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Pandemie AIDS in Afrika: Ursachen, Bekämpfungsstrategie und Folgen von AIDS in Schwarzafrika

Examensarbeit 2010 131 Seiten

Didaktik - Gemeinschaftskunde / Sozialkunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung:

2 Definitionen und Begriffsklärungen:
2.1 Kultur
2.2 Armut
2.3 Entwicklung
2.4 Das HI - Virus
2.5 Vulnerabilität
2.6 Epidemie und Pandemie
2.7 AIDS - Politik

3 HIV/AIDS als multidimensionales Phänomen
3.1 Die sozioökonomische Dimension
3.2 Die kulturelle Dimension
3.3 Die soziale Dimension
3.4 Die politische Dimension
3.5 Zusammenfassung der Ergebnisse

4 Fallstudien
4.1 Südafrika
4.1.1 Die HIV/AIDS-Epidemie in Südafrika
4.1.2 Die sozioökonomische Dimension
4.1.2.1 Wirtschaft, Arbeitslosigkeit und Armut
4.1.2.2 Das Bildungssystem
4.1.2.3 Gesundheitssystem
4.1.2.4 Arbeitsmigration und Prostitution
4.1.2.5 Zwischenergebnis der sozioökonomischen Dimension
4.1.3 Die kulturelle Dimension
4.1.3.1 Gender
4.1.3.2 Jugendliche Sexualität
4.1.3.3 Traditionen, Rituale und sexuelle Praktiken
4.1.3.4 Kirche und Glaube
4.1.3.5 Zwischenergebnis der kulturellen Dimension
4.1.4 Die soziale Dimension
4.1.4.1 Soziale Kohäsion und soziale Exklusion
4.1.4.2 Migration und Flüchtlinge
4.1.4.3 Kriminalität
4.1.4.4 Stigmatisierung HIV-positiver Menschen
4.1.4.5 Zwischenergebnis der sozialen Dimension
4.1.5 Die politische Dimension
4.1.5.1 Die AIDS-Politik
4.1.5.2 Die Rolle der Zivilgesellschaft
4.1.5.3 Zwischenergebnis der politischen Dimension
4.1.6 Fazit Südafrika
4.2 Uganda
4.2.1 Die HIV/AIDS-Epidemie in Uganda
4.2.2 Die sozioökonomische Dimension
4.2.2.1 Wirtschaft, Arbeitslosigkeit und Armut
4.2.2.2 Das Bildungssystem
4.2.2.3 Das Gesundheitssystem
4.2.2.4 Arbeitsmigration und Prostitution
4.2.2.5 Zwischenergebnis der sozioökonomischen Dimension
4.2.3 Die kulturelle Dimension
4.2.3.1 Gender
4.2.3.2 Jugendliche Sexualität
4.2.3.3 Traditionen, Rituale und sexuelle Praktiken
4.2.3.4 Kirche und Glaube
4.2.3.5 Zwischenergebnis der kulturellen Dimension
4.2.4 Die soziale Dimension
4.2.4.1 Soziale Kohäsion und soziale Exklusion
4.2.4.2 Migration und Flüchtlinge
4.2.4.3 Kriminalität
4.2.4.4 Stigmatisierung HIV-positiver Menschen
4.2.4.5 Zwischenergebnis der sozialen Dimension
4.2.5 Die politische Dimension
4.2.5.1 Die AIDS-Politik
4.2.5.2 Die Rolle der Zivilgesellschaft
4.2.5.3 Zwischenergebnis der politischen Dimension
4.2.6 Fazit Uganda

5 Ländervergleich: Südafrika und Uganda:
5.1 Sozioökonomische Dimension
5.2 Kulturelle Dimension
5.3 Soziale Dimension
5.4 Politische Dimension

6 Schlussbemerkung:

7 Abkürzungsverzeichnis:

8 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung:

„In June of 1981 we saw a young gay man with the most devastating immune deficiency we had ever seen. We said, ´we don`t know what this is, but we hope we don`t see another case like this again`“ (UNAIDS, 2006: 2). Die Weltgesundheitsorganisation notiert diese Aussage vor etwa 30 Jahren. Seit dieser Zeit haben sich etwa 33 Millionen Menschen weltweit mit HIV/AIDS infiziert. Nach zurzeit gesicherten Zahlen, haben sich im Jahr 2008 etwa 2,7 Millionen Menschen neu mit dem Immunschwäche-Virus (HIV) infiziert. Rund zwei Millionen Menschen, darunter 28 000 Kinder, sind im Jahr 2008 weltweit an AIDS gestorben. Es sind zwar erste bescheidene Erfolge bei der HIV/ AIDS-Bekämpfung zu verzeichnen, die Ausbreitung des HI-Virus ist jedoch nicht gestoppt (vgl. BMZ 2010).

Dabei trägt der afrikanische Kontinent die Hauptlast der weltweiten AIDS- Epidemie. Sowohl die Gesellschaft, als auch die Gesellschaftsordnungen vieler Staaten des heutigen Afrikas basieren auf dem Verständnis, eine eigenständige Synthese aus alteingesessenen Fundamenten, gepaart mit kolonialen Institutionen und aktuellen weltgesellschaftlichen Einflüssen zu sein. Auf der Kenntnis dieser Grundlage vermittelt die vorliegende Arbeit die Problematik der Epidemie AIDS in Afrika. Im Zentrum stehen dabei die Ursachen, Bekämpfungsstrategien und Folgen von AIDS in Schwarzafrika. In Afrika leben zehn Prozent der Weltbevölkerung, hiervon sind mehr als sechzig Prozent aller HIV-infiziert. AIDS zählt weltweit, neben infektiösen Durchfallerkrankungen, Tuberkulose und Malaria, zu den fünf häufigsten Todesursachen - wobei AIDS in Afrika den ersten Platz einnimmt. Die Situation in Afrika südlich der Sahara ist besonders schlimm von der HIV/ AIDS-Epidemie betroffen. In manchen Staaten sind mehr als 20 Prozent der Einwohner zwischen 15 und 49 Jahren mit dem HI-Virus infiziert (vgl. ebd.). Insbesondere Kinder und Jugendliche leiden unter den Auswirkungen der Epidemie. Entweder gehören sie selbst zu den Infizierten oder sind Opfer dieser Krankheit, indem sie ihre HIV/AIDS-kranken Angehörigen pflegen oder für ihre kranken Eltern Geld verdienen müssen. Nicht selten trifft es Kinder besonders schlimm, wenn sie ihre Eltern in Folge der Infizierung verlieren und als Waise leben müssen. Aus diesem Grund können viele Kinder weder eine schulische noch eine berufliche Ausbildung absolvieren (vgl. ebd.). In einigen afrikanischen Staaten ist die durchschnittliche Lebenserwartung bereits wieder auf das Niveau der 60er Jahre gefallen. Beispielsweise liegen die Werte in Südafrika im Jahre 1992 bei 63 Jahren und sinkt in den darauf folgenden Jahren bis 2007 auf 52 Jahre ab. Anders als bei anderen Krankheiten, ist bei HIV/AIDS vor allem die jüngere und mittlere Altersgruppe der Bevölkerung betroffen, so dass diese immer geringer wird und die Alterspyramide die Form einer Sanduhr annimmt. So sind die Bevölkerungs- anteile bei Kindern und älteren Generationen deutlich höher als bei der Bevölkerungsschicht zwischen 20 und 40 Jahren, die den wirtschaftlich produktivsten Teil stellen. Demnach leiden die Volkswirtschaften dieser Staaten stark unter den Folgen der Immunschwächekrankheit, da HIV/AIDS zu gravierenden Wirtschafts- und Entwicklungsproblemen führt. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation werden bis 2015 in Afrika durchschnittlich zwölf Prozent aller Arbeitskräfte der Krankheit zum Opfer gefallen sein. Gemessen an dieser Entwicklung könnte das Bruttoinlandsprodukt bis 2020 in besonders stark betroffenen Ländern, wie beispielsweise Südafrika, um mehr als 20 Prozent sinken (vgl. ebd.). So wird HIV/AIDS für ganze Gesellschaften Afrikanischer Staaten eines der größten Armutsrisiken in den kommenden Jahrzehnten sein. Resultierend daraus sind in Afrika bereits kollabierende Gesellschaftssysteme zu skizzieren. Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Familie, alles was eine funktionierende Gesellschaft ausmacht, kann zusammenbrechen, wenn AIDS weiterhin in vielen Staaten eine bleibend tödliche Routine darstellt. AIDS ist folglich nicht nur ein medizinisches Problem, welches das Leben vieler Menschen und somit die Existenz ihrer Familien bedroht. Die Seuche trägt die Hauptlast der kaum wieder-schließbaren Lücken im Gesellschaftssystem. Man muss erkennen, dass AIDS die Krankheit eines Entwicklungslandes ist und damit vor allem eine moralische Herausforderung darstellt. Der Umgang mit dieser Herausforderung prägt die Entwicklung des Landes, seine politische Gestaltungskraft und die Wertsetzung (vgl. Weinreich/ Benn 2003: 9).

