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Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung -Teil II

Wissenschaftliche Studie 2011 14 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung"

Eine kritische Untersuchung: Teil II

Der Tuchfabrikant (49 - 62)

Die hochkomplexe Struktur dieses Kapitels macht es nicht leicht, die vielfältigen Bezüge, Andeutungen und Anspielungen, die im Text enthalten sind, zu entschlüsseln und zu deuten. Ähnlich wie im Kapitel "Der Architekt" werden verschiedene Zeitebenen miteinander kombiniert, und es dauert eine ganze Weile, bis der Leser die zeitliche Grundlinie als Bezugsebene erfasst hat, von der ausgehend er die geschilderten Ereignisse zuordnen und ihren inhaltlichen Zusammenhang herstellen kann. Hinzu kommen die ineinander verschachtelten und verschobenen Räume, die zwischen zwei weit voneinander entfernten

geografischen Bezugsebenen (Schauplätzen) hin- und herpendeln. Der zeitliche und räumliche Ablauf des Geschehens soll daher in kurzer Form zusammengefasst werden:

Am Beginn des Kapitels wird tabellenartig die Familie des jüdischen Tuchfabrikanten vorgestellt. Sie umfasst drei Generationen: die Eltern Hermine und Arthur (der Tuchfabrikant), deren Sohn Ludwig, verheiratet mit Anna, und den Kindern Elliot und der kleinen Elisabeth; Ludwigs Schwester Elisabeth, verheiratet mit Ernst, und Tochter Doris.

Ursprünglich wohnt die Familie in der Stadt Guben, wo Arthur eine Tuchfabrik betreibt. Mitte der Dreißiger Jahre kauft die Familie, wie der Architekt, vom Dorfschulzen Wurrach eines der drei Grundstücke am See. Dort richten sie ein Badehäuschen mit Steg ein.

Im März 1936 (60) verlässt Ludwig mit seiner Frau wegen der unerträglich gewordenen politischen Verhältnisse Deutschland und siedelt nach Kapstadt (60) in Südafrika über. Dort schult er vom Tuchmacher zum Automonteur um (59) und eröffnet eine Werkstatt (56).

Im Jahre 1937 besuchen die Eltern Hermine und Arthur, die in Deutschland geblieben sind, für zwei Wochen Sohn und Schwiegertochter in Südafrika (60).

1939 verkaufen Arthur und Hermine das Grundstück am See (61) mit Steg und Badehaus an den benachbarten Architekten und beantragen ihre Ausreise, die sie mit dem Erlös aus dem Verkauf finanzieren wollen. Das Geld wird auf ein Sperrkonto gezahlt, daher können sie die Überfahrtskosten an die Schifffahrtsgesellschaft nicht termingerecht überweisen (61). Kurz darauf werden sie abgeholt und in Kulmhof bei Litzmannstadt in einem Gaswagen ermordet (61 - 62). Das in Deutschland verbliebene Vermögen wird eingezogen, der Hausrat versteigert, und der gesamte Besitz fällt an das Reichsfinanzministerium (62).

Tochter Elisabeth, Schwiegersohn Ernst und Enkelin Doris planen, von Guben nach Brasilien auszuwandern (86). Ernst wird zur Zwangsarbeit im Autobahnbau eingezogen (87) und verstirbt kurz darauf an Fleckfieber. Mutter und Tochter werden ins Warschauer Ghetto deportiert, wo Elisabeth umkommt. Vorher gelingt es ihr, ihre Tochter zu verstecken, während das Ghetto bereits geräumt wird. Das Mädchen wird entdeckt und mit anderen Menschen im freien Gelände außerhalb der Stadt ermordet. (90, 92)

Mehrere Jahre nach ihrer Ausreise nach Südafrika werden Ludwig und seiner Frau Anna die Kinder Elliot und Elisabeth geboren, nachdem sie einige Zeit "in Abrahams

Wurschtkessel" (55) geschwommen sind, die plastisch-bildhafte Umschreibung für eine Schwangerschaft, die Großmutter Hermine verwendet, um Enkelin Doris zu erklären, dass Onkel Ludwig und Tante Anna ihrerseits bald Nachwuchs erwarten und sie mit Cousins und Cousinen rechnen könne.

