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Bildungs- und kommunikationswissenschaftliche Voraussetzungen für den Einsatz von neuen Lehr- und Lernformen

Seminararbeit 2009 18 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Neue Lehr- und Lernformen im Überblick
2.1 Lerntheoretische Grundlagen und Geschichte neuer Lehr- und Lernformen
2.2 Formen computergestützten Lernens
2.3 Aspekte und Besonderheiten computervermittelter Kommunikation

3. Voraussetzungen für den Einsatz neuer Lehr- und Lernformen
3.1 Merkmale und grundsätzliche Überlegungen
3.2 Rolle und Kompetenzen des Lehrenden
3.3 Merkmale und Bedürfnisse der Lernenden
3.4 Voraussetzungen beim Bildungsträger

4. Zusammenfassung und Ausblick

1. Einleitung

Die Geschichte des Einsatzes computergestützter Lernformen beginnt mit ersten Versuchen der programmierten Unterweisung in den 1970er Jahren. In der relativ kurzen Geschichte haben sich, auch bedingt durch die rasante technische Entwicklung, vielfältigste Formen herausgebildet. Neben einer technologiekritischen Ablehnung („Neue Medien verdrängen das Buch und schaden der Lernkultur“) hat sich im Anschluss daran und insbesondere in den 1990er-Jahren eine euphorische Stimmung der unbegrenzten Möglichkeiten („Computer ersetzt den Lehrer“) durchgesetzt, die sich inzwischen aber auch wieder relativiert hat und zu realistischeren Einschätzungen zurückgefunden hat. Ein vollständiger Überblick kann im Rahmen dieser Arbeit weder über die technischen noch über die pädagogisch-didaktischen Entwicklungen gegeben werden. Vielmehr ist eine Fokussierung notwendig, an der sich jedoch exemplarisch möglichst viele Aspekte des Lernens mit neuen Medien aufzeigen lassen. Dabei soll der Schwerpunkt auf der Darstellung von Lernumgebungen liegen, die Kommunikation und Kollaboration zwischen den Lernenden ermöglichen oder sogar fordern. Es soll also in erster Linie nicht das Individuum betrachtet werden, welches z.B. mit einer CD-ROM-basierten Lernsoftware die Kurvendiskussion trainiert, sondern es soll um kooperatives und kollaboratives, also gemeinsames Lernen in echten und v.a. virtuellen Lerngemeinschaften gehen. Daher werden in dieser Arbeit nicht nur bildungswissenschaftliche, sondern eben auch kommunikationswissenschaftliche Aspekte betrachtet. Arnold weist darauf hin, dass bei der Betrachtung computervermittelter Lernformen, die sie in diesem Zusammenhang telematisches Lernen nennt, die Perspektive häufig auf den Lehrenden liege und die Lernerperspektive oft vernachlässigt werde (vgl. Arnold 2003, S. 64 ff.). In dieser Arbeit soll daher versucht werden, die Lernerperspektive ebenfalls nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade in diesem Bereich ist die aktive Konstruktionsleistung des Lerners wichtig. Lernen selbst ist natürlich immer ein individueller Prozess, der sich ausschließlich in der kognitiven Struktur des Einzelnen abspielt. Die verschiedenen Attribute des Lernens (z.B. individualisiert, kooperativ, teamorientiert) beziehen sich vielmehr auf die Gestaltung der Lernumgebung und die Organisation des Lernprozesses[1]. Neben der Darstellung der telemedialen Lernformen sollen also auch verschiedene Konzepte des Lernens betrachtet werden, da diese wiederum zentrale Auswirkungen auf die Gestaltung der Lernprogramme bzw. Lernumgebungen haben.