HIV/AIDS bildet einen Kreislauf aus Ursache und Wirkung. Die Verbreitung von HIV/AIDS ist bedingt durch multidimensionale Phänomene, wie die der politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Umgebung, in der ein Mensch lebt. Wenn es nicht gelingt, die HIV/AIDS-Pandemie einzudämmen, kann sie zu „einer Gefahr für die globale Stabilität und den Weltfrieden werden“ (vgl. BMZ 2010). Die Relevanz dieses Themas ist daher sehr groß und ein Forschungsinteresse hinreichend begründet, wenn man die besorgniserregende Entwicklung und ihre bereits dramatischen Ausmaße zur Hand nimmt.

Schon seit geraumer Zeit interessiere ich mich für die „Todesseuche“ AIDS. Prinzipiell bedroht HIV/AIDS alle, doch gerade Entwicklungsländer sind am stärksten betroffen. Dies mag zum einen an der niedrigen Bildung und am Mangel an finanziellen Mitteln liegen, zum anderen aber auch an den Defiziten in Aufklärung und Präventionsmaßnahmen. Ich will mich mit einem Land befassen, in dem die Einwohner in großem Ausmaß von der Epidemie betroffen sind. Meine Wahl fällt auf Südafrika, ein Land, das seine eigene Kultur pflegt und in dem die Menschen weitgehend auch gemäß dieser leben.

Ich komme nicht umhin mich zu fragen, welche Ursachen und Folgen die HIV/ AIDS-Epidemie in den verschiedenen Bereichen der Lebenswelt der Menschen hat? Weiterhin interessiert mich, welcher kausale Zusammenhang zwischen HIV/AIDS und der sozioökonomischen, kulturellen, sozialen und politischen Dimension besteht?

Um die Frage, warum die Zahl der Neuinfizierungen beispielsweise in Südafrika immer noch so hoch ist - aber in anderen Ländern nicht - zu klären, habe ich mich noch mit einem zweiten Land beschäftigt, Uganda. Uganda übernimmt hinsichtlich der HIV/AIDS-Bekämpfung innerhalb des afri- kanischen Kontextes eine Vorbildfunktion. Hieran lässt sich deutlich erkennen, wie ein Staat politisch effektiv intervenieren muss, um ein HIV- Infektionsrisiko zu verringern. Doch welche politischen Maßnahmen müssen dafür getroffen werden? Welche Rahmenbedingungen sind für erfolgreiche AIDS-Politik nötig?

Von diesen Fragen ausgehend, werde ich mich zwei Fallstudien widmen: Zum einen Uganda und zum anderen Südafrika. An ihnen lässt sich das konträre Verhalten der Regierung in Bezug auf den Umgang mit der HIV/AIDS-Epidemie und dessen unterschiedlichen Konsequenzen, Resultate bzw. Erfolge, aufzeigen.

Methodisch werde ich deskriptiv vorgehen, da ich selbst nicht vor Ort sein kann und daher auch keine eigenen Untersuchungen oder ähnliches durchführen kann. Nach einigen Definitionen und Begriffserklärungen werden die verschiedenen Dimensionen und ihre kausalen Wirkungszusammen- hänge bezüglich der HIV/AIDS-Epidemie dargestellt. Die sozioökonomische, soziale, kulturelle sowie politische Dimension dienen zunächst dazu, allgemeinverbindliche positive oder negative Auswirkungen auf die Vulnerabilität der HIV/AIDS-Epidemie zu zeigen. Dieses Untersuchungs- modell soll in Kapitel 4 an zwei Fallbeispielen angewandt werden. Als erstes Fallbeispiel wird Südafrika untersucht, ein Land, in dem sich die HIV/AIDS- Epidemie weit ausbreiten konnte und dessen AIDS-Politik oftmals kritisiert wird. Als zweites Fallbeispiel wird Uganda betrachtet, dessen AIDS-Raten deutlich gesunken sind und dessen AIDS-Politik als beispielhaft bzw. vorbildlich zu sehen ist.

Diese Arbeit dient dem Zweck, die Ursachen und Auswirkungen der AIDS- Epidemie darzustellen sowie die komplexen sozialen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen zu verdeutlichen, die einerseits die Ausbreitung der tödlichen Seuche begünstigen und andererseits von ihr in zunehmendem Maße beeinflusst werden. Aus diesem Grund werden in Kapitel 5 beide Fallstudien miteinander verglichen, denn dadurch lassen sich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Länder feststellen, durch welche die Vulnerabilität hinsichtlich HIV/AIDS verringert bzw. erhöht wird. Im letzten Kapitel werden die zentralen Ergebnisse zusammengefasst, die dazu dienen, die Fragestellung zu beantworten.

2 Definitionen und Begriffsklärungen:

Um Missverständnissen vorzubeugen, werden vorab einige zentrale Begriffe erläutert, die für das Fortschreiten der vorliegenden Arbeit grundlegend sind. Begrifflichkeiten, die nur für die jeweiligen Kapitel notwendig sind, werden direkt im Fließtext erläutert.

2.1 Kultur

Kultur wird als ein System definiert, indem es „erlernte[...] und gültige[...] Codes und Standards der Wahrnehmung, der Interpretation des Wahrgenommenen und der Kommunikation mit Anderen und der Umwelt“ (Hirschmann 2003: 12) gibt. Durch die stetig neuen Einflüsse, die auf das System wirken, ist es zugleich offen wie auch veränderbar. Daher ist Kultur kein statisches Phänomen, sondern nimmt ständig neue Impulse auf, transformiert diese und verändert sich letztlich dadurch selbst. Hieraus lässt sich die Erkenntnis ziehen, dass der Wandel die grundlegende Eigenschaft einer Kultur ausmacht. Dies ist in Hinblick auf eine kulturbewusste HIV/ AIDS-Prävention von größter Bedeutung. Durch diesen wichtigen Faktor können Interventionsstrategien erfolgreich funktionieren und „kulturell determinierte Verhaltensweisen und damit Kultur selbst beeinflussen“ (ebd.: 12). Hierzu ist als Beispiel der Gender-Aspekt zu nennen, der durch die Entwicklungszusammenarbeit von staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen in traditionell aufgebauten Entwicklungsländern Emanzi- pationsprozesse und ihre Gegenbewegungen ausgelöst hat. Man kann in diesem Zusammenhang deutlich erkennen, wie sich die Kultur einer Interventionsgruppe unter dem Einfluss äußeren Drucks sowie innerer Veränderungen langsam anpasst. Es ist für eine kulturbewusste Prävention wichtig, dass die Möglichkeit besteht, dass der Mensch sich verändern kann und den gegenseitigen kulturellen Wandel zulässt (vgl. ebd.: 12).

2.2 Armut

Armut lässt sich sowohl in der Forschung als auch in der politischen Praxis nur schwer abgrenzen. Ich schließe mich einer Auffassung von Armut an, die als „ein[...] Mangel an Mitteln, die der individuellen Bedürfnisbefriedigung dienen, empfunden wird“ (Schubert/ Klein 2006: 25). Desweiteren „bedroht [Armut] die physische Existenz von Menschen [...] mittelbar (bspw. aufgrund mangelnder gesundheitlicher Widerstandskraft)“ (ebd.). Meist wirkt sich Armut aber nicht nur auf die physische, sondern auch auf die soziokulturelle Existenz aus. Das Unterschreiten des Existenzminimums bedeutet für viele Menschen die Bedrohung ihrer Menschenwürde und den Mangel an Verwirklichungschancen (vgl. ebd.). In den Fallstudien werden dem- entsprechend einkommens-, verbrauchsorientierte sowie soziale Indikatoren als Messkonzept für Armut dienen. Wie auch AIDS, stellt Armut eines der größten Probleme der afrikanischen Bevölkerung dar. Sie wirkt sich nicht nur auf den einzelnen Menschen, Familien und ganze Gemeinschaften aus, sondern trägt auch dazu bei, die HIV-Ansteckungsrate und den Krankheitsverlauf immens zu erhöhen. HIV/AIDS und Armut sind stark miteinander verstrickt, denn Armut verschärft AIDS und AIDS verschärft wiederum Armut.

