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Konfliktlösung in Gemeinden

Betrachtungen aus systemischer Sicht

Fachbuch 2011 324 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

INHALT

Vorwort

TEIL 1

01 Einleitung

02 Warum überhaupt Gemeindebau?

03 Was wir von der Systemtheorie lernen können

04 Exkurs: Sekundäre Systeme und ihre Relevanz

05 Gemeindebau in der Vergangenheit

06 Die Qualität der Gemeinde

07 Gemeindesituationen verstehen lernen

08 Nach dem Herzen Gottes fragen

TEIL 2

09 Agiler Gemeindebau und die Einheit der Gemeinde

10 Gebunden im Geist vorwärtsgehen

11 Die Enthüllung der Gerechtigkeit Gottes

12 Echter Dialog: Zwischen Grenze und Freiheit

13 Vertrauen will Gott uns schenken

14 Vision und Auftrag

15 Weisheit im Gemeindebau ist notwendig

TEIL 3

16 Praktische Hilfen und Lösungsmöglichkeiten

17 Die hörende Gemeinde

TEIL 4

18 Neu zur Ordnung der Gemeinde zurückkehren

19 Unser Kampf und die Bewahrung des Glaubens

20 Radikaler Umbau – ein Kraftakt der Gemeinde

21 Schlussbemerkung: Verantwortung und Gnade

Anhang

Wortlaut der sechs Barmer Thesen (1934)

Berliner Erklärung von

Gemeinsame Erklärung von DEA und BFP

Literaturverzeichnis

Über den Autor

Vorwort

»Aber der Herr ist der Geist.
Wo aber der Geist des Herrn ist,
dort ist Freiheit « .

2. Korinther 3, 17

Die Gedanken des vorliegenden Buches sind aus einem langjährigen Prozess des Verstehens und des eigenen Werdens entstanden. Das eine Wort, das den Ausführungen zu Grunde liegt, heißt: Einheit. Die Frage, die ich mir nach jahrzehntelangen persönlichen und auch gemeindlichen Kämpfen immer wieder gestellt habe, ist diese: Wie kann die von Gott geschenkte Einheit Seines Leibes bewahrt bleiben?

Zweifelsohne ist die Gemeinde Jesu Christi durch die vielen Jahrhunderte der Konflikte, Kämpfe und Spaltungen zu einem nur mehr schwachen Leib atrophiert. Aus eigener Schuld. Wohlgemerkt. Nicht Gott hat das bewirkt, sondern der Mensch selbst in seiner Auseinandersetzung mit dem Bruder und der Schwester. In seinem Egoismus, in seiner Selbstzentriertheit, in seiner Ablehnung des anderen hat er sich eigene Wege gesucht, Gemeinde zu verstehen und zu bauen. Auf Kosten der Einheit der Gemeinde.

Inzwischen ist allerdings die Vielfalt des Leibes schon unübersichtlich geworden. Vielfalt ist aber an sich nicht das Problem; sie wird nur zum Problem, wenn einzelne sich von anderen bewusst absetzen, abschotten und andere der Nähe eines Geistes von unten bezichtigen. Dann wird es nicht nur gefährlich; es ist auch die Einheit des Leibes gefährdet. Und mehr noch: Dort, wo dem anderen die echte Gottesbeziehung weitestgehend abgesprochen wird, kommt die uns schnell umstrickende Sünde ins Spiel. Der Apostel Paulus schreibt den Hebräern: » Lasst uns abgelegt haben alles Beschwerende und die gern umstrickende Sünde« (Hebr 12,1). Es geht ihm um diese Sünde, die uns gern umstrickt und an uns haften bleibt - wie ein Kleidungsstück, das zu eng ist und unsere Bewegung behindern will. Es gibt nicht nur Beschwerendes; es gibt auch Sünde. Es geht um Zielverfehlung in Bezug auf die Gemeinde Jesu Christi. Hier muss sich jeder selbst fragen lassen, inwieweit er die Einheit des Leibes durch sein Denken und Handeln gefährdet oder bereits zerstört hat. Es geht damit auch um Verantwortung und Selbstverantwortung.

Wie kann aber die Gemeinde Jesu Christi ihren Lauf erfolgreich vollenden? Gott hat sie ja in diese Welt gestellt und wird sie – am Ende des Zeitlaufes – zu sich entrücken. Wie ist sie darauf vorbereitet?

Persönlich habe ich in all den Jahren die herausfordernde Erfahrung gemacht, dass man viel Erkenntnis über das Wort Gottes haben kann, dennoch aber Sünde ständig beim anderen sucht. Den Balken im eigenen Auge sieht man nicht. Daher glaube ich, dass sich unser Denken, besser unser Denksinn, ändern muss. Und dann unser Handeln. Dann wird sich auch die Situation ändern. Gemeindlich, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich. Doch keiner ist dazu in der Lage. Nur der Heilige Geist. Er möchte uns heute in Deutschland anrühren, führen und in Gottes Richtung lenken.

Propheten sind dabei Sprecher Gottes, die in einer lebendigen Beziehung zu Ihm stehen, von Ihm gesandt sind und Seinen Willen verkünden. Jesus selbst ist uns hier das Vorbild (Joh 14,19; LK 7,16; 24,19; Mt 21,46). Er ist der Prophet, der sich in unserem Reden offenbart und uns das Herz des Vaters zeigen will und auch zeigt. In diesem Licht möchte man das Buch lesen. Am Widerspruch wird jeder die Gewissheit erlangen, dass Gemeinde und Gemeindebau ausschließlich Werk Gottes sind. Dem Leser möchten die Augen geöffnet werden, die Gemeinde in » neuem « und anderen Licht zu sehen, als wir dies in den letzten Jahren erlebt haben.

Möge dieses Buch ein ernstes und ernsthaftes geistliches Suchen und Ringen auslösen, Gemeinde nach Gottes Bild zu bauen. Mit der Schrift hat Er uns den Bauplan gegeben. Aber wir müssen wieder neu lernen, auf Seine Stimme zu hören und ins Gebet gehen. Lasst uns diesen Aufbruch zu Veränderungen wagen. Globalisierung verändert mehr und mehr die Welt. Aber wir müssen Gemeinde wieder neu und lebendig gestalten.

Der Autor hat selbst während seines mehr als 20-jährigen Glaubenslebens in den verschiedensten Gemeinden und Denominationen diese Kämpfe unter den Geschwistern leidvoll miterlebt. Ob Landeskirche, charismatische, pfingstlerische oder evangelikale Gemeinde; immer wieder gab es Trennung, Spaltung, Leid und Unversöhnlichkeit. Gott hat der Gemeinde Ämter und Gaben gegeben, damit sie nicht hilflos und mutlos bleiben muss.

H. Karl Kopanitsak,
im April 2011

TEIL 1

01 Einleitung

Die Tatsache, dass wir uns alle nach mehr von Jesus sehnen und damit auch nach mehr an Gemeinde, bleibt sicherlich unwidersprochen. Aber wie erfahren wir diese Nähe zu Jesus und diese Nähe in der Gemeinde? Indem wir mehr in der Schrift studieren? Indem wir intensiver ins Gebet gehen? Indem wir offener sind für das Wirken des Heiligen Geistes?

Sicherlich gibt es viele Möglichkeiten, die Nähe zu Gott und die Nähe zum nächsten zu suchen und zu fördern. Nicht zu vergessen die Nähe zu denen, die Jesus noch gar nicht kennen. Angesprochen ist damit unser Evangelisationseifer, der bei all der Gemeinschaft nach innen nicht fehlen darf und durch den die Gemeinde auch erst biblisch wächst. Dennoch können wir bei vielen Christen feststellen, dass die ursprüngliche Euphorie, Reich Gottes zu bauen, zwar noch nicht verflogen ist, aber der geistliche Anspruch dem Pragmatismus mehr oder weniger gewichen ist. Zunehmend wird erkannt, dass wir als Christen anderen Zeitströmungen (Esoterik, Individualismus, Vergnügungen, u.a.) die Oberhand gelassen haben. Die Kraft und die Dynamik der Gemeinde sind verloren gegangen.

Wie reagiert die Gemeinde darauf? Oder – mutiger formuliert: Wie wird sie wieder aktiv, die ihr von Gott in der Welt zukommende Rolle als » Himmelfahrtskommando « stärker wahrzunehmen? Viele Gemeindekonzepte haben in den letzten Jahren dazu ihren Beitrag geleistet. Nicht alle sind gleichermaßen akzeptiert worden. Manchen Konzepten wird gar das Etikett des Marketings angeheftet. Von daher sind in den letzten Jahren zahlreiche Grabenkämpfe entstanden, die auch noch beeinflusst sind durch die Auseinandersetzung zwischen Evangelikalen und Charismatikern. Das hat dem Leib Christi enorm geschadet. Noch ist nicht offensichtlich, wohin die Gemeinde des 21. Jahrhunderts tendiert. Gleichwohl sehen wir auch in der Gemeinde enorme Individualisierungstendenzen; manche sprechen sogar davon, dass sich die Gemeinde in Deutschland in Richtung Hauskirche entwickeln könnte. Dieses Entstehen von kleinen Zellen birgt sicherlich Chancen, aber zugleich auch Gefahren.

Häufig entstehen andere Gemeinden aus Enttäuschung, Trennung oder gar Spaltungen. Auf beiden Seiten bleiben Geschwister manchmal frustriert zurück, ohne wirklich Heilung erlebt zu haben. Das Thema » Heiligung « ist in vielen Gemeinden fast schon zum Fremdwort geworden. Viel mehr wird nach neuen Konzepten, nach neuen Methoden und nach neuen Ansätzen gesucht, Gemeinde nach der » eigenen « Vorstellung zu bauen.

Kann aber die Gemeinde Jesu aus diesem Kreislauf des » Immer-wieder-Neuen « aussteigen? Kann sie sich frei machen vom Hang nach »Neuem«, nach » Spektakulärem «? Wird sie die Spaltung aufgeben können, in die sie durch dieses Handeln hineingeraten ist? Wir leben in einer Zeit, die durch ungeheure Veränderungen geprägt ist. In keiner Epoche erlebte die Welt eine so rasante Umwälzung von Staaten, Regierungen, Technik und Erfindungen, gesellschaftlichen Veränderungen, gewalttätigen Auseinandersetzungen, wirtschaftlichen Zusammenbrüchen. Aber auch zu keiner Zeit ist die Welt so gefährdet, wie gerade heute. Der moderne Terrorismus ist nur ein Beispiel. Wir sehen den Planeten Erde » von oben «. Und wir erkennen, wie klein, unscheinbar und zerbrechlich dieses Stück »Erde« tatsächlich ist.

Gemeinde braucht wohl » Heilung «. Der Heiland ist da, wird aber auch ausgeschlossen. Gemeinde existiert, hat aber aufgehört zu leben. Sie »zerbröckelt«, »zerfällt« und wird wieder »neu« aufgebaut. Haben wir diese » Wiederkehr des Gleichen «, über die der Philosoph Friedrich Nietzs che so leidvoll nachgesonnen hatte? Oder können wir uns von sog. Gemeindekonzepten, -Modellen und -Theorien endlich lösen und verabschieden? Brauchen wir sie noch?

Wir erleben andererseits, wie die Welt scheinbar zusammenwächst. Moderne Technologie, Internet und Web 2.0 haben es möglich gemacht. Aber Gemeinde Jesu » implodiert « auseinander. Zumindest steht sie in dieser Gefahr. Können wir es sehen? Können wir es fühlen? Können wir da noch Zuschauer bleiben? Oder gibt es jemand, der die » Bremse « zieht? Wenn ich mir die Apostelgeschichte veranschauliche, dann finde ich so viel Dynamik, so viel Kraft, so viele Impulse. Demgegenüber scheint Gemeinde in der heutigen Zeit an einem gewissen Scheideweg. Sie befindet sich in einer Situation, in der eine Richtungsentscheidung notwendig wird.

Kein Wunder, es hat in den letzten Jahrzehnten so viel gegenseitige Abneigung und Ablehnung, Verachtung und sogar » Verteufelung « (vgl. Berliner Erklärung) gegeben. Jesu Bitte im » Hohepriesterlichen Gebet « geht in eine andere Richtung. Er stellt uns die Vision des Himmlischen Vaters vor Augen:

»Ich bitte aber nicht für diese allein, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; auf dass auch sie in uns ein seien, damit die Welt glaube, dass du mich ge-sandt hast« (Joh. 17, 20-21).

Während die Gemeinde Jesu also mehr und mehr »auseinanderdriftet« und so der Bitte Jesu und der Vision des Vaters entgegenarbeitet, macht sich der Feind auf, Verwirrung und Unruhe zu stiften. Spätestens seit dem 11.09.2001 ist die Welt nicht mehr, wie sie vorher war. Der Tsunami in Süd-Ost-Asien (2004), die Erdbeben in Haiti (2010) und Japan (2011) mit der Atomkatastrophe, die Weltfinanzkrise (2009) und die damit zusammenhängenden Finanzhilfen für ganze Staaten (Irland, Griechenland, Portugal) haben uns vor Augen geführt, dass der Mensch und die Menschheit an ihre natürlichen Grenzen gekommen sind. Auch die Gemeinde Jesu Christi ist heute mehr oder weniger an den Punkt angelangt, wo ihr zumindest Grenzen aufgezeigt werden. Hartmut Steeb, Generalsekretär der Evangelischen Allianz, spricht daher von einem » Anstoß zu neuer Entschlossenheit « und formuliert: » Nicht die Erstarkung anderer Religionen ist unser Problem, sondern eine schwächelnde und verunsicherte Christenheit « (vgl. EiNS!, 4/2010, Vorwort). Sein Tenor: Die Wahrheit des Evangeliums ist uns nicht als Waffe gegen andere Christen gegeben. Denn Wahrheit ohne Liebe ist wie Liebe ohne Wahrheit bedeutungslos – keine biblische Wahrheit, keine biblische Liebe.

Bereits 1997 setzten sich die beiden Professoren Philip D. Kenneson und James L. Street (Selling out the church - The Dangers of Church Marketing, Nashville 1997; ISBN 0 -68701044-6) » vorsichtig und gründlich «, wie es in einer Rezension heißt, mit der Übernahme westlicher Marketingkonzepte durch eine zunehmende Anzahl christlicher Gemeinden auseinander. Auch hierzulande (vgl. Georg Walter, Der Angriff auf die Wahrheit, 2009) fehlt es nicht an kritischen oder warnenden Stimmen, wenn es darum geht, Stellung zu gegenwärtigen Bewegungen zu beziehen. Dennoch ist die berechtigte Frage, ob nicht die Liebe bei all den Auseinandersetzungen schlichtweg auf der Strecke bleibt.

In jüngster Zeit wird die Notwendigkeit innerer Analysen der Gemeinde durchaus erkannt (Kanwischer/Spincke, Das Gemeinde-Comeback, 2010). Die Feststellung, dass viele Gemeinden ihre rückläufigen Entwicklungen einfach ignorieren und sogar die Augen vor dem Ernst der Lage verschliessen, ist allerdings noch nicht bei allen angekommen. Noch traut man den gebeutelten Gemeinden ein sog. Comeback zu; aber es wird nur zum Teil berücksichtigt, dass vor allem erneut Strukturen, Prozesse und Organisation im Fokus der Betrachtung stehen. Es geht auch hier mehr um äußeren Gemeindebau. Fataler noch: Der Blick geht stärker auf die Gemeinde; das Herz Gottes und die Frage, wie Gott Seine Gemeinde sieht und bauen will, stehen dagegen weniger im Vordergrund. Wir sehen aber vor allem die Gefahr, dass mentale Einflüsse auf die Gemeinde zukommen bzw. schon lange auf sie einwirken. Die Schrift spricht von Wölfen und von falschen Propheten; von Menschen, die sich in die Gemeinde einschleichen, um sie zu verwirren. Dagegen möchten wir aufstehen.

Das Ziel des Buches ist daher die Betonung des » inneren Gemeindebaus «, ohne allerdings das Wesentliche der Evangelisation und der Mission vergessen zu wollen. Diese Betrachtung zieht sich durch alle Kapitel und Begriffsdefinitionen hindurch. Dabei sind uns Beziehungen untereinander vorrangig. Der Gemeinde von heute fehlen aber ganz offensichtlich praktische Ansätze, auf Veränderungen, Probleme, Auseinandersetzungen und vor allem Krisen zu reagieren. Gemeindebau in der Vergangenheit war mehr ein »Entwurf«, Gemeinde aus » geordneten « Zuständen zu entwickeln. Nicht oder weniger berücksichtigt wurde, dass die Gemeinde - wie Organisationen, Institutionen der Welt – ebenso in krisenhafte Verläufe gerät. Daher will der Agile Gemeindebau Gemeinde überhaupt und stärker noch aus systemischer Sicht beleuchten. Das Buch ist biblisch orientiert und biblisch ausgerichtet; von daher darf es auch als eine Art Nachschlagewerk zu bestimmten Themen verstanden werden. Es hat nicht den üblichen Verlauf in bestimmte Teile oder Abschnitte; vielmehr kann man sich die einzelnen Kapitel wie konzentrische Kreise vorstellen, die den Blick der Betrachtung von außen nach innen führen – zum Herzen Gottes. Damit ist zugleich die Intention des Buches beschrieben.

Kapitel 02 bis 06 beleuchten Gemeinde stärker in ihrem prozessartigen Werden und gehen der Frage nach, welche äußeren Einflüsse auf die Gemeinde einwirken. Ab Kapitel 07 bis 15 beschäftigen wir uns mehr mit den wichtigen Begriffen des inneren Gemeindebaus: Gemeinde verstehen, Herz Gottes, gebunden im Geist leben, Gerechtigkeit, Grenze und Freiheit, Vision und Auftrag einer versöhnten Gemeinde, Weisheit Gottes. Wir möchten dazu einladen, mehr und mehr die Perspektive Gottes zu sehen und von daher Gemeinde zu bauen. Kapitel 16 will daher ganz konkrete und praktische Hilfen zur Hand geben; hier geht es um einen gemeinsamen Prozess der Gestaltung von Gemeinde. In den Kapitel 17, 18 und 19 geht es um HörenKampfGlauben, also um die Motivation für den Gemeindebau. Kapitel 21 nimmt uns schließlich in die Pflicht, unseren Auftrag als königliche Priester ernst zu nehmen.

Der Agile Gemeindebau ist ein Ansatz, Gemeinde in schwierigen Zeiten zu entwickeln, zu bewahren und zu stärken. Es geht um das Erkennen geistlicher Erneuerungsprozesse und um die Frage, wie Gefahren, Fehlentwicklungen, krisenhafte Verläufe und ähnliches in der Gemeinde entdeckt und behoben werden können. Welche Umgangsformen und Werkzeuge sind dabei notwendig? Und wie reagiert Gemeinde darauf? Jede Gemeinde ist anders; sie hat ihre ganz individuelle Entstehungsgeschichte, ihre ganz individuelle Entwicklung, ihre individuelle Struktur. Welche ganz individuellen Hilfen und Strategien findet jede Gemeinde für sich, um die Einheit zu bewahren? Es geht nicht um Modelle und Konzepte von außen, sondern darum, dass » … wir nicht mehr Unmündige seien, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch das betrügerische Spiel der Menschen, durch die Schlauheit, mit der sie zum Irrtum verführen, sondern, wahrhaftig in der Liebe, heranwachsen in allen Stücken zu ihm hin [oder: in ihn hinein], der das Haupt ist, der Christus. Von ihm aus vollbringt der ganze Leib, zusammengefügt und verbunden durch alle Gelenke, die einander

Handreichung tun nach dem Maß der Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Gliedes, das Wachstum des Leibes zur Auferbauung seiner selbst in Liebe « (Eph 4,14-16).

Erneuerung geschieht von oben her, von Gottes Geist her. Gott selbst ist der Handelnde. Aber wir dürfen um Erneuerung bitten. In unseren Herzen, in unseren Familien, in unseren Gemeinden. Von oben her fließt Gottes Gnade auf uns; der Mensch und die Gemeinde werden im Inneren erneuert. Und von da bricht Erneuerung nach außen, in unser Land. Nicht Angst, sondern Gottes Liebe ist die treibende Kraft.

