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Alfred Schütz: Alltagsverständnis menschlichen Handelns und Implikationen für die Sozialwissenschaften

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Konstruktion von Alltagswissen und Auslegung der Lebenswelt
2.1 Wissensvorräte
2.1.1 Fertigkeiten
2.1.2 Gebrauchswissen
2.1.3 Rezeptwissen
2.2 Typen
2.3 Strukturanalyse der Sozialwelt

3 Intersubjektivität des Alltagswissens
3.1 Generalthese der Reziprozität der Perspektiven
3.2 Muster sozialen Handelns
3.2.1 Handeln versus Handlung
3.2.2 Motive

4 Implikationen für die Sozialwissenschaft
4.1 Die Rolle des Sozialwissenschaftlers
4.2 Das wissenschaftliche Modell der Sozialwelt
4.2.1 Das Postulat logischer Konsistenz
4.2.2 Das Postulat der subjektiven Interpretation
4.2.3 Das Postulat der Adäquanz
4.2.4 Das Postulat der Rationalität

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Menschen sind in der Lage ihr Verhalten mit Sinn zu verknüpfen, also zu verstehen warum sie eine Handlung ausführen. Aber welches Verständnis hat mein Gegenüber davon? Wenn der Sinn meiner Handlung nur mir selbst zugänglich wäre, könnte unsere alltägliche Verständigung nicht funktionieren. Ebenso wenig könnte die Sozialwissenschaft menschliches Handeln deuten und verstehen. Alfred Schütz’ theoretische Untersuchungen versuchen zu erklären, wie die Aneignung und Verbreitung von gemeinsam zugänglichen Wissensbeständen und Praktiken in der sozialen Welt möglich ist.

Vorliegende Arbeit soll anhand von Alfred Schütz’ sozialphänomenologischer Handlungstheorie darstellen, wodurch sich unser Wissen von der Welt konstituiert und wie unser Handeln im Alltag funktioniert. Im zweiten Kapitel wird dazu die Konstruktion von Alltagswissen auf Basis der Strukturanalyse der alltäglichen Lebenswelt erläutert.

In Kapitel drei wende ich mich dem Problem der Intersubjektivit ä t zu, das für die phänomenologische Soziologie, die Alfred Schütz maßgeblich geprägt hat, von zentraler Bedeutung ist. An die Betrachtung des intersubjektiven Charakters der miteinander geteilten Lebenswelt schließt sich eine kurze Erörterung der Muster sozialen Handelns an.

Im vierten Kapitel werden wichtige Grundlagen für die Sozialwissenschaft anhand von Schütz’ Ergebnissen herausgestellt, die methodische Implikationen für das wissenschaftliche Arbeiten beinhalten. Abgeschlossen wird diese Arbeit durch ein Fazit in Kapitel fünf.

2 Konstruktion von Alltagswissen und Auslegung der Lebenswelt

Wie entsteht unser Wissen von der Welt und auf welche Methoden kann ich zurückgreifen, um mich in der Lebenswelt, in der ich existiere, zurechtzufinden? Zur Klärung dieser Frage nutzt Schütz den Begriff der Lebenswelt, der auf den Philosophen Edmund Husserl zurückgeht (vgl. Husserl, 1954).

Schütz versteht unter dem Begriff Lebenswelt den unbefragten Boden der natürlichen Weltanschauung des Menschen, also seine selbstverständliche Wirklichkeit (vgl. Schütz/ Luckmann, 2003: 30)

Laut Schütz verfügen Menschen über drei Verfahren, diese Lebenswelt zu interpretieren. Dazu zählt er „Erfahrungen“, „Wissensvorräte“ und „Typisierungen“. Ersteres meint Vertrauen in die Konsistenz der Erfahrungen, also dass erlebte Weltstrukturen ihre Gültigkeit behalten (vgl. Treibel, 2004: 88).

Im nächsten Abschnitt werden die Klassifikationen der Wissensvorr ä te zur Auslegung unserer Lebenswelt beschrieben, bevor anschließend die Orientierungshilfe der Typisierung erläutert wird.

2.1 Wissensvorräte

Bei ihren Handlungen greifen Menschen stets in irgendeiner Form auf Wissensvorräte zurück. Wir müssen diese nicht laufend reflektieren, da sie, so Schütz, routiniert sind. Hierbei unterscheidet er drei Formen des Gewohnheitswissens (vgl. Schütz/Luckmann, 2003: 156ff):

2.1.1 Fertigkeiten

Mit Fertigkeiten bezeichnet Schütz „gewohnheitsmäßige Funktionseinheiten der Körperbewegung“ (Schütz/Luckmann, 2003: 156). Hiermit ist das am stärksten automatisierte Gewohnheitswissen gemeint, worunter beispielsweise das Routinewissen „Fahrradfahren“ gehört.