2.3 Entwicklung

Den Begriff der Entwicklung definieren zu wollen, erweist sich als schwierig, da dieser keiner Allgemeingültigkeit unterliegt. Für die vorliegende Arbeit ist es wichtig, Entwicklung als einen Vorgang zu verstehen, der über den Prozess des wirtschaftlichen Wachstums hinausgeht und alle Teilbereiche eines Staates und einer Gesellschaft miteinschließt. Als Ziele einer Entwicklung sollen die existenzielle Grundbedürfnisbefriedigung sowie die Wahrung der Menschenwürde angestrebt werden (vgl. Nuscheler 2005: 245f.).

Damit man über den Entwicklungsstand eines Landes Aufschluss erlangt, wird der Human Development Index betrachtet, denn dieser kombiniert die eben genannten verschiedenen Faktoren miteinander. Er berücksichtigt nicht nur das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, sondern auch die Lebenserwartung und den Bildungsgrad. Als Indikator für Gesundheitsfragen, Ernährung und Hygiene ist der Faktor der Lebenserwartung von Wichtigkeit. Bildungsniveau sowie Einkommen geben Informationen über die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten, durch die ein Mensch am öffentlichen und politischen Leben erfolgreich teilhaben kann. Da die vorliegende Arbeit viel mit dem Konzept der Entscheidungsfreiheit argumentiert, ist es wichtig festzuhalten, dass der Entwicklungsprozess eng mit den Verwirklichungschancen eines Einzelnen zusammenhängt. Wobei hier hinzuzufügen ist, dass die Erweiterung der individuellen Freiheit auch als Maßstab eines Entwicklungsprozesses anzusehen ist (vgl. Human Development Reports 2009).

2.4 Das HI - Virus

Das Human Immunodeficiency Virus, kurz HIV, ist ein einzelsträngiges RNA- Virus, das zur Gruppe der Retroviren gehört. Es gibt im Wesentlichen zwei Übertragungswege. Einmal durch den penetrativen sexuellen Kontakt (zwischen Mann und Frau, Mann und Mann), bei dem es zum Austausch von mit Viren infizierten Körperflüssigkeiten kommt. Zum anderen kann sich der Körper durch den Kontakt mit verunreinigtem Blut (Blutkonserven), Spritzen oder anderen Materialien, die mit dem Virus kontaminiert sind, infizieren.

Im Körper selbst kommt HIV hauptsächlich in den weißen Blutkörperchen, insbesondere in den T-Helferzellen, vor. Die Helferzellen haben die Aufgabe, andere Zellen des Immunsystems bei der Abwehr von Krankheitserregern zu steuern. Das Virus missbraucht die Helferzellen zur eigenen Fortpflanzung, indem es sich in die Zelle einnistet und sich langsam vermehrt. Wenn das Virus aus dieser herausbricht, verbleibt es im Blut, bis es auf neue T-Zellen trifft. Sobald das Virus ausgebrochen ist, tötet es die alte Wirtszelle ab, bis es über einen langen Zeitraum hinweg fast alle T-Zellen im Körper zerstört hat. In der Regel dauert dieser Vorgang zehn bis fünfzehn Jahre. Da die T-Zellen einen lebenswichtigen Teil des Immunsystems bilden, ist der infizierte Körper anfälliger für Bakterien und Viren. Das Immunsystem des Menschen ist geschwächt, da die T-Zellen die abwehrenden Antikörper nicht mehr ausreichend produzieren können, denn je weniger Helferzellen vorhanden sind, desto schwieriger wird es für den Körper, Infektionen und Krankheiten abzuwehren. Zur akuten HIV-Erkrankung kann es nach mehreren Tagen bis zu drei Monaten nach der Infizierung mit dem Virus kommen. Die Symptome ähneln einem grippalen Infekt. Darauf folgt ein krankheitsfreies Intervall von mehreren Jahren bis Jahrzehnten, bis der Infizierte erstmals an der als AIDS definierten Krankheit erkrankt. Auch in dieser Zeit vermehren sich die Viren und töten weiterhin Zellen ab (vgl. Barnett/ Whiteside 2002: 28-32).

Die HIV - Infektion verläuft in mehreren Stadien. AIDS (Acquired Immuno Deficiency Syndrom) ist das letzte Stadium der HIV-Krankheit und wird „charakterisiert durch das Auftreten einer Vielzahl von opportunistischen Infektionen, die Folge des Versagens der Immunabwehr sind.“ (Weinreich/ Benn 2003: 11). Zu den Krankheitssymptomen gehören unter anderem Lungenentzündungen, Durchfallerkrankungen und Gehirnhautentzündung (vgl. ebd.: 11).

2.5 Vulnerabilität

Vulnerabel sein, bedeutet verletzlich/anfälliger in Bezug auf etwas zu sein. In der AIDS-Bekämpfung wird dem Konzept der Vulnerabilität immer mehr Bedeutung zugesprochen, denn vulnerable Menschen haben durch verminderte Selbstbestimmung in sozialen, sexuellen u.a. Bereichen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko an HIV. Solche Risikogruppen sind zum Beispiel Frauen, Kinder, Homosexuelle, Jugendliche sowie Drogenabhängige. Desweiteren beinhaltet der Begriff Vulnerabilität auch die Anfälligkeit dieser Risikogruppen für die negativen sozialen Auswirkungen der Epidemie. Das Globale Ökumenische Aktionsbündnis1 fordert eine höhere Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Begleitung für die vulnerablen Menschen. Zudem sollen die verantwortlichen Faktoren, die Vulnerabilität begünstigen analysiert und bekämpft werden, damit die „Menschen mehr Kontrolle über ihr Risikoverhalten erlangen“ (Weinreich/ Benn 2003: 36).

2.6 Epidemie und Pandemie

Von einer Epidemie wird gesprochen, wenn viele Menschen in einem engen zeitlichen Rahmen von einer Krankheit betroffen sind. Im Gegensatz zu einer Epidemie ist eine Pandemie nicht örtlich beschränkt. Eine Pandemie kann die ganze Weltpopulation betreffen, sodass sich die Ausbreitung einer Infektionskrankheit über Länder und Kontinente hinweg erstreckt. Exemplarisch hierfür steht AIDS. In den früheren 70er Jahren tritt die pandemische Infektionskrankheit im damaligen Zaire (heutige D.R. Kongo) das erste Mal auf. Seitdem hat sich die Krankheit in den 80er Jahren explosionsartig ausgebreitet. Nach Angaben der UNAIDS leben heute weltweit mehr als 42 Millionen HIV-Infizierte, 95% davon in den ärmeren Ländern (vgl. Ärzte ohne Grenzen e.V.).

2.7 AIDS - Politik

AIDS-Politik ist nicht ausreichend erklärt, wenn man nur das Handeln staatlicher Akteure betrachtet. In ihren Bereich fällt ebenso das Agieren der Zivilgesellschaften. Desweiteren soll nicht nur die AIDS-Politik auf nationaler Ebene, sondern auch die Interventionen internationaler Organisationen, wie UNAIDS, betrachtet werden. Meist sind die Regierungsmaßnahmen, sowohl finanzielle als auch inhaltliche Aspekte, mit den Aktivitäten der UNAIDS bzw. der Geberländer eng verflochten. In diesem Zusammenhang sind Präventions-maßnahmen unerlässlich. Eine Prävention ist eine Vorsorge, die durch effektives Handeln die Krankheit, vorzeitigen Tod und die sozialen Auswirkungen einer HIV-Epidemie verhindern kann. Die Notwendigkeit von HIV-Prävention wird noch dadurch hervorgehoben, dass es für die Infektion keinerlei Optionen einer Heilung gibt und die Behandlungsmöglichkeiten durch die Armut in vielen Entwicklungsländern massiv erschwert werden. Frühe Präventionsmaßnahmen vermindern die Folgekosten, die bei einer Ausbreitung der Epidemie für die Gesellschaft entstehen. Freiwillige HIV- Tests und Beratung in Kondombenutzung, Reduktion der Sexualpartner, Bekämpfung von Stigma sowie die Förderung der Menschenrechte sind nur einige der effektiven Präventions-Interventionen. Jedoch hat die Erfahrung gezeigt, dass die aktive Teilnahme der Zivilgesellschaft unabdingbar ist.

„Partnerschaften zwischen Nicht-Regierungs-Organisationen und Regierungsorganisationen, und die systematische Einbeziehung von Menschen und Gruppen, die mit HIV/AIDS leben“ (Weinreich/Benn 2002: 78) bilden das Kernstück erfolgreicher AIDS-Interventionen.

