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Schule und Jugendoffizier - Die Bedeutung des Jugendoffiziers für die Erziehung zum Frieden

Diplomarbeit 2006 171 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Friedenserziehung als Konsequenz der Friedensforschung
2.1. Grundlagen der Friedensforschung
2.1.1. Erkenntnisse der Friedensforschung im Hinblick auf den Friedensbegriff
2.1.2. Zugänge zum Kriegsbegriff
2.2. Erziehung zum Frieden

3. Die Institutionen Schule und Jugendoffizier in der Erziehung zum Frieden: Vorstellung der beiden Institutionen
3.1. Der Institutionenbegriff
3.2. Schule als Institution
3.2.1. Politikunterricht in der Schule
3.2.2. Vorgaben der Kultusministerien der Bundesländer im Politikunterricht
3.2.3. Niedersächsische Rahmenrichtlinien für das Unterrichtsfach Gemeinschaftskunde in der gymnasialen Oberstufe
3.3. Der Jugendoffizier als Institution
3.3.1. Jugendoffiziere in der Anfangsphase der Bundeswehr
3.3.2. Jugendoffiziere in den 1960er- bis 1970er-Jahren
3.3.3. Jugendoffiziere in den 1980er- und 1990er-Jahren
3.3.4. Institutionelle Ausbildung zum Jugendoffizier in der Gegenwart

4. Das Zusammenwirken von Schule und Jugendoffizier
4.1. Beispiel 1: Der Besuch eines Jugendoffiziers in einem Politikkurs einer ausgewählten gymnasialen Oberstufe
4.1.1 Bewertung aus der Sicht des Jugendoffiziers
4.1.2. Bewertung aus der Sicht des Kursleiters
4.1.3. Bewertung aus der Sicht der Schülerinnen und Schüler
4.2. Beispiel 2: Die Simulation POL&IS
4.2.1. Funktionsweise der Simulation
4.2.2. Erfahrungen zur Anwendung der Simulation POL&IS

5. Der Jugendoffizier: Politische Bildung als effiziente Öffentlichkeitsarbeit

6. Zusammenfassung und Ausblick .

Quellen-/Literaturverzeichnis

Quellen

Monographien

Sammelbände/Aufsätze/Reihen

Zeitschriften

Sonstiges:

Darstellungsverzeichnis

Anhang.

Organigramm I: ha JgdOffz – BMVg → SKA → WBK I–IV + StoKdo Berlin.

Organigramm II: ha JgdOffz – WBK I (Bundesländer Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein)

Organigramm III: ha JgdOffz – WBK II (Bundesländer Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland)

Organigramm IV: ha JgdOffz – WBK III (Bundesländer Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) + Standortkommando Berlin.

Organigramm V: ha JgdOffz – WBK IV (Bundesländer Bayern, Baden Württemberg)

Der Besuch eines Jugendoffiziers in einer Schule

INTERVIEW JUGENDOFFIZIER WBK I Küste/Hannover

INTERVIEW OBMANN POLITIK am GYMNASIUM ANDREANUM, HILDESHEIM

Niedersachsen: Zentralabitur 2006

Der Jugendoffizier als Ansprechpartner für Schulen

Schriftliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Angesichts der Erinnerung an die furchtbare Gewalt und Zerstörung zweier Weltkriege, angesichts des Faktums, dass in den etwa 200 größten zwischenstaatlichen Kriegen und Bürgerkriegen, Befreiungskriegen, Revolutionen und Konterrevolutionen, Staatsstreichen, Guerilla- und Konterguerillaaktionen seit 1945 unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 15 und 32 Mio. Menschen ihr Leben ließen und mehr als 40 Mio. ihre Heimat durch kriegsbedingte Flucht und Vertreibung verloren – angesichts all dieser Schreckenszahlen mag die Behauptung als ausgesprochen paradox erscheinen, dass die Entwicklung der internationalen Beziehungen langfristig von einer spezifischen Tendenz gekennzeichnet wird: Nämlich der der Einhegung und Verrechtlichung des Krieges, der Zivilisierung militärischer Gewaltanwendung und der Wandlung des Friedens von einem labilen Zustand ruhender Gewalttätigkeit zu einem historischen Prozess, in dem sich Formen der internationalen Konfliktbearbeitung durchsetzen, die sich zunehmend von der Anwendung organisierter militärischer Gewalt befreien.[1]

Diese Situationsbeschreibung gibt wieder, wie Gewalt das Leben bestimmt und welche Folgen aus Kriegen und Konflikten die internationale Sicherheit gefährden. Dass dieser Entwicklung Einhalt geboten werden muss, ist eine augenscheinliche Erkenntnis. Das Ziel, eine friedliche Welt zu schaffen, kann auf verschiedenen Wegen erreicht werden, zum Beispiel durch eine Friedenserziehung. Der Verein Sicherung des Friedens e.V. - Landesgruppe Bayern, nach eigener Definition „ein überparteilicher Arbeitskreis von Christen zur Förderung von Frieden in Freiheit“[2], zu dessen Schirmherren u.a. Staatsminister Dr. Günther Beckstein gehört, führte dazu im Jahr 2005 eine Vortragsreihe zum Thema „Erziehung zum Frieden“ durch. Diese Reihe schloss am 28. November 2005 mit einem Referat des an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität lehrenden Professors Dr. Christopher Daase zum Thema „50 Jahre Friedensforschung. Hat es sich gelohnt?“ ab. Dieser Vortrag machte neugierig auf die Thematik Friedensforschung, besonders aber auf Friedenserziehung.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf dem Engagement zweier Institutionen in der Friedenserziehung: Schule und Bundeswehr in Form der Jugendoffiziere. Eine Erziehung zum Frieden findet in der Schule u.a. im Fach Gemeinschaftskunde[3] in der Thematik der Sicherheitspolitik statt. Die Bundeswehr bietet im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit an, den Schulunterricht durch einen Jugendoffizier zu unterstützen, wenn er einerseits als Fachmann zu Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik und der Bundeswehr Rede und Antwort steht und andererseits Schulklassen oder andere größere Gruppen das Simulationsspiel POL&IS[4] spielen lässt.

Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit besteht darin, welche ethische Legitimation die Institutionen Schule und Jugendoffizier in der Erziehung zum Frieden haben. Ferner geht es darum, eine Aussage darüber zu treffen, dass die Bundeswehr die Arbeit des Jugendoffiziers dazu nutzt, im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit Imagepflege zu betreiben.

Die Arbeit ist hierzu wie folgt gegliedert: zunächst erfolgt eine Einführung in die Thematik der Friedensforschung und der Friedenserziehung mit der Frage, ob und welcher Zusammenhang zwischen beiden Begriffen besteht.

Im Anschluss daran werden die Institutionen Schule und Jugendoffizier vorgestellt, wobei der Fokus auf dem Jugendoffizier liegt.

Im darauf folgenden Kapitel wird die Zusammenarbeit beider Institutionen dargestellt: Jugendoffiziere nutzen einerseits den Schulvortrag und andererseits die Simulation POL&IS in der Vermittlung von Sicherheitspolitik. Der Schulvortrag wird anhand eines Begleitbesuchs bei einem Jugendoffizier dargestellt, zur Bewertung davon werden Interviews mit Kursleiter und Jugendoffizier und das Feedback des Kurses hinzugezogen, bei POL&IS werden Erfahrungen und Ansichten aus Veröffentlichungen genutzt.

Daran schließt sich die Beantwortung der Fragestellung wie auch eine Stellungnahme zur These an, dass die Bundeswehr lediglich Imagepflege betreibt, wenn sie die politische Bildung unterstützt, wobei eine die Unterscheidung zwischen Werbung und Öffentlichkeitsarbeit vorangestellt wird.

Im letzten Kapitel wird eine Zusammenfassung der Arbeit angeboten. Darüber hinaus sollen mögliche nötige Veränderungen vorgeschlagen wie auch ein Ausblick auf weitere mögliche Forschungsansätze gegeben werden.

In Bezug auf den aktuellen Forschungsstand der Friedensforschung soll an dieser Stelle auf den Vortrag Daases[5] hingewiesen werden. Er stellte dort als „blinde Flecke“ die Bereiche vor, die seiner Einschätzung nach verstärkt von der Friedensforschung betrachtet werden sollten: dies sei die Kriegsforschung. Seiner Meinung nach habe die Friedensforschung dieses Forschungsgebiet sehr lange vernachlässigt, so dass gesichertes Wissen über die Formen, die Ursachen und die Folgen von Krieg noch nicht ausreichend entwickelt wurde, um daraus eine theoretische Grundlage für eine Friedenspolitik wie auch -arbeit abzuleiten. Das, was bis jetzt als Erkenntnis über den Krieg bestehe, sei fragmentarisch und unverbunden, es sei zu viel über Grundlagen philosophiert, aber zu wenig in der Empirie geforscht worden. Erschwert würde eine kontinuierliche Forschung zum Krieg dadurch, dass das öffentliche Forschungsinteresse sehr schwanke. Als dritten Punkt benannte er, dass sich das Bild des Krieges durch Bürgerkrieg und globalen Terrorismus gewandelt habe, so dass neue theoretische Erklärungen entwickelt werden müssten, um diese als neue Formen politischer Gewalt zu verstehenden Herausforderungen für die internationale Politik zu analysieren. Das Ziel der Forschung müsse sein, die Bedingungen für Frieden im 21. Jahrhundert zu untersuchen. Dazu ist zu erklären, aus welchem Grund und auf welche Art und Weise sich die Formen politischer Gewalt verändern. Daneben soll eine Antwort auf die Frage geliefert werden, welche Bedingungen vorherrschen müssen, damit politische Gruppen wie auch Individuen von einem Gewalteinsatz absehen. Abschließend sei es auch wichtig, Auskunft geben zu können über die Effizienz von Strategien zum Umgang mit diesen neuen Formen von politischer Gewalt. Daase konstatierte, dass die Forschung hierbei erst am Anfang stehe. Friedensforschung sei zwar auch immer die Beschäftigung mit den gegenwärtigen Sachverhalten und einer Suche nach friedlichen alternativen Konzepten, um einem Konflikt auszuweichen, sie sei aber nicht in der Lage, sofort komplette Lösungen parat zu haben.

2. Friedenserziehung als Konsequenz der Friedensforschung

„Kriege werden von Menschen gemacht, und das setzt voraus, dass Menschen bereit sein müssen, Kriege zu führen.“[6] Den Menschen als Ursache allein zu betrachten ist falsch, da auch politische wie gesellschaftliche Strukturen von Staaten, d.h. als Teile der internationalen Ordnung, Auseinandersetzungen bedingen können.[7]

„That since wars begin in the minds of men, it is in the minds of men that the defences of peace must be constructed,“[8] heißt es in der Präambel der Verfassung der UNESCO. Eine daraus abgeleitete Friedenserziehung setzt beim Menschen an, da dieser als Bestandteil aller politischen und gesellschaftlichen Strukturen mit seinem Denken und Handeln Einfluss ausüben kann.

Eine intellektuelle und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik von Krieg und Frieden hat eine lange Tradition, obgleich sie nicht als eigenständige Wissenschaft vollzogen wurde, sondern in dem Beschäftigungsfeld von Historikern, Philosophen und Theologen lag.[9]

Als historische Beispiele sei hierbei einerseits auf Augustinus und Thomas von Aquin verwiesen, die ihrerseits die Betrachtung auf den Krieg legten, nämlich wann eine staatliche Gewaltausübung gerechtfertig ist (bellum-iustum-Lehre). Diese Überlegungen bildeten über Jahrhunderte die (friedens-) ethische Grundlage.[10]

Martin Luthers friedensethischer Ansatz liegt darin, dass er vom christlich geprägten Menschen grundsätzlich einen Gewaltverzicht einfordert, wenn ihm selber ein Übel widerfährt. Auf der anderen Seite gestattet er unter Berufung auf den Römerbrief (Röm 13, 1-7) Gewaltanwendung durch die Obrigkeit zum Schutz der Untergebenen/der Nächsten.[11]