Die Erzählung beginnt zu einem nicht näher genannten Zeitpunkt der Vierziger Jahre auf Ludwigs Grundstück in Kapstadt, wo er mit seiner Frau und seinen in Südafrika geborenen Kindern Elliot und Elisabeth lebt. Die Kinder spielen in dieser idyllischen Eröffnungsszene im Garten des Hauses zwischen blühenden Rosenbeeten und Bougainvillasträuchern. Gleich darauf schwenkt das Geschehen übergangslos zur nächsten Szene, die sich im Jahre 1937 ebenfalls in Südafrika abspielt. Ludwigs Eltern Hermine und Arthur sind zu Besuch aus Guben

in Deutschland bei ihrem Sohn. Man unternimmt gerade eine Besichtigungsfahrt im Auto entlang der Küstenstraße. Diese Situation bildet die Bezugsebene, von der aus gesehen die Handlung sich zeitlich und räumlich hin- und herbewegt und zwischendurch immer wieder zur Grundlinie zurückkehrt.

Es ist aufschlussreich, wie in diesem Kapitel der Begriff "Heimat" aufgegriffen und behandelt wird. Die Figuren befinden sich hinsichtlich dieses Begriffes in einem charakteristischen Zwischen-Raum, der Komponenten sowohl ihres Herkunftgebietes in Deutschland als auch ihrer neuen Umgebung in Südafrika umfasst. Scheinbar zufällig eingestreute Details erweisen sich als stark bedeutungsaufgeladen. Sie stehen symbolisch für zwei verschiedene Kulturen und verdeutlichen ein Heimatgefühl, das sich mit Erinnerungen aus der ursprünglichen und der konkreten Gegenständlichkeit ihrer jetzigen Umgebung vermischt,. In diesem Zusammenhang verwendet die Autorin wiederholt die Wörter "Heim" und "Heil" (50, 51, 52). Sie bilden nicht nur einen scheinbar vertrauten Gleichklang, sondern mit ihnen ist ein ganzes Bündel von inhaltlichen Bezügen assoziiert. Im Hitlergruß "Heil" verbirgt sich der nationalsozialistische Blut-und Boden-Mythos, also ein ideologisch gefärbter Heimatbegriff, der mit der Idee des Völkischen, der Familie, des Lebensraumes, mit Feindseligkeit, Abgrenzung, Diskriminierung, Verfolgung, Rassenwahn und Völkermord assoziiert ist, eine Perversion des Heimatbegriffes, deren Entlarvung zweifellos intendiert ist, aber in der verwendeten Begrifflichkeit nur angedeutet wird.

Auf der anderen Seite des Spektrums taucht der Begriff des Paradiesischen auf, der schon im Architektenkapitel auf Seite 38 sinnbildlich als "Garten Eden" in Gestalt des in die Tür zur Besenkammer eingearbeiteten Schnitzwerkes erwähnt wurde und sich leitmotivartig durch den ganzen Roman hindurchzieht. "Paradiesisch, sagt Hermine, die Mutter" (50), als sie die Landschaft der neuen Heimat ihres Sohnes betrachtet. Dieser Aspekt bildet einen wichtigen Schwerpunkt dieses Kapitels und wird von der Autorin auch in ironisierter Form verwendet, wenn sie die kleine Elisabeth auf die Frage, was sie spiele, sagen lässt: "Die Vertreibung ins Paradies." (56) Aber das, was paradiesisch erscheint, hat Risse und Sprünge. Die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse sind nicht so, dass sie allen Menschen ein paradiesisches Leben ermöglichen. Vielmehr tauchen - wiederum nur angedeutet - Strukturen auf, die zeigen, dass es in diesem Land auch Formen von Rassenideologie und Diskriminierung gibt, von der die jüdische Familie jedoch nicht betroffen ist. Ohne dass der Begriff "Apartheid" explizit genannt wird, flechtet die Autorin scheinbar beiläufig Handlungselemente ein, die keinen Zweifel am rassistischen Unterdrückungssystem dieses

Landes zulassen. Ludwigs Gärtner bekommt "von einem Beamten einen Bleistift ins krause Haar" gesteckt. "Der Bleistift hält." (57) Und lakonisch fährt die Autorin fort: "Daraufhin bekommt der Gärtner ein C in seinen Paß gestempelt, und ihm wird der Eintritt in öffentliche Parks verboten." (57) Sie scheint zu fragen: Macht sich hier eine andere Spielart von Rassenideologie breit als die der Nazis, der die jüdische Familie in ihrer ehemaligen Heimat gerade noch glücklich entkommen ist? Aber sie tut es nicht direkt, sondern überlässt es dem Leser, Fragen zu stellen und selbst zu beantworten.