3 HIV/AIDS als multidimensionales Phänomen

Die Definition eines Themas bestimmt gleichzeitig die Art und Weise, wie wir damit umgehen. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Problematik der HIV/ AIDS- Epidemie unter verschiedenen Gesichtspunkten zu untersuchen. Sich mit dem Thema HIV/AIDS auseinander setzen zu wollen heißt, sich mit verschiedenen Faktoren zu beschäftigen. HIV/AIDS ist ein multidimensionales Phänomen. Dies gilt sowohl für seine Ursachen als auch für Ansätze zur Lösung des Problems.

HIV/AIDS wird zu einer Krankheit, die ein gesellschaftliches Phänomen darstellt: Anthropologen unterscheiden im englischen Sprachraum drei Kategorien von Krankheit. Zum Ersten „Disease, als Abweichung von der biomedizinischen Norm, 2. Illness, die gelebte Erfahrung kulturell konstruierter Kategorien von Krankheit und Erkrankungen“ (Hirschmann 2003: 13). Als dritte Kategorie wird Sickness genannt, welche sich weitgehend auf die Patientenrolle bezieht. Im Zusammenhang mit der HIV/AIDS-Problematik ist die Kategorie Illness wichtig, da sich diese auf die Wechselverhältnisse zwischen der eigenen Person und ihrer sozialen Umwelt bezieht. Hierbei stehen sowohl die Reaktionen Anderer auf die Krankheit als auch die Interpretationen des Kranken im Zentrum. Somit versteht man unter dieser Kategorie von Krankheit, dass „die Erfahrungen des Ichs [...] zu einer sozialen und gemeinschaftlichen Erfahrung“ (ebd.: 13) wird. Die Gemeinschaft und der Kranke beeinflussen sich gegenseitig in eben demselben Maße, denn kontextuelle Faktoren sind genauso von Belang wie die individuellen. Soziale Lage, Geschlecht, ethnische Identität, Bildung, Alter und soziale Unterstützung sind ebenso verantwortlich für das Risiko einer Erkrankung, wie der Zugang zum Gesundheitssystem und Präventionsverhalten. Zudem kommen sowohl ökonomische als auch politische Strukturen und die physische Umwelt hinzu, die Einfluss auf Gesundheit und Krankheit ausüben. Aus diesem Grund ist der Einbezug verschiedener analytischer Ebenen sinnvoll. Die individuelle Ebene, auf der die Identität eine wesentliche Rolle spielt, ist ebenso wichtig wie die mikrokulturelle, auf der es sowohl um soziale Kohäsionen innerhalb von Gruppen- und Familientraditionen geht, als auch um die makrokulturelle Ebene mit ihren kulturellen Systemen. Gesundheit und Krankheit erleben und überschneiden alle diese Teilebenen. Deshalb ist es mir wichtig, in diesem Teil der Arbeit verschiedene Dimensionen aufzuzeigen, welche in der Problematik der HIV/AIDS-Epidemie eine wesentliche Rolle spielen. Die Epidemie wurzelt tief im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext, sowohl sozioökonomische und soziale als auch kulturelle Ungleichheiten betreffend. Ich möchte also darstellen, welche Kontextbedingungen dazu führen, eine Umgebung zu schaffen, die es dem Immunschwächevirus erlaubt, sich so auszubreiten. Desweiteren sollen die Kausalzusammenhänge, die auf das Phänomen der Epidemie treffen, aufgezeigt werden.

3.1 Die sozioökonomische Dimension

In diesem Abschnitt soll die Beziehung zwischen Ökonomie und sozialem Leben aufgezeigt werden, da diese auf unterschiedlichem Wege an der Situation des Menschen hinsichtlich seiner Anfälligkeit für HIV/AIDS beteiligt ist.

A key factor for long-term accumulations of wealth in a given country is its human capital. [...] We show that in long run, HIV/AIDS can trap a country in poverty for many generations (Bradley/ Tape 2008: 118).

Die aus Armut resultierende mangelhafte Ernährung bringt mittelbare Konsequenzen mit sich. Je schlechter der allgemeine gesundheitliche Zustand ist, desto schwächer ist das Immunsystem. Folglich sind Menschen mit Unterversorgung vulnerabler gegenüber HIV/AIDS als Menschen, die einen gesunden Vitaminhaushalt haben. Die Vitamine A, B und C unterstützen die Abwehrkräfte und haben eine besondere Bedeutung für die Gesundheit der Haut und Schleimhäute. Ebenso benötigt ein Immunsystem zur Stärkung Eisen und Zink. Bei den meisten AfrikanerInnen im subsaharischen Afrika sind Mangelerscheinung an diesen Vitaminen und Spurenelementen vorzufinden. Hinzu kommt, dass Menschen mit Unter- versorgung eine höhere Viruslast haben, also ansteckender sind als Gesunde (vgl. Nattrass 2004: 29).

„Die Tatsache, dass Armut Krankheit bedingt, ist schon seit Jahren anerkannt. Umgekehrt bedingt jedoch auch Krankheit Armut und Unterentwicklung“ (Weinreich/ Benn 2003: 59). Eine vorzeitige Sterblichkeit, eine verminderte Arbeitsproduktivität sowie schlechte schulische Leistungen wirken sich negativ auf die ökonomische Leistungsfähigkeit eines Landes aus. Hinzu kommt, dass eine verkürzte Lebenserwartung durchschnittlich zum Rückgang von Investitionen führt, da die Menschen weniger ansparen können. Ein Investitionsrückgang hat wiederum eine hemmende Wirkung auf das Wirtschaftswachstum (vgl. ebd.: 58ff.).

The Commission on Macroeconomics and Health wurde 1999 von der WHO - Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland zum Leben erweckt, „um den Stellenwert von Gesundheit für die wirtschaftliche Entwicklung in den ärmeren Ländern zu ermitteln“ (Weinreich/ Benn 2003: 59). Aus einem Bericht dieser Kommission geht hervor, dass jeder krankheitsbedingte vorzeitige Tod eines Menschen langfristige Folgen für die Wirtschaft hat. Ein zu früher Tod ist mit dem „Verlust von potentiellen Lebensjahren“ (ebd.: 60) gleichzusetzen, die wiederum eine Minderung der Wirtschaftskraft her- vorrufen. Im Jahre 1999 verlor Afrika südlich der Sahara durch AIDS 11,7% seiner Wirtschaftskraft. Menschen mit längeren Lebenserwartungen investieren mehr, wie zum Beispiel in Altersvorsorge und Ausbildung. Nach Berechnungen von Ökonomen, beträgt der wirtschaftliche Verlust eines potentiellen Lebensjahrs das Dreifache des durchschnittlichen Jahreseinkommens pro Kopf. An dieser Stelle ist zu überlegen, „ob die Einführung von Aids-spezifischer Therapie bezahlbar und wirtschaftlich sinnvoll ist.“ (ebd.: 60).

Die Zugangsmöglichkeit zu sogenannten antiretroviralen Medikamenten (ARVs) ist maßgeblich von Bedeutung, denn sie können den Ausbruch von AIDS verzögern und verbessern dadurch die Lebensqualität sowie die Lebenserwartung. Dies hätte die positive Konsequenz, dass die Menschen länger und produktiver leben. Darum mildern die ARVs die drastischen Folgen der AIDS-Epidemie, die diese für die Ebene der Familien und den Staat hat. Dementsprechend wirken diese Medikamente einer zunehmenden Verarmung entgegen (vgl. UNAIDS 2006: 11).