Die Schrift Immanuel Kants „Zum ewigen Frieden“[12] wäre als nächster Schritt anzuführen, auch wenn er damit keine direkte Auswirkung auf seine Epoche im Hinblick auf die Kriegsrealität (Befreiungskriege gegen Napoleon) und der Kriegsverherrlichung (Bellizismus) erreichen konnte.[13]

Friedensforschung als eigenständige Wissenschaft existiert in institutionalisierter Form seit den 1950er- und 1960er-Jahren.[14] Friedenspädagogik, Friedenserziehung oder Erziehung zum Frieden werden von Hermann Röhrs als „zentrale Aufgaben der Friedensforschung“[15] angesehen. Im ersten Teil des folgenden Kapitels wird die Friedensforschung skizziert und deren Erkenntnisse der Forschung bezüglich der Begriffe Krieg und Frieden wiedergegeben. Im Anschluss daran folgt der Ansatz zur Erziehung zum Frieden als Grundlage für die Darstellung der Institutionen Schule und Jugendoffizier (Bundeswehr) innerhalb dieses Themenfeldes.

2.1. Grundlagen der Friedensforschung

Johan Galtung beschreibt Friedensforschung wie folgt:

Unter »Friedensforschung« wird hier eine zielgerichtete oder angewandte Wissenschaft verstanden, deren Schwerpunkt auf dem Feld der Humanwissenschaften liegt. Sie hat die Aufgabe, die Bedingungen herauszufinden, die den Frieden im negativen Sinne des Wortes (kein Krieg) wie im positiven Sinne (Integration, Zusammenarbeit) verhindern oder ermöglichen.[16]

Friedensforschung erhält ihren interdisziplinären Charakter dadurch, dass Forschung in diesem Bereich durch Vertreter u.a. aus der Soziologie, der Politik, der Ethik, der Philosophie, aber auch aus den Naturwissenschaften, mit den diesen Wissenschaften anhänglichen Ansätzen betrieben wird. Friedensforschung kann aus diesem Grund hier nur skizzenartig beschrieben werden, die Darstellung der Entwicklung wird sich zudem hauptsächlich auf den Bereich der Bundesrepublik Deutschland beschränken. Allerdings lassen sich zwei Ereignisse benennen, gemäß u.a Bernhard Moltmann, Corinna Hauswedell und Theodor W. Adorno[17], die zugleich Anstoß wie auch Problemfelder der Friedensforschung sind[18]: Hiroshima und Auschwitz. Moltmann stellt hierzu fest, dass Wissenschaftler sowohl Zeugen als auch Zeitgenossen wie auch Mitwirkende waren, andere dieser Personengruppe aber auch versucht hätten, diesen Entwicklungen auszuweichen.[19]

Die Bedeutung der beiden Ortsnamen Hiroshima und Auschwitz ist wie folgt: „»Hiroshima« steht für das Faktum, dass die Menschen und Völker heute über die technischen Möglichkeiten verfügen, global ihrem Leben ein Ende zu setzen.“[20] Das Potential der Waffen durch ihre Reichweite und Anzahl, aber auch die Entgrenzung von Kriegs- und Konfliktfolgen auf Politik, Gesellschaft und Ökologie sind Konnotierungen dieses Begriffs. Die Auffassung, dass ziviler Nutzen von Kernenergie die militärischen Gefahren überlagere, ist eine naive. Moltmann sagt weiter, dass der Einsatz der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki vor Augen führe, dass es sinnlos ist, in einem internationalen System einer militärischen Gewalt mit Gegengewalt zu begegnen. Friedensforscher haben hierbei einen Zugang gesucht und Kriegsursachen untersucht, Abschreckungslogik analysiert, Formen von Konflikten definiert und sich mit der Rüstungsdynamik befasst. Moltmann sieht als Ergebnisse der Studien Auswege darin, dass sich Sicherheitsvorstellung, Militärstrategien wandeln und Entspannungspolitik betrieben wird. Ihre Erkenntnisse setzte die Friedensforschung um in Empfehlungen zur Rüstungskontrolle wie auch zur Abrüstung. Friedensforscher formulieren dabei die Forderung, dass das Völkerrecht gestärkt werden und in der internationalen Kooperation eine weitere Institutionalisierung stattfinden solle.[21]

Auschwitz ist wie folgt konnotiert:

»Auschwitz« steht als Zeichen für eine perfekt organisierte, entgrenzte Machtanwendung des deutschen Staatsapparates. Es dokumentiert das Versagen der Zivilisation, einen »Zivilisationsbruch« (so. D. Diner u.a.): die Einzelnen haben zu Hunderttausenden versagt. Heute signalisiert es zudem in der Bundesrepublik eine Verdrängung und ein zugelassenes, teils gefördertes Vergessen. Sich diesem Zeichen zu stellen, heißt, gemeinsam in bisher nur von Einzelnen vollzogener Weise nach dem Zusammenhang von Gewalt, Macht und Recht zu fragen.[22]

Die Annäherung an diese Thematik erfolgt durch die Forschungen zu Friedlosigkeit und die Fähigkeit zum Frieden. Weiterhin werden Feindbilder, deren Ursachen und Möglichkeiten diese abzubauen, untersucht.[23]

Neben diesen zwei einschneidenden Erfahrungen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts benennt Moltmann noch einen dritten geographischen Ort als Metapher für einen Sachverhalt, der in den Fokus der Friedensforscher getreten ist: die Sahel. Diese Region in Zentralafrika, die einerseits fruchtbare Bereiche hat, aber andererseits auch große unwirtliche Wüstenteile, „steht für die Wechselbeziehung zwischen ökologischem Zusammenbruch, weltwirtschaftlicher versus lokaler Entwicklung, politischer Krise und menschlichem Leid.“[24] Die Sahel ist ein Symbol für die Hoffnungslosigkeit, alle Menschen ernähren und deren Bedürfnisse befriedigen zu können, und das, obwohl weltweit der Abbau der Ressourcen angestiegen ist. Gleichzeitig ist die Erzeugung wie auch Regeneration nicht mehr in einem Gleichgewicht mit dem Verbrauch. Nicht nur auf der nationalen, sondern auch auf der internationalen Ebene sei als Folge festzustellen, dass die Differenz zwischen wenigen privilegierten und wohlhabenden und den großen Zahl an unterprivilegierten und armen Menschen stetig größer wird. Ein nachhaltiger Ausgleich zwischen Natur, dem Wirtschaften und dem Menschen ist somit stark gefährdet.[25]

