenen Facetten der Legitimierung von Unrecht im Vorfeld erahnen und sich, die Wucht dieser Geschichte bewusst, dem folgenden Gliederungspunkt zuwenden.

Die im nun folgenden Kapitel vorgenommene Analyse der einzelnen inhaltlichen Dimensionen des Antiziganismus glieder sich hierbei in die rassisch-politische Dimension, die religiöse Dimension, die ökonomische Dimension und zuletzt die Dimension des Doing-Gender im Antiziganismus.

Im Anschluss an die inhaltlichen Betrachtungen, soll eine Darstellung der journalistischen Reproduktion antiziganistischer Vorurteile in den Medien und als letzter Punkt eine kurze Skizzierung der derzeitigen Situation von Sinti und Roma in einem vereinigten Europa erfolgen. Die Schlußbetrachtung soll eine knappe Zusammenfassung der Arbeit vermitteln und auf mögliche Entwicklungen verweisen.

Vorangestellt soll hiermit noch erläutert werden, dass im wesentlichen der Begriff "Sinti und Roma", manchmal auch nur "Roma," verwendet wird. Beide Begriffe sind offizielle Selbstbezeichnungen, die im ersteren Fall vom "Zentralrat deutscher Sinti und Roma" und im zweiten Fall vom Roma Weltdachverband "International Romani Union" vorgeschlagen werden[7]. Die Verwendung des Begriffs "Zigeuner" erfolgt immer in Anführungszeichen und deutet auf die abzulehnende Zuschreibung von besonderen rassischen Merkmalen hin.

Nationalstaat, kollektive Identität und die Exklusion des Fremden

Modeme Demokratien stehen in großem Kontrast zu "alten Demokratien", welche wir z.B. in den Stadtstaaten der griechischen Antike - wie zum Bespiel die "Attische Demokratie"- oder den Republiken des späten Mittelalters finden. Antike Demokratien waren nicht in einem Nationalstaat, sondern in Stadtstaaten verfasst, welche als relative face-to-face Gruppen kein modernes Nationalgefühl kannten; allerdings waren hier Frauen, Sklaven und Metöken (dauerhaft in der Stadt lebende "Fremde", z.B. Kaufleute) von der politischen Teilhabe ausgeschlossen. Moderne Demokratien entstanden hingegen im wesentlichen aus großen Territorialstaaten, die auf Grund dessen nicht als direkte Demokratien funktionierten[8] (Menschen kannten sich nicht untereinander) und somit als repräsentative Demokratien verfasst wurden.

Deutlich wird dies am Beispiel des post-absolutistischen Frankreichs, in dessen revolutionsbedingter Entstehung die Genese des Nationalstaats als auch der Demokratie zusammenfallen[9]. Der absolutistische Fürst herrschte von Gottes Gnaden legitimiert, war also vom Volk ideologisch abgetrennt, bestimmte auch lange Zeit deren reliöses Bekenntnis (cuius regio, eius religio) und somit auch wesentliche verbindene Elemente der Untertanen (welche später durch andere "verbindende Elemente" [=Nationalismus] ersetzt werden mussten). Die Legitimation der Herrschaft ging nach der Revoltion vom Herrscher auf das Volk über ("Demokratie" = Volksherrschaft), welches nun einheitlich und souverän geworden war. "Wer ist das Volk" ist nun die wichtigste neue Frage, die zu stellen ist[10].

Historisch durch ihre Entstehungsgeschichte deutlich geworden und durch die Notwendigkeit "das Volk" zu bestimmen, sind Demokratien nationalstaatlich verfasst.

Wenn der Staat nun Bürger und Nicht-Bürger benennen muss, da die Solidargemeinschaft des Nationalstaates nicht universell für alle Menschen gilt, sowie alle weiteren "Rechte und Pflichten" vergeben werden, müssen durch In-/Exklusion einerseits nach Aussen hin Grenzen gezogen werden (Grenzen meist schon vorhanden, aber Legitimation derer) um zu beschreiben, wie weit der Radius der nationalstaatlichen Gemeinschaft reicht, andererseits nach Innen abzugrenzen, wer innerhalb dieses Territoriums Rechtsansprüche stellen kann oder anders formuliert: "(Der)(...) Nationalismus (funktioniert) als Ideensystem, das der Schaffung, Mobilisierung und Integration eines größeren Solidarverbandes, der Nation, dient (...).[11] "

Diese Dichotomisierung in Eigen und Fremd (eben durch Staatsbürgerschaft und Grenzen) kann dazu führen, dass innere Konflikte nach Außen verlagert werden und mit einem Zuwachs von Patriotismus einhergehen[12].

