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Zum inhaltlichen Wandel der Ästhetik im 18. Jahrhundert

Der Beginn einer doppelten Ästhetik

Essay 2011 4 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Zum inhaltlichen Wandel der Ästhetik im 18. Jahrhundert oder Der Beginn einer doppelten Ästhetik

Florian Fuchs

„Darum nennen wir Schön, was gerngefühlt uns bewegt,

Und Erhaben das, was uns am mächtigsten trifft.“

(Friedrich Klopstock, 1795-1803)

Der Begriff der Ästhetik wird heutzutage meist gemäß der kantischen Auffassung diskutiert. Dass sich hinter diesem Terminus ein radikaler Wandel bereits vor Kants drittem Hauptwerk Kritik der Urteilskraft verbirgt, wird meist außer Acht gelassen.

Lange Zeit wurde in der Ästhetik, der „Wissenschaft von der sinnlichen Erkenntnis“ (Baumgarten), lediglich der Begriff des Schönen erörtert. Gemäß dem antiken Vorbild lassen sich unter dem Schönen Attribute wie Vollkommenheit, Symmetrie, Harmonie, Ebenmaß und Proportionen subsummieren. Selbst nach der Jahrtausendwende gelten diese Merkmale als der Inbegriff des Schönen.[1] Das Schöne wird beschrieben als etwas, das gefällt und Freude und Ergötzen auslöst. Wie aber lassen sich Naturphänomene wie Gewitter, Erdbeben und Sonnenfinsternisse oder aber Elemente der Natur wie gewaltige Gebirgsketten, reißende Flüsse und unendliche Wälder beschreiben? Mit Sicherheit lösen sie bei manchem Betrachter ein Ergötzen und vielleicht sogar Freude aus. Aber dies geschieht nicht aufgrund einer Symmetrie oder gar Harmonie, die sich in den eben beschriebenen Gegebenheiten nicht finden lassen. Eher lassen sie sich mit den Attributen gewaltig, mächtig oder Ähnlichem beschreiben.

Der Engländer John Dennisbereiste im Jahr 1688 die Alpen und beschrieb die reißende Ströme und zerklüfteten, in Nebel gehüllten Felsen mit einer vermischten Empfindung, als „delightfulHorrour“ und „terrible Joy“. Die oben beschriebene Freude am Schönen wird hier durch die eines angenehmen Grauens ergänzt. Der Anblick dieser Naturphänomene, die Bodmer 1741 als „wilde Pracht“ bezeichnete, mit dem damit verbundenen Gefühl eines angenehmen Grauens lässt sich als „erhabener Moment“ bezeichnen. Diesenkann man gemäß Burke in eine Phase der totalen Übermächtigung, die den Verstand außer Kraft setzt, und eine Phase der Reflexion differenzieren, die beide von einer totalen Lust erfüllt sind. Das aufgrund seiner Eigenschaften bewusstseinsbedrohende Etwas wird im Zuge der kurz darauf folgenden Reflexion gebändigt, da der Betrachter realisiert, dass er der Gefahr entkommen ist: Eine Person steht auf felsigen Klippen und beobachtet das unter ihr tosende, vom Wind angetriebene, Meer. Im ersten Moment ist sie von der ungeheuerlichen Gewalt des Wassers überwältigt, empfindet Angst oder sogar Schrecken. In nächsten Moment realisiert sie aber, dass sie vom Meer überhaupt nicht bedroht wird, da sie auf sicheren Klippen weit über dem Meer steht. Im zweiten Schritt hat eine Reflexion über einen Mindestabstand stattgefunden, die für das Erleben eines erhabenen Momentes nötig ist. Wäre dieser Abstand nicht gegeben, d.h. die Person wäre vom Meer erfasst worden, würde lediglich ein Gefühl der (Todes-)angst, also ein wirklicher Schrecken (horror), diese Person beherrschen, aber kein erhabenes (lustvoller terror), in dem sowohl Schrecken als auch Entzücken empfunden werden.Ein erhabener Moment bedarf also der Widerfahrnis von etwas Angsteinflößendem sowie einer Reflexion des Erlebten über die Situation mit dem Ziel zu realisieren, dass das Angsteinflößende aufgrund des Mindestabstandes keine Gefahr darstellt.Burke ist der Ansicht, dass lediglich ein gradueller Unterschied besteht, ob das Ängstigende, die Bedrohung, real ist oder durch die Kunst, also ein Medium, imaginär vermittelt wird. Ein erhabener Moment ist folglich sowohl durch direkte, reale Nähe als auch durch vermittelte Nähe erfahrbar.

Aufgrund der erläuterten Empfindungen wurde Ende des 17. Jahrhunderts die Ästhetik um den Begriff der Erhabenheit erweitert, sodass zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch AddisonsDifferenzierung dieses Terminus indas Schöne und Erhabene, aber spätestens durch Baumgartens Begriffsbestimmung von einer doppelten Ästhetik gesprochen werden kann. In dieser Dichotomie bzw. diesem Dualismus kommt es zu einer Abwertung des Schönen gegenüber dem Erhabenen. Der Fokus der Betrachtung rückt vom Schönen in Richtung des Erhabenen und das im 18.Jahrhundert aufkommende Nicht-Schöne (das Entsetzliche, Hässliche und Schreckliche).

Bevor auf den ÄsthetikbegriffKants eingegangen wird, sei kurz auf eine Bewältigungsstrategie neben der Reflexion einer Distanz verwiesen: Physiskotheologisch gesprochen, wird der empfundene Schrecken beim Anblick der Naturereignisse insofern umgedeutet, dass diese angsteinflößenden Momente deiktisch auf etwas Größeres und Mächtigeres, Gott, verweisen. Dies kann ein Gefühl der Geborgenheit und Nähe zu Gott auslösen.

Eine rationale Bewältigungsstrategie entwickelte Kant in der Kritik der Urteilskraft (1790). Steht bei Dennis noch die sinnliche Überwältigung/Übermächtigung im Zentrum, liegt Kants Fokus auf deren rationaler, also intellektueller, Bewältigung – einer Bewältigung der Überwältigung bzw. ihre Vermeidung.Das, was den Menschen in einem erhabenen Moment überwältigt, nennt Kant das „Dynamisch-Erhabene“. Diese löst eine zweite, stärkere Gegenbewegung, das „Mathematisch-Erhabene“ aus. Die Parallelen zu Burke sind offensichtlich.

[...]


[1] Stellvertretend für viele Werke zur Schönheit in unserer Zeit sei auf Nancy Etcoffs Nur die Schönenüberleben verwiesen.

Details

Seiten
4
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640930920
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v173005
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Lehrstuhl für neuere deutsche Literatur- und Ideengeschichte
Note
Schlagworte
Ästhetik 18.Jahrhundert Kant das Erhabene das Schöne Klopstock doppelte Ästhetik John Dennis Bodmer Zelle Hobbes Vernunft Baumgarten Addison Mathematisch-Erhabenes Dynamisch-Erhabenes

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