Nach dieser Einführung, die einerseits die Anstöße aufzeigte, die zu weitergehenden Untersuchungen der Friedensforschung führten, andererseits aber auch die Betätigungsfelder zeigt, soll skizzenhaft die Entstehung und Institutionalisierung der Friedensforschung als eigenständige Wissenschaft aus dem internationalen Kontext auf die Bundesrepublik Deutschland dargestellt werden.[26]

Die Entstehung einer wissenschaftlichen Reflexion mit den Begriffen Krieg und Frieden ist nach Alfs mit zentralen Kennzeichen einer internationalen Politik im 20. Jahrhundert verbunden. Er verweist hierbei auf den Ausdruck „Globalisierung der Politik“[27].

Ausgangspunkt dieser Entwicklung sei die industrielle Revolution mit ihren Folgen auf die Gesellschaft wie auch Ökonomie. Globalisierung wird weiterhin verbunden mit dem Wachstum der Weltwirtschaft, einem gestiegenen Welthandel, weltweiter Produktionsstätten, internationaler Absatzmärkte und einer weltumspannenden Kommunikationsstruktur.[28] Genau wie im Handel auch fielen in der Waffen- und Kriegstechnik Grenzen hinfort, was zum Beispiel bedeutet, dass die Zerstörungskraft von Waffen – besonders im Bereich der Nuklearwaffen – immens ist.[29] Werden beide Bereiche zusammengefasst, sind zwei Prozesse festzustellen: auf der einen Seite eine internationale Kooperation und Verflechtung auf unterschiedlichen Ebenen, auf der anderen Seite allerdings auch die Möglichkeit eines weltumspannenden Kriegs.[30]

Die Erfahrung des Ersten Weltkriegs als Akt totaler Vernichtung führte zu der Überlegung, mit Hilfe eines wissenschaftlichen Ansatzes einen Beitrag zur Vermeidung von Kriegen beizutragen. Dazu wurden Annahmen formuliert, die eine Orientierung anboten und auch Einfluss hatten auf die Entstehung der Lehre der Internationalen Beziehungen. Diese Annahmen sind wie folgt:

1. Krieg ist tendenziell abschaffbar, weil er gesellschaftlich historisch bedingt ist,
2. Frieden muss global sein, dass heißt eine weltweite Ordnung darstellen und
3. Für eine Politik, die Krieg vermeiden will, sind wissenschaftliche Erkenntnis notwendig.[31]

In den 1920-Jahren wurden mehrere Forschungsinstitute in den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz gegründet. Die Konzentration der Forschung innerhalb der Lehre von den Internationalen Beziehungen lag hierbei vor allen Dingen auf der Untersuchung von Ursachen, die zu einem Krieg führen und von den Chancen, diesen zu vermeiden. Das Ziel dieser Überlegungen war es, Ratschläge geben zu können, wie die Beziehungen zwischen Staaten stabiler ausgestaltet werden können.

Aus der Beschäftigung mit dieser Materie wurden für die Friedensforschung zwei Punkte herausgearbeitet, die ihr auch heute noch zu Eigen sind: sie ist eine normative Forschung, d.h. Krieg kann und soll abgeschafft werden, und sie ist auf die Praxis bezogen.[32] Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte – wie oben anhand von Auschwitz und Hiroshima bereits erwähnt wurde – die Erkenntnis, dass die Welt nicht von einem dauerhaften Frieden umspannt ist, sondern genau das Gegenteil mit der Existenz nuklearer Waffen in den Arsenalen der NATO wie auch des Warschauer Paktes eingetreten ist. Dieser Bezug auf die Nukleartechnik ließ besonders bei einigen Naturwissenschaftlern das Bewusstsein entwickeln, verantwortlich für die Existenz dieser Massenvernichtungswaffen zu sein.[33]

Auf internationaler Ebene bildeten sich nach dem Zweiten Weltkrieg Ende der 1950er-Jahre mehrere Forschungsstätten, die einerseits auf die Proteste gegen Atomwaffen zurückgingen, andererseits aber auch eine Symbiose verschiedener Wissenschaften oder Grundorientierungen darstellten (bspw. Sozialwissenschaften, gesellschaftskritische oder pazifistische Gruppierungen): 1957 das Center for Research on Conflict Resolution in Michigan (USA), 1959 das Peace Research Institute Oslo (Norwegen), 1961 das Polemologisch Instituut in Groningen (Niederlande), 1964 die International Peace Research Association in London (Großbritannien) und 1966 das Stockholm International Peace Research Institute (Schweden). Die internationalen Entwicklungen ab Mitte der 1960er-Jahre – zu nennen sind hierbei bspw. der Vietnamkrieg, der Kalte Krieg, die stärkere Wahrnehmung der Nord-Süd-Problematik – führten zu einer Erweiterung des Forschungsfeldes: innerstaatliche Entwicklungen und ihr Einfluss auf die Entstehung von Konflikten und internationalen Krisen gerieten nun in den Fokus der Wissenschaftler.[34]

In der Bundesrepublik Deutschland setzte die Institutionalisierung der Friedensforschung später ein, ab 1970 beschleunigte sich die Verbreitung. Alfs stellt für die Bundesrepublik zwei Motivations- und Handlungsstränge heraus: „gesellschaftliche und etatische Bezugslinien“[35]. Gesellschaftliche Bezugslinie meint die Entwicklung zu einer Wissenschaftspraxis, die die Folgen auf die Gesellschaft in ihr Handeln integriert und auf diese Weise verantwortungsbewusster auftritt. Dies sei dadurch entstanden, dass pazifistische Impulse wie auch die Kritik an einer Drohpolitik eine Verschiebung der Akzentuierung bedingt hat. Etatische Bezugslinie auf der anderen Seite bezeichnet das Einmischen des Staates in die Wissenschaft, um sie zweckorientiert zu steuern. Ziel ist dabei, Zugriff auf die Erkenntnisse in Bezug auf die Lösung von Problemen zu erlangen, um diese brauchbar zu machen für die praktische Politik.[36]