Seit 1996 werden in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern zur Behandlung des HI-Virus Kombinationstherapien mit antiretroviralen Medikamenten eingesetzt. Mit dieser Therapie ist es möglich, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, denn die Medikamente reagieren wirkungsspezifisch und versuchen daher, eine Virusvermehrung zu unterdrücken. Sie haben in den reichen Ländern seit ihrer Einführung die Todesraten durch AIDS bis zu 70% gesenkt (vgl. Weinreich/ Benn 2003: 108). Die WHO brachte Richtlinien heraus, die den Einsatz von ARVs auch in den ärmeren Ländern fördern. In den reichen Ländern entscheidet die Therapieüberwachung der CD4-Zellen und der sog. Viruslast über die Bereitstellung und anschließende Einnahme der Medikamente. Die Viruslast ist „ein Maß für die Anzahl von Viren im Blut“ (ebd.: 108). In den Entwicklungsländern sollen solche Messungen zukünftig ausschlaggebend für den Einsatz der ARVs sein, denn Ressourcenmangel zur Durchführung darf, laut der WHO, nicht die ARV-Therapie behindern. Im Jahr 2000 wurde eine Messung über die Anzahl der Menschen, die unter ARV-Therapie stehen, durchgeführt. Daraufhin wurde der geschätzten Bedarf an ARV- Therapie in Entwicklungsländern ermittelt und ergab folgendes Ergebnis: Von den weltweit 800 000 Menschen leben 500 000, die antiretrovirale Medikamente nehmen in den westlichen Industrieländern. Weniger als 1% aller Betroffenen in Afrika haben Zugang zu einer antiretroviralen Therapie. In Subsahara-Afrika liegt der geschätzte Bedarf bei 4 100 000 Medi- kamenten. Gründe für die mangelnde Bereitstellung dieser Medikamente waren die „hohe[n] Preise der Medikamente, Patentschutz für die Markenmedikamente, mangelnde Infrastruktur und mangelnde Ausbildung de[s] medizinischen Personals in den betroffenen armen Länder[n]“ (Weinreich/ Benn 2003: 109). AIDS-Aktivisten, Wissenschaftler, aber auch die Zivilgesellschaft forderten in den letzten Jahren erhöhte Zugangsmöglichkeiten zu ARVs für HIV-infizierte Menschen in den Entwicklungsländern. Es begann ein Umdenken, das „durch das gesteigerte Bewusstsein für die ethisch-moralischen Implikationen der Ungleichheit in der Aids-Behandlung zwischen armen und reichen Ländern“ (ebd.: 109) hervorgerufen wurde. Konsequenterweise sanken die Preise für antiretrovirale Medikamente und mehrere Pilotprojekte zeigten, dass eine erfolgreiche Behandlung auch trotz Ressourcenmangels durchführbar ist. In Kapstadt beispielsweise hat die Organisation Ärzte ohne Grenzen zusammen mit der Treatment Action Campaign (TAC) ein ARV-Projekt umgesetzt, das bei 90% der Patienten eine Verbesserung erreichte. Der Zugang zu den ARVs für Menschen in ärmeren Ländern „ist keine medizinische, sondern eine politische“ (ebd.: 110) Frage, denn die Grundsätze der medizinischen Behandlung sind in allen Ländern die Gleichen.

Ein weiterer sozioökonomischer Aspekt liegt in den heiklen Arbeits- verhältnissen. Die Schwierigkeit eines gesicherten Einkommens ist bedingt durch Arbeitslosigkeit, unregelmäßige bzw. geringe Einkommen oder durch die Notwendigkeit der Migration. All diese Gründe greifen schwerwiegend in die Lebenswelt der Menschen ein und haben letztlich die gleiche Folge - Beeinflussung hinsichtlich der Infizierung mit HIV/AIDS. Die hohe Arbeitslosigkeit und das geringe Einkommen veranlassen besonders Männer dazu, ihre Einkommen in größeren Städten sichern zu wollen, sodass sie ihre Familien für einen längeren Zeitraum verlassen müssen (vgl. Terhorst 2001: 19). Demzufolge ist eine hohe Mobilität der Arbeiter auf den Arbeitsmärkten abzuzeichnen. Das System der Wanderarbeit hat immense Konsequenzen für Familien, Gemeinden und soziale Geflechte. Die Arbeitsmigranten werden Lohnsklaven. Sie werden in reinen Männerunterkünften auf engstem Raum untergebracht und arbeiten unter extrem gefährlichen Bedingungen, wie zum Beispiel die Bergarbeiter in den südafrikanischen Goldminen, in denen die Gefahr besteht, von einem Steinschlag getötet zu werden. Eine solche tägliche Gefahr setzt das Risikobewusstsein für HIV/AIDS herab. In der Freizeit gehen diese Männer ihrem Vergnügen nach und suchen Ablenkung in Alkohol und Sex. Es werden Lebenswelten geschaffen, in denen Elend, Prostitution, Kriminalität und Alkoholismus gedeihen. Durch die langen Trennungen werden die Ehen vor eine neue Herausforderung gestellt. Meistens gehen Ehen zu Bruch oder werden zumindest stark belastet, sodass der Zusammenhalt der Familien ins Wanken gerät. Folglich nimmt die Hemmschwelle für außerehelichen Sex ab (vgl. Oppong/ Kalipeni 2004: 54ff.). Ähnliche Phänomene finden wir bei Soldaten, Transitarbeitern sowie Langstreckenfahrern. Gerade Langstreckenfahrer, die an der Grenze teilweise bis zu sieben Tagen warten müssen, da der Zoll so lange braucht die Ware einzuführen, verbringen tendenziell die Nacht eher bei einer Prostituierten, als dass sie in einem wesentlich teureren Hotelzimmer nächtigen (vgl. Stillwaggon 2006: 47f.).

In den Townships (Wohnsiedlungen), die während der Zeit der Apartheid (Rassentrennung) für die SchwarzafrikanerInnen und Inder errichtet wurden, ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch und geregelte Beschäftigungsverhältnisse bilden hier die Ausnahme. Dies führt zu folgender Problematik: „the frustration of unemployment and income insecurity promotes high levels of alcohol and drug abuse among men“ (Zulu/ Dodoo/ Ezeh 2004: 169). Demnach müssen die Frauen für die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Familien sorgen. Eine weitere Konsequenz liegt in der hohen Bereitschaft - bedingt durch Alkohol und Drogen - zu riskanten sexuellen Verhaltens- weisen, die hohe Ansteckungsgefahren mit HIV mit sich bringen (vgl. ebd: 169f.).

Auf der ganzen Welt leben etwa 100 Millionen Kinder - davon 60 Millionen Mädchen -, die keine elementare Bildung genießen können. Die Mehrzahl der Kinder kommt aus von HIV/AIDS betroffenen Gebieten. Durch die Immunschwächekrankheit werden die Familien zerstört, die Kinder helfen bei der Pflege der Kranken oder müssen Einkommen schaffenden Tätigkeiten nachgehen. Diese Gründe erschweren einen Schulbesuch bzw. machen ihn gar unmöglich. Die Auswirkungen von HIV/AIDS betreffen aber nicht nur die Kinder, sondern auch die Lehrer. Die Zahl an qualifiziertem Fachpersonal sinkt. In Sambia ist zum Beispiel „die Zahl der Lehrer, die an Aids sterben, doppelt so hoch wie die Zahl der Lehrer, die ihre Ausbildung abschließen“ (Weinreich/ Benn 2003: 63). Das Steueraufkommen sinkt durch die Folgen von HIV/AIDS. Daher werden die Ressourcen, die dem Erziehungssektor zur Verfügung stehen, reduziert. Folglich vermindert sich die Anzahl der Lehrerausbildungen. Parallel dazu werden aber auch die durch die Krankheit ausfallenden Lehrer nicht ersetzt. In manchen Gegenden kommt es sogar zu Schließung der Schulen (vgl. ebd.: 63).

Der Bildungssektor übernimmt jedoch durch die Einbeziehung von HIV/AIDS in das Curriculum auch eine wichtige Rolle in der AIDS-Bekämpfung. Durch den Einbau von Sexualunterricht und HIV/AIDS-Aufklärung können die Schüler für die Problematik sensibilisiert werden. Durch verschiedene Rollenspiele und/oder Anti-AIDS-Clubs bekommen die Schüler sogenannte life skills vermittelt. Sie lernen also, wie sie sich selbst und andere vor der Infektion schützen können. Einen weiteren wesentlichen Faktor nimmt der Unterricht in Menschenrechten und HIV ein, denn durch ihn kann sowohl einer Diskriminierung als auch einer Stigmatisierung entgegengewirkt werden (vgl. ebd.: 63f.).

Zu Beginn der HIV-Epidemie wurde ein positiver Zusammenhang zwischen HIV-Prävalenz und Schulbildung festgestellt. Demnach steigt die Vul- nerabilität hinsichtlich HIV/AIDS mit zunehmendem Bildungsniveau. Diese Korrelation wird auf die höhere Mobilität der besser Verdienenden zurückgeführt. In den letzten Jahren scheint sich dieser Trend jedoch umzukehren. Untersuchungen bei Jugendlichen ergeben, dass mit ansteigendem Bildungsniveau das Risiko, mehrere Sexualpartner zu haben und sich somit an HIV zu infizieren, sinkt. Daraus lässt sich schließen, dass Bildung im direkten Zusammenhang mit der Reduzierung der HIV-Anfälligkeit steht (vgl. ebd.: 64).

