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Sport und Gesundheit

Hat das durchgeführte Sportprogramm mit übergewichtigen und adipösen Kindern (8-12-jährig) einen positiven Einfluss auf ihr Bewegungsverhalten im Alltag?

von M. Sc. Christian Wyss (Autor) Cyrill Meier (Autor)

Seminararbeit 2007 56 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische
2.1 Übergewicht und Adipositas
2.1.1 Vorbemerkungen
2.1.2 Der Body Mass Index
2.1.3 Definition von Übergewicht und Adipositas
2.2 Folgen von körperlicher
2.3 Bewegungstherapie
2.3.1 Präventionssport bei Adipositas
2.3.2 Pädagogisch-didaktische Aspekte im Präventionssport
2.3.3 Steigerung der körperlichen Aktivität
2.3.4 Die Problematik von übergewichtigen und adipösen Kindern im Sportalltag
2.3.5 Psychologische Grundlagen
2.4 Sportprogramm
2.4.1 Sportwissenschaftliche Grundlagen des Sportprogramms
2.4.2 Herkunft des Sportprogramms
2.4.3 Ziele des Sportprogramms
2.4.4 Organisation des Sportprogramms
2.5 Fragebogen
2.5.1 Kritik zum Fragebogen
2.6 Das Transtheoretische Modell
2.6.1 Vorbemerkungen
2.6.2 Die fünf Phasen des TTM
2.6.3 Anwendung des TTM auf die Sportaktivität
2.6.4 Kritik des TTM
2.7 Prävention in der Schweiz
2.7.1 Bestehende Konzepte in der Schweiz

3. Fragestellung

4. Empirischer Teil
4.1 Probanden
4.2 Untersuchungsdesign und Datenerhebungsmethoden
4.3 Datenverarbeitung und Auswertung
4.4 Ergebnisse

5. Zusammenfassung und Diskussion

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: BMI- Referenzperzentilen für Mädchen (oben) und Jungen (unten). Zum Vergleich in Blau die internationale Adipositas- und Übergewichtsdefinition (l`Allemand, Farpour-Lambert &

Abbildung 2: Das 3-Ebenen-Modell zur körperlichen Aktivitätssteigerung (modifiziert nach Koch, 2004, S. 30)

Abbildung 3: Möglicher Entwicklungsverlauf durch die 5 Stadien des TTM (Fuchs, 1997, S. 159)

Abbildung 4: Hauptgrund für das Teilnehmen

Abbildung 5: Problem besteht seit (in Jahren)

Abbildung 6: Vergleich BMI

Abbildung 7: Vergleich Gewicht

Abbildung 8: Sport pro Woche

Abbildung 9: TV pro Tag

Abbildung 10: Computer pro Tag

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Gewichtsklassifikation für Erwachsene nach WHO (2003) ( http://www.who.int/hpr/NPH/docs/who_fao_expert_report.pdf , S. 69)

Tabelle 2: Ü bersicht Unterscheidung von Ü bergewicht und Adipositas

Tabelle 3: Ü bersicht Sportprogramm (Zusammenfassung)

Tabelle 4: Was stört Dich an Deinem Übergewicht?

Tabelle 5: Wie gehe ich zur Schule? (vor Sportprogramm)

Tabelle 7: Wie gehe ich zur Schule? (nach Sportprogramm)