Für Benedict Anderson sind Nationen immer auch "imagined communities[13] ", die in einem abgrenzbaren Gebiet unter souveräner Herrschaft immer als Gemeinschaften dienen, die zwar vorgestellt, also nur gedachte Nationen sind, trotzdem aber auch gleichzeitig so wirkungsmächtig sind, daß sie hinsichtlich ihrer Gemeinschaftsfunktion sogar gefühlte soziale Ungleichheit mit Patriotismus überschreiben können. Durch die Konstruktion der Nation und somit dem Abgrenzen von Anderen, wird eine heterogene Gemeinschaft entwickelt, die als präzise angebbares Staatsvolk zur präzisen Legitimation für das jeweilige politische System wird. Eric Hobsbawm spricht hierbei auch von einer invention of tradition[14], welche der historischen Legitimation noch zuarbeitet, als sie Tradition, Geschichte und Gemeinsamkeiten einer Nation als ursprünglich gegebene Tatsachen im wesentlichen erfindet, die trotzdem aber einflußreich sind.

Ein weiteres Problem ist erkennbar, wenn man sich vor Augen führt, daß die meisten Demokratien zugleich Verfassungsstaaten sind und in diesen Menschenrechte postulieren, die nicht nur für Staatsbürger, sondern universelle Geltung haben. Diese Rechte und die Sanktionsmöglichkeiten bei Nichteinhaltung dieser, enden in den demokratischen Nationalsstaaten allerdings an deren Grenzen, als es auch nach Innen Problematiken gibt, als es Andere gibt, die nicht am demokratischen Prozess teilhaben können, da sie nicht Teil der Nation sind. Hierzu zählen Staatenlose, Asylbewerber, Migranten etc. In gewisser Weise tritt dieses Problem auch auf, wenn "das Volk" in einer tautologischer Weise die Demokratie legitimiert (einerseits durch die Nation, andererseits durch Wahlen), aber gleichzeitig die demokratische Verfassung auch bestimmt, wer wählt. Deutlich wird dies an verschiedenen Begriffen wie "Staatsvolk", "Wahlvolk" oder "Bevölkerung".

Nun, wer ist aber "das Volk"? Hier stellt sich somit auch die Frage nach Identitäten:

Identitäten können grundlegend als konstruierte Zuschreibungen von Eigenarten auf Personen oder Personengruppen verstanden werden. Oftmals schreiben Identitäten "Eigenarten" auf Gruppen oder Einzelpersonen fest, welche auf das "Wesentliche dieser Subjekte" hinweisen. Personen werden auf diese Eigenschaften reduziert und es wird ein entsprechendes Verhalten (oder auch Aussehen etc.) von Ihnen erwartet. Führen kann dies zum Beispiel zu dem von Ian

Hacking so genannten "Looping-Effekt[15] ", der die Reaktion auf angedichtete Identitäten beschreibt, wonach Personen(-gruppen) die ihnen unterstellten Attribute aufnehmen und im Sinne einer self-fulfilling prophecy so umsetzen, daß Sie zur Bestätigung der Identitäten dienen. Oder besser formuliert:

"Die Wirklichkeit zweiter Ordnung(...), ist das Ergebnis einer ganz bestimmten Ordnung, (...) die also nicht das Resultat der Erfassung der 'wirklichen' Welt ist, sondern die im eigentlichsten Sinne eine ganz bestimmte Welt konstruiert. Dieser Konstruktion aber bleiben wir unbewusst(...).[16] " Politisch anzusehen wären Identitäten dann, wenn Sie als etwas "naturgegebenes" angesehen werden, das unveränderlich zu einer Einteilung und Kategorisierung in eine bestimmte Gruppe führt, wonach eine Person in ihren Möglichkeiten zu Handeln eingeschränkt und auf bestimmte Art und Weise festgeschrieben ist. Dieses Prinzip macht der Mediävist Valentin Groebner erstmals am Ende des Mittelalters fest:

"Dieser neue Gebrauch des Wortes complexio (Anm: als das "Nicht-zu-verändernde") fällt zusammen mit dem Aufstieg eines anderen Konzepts, das ebenfalls am Ende des Mittelalters zum ersten Mal auf Gruppen von Menschen angewandt wurde - dem Begriff der 'Rasse', race oder raza}[17] "

Die daraus resultierende Ausgrenzung und Benachteiligung einer Gruppe dient allerdings auch dem "Wir-Gefühl" der einteilenden und kategorisierenden Gruppe, da es gestärkt wird und das "Nicht-Eigene" im Anderen festschreibt (Bsp:"Faulheit der 'Südländer' vs Der Fleiß der Deutschen"). Den Unterschied zu einer individuellen Identität, die sich durch den Bezugspunkt des eigenen Körpers manifestiert, ist der nicht vorhandene kollektive Bezugspunkt, da kein kollektiver Körper besteht - das Innere und das Äußere der Gemeinschaft "muß beständig konstruiert werden.[18] "

Dieses "Othering[19] ",also die "Konstruktion des Anderen" führt also Zwangsweise zu einer Abgrenzung des Selbst, denn "offensichtlich handelt es sich dabei nicht um eine individuelle Identitätsaussage, als wenn die Welt voller Teufel wär; vielmehr ist die Suche nach kollektiver Identität mit der Abwertung ganzer anderer Kollektive dialektisch verbunden, indem sie diese zugleich forciert und sich aus ihr nährt. (...) Als Quelle dieser apokalyptischer Visionen erscheint die Politik kollektiver Identität, die dem einen Kollektiv auf Kosten der Verteufelung des anderen ein Gefühl seiner selbst als kollektives Opfer vermittelt und jenes reine Gewissen macht, das zu den größten Untaten befähigt.[20] "

Die kollektive Identität scheint als Symptom der Auflösung traditioneller Rollen auftrieb zu erhalten:

"Während sowohl in der traditionellen als auch in der industriellen Gesellschaft soziale Rollen im Kern festgelegt und durch Produktionsweise vorgegeben waren, wird die soziale Ordnung in der postindustriellen Gesellschaft immer instabiler. Der Bezug auf Identitäten kennzeichnet in dieser Situation den Versuch, die eigene Position auf dem unsicher gewordenen Grund des sozialen (neu) zu fixieren.[21] "

In Bezug auf den Antiziganismus äußern sich derlei Identitäten, oftmals nicht deutlich erkennbar, unter dem Deckmantel des Kulturalismus als "moderne" Variante des Rassismus:

"Jede Kultur sei singulär und unverwechselbar und habe daher auch ein gleiches Recht auf Existenz. Dieses Recht gelte freilich jeweils nur in >ihrem< Territorium, nicht im Einwanderungsland. Dort seien sonst die einheimische Sprache, die Religion, die kulturelle Tradition bedroht durch die Gefahr der >Kulturvermischung<. Dabei gehe das >authentisch Eigene< verloren.[22] "

Im folgenden soll nun eine kurze Einführung in die Geschichte des Antiziganismus einen Einblick in die Wirkungsmächtigkeit identitärer Konstruke geben und uns zu den Dimensionen dieser jahrhundertealten Feindschaft gegenüber Sinti und Roma führen.

Geschichte des Antiziganismus - ein Überblick

Der negativ konnotierte Begriff der "Zigeuner" leitet sich aller Wahrscheinlichkeit nach vom griechischen Wort athinganoi (=die Unberührbaren)[23] ab und beschreibt Umgangssprachlich eine Menschengruppe, die - so der Volksmund - von Osten her über Jahrhunderte gen Westen zogen. Unter Druck der Eroberungen des Osmanischen Reiches, wanderten viele Roma nach Mitteleuropa und bevölkerten das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Zu dieser Zeit sind sie noch geduldet, wie ein Schutzbrief - mit hoher Wahrscheinlichkeit von Kaiser Sigismund - belegt[24], allerdings wird dieser rund 60 Jahre später auf dem Reichstag zu Lindau 1497 wieder aufgehoben.

