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Das Krankenversicherungssystem der Niederlande - das bessere System?

Seminararbeit 2011 43 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Krankenversicherung in den Niederlanden vor der Reform 2006
2.1. Ein Rückblick auf die Anfängeder niederländischen Krankenversicherung
2.2. Auf dem Weg zur neuen Krankenversicherung
2.3. Gestaltungsprinzipien, Leistungserbringung und Organisation des alten Systems

3. Das neue Krankenversicherungssystem der Niederla
3.1. Ziele des neuen Krankenversicherungssystems
3.2. Gestaltungsprinzipien, Leistungserbringung und Organisation des neuen Systems
3.3. Finanzierung und Ausgabenentwicklung
3.3.1. Vor 2006
3.3.2. Nach 2006

4. Auswirkungen der niederländischen Gesundheitsreform
4.1. Reformwirkungen positiver Art – bisher erzielte Erfolge
4.2. Reformwirkungen negativer Art – Probleme der neuen Gesundheitspolitik

5. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Krankenversicherung in den Niederlanden und in Deutschland – ein Vergleich im Hinblick auf eine mögliche Übertragbarkei

6. Übertragbarkeit des niederländischen Systems auf Deutschland

7. Fazit und Ausbl

8. Literaturverzeichn

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die alte Krankenversicherung in den Niederlanden. 10

Tabelle 2: Gesetzliche Belastungen der Privatversicherten vor der Reform.. 17

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Krankenversicherung in den Niederlanden vor der Reform 2006

Abbildung 2: Die Krankenversicherung in den Niederlanden nach der Reform 2006

Abbildung 3: Finanzierung der Basisversicherung im Überblick

Abbildung 4: Finanzströme im neuen Krankenversicherungssystem der Niederlande (Angaben in Euro sind gerundet)

Abbildung 5: Wahlmöglichkeiten der Versicherten

1. Einleitung

Am 1.Januar 2006 haben die Niederländer ihr Krankenversicherungssystem in einer für viel Aufmerksamkeit sorgenden Reform neu gestaltet. Im neuen System wurden gesetzliche und private Krankenversicherung zu einer Einheitsversicherung verschmolzen und alle Einwohner der Niederlande sind dazu verpflichtet bei einem Krankenversicherungsunternehmen eine gesetzlich definierte Krankenversicherung abzuschließen.[1] Das niederländische Reformvorhaben wird auch in Deutschland mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, da auch hierzulande die Ausgaben im deutschen Gesundheitswesen auf Grund einer alternden Bevölkerung, einer daraus resultierenden wachsenden Zahl chronisch Kranker und der Einführung innovativer und teurer Behandlungs- und Diagnoseverfahren steigen und daher insbesondere das neue Finanzierungsmodell in den Fokus gerät.[2] Das niederländische Konzept einer Mischfinanzierung, bestehend aus einkommensabhängigen Beiträgen und einkommensunabhängigen nominalen Prämien stellt einen möglichen Kompromiss der konträreren deutschen Ansätze von „Bürgerversicherung“ und „Kopfpauschale“ dar.[3] Experten sind mehrheitlich der Meinung, dass sich ein modernes Gesundheitssystem dadurch auszeichnen muss, dass es die freien Wettbewerbskräfte optimal mit einer angemessenen staatlichen Regulierung verbindet, um so größtmögliche Wirtschaftlichkeit und Effizienz zu erreichen[4]. Auch hierbei liefert das niederländische System mögliche Anknüpfungspunkte, da es sich durch eine konsequente wettbewerbliche Ausrichtung auszeichnet.Dennoch wird auch bei der neuen Krankenversicherung der soziale Charakter durch einen gesetzlich vorgegebenen einheitlichen Leistungskatalog, ein Prämiendifferenzierungsverbot sowie einem Risikostrukturausgleich gewahrt.[5]

Das Ziel dieser Arbeit ist es daher in den ersten Schritten darzustellen, wie das niederländische Krankenversicherungssystem zustande kam, wie es aufgebaut ist und funktioniert.Sodann werden die bisherigen Reformwirkungen beleuchtet und es wird der Fragestellung nachgegangen ob das niederländische Systemmöglicherweise für Deutschland das „bessere“ System darstellt und unter welchen Bedingungen es sich überhaupt übertragen ließe. Man darf allerdings nicht vergessen, dass es schwer ist ein Modell zu bewerten, das erst vor kurzem eingeführt wurde und sich erst noch bewähren muss.