HIV/AIDS betrifft allerdings nicht nur den Bildungssektor, sondern auch das Gesundheitswesen. In vielen Gesundheitssystemen decken die Ressourcen die Versorgung der Bevölkerung nur ungenügend ab. Zudem wird dieser Sektor durch die steigende Anzahl der HIV- und Tuberkulosepatienten belastet, da diese beiden Krankheiten sich gegenseitig verstärken. Auf Grund chronischer Krankheiten und vorzeitigem Tod erleiden viele medizinische Einrichtungen einen hohen Verlust an qualifiziertem Personal. Daher leiden viele der übrig gebliebenen Angestellten sowohl an psychischer als auch physischer Überlastung. In einigen Krankenhäusern liegt die Zahl der Infizierungen bei Erwachsenen bei etwa 80 Prozent und bei Kindern etwa 30 Prozent. Der Mangel an Personal in den öffentlichen Krankenhäusern wird zunehmend zu einem Problem, denn viele Fachkräfte wechseln zu privaten Kliniken oder emigrieren. Demnach übernehmen in vielen Entwicklungs- ländern die kirchlichen Krankenhäuser immer mehr Verantwortung in Bezug auf die Gesundheitsversorgung, denn die staatliche Vorsorge kann die enorme Anzahl der HIV-positiv lebenden Menschen nicht alleine bewältigen (vgl. ebd.: 66).

3.2 Die kulturelle Dimension

Kultur und Sichtweisen einer Gesellschaft sind keine statischen Phänomene, dennoch gibt es auch hier Faktoren, sie sich nur sehr langsam ändern bzw. verändern lassen. Die Menschen in einer Gesellschaft konstruieren ihre Kultur direkt. Kulturen werden durch die Genderfrage, Verständnis und Umgang von Sexualität, Krankheit und Tod sowie bestimmte Rituale und Traditionen konzipiert. Daher ist es bezüglich des Themas HIV/AIDS notwendig, sich mit der kulturellen und traditionellen Beschaffenheit eines Landes auseinanderzusetzen.

[W]hile culture can function as a vehicle for promoting HIV prevention, it must be recognized that it can also constitute a barrier against HIV prevention (UNAIDS 2005: 11).

Die Genderfrage ist ein entscheidender Schlüsselfaktor in der Vulnerabilität hinsichtlich der HIV-Infektion. Gender „ [...] is a social and cultural construct that differentiates women from men and defines the ways in which woman and men interact which each other” (SAT 2001: 3). Wenn man Frauen und Männer auf ihr Handeln in einer Gesellschaft untersucht, lassen sich unterschiedliche Muster feststellen. Gender definiert - in Bezug auf die Erwartungen und Normen - die Verhaltensweisen und Rollen von Männern sowie Frauen in einem Gesellschaftssystem. In Afrika spielen sowohl der geschlechterspezifische Zugang zu Status und Macht als auch Ressourcen und Entscheidungsbefugnisse eine wesentliche Rolle. Diese Gendernormen beeinflussen kennzeichnend die Vulnerabilität und gleichzeitig auch das Risiko einer HIV-Infektion. Es ist also zwingend notwendig die Genderperspektive in die Untersuchungen der HIV/AIDS-Epidemie mit einzubeziehen (vgl. Weinreich/ Benn 2003: 41).

In Afrika wirkt sich die HIV/ AIDS-Epidemie deutlich härter auf Frauen als auf die Männer aus. Frauen werden selten nach ihrer Meinung oder um Erlaubnis zu beispielsweise sexuellen Aktionen gefragt. Sie besitzen meist weder Recht noch Eigentum, deshalb bestimmen in ökonomischen, sozialen und sexuellen Fragen die Männer. Durch dieses patriarchal geprägte Gesellschaftssystem sind beispielsweise im subsaharischen Afrika 60% aller Infizierten Frauen (vgl. UNAIDS/ WHO 2009). Diese im Allgemeinen größere Vulnerabilität für HIV-Infektionen bei Frauen ist auf verschiedene Phänomene zurückzuführen:

Ein entscheidender Punkt ist das ungleiche Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern. Frauen besitzen weniger Entscheidungsfreiheiten als Männer. Dieses Gefälle manifestiert sich unter anderem in den sexuellen Beziehungen. Frauen entfällt meist die Wahl in Bezug auf die Bedingung, wie Sex praktiziert wird - dies erfasst auch die Verhütungsmöglichkeiten, denn „[...] good women are expected to be ignorant about sex and passive in sexual interactions“ (Gupta 2000: 2). Männer sind der Auffassung, da sie den lobola (Brautpreis) bezahlt haben, ist die Frau ihr Eigentum und Frauen sind dazu da, Männer glücklich zu machen. Wehrt sich eine Frau, wird sie dazu gezwungen, wenn es sein muss durch Gewalt. Die Vergewaltigungsraten in Afrika sind extrem hoch, jedoch kann man über die Dunkelziffer nur Mutmaßungen anstellen, da die Frauen damit meist nicht an die Öffentlichkeit treten. Ein anderer wesentlicher Faktor ist die Zugangs- möglichkeit zu Informationen über Sexualität und HIV/AIDS. Der Prozentsatz der Analphabeten ist bei Frauen höher als bei Männern (vgl. Grill 2003: 267).

Für viele Afrikanerinnen ist Polygamie der größte Risikofaktor für eine HIV- Infektion. Die Frauen selbst müssen monogam leben, jedoch ihre Männer dürfen mehrere Partnerinnen haben. Die Tatsache, dass die Frauen Sex nicht verweigern und auch nicht auf Kondombenutzung bestehen dürfen, erhöht die Vulnerabilität der Frauen und der Männer zugleich. Die ökonomische Abhängigkeit vom Mann veranlasst viele Frauen, das Risiko einer HIV-Infektion weniger zu fürchten, als vom Mann letztlich sogar verstoßen zu werden (vgl. Weinreich/ Benn 2003: 41f.). Für eine Frau ist die Durchsetzung zum Gebrauch von Kondomen aus mehreren Gründen kaum realisierbar: In den afrikanischen Ehe gilt die Frage nach dem Benutzen eines Kondoms als Widerspruch zum Kinderwusch - Kinder sind die soziale und ökonomische Absicherung im Alter. Die romantische Liebe vermindert das Bedürfnis, ein Kondom zu benutzen, da der Nichteinsatz als Bestätigung des Vertrauens, der Treue und der Liebe gesehen wird. Jedoch sieht die Realität in der Regel, bedingt durch die Polygamie des Mannes, anders aus. „It is the husband who will dictate when, where, and under what circumstances intercourses will take place” (Siplon 2005: 24).

Auch in der Gesetzgebung sind die Frauen nicht gleichgestellt mit den Männern. Es gibt für Frauen keine gesetzliche Absicherung nach dem Ableben des Mannes. Ihre Rechte auf Eigentum sind beschränkt und das Erbe wird ihnen oft durch männliche Familienangehörige, wie zum Beispiel durch den Bruder des Verstorbenen, weggenommen. Durch diese ökonomische wie soziale Benachteiligung können die Witwen gezwungen werden, ihr Überleben und das ihrer Kinder zu sichern, indem sie Sexualität gegen Geld eintauschen, also der Prostitution nachgehen müssen. Zudem nehmen Witwen eine negativ belastete Stellung ein, da sie oft von den verbliebenen Familienmitgliedern des Mannes beschuldigt werden, seinen Tod durch unmoralisches Verhalten oder durch Hexerei mit verursacht zu haben. Die Trauer über den Tod des Mannes wird in der Regel durch den Konflikt mit dessen Familie überlagert. Dazu kommt, dass die Frau sozial ausgegrenzt wird, indem sie an keiner Gemeinschaftsveranstaltung teilnehmen darf und somit völlig an ihr Haus gebunden ist. Man kann dem Ganzen nur durch die Witwenreinigung ein Ende bereiten, denn dieses Ritual ist sozial nötig, um die Witwe aus dem Zustand der Verunreinigung zu befreien. Die Kultur in manchen Teilen Afrikas geht davon aus, dass der Bruder des Verstorbenen die Witwe durch den Beischlaf vom Todesdämon reinigen kann (vgl. Grill 2003: 266). In diesem Zusammenhang spielt aber auch die Witwenehe eine weitere Rolle. Der Bruder des verstorbenen Ehemanns heiratet dessen verwitwete Ehefrau und sorgt in Zukunft für sie und ihre Kinder. Diese Tradition war ursprünglich als Schutz und soziale Absicherung für die Witwen gedacht. Jedoch entsteht durch die HIV- Epidemie in beiden Fällen (Witwenreinigung und -ehe) ein erhöhtes Risiko für die Beteiligten, sich mit HIV zu infizieren. Denn für den Fall, dass der Mann an AIDS gestorben ist und die Frau den HI-Virus in sich trägt, gelangt dieser bei ungeschütztem sexuellen Kontakt mit dem „neuen“ Mann in dessen Familie und kann sich dort weiter verbreiten (vgl. Weinreich/ Benn 2003: 42).