Nach der Erklärung der Göttinger 18[37] schlossen sich im Jahr 1959 Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaftler zur Vereinigung deutscher Wissenschaftler zusammen, die darüber debattierte, auf welche Weise Erkenntnisse von so genannten Friedenswissenschaften verwertet werden können. Gleichzeitig galt dieser Zusammenschluss auch als deutscher Ableger der sogenannten Pugwash-Konferenz, welche eine Bewegung friedensorientierter Forscher war. Aus der deutschen Vereinigung entwickelten sich einige auch heute noch einflussreiche Institutionen wie die FEST (Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft, 1958) und die Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (1958).[38] Als weitere Institutionen, die in ihrer Ausrichtung auf eine pragmatisch staatliche Außenpolitik den sogenannten US-amerikanischen think-tanks ähnlich sind, können das Bundesinstitut für internationale und ostwissenschaftliche Studien (BIOST, 1961) und die nach einem Bundestagsbeschluss gegründete Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP, 1966, Ebenhausen bei München, heute Berlin) aufgeführt werden. Letzteres Forschungsinstitut befasst sich mit Fragen zur internationalen Politik und Sicherheit.[39] 1967 gab es Initiativen zu einer Förderung weiterer Friedens- und Konfliktforschung, die vor allen Dingen an den Hochschulen betrieben werden sollten. Daneben gab es Überlegungen zur Schaffung eines Bundesministeriums zur Friedensplanung wie auch von Friedensforschungsinstituten durch Gewerkschaften.[40]

Die Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK) wurde 1970 gegründet und erwies sich im internationalen Vergleich durch die staatliche Förderung als einzigartige Institution im Bereich der Friedensforschung.[41] Auf diese Weise und durch die Erklärungen hochrangiger Politiker wie die des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann oder auch die des Bundeskanzlers Willy Brand erlangte die Friedensforschung eine „neue Hoffähigkeit“[42].

Die Gründungen weiterer Forschungsinstitute war die Folge: 1970 das Max-Planck-Institut zur Erforschung des wissenschaftlich-technischen Zeitalters, die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, 1971 die Berghof-Stiftung für Konfliktforschung, das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universitär Hamburg und die Arbeitsgruppe Friedensforschung Tübingen.[43]

Ihre »Hoffähigkeit« verlor die DGFK nach Daase dadurch, weil in Folge der Veröffentlichung von wenigen Aufsätzen, bei denen eine Trennung zwischen kritischer Forschung und politischer Propaganda schwer ersichtlich war, sich der Freistaat Bayern 1980 aus der Förderung zurückzog, im Anschluss daran alle weiteren CDU geführten Bundesländer. Mit dem Regierungswechsel 1982/83 wurde die DGFK aufgelöst, wobei aber eine weitere Förderung friedenswissenschaftlicher Studien durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft übernommen wurde. Daase konnte der Einstellung der Förderung allerdings auch positive Seiten abgewinnen, weil nun um Projektmittel geworben werden musste: es erfolgten Professionalisierung, Spezialisierung und Wiedereinbindung in die Disziplinen, aus denen sie sich jeweils entwickelt hatte.[44] Als letzte Neugründung kann die Deutsche Stiftung Friedensforschung aus dem Jahr 2000 aufgeführt werden, die durch das Ministerium für Bildung und Forschung ins Leben gerufen wurde.[45]

Trotz dieser vielfältigen Forschungseinrichtungen ist es in Deutschland nicht gelungen, die damalige Forderung zu verwirklichen, die Friedensforschung in den Hochschulbetrieb zu integrieren, bspw. in Form eines eigenständigen Studienfachs, so dass gegenwärtig zwar Institute an Hochschulen existieren, aber separat von Hochschulen betriebene Forschungsstätten die Regel darstellen.[46]

2.1.1. Erkenntnisse der Friedensforschung im Hinblick auf den Friedensbegriff

Für beide Grundbegriffe der Friedensforschung kann Johan Galtung mit seinen Konzepten angeführt werden. Er unterscheidet negativen und positiven Frieden. Alfs verweist allerdings darauf, dass Galtung nicht Erfinder der Begriffsdefinitionen ist, sondern er dieses Begriffpaar lediglich am weitesten zugespitzt habe.[47]

Hubert Groten ordnet den negativen Friedensbegriff, der mit der Grundformel, dass Frieden die Abwesenheit von Gewalt bedeute, einer konventionellen Friedensforschung zu.[48] Gewalt ist hierbei unter zwei Blickwinkeln zu verstehen: einerseits wird das Fehlen von personeller Gewalt dem negativen Frieden zugeordnet, andererseits wird die Freiheit von struktureller Gewalt dem positiven Frieden zugesprochen.[49]

Diese Differenzierung entstammt laut Reinhard Meyers aus der Zeit des Kalten Krieges und hat ihren Bezug auch eher auf diese Zeit. Der Einfluss auf die Gegenwart werde auch nur durch diesen Rückbezug möglich. Die Veränderung des Kriegsbildes wie auch der Kriegsführung wurde ab 1945 maßgeblich durch die Existenz von nuklearen Massenvernichtungsmitteln bestimmt. Auf diese Weise bekommt negativer Frieden, d.h. Frieden ist die Abwesenheit von Krieg, eine abwertende Konnotation. Die Menschheit hätte demnach nur eine Chance zum Überleben: das politisch-militärische Konfliktverhältnis müsse stabilisiert werden. Die Kritik an diesem Konzept zielt darauf ab, dass ein negativer Friedensbegriff nur auf die Konfrontation der Supermächte ausgerichtet zu sein scheint. Der Ausdruck des negativen Friedens umfasst eine klare und potentiell gewaltsame Subjekt-Objekt-Relation, es lässt sicher daher schnell ersehen, wer in dieser Beziehung Gewalt ausübt (Subjekt, Täter) und gegen wen diese eingesetzt wird (Objekt, Opfer). Im Kalten Krieg zeigte sich, dass mit Hilfe der Abschreckung (bspw. durch die Atomwaffen) eine Gewaltanwendung des anderen Akteurs vermieden werden konnte. Negativer Frieden kann aufgrund dieser Definition nicht strukturelle, d.h. akteurlose, Gewalt erfassen. Auf diese Weise ist der Begriff zum Beispiel nicht auf die Verhältnisse in der sog. Dritten Welt anzuwenden. Dort seien Begriffspaare wie Harmonie und Kompromiss, Ruhe und Ordnung schwerlich zu finden. Zudem bestünde auch keine Chancengleichheit (mit denen die Wirtschaft dominierenden Akteuren der Nordhalbkugel der Welt), da sie in der Regel wirtschaftlich ausgebeutet werden. Der Zustand eines weltweiten Friedens wird skeptisch betrachtet, da hier auf das Schutzmoment der Abschreckung verzichtet werden müsste.[50]