02 Warum überhaupt Gemeindebau?

Jesus hatte sehr deutlich gesagt: » Ich will meine Gemeinde bauen « (Mt 16,18). Also Er selbst will sie bauen. Stören wir da nicht vielleicht manchmal eher? Sind wir Ihm nicht häufig genug ein Hindernis? Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass wir die »Dinge« oft selbst in die Hand nehmen wollen und Ihn dabei außen vor lassen. Ich muss mich ja nur selbst anschauen! Und dabei wünschen wir uns noch, dass Er unsere Arbeit doch bitte segnen möchte. Was für ein fataler Irrtum an Gemeindebauverständnis. Wie viele haben nach einer bewussten Gemeindespaltung oder ihrem Weggang versucht, selbst Gemeinde zu bauen. Und sind dann häufig genug ganz kläglich gescheitert. Vielleicht auch erst Jahre später.

Nirgendwo sonst aber wächst Gemeinde so radikal, so schnell und so nachhaltig, wie in Gegenden und mit Menschen, die sich scheinbar so wenig Gedanken über »Gemeindebau«, über Methoden, Konzepte, Strukturen, Funktionen und Prinzipien machen. China ist ein viel zitiertes Beispiel. Überall da, wo sich Menschen ernsthaft engagieren, wächst Gemeinde. Sie wächst ganz einfach; und wie von selbst. Und eines wird dabei offensichtlich: Die Welt hat sich verändert, die Gemeinde hat sich bewegt - und also muss sich auch der Einzelne ändern!

Um Gemeinde zu bauen (oder vielleicht auch bauen zu können), erscheint es mir notwendig, Gemeinde aber überhaupt erst zu » verstehen «. Also Fragen zu klären, wie die folgenden: Was ist Gemeinde? Was macht Gemeinde aus? Wie »funktioniert« Gemeinde? Was sind klar zu bestimmende soziale Prozesse im Gemeindeleben? Wie sind diese »gestrickt«? Wie bilden sich Meinungen, Strukturen und Festlegungen? Und jetzt nicht nur vom biblischen Standpunkt her – also vergeistlicht; denn Gemeinde ist ja in die Welt hineingestellt (worden). Der HERR baut Seine Gemeinde; aber Er baut sie eben mit und auch durch Menschen.

Gemeinde und Gemeindebau sind zwar immer » biblisch « gewollt - also davon gehe ich in jedem Fall aus -, aber wir haben es immer auch mit kulturellen und gesellschaftlichen wie auch mit sozialen Einflüssen zu tun. Insofern entsteht Gemeinde nicht in einem »biblisch-autarken« Raum. Die »Gemeinde-Typen« in der Offenbarung des Johannes zeigen das zu deutlich. Auch hier werden nicht alle Gemeinden gelobt, sondern laufen mehr oder weniger »aus der Spur«. Gleichwohl dürfen wir bei unserer Betrachtung nicht die Dimension des » Reiches Gottes « außer acht lassen. Die Schrift lehrt uns ja eindeutig, dass wir die »Einheit« der Gemeinde nicht erst noch herstellen müssen. Im Gegenteil: Wir sind schon jetzt geistlich eins! Das ist auch keine Frage mehr - und wird von den allermeisten so verstanden. Aber das eigentliche Problem ist doch die Frage, wie wir diese Einheit auch tatsächlich bewahren können. Das ist die besondere Aufgabe und Kunst der Gemeinde vor Ort. Hierzu möchte der »agile Gemeindebau« mithelfen und dazu beitragen.

Die wichtige und entscheidende Frage in diesem Zusammenhang ist dann aber: » Was tun wir konkret, um die Einheit der Gemeinde zu bewahren«? Also, anders ausgedrückt: Wie können Menschen aus unterschiedlichen Hintergründen, mit unterschiedlichen Denkstrukturen und Meinungen zu echter »Einheit« finden? Nach dem Ansatz der Systemtheorie (LUHMANN)[1] scheint »Einheit« nur auf der Basis selbstreferentieller Handlungen möglich zu sein. D.h.: Eine Gemeinde bezieht nur ihre eigenen Denkweisen und -strukturen in den Gemeindebau ein und gestaltet sich daraus. Das scheint sie vordergründig dann auch vor Spaltungen und Trennungen und » Auseinandersetzungen « innerhalb der Gemeinde zu bewahren. Aber tatsächlich nur scheinbar, wie wir noch im nächsten Kapitel sehen werden.

Ich denke also, dass soziologisches Denken beim biblischen Gemeindebau nicht einfach ausgeschlossen werden darf. Wir haben von der Schrift (logos) her Gottes Vorstellung von biblischem Gemeindebau. Der Heilige Geist öffnet uns in jedem Fall das Verständnis (rhema) und leitet uns (an) beim Gemeindebau. Und doch ist immer wieder die Frage, wie wir das Reden des Heiligen Geistes verstehen, aufnehmen, verarbeiten und umsetzen. Da haben viele doch andere Vorstellungen, woraus sich auch Denominationen, Strömungen und Bewegungen ergeben.

Gemeindebau nach »traditioneller« Weise hat es vordergründig mit unterschiedlichen Denkweisen und Bewusstseinsvorstellungen zu tun. Daraus entwickeln sich dann diese verschiedenen Formen des Gemeindebaus. Dies » widerspricht « aber im Grunde genommen dem biblischen Verständnis von Gemeindebau und läuft der Vision der Einheit entgegen.

Von daher sehe ich » Agilen Gemeindebau «, wie ich ihn verstehe, zwischen dem neutestamentlichen Logos von Gemeindebau und den bestehenden Gemeindebaukonzepten angesiedelt. Es geht mir nicht um konkrete Formen, Strukturen und Funktionen, sondern um das Verstehen von Gemeinde und –bau; Gemeindebau wird so eher möglich oder doch einfacher. Wir müssen Gemeinde mitbauen; dazu hat uns der HERR den Auftrag gegeben. Aber die Ausformung der jeweiligen Gemeinde steht ideal-typischerweise nicht im Widerspruch zu anderen Gemeinden, sondern spiegelt nur ihre jeweilige Individualität und Identität wider.

Gott hat dazu Apostel und Propheten (Eph 4,11 ff) eingesetzt, auf deren Grundlage Gemeinde entstanden ist und auch immer wieder entsteht. Sicherlich haben wir heute nicht mehr diese » Über/Ur-Apostel «, wie wir sie von der Schrift her kennen. Aber immerhin - sie haben auch heute noch Ihren Auftrag. Auch denke ich, dass sie in der Lage und dazu bestimmt sind , Versöhner im Leib Christi zu sein; also Einheit im Leib Christi wiederherzustellen und auch zu bewahren. Gleichzeitig ist es die Aufgabe der Gemeinde, auf jemand anderen, nämlich auf Jesus, ihren HERRN, und also nicht auf sich selbst, zu verweisen!

02 Warum überhaupt Gemeindebau?

Weltweit erleben wir heute, wie unvorhergesehene Ereignisse – etwa Terroranschläge, Naturkatastrophen, Finanz- und Wirtschaftskrise – zur Wirklichkeit geworden sind. Organisationen und sogar ganze Nationen müssen sich mehr denn je auf diese Extremsituationen einstellen. Das gilt in gleicherweise auch für die Gemeinde Jesu, die immer mehr unter Beschuss von unterschiedlichen Zeitströmungen kommt. Äußerliche Veränderungen, so wirksam sie auch sein mögen, helfen kaum wirklich. Es bedarf innerer Veränderungen im Gemeindebau.

03 Was wir von der Systemtheorie lernen können

Um Gemeinde überhaupt zu verstehen und um zu begreifen, wie eine Gemeinde » funktioniert “, wie sie sich »verändert« bzw. mehr noch »verfestigt“, wie sie sich entwickelt und wie sie kommuniziert oder sich auch nach außen hin » abschottet “, um damit ihre Identität und/oder Individualität zu bewahren, erscheint mir das Reflektieren über LUHMANNs Systemtheorie brauchbar und sinnvoll. Wir können damit gut erfassen, was Gemeinde als soziales Gebilde in ihrem Innersten ausmacht und zusammenhält. Auch können wir dabei eher lernen, welche konkreten Probleme beim Gemeindebau entstehen können bzw. überhaupt existieren. Nicht dass man mich falsch versteht: Ein biblisches Gemeindeverständnis schenkt letztlich nur der Heilige Geist. Und doch müssen wir Gemeinde - wie überhaupt das Haupt, nämlich Jesus - auch erst » sehen “, » anschauen « und (im wahrsten Sinne des Wortes) » begreifen « sowie » betasten “, um tatsächlich Gemeinde leben zu können. Das ist unsere menschliche Aufgabe am Gemeindebau.

Ist die Gemeinde eins?

Ich gehe bei meinen Überlegungen davon aus, dass » Einheit « nichts Statisches ist, sondern etwas höchst »Dynamisches“. Einheit des Geistes und Einheit des Leibes ist sogar etwas sehr Bewegliches. Sie ist spannende Vielfalt. Einheit ist geistlich zwar vorgegeben (durch die Bekehrung zu Jesus und die Eingliederung in die Gemeinde); aber sie vollzieht sich erst in der konkreten Begegnung mit dem anderen. Insofern ist Einheit nicht » einfach “. Sie ist immer wieder gefährdet. Es geht auch nicht um Gleichklang, sondern um Zusammenklang. LUHMANNs Systemtheorie macht das, wie wir noch sehen werden, sehr deutlich. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang zu betonen, dass »Einheit« immer auch gewollt sein muss. Das ist quasi die Voraussetzung für biblischen Gemeindebau. Es gibt keine fruchtbare Zusammenarbeit ohne wirkliche Einheit. Auch gibt es keine wirkliche Einheit ohne echtes Bemühen darum. Dazu aber ist jeder in der Gemeinde unwiderruflich aufgefordert. Und das macht überhaupt nur verständlich, warum Jesus um diese Einheit gebetet hatte.

» Einheit « entsteht tatsächlich - und mehr noch - immer wieder »neu“. Das klingt zunächst widersprüchlich zu dem Gesagten. Und ist doch kein Widerspruch in sich. Denn wenn sie echt sein will, dann darf sie kein » Dogma « sein, sondern muss sich in Gegenwart und Zukunft immer neu » beweisen “ bzw. bestätigen. Dadurch erst wird Gemeinde nach außen hin » offen « - nicht im Sinne von Beliebigkeit, sondern im Sinne von » Freiheit «. Paulus ist ja doch dem Griechen ein Grieche geworden, dem Juden ein Jude ..., » damit er möglichst viele gewinne » (1. Kor. 9). Anders ist Gemeinde, meines Erachtens, auch gar nicht möglich. Sie ist - um es bildlich zu sagen - eine »Bewegung« des Heiligen Geistes. Sie ist nicht unser Eigentum, unser Besitz, unsere Identität! Wir gehören Christus und unsere einzige Identität ist in Ihm.

Wenn aber » Einheit « immer wieder » neu entsteht « bzw. sich immer erst wieder neu finden (soziale vs. geistliche Einheit) und/oder konstituieren muss, dann ist auch klar, dass Gemeinde offen sein muss für Veränderung. Ohne Veränderung, können wir daher sagen, gibt es keine echte Einheit. Auch bedingt und (er-)fordert Einheit geradezu Veränderung. So verstehe ich die Schrift. Und damit rede ich jetzt keiner Philosophie und auch keinem Gnostizismus Bahn. Im Hohenpriesterlichen Gebet (Joh. 17,21-23) betet Jesus ja geradezu diese äußerst komplizierten »Dinge«, die uns zur Einheit ermutigen wollen:

» ... damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst « .

Jesus ging und geht es also um » vollkommene Einheit “, nicht um » ge-spielte «, erzwungene oder (ein-) geforderte Einheit, sondern um Einheit » in Freiheit «. Einheit wird » von oben « gegeben (geistliche Einheit); aber sie wird » von unten « (soziale Einheit) auch bestätigt bzw. mehr noch: »Vollkommene Einheit« erfordert sogar diese gegenseitige Bestätigung. Damit ist Gemeinde zugleich immer auch » unterwegs «. Und in diesem Unterwegssein erwartet sie ihren HERRN.

Das Problem, das ich daher sehe, ist: dass »Einheit« einerseits häufig »nur« rein geistlich verstanden wird, ohne aber den Prozess, wie Einheit immer wieder bewahrt wird oder bewahrt bleiben muss, zu beachten oder zu betrachten. Andererseits wird »Einheit« quasi »selbst« definiert und (fast) alle Einflüsse von außen » abgewehrt «. Man versteht also Gemeinde nur »von oben« her oder baut sie sich selbst. In Wirklichkeit baut aber der HERR die Gemeinde - und Er hat Seinen Schatz ganz bewusst » in irdene Gefäße « (2. Kor. 4,7) gelegt. » Einheit « ist daher mitnichten ein »stilles Einverständnis« untereinander, sondern vollzieht sich im Prozess der Kommunikation. Menschen sprechen, reden, kritisieren und argumentieren miteinander - und in diesem Prozess eben » ereignet « sich Gemeinde und auch » Einheit “. Daher ist Kommunikation immer wieder wichtig. Ein Handeln in und aus Liebe lässt dabei die Herzen gleich schlagen.

Gemeinde als System

Der Begriff » System «, den ich kurz in die Diskussion einführen möchte, kommt aus dem Griechischen und meint so viel wie » Zusammenstellung «. Ein System ist also durch ein Geflecht von Beziehungen und Wechsel-beziehungen definiert, das sich von seiner Umwelt abgrenzt. Diese Bezie-hungen bilden quasi die Struktur eines Systems. Für das Verständnis der Dynamik eines Systems ist das Erkennen dieser Strukturen von grundle-gender Bedeutung. Erst dadurch sind auch praktikable Veränderungen möglich, ohne dass das System in sich zusammenfällt. Aber auch nur so kann es bewahrt bleiben vor allzu starken Einflüssen von außen.

Auf die Gemeinde bezogen bedeutet dies, dass die Mitglieder einer Ge-meinde und das Netz ihrer Beziehungen eine bestimmte Gemeindestruktur repräsentieren. Je nach dem wie diese Beziehungen zueinander sind, welche Meinungen und Vorstellungen, religiöse Überzeugungen und Grundeinstellungen vorherrschen, lässt sich Gemeinde als » evangelikal “, » charismatisch «, » pfingstlerisch « oder sonst wie einstufen. Das ist zunächst nicht negativ zu verstehen, sondern umschreibt wertneutral nur ihre innere Struktur, die sie von anderen – zum Teil fundamental bzw. sogar radikal – unterscheidet. Diese Struktur ist es aber auch, die ihr Wachsen, Schrumpfen oder ihren Rhythmus bestimmt. Darin eingebunden sind » alle « Mitglieder des Systems, woraus sich ein bestimmtes Maß von Integration und Geschlossenheit zueinander ergibt. Entsprechend ist die Beziehung nach außen. Jedes System, und also auch jede Gemeinde, ist darauf be-dacht, alles sie » verneinende « auszuschließen – seien es jetzt andersartige Überzeugungen, religiöse Anschauungen oder theologische Differenzen. Das ist die Stärke einer Gemeinde; aber gleichzeitig auch ihre Schwäche, wenn nämlich notwendige und/oder erforderliche Veränderungen abge-lehnt und – bewusst oder unbewusst – nicht angegangen werden. Die Wahl der Diakone in APG 6 ist ein beredtes Beispiel dafür, wie auf eine bestimmte Situation aber passend reagiert worden war.

Normalerweise kennen wir im Gemeindebau die Begriffe wie » Leib « (Röm 12,3-8; 1 Kor 12,4-30; Eph 4,11-16) als Organisation in Vielfalt und Einheit, » Tempel « (1. Kor. 3,16; 2. Kor 6,16-17; Eph 2,19-22; 1. Petr 2,4-5) als Gegenwart GOTTES und Anbetung in Heiligkeit und Gehorsam, » Herde « (Joh 10,1-16; Lk 12,32; APG 20,28-29; 1. Petr 5,2-4) als geleitete und geschützte Gemeinschaft oder auch » Weinstock « (1. Kor 3,6-9; Joh 15,1-8; Gal 5,22) als Erwählung zu Wachstum und Fruchtbarkeit. Daneben aber auch Begriffe wie » Braut « (Eph 5,25-32; Mt 25,1-13; Off 19,7-9; 21, 2-4.9-10) als Betonung der ausschließlichen Liebe zu JESUS und der Vorbereitung auf sein Kommen, » Heiliges Volk « (1. Petr 2,9; Off 1,6) als Herausstellung der Erwählung, Heiligkeit und Zusammengehörigkeit unter Gottes Leitung sowie » Licht « (Mt 5,14-16; Phil 2,15) als Orientierung und Hinweis auf Gott.

Damit sind die biblischen Vorstellungen der Einheit des Leibes Christi de-finiert. Es sind geistliche Begriffe, die Gottes Sehnsucht nach Einheit (Joh 17,21) ausdrücken. Und doch sehen wir, dass schon in der neutestamentlichen Gemeinde das Problem der Uneinigkeit oder fehlenden Einheit (vgl. 1. Korinther; Epheser) gegeben war. Die Frage, die sich damit für den Gemeindebau stellt, ist: Wie können Menschen Gottes Absichten und Plänen mit Seiner Gemeinde gerecht werden und also Gemeinde entsprechend bauen? Genau das aber führt uns zum System -Gedanken! Systeme, und also auch Gemeinden, haben nämlich eine bestimmte » Grenze « gegenüber ihrem Umfeld, ihrer Umwelt. Diese Systemgrenze definiert alles, was zum System/zur Gemeinde gehört, passt und (gerade) noch angenommen wird; alles andere liegt außerhalb und kann nur Einfluss ausüben, Druck verursachen oder Veränderung bewirken wollen. Die Stabilität der Gemeinde ist davon abhängig, wie sie darauf reagiert. Biblisch gesehen bildet die » Welt « (Mt 18,7; Joh 15,18; 16,33; 18,36; Röm 12,2; 1. Kor 2,12; 3,19; 6,2; 7,31; 2. Kor 4,4; Gal 1,4; 6,14: 1. Joh 3,1; Jak 1,27; 4,4) oder das » fleischliche Wesen « (Röm 8,5; 1. Kor 3,3; 2. Kor 1,12; 1. Petr 2,11-12) diese Grenze. Tatsächlich aber ziehen Gemeinden untereinander solche (nicht -biblischen) Grenzen. Im Extremfall führt dies zur Spaltung oder sogar zum Tod einer Gemeinde, wenn sie nämlich nicht mehr in der Lage ist, die Beziehungen in Einheit zu bewahren.

LUHMANN (1993)[2] hat nun in seiner Systemtheorie klar gemacht, dass Systeme eine Differenz zwischen sich und der Umwelt, zwischen Innen und Außen stabilisieren. Sie formen sich also quasi ein » Regulativ « (Gemeinde identität), das alle auf sie einströmenden Einflüsse in einer für sie inhärenten Weise verarbeitet. Mit anderen Worten: Eine Gemeinde nimmt nur die »Impulse« von außen auf, die auch system immanent sind; alles andere wird »herausgefiltert«. Eine Gemeinde verfestigt damit ihre eigenen Anschauungen und Einstellungen; d.h.: sie tut dies »bewusst«. So entsteht ihre (Pseudo-) Identität und »Ordnung«. Das Wissen um diese Prozesse und Strukturen berührt aber unmittelbar die Frage nach Stabilisierungs- und/oder Veränderungschancen. Denn heutige Gemeinde baut sich zum Teil tatsächlich so auf wie weltliche Institutionen und Organisationen – mit der vermeintlichen Legitimation des Wortes Gottes. Aber Jesu Ansinnen ist es nicht. Er will echte Einheit, d.h. » geistliche Einheit “, die über jede Form von Denomination oder Richtung hinausreicht.

Jedes entwickelte soziale System (Gemeinde) muss dabei nach Talcott Parsons, einem der bekanntesten amerikanischen Soziologen, vier Grundfunktionen erfüllen:

- Anpassung an die Umwelt (adaptation) i.S.v. »Differenz«, »Grenze«
- Zielverwirklichung (goal-attainment)
- Integration (integration)
- Strukturerhaltung (latent pattern maintenance)

Anpassung und Zielerreichung bezeichnen den » Außenbezug «; Integration und Strukturerhaltung beziehen sich auf die inneren Prozesse. Dieses sog. AGIL-Schema schafft und verfestigt gewissermaßen die Form und Struktur einer Gemeinde. Das Problem und die häufige Not, die sich aus system-theoretischer Sicht daraus ergeben, sind: dass komplexe Systeme, wie z.B. eine Gemeinde, sich dadurch mit sich selbst beschäftigen » müssen «. LUHMANN hat hierfür die Begriffe » Selbstreferenz « (oder auch » Selbstreferentialität «) und » Autopoiesis « geformt und in die Systemtheorie eingearbeitet. Es ist wichtig hierbei zu betonen, dass diese Begriffe besondere » Kennzeichen der Kultur der Moderne « (NÖTH, 2004)[3] darstellen. Beim Computerspiel z.B. erreicht diese Selbstbezüglichkeit der Kommunikation seinen Höhepunkt. Und auch viele Gemeinden drehen sich nur noch um sich selbst, ohne dem Missionsauftrag tatsächlich gerecht zu werden. So entwickelt sich Gemeinde immer mehr aus unzufriedenen oder aus dem System selbst erwachsenden Gliedern.