Martin Luther bringt im Jahre 1543 den neuzeitlichen Antiziganismus mit dem Antisemitismus zusammen und belegt gängige Klischees zu einer Zeit, in der sich durch "Merkantilismus, Bürgerfleiß und neuzeitlicher Staatsraison"[25] die Situation dieser Gruppen nachhaltig und stetig verschlechtert: "Die Juden seien zu einer grundsuppe aller losen, bösen Buben aus aller Welt zusammen geflossen und [...] wie wie die Tattern oder Zigeuner nur darauf aus [...], die leute zu beschweren mit wucher, die Lender zu verkundschaften und zu verrathen, wasser zu vergiften, zu brennen, kinder zu stelen und allerley meuchel schaden zu thun (sic)."[26]

Schon knapp 200 Jahre später, waren die Umgangsformen von staatlicher Seite deutlicher Rauher geworden: Friedrich Wilhelm I. von Preußen erließ 1725 eine Instruction mit der Weisung, die "Aufhebung des Diebes-/ Rotten-/ Bettler und Zigeuner oder anderen liederlichen Gesindels in Städten und auf dem Lande sicherzustellen"[27] und ermöglichte in deren Rahmen den Tod am Strang für alle "nicht assimilationswilligen, volljährigen Zigeuner.[28] "

Im folgenden Jahrhundert wird der politische Umgang mit den Roma nun vermehrt rückwirkend in Literatur und "Wissenschaft" übernommen und schafft so einen Teufelskreis der Belegbarkeit. Diese Entstehung des Rassenantiziganismus geht Schritt auf Schritt mit der Entstehung des Rassenantisemitismus einher. Beispielhaft für die inflationäre Veröffentlichung von antiziganistischen und antisemitischen Schriften sind zum Beispiel Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann, Johann Friedrich Blumenbach oder Christoph Meiners, die alle nun sämtliche

Nachschlagewerke mit ihren "Ideen" füllen[29]. Ebenso wie seine Kollegen schreibt nun auch Hundt-Radowsky: "So wie die Juden und Zigeuner in Sprache, Sitten und äußerer Bildung auffallende Ähnlichkeiten haben, und daher auf gleiche Abstimmung schließen lassen, so ist auch unter beiden das Verbrechen des Kinderdiebstahls gemein. [...] Vor sechzig oder siebenzig Jahren wurden in manchen Gegenden Deutschlands die Zigeuner, diese Stammesverwandten der Juden, aus den Wäldern, in denen sie ihre Hütten aufgeschlagen hatten, zusammengetrieben und wie Raubtiere totgeschossen; und nie waren die Zigeuner doch einem christlichen Staat so gefährlich als die Juden."[30] Letztere Anmerkung spielt höchstwahrscheinlich auch darauf an, daß sich Roma schon seit der frühen Neuzeit mehrheitlich zum Christentum bekannt haben.

Das Vorbild für die spätere "Zigeunerpolitik" war fraglos Reichskanzler Otto von Bismarck, welcher am l.Juli 1886 mit Mehrheit im Reichstag beschloss, daß "die inländischen Zigeuner, die gemeinschaftlich in größerer Zahl in Deutschland umherzustreifen pflegen, so restriktiv behandelt werden, dass deren Mitglieder sich einer sesshaften Lebensweise zuwenden."[31] Eine bis in die Geschichte der Bundesrepublik vorhandene Institution war der nun 1899 in München gegründete Nachrichtendienst für die Sicherheitspolizei in Bezug auf Zigeuner, der verkürzt Zigeunerzentrale genant wurde[32]. Der Leiter dieser Zentrale, Alfred Dillmann, hatte 1905 im Auftrag des bayerischen Staates das sogenannte Zigeunerbuch erstellt, in dem ca 3500 Personenbeschreibungen registriert waren. Bald um die moderne Methode der Fingerabdruckskunde erweitert, war dieses Buch sogar im freien Handel (sic!) erhältlich.