2. Die Krankenversicherung in den Niederlanden vor der Reform 2006 – ein Rückblick

2.1. Ein Rückblick auf die Anfänge der niederländischen Krankenversicherung

Eine sehr lange Zeit, genauer gesagt bis 1941, war das Krankenversicherungssystem der Niederlande eine rein private Angelegenheit.[6] Sie hat ihren Ursprung bereits im späten Mittelalter, als Gilden für ihre Mitglieder freiwillige Krankenversicherungen zur Absicherung von Einkommensverlusten und Arztkosten einführten.[7] Nach der Abschaffung der Gilden im Jahr 1798 blieben die Versicherungen dennoch weiter bestehen.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden neu errichtete Krankenkassen, die jedoch hauptsächlich durch unkontrolliertes Gewinnstreben und Missverwaltung auffielen, was zur Folge hatte, dass Ärzte- und Apothekerverbände sogenannte Ärztekassen und Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit ins Leben riefen.[8] Der Staat übernahm erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, bzw. zu Anfang des 20. Jahrhunderts Verantwortung für die Volksgesundheit, und erfüllte Aufgaben wie die medizinische Inspektion derselben, sowie die Beaufsichtigung der Sozialhygiene.[9] Die Hauptlast der Gesundheitsversorgung wurde aber immer noch durch die freien medizinischen Berufe und die privatrechtlichen Institutionen erbracht. Sie wurde also von Gewerkschaften, die ihren Mitgliedern Krankengeldleistungen anboten, von bis dahin schon 230 existierenden Ärztekassen, 87 Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit, 74 kommerziellen Kassen und 67 Unternehmenskrankenkassen und vom entstehenden Fachärztewesen, das etwa 2000 Ärzte umfasste, getragen.[10] Die staatliche Planung des Krankenversicherungswesens fiel bis zum Zweiten Weltkrieg eher gering aus undes gelang der niederländischen Regierung nicht einmal, ein Krankenkassengesetz zu verabschieden.[11]

Im Jahr 1941 wurde von den deutschen Besatzern ein Krankenerlass beschlossen.[12] Die Krankenversicherung wurde nun unter dem Einfluss der Bismarck’schenSozialversicherungen in eine Pflichtversicherung für Arbeitnehmer umgewandelt.[13]

Dies hatte zur Folge, dass erstmalig alle Arbeitnehmer unter einer bestimmen Lohngrenze krankenversichert waren. Darüber hinaus beinhaltete die neuartige Versicherungsform auch eine paritätische Finanzierung, sowie die Mitversicherung für Kinder und Angehörige der Versicherten.

Bis 1941 war die Krankenkassenversicherung rein privat und es gab auch nur private Krankenkassen. Nach dem Jahr 1941 behielten die niederländischen Krankenkassen ihren privatrechtlichen Charakter. Sie mussten jetzt nur eine staatliche Zulassung für die Durchführung der Pflichtversicherung nachweisen. Die staatliche Aufsicht über die Krankenkassen fand so ihren Beginn.[14] Neben den privaten Krankenkassen entstanden somit auch gesetzliche Krankenkassen. Die privaten Krankenkassen wurden aber zunächst kaum kontrolliert, weshalb sich bereits ab dem Jahr 1943 niederländische Gesundheitsexperten Gedanken um weitere Reformen und eine neue Krankenversicherung machten.[15]

Gründe für die späte Einführung der niederländischen Krankenversicherung können in den speziellen politischen und religiösen Konfliktlinien und in der späten Industrialisierung des Landes gefunden werden.[16]