1. Einleitung

Die Krankheitshäufigkeit von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendal- ter nimmt weltweit zu. Auch in der Schweiz stellt der rasche Anstieg der Prävalenz der Adipositas im Kindesalter ein echtes Problem für das Gesundheitssystem dar. Erschreckend, aber leider wahr, ist die Tatsache, dass jedes fünfte bis sechste Schulkind in der Schweiz übergewichtig oder adipös ist (vgl. l`Allemand, Farpour- Lambert & Laimbacher, 2006, S. 13). Dabei gilt es festzuhalten, dass die Entstehung von Übergewicht multifaktoriell ist. Nebst genetischen Komponenten und sozioöko- nomischen Faktoren spielen vor allem die Fehlernährung und der Bewegungsmangel eine entscheidende Rolle, wenn es um die Gewichtsregulation geht. Eine Verände- rung in der Genkonstellation ist in der heutigen Zeit (noch) unzulässig und eine Ver- änderung im sozioökonomischen Bereich ist schwer realisierbar. Aus diesem Grund sind bezüglich Übergewicht und Adipositas die Ernährung und das Bewegungsver- halten die Schlüsselgrössen. Zunehmend zeigt sich, dass körperliche Aktivität die wichtigere Komponente sein dürfte (vgl. Ehrsam, Stoffel, Mensink & Melges, 2004, S. 284). Denn entgegen der Meinung vieler, ist die in den letzten Jahren zu beobach- tende Zunahme in der Adipositashäufigkeit kaum ernährungsbedingt zu erklären, sondern wird von der Mehrheit der Experten einem zunehmenden Bewegungsman- gel zugeschrieben. Wer gesund leben will, muss sich bewegen. Mit diesen Worten weisen Fachleute darauf hin, dass veränderte Ernährung nicht genügt, wenn es um den Erfolg einer Gewichtsreduktion adipöser Kinder und Jugendlicher geht (vgl. Breithecker, 1991, S. 19). Es ist erwiesen, dass körperliche Inaktivität das Risiko er- höht, eine Adipositas zu entwickeln. Wie einige Studien beweisen, trägt verminderte Bewegung schon im Kindesalter zu einer höheren Adipositasinzidenz bei. Ein höhe- res körperliches Aktivitätsniveau erzeugt sowohl eine Primär- als auch eine Sekun- därprävention (vgl. Vögele in Petermann & Pudel, 2003, S. 283). Aufgrund dieser immensen Bedeutung der körperlichen Aktivität im Kampf gegen das Übergewicht, wollen wir in dieser Arbeit untersuchen, ob ein durchgeführtes Sportprogramm mit übergewichtigen und adipösen Kindern einen Einfluss auf ihr Bewegungsverhalten im Alltag hat. Im Idealfall empfinden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Freude bei der sportlichen Aktivität und sind aufgrund dessen eher bereit, sich auch im täglichen Leben vermehrt aktiv zu bewegen. Es geht also darum, den Teilnehmenden einen Anstoss zur lustvollen körperlichen Betätigung zu geben, die sie im Alltag weiterver- folgen sollen. In dieser Arbeit wird nicht in erster Linie untersucht, ob die Betroffenen nach der Durchführung des Sportprogramms ab- oder allenfalls gar zugenommen haben, sondern ob sich ihr Bewegungsverhalten im Alltag verändert hat (also ob sie beispielsweise immer noch vor allem den Fahrstuhl benutzen oder ob sie nun ver mehrt Treppen steigen). Optimalerweise kann dies mit einer Gewichtsreduktion einhergehen, muss es aber nicht.

Diese Arbeit dient als Vorbereitung zur Lizentiatsarbeit, welche die gleiche Problematik untersuchen wird, allerdings mit einer grösseren Anzahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Somit kann diese Arbeit auch als Vorbereitung für die Lizentiatsarbeit angesehen werden.

Zuerst wird in einem theoretischen Teil die aktuelle Problematik des Übergewichts und der Adipositas, die sich epidemisch von der Erkrankung des Individuums zu ei- ner Erkrankung der Gesellschaft ausgedehnt hat, dargestellt und kurz diskutiert. An- schliessend wird die Vielschichtigkeit und Problematik einer Bewegungstherapie be- sprochen und der Aufbau sowie wichtige Komponenten unseres Sportprogramms vorgestellt. Die der Fragestellung zugrunde liegende theoretische Basis wird anhand des Transtheoretischen Modells (TTM) erläutert. Am Schluss des Theorieteils wer- den bereits bestehende Präventionskonzepte in der Schweiz beschrieben. Im empiri- schen Teil werden das Untersuchungsdesign vorgestellt sowie die Untersuchungs- durchführung und das Verfahren der Datenverarbeitung bzw. Datenauswertung auf- gezeigt. Den Abschluss der Arbeit bilden die Zusammenfassung und eine Diskussion über die zentralen Ergebnisse.

2. Theoretische Grundlagen

Im Theorieteil soll die theoretische Basis erläutert werden, damit unsere Frage gestützt auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beantwortet werden kann. Dabei werden grundlegende Modelle und Konzepte vorgestellt.

2.1 Übergewicht und Adipositas

In diesem Unterkapitel wird der Unterschied zwischen Übergewicht und Adipositas beschrieben. Des Weiteren werden die Schwierigkeit einer Definition dieser beiden Begriffe sowie die Bedeutung des Body Mass Indexes (BMI) aufgezeigt.