2. Neue Lehr- und Lernformen im Überblick

2.1 Lerntheoretische Grundlagen und Geschichte neuer Lehr- und Lernformen

Vor den Überlegungen zur didaktischen und methodischen Ausgestaltung von Lernumgebungen und -prozessen sollte immer gefragt werden, welche Vorstellungen und welches Konzept über das menschliche Lernen zugrunde liegen. Ob z.B. behavioristische oder konstruktivistische Annahmen über das Lernen der genaueren Ausgestaltung der Lernumgebungen zugrunde liegen, hat weit reichende Auswirkungen auf die konkrete Praxis. Arnold weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es eine E-Learning-Didaktik eigentlich überhaupt nicht geben kann:

Zugegeben: Der Hinweis darauf, dass es eLearning überhaupt nicht gibt, da Lernen eine kognitiv-emotionale, also physiologische, und keine elektronische Aktivität sei, ist nicht originell. Wenn überhaupt, so müsste man von eTeaching sprechen, da die Elektronisierung bzw. Virtualisierung in erster Linie die Inhaltspräsentation sowie das Zugangsarrangement betrifft, nicht jedoch die Aneignungsleistung der Subjekte“ (Arnold 2006, S. 11).

Da neuere Ansätze und Forschungen auch die individuellen Verarbeitungsprozesse, beispielsweise beim kollaborativen Lernen, in den Blick nehmen, ist die Aussage Arnolds in ihrer überspitzten Ausschließlichkeit heute sicherlich nicht mehr zu teilen. Er macht jedoch auf einen nicht zu vernachlässigenden Faktor aufmerksam, den man auch in der aktuellen Diskussion nicht aus dem Blick verlieren darf. Durch eine überstarke Contentorientierung und einer einseitigen Ausrichtung am Kundeninteresse, deutlich werdend in den „Anglizismen kundenorientierter Sprachspiele“ (Arnold 2006, S. 11) kommt es immer wieder zu einem Problem, welches Orthey pointiert mit der Bezeichnung „Kundenorientierung als Entpädagogisierung“ (Orthey 2003, S. 181, zit. n. Arnold 2006, S. 14) versieht. Beide Aspekte können das eigentliche Fundament überlagern, auf denen jede Überlegung in Bezug auf Lernprozess (ob auf „herkömmliche“ oder elektronische Art) fußen sollte, nämlich die dahinter stehende Lerntheorie und damit verbunden das Bild vom lernenden Menschen. Daher sollen kurz einige lerntheoretische Anmerkungen gemacht werden, auf deren Basis dann weitere Überlegungen angestellt werden. Von den drei großen Theorieströmungen Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus lassen sich nach wie vor verschiedene Elemente in wie auch immer gearteten Lernarrangements finden. Im computerunterstützten Lernen dominierten in der Anfangszeit behavioristisch geprägte „Drill-and-practice“-Programme. Auch heute findet man diese Ansätze noch immer dort, wo Faktenwissen bzw. verlässliche Reiz-Reaktionsschemata aufgebaut werden sollen (z.B. Vokabeltraining, Training von Einmalseinsreihen). Die kognitive Wende mit der verstärkten Betrachtung der Informationsverarbeitungsprozesse im Lerner selbst[2] sowie Aspekten wie z.B. Motivation, Emotion und Volition erweiterten den behavioristischen Blick auf den Lerner als „black box“. Kognitive Prozesse wie Assimilation und Akkomodation (nach Piaget) wurden verstärkt in den Blick genommen und der Mensch als informationsverarbeitendes System (teilweise in Analogie zum Computer) verstanden. Im Anschluss daran und in Erweiterung dieser Ansätze betonen konstruktivistische Ansätze die Subjektivität und Konstruiertheit jeden Wissens und jeder Erfahrung. Demnach existiert keine subjektunabhängige Wirklichkeit, welche vielmehr individuell konstruiert werden und sich im Diskurs als konsensfähig erweisen muss. Radikale Formen des Konstruktivismus lehnten jede Form der „Belehrung“ ab. In seiner gemäßigten Form hat er aber einige pädagogische Konzepte wie z.B. das situierte Lernen hervorgebracht, welche Aspekte wie eine authentische Lernumgebung, multiple Perspektiven und häufig eine kooperative Problemlösung in den Mittelpunkt stellen:

Lerngemeinschaften werden als ein Ansatz verstanden, der es ermöglicht, zentrale Aspekte des situierten Lernens wie Authentizität der Problemstellung, Berücksichtigung multipler Kontexte sowie kooperatives Lernen zu verwirklichen ...“ (Arnold 2003, S. 42).