» Selbstreferenz « (Selbstbezug, Selbstbezogenheit) ist dabei die Eigenschaft oder auch die »Fähigkeit« bzw. »Leistung« von Systemen, sich auf sich selbst - statt auf die Umwelt (Jesus: » Geht hin alle Welt «) - zu beziehen, sich also von der Umwelt abzukoppeln. Für die Gemeinde zeigt sich die Tendenz darin, dass sich die Mitglieder eher an internen Verhaltens- und Sprachregeln orientieren als an der Wirkung gegenüber äußeren Einflüssen. Das hat für ihr Fortbestehen und ihre Entwicklung Konsequenzen: Sie produziert einerseits Mitglieder, die sich in ihr Denken und Handeln einfügen oder einfügen lassen; andererseits ist alle Information und Kontrolle daraufhin ausgerichtet. Allerdings bedeutet »Selbstbezug« nicht schon gleich »Isoliertheit«. Denn Gemeinde lebt ja - qua Auftrag - davon, Jünger zu machen; also Menschen zu Jesus zu führen und sie aus der Welt zu »holen«. Auch ist »Selbstreferenz« nicht unbedingt immer negativ zu verstehen - im Gegenteil: Es geht um die »Einheit«, die ein System für sich selbst darstellt. Wie diese Einheit dann im Einzelnen aussieht, ist allerdings eine andere Frage. Einheit ist eben nicht immer schon gleich »Einheit«.

Ähnliches gilt für den Begriff » Autopoiesis «. Der Begriff ist zusammen-gesetzt aus den griechischen Begriffen » autos « = selbst und » poiein « = machen. Autopoietische Systeme sind also solche, die sich » selbst machen « können. Selbstherstellung und Selbsterhaltung sind somit Grundeigenschaften dessen, was als » Autopoiesis « bezeichnet wird. Autopoiesis ist der Vorgang, die Einheit immer wieder neu herzustellen; denn Gemeinde ist durch die Einflüsse von außen (Welt, falsche Lehre, ungesunde Lehre, Irrlehre, neue Lehre, u.a.) dazu gezwungen. Dabei besteht aber immer auch die Gefahr des Eigenlebens. Denn Einflüsse von außen werden zwar aufgenommen; aber in welcher Weise sie in die Gemeinde integriert werden, wird durch die innere Verarbeitung bzw. die Kultur einer Gemeinde selbst bestimmt. Das macht es dann häufig schwierig, als »Neuer« in die Gemeinde zu finden.

Der Begriff erinnert in seiner Bedeutung an die » Selbtsauferbauung des Leibes in Liebe «, wie wir ihn aus Eph 4,16 kennen. Dort heisst es: » Von ihm (Christus) aus vollbringt der ganze Leib, zusammengefügt und verbunden durch alle Gelenke, die einander Handreichung tun nach dem Maß der Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Gliedes, das Wachstum des Leibes zur Auferbauung seiner selbst in Liebe « (SCHLA). Dort ist es das »System« als äußere Form, hier ist es die Liebe als innerer Antrieb des Heiligen Geistes (Röm 5,5; 15,30; 2. Kor 5,14; Gal 5,22). Die Gefahr in der heutigen Gemeinde besteht jedoch darin, dass sie nicht nur die »Welt« und das »fleischliche Wesen« zur Erhaltung ihrer vermeintlichen Einheit aus-schliesst, sondern eben auch gläubige Christen, die unterschiedliche geistliche Erkenntnisse haben.

Gemeinde denken und entwerfen?

»Systeme« wie eine Gemeinde sind nun normalerweise durch Zwecke und Ziele bestimmt. Die Gemeinde hat auch tatsächlich diesen Auftrag, » Licht und Salz « in dieser Welt (Mt 5,13-14) zu sein, das Evangelium in die Welt hineinzutragen und so Jünger zu » machen « (Mt 28,19). Sie erfüllt diese Aufgabe nunmehr seit über 2000 Jahren – mehr oder weniger - »erfolg-reich« bzw. fruchtbringend. Die Frage ist aber, ob sich Gemeinde auf diese nur rein funktionale Art reduzieren lässt und ob nicht die Beziehung der Menschen untereinander in einen sehr viel stärkeren Bezug zueinander gestellt werden muss, um Einheit zu bewahren. Immerhin will der HERR Jesus seine Gemeinde » herrlich « und » ohne Flecken und Runzeln « (Eph 5, 27; Off 19,7-8) dargestellt wissen, wenn Er wiederkommt.

Gemeinde existiert daher mitnichten in einem » umgebungsfreien Raum «, so dass ihre Entwicklung problemlos verlaufen könnte. Immer sind es Einflüsse von außen, die auf sie einwirken, sie berühren und manchmal sogar in Frage stellen. Wie reagiert sie darauf? Was tut sie, wenn unterschiedliche Meinungen und Vorstellungen über konkrete Zwecke und Ziele auftauchen? Kann sie diese divergierenden Impulse ernsthaft » versöhnen «? Sie ist ja doch hineingestellt in dieses Spannungsfeld zwischen Gemeinde und (Um-) Welt. Und darin hat sie sich auch zu bewähren. Es gibt damit quasi diese permanente Notwendigkeit, auch »Stellung« gegenüber Menschen, Meinungen und deren Absichten zu beziehen - und nicht nur gegen die Welt. Das aber erfordert einen Prozess der » Selbstfindung « der Gemeinde – und zwar immer wieder und auch auf neue Weise.

Wir können zwar Gemeinde » denken « und » bauen «; aber wir brauchen auch gemeinsame Vorstellungen von dem, was und wie sie ist und was sie konkret ausmacht. Dies ist ihr nicht automatisch und wie »von selbst gegeben«. Immer wieder verstehen ja Menschen ihre Gemeinde »anders« als der Bruder oder die Schwester in der Nachbarreihe. Veränderungen aber erfordern diese Art von »Selbstreflexion«. Einer der Gründe für das Scheitern von Gemeinden oder für krisenhafte Entwicklungen ist daher auch in der fehlenden Bereitschaft zu sehen, die Dynamik des Umfeldes als für sie »konstitutiv« anzuerkennen und positiv damit umzugehen. Wenn wir uns aber in der Gemeinde dieses Defizits stärker bewusst wären, könnte Kommunikation eine viel größere Rolle spielen. In Japan z.B. wird über ein Problem so lange gesprochen, bis ein Konsens gefunden ist. Das erfordert selbstverständlich Geduld, gegenseitiges Vertrauen und ein gewisses Aufeinanderzugehen. Aber auch nur so kann Gemeinde »attraktiv« sein und wachsen. Nur so wird sie auch ihrer Rolle in der Welt gerecht. Aber wie weit sind wir doch heute in unseren Gemeinden davon entfernt. Echte Kommunikation, Wissen um die Bekehrungsgeschichte des Bruders oder der Schwester, Anteilnahme an den Nöten des anderen – all das finden wir nur noch selten ! Die Gemeinde hat ihren formalen Charakter gefunden, von dem sie sich nur schwer lösen kann. Echte koinonia sucht man in ihr häufig vergeblich.

Der Prozess des Kommunizierens miteinander darf aber nicht nur etwas Institutionalisiertes sein, sondern muss mehr noch eine Bereitschaft und eine Bewusstseinseinstellung werden. Er kann ein regelmäßiges »Warm-up« über die Gemeindeatmosphäre sein, wie das beispielsweise im Wörnersberger Anker, einer christlichen Lebensgemeinschaft, geschieht; da werden oder wurden zweimal im Jahr regelmäßige Treffen abgehalten, bei denen über die gegenseitigen Beziehungen und die Aktivitäten gesprochen wurde. Es gehörte sozusagen zum »Lebenselixier« der Gemeinschaft, solche Treffen zu haben. Entsprechend können in einem solchen Prozess Fragen der Zukunft der Gemeinde, der Innovation, des effektiven Handelns, des Beziehungsgefüges, u.a.m. abgeklärt werden.

Ich habe selbst immer wieder die Erfahrung gemacht, dass häufig über ziel-orientierte Handlungen (Evangelisation, Lobpreis, u.ä.) gesprochen wird; aber eine allgemeine und gemeinsame Abschätzung der Gemeindesituation gab es nicht. Und wenn schon, dann erst bei krisenhaften Situationen. Einen echten Freiheitsspielraum, über Gemeinde zu sprechen, nicht nur, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte und wie der einzelne sie sich vorstellt bzw. auch erlebt, gibt es nur selten.

Es ist dies ein dauernder »Prozess der Versöhnung« in der Gemeinde, wie ich ihn mir aber vorstelle. Versöhnung findet allzu häufig erst zu spät statt. Dann nämlich, wenn Schuld und Schuldeingeständnis da sind. Aber die Schrift sagt uns, dass wir schon » vorher « versöhnt wurden durch das Werk Jesu Christi. Versöhnung ist also vorgelagert, sie ist nicht eine Reaktion Gottes auf den Menschen, sondern Seine Aktion auf die Freiheit des Menschen hin. Insofern können wir immer »Versöhner« sein – Versöhner nach innen, und dann – selbstverständlich – Versöhner nach außen.

Im Systemansatz wird nun neben der Differenz System – Umwelt auch die Differenz Teile – Ganzes betrachtet. Normalerweise wird es als selbstver-ständlich betrachtet, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. In der systemtheoretischen Betrachtung ist aber gerade das Gegenteil die Wirklichkeit! Und das hat auch für jede Gemeinde Konsequenzen. Jedes einzelne Mitglied hat zwar von Gott Gaben und Fähigkeiten (vgl. 1. Kor 12 und 14) erhalten; das sind großartige Potenziale an die Gemeinde. Aber das gemeinde immanente System legt dem einzelnen oft auch Beschränkungen oder auch Selbstbeschränkungen »im Interesse« der Gemeinde (»Identität“) oder einiger Weniger auf. So haben z.B. Frauen, obwohl sie großartige Gaben haben, in manchen Gemeinden nicht die Möglichkeit, diese für den Bau des Reiches Gottes einzusetzen. Leitung vor der Gemeinde und Lehre, Ältestendienst, Austeilen des Abendmahls, u.a. sind ihnen in manchen Gemeinden verwehrt. Ähnliches gilt generell z.B. für die Themen wie » Zungengebet « und »- sprache «, » Taufe im Heiligen Geist «, » Heilung « und » Heiligung «. Die Potenziale einer Gemeinde, ihre von Gott geschenkten Gaben und Fähigkeiten, werden dadurch aber begrenzt und beschnitten. Es ist dies quasi die » Selbstbeschneidung « der Gemeinde zu ihrem eigenen Nachteil. Insofern ist dann das Ganze selbstverständlich weniger als die Summe der Teile!

Ich denke, heutige Gemeinde muss da radikal umdenken, wenn sie einen »fruchtbaren« Weg gehen will. Wir sollen nämlich » alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen « und » zum Maß der vollen Größe des Christus « (Eph 4, 13) hinwachsen. Und das schließt jeden ein, Mann wie Frau; jeden einzelnen, welche Gaben und Fähigkeiten er auch immer haben mag. Eine versöhnte Bez iehung zwischen den Gemeindemitgliedern ist daher nicht nur wünschenswert, sondern in der Schrift, wenn man sie ernsthaft erforscht, (vor-)gegeben. Danach müssen wir streben.

»Versöhnte Gemeinschaft« bezieht sich aber auch auf den Umgang mit unterschiedlichen theologischen Auffassunge n und auf Unterschiede im Schriftverständnis. Nur wenn eine Gemeinde zu einer voneinander lernenden »Organisation« wird, kann Einheit auch tatsächlich gelebt werden. Damit meine ich das ständige Bemühen um das gegenseitige Verstehen und Vertrauen. Es ist ein Willensentschluss, wenn ich mich in den anderen hineindenke und versuche, ihn zu verstehen. Dietrich Bonhoeffer hat uns ja gelehrt, wie tatsächlich Gemeinschaft entsteht – indem ich nämlich den Bruder » erleide «. D.h.: Der andere ist mir » gegeben « und ich bin in diese Beziehung mit ihm gestellt, damit wir alle zum diesem vollen Maße gemeinsam heranreifen.[4] Ich kann mir den anderen also nicht einfach aussuchen. Gemeinde wächst nicht nach meinen Vorstellungen, sondern nach Gottes Vorstellungen. Aber wie lange muss Er warten, bis Er wieder kommen »kann«.

Allzu häufig wird auch die Frage gestellt: »Was ist Gemeinde«? Und dann werden Bibelstellen – z.T. zu Recht - als Belege angeführt, um die eigene Gemeinde(philosophie) zu »begründen«. Meines Erachtens ist es aber genauso wichtig zu fragen: »Wie ist Gemeinde möglich«? Wir bleiben damit nicht beim Problem der » Selbstreferenz « stehen, sondern sehen auch die Notwendigkeit der » Fremdreferenz «. Gemeinde muss nämlich offen sein für das, was Gott immer auch konkret neu wirken will. Das heißt dann, dass wir den Heiligen Geist nicht dämpfen! » Offenheit « ist also etwas, was keine Angst machen sollte, sondern - im Gegenteil - Chancen für fruchtbaren Gemeindebau eröffnet. Insofern widersprechen sich » Geschlossenheit « und » Offenheit « keineswegs - und schließen sich auch nicht gegenseitig aus.

Strategieentwicklung in der Gemeinde?

Wir haben gesehen, dass jede Gemeinde ein bestimmtes Maß an Inte-gration und Geschlossenheit besitzt. Die Beziehungen innerhalb einer Gemeinde folgen einer gewissen Ordnung, haben eine gewisse Kontinuität und Regelmäßigkeit. Und doch ist Offenheit, wie es auch einem system-theoretischen Postulat entspricht, notwendig. Von daher muss Gemeinde umdenken. Für strategische Überlegungen in der Gemeinde bedeutet dies, den Grundsatz der Bewahrung von Flexibilität ernst zu nehmen. Beim Gemeindebau gibt es nämlich immer gleichzeitig unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten. In einem (mehr oder weniger) geschlossenen System werden jedoch von vornherein bestimmte Möglichkeiten - quasi systemimmanent - ausgeschlossen. Dadurch entstehen »einspurige« Strategien, die sich auf die jeweilige Gemeinde verengen. Über den eigenen Tellerrand hinaus wird nicht oder kaum geschaut.

Wenn wir für Gemeinde »Strategien« entwickeln, dann meinen wir - wie auch immer wir es jetzt konkret formulieren oder denken - häufig u.a. an folgendes: Leitbild-Verständnis (Was ist unser Selbstverständnis als Gemeinde?), Positionierung (Wie sehen wir uns? Wie wollen wir von anderen gesehen werden?), Kompetenzen (Gabe, Fähigkeiten, Fertigkeiten) sowie konkrete Aktionen (Konsequenzen daraus, Aktivitäten). Das ist entweder schriftlich formuliert oder zumindest doch allgemeiner Gemeindekonsenz, d.h. das Verständnis: So und genauso bauen wir Gemeinde.

Im Sinne der Flexibilität kommt dabei den Kompetenzen eine besondere Bedeutung zu. Sie sind es immerhin, die darüber entscheiden, was und wie etwas in der Gemeinde angegangen oder nicht angegangen wird. In der Praxis sieht es allerdings häufig so aus, dass nicht alle Gaben und Fähigkeiten be - bzw. ge achtet werden. Es gibt quasi eine geistliche »Auslese« - ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt -, die häufig zu Unfrieden und Unzufriedenheit in der Gemeinde führt. Nicht selten verlassen Geschwister die Gemeinde oder haben innerlich bereits gekündigt. Die Frage, die sich dabei für den Agilen Gemeindebau stellt, ist folgende: Wie kommt ein gemeinsames Handeln zustande, das alle Möglichkeiten der Gemeinde einschließt?

Wenn wir die letzten Jahre betrachten, dann sehen wir, dass immer wieder Versuche da sind, aus diesem »begrenzten« oder »begrenzenden« Rahmen eines althergebrachten Gemeindeverständnisses herauszukommen oder gar auszubrechen. Ob nun Viynard-Bewegung, Hauskirchen-Bewegung oder emerging church - häufig sind es die systemimmanenten Zwänge, die zum »Aussteigen« bewegen. Mit der Konsequenz der weiteren Schwächung des Leibes Christi. Nicht notwendigerweise; aber immer häufiger. Und immer sind es einzelne Menschen (Geschwister!), die verletzen und/oder verletzt werden. Gerade das scheint mir das Dilemma der heutigen Zeit. Wir erleben eine »Multi-Kulti-Gemeinde«, die kaum noch ein echtes Zeugnis für die Welt ist. Alles oder vieles ist - wie in der Welt selbst - austauschbar geworden.

Von daher bleibt tatsächlich zu fragen, was wir ernsthaft voneinander ler-nen können und lernen wollen, ohne uns »abzuschotten« oder gar eigene Wege zu gehen. Scheinbar biblisch in den meisten Fällen, aber doch allzu oft auf Kosten der Einheit des Leibes. Es ist schon eine berechtigte Frage: »Management« - oder »Versöhnung« in der Gemeinde? Und doch denke ich, dass wir nicht unbedingt beides gegeneinander ausspielen können. Beides hat seine Berechtigung und auch seinen Stellenwert in der Ge-meinde.

Jeder Kontakt, sagt schon der Soziologe Niklas L. LUHMANN, ist bereits ein »System«. Das bedeutet dann auch, dass jeder »Nicht-Kontakt« sich zu einem »System« verfestigt. Genauer gefragt: Wie sind die Beziehungen und Kontakte innerhalb der Gemeinde strukturiert? Wo bilden sich Gruppen und/oder Gegengruppen ? Wo werden Menschen, ob bewusst oder unbewusst, aus sozialen Beziehungen ausgeschlossen? Wie entwickeln sich » Gegenbewegungen «? Oder auch » Gegenströmungen «? Wo regt sich Widerstand? Was geschieht, wenn andere in die Gemeinde kommen? Mit anderen Vorstellungen, anderem geistlichen Hintergrund? Dann erleben wir das, was Niklas A. Luhmann von der »Selbstreferenz« im Allgemeinen sagt: Sie entfaltet ihre eigene Geschlossenheit über den » kontrollierten Umgang mit der Negation «! Gerade hierin liegt das Problem, wenn Gemeinde » sich selbst auferbauen soll in Liebe «. Wie gehe ich nämlich mit dem anderen um, der neu in die Gemeinde kommt und auch neue Impulse in die Gemeinde einbringt oder einbringen möchte ? Wir stehen hier vor dem Dilemma, dass Gemeinde nach ihren bisherigen Konzepten wenig bis kaum in der Lage ist, ihre Einheit zu bewahren. Und von daher die vielen Abspaltungen, »Alleingänge« und » Auflösungen «.

Was können wir von der Systemtheorie lernen?

Angesichts der rasanten Veränderung der gemeindlichen Rahmenbedingungen der letzten Jahre durch ein schier unüberschaubares Aufkommen von gedanklichen Einflüssen und Gemeindekonzepten stellt sich die Frage nach der Überlebensfähigkeit für viele freie Gemeinden und auch für die Landeskirchen in einer noch nicht gekannten Radikalität. Lokale Gemeinden müssen ihr Überleben in einer Zeit sichern, deren Eigendynamik und Einflussnahme die gewohnte gemeindliche Stabilität in Frage stellt. Dazu bedarf es eines erneuerten Denkens, wie es der Agile Gemeindebau beabsichtigt.