2.1.1 Vorbemerkungen

Eine Person gilt als übergewichtig, wenn das körperhöhenbezogene Körpergewicht ein bestimmtes Mass übersteigt. Bei einer Adipositas ist hingegen die erhöhte Fett- masse ausschlaggebend. So wird eine Person als adipös angesehen, wenn der An- teil des Fettgewebes an der Gesamtkörpermasse über eine definierte Grenze kritisch erhöht ist (vgl. Kromeyer-Hauschild in Wabitsch, Zwiauer, Hebebrand & Kiess, 2005, S. 4). Es ist allerdings schwierig, sich unter diesen Definitionen etwas Konkretes vor- zustellen. Dank des Body Mass Indexes (BMI), der sich aus den Komponenten Kör- pergrösse und Körpergewicht zusammensetzt, können immerhin Zahlen miteinander verglichen werden, was die Trennung von Übergewicht und Adipositas zumindest optisch erleichtert. Der BMI hat sich im ärztlichen Alltag nicht zuletzt wegen seiner einfach messbaren Parameter durchgesetzt. Obwohl er nur indirekt die Fettmasse bestimmt, hat sich der BMI gegenüber genaueren Methoden zur Bestimmung der Körperfettmasse behauptet. So misst beispielsweise die “Dual-X-ray- Absorptiometrie“ exakt die Fett- und Magermasse, ist jedoch auf Grund der Verstrah- lung bei Kindern nur in ausgewählten Fällen vertretbar (vgl. Fusch in Wabitsch et al., 2005, S. 272). Die direkten Methoden zur Bestimmung der Körperfettmasse bergen entweder gesundheitliche Risiken, sind aufwändig oder sehr kostspielig. Deshalb werden indirekte Methoden zur Ermittlung der Fettmasse in den meisten Fällen direk- ten Methoden vorgezogen. Nebst dem BMI gehören u.a. Hautfaltmessungen zu den indirekten Methoden, die auf Grund messmethodischer Fehler jedoch nur sporadisch zum Einsatz kommen (vgl. Kromeyer-Hauschild in Wabitsch et al., 2005, S. 12). Der BMI bietet ein günstiges Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag. Somit scheint er seine Berechtigung im ärztlichen Alltag zu haben.

2.1.2 Der Body Mass Index (BMI)

Der BMI ist eine Verhältniszahl von Gewicht und quadrierter Körperlänge. Er wurde als Näherungsmass eingeführt, um den Ernährungszustand unabhängig von der Körpergrösse einschätzen zu können (vgl. Fusch in Wabitsch et al., 2005, S. 267).

Formel des BMI: Körpergrösse in m / Körpergewicht in kg BMI = Körpergewicht (kg) Körpergrösse (m)2 Nebst der simplen Berechnungsmethode, spricht die Zuverlässigkeit der Identifizie- rung von adipösen Personen für den BMI. Auf der anderen Seite können beispiels- weise sehr muskulöse, jedoch fettarme Personen als übergewichtig eingestuft wer- den, da Muskelmasse schwerer wiegt als Fettmasse. Nichts desto trotz empfiehlt die World Health Organisation (WHO) den BMI als Mass zur Bestimmung von Übergewicht und Adipositas bei erwachsenen Personen. Daniels, Khoury & Mor- rison (1997) sowie Pietrobelli et al. (1998) zeigten in ihren Untersuchungen, dass der BMI auch bei Kindern und Jugendlichen ein geeignetes Mass zur Ermittlung der Ge- samtkörperfettmasse darstellt. Für die Verwendung des BMI bei Kindern und Ju- gendlichen spricht einerseits die Tatsache, dass der BMI im Vergleich zu anderen Gewichts-Grössen-Indizes die geringste Korrelation zur Körpergrösse aufweist und andererseits, dass die Altersveränderungen beim BMI denen beim Körperfett ähnlich sind (vgl. Kromeyer-Hauschild in Wabitsch et al., 2005, S. 4). Deshalb empfehlen die Childhood Group, die International Obesity Task Force (IOTF) und die European Childhood Obesity Group (ECOG) die Anwendung des BMI zur Definition von Über- gewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Allerdings müssen im Kindes- und Jugendalter sogenannte BMI-Perzentilkurven berücksichtigt werden, da die Kin- der und Jugendlichen alters- und geschlechtsspezifischen Schwankungen sowie Veränderungen unterliegen, die einerseits durch unterschiedliches Wachstum und andererseits durch unterschiedliche Pubertätsentwicklung hervorgerufen werden. BMI-Perzentilkurven sind länderspezifisch, da ein Perzentil angibt, wie viel Prozent der gleichaltrigen Kinder gleichen Geschlechts einen niedrigeren BMI-Wert aufwei- sen (vgl. Kromeyer-Hauschild in Wabitsch et al., 2005, S. 4-5). Die Schweiz (zumin- dest in Bern, Basel, St. Gallen und Zürich) und Österreich halten sich an die deut- schen Referenzdaten von Kromeyer-Hauschild (2001). Diese basieren auf Quer- schnittdaten von über 34`000 Mädchen und Jungen aus Deutschland. Für den inter- nationalen Vergleich werden die BMI-Referenzen von Cole et al. (2000) empfohlen. Hier wurden die Daten von über 94`000 Mädchen und über 97`000 Knaben im Alter von 2-18 Jahren aus sechs weltweiten Studien herangezogen. Die Referenzdaten Seminar „Sport und Gesundheit“; SS 07 Meier Cyrill, Wyss Christian Hat das durchgeführte Sportprogramm mit übergewichtigen und adipösen Kindern (8-12-jährig) einen positiven Einfluss auf ihr Bewegungsverhalten im Alltag? von Kromeyer-Hauschild (2001) sind denjenigen von Cole et al. (2000) am ähnlichs- ten, was bedeutet, dass die Referenzkurven von Kromeyer-Hauschild (2001) euro- kompatibel sind (vgl. l`Allemand, Farpour-Lambert, Sempach & Laimbacher, 2006, S. 38).