Der Versuch einer Neustrukturierung des niederländischen Gesundheitswesens in Form einer Volksversicherung mit einem starken staatlichen Einfluss scheiterte nach dem Zweiten Weltkrieg 1945, woran vor allem die privaten Institutionen und die Interessenverbände der Ärzte schuld trugen.[17]

Der von den deutschen Besatzern eingeführte Krankenkassenerlass wurde dann jedoch später im Bezug auf die Leistungen und den Versichertenkreis erweitert. Im Jahr 1964 wurde der Erlass nämlich in ein Krankenkassengesetz, dasZiekenfondswet (ZFW) umgewandelt.„Steigende Gesundheitskosten führten jedoch dazu, dass es auch für Besserverdienenden immer wichtiger wurde, sich gegen Krankheitskosten zu versichern. Da es den Krankenkassen aber gesetzlich verboten war, den Besserverdienenden Versicherungen anzubieten, entstanden neben den gesetzlichen Krankenkassen auch private Krankenversicherungen.“[18] Diese arbeiteten auf der Grundlage eines Erstattungssystems, was bedeutete, dass die Versicherten einen Pauschalbeitrag zahlten und die Versicherung dann die in Anspruch genommen Leistungen, die auf Grund der Police gedeckt sind, erstatteten.

Im Jahre 1968 wurde dann das Allgemeine Gesetz über besondere Krankheitskosten (AWBZ) erlassen. „Es sah eine Pflichtversicherung für alle Einwohner der Niederlande gegen schwerwiegende medizinische Risiken vor, die für den einzelnen als unversicherbar galten.“[19] Dabei ist insbesondere an „große Risiken“ zu denken.

Darunter fallen beispielsweise ambulante und stationäre Pflegeleistungen, die psychiatrische Versorgung, Krankenhausaufenthalte von über einem Jahr und Aufenthalte in einer Einrichtung für Behinderte oder in einem Pflegeheim.[20] Diese Versicherung besteht übrigens auch nach der Reform am 1. Januar 2006 neben der neuen Krankenversicherung fort.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren gab es eine offene Strukturkrise im Gesundheitswesen. Sie entstand, weil private Versicherer für junge Leute Policen anboten, deren Beiträge unter denen der freiwilligen Krankenkassenversicherung lagen, sie also praktisch abwarben. Gleichzeitig aber war es für ältere Menschen weiterhin häufig günstiger, sich freiwillig in der Krankenkasse zu versichern. Das hatte zum Ergebnis, dass zunehmend „gute“ Risiken die Kasse verließen und zunehmend „schlechte“ Risiken hinzukamen.[21] Der Staat musste nun eingreifen und so wurde im Jahre 1986 das Gesetz über den Zugang zur Krankenversicherung beschlossen.[22] Seitdem gab es keine freiwillige Versicherung mehr in den Krankenkassen, sie alle wurden zu Pflichtversicherungen. Selbst die privaten Krankenversicherungen mussten ab 1986 Standardpolicen anbieten, was im Gesetz über die Aufnahme in die Krankenversicherung (WTZ) geregelt war.[23] Ebenfalls sorgte dieses Gesetz dafür, dass die Versicherer dazu verpflichtet waren Rentner, die nicht gesetzlich versichert waren, aufzunehmen. Finanziert wurde die höheren Belastungen, die jetzt durch die Aufnahme von sogenannten Risikogruppen entstanden, durch eine Art Solidaritätszuschlag, den die anderen Privatversicherten zu tragen hatten.[24] Dadurch war sichergestellt, dass die Versicherer keine Risiken eingingen, wenn sie bestimmte Risikogruppen aufnahmen.