Das bayerische und bald auch von anderen Ländern übernommene Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen aus dem Jahre 1926[33], lässt nicht nur auf Grund der Wortwahl schon die NS-Politik erahnen, es bildet auch den vorläufigen Höhepunkt der antiziganistischen Politik der Weimarer Republik und ist somit auch ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse. Dass der Antiziganismus auch aus der Mitte der Weimarer Gesellschaft kam, ist am Entwurf des Gesetzes zur Bekämpfung des Zigeunerwesens abzulesen, den der, noch heute als Mitverschwörer gegen Hitler beim Attentat am 20.Juli 1944 verehrte, hessische SPD-Politiker und Innenminister Wilhelm Leuschner mit dem Wortlaut einbrachte, "(...)weil die Zigeunerplage eine dauernde Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit darstelle und weil trotz energischen Vorgehens mit den gegenwärtig verfügbaren Rechtsmitteln eine Ausrottung des Übels bisher nicht möglich gewesen sei."[34]

In o.g. Gesetz von 1926 war beschrieben, dass Roma einer Ausweispflicht unterzogen wurden (die für sonstige Staatsbürger nicht galt) und die, "die den Nachweis einer geregelten Arbeit nicht zu erbringen" vermochten, zu Zwangsarbeit verpflichten werden konnten.[35]

Mit dem 30.Januar 1933 wurde die bisherige Entrechtung fortgeführt und nachhaltig ausgebaut. Teil des Kerns der nationalsozialistischen Ideologie war die "Reinhaltung des deutschen Volkstums", welches durch "Erbkranke" belastet ist. Der Staat muss also nun folge dafür tragen, dass nur wer "Gesund ist, Kinder zeugt."[36]

Als am 14.7.1933 das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses zum Ziel der zwangsweisen Sterilisierung von Personen mit bestimmten Krankheiten erlassen wurde, bildete dies den Beginn, der vollständlichen Entrechtung von Sinti und Roma - hier durch die Legalisierung von Massensterilisationen:

"Wer nicht erbkrank im Sinne des Gesetzes ist, braucht darum noch lange nicht erbgesund und fortpflanzungswürdig zu sein", so in einer Sitzung des Reichsinnenministers.[37] Hinzu kam ebenfalls 1933 die Forderung des "Rasse und Siedlungsamtes" der SS in Berlin, dass "Zigeuner und Zigeunermischlinge - gleichgültig, ob sozial angepasst oder asozial und kriminell - in der Regel unfruchtbar gemacht werden" sollten.[38]

Am 24.11.1933 folgte prompt das Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher, welches auf Grund der dauerhaften Überwachung von Roma durch Polizei zu einer großen Zahl an Einweisungen von Roma in Konzentrationslager führte.[39]

Es folgen das Gesetz über Reichsverweisungen 1934 und das Reichsbürgergesetz von 1935 als ein Teil der Nürnberger Gesetze. Beide zielen auf die Ausweisung von "Ausländern" und machen Roma letzten Endes so zu Staatenlosen.[40]

In der "Ersten Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom 14.11.1935 werden die Nürnberger Gesetze, die sich hauptsächlich gegen die jüdische Bevölkerung richteten, nun gegen weitere Gruppe erweitert:

"Eine Ehe sollte ferne nicht geschlossen werden, wenn generell eine die Reinheit des deutschen Blutes gefährdende Nachkommenschaft zu erwarten sei", was präzisiert meint, daß hiervon die "Eheschließung von deutschblütigen Personen mit Zigeunern, Negern oder ihren Bastarden" betroffen sind[41].

Die erste große Verhaftungswelle war Folge des sog. "Asozialenerlaß" vom 14.12.1937, der unter Druck Himmlers enstand. Personen, "die durch geringfügige, aber sich immer wiederholende Gesetzesübertretungen sich der in einem nationalsozialistischen Staat selbstverständlichen Ordnung nicht fügen wollen, als asozial anzusehen und in polizeiliche Vorbeugungshaft zu nehmen sind."[42]

Der Einfluss Robert Ritters, des Leiters der "rassenhygienischen und erbbiologischen Forschungsstelle", führte Heinrich Himmler am 8.12.1938 zur Ankündigung einer "Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse" in einem Runderlass[43].