In Zukunft könnte der BMI jedoch durch andere Messverfahren verdrängt werden. Beispielsweise wird die waist-to-hip ratio (WHR), die Berechnung des Taillen- zu Hüftumfang, schon heute von mehreren Experten empfohlen. Ob sie aber die Rolle des BMI übernehmen wird, wird die Zukunft zeigen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: BMI- Referenzperzentilen für Mädchen (oben) und Jungen (unten). Zum Vergleich in Blau die internationale Adipositas- und Übergewichtsdefinition (l`Allemand, Farpour-Lambert & Laimbacher, 2006, S. 13).

Seminar „Sport und Gesundheit“; SS 07 Meier Cyrill, Wyss Christian Hat das durchgeführte Sportprogramm mit übergewichtigen und adipösen Kindern (8-12-jährig) einen positiven Einfluss auf ihr Bewegungsverhalten im Alltag?

2.1.3 Definition von Übergewicht und Adipositas

Die World Health Organisation (WHO) definiert eine erwachsene Person als übergewichtig, wenn sie einen BMI im Bereich von 25 kg/m2 bis 29.9 kg/m2 aufweist und als adipös, wenn sie einen BMI von 30 oder mehr kg/m2 hat.

Tabelle 1: Gewichtsklassifikation für Erwachsene nach WHO (2003) (http://www.who.int/hpr/NPH/docs/who_fao_expert_report.pdf, S. 69)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für deutsche Kinder und Jugendliche empfiehlt die Arbeitsgemeinschaft gegen Adi- positas (AGA) die Verwendung der 90. alters- und geschlechtsspezifischen Perzenti- le der Referenzdaten von Kromeyer-Hauschild (2001) als Grenzwert zur Definition von Übergewicht und die Verwendung der 97. Perzentile als Grenzwert zur Definition von Adipositas (vgl. Wabitsch & Kunze, 2006, S. 13-14). Die Österreicher und min- destens vier Grossstädte der Schweiz halten sich ebenfalls an diese Definition.

Tabelle 2: Übersicht Unterscheidung von Übergewicht und Adipositas

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Folgen von körperlicher Inaktivität

Immobilität bestimmt den Alltag des heutigen Menschen, vor allem den des adipö- sen, der beispielsweise unter der zusätzlichen Last seines Übergewichts, anstelle der Treppe lieber die Rolltreppe bzw. den Fahrstuhl benutzt. Die Wandlung vom im- mobilen zum aktiveren Menschen stellt offensichtlich hohe Anforderungen an Motiva- tion und Durchhaltewillen. In der körperlichen Inaktivität muss eine wesentliche Ursa che der Adipositasprävalenz gesehen werden, denn der heutige Energieverbrauch ist im Vergleich zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erheblich reduziert worden (vgl. Pudel in Petermann & Pudel, 2003, S. 211).