Vor diesem Hintergrund hilft systemisches Denken, richtige Fragen in der Gemeinde/Kirche zu stellen und Wege zur Problembewältigung zu gehen:

- Diagnose des bisherigen Umgangs untereinander und in der Vergangenheit (Was ist los? Warum ist das so? Was ist zu tun?)
- Verständnis für die Herausforderungen im Gemeindeleben gewinnen
- Wichtige Entwicklungen im Gemeindeleben entdecken
- Soziale Gruppierungen und Zusammenschlüsse in der Gemeinde herauskristallisieren und in Liebe darauf reagieren
- Gaben entdecken lernen und freisetzen
- Ständiger Austausch untereinander
- Entwicklung einer »offenen« Kultur
- Entwicklung einer wertschätzenden Haltung gegenüber Denomina-tionen, Gemeinden im Leib Christi
- Anpassung der Organisationsstrukturen
- Entwicklung neuer Formen der Zusammenarbeit
- Integrationsprozesse (Menschen, Gedanken)
- Optimierung gemeindlicher Prozesse
- Auffinden von Problemlösungsprozessen
- Schärfung der Wahrnehmung für geistliche Unterschiede und deren Wirkungen
- Wissen um Prozesse der Veränderung
- u.a.m.

Jede Einflussnahme hilft der Gemeinde dabei, sich mehr und mehr in das Bild einer neutestamentlichen Gemeinde zu entwickeln, in der Einmütigkeit, Wirken des Heiligen Geistes und Verantwortung gegeneinander möglich sind. Dies betrifft – aus systemischer Sicht – dann unmittelbar die Probleme der Funktionalität der Gemeinde (Wie »funktioniert« Gemeinde?), der Weiterentwicklung ihres Selbstverständnisses (das nicht statisch sein darf) sowie die Überprüfung und Optimierung der Gemeindeprozesse (Wie vollziehen sich Entscheidungen? Was läuft gut? Was läuft schlecht?).

Es sind also letztlich vier Faktoren, die das Gemeindeleben und den Gemeindebau prägen und damit auch die »Gesundheit« einer Gemeinde ausmachen:[5]

1. Die Umwelt (Einflüsse von außen)

2. Der Einzelne /die Einzelne (Erfahrung/Wissen, persönliche Ziele, Bedürfnisse, Ängste/Befürchtungen)

3.

Die Beziehung aller (Entscheidungen, Kommunikation, Konflikte/ Umgang damit, Beziehungen, Hierarchie – formell/ informell)

4. Sachebene (Thema, Auftrag, Aufgabe, Ziele, Strukturen, Werkzeu-ge, Prozesse, Ressourcen, Rahmenbedingunen)

Jede gesellschaftliche Veränderung mutet der Gemeinde eine Veränderung zu. Nicht aber das biblische Vorbild muss verändert werden; vielmehr bedarf die jeweilige soziale Ausprägung der Gemeinde der ständigen »Überprüfung« und ggfs. der Korrektur. Es sind nicht wenige Stimmen, die der Gemeinde in Deutschland eine Entwicklung in Richtung Hauskirche bescheinigen!

Gemeinde ist also nicht statisch; sie ist unterwegs auf ihrem Weg zum HERRN. Dem müssen Ausbildungsstätten (z.B. Bibelschulen, Hochschulen, Jüngerschaftsschulung) in jedem Fall Rechnung tragen, damit Gemeinde gesund wachsen kann. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass vollmächtige apostolische Teams für den Aufbau der Gemeinde zukünftig notwendig sein können. Insofern ist Eph 4,11-16 dringlicher als je zuvor. Gemeinden brauchen – wie wir es aus der Schrift wissen – Begleitung. Eine Gemeinde oder eine Leiterschaft, die sich isoliert und auf Hilfe von außen verzichtet, vor allem wenn es Konflikte in der Gemeinde gibt, geht am Ziel der Selbsterbauung des Leibes vorbei. Selbsterbauung geschieht durch den ganzen Leib, nicht durch einzelne. Ein einzelner oder eine einzelne Gruppe ist nicht in der Lage, alle Sozial-, Prozess- und Inhaltsebenen im Blick zu haben. Aber wenn alle Gelenke einander Handreichung geben, kann es gelingen. Zu jeder fruchtbaren Entwicklung gehören: Können, Wollen und Dürfen. Das müssen Gemeinden und vor allem Leiter wieder neu lernen und »durchbuchstabieren «.

04 Exkurs: Sekundäre Systeme und ihre Relevanz

Mit seiner Schrift „ Theorie des gegenwärtigen Zeitalters “ (erschienen 1955) versucht der Soziologe Hans Freyer den – vor allem technischen, aber auch gesellschaftlichen - Wandel zu beschreiben. Er skizziert die Industriegesellschaft im Gegensatz zu älteren Gesellschaften als sogenanntes „ sekundäres System “. Diese Denkweise findet auch heute ihren Widerhall in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise, in der sich die Finanzmärkte verselbständigten. Aber auch im Bereich des Gemeindebaus sind solche sekundären Systeme für die Erklärung bestimmter Phänomene, z.B. „ geistlicher Missbrauch “, überaus interessant zu studieren.

Sekundäre Systeme “ sind – nach Freyer - dadurch charakterisiert, dass sie Handlungsabläufe entwerfen, die nicht an vorgefundenen Ordnungen – wie etwa die Kultur einer Gemeinde – anknüpfen, sondern von wenigen zweckrationalen Setzungen ausgehen, von denen her sie konstruiert sind und ihre Rationalität erhalten. » Solche Handlungsabläufe beziehen die Menschen nicht als Person in ihrer Ganzheit, sondern nur mit den Antriebskräften und Funktionen in sich ein, die von den Setzungen und deren Realisierung gefordert sind «.[6] Das klingt zunächst sehr soziologisch und schwer verständlich. Aber wenn wir die »Antriebskräfte« beispielsweise als ein anderes theologisches Verständnis und die »Setzungen« als theologische Ausbildung und Ausbildungsstätte begreifen – oder auch umgekehrt, dann verstehen wir, warum es in vielen Gemeinden zu derartigen Problemen wie Spaltung, Parteienzwist oder Machtmissbrauch

kommen kann. Gerade bei Pastoren, die von außen in eine Gemeinde kommen, besteht die Gefahr, dass sich solche sekundären Systeme etablieren. Sie bringen oftmals eine andere theologische Prägung, Erfahrung oder Intention mit, die sich von denen der Gemeinde – manchmal sogar gravierend – unterscheiden. Wenn sie da keine Geduld und Demut aufbringen, kann es für eine Gemeinde gefährlich werden und zu einer Spaltung kommen, im schlimmsten Fall sogar zu einer Katastrophe, wenn sich eine Gemeinde sogar ganz auflöst. Beides habe ich schon erlebt!

Ein Beispiel aus der Schrift …

In einem solchen » sekundären System « bleibt grundsätzlich außen vor, was die Menschen sind oder sein sollen. Die Befriedigung ihrer (berechtigten) Bedürfnisse ist nicht Ausgangspunkt der Handlungsabläufe, sondern das, was das System vorgibt. Die Dynamik und verhaltensprägende Kraft eines solchen Systems darf dabei nicht unterschätzt werden. Es wird und ist selbst Subjekt des Handelns. Ein gutes Beispiel finden wir in der jüdischen Tradition, die mit ihrer Regelung nach Gesetzen verknüpft ist. Als die neutestamentliche Gemeinde entstanden war, gab es nach wie vor Probleme mit der Gesetzlichkeit. Obwohl Christus das » Ende des Gesetzes « (Röm 10,4) bedeutete, musste Paulus selbst eine so etablierte Persönlichkeit wie Petrus öffentlich zurechtweisen. Wir finden diese Auseinandersetzung des Paulus mit Petrus in Antiochia in Galater 2,11f:

» Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht; denn es war Grund zur Klage gegen ihn. Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürch tete . Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, so dass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln «.

Wir haben also hier die – zunächst umgekehrte - Problematik, dass von außen die jüdische Tradition auf die neu entstandene Gemeinde Einfluss nahm, indem sich ein neues System bildetete, das beides – Freiheit und Gesetzlichkeit - tollerierte, und das Verhalten bestimmte. Dank dem Wirken des Heiligen Geistes und des Paulus konnte dieses Problem aber bewältigt werden. Ein Petrus ließ sich sogar von dem Heidenapostel Paulus etwas sagen! Dennoch sehen wir, wie späterhin die Gemeindestreitigkeiten im Apostelkonzil (APG 15) noch zum Thema wurden. In diesem Fall also war nicht nur die neutestamentliche Gemeinde entstanden, sondern ein sekündäres System aus Freiheit und Gesetzlichkeit, das sich mit Petrus´ Verhalten etabliert hatte. Dieses nahm von außen Einfluss auf die neu entstandene Gemeinde – mit ihrer vom Heiligen Geist gewirkten Erkenntnis von Gnade und Freiheit. Nicht die Gnade allein sollte ausschlaggebend für das Heil sein, sondern Gnade und gesetzliche Handlung – und zwar zugleich. Das aber hebelte das Evangelium aus. Und dagegen stand Paulus – zu Recht – auf.

Die Negation des Systems

Ein » sekundäres System « ist daher eine weitgehend voraussetzungslose Konstruktion. Es entwickelt sich nicht auf einem gewachsenen Boden (hier: die neutestamentliche Gemeinde). Es nimmt keine vorgefundene Ordnung (Freiheit, Gnade) in sich auf, anerkennt auch kein hergebrachtes Eigenrecht und vertraut keiner vorausliegenden Gültigkeit. Mit anderen Worten: Ein solches System negiert das vorhandene! Es ignoriert und »entrümpelt«, was im bisherigen System als verbindlich gegolten hat.

Wenn wir das auf die Gemeinde übertragen, dann verstehen wir, wie Gemeinden eines Tages ihre Identität verlieren können und sogar manch-mal ihre Berufung. Wie es im Industriezeitalter zur » Entfremdung « des Arbeiters von seiner Arbeit gekommen ist, so geht in einer Gemeinde die Brüderlichkeit

und (äußere) Einheit verloren. Die Gemeinde hat dann nur noch den Namen, aber ist geistlich tot (Off 3, 14 ff., Laodizea).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Sekundäres System im Neuen Testament

Das sekundäre System negiert nicht nur die althergebrachte Tradition der jüdischen Kultur mit ihrer Vielfalt an Gesetzen und Regeln; es negiert auch die neutestamentlich Gemeinde mit ihrer von Gott geschenkten Gnade und Freiheit (vgl. Kol 2,16–23; Gal 4,1–11.19; Röm 7; 1. Tim 4,1–4).

Theologie und genormte Verhaltensweisen definieren also oftmals ein System, das den Menschen willig und angepasst macht oder machen will. Das Besondere an » sekundären Systemen « ist, dass sie sich hinsichtlich ihrer Funktion und Legitimation auch grundsätzlich unabhängig von früheren und gewachsenen Strukturen machen.[7] Dennoch benötigen sie für ihre Stabilisierung tatsächlich die Unterstützung von Institutionen und Traditionen (z,B. jüdische Tradition), die ihnen zeitlich vorausgehen und die außerhalb dieser liegen.[8] Im Falle der Gemeinde und ihrer internen Problematik können dies auch theologische Vorstellungen sein – wie etwa die Einstellung zur charismatischen Bewegung oder zur Pfingstbewegung (vgl. Berliner Erklärung, 1909, Anhang) bzw. die Einschätzung der Rolle des Heiligen Geistes – und dahinterstehende Bibelschulen oder Ausbildungsstätten und Autoritätspersonen. Diese Einstellungen und Einschätzungen nehmen dann Einfluss auf die vorgefundene Gemeinde.

Widerstände stabilisieren eher solche Systeme, als dass sie sie beseitigen. Es sei denn, dass – wie im Falle Antiochia und bezogen auf die Gemeinde Jesu – das Wirken des Heiligen Geistes spürbar wird. In jedem Fall hinterlassen » sekundäre Systeme « in den Menschen eine Leere, die sogar so weit gehen kann, dass man die Gemeinde und die Gottesdienste meidet, andere Gemeinden besucht – oder schließlich die Gemeinde wechselt. Es muss aber nicht in jedem Fall » geistlicher Missbrauch « im Spiel sein; wo es von Seiten der Leiterschaft jedoch zu »Entgleisungen« kommt, kann dies nicht allein mit dem Vorhandensein eines sekundären Systems erklärt werden. Dann liegt es häufig in der Persönlichkeit des Betreffenden begründet.

Die Dynamik eines sekundären Systems

»Sekundäre Systeme« tendieren dazu, ein sich immer weiter steigendes Tempo zu produzieren. D.h.: In einer Gemeinde kommt es zur Konflikt verschärfung und seltener, falls die » Weisheit von oben « (Jak 3) fehlt, zu einer Vermeidung weiterer Konflikte. Es entstehen Parteiungen, die das sekundäre System notwendigerweise gebiert, bis es schließlich alle Glieder, die widerstehen und sich widersetzen, ausgeschlossen hat. Man kann das mit einem Luftballon – als sekundärem System – vergleichen, der sich in einem Eimer mit Wasser befindet. Je mehr sich dieser aufbläht, desto mehr Wasser verdrängt er, bis schließlich kein Wasser mehr im Eimer ist.

In einem »sekundären System« geht es von daher um Unbeschränktheit bzw. Unbeschränkbarkeit und Dominanz. Es geht nicht mehr um den Nutzen einer Gemeinde, sondern um Macht. Subjekt, der maßgebende Bestimmungsfaktor, ist das System bzw. die bestimmende Denkweise selbst. Für ein solches System gilt, was Thomas Bernhard schreibt:[9]

» Was ein Mensch sonst noch ist oder sein könnte, was ihn einmalig und unverwechselbar machen würde: Charakter, Empfindungsreichtum, jegliche Differenzierung, Herkunft, Geschichte, alles Qualitative, im Unterschied zu dem, was quantifizierbar ist, wird als störendes Beiwerk ignoriert, unterdrückt und schließlich zum Verschwinden gebracht. Die Vermittlung eines Besonderen mit einem Allgemeinen, auch Voraussetzung von Bildung und Entwicklung statt Dressur und Anpassung, findet nicht mehr statt «.

Letztlich wird der Mensch in einem »sekundärem System« einer Gemeinde auf ein ausführendes Individuum reduziert, ohne eigene Freiheit oder Kreativität. Man kann deshalb bei einem »sekundären System« von » Bedrohung der individuellen Freiheit « (Werner Conze, 1957) sprechen. Im Falle der Gemeinde ist dann zu befürchten, dass sich » Gesetzlichkeit « breit macht – und das Wirken des Heiligen Geistes gedämpft wird. Der Galater-Brief warnt ausdrücklich davor: » So unverständig seid ihr? Nachdem ihr im Geist anfingt, werdet ihr nun im Fleisch ans Ziel gebracht « (3,3, JAN-Übs.)?

Die Gefährlichkeit sekundärer Systeme

»Sekundäre Systeme« sind nun deshalb so gefährlich, weil der Gläubige allein von seiner Funktion her definiert wird (Zustimmung – ja / nein) und dem System angepasst wird. Der Einzelne wird – wie Freyer sich ausdrückte - » genommen «, » gelebt « und » ergriffen «. Der Mensch als Subjekt wird zum Objekt des Systems, der Gemeinde. Letztlich entfremdet sich der Mensch dabei – mehr und mehr – von den Geschwistern und von Gott.

Mehrmals spricht die Schrift davon, wie sich Menschen in die Gemeinde eingeschlichen haben. Das macht die Wichtigkeit des Themas umso deutlicher. Im Folgenden die biblischen Belege:

» Denn es hatten sich einige falsche Brüder eingedrängt und neben eingeschlichen, um unsere Freiheit auszukundschaften, die wir in Christus Jesus haben, und uns zu knechten « (Gal 2, 4)

» Denn es haben sich einige Menschen eingeschlichen, über die schon längst das Urteil geschrieben ist; Gottlose sind sie, missbrauchen die Gnade unseres Gottes für ihre Ausschweifung und verleugnen unsern alleinigen Herrscher und Herrn Jesus Christus « (Jud 4).

Aber auch APG 20, 29: » Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied räuberische Wölfe zu euch hineinkommen werden, die die Herde nicht schonen; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger wegzuziehen in ihre Gefolgschaft «.

Joh 10, 11-13: » Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt und zerstreut die Schafe. Der Mietling aber flieht, weil er ein Mietling ist und sich nicht um die Schafe kümmert «.

Dass es sich bei »sekundären Systemen« in der Gemeinde aber nicht immer um lehrmäßige Strukturen handeln muss, macht die Schriftstelle aus 2. Tim 3 deutlich. Auch christlich-ethische Fragen können ein solches System verfestigen und eine Gemeinde beeinträchtigen. Aber immer kommen die Angriffe von außen, schleichen sich Menschen ein und kommen neben her. Deshalb ermutigt uns Paulus zum Glaubenskampf.

Die heutige Gemeinde muss auf der Hut sein, wenn sie ihrem HERRN entgegengerückt werden wird. Jesus warnte ausdrücklich davor, dass nicht alle, die ihn HERR nennen, auch tatsächlich mit Ihm verbunden sind. Sekundäre Systeme, wie ich sie hier vorgestellt habe, sind wie gedankliche Festungen, die die Gemeinde angreifen und zerstören wollen. Ihr Vorhandensein (vgl. Gal 1,6–7; Eph 6,10–17; Hebr 10,29) zu erkennen, war Anliegen dieser Ausführungen.

05 Gemeindebau in der Vergangenheit

In der Vergangenheit hat es niemals an Gedanken gefehlt, Gemeinde zu formen, zu bauen und zu entwickeln. Seit der Entstehung der neutestamentlichen Gemeinde gab es immer wieder neue Anläufe. Häufig genug aber waren es Reaktionen auf Unzufriedenheit, Unzulänglichkeit, Besserwisserei und Rebellion. Das unterscheidet die heutige Gemeinde grundsätzlich von der neutestamentlichen Gemeinde. Letztere war eine Antwort auf die Berufung des HERRN gewesen und wurde eindeutig vom Heiligen Geist ins Leben gerufen und angeleitet. Daraufhin finden wir auch entscheidende Merkmale des Gemeindebaus in der Schrift. Von daher haben alle Kriterien im Gemeindebau von der Schrift auszugehen.

Viele interpretieren jedoch die Schrift so, wie sie sie verstehen. Das macht die eigentliche Schwierigkeit im Verständnis des Gemeindebaus aus. Die Streitpunkte haben sich über die Jahrhunderte hinweg wenig verändert; trotzdem wollen wir einige dieser Streitpunkte klar herauskristallisieren. Sie prägen auch heute noch die Gemeindelandschaft, obwohl wir eigentlich mit der Einheit der Gemeinde und ihrer sozialen Ausformung schon weiter sein sollten. Einige dieser Streitpunkte sind: Frauen in Leiterschaft, Heiligung, Thema Heiliger Geist, Heilung, allgemeines Priestertum, Lobpreis und Anbetung, Leitungsautorität, Jüngerschaft und anderes mehr. Häufig waren es Lehrthemen, die zu Uneinigkeit und Spaltungen geführt haben; in den letzten Jahren gibt es aber auch eine Tendenz zu geistlichem (Macht-) Missbrauch. Immer aber sind es damit verbunden menschliche Unzulänglichkeiten, die den Gemeindebau und gesundes Gemeindewachstum behindern. Die Frage ist also generell, wie und ob wir uns überhaupt dem »Bild« und Ideal der neutestamentlichen Gemeinde (an) nähern können. Oder bleibt es immer nur bei einem Versuch? Ist der Mensch zu egoistisch und einfach zu unfähig, Gemeinde nach neutestamentlichen Prinzipien zu bauen? Immerhin gab es schon in der frühen neutestamentlichen Gemeinde zahleiche Probleme, Irrlehrer, falsche Propheten und Menschen, die sich in die Gemeinde eingeschlichen hatten, um diese zu verderben. Inwieweit der Teufel dabei immer schon im Spiel war, werden wir an anderer Stelle diskutieren.

Wenn wir bedenken, dass Paulus den überwiegenden Teil des Neuen Testaments geschrieben hat, dann müssen wir konsequenterweise bei seiner ganz persönlichen Entwicklung ansetzen. Denn das Werden der neutestamentlichen Gemeinde ist unwiderlegbar mit seinem eigenen Werden verbunden. Immer wieder betonen die Ausleger der paulinischen Schriften auch diesen Umstand. Und vermutlich werden wir bei vielen Gemeindegründern denselben Tatbestand feststellen können.

Zweifelsohne ist eine Trennung zwischen Entstehung der lokalen Gemeinde und dem persönlichen Werden der Menschen auch gar nicht machbar. Gott arbeitet ja an, mit und durch Menschen. Zudem sind wir stets Kinder unserer Zeit und unserer Erfahrung. Von daher können die verschiedenen Gemeindebauvorstellungen auch gar nicht vollends miteinander verglichen oder – mehr noch – beurteilt werden, ohne das Werden des jeweiligen Gründers im Auge zu haben. Die Frage des Erfolges (im Gegensatz zur Frucht) kann aber auch kein endgültiges Kriterium für einen erstrebenswerten Nachahmungseifer sein. Immer müssen Zeit, Ort und Personen zusammenkommen, damit Entscheidendes geschieht.