In Abgrenzung zum negativen Friedensbegriff, bei dem direkte Gewalt als Handlung in der Spanne von der Körperverletzung bis hin zum Krieg reicht, wird beim positiven Friedensbegriff auch strukturelle Gewalt einbezogen. Nach Alfs ist sichtbar, wer das Opfer ist und wie die Folgen der Gewaltanwendung beschaffen sind, die Ursache/ der Verursacher ließe sich aber nicht eindeutig benennen.[51] Galtung definiert positiven Frieden auf die Weise, dass sowohl direkte Gewalt wie auch indirekte abwesend sind. Positiver Friede orientiere sich an Werten wie soziale Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Freiheit.[52] Frieden wird zusätzlich als Muster von Kooperation und Integration aufgefasst. Das Fehlen von Ausbeutung ist genauso Zielzustand wie die „wirtschaftliche und soziale Entwicklung, Pluralismus, Gerechtigkeit und Freiheit, die Verwirklichung der Menschenrechte und die jedem Individuum einzuräumende Möglichkeit, sich gemäß seinen Anlagen und Fähigkeiten selbst zu entfalten.“[53]

Johan Galtung benennt drei Wege, um Frieden zu verwirklichen: zum einen müsse das Patriarchat überwunden werden, weil es der Kern direkter, struktureller und kultureller Gewalt sei.[54] Zum anderen sei es notwendig, dass sich Demokratie als Herrschaftsverhältnis durchsetze[55]. Als dritte Idee führt Galtung an, dass sich das Staatensystem so zu organisieren habe, dass es am besten den Frieden fördere.[56]

Die Definition des negativen Friedens entstammt dem Geist der 1950er- und 1960er-Jahre, die des positiven Friedens aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren.[57]

Ende der 1980er- und in den 1990er-Jahren wurde Frieden schließlich als ein Prozess gesehen, weil es zu anspruchsvoll erschien, den Friedensbegriff eindeutig zu formulieren. Das Ziel, den Krieg als „Austragungsmodus inner- und zwischenstaatlicher Konflikte“[58] zu überwinden, besteht dabei weiterhin, allerdings „geht es – entgegen manch landläufiger Ansicht – nicht um die Abschaffung des Konflikts als eines sozialen Verhaltenstypus an sich.“[59] Der Konflikt soll mit Hilfe von Verrechtlichung ziviler ausgetragen werden, wobei trotzdem als nachhaltiges Ziel Gewaltfreiheit erreicht werden soll.[60]

2.1.2. Zugänge zum Kriegsbegriff

Im folgenden Kapitel soll ein Zugang zum Kriegsbegriff aus Bereichen außerhalb der Friedensforschung erfolgen, da sie, unter Verweis auf die Aussagen Daases, der Erforschung des Krieges nicht ausreichend genug nachgekommen sei.[61]

Der Krieg ist im historischen Überblick als „Grundtatbestand menschlichen Konfliktverhaltens“[62] zu verstehen. Carl von Clausewitz definierte den Krieg wie folgt: „Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“[63] Mit Ausbildung souveräner Nationalstaaten seit dem 17. Jahrhundert wurde Gewaltanwendung so definiert, dass immer dann ein Krieg vorliege, (1.) wenn wenigstens einer der Konfliktbeteiligten eine reguläre Armee oder andere Regierungstruppen einsetzt, (2.) wenn der Einsatz organisiert und zentral gelenkt ist und (3.) wenn die Auseinandersetzung nicht gelegentlich und spontan, sondern von längerer Dauer ist und dabei regelmäßig und strategisch geleitet wird.[64] Im klassischen Kriegsbild Clausewitz´ lag die Gewaltanwendung in der Verantwortung der Politik (respektive Regierung), im Krieg wurde das Gewaltmonopol des Staates nach außen gerichtet und somit ist er „ein wahres politisches Instrument […], eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchführen desselben mit anderen Mitteln.“[65] Die Auseinandersetzung fand zwischen militärischen Großverbänden statt, wobei die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte das Hauptziel des Krieges sein sollte.[66]

In den aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen richtet sich die Gewalt nicht mehr nach außen, sondern nach innen. Dies ist deshalb der Fall, weil auf diese Weise der innergesellschaftliche Machterhalt sichergestellt werden soll. Hierbei geht es nach Meyers um einen „Machterhalt von Interessengruppen, Clans, Warlords, Kriminellen“.[67] Die nach innen gerichtete Gewalt ermöglicht dabei schnellen Profit, es werden Abhängigkeiten erzwungen und aufrechterhalten. Der Krieg bekommt dadurch eine andere ökonomische Betrachtung: Ein klassischer Krieg zwischen Staaten finanziert sich bspw. aus Steuern oder Anleihen, die Kosten des »kleinen Kriegs« (Guerillakrieg) wie auch sog. „low intensity-warfare- Konflikte“[68] werden durch reiche Privatleute, Staaten und Emigrantengemeinden getragen, es werden Bohr- und Schürfrechte verkauft, Menschen und Rauschgift feilgeboten oder Schutz- und Lösegeld erpresst. Dazu kommen noch die durch Machthaber umgeleiteten Hilfslieferungen internationaler Organisationen.[69] Eine Vielzahl von Beteiligten in den neueren Konflikten ist zudem nicht daran interessiert, Frieden als Zustand zu akzeptieren, da bei ihnen in der gegenwärtigen Situation aus den oben geschilderten Quellen der Finanzierung mehr Vorteile geboten werden als in einem friedlichen Zustand.[70] Schließlich sei noch erwähnt, dass es mehrere Entwicklungen gibt, die das neue Kriegsbild kennzeichnen: zum einen ist die Entstaatlichung zu nennen. Darunter lässt sich auch die Privatisierung von kriegerischer Gewalt fassen. Zur unmittelbaren Kriegführung sind die Kosten gering, weil ein großes Waffenangebot zu günstigen Preisen besteht, zudem einfache Handfeuerwaffen (oder auch als Hieb- und Stichwaffen verwendete Gegenstände oder Werkzeuge) keiner langen Ausbildung bedürfen. Hieraus erwächst die sog. Asymmetrisierung der Gewalt, weil ungleiche Gegner gegenüberstehen. Gewalt richtet sich dabei auch weniger gegen die jeweiligen Streitkräfte, sondern gegen die Zivilbevölkerung (siehe Terrorismus). Reguläre Streitkräfte können auf diese Weise auch nur noch schwerlich Kontrolle über das Geschehen ausüben, womit die Autonomisierung gemeint ist, weil die Fähigkeit zur Aktion somit in die Hände von Gewaltakteuren geraten ist, die sich der Asymmetrie der beteiligten Kräfte bedienen. Aufgrund des Verlusts des Gewaltmonopols des Staates hat der