Von grossem Interesse sind die Folgen körperlicher Inaktivität auf die körperliche Leistungsfähigkeit. Bös (2003) konnte in einem Review feststellen, dass sich die mo- torische Leistungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen in den letzten 25 Jahren um 10% verschlechtert hat. Des Weiteren kann die Tatsache nicht von der Hand ge- wiesen werden, dass mit zunehmendem BMI im Kindesalter grobmotorische Fähig- keiten und körperliche Ausdauer schlechter werden. Normalgewichtige Kinder haben in der Tat eine signifikant bessere Fitness als übergewichtige oder adipöse Kinder (vgl. Hebebrand & Bös in Wabitsch et al., 2005, S. 52). Somit kann gesagt werden, dass Bewegungsmangel einerseits die Leistungsfähigkeit senkt, andererseits das Risiko erhöht, eine Adipositas zu entwickeln. Denn es konnte gezeigt werden, dass verminderte Bewegung im Kindesalter zu einer höheren Adipositasinzidenz beiträgt (vgl. Vögele in Petermann & Pudel, 2003, S. 283). Das bedeutet für denjenigen, wel- cher den Anschluss an das „sich bewegen“ verpasst, Gefahr läuft, sich Aktivitäten im Alltag auszusuchen, die mit geringer körperlicher Anstrengung einhergehen. Somit entsteht ein Teufelskreis mit fatalen Folgen. Denn körperliche Bewegung leistet ei- nen wichtigen Beitrag zur sekundären Prävention vor Krankheiten, die mit der Adipo- sitas zusammenhängen. Wer sich nicht genügend bewegt, wird krank. Übergewicht und vor allem Adipositas verursachen weitere Krankheiten. Da Adipositas selbst schon als Krankheit angesehen wird, spricht man in solchen Fällen von Komorbidität, also von mehrfach diagnostizierten Krankheiten. Nebst genetischen Komponenten und dem Ernährungsverhalten verursacht vor allem körperliche Inaktivität Fettleibig- keit. Diese wiederum kann Begleiterkrankungen verursachen wie Veränderungen der Insulinsensivität und -resistenz, Störungen der Glukosetoleranz und Diabetes- mellitus-Typ-2, Blutdruck und kardiale Veränderungen, respiratorische Veränderun- gen und Schlaf-Apnoe, psychische Störungen wie Depressivität bzw. endokrinologi- sche Auffälligkeiten um nur einige zu nennen.

2.3 Bewegungstherapie

Reinehr trennt die Bewegung in drei Bereiche auf (vgl. Reinehr in Wabitsch et al., 2005, S. 303):

- aktive sportliche Betätigung,
- Bewegung im Alltag (z.B. mit Fahrrad statt Bus zur Schule),
- Anteil sitzender Tätigkeiten (v.a. Fernseh- und Computerkonsum)

Sportprogramme zielen heutzutage vor allem auf die Gewichtsreduktion ab. Dabei wird nebst aerobem Ausdauertraining auch Krafttraining des Muskel- und Halteappa- rates empfohlen. Wegen der zeitlichen Begrenzung eines Sportprogramms zeigen reine, aerobe Ausdauertrainings keine langfristigen Erfolge in der Gewichtsreduktion bei übergewichtigen Menschen. Was jedoch häufig unterschätzt wird, sind die „Be- gleiterscheinungen“ welche ein solches Sportprogramm mit sich bringt. „Neben dem Aufbau eines motivationsfördernden Gruppengefühls können das Selbstbewusstsein der Kinder gestärkt und ein neues Körpergefühl vermittelt werden“ (Reinehr in Wa- bitsch et al., 2005, S. 303). Im Optimalfall gewinnt der sportliche Aspekt durch eine Veränderung der Bewegung im Alltag an Bedeutung und das Konsumverhalten ver- ändert sich. In Amerika wird mittlerweile eine Reduktion des Fernsehkonsums an- hand aktiver Bewegung provoziert. Dort gibt es Fernsehgeräte zu kaufen, die nur bei gleichzeitiger Fahrt auf einem Ergometer funktionieren, was den Fernsehkonsum senken und die aktive Bewegung steigern soll (vgl. Reinehr in Wabitsch et al., 2005, S. 304).

2.3.1 Präventionssport bei Adipositas

Nach Koinzer (1997) zielen, aus physiologischer Sicht, regelmässige sportliche Be- lastungen bei adipositasgefährdeten und adipösen Kindern und Jugendlichen im Sinne der Sekundärprävention auf zwei Richtungen ab (vgl. Koinzer, 1997, S. 72):

1. Erreichen dauerhafter negativer Energiebilanzen, die kurzfristig durch Ener- gieverbrauch und mittel- bis langfristig durch anpassende Umstellungen des Stoffwechsels erreichbar sind.
2. Minimierung der metabolen und kardiozirkulatorischen Komplikationsgefahren.