2.2. Auf dem Weg zur neuen Krankenversicherung

Maßgeblich für den Weg hin zu einem neuen Krankenversicherungssystem waren die Berichte zweier Kommissionen. Zum einen die der Kommission Dekker von 1987 zur Weiterentwicklung des niederländischen Gesundheitswesens, zum anderen die der Dunning-Kommission von 1991.[25]

Die Dekker-Kommission schlug vor, die alte Idee einer Integration von Sozial- und Privatversicherung zu einer einheitlichen Basisversicherung mit weniger staatlicher Regulierung wieder aufzugreifen. Weiterhin wurde eine „funktionelle Dezentralisierung“ mit einer Stärkung der Position der Versicherungen, die freie Versicherungswahl für Patienten und die Intensivierung des Wettbewerbes zwischen den Krankenversicherungen empfohlen. Ein Teil dieser Vorschläge der Dekker-Kommission wurden bis 1994 tatsächlich auch umgesetzt.[26]

Die Dunning-Kommission prägte den sogenannten Dunning-Trichter, der ab 1991 eingeführt wurde und ein Rationierungsrahmen für die Leistungen der Sozialversicherung darstellte. Wenngleich auch nur Teilaspekte der von dieser Kommission vorgeschlagenen Veränderungen umgesetzt wurden, so kam es immerhin zur Einführung der Kriterien medizinische Notwendigkeit, Effektivität, Effizienz und Eigenverantwortung bei der Budgetbemessung. Was unter anderem zur Folge hatte, dass Leistungen aus dem Katalog der Sozialversicherung wie beispielsweise die zahnärztliche Versorgung bei Erwachsenen, sowie homöopathische Arzneimittel, gestrichen wurden.[27]

Weitere Veränderungen umfassten einen, seit 1992 in den Niederlanden möglichen, staatlichen regulierten Wettbewerb zwischen den Krankenkassen.[28] Im Zuge des „Simons-Plan“ wurde im selben Jahr auch die freie Kassenwahl eingeführt und es galt seitdem ein einheitliches System gesetzlicher Höchsttarife. Überwacht wurde dieser Wettbewerb zwischen den Anbietern seit 1998 vom niederländischen Kartellamt. Es sorgte dafür, dass eventuelle Vormachtstellungen nicht missbraucht und verbotene Absprachen nicht getroffen wurden.

In Anbetracht der Entwicklungsgeschichte des niederländischen Krankenversicherungswesens ist es nicht verwunderlich, dass der Gedanke geäußert wurde, eine künftige Standardversicherung für alle Bürger als private Versicherung zu gestalten und sie auch von privaten Krankenversicherern durchführen zu lassen.[29]

Verantwortlich für diesen Vorschlag war im Dezember 2000 der Sociaal-EconomischeRaad, also der Wirtschafts- und Sozialrat.Dieses Beratungsgremium der Regierung, in dem Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen vertreten waren, veröffentlichte ein Gutachten mit dem Ergebnis, dass die Zweiteilung in die öffentliche und private Krankenversicherung ungerecht und ineffizient sei. Neben dem bereits genannten einheitlichen Versicherungssystem und der Privatisierung der Krankenkassen, wurde eine vollständige Finanzierung über Pauschalen und die Beschränkung des Risikostrukturausgleiches auf die Faktoren Alter und Geschlecht vorgeschlagen.[30] Zwar schloss sich die neue Regierung im Jahre 2003 nicht in allen Punkten dem Gutachten an, jedoch legte sie fest, dass der morbilitätsorientierte Risikostrukturausgleich für alle Krankenversicherer galt und dass der Anteil der einkommensunabhängigen Beitragskomponenten 50% der Ausgaben der Krankenversicherer nicht überschreiten durfte. Im Jahr 2005 wurde die Reform dann von der niederländischen Legislative gebilligt und noch im selben Jahr wurden alle niederländischen Bürger über die Einführung eines neuen Krankenversicherungssystems informiert.[31] Das neue Leistungspaket und der neue Risikoausgleich wurden bekannt gemacht und die Höhe der Ausgleichszahlungen wurde veröffentlicht.[32]

Nun war der Weg frei für eine endgültige Neuordnung des niederländischen Systems. Auslöser hierfür waren insbesondere eine Kostenexplosion, Ineffizienz des Systems und, wie geschildert, bisher gescheiterte Reformversuche, die bisher eher Feinjustierungen als wirkliche Veränderungen darstellten. Schließlich wurde am 1.1.2006 in den Niederlanden durch das Gesundheitsversicherungsgesetz (ZVW) die gesetzliche und die private Krankenversicherung zu einem einheitlichen System zusammengelegt.[33]