[...]


[1] Meyers, Reinhard: Krieg und Frieden. In: Woyke, Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch Internationale Politik. 8. aktualisierte Auflage. Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, 2000, S. 241f.

[2] Siehe: http://www.sicherung-des-friedens.de/ (28. Februar 2006).

[3] In den Bundesländern gibt es – wie an späterer Stelle deutlich wird – unterschiedliche Bezeichnung für dieses Fach wie Politik, Sozialwissenschaften, Sozialkunde etc.. In dieser Arbeit wird das Fach als Gemeinschaftskunde bezeichnet.

[4] POL&IS = Simulation Politik und Internationale Sicherheit. Dieses Planspiel wird im Verlauf der Arbeit vorgestellt.

[5] Daase, Christopher: Fünfzig Jahre Friedensforschung. Hat es sich gelohnt? Vortrag in der Hanns-Seidel-Stiftung (München) am 28. November 2005. Zusammenfassung des Vortrags: http://www.sicherung-des-friedens.de/pdf/Vortrag_Daase.doc (11. April 2006).

[6] Nicklas, Hans/Ostermann, Änne: Kann man zum Frieden erziehen? In: Heck, Gerhard/Schurig, Manfred (Hrsg.): Friedenspädagogik. Theorien, Ansätze und bildungspolitische Vorgaben einer Erziehung zum Frieden (1945-1985). Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991, S. 186.

[7] Vgl. Nicklas: Frieden, S. 189.

[8] UNESCO: UNESCO Constitution (http://portal.unesco.org/en/ev.php-URL_ID=15244&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html (30. Juni 2006).

[9] Vgl. Hauswedell, Corinna: Friedenswissenschaften im Kalten Krieg. Friedensforschung und friedenswissenschaftliche Initiativen in der Bundesrepublik Deutschland in den achtziger Jahren. Baden-Baden, Nomos, 1997, S. 30.

[10] Vgl. Hoppe, Thomas: Friede. In: Hunold, Gerfried W./Sautermeister, Jochen (Hrsg.): Lexikon der christlichen Ethik. Band 1. A-K. Freiburg u.a., Herder, 2003, S. 566.

[11] Reuter, Manfred: Frieden, Friedensethik. In: Honecker, Martin/Dahlhaus, Horst/Hübner, Jörg/Jähnichen, Traugott/Tempel, Heidrun (Hrsg.): Evangelisches Soziallexikon. Neuausgabe. Stuttgart u.a., W. Kohlhammer, 2001, S. 518.

[12] U.a. veröffentlicht bei: Kant, Immanuel: Werke. Akademie-Textausgabe, 29 Bände. Herausgeben von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften und Nachfolger. Berlin, 1900 – heute.

[13] Vgl. Reuter: Frieden, S. 519f. Als weiterführende Literatur wird verwiesen auf: Sutor, Bernhard: Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden? Stationen und Chancen eines geschichtlichen Lernprozesses. Schwalbach im Taunus, Wochenschau, 2004.

[14] Vgl. Alfs, Michael: Wissenschaft für den Frieden? Das schwierige Theorie-Praxis-Verhältnis der Friedens und Konfliktforschung. Münster, Agenda, 1995, S. 16.

[15] Röhrs, Hermann: Erziehung zum Frieden. Ein Beitrag der Friedenspädagogik zur Friedensforschung. Stuttgart u.a., Kohlhammer, 1971, S. 27.

[16] Galtung, Johan: Friedensforschung. In: Krippendorf, Ekkehard (Hrsg.): Friedensforschung. Köln u.a., Kippenheuer & Witsch, 1968, S. 519. Runde Klammern im Original.

[17] Siehe dazu: Moltmann, Bernhard: Perspektiven der Friedensforschung. In: Moltmann, Bernhard (Hrsg.): Perspektiven der Friedensforschung. Baden-Baden, Nomos, 1988, S. 11-40; Hauswedell: Initiativen, S. 39ff; Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz. In: Heck, Gerhard/Schurig, Manfred (Hrsg.): Friedenspädagogik. Theorien, Ansätze und bildungspolitische Vorgaben einer Erziehung zum Frieden (1945-1985). Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991, S. 80-94.

[18] Allerdings sei hierbei erwähnt, dass auch der Erste Weltkrieg einen wichtigen Anstoß für eine internationale, systematische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden geliefert hat.

[19] Vgl. Moltmann: Perspektiven, S. 15.

[20] Moltmann: Perspektiven, S. 15.

[21] Vgl. Moltmann: Perspektiven, S. 15f.

[22] Moltmann: Perspektiven, S. 16. Klammer im Original.

[23] Vgl. Moltmann: Perspektiven, S. 16.

[24] Moltmann: Perspektiven, S. 17.

[25] Vgl. Moltmann: Perspektiven, S. 17f.