Daraus ergeben sich pädagogische, sportdidaktische und psychologische Zielstellungen (vgl. Koinzer, 1997, S. 72):

- Steigerung der sportlichen Bewegungsbereitschaft = Erziehung und Befähi- gung zu regelmässigem indikationsbezogenem Sporttreiben.
- Erhöhung der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit und des Körperbe- wusstseins
- Steigerung des Selbstbewusstseins
- Anwenden sinnvoller Wechselwirkungen von angemessenen sportlichen und diätetischen Verhaltensweisen.

2.3.2 Pädagogisch-didaktische Aspekte im Präventionssport

Ein schrittweiser Belastungsaufbau ist im Präventionssport mit adipösen Kindern und Jugendlichen sehr wichtig. Wichtig sind die Beachtung der spezifischen Zielsetzungen des Präventionssports sowie die Festlegung der individuellen Belastbarkeit der Teilnehmenden. Es gilt, das Sportprogramm nach dem Prinzip der allmählichen Steigerung aufzubauen. Anfangs sollte die Belastung in geringen Dosen verabreicht werden. Mit der Zeit sollte die Belastung, angepasst an die individuelle Leistungsfähigkeit, gesteigert werden (vgl. Koinzer, 1997, S. 76).

2.3.3 Steigerung der körperlichen Aktivität

(vgl. Koch, 2004, S. 29-30)

Um eine Verringerung von Inaktivität mit gleichzeitiger Erhöhung der körperlichen Aktivität zu erreichen, unterscheidet die AGA (2004) drei Ebenen, auf denen Verän- derungen des Bewegungsverhaltens stattfinden sollten. Dabei sind es primär die All- tags- und die spontanen Freizeitaktivitäten der Kinder, die sich als Gegenpol zur Be- wegungsarmut deutlich spürbar machen. Der gemeinsam mit der Freundin oder Freund zurückgelegte Schulweg, die Fahrt mit dem Fahrrad ins Einkaufszentrum o- der das Ball spielen im Quartier sind nur drei einfache, aber sehr effektive Bewe- gungsbeispiele für einen realitätsnahen und kindgerechten aktiveren Lebensstil. Die- se Formen der Bewegung, die vom Heranwachsenden eigeninitiiert und in den Alltag integriert werden, sind die ausschlaggebenden Instrumente in der Bekämpfung von Übergewicht und Fettleibigkeit. Langeweile, Trägheit und Inaktivität von Kindern und Jugendlichen sollten von der Familie mit viel Geduld, Einfühlungsvermögen aber auch Humor angegangen werden. Die Vorbildfunktion der Eltern wird im Zusammen- hang mit dem Bewegungsverhalten meist nur am Rande betrachtet, obwohl sie von ausserordentlicher Bedeutung ist (vgl. Koch, 2004, S. 29-30). Denn Eltern sind für die Kinder Vorbilder in Bezug auf Ernährungs- und Bewegungsverhalten. Des Weite- ren übernehmen sie Kontrollfunktionen für das Verhalten des Kindes (vgl. Reinehr in Wabitsch et al., 2005, S. 304). So konnte in einer Studie von Moore et al. (1991) nachgewiesen werden, dass Kinder deren Väter sportlich aktiv sind, dreimal so aktiv sind wie die Kinder von inaktiven Vätern (vgl. Korsten-Reck, 2007, S. 38). Deshalb macht es für einen erfolgreichen Therapieansatz Sinn, die Eltern oder gar die ganze Familie mit einzubeziehen. Die Eltern sollten mit wichtigen Informationen zum ent- sprechenden Thema eingedeckt werden. Dabei müssen auch sie lernen, sich ver- antwortungsvoll zu verhalten und zu handeln. Die Kinder und Jugendliche sollten in ihrem Tun von den Eltern unterstützt und gefördert werden. Nur wenn beide Parteien sich an die Spielregeln halten, ist die Erfolgschance intakt.