2.3. Gestaltungsprinzipien, Leistungserbringung und Organisation des alten Systems

Das niederländische Krankenversicherungssystem war, und istübrigens auch noch nach der Reform, auf drei Säulen aufgebaut. Die erste Säule beinhaltete die AWBZ und sicherte in Form einer Bürgerversicherung Pflege- und Langzeitversicherung ab. Sie war für die gesamte niederländische Bevölkerung obligatorisch und versichert vor allem „große“ Risiken, wie die psychiatrische und stationäre Versorgungvon über einem Jahr, sowie ambulante und stationäre Pflegeleistungen.In der zweiten Säule der Krankenversicherung in den Niederlanden war die Akutversorgung durch eine Soziale Pflichtversicherung (ZFW) und eine private Vollversicherung (PKV) gesichert.[34] Darüber hinaus hatte jedermann die Möglichkeit sich in der dritten Säule durch private Zusatzversicherungen abzusichern. Diese Art der Versicherung hat in den letzten Jahren auf Grund von Leistungsausgliederungen in der ZFW deutlich an Bedeutung gewonnen.

Abbildung 1: Die Krankenversicherung in den Niederlanden vor der Reform 2006

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[35]

Da die Reform der niederländischen Krankenversicherung hauptsächlich die zweite Säule betraf, ist es wichtig gezielt auf diese Bezug zu nehmen. In der ZFW waren alle Arbeitnehmer unter 65 Jahren mit einem Jahreseinkommen unter 31.750 Euro krankenversichert, was etwa 60-65% der Bevölkerung entsprach. Auch Selbständige, Arbeitslose, jüngere Behinderte und die Empfänger von Hinterbliebenenversorgung mit einem jährlichen Höchsteinkommen von 19.650 Euro waren in dieser Krankenversicherung versichert. Weiterhin stand es seit 1998 allen Personen, die über 65 Jahre waren und unterhalb der Einkommensgrenze von 19.650 Euro lagen, frei, der ZFW freiwillig beizutreten. Kinder und Ehepartner waren unter bestimmten Bedingungen mitversichert. Die Versicherten hatten das Recht, sich ihre Krankenkasse selbst zu wählen, und die Kassen wiederum waren verpflichtet die Versicherten aufzunehmen. Sie mussten sich allerdings immer für ein Jahr an eine Krankenkasse binden.[36]

Diejenigen Personen, die die Einkommensgrenze überschritten, mussten die soziale Krankenversicherung verlassen und konnten sich im Anschluss in der privaten Krankenvollversicherung versichern. Mit der Folge, dass bereits bis zum Jahr 2006 schon ein Drittel der Bevölkerung privat versichert war. Die PKV wurde durch etwa 50 private Versicherungsunternehmen sichergestellt. Dieseunterlagen zwar nicht dem Kontrahierungszwang, waren per Gesetz aber dazu verpflichtet den Versicherten, neben risikoäquivalent kalkulierten Prämien, sogenannte Standardpolicen anzubieten, deren Leistungsumfang sich am Leistungspaket der sozialen Krankenversicherung orientierte. Auch innerhalb der privaten Versicherungen war es den Versicherten möglich den Anbieter zu wechseln, was jedoch mit dem Verlust des Anspruches auf den Zugang zu Standardpolicen verbunden war.[37]

In den Niederlanden existiert innerhalb der Krankenversicherung ein sehr gut ausgebauter Pflegesektor, der sich aus einem flächendeckenden System ambulanter Pflegedienste und stationärer Pflegeeinrichtungen zusammensetzt. Durch AWBZ und die ZFW war das Risiko der Krankheit sowie der Pflegebedürftigkeit abgedeckt. Für die Pflege selbst sind die Gemeinden zuständig, da die niederländischen Bürger seit 1965 von der Unterhaltspflicht für ihre Angehörigen befreit sind. Die gesamte medizinische Versorgung war durch die ZFW abgesichert. Dies umfasste Krankenhausaufenthalte bis 365 Tage, die medizinische Versorgung durch Spezialisten, zahnärztliche Behandlungen, hausärztliche Behandlungen, Hilfsmittel, die Versorgung mit Medikamenten, die Rehabilitation und das Krankengeld. Anders als in Deutschland werden die Kosten für eine Kur jedoch nicht von der Versicherung übernommen.[38]