[26] Hierbei wird aber nur auf die Bundesrepublik Deutschland eingegangen. Zur Friedensforschung in der DDR sei auf diesen Aufsatz verwiesen: Benjowski, Klaus/Schmidt, Max: DDR-Friedensforschung im Wandel. Zur Arbeit des Wissenschaftlichen Rates für Friedensforschung an der Akademie der Wissenschaften. In: Wasmuth, Ulrike C.: Friedensforschung. Eine Handlungsorientierung zwischen Politik und Wissenschaft. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991, S. 211-222.

[27] Alfs: Verhältnis, S. 17,

[28] Vgl. Alfs: Verhältnis, S. 17.

[29] Gegenwärtig ist in den Überlegungen der Einsatzdoktrinen der USA eine etwas gegenläufige Entwicklung eingetreten, indem über den Einsatz sog. »Mini-Nukes« nachgedacht wird (z.B. Diskussionen während des letzten Irak-Krieges). Dies bedeutet eine Begrenzung der Wirkung einer atomar bestückten Waffe auf einen bestimmten Bereich (z.B. Bunker) und dem Versuch, wenig von der Umgebung des Ziels mit einzubeziehen.

[30] Vgl. Alfs: Verhältnis, S. 17f.

[31] Vgl Alfs: Verhältnis, S. 18. Der letzte Punkt dieser Annahmen folgt sicherlich auch aus dem Beweggrund einer Legitimität der eigenen wissenschaftlichen Arbeit.

[32] Vgl Alfs: Verhältnis, S. 18f.

[33] Vgl. Alfs: Verhältnis, S. 19. Hierbei sei noch auf die Göttinger 18 oder Göttinger Erklärung (1957) verwiesen. Atomwissenschaftler um Carl Friedrich von Weizsäcker, Max Born, Otto Hahn und Werner Heisenberg befürworteten einerseits die friedliche Nutzung von Atomenergie, sprachen sich jedoch gleichzeitig gegen die Atombewaffnung der Bundesrepublik und weiterer Beteiligung an militärischer Nutzung aus. Vgl. dazu Hauswedell: Initiativen, S. 45ff.

[34] Vgl. Alfs: Verhältnis, S. 20.

[35] Alfs: Verhältnis, S. 21. Hervorhebungen im Original.

[36] Vgl. Alfs: Verhältnis, S. 21. Das Gewähren oder Streichen staatlicher Forschungsmittel ist eine Möglichkeit.

[37] Siehe: Fußnote 33.

[38] Vgl. Alfs: Verhältnis, S. 21.

[39] Vgl. Hauswedell: Initiativen, S. 51.

[40] Vgl. Hauswedell: Initiativen, S. 52.

[41] Vgl. Hauswedell: Initiativen, S. 52.

[42] Alfs: Verhältnis, S. 22.

[43] Vgl. Alfs: Verhältnis, S. 23.

[44] Vgl. Daase: Fünfzig, S. 5f.

[45] Vgl. Daase: Fünfzig, S. 6.

[46] Vgl. Alfs: Verhältnis, S. 11. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG berichtet in der Ausgabe vom 25. Juli 2006 darüber, dass an der Augsburger Universität ein politikwissenschaftlicher Lehrstuhl für Friedens- und Konfliktforschung geschaffen werden solle mit einen entsprechend ausgerichteten Masterstudiengang. Ein solcher Lehrstuhl stelle auch deutlich einen Bezug zu Augsburg als »Friedensstadt« her, in der 1555 der Augsburger Religionsfrieden geschlossen wurde und jährlich im August das Hohe Friedensfest gefeiert werde (Vgl. SZ, Nr. 169, 25. Juli 2006, S. 35.).

[47] Vgl. Alfs: Verhältnis, S. 30.

[48] Vgl. Groten, Hugo: Friedensforschung – Praxis und Anspruch. Studien zur Realisationsmöglichkeit des positiven Friedensbegriffs. Baden-Baden, Nomos, 1977, S. 48f.

[49] Vgl. Heidtmann, Ina: Theoretische Aspekte einer Friedenspädagogik. Essen, Blaue Eule, 1988, S. 43.

[50] Vgl. Meyers: Krieg, S. 250f.

[51] Vgl. Alfs: Verhältnis, S. 31.

[52] Vgl. Galtung, Johan: Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung. Reinbek, Rowohlt, 1982, S. 32.

[53] Meyers: Krieg, S. 251.

[54] Vgl. Galtung, Johan: Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur. Opladen, Leske + Budrich, 1998, S. 79ff.

[55] Vgl. Galtung: Kultur, S. 97ff.

[56] Vgl. Galtung: Kultur, S. 115ff. Als optimalste Organisationsform führt Galtung hierbei Einheitsstaatssysteme an. Siehe dazu: Galtung: Kultur, S. 124.

[57] Vgl. Meyers: Krieg, S. 253.

[58] Meyers: Krieg, S. 252.

[59] Meyers: Krieg, S. 252. Parenthese im Original.

[60] Vgl. Meyers: Krieg, S. 252.

[61] Vgl. Daase: Fünfzig, S. 7ff.

[62] Vgl. Meyers: Krieg, S. 244.

[63] von Clausewitz, Carl: Vom Kriege. Hinterlassenes Werk. Vollständige Ausgabe im Urtext, drei Teile in einem Band. Neunzehnte Auflage – Jubiläumsausgabe, mit erneut erweiterter historischer Würdigung von Dr. phil. Werner Hahlweg, Professor für Militärgeschichte und Wehrwissenschaften an der Universität Münster. Bonn, Ferdinand Dümmler, 1980, S. 191f.

[64] Vgl. Meyers: Krieg, S. 245.

[65] Clausewitz: Kriege, S. 210.

[66] Vgl. Clausewitz: Kriege, S. 467.

[67] Meyers: Krieg, S. 248.

[68] Meyers: Krieg, S. 248.

[69] Vgl. Münkler, Herfried: Die neuen Kriege. Reinbek, Rowohlt, 2002, S. 7.

[70] Vgl. Münkler: Kriege, S. 10.

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Titel: Schule und Jugendoffizier - Die Bedeutung des Jugendoffiziers für die Erziehung zum Frieden