Diese Aspekte fließen auch in die Gestaltung von Online-Lernumgebungen mit ein. Hier fungiert die Lernumgebung hauptsächlich als Werkzeug, die individuell und möglichst offen genutzt werden können sollte. Dieses gilt sowohl für die Gestaltung von Kommunikationsprozessen als auch für die Recherche und Erarbeitung von Inhalten und (gemeinsamen) Lernergebnissen. Neben den drei großen Lerntheorien (aus denen jeweils spezifische Kategorien von Lernsoftware entwickelt wurden) stellt auch die technische Entwicklung einen wichtigen Referenzrahmen dar. So hat sich das computergestützte Lernen durch die Einführung der CD-ROM und multimediatauglichen Rechnern in der Mitte der 1990er-Jahre grundlegend verändert. Eine ähnliche Zäsur stellte die breite Zugänglichkeit von preiswerten Internetzugängen (Flatrate) dar, was eine schnelle Verbreitung vernetzten Lernens ermöglichte.

2.2 Formen computergestützten Lernens

In den Anfängen des computergestützten Lernens stellten lokale Arbeitsplatzlösungen noch den Schwerpunkt dar. Der einzelne Computer, auf dem z.B. ein CBT auf CD-ROM bearbeitet wurde oder das tutorielle Lernprogramm für Schüler installiert war, stellten die Regel dar. Onlineanbindungen und die umfangreiche Nutzung dieser Option (z.B. in den Bereichen Contentmanagement oder Kommunikation) begannen erst zur Jahrtausendwende einen höheren Stellenwert einzunehmen. Während die erste Generation der Lernsoftware (auch durch ihre Wurzeln in der programmierten Unterweisung und der informationstheoretisch-kybernetischen Didaktik der 1970er-Jahre) noch behavioristischen Ansätzen verpflichtet war entwickelten sich im Laufe der 1990er-Jahre verstärkt dem Kognitivismus und Konstruktivismus verpflichtete Lernumgebungen. Zusammenführungen verschiedener Prinzipien dieser Ansätze stellen z.B. das situierte Lernen oder auch die anchored-instruction dar. Insgesamt lässt sich seit Mitte der 1990er- Jahre ein verstärkter Trend zum kooperativen Lernen auch in Online-Umgebungen feststellen. Hierbei ist neu, dass sich die Lernenden nicht mehr unbedingt am gleichen Ort befinden müssen. Zentral ist aber auch hier, dass der Computer bzw. die Lernumgebung im Sinne konstruktivistischer Ansätze eher als Werkzeug zur Wissenskonstruktion dienen soll und mit seiner technischen Seite nie im Vordergrund stehen sollte. Arnold betrachtet einige Probleme, speziell beim Online-Lernen, und kommt dabei nach Durchsicht verschiedener Untersuchungen zum Thema zu dem Schluss,

dass nicht die technologische Umsetzung der Grund für auftretende Probleme wie höhere Abbrecherquote, verletzendes Verhalten gegenüber anderen Teilnehmern oder Gefühle von Einsamkeit und Anonymität in den Online-Kursen waren, sondern dass die Defizite der didaktischen Gestaltung wie z.B. die Etablierung einer sozialen Organisation in der Lerngruppe oder die Unterstützung bei Lernproblemen durch die Veränderung der Kommunikationssituation in der technologischen Umgebung verstärkt wurden“ (Arnold 2005, S. 52).

Außerdem hat sich, ausgehend vom englischsprachigen Raum, eine Unterscheidung zwischen kollaborativem und kooperativem Lernen eingebürgert. Unter kollaborativem (collaborative) Lernen versteht man eine recht enge Zusammenarbeit bei geringer Arbeitsteilung. Kooperatives Lernen setzt dagegen auf eine stärkere Arbeitsteilung (vgl. Arnold 2003, S. 33).

[...]


[1] genauer: des Lernermöglichungsprozesses

[2] Im Behaviorismus wurden die internen Prozesse bewusst als „black box“ bezeichnet, in die der Forscher keinen klaren Einblick nehmen könne und dieser Einblick daher als unwissenschaftlich abzulehnen sei.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640931866
ISBN (Buch)
9783640931637
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173054
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Schlagworte
bildungs- voraussetzungen einsatz lehr- lernformen

Autor

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Titel: Bildungs- und kommunikationswissenschaftliche Voraussetzungen für den Einsatz von neuen Lehr- und Lernformen