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Die multiple Kurzlebigkeit unserer Gesellschaft

Essay zur Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)

Essay 2009 8 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Die ‚multiple Kurzlebigkeit’ unserer Gesellschaft

Die letzten Jahrzehnte standen wie nie zuvor unter dem Zeichen des Wachstums. Dieses Wachstum betrifft die Bevölkerung, die technologisches Wissen und vor allem die Wirtschaft. Das wirtschaftliche Wachstum, als Bedingung für den Wohlstand entwickelter Staaten, ist zum Paradigma des heutigen, global vernetzten, Weltsystems geworden. Die Schattenseite dieser wachstumsorientierten Lebensweise der führenden Nationen ist ein exponentiell steigernder Energie- und Ressourcenverbrauch, der nun immer immensere Auswirkungen auf unser Ökosystem hat. Diese Entwicklung hat die Entstehung des Begriffs einer nachhaltigen Entwicklung überhaupt erst bedingt. Denn Rohstoffe und Umweltkapazitäten, die früher als unbegrenzt galten, werden durch den rasant steigenden Bedarf knapp und zwingen zu einem Umdenken im Umgang mit unseren, eben nicht unbegrenzten, Ressourcen.

Die Frage ist nun, wie und ob wir überhaupt mit den stetig steigenden Ansprüchen an Lebenskomfort, und dem einhergehenden Mehrverbrauch an Energie und Ressourcen in den industriell hoch entwickelten Staaten, einen Weg finden, nicht in ein paar Jahrzehnten einem Kollaps des Öko- und Wirtschaftssystems zu erliegen?

Wie kann man Nachhaltigkeit definieren?

Die Brisanz dieser Frage kann anhand einer Milchmädchenrechnung nachvollzogen werden. Bei schwindenden Ressourcen, allerdings einem stetig steigenden Bedarf, steht diese Produktionsgesellschaft bald vor einem Problem.

Hier setzt für mich der Begriff der Nachhaltigkeit an. Ich möchte Nachhaltigkeit als einen zumindest solange anhaltenden Nutzen definieren, bis sich der Bestand an Ressourcen, die zur Erzeugung dieses Nutzens nötig waren, wieder erholt hat. Im plakativen Beispiel sollte ein Holzhaus so lange halten, bis sich der Baumbestand, der zur Erzeugung des Hauses gefällt werden musste, wieder erholt hat. Dies realitätsfremde Definition kann zumindest als Ideal betrachtet werden, dem man sich so weit als möglich nähern sollte.

Die multiple Kurzlebigkeit

Das Thema der nachhaltigen Entwicklung ist vor allem durch die derzeitige Wirtschaftskrise, und der Erkenntnis von zur Neige gehenden Rohstoffen, zu einem breiten Diskurs geworden. Dieser Diskurs begründet sich wohl durch ein sich langsam bildendes Bewusstsein der allgegenwärtigen, multiplen Kurzlebigkeit in der modernen Lebensweise. Man findet, bei näherer Betrachtung, fast keinen Bereich der Gesellschaft, in dem nicht nach diesem Muster gehandelt wird. Angefangen bei der Form des Wirtschaftens, des Konsums, der Bildung, bis hin zur Medienkultur.

In der aktuellen Wirtschaftsrealität können sich Unternehmen, die nicht ständig an der Entwicklung neuer Produkte arbeiten, kaum noch behaupten. Dies ist zum einen bedingt durch die Unterwerfung der Betriebskultur unter das Diktat des Aktienkurses. Mittlerweile werden Unternehmensbeteiligungen im Durchschnitt ein Jahr lang gehalten, im Vergleich zu früheren 10 bis 15 Jahren. Diese kurzlebige Beteiligung macht eine mittel- bis langfristige Entwicklungsperspektive des Unternehmens unmöglich, da neue Produkte gar nicht schnell genug auf den Markt kommen können, um den shareholder-value nach oben zu treiben.

Die ganze Situation der globalisierten, kurzlebigen Wirtschaft lässt sich gut mit dem Gefangenen-Dilemma, einem Fallbeispiel der volkswirtschaftlichen Spieltheorie, beschreiben. Dieses beschreibt die Situation zweier Verbrecher, die im Verhör gegeneinander ausgespielt werden. Würden beide nach ihrer Verhaftung schweigen, bekämen beide durch einen folgenden Indizienprozess eine relativ niedrige Strafe. Falls aber beide gestehen, bekommen sie eine höhere Strafe als sie bei beidseitigem Schweigen bekommen würden. Die Kriminalisten versuchen nun durch ein Angebot die zwei zu ködern. Falls einer der beiden gesteht, wird er straffrei gestellt. Allerdings bekommt der Komplize nun die Höchststrafe. Es stellt sich also die beste Situation für beide ein, wenn sie sich gegenseitig vertrauen, schweigen und die Strafe nach dem Indizienprozess akzeptieren. Das Dilemma entsteht, da beide an den größtmöglichen Nutzen für sich selbst denken und der wäre Straffreiheit. Außerdem kann keiner der beiden riskieren zu schweigen, um währenddessen vom Anderen verraten zu werden. Dies hätte ja die Höchststrafe für den Schweigsamen zu Folge. Die nach Spieltheorie logische Entscheidung, was den potentiellen Gewinn und das potentielle Risiko betrifft, wäre den anderen zu verraten.

Ein Dilemma das auf viele Situationen in der kapitalistischen Produktionsweise anzuwenden ist. Wir können dies zum Beispiel bei freiwilligen Umweltauflagen sehen. Umweltauflagen bedeuten Kosten für einen Unternehmer oder auch einen Staat und somit einen Wettbewerbsnachteil. Dieser Wettbewerbsnachteil entsteht aber nur, wenn sich die anderen konkurrierenden Unternehmen oder Staaten nicht an diese Auflagen halten und sozusagen den Gutgläubigen verraten (siehe Gefangenen-Dilemma). Es entsteht durch das Misstrauen der Konkurrenz, und auch durch den Druck des Aktienkurses, der Zwang zu kostengünstiger Produktion und beschleunigter Produktentwicklung.

Details

Seiten
8
Jahr
2009
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172986
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Internationale Entwicklung
Note
Sehr gut
Schlagworte
Bildung Bildung für nachhaltige Entwicklung BNE Nachhaltigkeit Kurzlebigkeit Nutzenmaximierung

Autor

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Titel: Die multiple Kurzlebigkeit unserer Gesellschaft