Für die Hilfsmittel gibt es in den Niederlanden ein Verleihsystem, welches von Kreuzvereinigungen betrieben wird. Die Prävention wird durch Reihenvorsorgeuntersuchungen, nationale Impfprogramme und Beratungseinrichtungen für Mütter und Kinder stark gefördert. Beispielsweise erhalten alle Frauen ab dem 50. Lebensjahr eine amtliche Aufforderung zur Vorsorgeuntersuchung gegen Brustkrebs. Zahnärztliche Leistungen waren jedoch nur bis zum 19. Lebensjahr komplett abgedeckt, Selbstbeteiligungen waren die Regel, und mussten daher durch eine Zusatzversicherung abgesichert werden.[39]

Die dritte Säule des niederländischen Krankenversicherungssystems bestand, wie bereits erwähnt, aus einer privaten Zusatzversicherung. Diese wurden durch private Tochtergesellschaften der Krankenkassen angeboten und der Leistungsumfang war nicht gesetzlich festgelegt. Anders als die ZFW unterlagen die Zusatzversicherungen aber keinem Kontrahierungszwang. Sie sind auch durch die Reform kaum betroffen, da sich an ihrem Leistungsumfang nichts geändert hat.[40]

Betrachtet man nun die Organisation des alten niederländischen Krankenversicherungssystems, so ließ sich dieses dem Typus der Sozialversicherungen zuordnen. Beabsichtigt war eine umfangreiche Grundversorgung für die gesamte niederländische Bevölkerung, sichergestellt durch das Krankenkassengesetz von 1964 (ZFW) und etwa 30 Krankenkassen. Diese wurden nur dann vom College voorzorgverzekeringen (CVZ) zugelassen, wenn sie keine Gewinnerzielung beabsichtigten und ein angemessener Einfluss der Versicherten sichergestellt war.[41] Die Kassen mussten 8% ihrer jährlichen Leistungsausgaben als Rücklagen bilden. Sie durften keine eigenen Leistungen erbringen, standen aber dennoch im gegenseitigen Wettbewerb. Die niederländischen Krankenversicherer hatten nämlich seit 1994 das Recht, Selektivverträge mit Ärzten und Apothekern abzuschließen und konnten in der ambulanten Versorgung ihre Vertragspartner frei wählen. Spielraum bestand außerdem innerhalb der Festlegung der nominalen Prämien der Arbeitnehmer, jedoch nicht innerhalb der stationären Versorgung, wo sie einem Kontrahierungszwang gegenüber den Krankenhäusern unterlagen. Der CVZ war nicht nur für die Krankenkassen zuständig, ihm oblag auch die Lenkung der Durchführung der ZFW sowie der AWBZ.[42]

In nachfolgender Tabelle 1 werden die Punkte des alten Versicherungssystems noch einmal zusammengefasst dargestellt.

Tabelle 1: Die alte Krankenversicherung in den Niederlanden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[43]

[...]


[1] Vgl. Hamilton, Jan Geert, Die Niederländische Gesundheitsreform 2006 – Ein Modell für Deutschland?, in: Recht und Politik im Gesundheitswesen, Band 12, Heft 1, pmi Verlag, 2006, S. 3.

[2] Vgl. Marx, Peter; Rahmel Anke, Regulierter Wettbewerb im Gesundheitswesen: Erfahrungen der Niederlande und der Schweiz – Vorbild für Deutschland, Konrad Adenauer Stiftung, S. 523.

[3] Vgl. Agasi, Susanne, Die Krankenversicherung in den Niederlanden zwei Jahre nach der Reform, Finanzentwicklung und Markttrends, in: Zeitschrift für Sozialreform Nr. 54 Heft 3, Lucius&Lucius, Stuttgart 2008, S. 279.