Das Denken der Familie scheint, trotz Diskriminierung und Verfolgung in der alten Heimat - vielleicht mehr als ihr bewusst ist - noch von Werten und Normen geprägt zu sein, die sie eigentlich hinter sich gelassen zu haben glaubte. Ein Rest von Stolz und Selbstbewusstsein

mag sich darin bewahrt haben, dass man mit einem Auto der deutschen Marke "Adler" zu einer Besichtigungsfahrt aufbricht und - vor allem die Großeltern, die noch in Deutschland wohnen - Qualitätsbegriffe wie "deutsche Wertarbeit" verwendet, wenn sie auch nur als Etiketten für banale Gebrauchsgüter dienen. Vielleicht ist es auch nur ein Stück bitterer Ironie angesichts des Zwiespalts zwischen einem Leben in sicheren Verhältnissen wie es früher möglich war und der bedrohlichen Lage, in der man sich jetzt in Deutschland befindet. Dieser Aspekt verdeutlicht, wie sehr sich der eine oder andere von ihnen noch mit der angestammten Heimat verbunden fühlt, deren Werte- und Normensystem verinnerlicht hat und wie schwer es ihm fällt, sich davon zu verabschieden. Wenn diese Hinweise im Sinne eines ökonomischen Umgangs mit erzählerischen Mitteln auch sparsam verwendet werden, stecken in ihnen doch wichtige Hinweise in Bezug auf die innere Zerrissenheit der Familienmitglieder, die sich äußerlich auch darin dokumentiert, das zwischen ihren Lebenswelten riesige Entfernungen bestehen, die kaum zu überbrücken sind. Während die einen in ihrer ursprünglichen Heimat geblieben sind und noch zögern, ihr endgültig den Rücken zu kehren, haben die anderen sich neue Räume erobert, die sie nun ihre Heimat nennen. Die Familie ist damit nicht nur räumlich, sondern auch in Bezug auf ihren inneren Zusammenhalt auseinandergefallen und hat einen wesentlichen Teil ihrer gemeinsamen Heimat verloren. Es geht hierbei aber auch um einen Generationenkonflikt, der sich in dem Maße entschärft, wie die nachwachsende Generation (die Kinder Elliot und Elisabeth, die in Südafrika zur Welt kommen) sich zunehmend mit der neuen Umgebung identifiziert und die alte Heimat und deren Sprache nur noch vom Hörensagen kennt.

Ein weiterer Hinweis auf eine innere Spaltung steckt daher im Sprachlichen. Die in Kapstadt geborenen kleine Elisabeth spricht Englisch bereits als Muttersprache (Why does Lametta hang on the tree ...?", 52). Das gleiche gilt für ihren älteren Bruder, und ihr Vater spricht mit ihnen ein künstliches Gemisch aus Deutsch und Englisch ("It is supposed to look as if der Baum in einem verschneiten Winterwald stünde ...", 52). Das Verständigungsmittel Sprache ist in zwei Teilsprachen auseinandergefallen, die zu einer hybriden Mischsprache zusammenmontiert werden, und darin offenbart sich auch ein Verlust von Heimat bzw. ein Hin- und Herpendeln in einem Zwischen-Raum, der sich nicht mehr überbrücken lässt.

Ein charakteristischer Wesenszug der beiden Lebensräume besteht darin, dass sie sich wie die zweigeteilten und spiegelbildlich verkehrt herum angeordneten Figuren "auf den Skatkarten von Ludwigs Eltern" (59) zueinander verhalten. Im Verhältnis zum jeweils anderen Lebensraum steht alles gewissermaßen auf dem Kopf, und die Trennungslinie, auf der diese

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640931842
ISBN (Buch)
9783640931620
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173052
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Zentrale Einrichtung für Weiterbildung
Note
Schlagworte
jenny erpenbecks roman heimsuchung eine untersuchung

Autor

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Titel: Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung"  -  Eine kritische Untersuchung -Teil II