2.1.2 Gebrauchswissen

Als Gebrauchswissen definiert Schütz all jenes, das nicht mehr zum gewohnten Funktionieren des Körpers gezählt werden kann. Oftmals ist dieses Gebrauchswissen Mittel zum Zweck und bereits so häufig ausgeführt, dass wir ein hohes Maß an Sicherheit bei der Ausführung aufweisen, z.B. beim Addieren, Eier braten oder Sprechen (vgl. Schütz/Luckmann, 2003: 157).

2.1.3 Rezeptwissen

Ebenso wie zwischen den beiden vorherigen Wissensbegriffen, ist auch beim Rezeptwissen die Grenzziehung fließend. Es ist am wenigsten standardisiert, aber dennoch implizit in Situationen vorhanden, so dass es nicht thematisiert werden muss. Hierzu zählt Schütz die Anpassung an Wetterverhältnisse eines Seemanns (vgl. Schütz/Luckmann, 2003: 158/159). Ebenfalls könnte man ebenfalls die Anpassung an winterliche Wetterverhältnisse im Straßenverkehr nennen.

2.2 Typen

Unser gesamtes Wissen von der Welt basiert auf Konstruktionen (vgl. Schütz, 1971: 5). Diese Konstruktionen wiederum stützen sich auf Vorerfahrungen, die uns, wie oben beschrieben, in Form eines Wissensvorrats über diese Welt zur Verfügung stehen (Schütz, 1971, S.6). Nehmen wir ein neues Phänomen in unserer Alltagswelt wahr, so ist es in vertraute und typische Erfahrungen eingebettet. Eine uns unbekannte Blume, z.B. eine Tulpe, würden wir als „Typ Blume“ wahrnehmen, da sie ähnliche Merkmale aufweist, wie andere Blumen, die wir bereits kennen. Darüber hinaus stellt Schütz fest, dass jeder Mensch innerhalb eines Relevanzsystems wahrnimmt und handelt (Schütz, 1971, S. 11). Je nach biographischer Situation und Zusammenhang, sind für eine Person also andere Charakteristika der Tulpe vom Typ Blume relevant, andere jedoch uninteressant.

Da wir in einer nicht-privaten Welt leben, in der wir auf Beziehungen zu anderen Menschen angewiesen sind, hat unser Alltagswissen einen intersubjektiven Charakter. Intersubjektiv meint nach Schütz, dass der Sinnzusammenhang, den wir interpretieren müssen, durch menschliches Handeln entstanden ist oder entsteht (Schütz, 1971, S.11/12). Beispielsweise ist mir die Bedeutung eines Wortes vorenthalten, solange ich nicht weiß, welches Verständnis die Person davon hat, die dieses Wort benutzt.

Im nächsten Abschnitt wird es zunächst um den strukturellen Aufbau dieser nichtprivaten Sozialwelt gehen, bevor sich Kapitel 3 näher mit der Intersubjektivität des Alltagswissens befasst.

2.3 Strukturanalyse der Sozialwelt

Das „eigentliche Thema der Sozialwissenschaften“ (Schütz: 2004: 95) bildet für Schütz die Strukturanalyse der alltäglichen Sozialwelt. Zur Untersuchung des sinnhaften Aufbaus der sozialen Welt unterscheidet Schütz im gleichnamigen Werk zwischen Umwelt, Mitwelt, Vorwelt und Folgewelt (vgl. Schütz, 2004: 285ff.).

Unsere soziale Umwelt teilen wir sowohl zeitlich als auch räumlich mit Anderen, ist uns also nah. Die darin lebenden Anderen, nennt Schütz „Mitmenschen“. Die Mitwelt schließt die Anderen mit ein, die potentiell in unsere Umwelt eintreten könnten. Sie existiert also gleichzeitig mit uns, ist jedoch fern, so dass in ihr „Nebenmenschen“ leben (Schütz, 2004: 298).

Weiterhin gliedert Schütz unsere Welt, neben Um- und Mitwelt, in eine sogenannte Vorwelt, die nicht gleichzeitig mit uns koexistiert, sondern fern von uns geschichtlich früher stattfand. Darum können wir diese lediglich betrachten, aber nicht mehr in ihr handeln (vgl. Schütz, 2004: 299). Darüber hinaus identifiziert er eine Folgewelt, von der Menschen wissen, dass sie bestehen wird, auch wenn sie selbst als Individuum nicht mehr sein werden. Auch diese kann der Mensch niemals erleben und sie nur vage erfassen (vgl. Schütz, 2004: 299).

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Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640932290
ISBN (Buch)
9783640932689
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173010
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Institut für Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
alfred schütz alltagsverschändnis handelns implikationen sozialwissenschaften

Autor

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Titel: Alfred Schütz: Alltagsverständnis menschlichen Handelns und Implikationen für die Sozialwissenschaften