Bewegung, Spiel und Sport machen in der Gruppe noch mehr Spass und fördern die Motivation. Daher sollten Spiel- und Sportplätze, sowie Kindersportgruppen und Sportvereine von den betroffenen Familien genutzt werden (vgl. Abb. 2, Ebene II). In Bezug auf sportliche Betätigungen, die vor allem in der Schule, im Verein aber auch im Rahmen von Ferienangeboten stattfinden, muss abgeklärt werden, inwieweit Sport- und Bewegungsangebote für übergewichtige und adipöse Kinder speziellen Bedürfnissen und Anforderungen genügen müssen (vgl. Koch, 2004, S. 30).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das 3-Ebenen-Modell zur körperlichen Aktivitätssteigerung (modifiziert nach Koch, 2004, S. 30)

2.3.4 Die Problematik von übergewichtigen und adipösen Kindern im Sportalltag

Nach Vögele (2003) bewegen sich übergewichtige und adipöse Kinder oft ungern und daher deutlich weniger als normalgewichtige (vgl. Vögele in Petermann & Pudel, 2003, S. 298). Ausserdem sind sie nur selten freiwillig sportlich aktiv. So gesehen sind übergewichtige und adipöse Kinder einer besonderen Lage im Sportalltag aus gesetzt. Diese besondere Situation hat oft unterschiedliche, eng miteinander verknüpfte Gründe (vgl. Koch, 2004, S. 30-31):

- Passive Verhaltensweisen, insbesondere die Zeit vor dem Fernseher oder Computer haben sich im gesellschaftlichen und familiären Rahmen als normgerecht etabliert, was durch mangelnde Erziehungs- und Vorbildfunktion einiger Eltern unterstützt wird. Inaktivität wird vom übergewichtigen Kind meist als normal empfunden.
- Bei vielen übergewichtigen und adipösen Kindern ist eine Einschränkung in Bezug auf die körperliche Leistungsfähigkeit festzustellen. Die damit verbundenen Misserfolgserlebnisse und Frustrationen münden in einem Teufelskreis, der dazu führt, dass diese Kinder sportliche Aktivitäten mehr und mehr vernachlässigen und sogar meiden.
- Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen der juvenilen Adipositas und motorischen Defiziten der betroffenen Kinder. Dies führt dazu, dass sie bei Spielen und Alltagsaktivitäten koordinativ hinterherhinken und deshalb von Gleichaltrigen nicht als Spielpartner beachtet werden. Dies wiederum steigert die Frustration noch mehr.
- Die körperliche Hypoaktivität aufgrund eines ausgeprägten Vermeidungsver haltens führt zu einer weiteren Verschlechterung der Leistungsfähigkeit und die sich ausbreitende Bewegungsarmut zu einer stärker ausgeprägten positiven Energiebilanz.

Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Mit dem durchgeführten Sportprogramm soll nebst der Steigerung von Alltagsaktivitäten eine vermehrte körperliche Anstrengungsbereitschaft gefördert werden.

2.3.5 Psychologische Grundlagen

Durch Sport werden Übergewichtige und Adipöse mit ihrer Körperfülle konfrontiert. Durch die Fokussierung auf den eigenen Körper können bereits bestehende negative Einstellungen gegenüber dem eigenen Körper verstärkt werden. Negative Vorerfah- rungen in Bezug auf Leistungsfähigkeit und körperliches Erscheinungsbild werden wieder vor Augen geführt. Deshalb ist es wichtig, dass dieses Sportprogramm mit einer Gruppe „Gleichgesinnter“ durchgeführt wird. Denn der Erfolg jedes Bewe- gungsprogramms hängt von der Regelmässigkeit ab, mit der es durchgeführt wird.

Und nur wer sich wohl fühlt und nicht ausgegrenzt wird, gewinnt Spass und Freude an der körperlichen Aktivität. Schlussendlich ist eine erfolgreiche Teilnahme am Sportprogramm also von der Motivation des Teilnehmers abhängig. Völlig untrainier- te und vor allem adipöse Personen fühlen sich am Anfang eines Sportprogramms meistens unwohl. Dieses Gefühl kann bis zu zehn Wochen anhalten. Da unser Pro- gramm, wie oben erwähnt lediglich vier Wochen dauert, sind wir im höchsten Masse darauf bedacht, den Spassfaktor möglichst hoch zu halten. Dabei sind es zu Beginn vor allem extrinsische1 Motive, die den Teilnehmer dazu veranlassen, trotz negativen Erfahrungen nicht aufzugeben. Später können Gefühle von Anstrengung und Über- forderung durch Gefühle des körperlichen Wohlbefindens abgelöst werden. Diese intrinsischen Motive sind gekennzeichnet durch Gefühle der Freude, der Entspan- nung und des Glücks aufgrund der körperlichen Aktivität selbst. Ein wichtiger Schritt von einer extrinsischen zu einer intrinsischen Motivationslage kann getan werden, wenn der Fokus auf die körperliche Aktivität selbst gerichtet wird. Wenn die ausgeüb- te sportliche Aktivität exakt den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen ent- spricht, empfinden die Teilnehmer während des Sports häufig ein hohes Mass an Zufriedenheit, Freude und Selbstkontrolle. Ziel unseres Sportprogramms ist es, die übergewichtigen und adipösen Kinder in diesen Zustand zu hieven oder sie mög- lichst nahe an diesen ranzubringen (vgl. Vögele in Petermann & Pudel, 2003, S. 298-300).