Ein kennzeichnender Grund für die höhere Infektionsrate bei Mädchen/ Frauen im Alter von 15 bis 24 als bei gleichaltrigen Jungen, ist das Phänomen der sugar daddies. Als sugar daddies werden ältere Männer bezeichnet, die mit jungen Mädchen Sex haben. Im Austausch für die sexuellen Dienste der Mädchen geben die älteren Männer ihnen Geld, Essen oder andere Gefälligkeiten. In diesem Kontext kommt der sogenannte dry sex des Öfteren zum Einsatz. Die Mädchen/Frauen „trocknen mit Baumwolle, Kräuter[n], Papier oder einem Gemisch aus Erde und Pavianurin ihre Vagina aus“ (Grill 2003: 266). Diese Geste soll den Männern mehr sexuelles Vergnügen bereiten und sie zugleich in ihrer Männlichkeit stärken. Durch die Trockenheit der Vagina steigt die Verletzungsgefahr ihrer Haut, sodass hier ein erheblich höheres Risiko einer HIV-Infektion besteht, als „nur“ durch ungeschützten Sex (vgl. ebd.).

Da der Einfluss von Islam und Christentum mittlerweile zu groß ist, wird der rein traditionelle Glaube kaum noch praktiziert. Dennoch ist er für die Problematik und das Verständnis der HIV/AIDS-Epidemie in Afrika von Belang. Die traditionelle afrikanische Kosmologie versteht unter dem sexuellen Akt und dem damit verbundenen Austausch der Körper- flüssigkeiten eine Reinigung. Deshalb darf der Sex nicht geschützt sein, denn würde ein Kondom benutzt werden, würden die eigenen Körperflüssigkeiten in den Körper zurückkehren, was eine Verunreinigung mit sich führen würde. Nicht nur in der Ehe sind solche Riten vertreten, auch unter jungen Männern stellt die Kondombenutzung eine Unterdrückung ihrer Männlichkeit dar. Afrikaner demonstrieren durch die Zeugung von Nachkommen ihr Mannsein. Für junge Afrikanerinnen ergibt die Gründung einer Familie „a role in a context where opportunities to finish school or find valued work are few“ (Cambell 2003: 125). Das Fortführen der Ahnenlinien ist ein wesentlicher Bestandteil der afrikanischen Kultur. Die Menschen definieren sich durch ihre Abstammung; man handelt nicht nur für sich selbst und im Hier und Jetzt, sondern ist seiner Ahnenlinie verantwortet. Es stellt sich daher für viele die Frage, was wichtiger ist: Die eigene individuelle Gesundheit oder die Verpflichtung gegenüber den Ahnen (vgl. Barnett/ Whiteside 2002: 21f.).

In der afrikanischen Kultur geht man mit Themen wie Krankheit, Tod und Zukunft anders um als in westlich orientierten Gesellschaften. Daher sind Public Health Strategien, denen Präventionsmaßnahmen zu Grunde liegen, oft sehr schwer umsetzbar. Prävention, die auf das im Voraus Agieren ausgerichtet ist, lässt sich auf dem afrikanischen Kontinent nur bedingt umsetzen. Präventionsmaßnahmen können nur dann effektiv sein, wenn die Zukunft der Menschen in einer Gesellschaft offen ist und diese zum Teil durch das menschliche Handeln kontrolliert werden kann. Die Zukunft kann eine unendliche Zahl von Möglichkeiten bieten, die alle eintreten können, aber nicht zwingend müssen. Voraussetzungen dafür sind aber zum Einen, dass das Individuum Entscheidungsfreiheiten besitzt und zum Anderen, dass die Zukunft planbar bzw., dass die gegenwärtigen Handlungen bewusster auf zukünftige Folgen beurteilt werden. Überträgt man die eben genannten Voraussetzungen auf die Grundannahmen der AIDS-Prävention, so lässt sich festhalten, dass sich kein Mensch unweigerlich mit HIV infizieren muss, die Möglichkeit einer Ansteckung jedoch gegeben und vom Handeln bzw. von der Bewusstseinseinstellung der einzelnen Person abhängig ist.

Westliche Gesellschaften befinden sich mit diesen Grundannahmen im Konsens, doch afrikanischen Gesellschaften mangelt es an der Umsetzung dieser. Dies liegt zum Beispiel daran, dass die ärmere Schicht der AfrikanerInnen sich wenig um ihre Zukunft sorgen können, da sie Tag täglich zusehen müssen, im Hier und Jetzt etwas zu essen für sich und ihre Familien zu haben. Dazu kommt, dass viele ihre Zukunft nicht als offen und durch eigenes Handeln beeinflussbar empfinden, sondern Tod und Krankheit vorbestimmt und durch übermenschliche Kräfte gelenkt werden. Folglich wird nach dieser Annahme das menschliche Schicksal von außen auferlegt und der Mensch selbst hat keine Entscheidungsmacht über den Verlauf des Lebens. Daher wird oftmals davon ausgegangen, dass eine Krankheit gottgegeben oder durch Hexerei verursacht, und nicht etwa durch eigenes Verhalten bzw. Handeln ausgelöst wird. Deshalb fragen traditionelle Heiler bei der Krankheitsbehandlung, wer diese Krankheit als Strafe geschickt hat. Ebenso wie die Krankheit, wird auch der Tod als von Beginn an festgelegte Konstante empfunden. Obwohl es vorrangig widersprüchlich erscheinen mag, bedeuten diese Ansichten jedoch nicht, dass die Menschen nicht auch an die HIV-Übertragung durch ungeschützten Sex glauben. Prinzipiell wird diese Art der Übertragung nicht negiert und kann deshalb mit dem Informationsgehalt der Aufklärungskampagnen in Einklag gebracht werden. Doch scheitern die Präventionsmaßnahmen oftmals daran, dass die Handlungsanleitungen - abgeleitet aus den Kampagnen - nicht umgesetzt werden. Das eigene Verhalten wird zum größten Teil nicht hinterfragt und somit auch nicht verändert, denn das Schicksal wird als Resultat von Gottes Handeln, Zauberkräften oder zürnenden Ahnen angesehen. Ebenso kontraproduktiv ist die mangelnde Freiheit, bedingt durch äußere Lebensumstände, Entscheidungen zu treffen und das Schicksal somit in seine eigenen Händen zu nehmen (vgl. Offe 2001: 53-58). Aus dieser Logik lässt sich schließen, dass der Gebrauch oder Nicht-Gebrauch eines Kondoms keine entscheidende Rolle dabei spielt, ob sich eine Person mit HIV infiziert oder nicht, da Krankheiten nichts mit selbstgesteuertem bzw. selbstverantwortetem Handeln zu tun haben. Es liegt auf der Hand, dass die Umsetzungen von Präventionsmaßnahmen und -slogans wie „keep control“ (ebd.: 57) durch diese traditionell wie kulturell geprägten Auffassungen nur schwer realisierbar sind und sich dadurch die Vulnerabilität für den HI-Virus erhöht.

Ebenso zwiespältig lässt sich die Rolle der Kirchen im Kampf gegen HIV/ AIDS beschreiben. „Für viele gehören die Kirchen eher zum Problem selbst als zur Lösung“ (Weinreich/ Benn 2003: 134). Dies liegt vor allem an der rigiden Sexualmoral und der negativen Haltung gegenüber Präventionsmaßnahmen, wie die Benutzung von Kondomen. Gerade zu Beginn der Epidemie wurde HIV/AIDS als „Lustseuche“ (Grill 2003: 267) deklariert, durch die Gott das promiskuitive und unmoralische Verhalten der Menschen bestraft. HIV-Infizierte wurden nicht in die Kirche aufgenommen und AIDS-Tode konsequenterweise auch nicht kirchlich beerdigt. Die katholische Kirche spricht sich insbesondere für ein Verbot der Kondombenutzung aus. In diesem Zusammen äußerten sich einige Kirchen und verbreiteten die Annahme, dass ein Kondom die winzig kleinen HI -Viren nicht aufhalten könnte und daher der Gebrauch sinnlos wäre (vgl. Weinreich/ Benn 2003: 134).

Aber diese Aussagen spiegeln nur einen Teil der Realität wider. Der Ökumenische Rat der Kirchen bedauerte öffentlich, dass „die Reaktion der Kirche im großen und ganzen unzulänglich gewesen ist und in einigen Fällen das Problem sogar noch verschlimmert hat“ (ebd.: 134). Heute wird der Kirche in vielen Ländern in der AIDS-Bekämpfung aus mehreren Gründen eine besondere Verantwortung zugeschrieben: Die Botschaft und das Wirken Jesu` zielten darauf ab, die Menschen zu heilen sowie die „Diskriminierten und Ausgestoßenen gesellschaftlich und religiös zu integrieren“ (ebd.: 135). Die NachfolgerInnen Jesu` sollen in den verschiedenen Kirchen diesen Auftrag erfüllen. Ebenso sind religiöse Institutionen und Organisationen teil der Zivilgesellschaft und dürfen somit nicht die Augen vor brennenden sozialen Problemen in der Gesellschaft verschließen, sondern müssen ihren Beitrag zur Bewältigung leisten. Desweiteren unterhalten Kirchen soziale und medizinische Institutionen, die bei der HIV/AIDS-Bekämpfung helfen können.