[4] Vgl. Marx, Peter; Rahmel Anke, Regulierter Wettbewerb im Gesundheitswesen: Erfahrungen der Niederlande und der Schweiz – Vorbild für Deutschland, Konrad Adenauer Stiftung, S. 523f.

[5] Vgl. Klusen, Norbert, Die niederländische Reform 2006 – Bewertung und Perspektiven aus der Sicht der GKV, in: Recht und Politik im Gesundheitswesen, Band 12, Heft 1, pmi Verlag, 2006, S. 17.

[6] Vgl. Hamilton, Jan Geert, Die Niederländische Gesundheitsreform 2006 – Ein Modell für Deutschland?, in: Recht und Politik im Gesundheitswesen, Band 12, Heft 1, pmi Verlag, 2006, S. 3.

[7] Vgl. Hohmann, Jürgen, Gesundheits-, Sozial- und Rehabilitationssysteme in Europa, Hans Huber Verlag, Bern 1998, S. 260f.

[8] Vgl. Deppe, Ulrich-Hans, Gesundheitssysteme in Westeuropa, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 167.

[9] Vgl. Deppe, Ulrich-Hans, Gesundheitssysteme in Westeuropa, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 168f.

[10] Vgl. Vgl. Hohmann, Jürgen, Gesundheits-, Sozial- und Rehabilitationssysteme in Europa, Hans Huber Verlag, Bern 1998, S. 261.

[11] Vgl. Deppe, Ulrich-Hans, Gesundheitssysteme in Westeuropa, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 171.

[12] Vgl. Tiemann, Susanne, Gesundheitssysteme in Europa – Experimentierfeld zwischen Staat und Markt: Frankreich, Niederlande, Schweiz, Schweden und Großbritannien: Analyse und Vergleich, Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 89.

[13] Vgl. Hamilton, Jan Geert, Die Niederländische Gesundheitsreform 2006 – Ein Modell für Deutschland?, in: Recht und Politik im Gesundheitswesen, Band 12, Heft 1, pmi Verlag, 2006, S. 3.

[14] Vgl. Hamilton, Jan Geert, Die Niederländische Gesundheitsreform 2006 – Ein Modell für Deutschland?, in: Recht und Politik im Gesundheitswesen, Band 12, Heft 1, 2006, S. 3.

[15] Vgl. Schneider Thomas, Krankenversicherung in Europa, Deutschland, Schweden und die Niederlande im Vergleich, Tectum Verlag, Marburg 2010, S. 208.

[16] Vgl. Pioch, Roswitha, Soziale Gerechtigkeit in der Politik: Orientierungen von Politikern in Deutschland und den Niederlanden, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 85.

[17] Vgl. Deppe, Ulrich-Hans, Gesundheitssysteme in Westeuropa, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 172.

[18] Hamilton, Jan Geert, Die Niederländische Gesundheitsreform 2006 – Ein Modell für Deutschland?, in: Recht und Politik im Gesundheitswesen, Band 12, Heft 1, pmi Verlag, 2006, S. 3f.

[19] Hamilton, Jan Geert, Die Niederländische Gesundheitsreform 2006 – Ein Modell für Deutschland?, in: Recht und Politik im Gesundheitswesen, Band 12, Heft 1, pmi Verlag, 2006, S. 4.

[20] Vgl. Greß, Stefan; Manouguian, Maral; Wasem, Jürgen, Krankenversicherungsreform in den Niederlanden Vorbild für einen Kompromiss zwischen Bürgerversicherung und Pauschalprämie in Deutschland?, in: Diskussionsbeitrag aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften Universität Duisburg-Essen, Essen 2006, S. 7.

[21] Vgl. Hamilton, Jan Geert, Die Niederländische Gesundheitsreform 2006 – Ein Modell für Deutschland?, in: Recht und Politik im Gesundheitswesen, Band 12, Heft 1, pmi Verlag, 2006, S. 4.