2.4 Sportprogramm

Von den Probanden können nur positive Effekte in Bezug auf das Bewegungsverhalten erwartet werden, wenn das Sportprogramm auf professioneller Basis aufgebaut ist. Wir verglichen deshalb mehrere Sportprogramme und entschlossen uns der Kontinuität wegen, uns vor allem auf eines zu konzentrieren, welches in diesem Unterkapitel genauer vorgestellt wird.

2.4.1 Sportwissenschaftliche Grundlagen des Sportprogramms

Mit Übergewichtigen kann nicht das gleiche Sportprogramm durchgeführt werden, wie mit normalgewichtigen Personen. Deshalb sollen in diesem Unterkapitel die Be- sonderheiten eines Sportprogramms für Übergewichtige diskutiert werden. Das Sportprogramm muss zielgerichtet und auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden aus- gerichtet sein. Da es bei uns nicht primär um eine Gewichtsreduktion der Teilneh menden geht, stehen weniger Ausdauertrainings und schon gar nicht Kraftsportarten auf dem Programm. Es gilt, mit moderater Trainingsintensität die Freude am Sport zu entdecken. Dabei berücksichtigen wir die folgenden Punkte (vgl. Vögele in Petermann & Pudel, 2003, S. 291):

- Das Programm darf keine hohen motorischen Vorerfahrungen voraussetzen.
- Das Programm darf weder das Herz-Kreislaufsystem noch den Bewegungs- und Stützapparat zu intensiv beanspruchen.
- Das Programm muss Erfolgserlebnisse ermöglichen und Freude an körperli- cher Aktivität vermitteln, so dass es zu langfristiger körperlicher Aktivität moti- viert.

Da unser Programm von sehr kurzer Dauer ist (4 Wochen), beschränken wir uns auf die inhaltlichen Schwerpunkte der körperlichen Anpassung. Diese ist wie folgt aufgebaut (vgl. Vögele in Petermann & Pudel, 2003, S. 292):

- Anpassung an körperliche Belastung
- Zunächst niedrige Belastungsintensität
- Kurze Belastungsphasen mit „lohnenden“ Pausen
- Viele Koordinations- und Flexibilitätsübungen
- Schulung und Atemtechnik
- Erlernen der Pulsmessung

2.4.2 Herkunft des Sportprogramms

Das angewendete Sportprogramm wurde aus dem Kursleitermanual „GO! Kids auf SCHATZSUCHE“, dem Bewegungsbegleitkurs zu „Powerkids“ abgeleitet. Es geht um einen Bewegungsbegleitkurs für Kinder im Alter zwischen 8 und 12 Jahren. Das Programm wurde von Sarah Päffgen (Dipl. Sportökonomin, Universität Bayreuth), PD Dr. Petra Wagner (Dipl. Sportlehrerin, Universität Bayreuth) sowie Harald Sedlmayr (Dipl. Sportlehrer, AOK Hessen) entwickelt.

Das Kursprogramm umfasst zehn wöchentliche Einheiten à 60 Minuten und die Teilnehmerzahl ist auf maximal zehn Kinder beschränkt. Das ganze Programm wurde durch die Abteilung Gesundheitsförderung der AOK Hessen finanziell unterstützt, da es die Kriterien für die Durchführung von Bewegungsangeboten zur Prävention von Übergewicht und Bewegungsmangel, die von den Krankenkassen festgelegt wurden, erfüllt (vgl. Päffgen, Wagner & Sedlmayr, 2007, S. 5).

[...]


1 In diesem konkreten Fall werden unter extrinsischer Motivation Gedanken wie „das ist gut für meine Gesundheit“ oder „ich bekomme eine bessere Figur“ verstanden.

Details

Seiten
56
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640941223
ISBN (Buch)
9783640941391
Dateigröße
930 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173181
Institution / Hochschule
Universität Bern – ISPW
Note
5.5
Schlagworte
sport gesundheit sportprogramm kindern einfluss bewegungsverhalten alltag

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Titel: Sport und Gesundheit