In Ländern wie Afrika, Asien und Lateinamerika spielen Kirchen eine entscheidende Rolle im Leben der Menschen, indem sie ihnen die grundlegenden Werte und Normen vermittelt. Dadurch können sie auf die sozialen Bedingungen sowie die Verhaltensweisen von Menschen einwirken, sodass das Infektionsrisiko an HIV durch verantwortliche Aufklärung vermindert werden kann. Kirchen besitzen vielfältige Ressourcen und Netzwerke, die bis in fast alle Gebiete der Länder hineinreichen. Sie haben zudem einen seelsorgerlichen Auftrag zu leisten, damit sie den Menschen sowohl spirituelle als auch materielle Hilfe schenken können (vgl. ebd.: 134 - 138). Das Engagement von Kirchen und ökumenischen Institutionen nahm zu, indem sie wirksame Aufklärungen und menschenwürdige Betreuungen von HIV-Kranken leisteten. „Im Jahre 2001 fanden Konsultationen von Kirchenvertretern in Ost-, West- und im südlichen Teil Afrikas [...] statt“ (ebd.:134). Seit April 2002 ist ein HIV/AIDS-Koordinator mit Sitz in Genf tätig. Es sollen vier regionale Koordinatoren eingesetzt werden, die eine Datenbank über kirchliche Projekte und Programme sowie die Vernetzung von Aktivitäten herstellen sollen. Die Kirche und ökumenische Institutionen werden zunehmend zu aktiven Partnern in der Bekämpfung von HIV/AIDS. Vielerorts kümmern sich religiöse Organisationen um die häusliche Krankenpflege und Versorgung von AIDS-Waisenkindern. In den subsaharischen Ländern Afrikas stellen Kirchen etwa 60% der Gesundheitsversorgung (vgl. ebd.: 141).

Die spezielle Bedeutung der Kirche im Kampf gegen HIV/AIDS wird in der Fallstudie Uganda noch näher analysiert werden.

3.3 Die soziale Dimension

Das soziale Umfeld und insbesondere die sozialen Zusammenhänge zwischen den Menschen spielen eine besondere Rolle hinsichtlich der Vulnerabilität von HIV. Ich möchte im kommenden Abschnitt zeigen, dass sich durch soziale Zusammenhänge bestimmte Muster sexueller Netzwerke herauskristallisieren, die für das Verständnis der HIV/AIDS-Epidemie tragende Rollen spielen.

It is well known that war is one of the worst risk milieus for [HIV]. Not so frequently mentioned, however, is one of its main consequences, refugee camps, and even less often mentioned are increasing numbers of internally displaced populations (Lyons 2004: 185).

Humanitäre Krisen, Kriege und Konflikte haben den Zusammenbruch von traditionellen Strukturen, Verschlechterung der medizinischen Versorgung und extreme Ernährungssituationen zur Folge. Solche Faktoren erhöhen die Vulnerabilität für die HIV/AIDS-Epidemie (vgl. Weinreich/ Benn 2003: 37). Soldaten tragen durch ihre hohe Mobilität und ihre männlichen Rollenmuster erheblich dazu bei, dass sich der HI-Virus verbreiten kann - und sind hierbei auch selbst einem erhöhten Risiko der Ansteckung ausgesetzt. Zudem wird das Militär in den meisten HIV/AIDS-Präventionsprogrammen vernachlässigt. Es lässt sich feststellen, dass eine Korrelation in der Nachfrage nach käuflichen Sex und der Anzahl von Soldaten besteht. Gibt es viele Soldaten, erhöhen sich die Besuche bei Prostituierten. Dementsprechend hoch sind die Infektionsraten der Streitkräfte. Ein weiterer Faktor ist die Tatsache, dass in Kriegszeiten wesentlich mehr Vergewaltigungen begangen werden, als in Zeiten des Friedens. Vergewaltigungen werden als strategisches Mittel bzw. Kriegswaffe eingesetzt, sodass die Vulnerabilität hier sehr hoch ausfällt. Nach dem Genozid (Völkermord) in Ruanda testen sich im Jahre 1994, 80% der in dieser Region lebenden vergewaltigten Frauen auf HIV. Das Ergebnis der meisten weiblichen Opfer lautete HIV-positiv (ebd.: 37). Sexuelle Gewalt erhöht das Infektionsrisiko an HIV erheblich. Im subsaharischen Afrika sind sexuelle Gewalt und häusliche Vergewaltigung nicht nur in Kriegszeiten vorzufinden. 40% der befragten Frauen aus Kenia, Uganda und Sambia gaben zu, schon mindestens einmal Opfer sexueller Gewalt gewesen zu sein. Jedoch ist ein weiterer Grund für die sich in Kriegszeitenden abzeichnende höhere Bereitschaft an sexueller Gewalt die Tatsache, dass sich Menschen in extremen Situationen (z. B. Krieg) auffällig anders verhalten als in Normalzeiten. Die Sorge, sich mit HIV/AIDS anstecken zu können, wird durch das Phänomen, den Tod täglich vor Augen zu haben, gemindert. Eine Krankheit bricht allerdings erst nach mehreren Jahren aus (vgl. ebd.: 36-38).

In vielen Ländern Afrikas ist die Anzahl an Flüchtlingen sehr hoch. Diese Menschen werden von ihren ursprünglichen kulturellen und sozialen Netzwerken ausgeschlossen. Meist leben sie am Existenzminimum und sind daher in besonderem Maße vulnerabel gegenüber HIV/AIDS. Dies betrifft vor allem junge Mädchen und Frauen, die als Tausch gegen Essen und Unterkunft sexuelle Beziehungen eingehen müssen um überhaupt zu überleben. Im Bereich der Prostitution sind sexuelle Gewalttaten Ausdruck der Geringschätzung dieser Frauen, wodurch sich das Risiko einer HIV- Infektion erhöht. Gewöhnlich werden Flüchtlinge nicht in HIV- Präventionskampagnen mit einbezogen, sodass ihnen im Fall einer Erkrankung der Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten nicht gegeben ist (vgl. ebd.: 37).

„From the start of the AIDS epidemic, stigma and discrimination have fuelled the transmission of HIV and have greatly increased the negative impact associated with the epidemic“ (UNAIDS/ WHO 2005: 4). Daher zählen HIV- assoziiertes Stigma und Diskriminierung zu den größten Feinden in der HIV/AIDS-Bekämpfung, denn sie stehen einer offenen Diskussion und Aufklärung im Wege. Stigmatisierung beschreibt einen Prozess, in dessen Verlauf bestimmte äußere Merkmale oder Krankheiten von Personen und Gruppen mit negativen Wertungen belegt und die Betroffenen letztlich in eine Außenseiterposition gedrängt werden. Stigmatisierte Menschen werden innerhalb einer Gesellschaft über die auferlegten negativ bezeichneten Merkmale bzw. über die Krankheit wahrgenommen. Die Menschen sind einer Stigmatisierung in der Regel hilflos ausgeliefert und verinnerlichen normalerweise auch diese negativen Bewertungen. Folglich empfindet der stigmatisierte Mensch seine Andersartigkeit als negativ und versucht, diese zu vertuschen. Dadurch wird die nötige Offenheit in der Auseinandersetzung mit der HIV/AIDS-Epidemie erschwert (vgl. ebd.: 7f.).

Stigmatisierung entsteht im Normalfall aus schon vorhandenen Ängsten und Vorurteilen, zum Beispiel gegenüber Frauen, Sexualität, Armut u. a. Viele sehen AIDS als eine Krankheit an, die sie durch Prostituierte oder Promiskuität bekommen können. Diese Vorurteile reichen sogar soweit, dass Frauen beschuldigt werden, verantwortlich für die HIV/AIDS-Epidemie zu sein (vgl. Weinreich/ Benn 2003: 67).

[...]


1 2000 wird angesichts der dramatischen Situation in Afrika, Osteuropa und Asien eine weltweite ökumenische Allianz der Kirchen gebildet. Das Bündnis besteht aus 64 Kirchen und kirchennahen Organisationen aus allen Kontinenten.

Details

Seiten
131
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640931187
ISBN (Buch)
9783640931033
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172997
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
Schlagworte
AIDS Pandemie Afrika Uganda Südafrika Thema Pandemie

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Titel: Pandemie AIDS in Afrika: Ursachen, Bekämpfungsstrategie und Folgen von AIDS in Schwarzafrika