Diese konnte mit Hilfe der Kirchen - Roma waren meist christlicher Konfession - und den Kirchenbücher zu einer kategorialen Erfassung von Roma (aber auch zur Erfassung von Juden, die "nur" konvertiert waren) genutzt werden. Anders als bei Juden (hier wurden "Volljuden" und "Mischlinge" 1. bis max 2. Grades erfasst und diskriminiert), wurden Roma neben den "Voll-, Halb- und Viertelzigeunern" auch noch bis zum "Achtelzigeuner" erfasst, also die nur einen "zigeunerischen Urgoßelternteil" hatten[44].

Schliesslich wurde zur Vorbereitung der Deportation, am 17.10.1939, kurz nach dem Überfall auf Polen, die "Festsetzung" aller Sinti und Roma durch Himmler und das Reichssicherheitshauptamt angeordnet. Zuwiderhandlungen wurden mit KZ-Einweisung bestraft[45].

Am 27.9.1939 lies Reinhard Heydrich mit Hochrangigen Offizieren des SS und Einsatzgruppenleitern darüber beraten, wie man die "restlichen 30.000 Zigeuner auch nach Polen" verschleppen könne[46].

Von nun an wurden täglich Roma inhaftiert, verschleppt, in Ghettos gesperrt und schließlich in die Vernichtungslager im Osten deportiert und ermordet.

Der kollektive Ton gegenüber Sinti und Roma wurde nun immer rauher und so schreibt ein populärer Autor derNS-Zeit 1942:

[...]


[1] Horkheimer, Max: Die Juden und Europa. Amsterdam 1968, S. 134.

[2] Barany, Zoltan: Roma in Osteuropa: Die Waisenkinder der Transformation. in: Ost-West-Gegeninformationen, Heft 3 : S. 3 f.,Graz 1999.

[3] Zacharakis, Zacharias: Roma in Berlin: Nomaden der Neuzeit in: Spiegel Online, 3.6.2009, http://www.spiegekde/politik/deutschland/0,1518,628409,00.html (aufgerufen am 4.Juni 2010).

[4] vgl: Rose, Romani: Der Nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma, Heidelberg 1995.

[5] vgl: Förster, Heinz von: Entdecken oder Erfinden. Wie lässt sich Verstehen verstehen? in: Förster, Heinz von (u.a.): Einführung in den Konstruktivismus. München 2009.

[6] vgl: Berger, Peter u. Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt a.M. 1980.

[7] vgl: Zentralrat deutscher Sinti und Roma unter: http://zentralrat.sintiundroma.de/

[8] Schultze, Rainer Olaf: Identitäre Demokratie, in: Nohlen, Dieter u. Schultze, Rainer Olaf (Hrsg.):

Lexikon der Politikwissenschaft.Bd.1. München 2005, S.359

[9] vgl: Arendt, Hannah: Nationalstaat und Demokratie (1963), auf: http://hannaharendt.net/documents/nationalstaatII.html (am 2.Juni 2010)

[10] vgl: Arendt, Hannah: Über die Revolution. München 2000.

[11] Wehler, Hans-Ulrich: Nationalismus: Geschichte - Formen - Folgen. München 2001, S. 2

[12] vgl: Arendt, Hannah: Nationalstaat und Demokratie (1963), auf: http://hannaharendt.net/documents/nationalstaatII.html (am 2.Juni 2010)

[13] vgl: Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Frankfurt a.M. 2005.

[14] vgl: Hobsbawm, Eric u. Ranger, Terence: The Invention of Tradition. Cambridge 1992.

[15] vgl: Hacking, Ian: The Social Construction of What? Harvard 2000.

[16] Watzlawick, Paul: Wirklichkeitsanpassung oder angepasste "Wirklichkeit"? Konstruktivismus und Psychotherapie. in: Förster, Heinz von (u.a.): Einführung in den Konstruktivismus. München 2009, S. 94.