Was aber den meisten Gemeindebaukonzepten gleich zu sein scheint, ist, dass wir es immer wieder mit » charismatischen« Persönlichkeiten (Ausnahme: Emerging Ch urch) zu tun haben. Von daher sind die meisten Konzepte konkret mit Namen zu identifizieren. Dies ist eines der Erkennungsmerkmale beim Gemeindebau schlechthin. Und das bestätigt die Annahme des Zusammenwirkens von persönlichem Werden und Gemeindebau. Ob Bill Hybels (Willow Creek), Rick Warren (Saddleback) , John Wimber (Vineyard-Bewegung) oder – als fragwürdiges Beispiel etwa - Helmut Bauer (WORT+GEIST) – immer ist es die Person des Gründers, die ein neues Konzept oder eine neue Bewegung hat entstehen lassen. Es sind nicht generell neue Konzepte; aber doch Impulse für das Werden einer »neuen« Entwicklung. Dann aber haben wir uns zu fragen, was sie generell Neues »entdeckt« haben oder vorgeben, entdeckt zu haben.

Es hat also in der Vergangenheit immer wieder Impulse gegeben, neue Konzepte in den Gemeindebau einzubringen. Die Zahl der Bücher, Zeitschriften und Gedanken, in denen über Gemeindewachstum und -bau nachgedacht und reflektiert wird, ist fast schon unüberschaubar. Nicht alle Impulse sind gleichermaßen brauchbar und immer schon klar biblisch orientiert. Manchen Konzepten spürt man den menschlichen Drang nach Innovation ab; auch fehlt zum Teil ein klar fundiertes, für alle Denominationen und Bewegungen gleichermaßen brauchbares Fundament, das den geistlichen Aspekt des Gemeindebaus begleitet.

In 1. Thess. 5,21 lesen wir: » Prüft aber alles, und das Gute behaltet «. Wir sollen also prüfen! Dies ist auch ein Prinzip des »agilen Gemeindebaus“. Wir dürfen nicht generell alles » verteufeln «, wenn wir es nicht gleich »verstehen« oder innerlich unsere Probleme damit haben. Wenn wir ernsthaft mit dem HERRN leben, dann wird der Heilige Geist uns vor Schaden bewahren, aber auch - da und dort - die Augen für neue Anregungen öffnen. Gewiss, Verführer wird es immer geben (vgl. Judas 4). Aber wir haben aus der Schrift die Gewähr, dass Gott uns diese, also die Verführer, zeigen wird. Der Judas-Brief, der eine

deutliche Warnung vor Irrlehrern darstellt, und 2. Petrus 2,2 zeigen uns entsprechend Merkmale der » Verführer « auf:

Sie verkehren die Gnade unseres Gottes in Zügellosigkeit [Jud. 4]

- Sie verleugnen Gott, den einzigen Herrscher [Jud. 4]
- Sie verleugnen unseren Herrn Jesus Christus [Jud. 4]
- Sie haben » Träumereien « [Jud. 8]
- Sie verachten die Herrschaft Gottes [Jud. 8]
- Sie lästern [überheben sich] » Mächte «, also den Teufel [Jud. 8]
- Sie » lästern alles, was sie nicht verstehen « [Jud. 8]
- Sie gehen den Weg Kains [Jud 11]
- Sie gehen - » um Gewinnes willen « - den Weg Bileams [Jud 11]
- Sie haben die » Widersetzlichkeit Korahs « [Jud. 11]
- Sie weiden » ohne Scheu sich selbst « [Jud. 12]
- Sie sind » Unzufriedene, die mit ihrem Schicksal hadern « [Jud. 16]
- Sie wandeln » nach ihren Begierden « [Jud. 16]
- Sie reden » übertriebene Worte « [Jud. 16]
- Sie » schmeicheln aus Eigennutz ins Angesicht « [Jud. 16]
- Sie wandeln » nach ihren eigenen gottlosen Begierden « [Jud. 18]
- Sie verursachen » Trennungen « [Jud. 19]
- Sie haben » nicht « den Geist Gottes [Jud. 19]
- Sie führen » heimlich verderbliche Sekten ein « [2. Petr. 2,1]

Eines der deutlichsten Merkmale der »Verführer« ist also: Ich - meiner - mir - mich selbst. » Eigennutz «, » Selbstüberhebung « (gegenüber Gott und den » Mächten «) und Bedachtsein auf » eigenen Gewinn « sind wesentliche Kennzeichen. Darauf müssen wir vorbereitet sein, wenn wir uns mit neuen Gemeindebaukonzepten beschäftigen. Es sind vielleicht fähige bis sehr fähige Menschen, die vordergründig »Erfolg« haben und Menschen (im wortwörtlichen Sinne) » mitreißen « - aber doch in die eigene Richtung. Ihre Motive sind unrein, auch wenn sie selbst es manchmal gar nicht bewusst merken und so verstehen. Das kann aber leicht zur Abneigung, Ablehnung, gar Neid und vielleicht sogar »Hass« führen. Wir aber sollen » nüchtern « bleiben (1.Kor. 15,33-34; 1. Thess. 5,6; 1. Petr. 5,8) und nicht mit den Irrenden » streiten « (2. Tim. 2,24), auch wenn uns das manchmal ernsthaft » auf den Nägeln brennt «!

Judas, der Bruder des Jakobus (und wohl auch Jesu leiblicher Bruder), » ermahnt « uns sogar: » Ihr aber «! Und er listet auf, wie wir uns stattdessen verhalten sollen (Jud. 20-22): 1. » Erbaut euch auf euren allerheiligsten Glauben« 2. » Betet im Heiligen Geist« 3. » Bewahrt euch in der Liebe Gottes« 4. » Hofft auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus « 5. » Erbarmt euch « (über die Irrenden) 6. » Andere aber rettet mit Furcht, indem ihr sie aus dem Feuer reißt «. Schließlich macht Judas am Ende seines kurzen Briefes unzweifelhaft deutlich, wem alle Ehre gebührt - nämlich » dem allein weisen Gott «!

Gewiss sind in den letzten Jahren oder Jahrzehnten viele Aufbrüche geschehen. Auch sind daraus Gemeinden oder Bewegungen entstanden. Und nicht immer dürfen wir diese gleich negativ beäugen. Gott baut schließlich Seine Gemeinde; da werden auch neue Gemeinden entstehen! Aber es ist zu fragen, aus welchem Motiv heraus jeweils eine Gemeinde entstanden ist oder entsteht. Sind es Ablehnung gegen das, was Gott bereits geschenkt hat, Besserwisserei, Rebellion, vermeintlich neue Erkenntnisse der Schrift? Oder hat Gott selbst den Impuls und also Seinen Heiligen Geist gegeben? Ich weiß also, wovon ich spreche. Ich hatte selbst vor etwa 15 Jahren mit anderen Geschwistern etwa drei Jahre lang versucht, eine eigene Gemeinde zu gründen. Wir wurden darin motiviert, Gemeinde » für die kommende Erweckung «, wie eine der Konferenzen in Hannover damals lautete, zu bauen. Aber schon damals, auf dieser Konferenz, hatte uns Gott deutlich gemacht, dass es nicht dran wäre, jetzt Gemeinde zu gründen und zu bauen. Denn die Motive waren nicht wirklich Seine Motive. Und konsequenterweise war der » Aufbruch « dann auch nur von kurzer Dauer, auch wenn Gott durch offensichtliche Geistesgaben gewirkt hatte. Gottes Impulse für den Bau Seiner Gemeinde sind aber völlig anders als die der Menschen . Er baut Seine Gemeinde - in Einheit. Er wird nichts geben, was diese Einheit zerstört oder auch nur im Mindesten gefährdet.

Neues zerstört daher nicht, worauf es aufbaut. Es ist » versöhnt « mit dem, was seine Entwicklung eingeleitet hat. Von daher ist Agiler Gemeindebau geistgewirkt. Viele Ideen sind aus dem leidvollen Erleben des Autors, den Gott züchtigte, entstanden. Wir dürfen andererseits nicht übersehen, dass es den Ruf »aus« der Gemeinde heraus tatsächlich gibt (» Geht hin in alle Welt «); aber diesen Ruf schenkt Gott. Und nur Er. Der Mensch ist von sich aus grundsätzlich nicht dazu in der Lage. Dennoch gab es in der Vergangenheit auch Versuche, ohne tatsächlichen Ruf Gemeinde zu bauen – und die da und dort sogar »Erfolg« zeigten. Immer wieder war es die gleiche Masche und Methode: » Versuch und Irrtum «. Was jedoch Gott initiiert, das fördert Er, das stößt Er an, begleitet es und lässt es aufwachsen. Es wird zwar immer Kampf kosten, zweifelsohne; aber es wird doch auch, andererseits, »leicht« sein. Kein Krampf, sondern direkte Führung durch den Heiligen Geist. Ob ein Werk, eine Gemeinde oder eine Bewegung Bestand haben wird, wird Gott deutlich machen.

Was sind nun wesentliche Impulse für den Gemeindebau? Was können wir aus der Vergangenheit lernen, wissen und quasi » mitnehmen « für die Überlegungen zum Agilen Gemeindebau? Es geht dabei nicht um Konzepte, Methoden, Vorstellungen oder gar Modelle. Gemeinde » funktioniert « auch gar nicht nach bestimmten Prinzipien, die wir aufstellen. Vielmehr ist es die Situation und die »Atmosphäre«, die den Gemeindebau gewissermaßen begünstigen und eine Gemeinde wachsen lassen . Warum entsteht also Gemeinde? Warum wächst sie? Aus der gegenwärtigen Entwicklung in China zum Beispiel können wir ablesen, welche Gründe maßgeblich den Gemeindebau beeinflussen. Auch Charles G. Finney hat mit seinen Überlegungen zum Thema » Erweckung « einen enormen Beitrag geleistet. Sein Buch » Erweckung - Gottes Verheißung und unsere Verantwortung « (erstmals 1903 in dt. erschienen) ist nach wie vor das Beste, was es zu diesem Thema überhaupt gibt. Als Gründe für das Aufkommen von Gemeindewachstum können wir u.a. festhalten:

Natürlicher Hunger nach geistlichen Dingen

- Evangelisationseifer der Gläubigen
- Unzulänglichkeiten in der Gemeinde
- Not und Leid
- Geduld und Ausdauer
- Notwendigkeit von Gebet
- Ein Leben ohne Kompromisse
- Offensichtliches Wirken Gottes.

Gemeindebau in der Vergangenheit hat sich allzu häufig darauf ausgerichtet, sich auf konkrete Konzepte, Methoden und Modelle zu konzentrieren. Weniger stand die Analyse der eigenen Situation und des eigenen inneren Umfeldes im Vordergrund. Die Neuerung war vielmehr ein Protest auf das vorgefundene Dilemma einer Gemeinde. In der Auseinandersetzung damit entstanden neue Gemeinden. Sicherlich war das auch mit Leid verbunden, so dass der Anstoß zu Neuerungen gegeben wurde.

Die Gemeindewachstumsbewegung, die vor allem durch Donald A. McGAVRAN [ Gemeindewachstum verstehen, 1990 ] angestoßen worden war, hat in dieser Richtung einen großen Beitrag geleistet. Absicht und Ziel war es, » korrekte Fakten über das numerische Wachstum von Gemeinden zusammenzutragen..., die vorhandenen Fakten auszuwerten und dadurch die Dynamiken des Gemeindewachstums verstehen zu lernen «.[10] Es ging ihm und geht den Verfechtern der Gemeindewachstumsbewegung (wie z.B. auch Christian A. Schwarz) um äußere Rahmenbedingungen und um quantitative Aussagen.[11]

Wir wollen uns im Folgenden einige Gemeindebaugedanken anschauen, um die wesentlichen Intentionen der Autoren bzw. der Verfechter herauszukristallisieren. Auch für den Agilen Gemeindebau ergeben sich daraus Ansatzpunkte, auf die wir unser Augenmerk zu richten haben. Es geht mir nicht darum, zu ausführlich auf Konzepte des Gemeindebaus einzugehen. Wichtig ist aber mir zu betonen, dass die Probleme von » Jüngerschaft « und » Leiterschaft « in den heutigen Gemeinden existentiell sind! In den allermeisten Konzepten wird hierauf auch eingegangen.

Die »Natürliche Gemeindeentwicklung«

Die » Natürliche Gemeindeentwicklung « (1996) nach Schwarz betont in ihren acht Qualitätsmerkmalen für Gemeindewachstum die Wichtigkeit von » Bevollmächtigender Leitung« und » Gabenorientierter Mitarbeiterschaft«. Unter dem Titel » Die Praxis der natürlichen Gemeindeentwicklung « erschien 1997 sein Folgebuch, in dem er seine Überlegungen konkretisierte. Schwarz führt aus, dass es einen gravierenden Unterschied macht, ob ein Leiter » vollmächtig« oder » bevollmächtigend« dient. Bevollmächtigende Leiter investierten einen Großteil ihrer Zeit in Jüngerschaft, Delegation und Multiplikation. Sie geben also ihre Erkenntnisse, Erfahrungen und ihren Wissensstand an andere weiter. Bei der Mitarbeiterschaft geht es ihm um das » Entdecken und Einsetzen von geistlichen Gaben « als » einzige(r) Möglichkeit, das reformatorische Konzept des <allgemeinen Priestertums> praktisch werden zu lassen «. Immerhin ist ja die Gemeinde der Leib des Christus, der aus vielen, mit Geistesgaben beschenkten Gliedern besteht. Diese Gaben sollen aktiv in den Aufbau der Gemeinde eingebracht werden.

Von kritischer Seite wird ihm vor allem und vielleicht zu Recht vorgeworfen, dass seine Sichtweisen zu » modellhaft« seien und er zu stark mit den Denkmustern der Gemeindewachstumsbewegung um Donald McGavran, Peter Wagner und Win Arn sympathisiere. PLOCK (2004) wird in seiner Ansicht sogar sehr deutlich: » Viele Gemeindewachstumsdogmen sind nichts als Mythen «.[12] Von daher hat er auch » erhebliche Zweifel an der Objektivität der Studie« von Schwarz. Zudem bemängelt er (» größte Sorge«), dass dessen Gemeindeprofil einen gewissen » Prozesscharakter « hat, der wie ein Qualitätsmanagement upgedatet werden müsse. Seine kritische Frage ist, » ob nicht die Heilige Schrift unbewusst und sukzessive durch die Normen menschlich-selektiver Kriterien ersetzt wird«. Sein abschließendes Urteil ist eindeutig: » Man wird sich entscheiden müssen zwischen einem Gemeindebau nach neutestamentlichen Grundsätzen oder nach der sozial-empirischen Statistikforschung des Christian Schwarz«.

Dennoch werden selbst von Kritikern - wie PLOCK - beide o.g. Merkmale zu » Leiterschaft« und » Jüngerschaft« als richtig anerkannt, auch wenn sich Christian Schwarz mit seinem Anspruch eine hohe Messlatte setzte: » Die natürliche Gemeindeentwicklung will Gemeindewachstum nicht «machen«, sondern ist allein darauf ausgerichtet, die Wachstumsautomatismen, mit denen Gott selbst seine Gemeinde baut, freizusetzen «.[13] Ob ihm das mit seinem Gesamtkonzept gelingt, darf aber offen bleiben. Die Gemeindewachstumsbewegung zeigt insgesamt » ein Gefälle von der vertikalen zur horizontalen Dimension, vom Theologischen zum Pragmatischen, vom Prophetischen zum Besucher-Freundlichen, vom Zeitlosen zum Zeitgenössischen«.[14]

Der Antiochia-Effekt

Dr. Ken Hemphill beschreibt in seinem Buch »Der Antiochia-Effekt « (1994) ebenfalls acht Merkmale wachsender Gemeinden, die allerdings von denen der » Natürlichen Gemeindeentwicklung « deutlich abweichen. Er nennt folgende: 1. Übernatürliche Kraft 2. Christus verherrlichende Anbetung 3. Kraftvolles Gebet 4. Dienende Leiter 5. Familiäre Beziehungen in der Gemeinde 6. Eine gottgemäße Vision 7. Leidenschaft für Verlorene 8. Das Hinführen der Gläubigen zur Reife (Jüngerschaft).

Ihm geht es – wie offensichtlich vielen am Gemeindebau Interessierten, z.B. Rick Warren - um » gesunde« Gemeinden. Auch er stellt sich die Frage, wie Gemeinden neutestamentlich leben können. Er schreibt: »Healthy churches place a high priority on promoting the growth of people toward Christlikeness, which is the fundamental issue of the discipling ministry of the church «. Es geht ihm insbesondere darum, Christus » ähnlich « (1. Joh 3,2) zu werden. Daraufhin baut er sein Konzept aus. Ihm geht es damit auch um die Befolgung des Missionsbefehls nach Mt 28,19-20.

»Transformational Discipleship«?

Ähnlich betonen Barry Sneed & Roy Edgemon (1999) in ihrem gleichnamigen Buch die Bedeutung von Jüngerschaft und Leiterschaft im Sinne der Christus-Ähnlichkeit für das Leben eines jeden Gläubigen. Jedes Programm und jeder Dienst muss diese zum vornehmen Ziel haben. Es geht ihnen vor allem darum, stärker den Charakter des Gläubigen zu berücksichtigen als die bloßen Aktivitäten. Auch machen sie deutlich, dass reines » Bibelwissen « (knowledge about God) in jedem Fall abzugrenzen ist vom echten » Leben nach biblischen Maßstäben «. Ihr Tenor: » Church members today have extensive head knowledge about God but don’t really know God well enough to believe Him when He gives a directive in life. The Christian is to exercise absolute, unalterable dependence upon Jesus «.

Die Autoren fokussieren daher auf Jesu´ Wort vom » Bleiben in Ihm« (Joh 15,4) und definieren solches » Bleiben « als eine kontinuierliche Beziehung zu Ihm: » Abide has the idea of permanence of position, holding and maintaining unbroken communion and fellowship with Jesus «. Und weiter: » Abiding is the continuous act by which the Christian lays aside all he might draw from his own wisdom, strength, and good, to desire all from Christ alone «. Das wichtigste im Leben jedes Christen ist demnach, eine ganz enge, » intime « Beziehung zu Jesus zu haben – also quasi eine Beziehung, wie Jesus sie zu Seinem Vater hatte, so dass Er ihn » Abba « nennen konnte.

Jesus ähnlich/gleich sein wird mehr als ein » Prozess « gesehen, der unter Umständen Jahre dauern kann. Daher sprechen beide von einer » inside-out transformation «– einem Werden im Charakter, der sich erst allmählich nach außen Raum schafft. Kennzeichnend für diesen » Prozess « sei eine gewisse Unzufriedenheit - nicht mit sich selbst, nicht unbedingt mit der Beziehung zu Jesus, sondern mit dem eigenen christlichen Leben in der Übereinstimmung von Wort und Tat. Ich denke, viele von uns werden sich hier wiederfinden. Man könnte deshalb auch sagen: Es gibt einen echten Hunger nach dem Wort Gottes und einem wirklich authentischen Christsein. Aber auch das Bedürfnis, ein Werkzeug Gottes zu sein.[15]

Weitere Konzepte

Willow-Creek als » Kirche für Distanzierte « betont als Leitprinzip gabenorientierter Mitarbeit das Motto: » Here to serve« . Bill Hybels geht es vor allem darum, dass alle wissen, » worum es geht «; dabei ist es unerheblich, ob nun von » Vision «, » Mission «, » Ziel «, o.ä. gesprochen wird. Hauptsache alle wissen Bescheid und lassen sich in das Konzept hineinnehmen. Andererseits ist Vision aber nichts Statisches; es wird kontinuierlich an ihr gearbeitet. Hauptaufgabe einer Führungspersönlichkeit ist es demzufolge, eine » Vision « zu haben (zu bekommen) und sie ständig zu vermitteln, zu kommunizieren. Der heutige Entwicklungsstand » beruht denn auch darauf, wie mit Fehlern und Krisen der Vergangenheit umgegangen wurde «. Mehr noch: »Willow Creek« kann und soll nicht » kopiert «, sondern mehr noch » kapiert « werden (vgl. www.ekiba.de). Dennoch gibt es auch hier Kritiker, die Willow-Creek vorwerfen, » ein am modernen Menschen und seinen Bedürfnissen orientiertes Programm « zu sein, » psychologische Elemente « zu verwenden und die Gemeinde » nach dem Vorbild der Apostel « zu leiten, d.h. mit einem Über -Pastor.[16]

Rick Warren (Gemeinde mit Vision, Saddleback) spricht gar nicht nur von Gemeindewachstum, sondern betont mehr noch » Gemeindegesundheit «. Darunter versteht er das » Gleichgewicht « zwischen Evangelisation nach außen und Wachstum der Gläubigen nach innen. Allerdings macht er an keiner Stelle deutlich, wann dieses Gleichgewicht tatsächlich gegeben ist; er definiert nur ein solches. Nachdem Menschen in Gästegottesdiensten für Christus gewonnen werden, sollen diese in vier verschiedenen Kursen zur Reife geführt werden. Die Stationen dazu lauten: 1. Hingabe zur Mitgliedschaft, 2. Hingabe zur Reife, 3. Hingabe zum Dienst und 4. Hingabe zur Mission. Diesen Prozess versteht Warren als Kern einer auftragsorientierten Gemeinde. Auch wenn man mit vielem nicht übereinstimmnt, was er vorgibt (ihm werden z.B. »Marketing-Methoden« vorgeworfen), so hat er doch den Begriff der » Hingabe « für die Gemeinde neu belebt.

Die Vineyard -Bewegung wiederum versteht sich grundsätzlich als »Laienbewegung« (vgl. Vineyard D.A.CH. als Zusammenschluss deutschsprachiger Vineyards aus der Schweiz, Österreich und Deutschland). Sie wurde 1978 in den USA unter anderem durch John Wimber gegründet, der ihr erster Pastor und langjähriger Leiter war. Die erste Vineyard-Gemeinde war die Anaheim Vineyard Christian Fellowship. Neben Anbetung, Gaben des Heiligen Geistes, Heilung und Evangelisation betont die Bewegung insbesondere das » Erfülltsein mit dem Heiligen Geist «. Obwohl die Vineyard anfänglich wohl » pfingstlerische« Vorstellungen übernahm, lehnte sie bald darauf die These einer Geistestaufe, die als » zweiter« Schritt (was zumindest der alten Pfingstbewegung unrecht tut) irgendwann nach der Bekehrung zwingend erfolgen soll, ab. Sie geht stattdessen davon aus, dass jeder Christ mit dem Heiligen Geist getauft ist und dass sich die Manifestationen des Geistes als Durchbruch seines Wirkens zeigen. » Barmherzigkeit « und die » leidenschaftliche Anbetung Gottes « sind zentrale Werte der Vineyard, die nicht nur in den Gottesdiensten, sondern vor allem im alltäglichen Leben ihren Ausdruck finden. Insofern ist die Bewegung eine » Gemeindegründungsbewegung «. Erwartet wird » das übernatürliche Wirken Gottes an den Menschen durch sein direktes Eingreifen in ihre Lebenssituation sowie das barmherzige Handeln der christlichen Gemeinde in der Gesellschaft «. Insofern ist der » Reich Gottes «- Gedanke sehr zentral für die Bewegung.

Emerching church - eine moderne Erscheinung

In der » emerching church « schließlich wird die Sehnsucht nach » spirituellen Erfahrungen « eindrucksvoll aufgenommen, aber »Leiterschaft« (» Älteste «) löst sich in ihrer Bedeutung auf, auch wenn der Wunsch nach » spirituellen Führern « da ist.[17]

Diese sog. » Retro-Spiritualität « soll angeblich die neuen Generationen der Postmoderne ansprechen, die geistlich offen sind und sich zutiefst nach Gemeinschaft sehnen, aber kein Interesse an » Kirche « haben. Die Bewegung, oft auch » emergent church «, » missional church « oder » experimential church « genannt, kann keine hierarchische, offizielle Organisation mit Mitgliedern, Sprechern oder Mitgliedsgemeinden vorweisen. Die meist evangelikal ausgerichtete Emerging Chu rch versteht sich auch keiner eindeutigen theologischen Linie oder Tradition verpflichtet.[18] Das » augenfälligste Merkmal « sind die Gottesdienste, die sich stark von Gottesdiensten in traditionellen Gemeinden unterscheiden. In unserem Zusammenhang beachtenswert bzw. problematisch ist, » dass die Gemeindeleiterschaft dezentral organisiert sein sollte, statt hierarchisch von oben: also von einem Team geleitet wird. Das bedeutet, dass der Pastor vom Druck des <Allrounders> entlastet wird und dass die Gemeinde Aufgaben gabenmäßig delegiert «. Das Gemeindeleitungsteam besteht aus » Aposteln «, » Propheten «, » Evangelisten «, » Hirten und Lehrer «. Seine Aufgabe besteht – wie in Epheser 4,11-13 beschrieben – in der » Zurüstung der Heiligen «.[19] Nach Dan Kimball ist denn auch » Jüngerschaft « das » Hauptziel der Emerging Church «[20] und Leiter sollten » Jünger Jesu « sein und nicht Manager.

Dennoch handelt es sich bei Emerging Church offensichtlich nicht um ein » fertiges Konzept «, Gemeinde zu leben, sondern es wird viel mehr » auf einen Prozess hingewiesen, in dem sich etwas ereignet « (www.kairos-media.de). Nach Sebastian Heck ist also auch » das Grundanliegen von <emergent> einfach beschrieben: Kirche sein in der Postmoderne « (www.lebensquellen.de). Bedenklich bei der Betrachtung ist die Schlussfolgerung von manch einem, » dass es keine Notwendigkeit von Leitung mehr gibt, da es sich bei der Gemeinde um ein sich selbst organisierendes System handelt « (Blog-Eintrag). Das klingt nur scheinbar nach »Systemtheorie«. Und die Begründung lautet: Leitung kann sich in einem Miteinander von vielen » ereignen «, so dass » gar nicht mehr zu erkennen ist, wer leitet «.

Kimball als einer der » Väter « der Bewegung, macht folglich auch deutlich, dass » der Ansatz der Emerging Church weniger griffig « ist, es » keine Mustergemeinde « gibt und die Emerging Church sich » nicht auf eine einzige Formel reduzieren « lässt. Damit entspricht diese Kirche ganz und gar dem Spiegelbild der von ihm analysierten gesellschaftlichen Entwicklung in den USA.

Für unsere Betrachtung des Agilen Gemeindebaus aber interessant ist, dass die Emerging Church »eine innere Haltung, keine äußere Form« is t und » dass wir nicht mehr die Formen unserer Gemeindearbeit verändern müssen, sondern die Art und Weise, wie wir über die Kirche und Gemeinde denken «.[21] Dennoch verabschiedet er sich von der vormaligen Zielgruppe der » kirchendistanzierten Suchenden « (vgl. Rick Warren) und sieht in denen, » die sich danach sehnen, Gott zu erfahren[22] seine neue Zielgruppe. Er formuliert: » Ich fing an zu verstehen, dass wir uns gesellschaftlich jetzt wirklich in einer Zeit befinden, in der die Orientierung an kirchendistanzierten Suchenden nicht mehr das Aktuellste ist «. Durch » Herumexperimentierten « erfand er dann die sog. Graceland -Gottesdienste, die auch viele enttäuschte Christen anzogen. Er sah, dass viele junge Menschen nach Gott fragten und erkannte in den Christen selbst oftmals die großen » Stolpersteine «. Deshalb: » Die postmoderne Generation wird in eine verwirrende und oft genug enttäuschende Welt hineingeboren und darum müssen Beziehungen die Grundlage unserer evangelistischen Arbeit sein. Wir müssen wieder Vertrauen aufbauen und auf Jesus weisen, dem man immer vertrauen kann «.[23] Es geht der Emerging Church daher um Beziehungen. Kimball bemängelte zu Recht, dass in vielen Gemeinden die Qualität der Programme dahingehend ausgerichtet ist, » diejenigen bei Laune zu halten, die schon zur Gemeinde gehören «.[24] Er vermisst damit die » primäre Funktion « der Gemeinde, nämlich die Mission.

Kein geringerer als George W. Peters weist in seinem biblisch fundierten Klassiker » Gemeindewachstum. Ein theologischer Grundriss « (1982, Org. 1981) auf die innere Qualität der Gemeinde und damit auf ihre » Tauglichkeit « für die Mission oder Evangelisation hin und betont: » Die Tauglichkeit der Gemeinde wird an ihrer moralischen und geistlichen Qualität gemessen, nicht an einer aktivistischen Methodik oder einer pragmatischen Technik «.[25] Gerade dieser Pragmatismus aber wird Rick Warren (Gemeinde mit Vision) mit seiner Gemeinde in Saddleback vorgeworfen. Und die Emerging Church ist davon auch nicht ganz frei zu sprechen. Kimball formuliert denn auch: » Egal, wie sie vorgehen – das Ziel besteht darin, die postmoderne Kultur zu erreichen «.[26] Deshalb setzte er dem » Gottesdienst für Kirchendistanzierte « seinen » Postmodernen Anbetungsgottesdienst « (d.i. Gottesdienst für alle Sinne) entgegen, weil das Umfeld danach verlangt. Dies ist sein » organischer retro-spiritueller Ansatz «[27], bei dem ein Thema den gesamten Gottesdienst durchzieht und auf vielfältige Weise erfahren werden kann. Inwiefern das dann aber »gemacht« oder »geistgewirkt« ist, muss man jedem Betrachter selbst überlassen. Kimball sieht sich gleichwohl in der Linie » spontane Führung durch den Heiligen Geist «, um sich von » stark reglementierten « Gottesdiensten abzusetzen. Das Abendmahl gilt ihm dann auch nur noch als » das ultimative Erlebnis «[28], Zeugnisgeben wird zu einer » Form der Anbetung «. Wenn Prediger zu » Erzählern “ werden sollen, dann klingen hier aber schon ganz moderne Managementmethoden[29] an, zumal dann, wenn » es unsere Aufgabe (ist), ihren Wunsch (neue Generation) zu respektieren und ihnen das zu bieten, was sie brauchen “.[30]

Der Markt von Gemeindekonzepten ist also groß und könnte durch zahlreiche weitere Beispiele ergänzt werden. Deutlich sollte werden, dass » Jüngerschaft « und » Leiterschaft « zentrale Herausforderungen im Gemeindeleben sind und bleiben. Nicht immer geht es, wie schon erwähnt, ganz biblisch fundiert zu. Bei manchen Konzepten spürt man gar schon den » Hauch « der notwendigen Veränderung (Emerging Church: » Evangelisation konzentriert sich auf die Nicht-mehr -Christen «), weil sich die Zielgruppe wieder einmal ändert! Im nächsten Kapitel wollen wir uns daher mit der Qualität der Gemeinde, den Beziehungen untereinander und der Gemeinde als echter » Gemeinschaft « auseinandersetzen.

06 Die Qualität der Gemeinde

In einem Artikel zu der Frage » Ist die Lokalgemeinde überlebt«?[31] stellt der Autor fest, dass regelmäßiger Gemeindewechsel heute zum Alltag, vor allem von Stadtgemeinden, gehört. Erstaunlich ist dabei, dass dieser Artikel bereits vor 15 Jahren geschrieben worden ist und also auch heute noch so aktuell ist wie damals. Kimball hatte ja selbst eingestanden, dass viele schon gläubig gewordene Christen in seine Graceland -Gottesdienste gekommen waren, weil sie von der eigenen Gemeinde frustriert waren. Von daher sind schon seit Jahren Gemeindegründungen kein bloßes Schlagwort mehr, sondern aktuelle Realität – wie Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit [z.B. Jesus-Freaks, Christus-Zentren, Ichthys, Vinyard, u.a.] zeigen. Und der » Gemeinde-Springer « ist auch nur ein Abbild der schnelllebig gewordenen Zeit.

Das ist auch nicht verwunderlich. Denn wenn Konzepte, Methoden und Modelle » Konjunktur « haben, dann kann und darf auch gleichzeitig nach ihrer » Verfallszeit « gefragt werden. Gordon McDonald (1988)[32] spricht demzufolge von Menschen, die » ständig auf der Suche nach effektiveren Methoden, besseren Resultaten und tieferen geistlichen Erfahrungen « sind und fragt sich ernsthaft, ob solche Menschen » berufen « oder eher » getrieben « sind. Norbert Ross sieht sogar den Unterschied im »Trend-Surfen« und »Gemeinde entwickeln« und stellt fest: » Dort, wo auf Jesus gehört wird, kann Gemeindebau gelingen «.[33] Biblischer Gemeindebau orientiert sich daher fest am Wort Gottes und lässt sich auch daran messen.

Teilaspekte in der Gemeindeentwicklung

Norbert Ross nennt in seinem o.g. kurzen Artikel » wichtige Teilaspekte in der Gemeindeentwicklung «, die er wie folgt beschreibt: Leidenschaft für Jesus als Person, Leidenschaft für die Verlorenen, Leidenschaft für Charisma und Charakter sowie Leidenschaft für neue Strukturen. Gemeinde, so sein Fazit, » entwickelt sich aus der Beziehung des einzelnen zu Jesus « und beginnt ihre Leidenschaft für die Verlorenen » im Gebet «.

Der Entwicklung des eigenen Charakters, sagt auch er , sollte » Priorität « eingeräumt werden, gerade weil Kampf und Konflikte im normalen Christenleben nicht ausbleiben. Viele sind » desillusioniert und frustriert über sich selbst und die Gemeinde mit ihren Gliedern. Andere werden Opfer moralischen Versagens oder schließen Kompromisse mit der Welt «. Charisma ohne Charakter » ist eine Katastrophe «, gleichwohl Charakter ohne Charisma auch, wie ich meine, lau wirkt. Wie sieht es aber mit den neuen Strukturen für die Gemeinde aus? Hier gibt uns Ross einige wichtige Hinweise für den Gemeindebau: » Durch neue Strukturen kommt kein neues Leben. Aber zweckmäßige geistliche Strukturen können das Wirken des Heiligen Geistes fördern, andere es bremsen oder gar auslöschen. In jeder Gemeinde gibt es von Gott begabte Menschen, die dafür ein Gespür haben. Der strukturelle Weg einer Gemeinde erschließt sich im gemeinsamen Hören. Nehmen wir uns dazu als Team Zeit? Sind wir miteinander hörfähig und voreinander sprachfähig « ?

Für die Gemeindeentwicklung definiert er dabei drei Kreise (Gottesdienst, Gemeinschaft, Mission) mit verschiedenen Schnittmengen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Gemeinde und Entwicklung

Wenn eine Gemeinde aus ihrer Spiritualität heraus lebt, so Ross ist sie bestrebt, die » drei grundlegenden Lebensäußerungen « Gottesdienst (leiturgia), Gemeinschaft (koinonia) und Mission (martyria) im Gleichgewicht zu halten. Das Zusammenwirken aller Begabungen innerhalb der Gemeinde » macht den einzigartigen Daumenabdruck einer Gemeinde sichtbar, den Gott ihr zugedacht hat «.

Hier wird schon deutlich, dass Gemeinde kein Muster ist, sondern jede Gemeinde ihre besondere Individualität hat. Man könnte das mit der Web- 2.0-Technologie und einem » Wiki « vergleichen. Dieses ähnelt in gewisser Weise einem Content-Management-System, besteht aber aus Internet- oder Intranetseiten, die vom Nutzer nicht nur online gelesen, sondern in wenigen Sekunden auch verändert, ergänzt und kommentiert werden können. Auch hier geht es um die gemeinschaftliche Erstellung eines solchen Wikis, das für jedes Unternehmen dadurch einen ganz individuellen Fingerabdruck erhält, so dass kein Wiki dem anderen gleicht. Wikis machen auch nur Sinn, wenn sie als ein » gelebtes System « verstanden werden. In ähnlicher Weise gibt uns die Schrift eine » Vorlage « von Gemeinde; aber jede Gemeinde ist doch ganz individuell geprägt durch ihre Mitglieder, die jeweilige räumliche Situation, die Kultur (Land, Gemeinschaft), die Entstehung und das Umfeld. Eine modellhafte 1:1-Übertragung auf eine andere Gemeinde ist nicht möglich. Nach Ross ist es daher Ziel und Aufgabe der Gemeinde, in ihre »einzigartige Berufung « hineinzuwachsen und sich von Gott für die Errettung von Menschen gebrauchen zu lassen.

Gemeindebau nach George W. Peters

Das schon erwähnte Buch » Gemeindewachstum. Ein theologischer Abriss « von George W. Peters (Org. 1981, am.) darf sich mit Recht als » erstes Werk, das vollständig der Theologie des Gemeindewachstums gewidmet, ist « bezeichnen. Es ist eines der fundiertesten Bücher, das ich je gelesen habe; biblisch ausgerichtet und alle wesentlichen Aspekte des Gemeindebaus berücksichtigend. Leider ist es aber in seinen Ausführungen sprachlich und inhaltlich nicht immer »konsequent«, was das Verstehen da und dort schwierig macht. Ergänzt wird das Werk durch sein Buch zur Missionstheologie, das er Jahre zuvor schon herausgegeben hatte.[34]

In Anlehnung an Wilbert R. Shenk weist Peters auf ein » echtes Entwicklungsdefizit i n [der] theologischen Grundlage «[35] der Gemeindewachstumsbewegung hin. Und mit Recht darf man sagen, dass dies auch für viele andere Gemeindebau-Modelle gilt. Er selbst sieht seine Betrachtungsweise daher » grundsätzlich biblisch orientiert «[36]. Andererseits vermisse ich bei ihm aber wichtige Kernthemen (Aussagen z.B. über Eph 4,11-13; prophetisches Reden; Apostel in der heutigen Zeit). Seine Betrachtungen wollen aber auch keine » Streitschrift « sein, die sich mit den verschiedenen anderen Veröffentlichungen und Bewegungen und deren speziellen Theorien auseinandersetzt.[37] Vielmehr stellen seine Ausführungen das Gemeindewachstum und das Leitmotiv der Apostelgeschichte heraus. Was können wir für unsere Überlegungen hinsichtlich des Agilen Gemeindebaus mitnehmen? Welche Betonungen sind wichtig und richtungsdeutend? Wie versteht Peters Gemeindebau und was macht diesen für ihn aus?

Er betont vor allem die Rolle des Heiligen Geistes. Dieser ist die alles überragende Person, durch die Jesus Seine Gemeinde baut. Deshalb ist auch die APG das » eigentliche Lehrbuch zur Weltevangelisation und zum Gemeindewachstum «.[38] Immer wieder weist er auf diesen Tatbestand hin: » Der Heilige Geist ist der göttliche Handelnde, der das Vorhaben Gottes in seinem Gemeindebauprogramm ins Leben ruft, überwacht, mit Tatkraft erfüllt und zum Ziel führt « (vgl. APG 1,8). Dieser tröstet, verwaltet, vollstreckt und führt Gottes Pläne durch. In Ihm, dem Heiligen Geist, wirkt Gott » mit Macht und ausführender Autorität «. Die Gemeinde wird und ist das » wichtigste[n] Werkzeug des Heiligen Geistes zur Durchführung und Vollendung des Planes Gottes «.[39]

Entscheidend für das Thema »Gemeindebau« ist nun die Rolle der Apostel Jesu Christi (ansonsten gibt es »nur« Apostel bzw. Bevollmächtigte der Gemeinde). Diese waren, so Peters, nicht ausgesandt, Gemeinden zu gründen – wie häufig gemeint und auch gelehrt wird. Ihre Aufgabe war es, das Evangelium zu verkünden; und dadurch kam es zur Entstehung von Gemeinden! Der Heilige Geist brachte diese hervor und formte sie. » Dadurch ist zwischen der Verkündigung des Evangeliums und dem Gründen, Pflegen und Wachsen der Gemeinde eindeutig eine haltbare Brücke gezogen «.[40] Daher gehören Evangelium und Evangelisation zusammen, wobei Gemeinde immer eine dienende Funktion hat. Denn: » Sie muss dienen als Instrument und Beauftragter des Heiligen Geistes, der in der Gemeinde innewohnt «. Eine muss Gemeinde auch » sorgfältig und umfassend das Werk des Heiligen Geistes studieren « (vgl. Mk 16,20; 1. Kor. 3,6-7; APG 2,47).