[17] Groebner, Valentin: Der Schein der Person. Steckbrief, Ausweis und Kontrolle im Europa des Mittelalters. München 2004. S. 101.

[18] Giesen, Bernhard: Kollektive Identität. Die Intellektuellen und die Nation 2. Berlin 1999, S. 118f.

[19] vgl: Gernig, Kerstin (Hg.): Fremde Körper. Zur Konstruktion des Anderen in Europäischen Diskursen. Berlin 2001.

[20] Niethammer, Lutz: Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur. Hamburg 2000, S.11f.

[21] Haunss, Sebastian: Was in aller Welt ist "kollektive Identität"? Bemerkungen und Vorschläge zu Identität und kollektivem Handeln. auf: http://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/2001/2001-05-a-258.pdf (am 2.Juni 2010)

[22] Kaschuba, Wolfgang: Kulturalismus: Vom Verschwinden des Sozialen im gesellschaftlichen Diskurs. in: ZfV, Jahrgang 91, Münster 1995, S. 37.

[23] vgl.: Peucer, Caspar: Commentarius de praecipuis divinationum generibus. Wittenberg 1555.

[24] Bastian, Till: Sinti und Roma im Dritten Reich. Geschichte einer Verfolgung. München 2001, S.11.

[25] ebd.: S.15.

[26] Luther, Martin: Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi. in: Luther. Werke. Weimarer Ausgabe. Bd.55, S.61.

[27] Bastian, Till: Sinti und Roma im Dritten Reich. Geschichte einer Verfolgung. München 2001, S.17.

[28] Ebd.

[29] Wippermann, Wolfgang: "Auserwählte Opfer? Shoa und Porrajmos im Vergleich. Berlin 2005, S. 18.

[30] Hundt-Radowsky, Hartwig: Der Judenspiegel. Würzburg 1819. S.47 f.

[31] Reemtsma, Katrin: Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart. München 1996. S. 86.

[32] Bastian, Till: Sinti und Roma im Dritten Reich. Geschichte einer Verfolgung. München 2001, S.21.

[33] Bastian, Till: Sinti und Roma im Dritten Reich. Geschichte einer Verfolgung. München 2001, S.25.

[34] ebd.

[35] Zimmermann, Michael: Verfolgt, vertrieben, vernichtet. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gegen Sinti undRoma. Essen 1989. S.18.

[36] aus Hitler: Mein Kampf, zit.i. Wippermann, Wolfgang: Auserwählte Opfer? Shoa und Porrajmos im Vergleich. Berlin 2005. S. 27.

[37] zit.i.: Müller-Hill, Benno: Tödliche Wissenschaft. Die Aussonderung von Juden, Zigeunern und Geisteskranken 1933 - 1945. Hamburg 1984. S.34.

[38] zit.i. Reemtsma, Katrin: Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart. München 1996. S. 101.

[39] Leidgeb, Ellen / Horn, Nicole: Opre Roma!: Erhebt Euch! Eine Einführung in die Geschichte und Situation der Roma. München 1994. S. 33

[40] ebd. S.34

[41] zit.i.: Wippermann, Wolfgang: "Auserwählte Opfer? Shoa und Porrajmos im Vergleich. Berlin 2005. S. 32.

[42] zit.i.: Wippermann, Wolfgang: "Auserwählte Opfer? Shoa und Porrajmos im Vergleich. Berlin 2005. S. 33.

[43] Zimmermann, Michael: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische Lösung der "Zigeunerfrage". Hamburg 1996. S.301 ff.

[44] Wippermann, Wolfgang: "Auserwählte Opfer? Shoa und Porrajmos im Vergleich. Berlin 2005. S. 36.

[45] Rose, Romani (Hg.): "Den Rauch hatten wir täglich vor Augen". Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti undRoma. Heidelberg 1999. S. 148.

[46] zit.i.: Wippermann, Wolfgang: "Auserwählte Opfer? Shoa und Porrajmos im Vergleich. Berlin 2005. S. 38.

Details

Seiten
45
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640933914
ISBN (Buch)
9783640933518
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173205
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,8
Schlagworte
kollektive identität konstruktion anderen beispiel antiziganismus rassismus antisemitismus diskurs sinti roma NS

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