Peters unterscheidet dabei drei grundlegende » Mittel « oder » Werkzeuge « für Gemeindewachstum, die alle unter der Leitung des Heiligen Geistes stehen: 1. Botschaft Gottes 2. Diener Gottes 3. Gemeinde Gottes. Auch wenn als letzte Ursache für das Gemeindewachstum also das Wirken des Heiligen Geistes gesehen werden muss, so gibt es » auf der menschlichen Ebene « doch » bestimmte Grundsätze «[41], die mit Gesellschaft und sozialer Veränderung im Kontext stehen. Hier zeigt sich der Weg » von oben « (1) über » nach innen « (2-3) und » nach außen «:

1. Verehrung Gottes
2. Dienst an den Geschwistern
3. Biblisches Verständnis
4. Evangelisation im eigenen Umfeld/Land
5. Anpassung an die Umwelt
6. Gesellschaftliche Christianisierung
7. Weltweite Verkündigung [Mission]

Für die Gemeinde sind » Christozentrik «, » Lehre vom Heiligen Geist « und die Betonung des » Reiches Gottes « sowie die » Ekklesiologie « (Lehre von der Gemeinde) wichtige Betrachtungsmerkmale. Dabei ist aber » eine Mittelpunktstellung der Ekklesiologie der Bibel fremd[42]. In der Vergangenheit habe daher ein zu starkes Interesse daran eher zu geistlichem Niedergang geführt! In der Urgemeinde war somit die christologische Ausrichtung vorrangiges Merkmal.

Insofern muss Gemeindebau die Wichtigkeit der Botschaft betonen, wobei die Art der Kommunikation zu berücksichtigen ist. Hier betont Peters das » Prinzip der Gegenseitigkeit « – also: gegenseitiges Verständnis, gemeinsame Neigungen, gemeinsame Interessen, gegenseitige Unterstützung, gegenseitige Anerkennung, gegenseitige Offenheit und gegenseitiges Vertrauen.[43] Diese Gegenseitigkeit muss » begrifflich klar «, » göttlich autoritativ « und im » Vertrauen auf den Heiligen Geist « erfolgen. Auch wenn er zunächst an die Verkündigung der Botschaft denkt, so ist dieser Aspekt auch wichtig für das gegenseitige Verstehen in der Gemeinde selbst. Auch wir als Glieder der Gemeinde müssen ein gemeinsames Verständnis von geistlichen Lehren haben. Ein biblisches Wort für » verstehen «, das allein in Matth 13 sechsmal vorkommt, heißt wörtlich denn auch: » zusammenlassen «. Wir sollen also zusammenlassen, was nach Gottes Plan und Ziel zusammengehört.[44] Gott hat uns dafür das notwendige Organ geschenkt: das Gewissen, das in der Bibelsprache bezeichnenderweise » das Zusammenschauende « heißt. Unsere Verantwortung als » Verstehende « und » Sehende « ist groß. Hier wird deutlich, dass jemand Gottes Zusammenhänge und Ziele wichtig sind. Er lässt zusammen, was Gott zusammen gelassen haben will. Erst dann haben wir auch wirklich verstanden! Daher tun wir gut daran, die Einheit der Gemeinde durch viel Kommunikation untereinander zu bewahren! Leider wird aber diesem Aspekt in den Gemeinden immer noch zu wenig Raum gegeben. Die Organisation und die Aktivitäten stehen vielfach im Vordergrund.

Für Peters ist Gemeindewachstum daher » nicht ein automatisches Geschehen, es muss zum Geschehen gebracht werden «.[45] Von daher können also die Begriffe » Gemeindebau « und » Gemeindewachstum « durchaus synonym verwenden, denn der HERR selbst baut Seine Gemeinde (Mt 16, 18; 1. Kor 3,9) und Er schenkt das Wachstum (1. Kor 3,6-7; vgl. auch Eph 4,16). Immer ist es aber der Heilige Geist, der hinter beidem steht. Dennoch sind Gemeindebau, -wachstum und –arbeit eine harte Angelegenheit. Der Widersacher (vgl. 2 Kor. 2,11) schläft nicht. Folglich sieht Peters Gemeindewachstum » sowohl (als) ein(en) Kampf als auch eine Methode «. Oder mit anderen Worten: » Es gibt kein automatisches, spontanes Wachstum «. Gemeinde bedarf vielmehr der » Pflege «. Es müssen göttliche Voraussetzungen vorhanden sein, um Wachstum zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang sieht er unter Berücksichtigung der Apostelgeschichte » vier Säulen « oder vier » Seiten « der Gemeinde:

1. TAUGLICHKEIT (APG 1,1–5,42)
Gemeinde als qualitative Gemeinschaft => einsatzfähige Gemeinschaft, JESUS-Jüngerschaft, alle Glieder (i.S.v. allgemeines Priestertum)
2. FORM (APG 6,1-7)
Eine angemessene und zum Dienst fähige Struktur => Rechnen mit und Zulassen des Wirkens des Heiligen Geistes, keine Bindung an traditionelle oder idealisierte Strukturen, Entfaltung einer angemessenen Struktur
3. FUNKTION (APG 8,1–12,25)
Missionarischer Dienst in der nächsten Umgebung; Aufgaben der Gemeinde => Aufgaben nach oben: Gottesdienst, Anbetung, Lobpreis, Fürbitte; Aufgaben nach innen: Gemeinschaft, Erziehung, Erbauung, Ausbildung; Aufgaben nach außen: Evangelisation, Dienst, Wegweisung, Zurechtweisung
4. AUSRICHTUNG (APG 13,1–28,31)
Konzentration des Dienstes auf die Weltevangelisation; Beweglichkeit, Ziel => Sich-Hineinnehmen-Lassen in den ewigen Ratschluss Gottes, in voller Hingabe; Ausrichtung auf die Welt, um Menschen für Gott zu gewinnen

Wie bei Warren (» Kirche mit Vision. Gemeinde, die den Auftrag Gottes lebt«, 1995, 1998 dt.) die fünf Aufträge (Gemeinschaft, Jüngerschaft, Anbetung, Mitarbeit/Dienen, Evangelisation) im Gleichgewicht stehen müssen, so definierte schon Peters vor Jahrzehnten: » Bevor [die vier Säulen] in der Gemeinde verwirklicht sind, hat die Gemeinde den Stand einer neutestamentlichen Gemeinde noch nicht erreicht und die volle neutestamentliche Ordnung und Bestimmung noch nicht erfüllt. Wenn irgendeiner dieser vier Pfeiler der Gemeinde fehlt, dann ist die Gemeinde unfruchtbar, kraftlos, wirkungslos oder unreif «.[46] Ihm geht es vor allem darum, dass Gemeindewachstum/-bau » mehr unter das forschende Licht der Heiligen Schrift « gestellt wird und » biblische Maßstäbe « gelten.[47] Methoden und Konzepte (etwa aus der »Welt«) sind zwar wichtig und beachtenswert, » aber sie sind nur Werkzeuge und nicht direkt Handelnde und Instrumente des Heiligen Geistes «.

Gemeindebau nach Kenneth C. Fleming

Ähnlich wie Peters erhebt auch Kenneth C. Fleming (Biblische Prinzipien des Gemeindewachstums. Was wir von den Gemeinden des Neuen Testaments lernen können, 2001, 1. Aufl.; Originaltitel: Biblical Principles of Church Growth) den Anspruch, biblisch fundierte Prinzipien des Gemeindebaus herausgearbeitet zu haben. Allerdings sind seine Ausführungen weniger systematisch, nehmen aber auch die Apostelgeschichte zur Grundlage. Er entwickelte allerdings kein ausführliches »Modell« für Gemeindewachstum wie etwa Peters, sondern nennt zahlreiche beachtenswerte » Prinzipien “. Insofern sie nicht mit den zuvor bereits schon genannten übereinstimmen, sollen einige hier kurz dargestellt werden. Das hilft uns, Prinzipien eines Agilen Gemeindebaus besser zu verstehen.

Am Beispiel von Paulus und Apollos (» nur Diener «, 1. Kor 3, 5) zeigt Fleming auf, dass Gemeindebau eine » geistliche « und eine » praktische « Dimension hat. Hier unterscheidet er sich von Peters nur graduell in der Begriffsdefinition – statt » praktisch « heißt es bei ihm » menschlich “. Letzteres erscheint vordergründig zunächst »manipulativ«, ist aber so nicht gemeint. Er betont vielmehr die persönliche Entwicklung des Einzelnen, der am Gemeindebau mitwirkt. Der » praktische « oder auch » menschliche « Aspekt betont damit mehr die Vorbildrolle, die als wichtig angesehen werden muss (vgl. Plan und Bau der Arche bzw. der Stiftshütte); zudem wird dadurch das individuelle Reden Gottes stärker herausgestellt.

Fleming betont neben der Wichtigkeit der Evangelisation (» Schlüssel zum Gemeindewachstum «), der Vielfalt an Gaben, der gegenseitigen Unterstützung (auch durch andere Gemeinden), der soliden biblischen Unterweisung, der Identifikation mit Christus und der Jüngerschaft also vor allem das geistliche Gespür für Gottes Führung. Hiermit spricht er ein gerade in evangelikalen Gemeinden häufig vernachlässigtes oder sogar umstrittenes Thema an, wohingegen in charismatisch geprägten Gemeinden, andererseits, der Unterschied zwischen Reden Gottes und menschlichem Meinen nicht immer klar trennbar ist. Gott, sagt er zu Recht, » leitet geistlich aufmerksame Gläubige «. Aber » wer Gemeindewachstum wünscht, darf niemals zulassen, dass seine eigenen Pläne das leise Säuseln der Stimme Gottes (1Kö 19,12) verdrängen «.[48] Deshalb sieht er den Pragmatismus der Gemeindewachstums-Strategen sehr skeptisch und plädiert für die » tägliche(n) Abhängigkeit vom Geist des Herrn, der seine Gemeinde baut « (vgl. nächtliche Vision von Paulus, APG 16). Es ist wichtig, sich in der Gemeinde immer wieder auszutauschen, zu beraten und sich einig zu sein, ob Führung und Impulse von Gott sind oder doch nur vermeintliche menschliche Reaktionen. Aber man sollte sich beraten – und nicht von vornherein dem Reden des Heiligen Geistes wehren.

Für jeden Gemeindebauer ist es daher ratsam, Geduld aufzubringen und warten zu können. Gemeindebau ist ja keine » One-Man-Show “; weder ein Pastor noch ein Ältestenkreis dürfen von sich aus die Belange der Gemeinde bestimmen. Gott hat prophetisch begabte Menschen in die Gemeinde gestellt. Führung Gottes ist und bleibt also Teamarbeit. So hatte zwar Paulus die Vision; doch alle vier Teammitglieder schlussfolgerten, dass Gott sie berufen hatte. Selbst Paulus brauchte und suchte den weisen Rat seiner Mitarbeiter. Gerade »starke« Führungspersonen haben aber hier ihre besonderen Probleme. Es ist jedoch weise, gemeinsam einen Entschluss zu fassen, bevor man ganz unaufdringlich und alleine eine Situation langsam einschätzen gelernt hat. Das sollte unter Gebet geschehen und ist auch » höchst ratsam «. Dann sendet und führt Gott auch seine Diener, damit sie zur rechten Zeit am rechten Ort sind.

Fleming spricht in diesem Zusammenhang das ganz wichtige Thema » Dienende Leiterschaft « an, das noch von zu wenigen in den Gemeinden gelebt wird. SCHWARZ sah ja mit seiner „ Natürlichen Gemeindeentwicklung “ (1996) Leiterschaft eher als » direktiv « an: Die Leitung der Gemeinde delegiert bei ihm Verantwortung und hilft den Mitarbeitern, ihre Gaben in den Leib Jesu einzubringen. Die Leitung setzt qualitative Ziele für die Gemeindeentwicklung und motiviert die Gemeindeglieder, diese zu erreichen. So – oder ähnlich geht es in vielen Gemeinden heute noch zu. Kaum einer merkt, dass solche Leiterschafts-Modelle längst veraltet sind.

Die Beziehungen zwischen Paulus und der von ihm gegründeten Gemeinde basierten andererseits gerade nicht auf seiner apostolischen Autorität über die Gemeinde, sondern auf seiner Bereitschaft, als Sklave Jesu der Gemeinde zu dienen. » Ein Sklave “, sagt FLEMING entsprechend, » hat sich nicht mit Autorität zu brüsten, sondern seinen Dienst anzubieten «.[49]

Ein weiterer Aspekt im Vorgehen von Paulus lässt sich – nach Fleming - klar bestimmen: Er forderte seine Zuhörer zu einer definitiven Entscheidung auf. Er predigte mit Vollmacht und wusste, dass das Evangelium » Gottes Kraft ist zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen « (Röm 1,16). » Kraft « ist im Griechischen das Wort, von dem unser Wort » Dynamit « abstammt. Deshalb konnte Paulus auch sagen: » Unser Evangelium erging an euch nicht im Wort allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit « (1.Thess 1,5). Tatsächlich hat jedoch der Aufruf zu Entscheidungen » etwas an Bedeutung verloren «.[50] Andererseits braucht es eine klare willentliche Entscheidung für Jesus und die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist, dass ein Mensch ein Kind Gottes wird. Eine persönliche Beziehung zu Jesus ist Voraussetzung, um in das Reich Gottes einzugehen.

Ein anderer wesentlicher Aspekt, den FLEMING herausstellt, lautet: Über die Gemeinde hinaus. Der Blick für Gemeindewachstum sollte über die eigene Ortsgemeinde hinausgehen. Das ist selbst bei » freien « Gemeinden immer noch nicht selbstverständlich. Daran haben in den letzten Jahren auch die Evangelische Allianz und die damit verbundenen ProChrist-Veranstaltungen nur wenig geändert. FLEMING sieht aber in diesem Muster » sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde « (Apg 1,8) ein Bild für übergemeindliches Wachstum.[51] Gläubige sollten ein Bewusstsein für den Missionsauftrag haben – auch mit dem Fokus auf die Nachbargemeinde. So ermunterte beispielsweise Paulus die Jünger, die Verbreitung des Evangeliums auszudehnen. Sie sollten » niemals zu selbstzufriedenen Gläubigen in einer etablierten Gemeinde werden, sondern sollten sich in Gedanken ständig mit der Vermehrung von Gemeinden beschäftigen «. Dieser Aspekt ist überaus wichtig, kommt er doch dem Anliegen Jesu im Hohepriesterlichen Gebet sehr nahe. Dort betet er, » damit sie alle eins seien … damit die Welt glaube « (Joh 17,21).

Im Gegensatz zu Warren definiert FLEMING » Gemeindegesundheit « entsprechend ganz anders. Bei ihm geht es nicht um ein »Gleichgewicht« von Gemeindeaufträgen (Aktivitäten!), sondern: » Heiligung bzw. Heiligkeit heißt geistliche Gesundheit «.[52] Insofern er » Heiligung « und » Heiligkeit « auch als aktive Komponente des gemeindlichen Lebens ausmacht, mag man seiner Definition daher zustimmen. Ansonsten fehlten aber wesentliche Bestimmungsmerkmale der Gemeinde, die mit ihrem »äußeren« Auftrag zusammenhängen.

Wir sehen, dass Fleming den Weg andeutet, auf den wir mit dem Agilen Gemeindebau auch abzielen: Er geht den Weg von innen nach außen – und vermeidet unnötige Aktivitäten, die die Einheit der Gemeinde gefährden könnten. Neben den wichtigen Themen Heiligung und Heiligkeit sieht er die göttliche Liebe, agape, als das » Lebenselixier « jeder Gemeinde. Ohne diese Liebe würde die Gemeinde nicht existieren, und ohne diese Liebe kann sie auch nicht bestehen bleiben. Die Gemeinde in Ephesus hatte diese große Not, dass sie sich nicht an Paulus’ Anweisung hielt, » in Liebe zu wandeln, wie auch der Christus uns geliebt hat « (Eph 5,2). Insgesamt zwanzig Mal spricht Paulus in seinem Brief an die Epheser von dieser » Liebe «. Doch schon bald musste der HERR feststellen: » Du hast deine erste Liebe verlassen « (Offb 2,4). Was war passiert? Die innige Hingabe an den Herrn Jesus war abgekühlt. Sie hatten Ihn verlassen und aufgegeben. Eine »zweite« Liebe war an die Stelle ihrer »ersten« Liebe zu ihm getreten. FLEMING: » Das ist bei jeder Gemeinde der Anfang vom Ende, wenn die Gläubigen nicht Buße tun und ihre erste Liebe zum Herrn zurückgewinnen. In der Bibel finden wir keinen Hinweis, wie die Epheser darauf reagierten; der biblische Bericht schweigt darüber. Wir wissen nur, dass die Gemeinde einige Jahrhunderte weiter bestand, bis ihr Leuchter gänzlich von seiner Stelle weggerückt wurde. Heute herrscht dort konkurrenzlos der Islam «.[53] Dass die Liebe zu Gott mit der Liebe zum Bruder und der Liebe zum Nächsten einhergehen, sollte nicht unerwähnt bleiben. Sie ist es, die die Gemeinde baut.

Auch wenn FLEMING den Punkt Selbständiges Wachstum nur kurz erwähnt und ihn fast nur beiläufig – neben » Evangelisation « (1. Stufe) und » Lehre « (2. Stufe) - als 3. Stufe auflistet, so halte ich diesen Aspekt doch für überaus wichtig und geradezu fundamental für den Agilen Gemeindebau. Die berechtigte Frage ist dabei, ob wir » Erfolg « haben oder tatsächlich » Frucht « bringen. Beides muss sich nicht ausschließen, aber es gibt gravierende Unterschiede. Wir finden die entscheidende Schriftlesung zur „ Selbstauferbaung des Leibes « in Epheser 4 – und es ist, nebenbei bemerkt, interessant, dass in diesem Zusammenhang die Dienstgaben (Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer) Erwähnung finden. Es heißt hier – nach der JANTZEN-Übersetzung:

» ... bis wir alle hingelangen mögen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu einem erwachsenen Manne, zum Größenmaß der Fülle des Christus, damit wir nicht mehr Unmündige seien, hin und her geworfen und von jedem Wind der Lehre umhergetrieben durch die Betrügerei der Menschen, durch Verschlagenheit, hin zu mit List ersonnenem Irrweg, als solche aber, die wahrhaftig sind in Liebe, in allem wachsen mögen zu ihm, der das Haupt ist, der Christus, von dem aus der ganze Leib wohl zusammengefügt und zusammengeschlossen durch jedes versorgende Gelenk, entsprechend dem Wirken eines jeden Teiles in einem [zugemessenen] Maß, das Wachstum des Leibes zustande bringt, so dass er sich selbst baut – in Liebe « (4, 13-16).

Dieses gewaltige Wort des Apostels Paulus, durch den Heiligen Geist gewirkt, zeigt uns, wie der Leib sich tatsächlich aufbaut. Nämlich – durch sich selbst. Nicht durch irgendwelche autoritativen menschlichen Vorgaben!

Wie ist das zu verstehen? Ein Beispiel mag das deutlich machen: Vor einigen Jahren schon hatte man in Deutschland angefangen, sich-selbst-regulierende Verkehrskreisel – anstelle von Ampeln – aufzustellen. Diese sind weniger regulativ und schon gar nicht direktiv, wie es die Ampeln sind. Die Verkehrsteilnehmer reagieren also nicht auf eine Ampel, sondern aufeinander. D.h.: Es ist damit tatsächlich ein Prozess der Kommunikation entstanden, wie es ihn vorher nicht gab. Das Prinzip ist ähnlich, wie bei der bereits erwähnten Wiki-Technologie; nur – scheinbar - nicht so kreativ.

Entsprechend ist es in der Gemeinde: Der HERR selbst hat der Gemeinde Gaben, Dienste und Ämter sowie die Frucht Seines Geistes gegeben; damit und miteinander sollen die Gläubigen Gemeinde bauen, wobei Er selbst das Haupt ist. Insofern stellt » organisierter Gemeindebau « immer nur zur Verfügung, ist aber nicht selbst das Werkzeug, um selbst damit schon Gemeinde zu bauen. In vielen Konzepten und Modellen des Gemeindebaus und -wachstums wird dieser entscheidende Punkt nicht berücksichtigt. Das eigene Modell soll nicht nur »Modellcharakter« haben, sondern den Gemeindebau selbst schon prägen und bestimmen. Damit wird aber ein Konzept vorgegeben, ohne dass die Gemeindemitglieder selbst aktiv und kreativ mitwirken. Auch wenn das sehr pauschal klingt, so ist es doch die häufige Grundtendenz. Es ist nur allzu verständlich, wenn auch FLEMING auf die Gefahren im Gemeindebau aufmerksam macht und auf die hinweist, die » verkehrte Dinge reden «. Er scheibt: » Heute entspricht das den Anhängern verschiedener Gruppierungen und Denkströmungen, die Gefolgschaften aufbauen und Gemeinden spalten. Ihre Irrtümer rangieren von Zusatzbedingungen für die

Errettung aus Gnade bis zur Leugnung wesentlicher Bestandteile des Evangeliums «.[54] » Spaltung ist eine der wirksamsten Waffen im Arsenal der Hölle, mit der [der Teufel] die Gemeinde zu zerstören versucht. Sogar wohlgesinnte Gemeindeleiter können in die Falle gelockt und zu Akteuren der Spaltung werden«.[55]

Eine andere Gefahr, die FLEMING betont, ist die » Gefahr der Cliquenwirtschaft «. In Korinth entstanden Parteiungen, die weder von Paulus noch von Apollos herrührten. Sie entstanden vielmehr aus dem Gruppendenken innerhalb der Gemeinde. Schließlich stand sogar eine Gruppe auf und verkündete » Ich bin des Christus «. Paulus machte aber deutlich, dass diese so scheinbar geistliche Richtung genauso spalterisch war wie die anderen Parteiungen. Seine rhetorische Frage: » Ist denn der Christus zerteilt «? verurteilt diese Gruppe noch schärfer als die anderen (1Kor 1,13). FLEMING bemerkt dazu: » Parteigeist ist in vielen ansonsten vorbildlichen Gemeinden eine Wachstumsblockade. Diese Gesinnung kann sich um bestimmte Personen bilden, wie in Korinth der Fall, oder um bestimmte Themen wie z.B. Antiabtreibungs-Kampagnen oder die unausgewogene Überbetonung eines bestimmten Lehrthemas wie z.B. Geistesgaben «. Und weiter: »Parteigeist hat ein explosives Potential und kann der Gemeinde verheerende Schäden zufügen«.[56] Parteiungen und Streit zeigen aber, dass in einer Gemeinde noch fleischliche Tendenzen sind und feste Speise (noch) nicht möglich ist (1. Kor. 3,1-3).

Deshalb müssen Älteste und Leiter acht haben, dass sich solche Tendenzen nicht in die Gemeinde einschleichen; aber auch jeder andere verantwortliche Gläubige. Was können wir aber jetzt für den Agilen Gemeindebau an Konkretem mitnehmen. Was könnten Merkmale, Hilfen und Hinweise für ein solches »Konzept« sein? Darauf möchte ich im Folgenden eingehen.

07 Gemeindesituationen verstehen lernen

Gemeindesituationen verstehen lernen ist eine alltägliche Herausforderung. Die Behauptung, dass wir Gemeinde nicht ausschließlich aus der Schrift verstehen können, klingt aber manchem vielleicht bereits blasphemisch. Und doch ist es genau das, was ich behaupten möchte. Die Schrift gibt uns nämlich » nur « Informationen, Anleitungen und Anregungen für das, was wir im täglichen Gemeindealltag erleben und leben sollen. Wir erfahren dort Situationen und Nöte, die uns der Heilige Geist erst noch aufschließen muss, so dass wir die Schrift verstehen. Solange wir die Schrift nur studieren, erscheint uns alles » theoretisch « und » denkwürdig «; aber es hat noch nicht den Aspekt des Erlebens und Erleidens. Wir haben zwar das Zeugnis des Heiligen Geistes; wir sind wiedergeborene Christen. Dennoch fehlt uns vielfach die praktische Umsetzung im persönlichen Leben. Und das hat Auswirkungen auf die Gemeinde insgesamt.

Der Heilige Geist will uns jedoch in diese Dimension des praktischen Verstehens hineinführen.[57] Vor allem Leiter. Nicht dass wir schon gleich alles verstehen würden; aber wir dürfen Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, so dass Er uns ganz nahe ist. Erst von hier aus sind wir Jünger und Zeugen Jesu, die andere mit dem Evangelium erreichen. Von hier aus beginnen wir zu Sklaven und Freunden Jesu heranzureifen. Auch die Jünger Jesu verstanden nicht sofort alles, was Er ihnen sagte; obwohl sie den besten Lehrer (Rabbi) hatten, den man sich nur vorstellen konnte (Mk 8, 17.21; 9, 32; Lk 9, 45; 18, 34; u.a.).

Wie ist das konkret zu verstehen? Schriftgemäße Erkenntnis hat immer schon zwei Aspekte: Der Heilige Geist offenbart das Wort Gottes, so dass ich es aufnehme; im persönlichen Erleben und in der »Willfährnis« des Lebens erkenne und verarbeite ich es aber erst. Hier wird das Wort dann in der Tat » Fleisch «; es bleibt nicht abstrakt, nur ein reines Anschauungsobjekt, sondern wird tatsächlich Realität. Mit anderen Worten: Oft verwechseln wir Wahrheit mit (biblischer) Erkenntnis. Und dann bleiben die Gefühle der Menschen, denen wir unsere » Erkenntnis « zumuten, auf der Strecke. Erst wenn wir uns jedoch im Licht der Liebe (1. Kor 13) sehen, verblasst all unsere Erkenntnis, so dass wir demütiger werden. Uns werden dann Beziehungen wichtiger als Dinge, Erkenntnisse, Lehren und Meinungen, strittige Punkte, Pläne, Strategien. Wir reifen in der Beziehung zu Gott und damit in der Beziehung zum Nächsten.

Die Jünger machten ebenfalls diese Erfahrung. Sie flohen (bis auf Johannes, vgl. Joh 19,25-27) vor dem Kreuz Jesu und konnten es nicht fassen, dass Gott Leiden und Tod zuließ. Und doch müssen auch wir lernen, täglich zu sterben (1. Kor 15,31), wenn wir die Situationen in der Gemeinde wirklich verstehen und vor allem bewältigen wollen. Manchmal sind wir nämlich wie die Emmaus-Jünger, die Jesus tadeln musste: » O ihr Toren! Wie langsam ist euer Herz zu glauben … « (Lk 24,25). Schließlich » wurden ihre Augen aufgetan « und sie erkannten Ihn am » Brotbrechen « (24,31.35). Nicht dass sie nicht erkennen wollten; aber ihre Augen wurden gehalten, so dass sie nicht erkennen konnten. Ähnlich sind wir blind für manches Reden Gottes in die Gemeinde hinein. Erst wenn Konflikte schon an Brisanz gewonnen haben, wenden wir uns an Ihn, um die Situation zu verstehen. Daher ist das ständige gemeinsame Gebet eine echte Hilfe für jede Gemeindesituation. Es sollte aber nicht erst bei Konflikten zum Tragen kommen. Gut ist es, wenn eine Gemeinde zu einer betenden Gemeinde wird, wie es in der Frühkirche der Fall war.

Probleme, Sorgen und Auseinandersetzungen gab es aber schon in der frühen neutestamentlichen Gemeinde: Ananias und Saphira versuchten den » Geist des Herrn « (APG 5,9); Stephanus wurde gesteinigt (APG 7); die Gemeinde wurde verfolgt und zerstreut (APG 8); Jakobus, der Bruder des Johannes, wurde von König Herodes Agrippa hingerichtet (APG 12,2). Und Paulus warnt in seiner Abschiedsrede an die Ältesten von Ephesus ausdrücklich vor » räuberischen Wölfen «, die sogar » aus eurer eigenen Mitte « aufstehen werden (APG 20,29.30) und die (lokale) Gemeinde zu zerstören suchen oder sogar schon zerstörten. Wir lesen auch von verschiedenen Konflikten: APG 15 (Petrus und Paulus), Phil 2,1f, 1. Petr 3,8-11; 1. Kor 6,1-8 (Rechtsstreit unter Christen).

In solchen Situationen immer auch das klare Zeugnis des Geistes zu haben, war und ist nicht einfach. Die Frage ist jedoch nicht, ob es bei uns heute ähnlich ist, sondern: Wie reagieren wir auf die alltäglichen, herausfordernden Situationen in unseren Gemeinden?

Wie reagieren wir?

Wenn wir uns die Gemeindelandschaft anschauen, dann erleben wir immer wieder, dass durch ein Wechsel der Gemeinde auf schwierige Situationen in der Gemeinde reagiert wird. Manchmal - obwohl der Geist Gottes ausdrücklich davor gewarnt hatte. In der frühchristlichen Gemeinde war das nicht möglich; es gab keine anderen Gemeinden. Man war auf das Zusammenleben in der eigenen Gemeinde angewiesen. Und doch wechseln heute immer mehr die

Gemeinden oder gründen bzw. versuchen neue Gemeinden zu gründen. Mit dem Ergebnis, dass der Leib Christi weiter auseinandergerissen wird.

Ich habe in meinem mehr als 20-jährigen Glaubensleben genug Gemeinden erlebt, die die Einheit des Leibes nicht zu bewahren vermochten. In allen Denominationen erleben wir es, wie der Leib Christi leidet und gespaltet wird. Unser eindringliches Gebet ist daher: HERR, der Du das Haupt der Gemeinde bist und die Gemeinde Dein Leib ist, möchtest Du ihnen zeigen, wie stark der Leib, die Gemeinde, leidet? Möchtest Du Erweckung schenken, dass die Gläubigen mit Deinen Augen diesen Leib sehen, wie er gemartert, bespuckt und getötet wird? Auch aus der eigenen Mitte, von gläubigen Christen oder die sich danach nennen.

Gott wird gewiss eingreifen in den Lauf jeder Gemeinde. Jeremia 1,16 nennt drei Gründe für das Eingreifen: Die Menschen haben Gott verlassen, sie räuchern anderen Göttern und sie beten ihrer Hände Werk an! Gottes Wort ist dabei » wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt « (23,29). Zur Betroffenheit der Gemeinde kommt jedoch zuerst die eigene Betroffenheit. In einer Auslegung zum Propheten Jeremia heißt es entsprechend: » Er ist nicht der Prediger, der Gottes Wort teilnahmslos und arrogant weiterleitet, den Finger drohend hebt und über andere zu Gericht sitzt «.[58] Der Hammer von Gottes Wort saust zunächst auf ihn selbst hernieder. Sein Wort macht zuerst ihn betroffen, bevor es das Volk anrührt (vgl. Jer 1,11-12). Obwohl Jeremia am Auftrag Gottes immer wieder zweifelt und verzweifelt, predigt und warnt er doch bis zur Erschöpfung. Dennoch: » Seine Zeitgenossen schütteln sich die Worte Gottes aus dem Gewissen wie ein Hund das Wasser aus seinem Fell «.[59] Ohnmächtig musste er damals zusehen, wie ein ganzes Volk ins Verderben rannte (vgl. Jer 2,13). Ähnliches erleben wir auch heute in unseren Gemeinden.

Ich selbst habe in den letzten Jahren erleben müssen, wie drei Gemeinden in ihrer weiteren Entwicklung gescheitert sind, weil sie auf Gottes Reden nicht gehört hatten. Die traurige Konsequenz: Die erste Gemeinde spaltete sich und löste sich – was prophetisch auch vorausgesagt worden war – auf; die zweite Gemeinde schrumpfte zur Bedeutungslosigkeit. Die dritte Gemeinde schließlich endete – trotz Vorwarnung - im Chaos; zwei Gemeinden sind bereits daraus entstanden und der übriggebliebene Rest vegetiert, mehr oder weniger, dahin. Solches geschieht, wenn Gemeinden nicht auf Gottes Reden hören oder hören wollen. Gott gibt sie dahin, wie wir das schon aus den Gemeinden in der Offenbarung her kennen. Gottes Wort ist also tatsächlich wie ein Hammer; es führt aus, wozu es gesandt ist. Nur dass der Mensch nicht auf Gottes Reden immer auch hört. Es ist von daher eine traurige Realität, dass Gemeinden auf echtes prophetisches Reden nicht mehr hören, weil die Gabe selbst in Verruf gekommen ist.

Wie können wir aber die agape -Liebe, von der die Schrift spricht, in unseren Gemeinden erleben und weitergeben ? Wie können wir den Weg bereiten, so dass der Leib zur Ruhe und zum Frieden zurückkehrt? Manchmal bedarf es eines treuen Barnabas (vgl. APG 8,27ff), der eine Situation richtig einzuschätzen und die Gnade im anderen richtig zu beurteilen weiß. Auch wenn Paulus selbst erst noch im Prozess des Werdens war – wie viele echte Propheten in den Gemeinden -, so wurde er doch von Barnabas als ein Knecht Jesu Christi erkannt, anerkannt und von ihm aufgenommen. Barnabas brachte ihn auf den von Gott vorgegebenen Weg, so dass die Gemeinden Frieden hatten und auferbaut wurden (vgl. APG 8,31).

Mit Johannes dem Täufer begegnen wir schließlich einem Mann, der – wie kein anderer – auf das Lamm Gottes hinweist. Von ihm heißt es, dass es keinen größeren Propheten als ihn (Lk 7,28) gegeben hat. Er tat keine Wunder wie die anderen Propheten des Alten Testaments. Und doch tat bzw. sagte er etwas, was seine Größe und Vorreiterrolle für die spätere Gemeinde und die Heilgeschichte bestätigte: » Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen « (Joh 3,30). Nicht auf sich selbst verwies er, sondern auf Jesus. Er wusste um seine Stellung; und gerade deshalb gab er Gott in Christus Jesus die Ehre. Als Prophet war er wie Samuel und Simson ein Gottgeweihter (vgl. 4. Mose 6, 1-4); er war schon von Mutterleib an mit dem Heiligen Geist erfüllt und ging » im Geist und in der Kraft Elias « (Lk 1, 17). Und doch blieb er demütig und besaß den Mut, niedrig zu sein.

Das können wir vor allem von Jesus selbst lernen, der gesagt hat: » Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig « (Mt 11, 29). Demut oder die Gesinnung der Niedrigkeit ist daher eine echte Gemeindetugend ! In Röm 12, 16 sagt Paulus:

»Seid gleichgesinnt gegeneinander; trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen; haltet euch nicht selbst für klug«.

Nach Langenberg[60] ist eine solche Haltung geistgewirktes Werden wahrer Liebe ohne Heuchelei (vgl. Röm 12,9; Eph 4,2; Phil 2,3). Mit Gottes Hilfe und Kraft können wir daher den anderen in Liebe ertragen – auch wenn und obwohl dessen Sünde noch so groß zu sein scheint oder gar ist. Der Heilige Geist wirkt diese Liebe und hat sie uns ins Herz gegeben (Röm 5, 5). Deshalb stellt uns Paulus das Vorbild Jesu, unseres HERRN, vor Augen:

[...]


[1] Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie, 1993

[2] A.a.O., Niklas Luhmann, Soziale Systeme …

[3] Winfried Nöth, Formen der Selbstreferenz in den Medien. In Schnitt-Stellen: Erster

Basler Kongress für Medienwissenschaft. Hrsg. von S. Schade, T. Sieber und G. C.

Tholen. Basel: Schwabe. Im Druck, 2004

[4] Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, 1988

[5] Vgl. Infobrief der develoop GmbH – Systemische Organisationsberatung, Februar 2007

[6] Ernst-Wolfgang Böckenförde, Woran der Kapitalismus krankt, Süddeutsche Zeitung, Nr.

94, S. 8

[7] Vgl. Sven Papcke, Schlüssenwerke der Soziologie, download, S. 162

[8] a.a.O., S. 163

[9] Thomas Bernhard, S. 6, download, o.T.

[10] Donald A. McGavran, Gemeindewachstum verstehen, 1990, S. 117

[11] Dan Kimball, Emerging Church. Die postmoderne Kirche., 2005, S. 159

[12] Wilfried Plock, 2004, Konzeption und Trends in der Gemeindewachstumsbewegung

[13] Christian Schwarz, Die natürliche Gemeindeentwicklung, 1996, S. 14

[14] vgl. Plock in: Kenneth C. Fleming, Biblische Prinzipien des Gemeindewachstums. Was

wir von den Gemeinden des Neuen Testaments lernen können, 2001, 1. Aufl.;

Originaltitel: Biblical Principles of Church Growth, S. 135

[15] Auch wenn Barry Sneed & Roy Edgemon offensichtlich gute Gedanken und Ansätze haben, so sehe ich doch manche Schlussfolgerungen eher skeptisch. Sie sprechen zum Beispiel von » next step in your journey to become like Jesus « (S. 22) und » complete with His spiritual DNA « (S. 35), » a new spiritual DNA from Christ « (S. 36). Oder sogar: » Transformational discipleship is helping people know and become like Christ. Your church can be a church that » gets it « (S. 93). Dass der Begriff tranformational development also auch der New-Age-Szene entliehen ist, wie manche Kritiker bemängeln, kann nicht verwundern.

[16] Walter Trachsel, Willow Creek - ein neuer Irrweg in der Gemeinde Jesu. Allgemeine

Gedanken, http://www.horstkoch.de/download/willow.pdf

[17] A.a.O., S. 231

[18] Danny Gandy, 2005, Die Emerching Church Bewegung

[19] Gandy kommt, auch wenn er die Bewegung äußerst kritisch betrachtet, dennoch zu dem Fazit, dass die Emerging Church » ihren Teil tun möchte, dem Jüngerschaftsauftrag von Mt 28 in unserer schnelllebigen, fragmentierten und postmodernen Zeit treu nachzukommen «.

[20] A.a.O., S. 214

[21] A.a.O., S. 14f

[22] A.a.O., S. 34

[23] A.a.O., S. 78

[24] A.a.O., S. 90

[25] George W. Peters, a.a.O., S. 153

[26] Dan Kimball, a.a.O., S. 104

[27] Dan Kimball, a.a.O., S. 118f

[28] A.a.O., S. 159

[29] Der bekannte Managementberater und Psychologieprofessor Howard Gardner rät z.B. Führungskräften, »eine überzeugende Geschichte« zu erzählen, eine ambitionierte Ge-schichte, die erreichbare Ziele mit einem konkreten Plan verbindet.

[30] Dan Kimball,.a.a.O., S. 176

[31] Ist die Lokalgemeinde überlebt?, in: Wort und Geist, Nr. 2, Februar 1994

[32] Gordon McDonald, Getrieben oder Berufen – ordne dein Leben. Projektion J

[33] Norbert Roß, Gemeinde entwickeln oder Trendsurfen? Kopien und ihre berühmten Originale, Nehemia INFO, April 1998, S. 14-15

[34] George W. Peters, Missionarisches Handeln und biblischer Auftrag. Eine biblisch-evangelische Missionstheologie; Original: »A Biblical Theology of Missions“, 1972

[35] Vgl. George W. Peters, Gemeindewachstum. Ein theologischer Abriß, 1982, S. 11

[36] A.a.O., S. 14

[37] A.a.O., Umschlagseite, U4

[38] A.a.O., S. 18

[39] A.a.O., S. 19

[40] A.a.O., S. 22

[41] A.a.O., S. 23

[42] A.a.O., S. 51

[43] A.a.O., S. 118ff

[44] Vgl. H.G., fest und treu, 3/2004

[45] A.a.O., S. 149

[46] A.a.O., S. 151

[47] A.a.O., S. 283

[48] Kenneth C. Fleming, Biblische Prinzipien des Gemeindewachstums. Was wir von den Gemeinden des Neuen Testaments lernen können, 2001, S. 51

[49] A.a.O., S. 61

[50] A.a.O., S. 72

[51] A.a.O., S. 107

[52] A.a.O., S. 97

[53] A.a.O., S. 123

[54] A.a.O., S. 123

[55] A.a.O., S. 26

[56] A.a.O., S. 94

[57] KANT wie auch BUDDHA gingen diesen Aspekt von jeweils unterschiedlichen Wegen aus an: Ersterer fasste seine Erkenntnisse in der Kritik der Praktischen Vernunft und im Kategorischen Imperativ zusammen – und stellte sein Denkgebäude auf ein moralisches Fundament; letzterer endete – solipsistisch - in einem teuflischen Nirvana, das ihn in die Abgründe der Finsternis stürzte (Befreiung vom Leiden auf dem Achtfachen Pfad: Weisheit, Sittlichkeit, Versenkung). Beide fanden scheinbar unterschiedliche Wege aus dem Leid heraus. Und gingen doch in die Irre. Weder hat die Schrift etwas mit Moral zu tun, noch löst sich das Wort Gottes auf in einer nicht-dualistischen Anschauungsweise.

[58] Zeit mit Gott. Mit Gewinn die Bibel lesen. Losungstext Diakonissenmutterhaus Aidlingen, 1- 2011, S. 54

[59] A.a..O.

[60] Heinrich Langenberg, Zu den Urquellen …, a.a.O., S. 60

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Titel: Konfliktlösung in Gemeinden