[22] Vgl. Vgl. Tiemann, Susanne, Gesundheitssysteme in Europa – Experimentierfeld zwischen Staat und Markt: Frankreich, Niederlande, Schweiz, Schweden und Großbritannien: Analyse und Vergleich, Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 89.

[23] Vgl. Hamilton, Jan Geert, Die Niederländische Gesundheitsreform 2006 – Ein Modell für Deutschland?, in: Recht und Politik im Gesundheitswesen, Band 12, Heft 1, pmi Verlag, 2006, S. 4.

[24] Vgl. Hohmann, Jürgen, Gesundheits-, Sozial- und Rehabilitationssysteme in Europa, Hans Huber Verlag, Bern 1998, S. 262.

[25] Vgl. Tiemann, Susanne, Gesundheitssysteme in Europa – Experimentierfeld zwischen Staat und Markt: Frankreich, Niederlande, Schweiz, Schweden und Großbritannien: Analyse und Vergleich, Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 89f.

[26] Vgl. Tiemann, Susanne, Gesundheitssysteme in Europa – Experimentierfeld zwischen Staat und Markt: Frankreich, Niederlande, Schweiz, Schweden und Großbritannien: Analyse und Vergleich, Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 90.

[27] Vgl. Van der Grinten, Tom E. D.; Kasdorp, Jan P., Choices in dutch health care: mixing strategies and responsibilites, in: Health Policy 50/1-2 1999, S. 105ff.

[28] Vgl. Döring, Dieter; Dudenhöfer, Bettina; Herdt, Jürgen, Europäische Gesundheitssystem unter Globalisierungsdruck: Vergleichende Betrachtung der Finanzierungsstrukturen und Reformoptionen in den EU 15 Staaten und der Schweiz, HA Hessen Agentur GmbH, Wiesbaden 2005, S. 53.

[29] Vgl. Hamilton, Jan Geert, Die Niederländische Gesundheitsreform 2006 – Ein Modell für Deutschland?, in: Recht und Politik im Gesundheitswesen, Band 12, Heft 1, pmi Verlag, 2006, S. 5.

[30] Vgl. Greß, Stefan; Manouguian, Maral; Wasem, Jürgen, Krankenversicherungsreform in den Niederlanden Vorbild für einen Kompromiss zwischen Bürgerversicherung und Pauschalprämie in Deutschland?, in: Diskussionsbeitrag aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften Universität Duisburg-Essen, Essen 2006, S. 12.

[31] Vgl. Greß, Stefan; Manouguian, Maral; Wasem, Jürgen, Krankenversicherungsreform in den Niederlanden Vorbild für einen Kompromiss zwischen Bürgerversicherung und Pauschalprämie in Deutschland?, in: Diskussionsbeitrag aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften Universität Duisburg-Essen, Essen 2006, S. 13.

[32] Vgl. Ginneken, van Ewout; Busse, Reinhardt; Gericke, Christian, Das neue Krankenversicherungssystem in den Niederlanden: erste Erfahrungen mit der Mischung aus Kopfpauschalen Bürgerversicherung und einem zentralen Fond, in: Gesundheits- und Sozialpolitik, 7-8/2006, S. 14.

[33] Vgl. Ginneken, van Ewout; Busse, Reinhardt; Gericke, Christian, Das neue Krankenversicherungssystem in den Niederlanden: erste Erfahrungen mit der Mischung aus Kopfpauschalen Bürgerversicherung und einem zentralen Fond, in: Gesundheits- und Sozialpolitik, 7-8/2006, S. 10.

[34] Vgl. Greß, Stefan; Manouguian, Maral; Wasem, Jürgen, Krankenversicherungsreform in den Niederlanden Vorbild für einen Kompromiss zwischen Bürgerversicherung und Pauschalprämie in Deutschland?, in: Diskussionsbeitrag aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften Universität Duisburg-Essen, Essen 2006, S. 7.

[35] Quelle: Greß, Stefan; Manouguian, Maral; Wasem, Jürgen, Krankenversicherungsreform in den Niederlanden Vorbild für einen Kompromiss zwischen Bürgerversicherung und Pauschalprämie in Deutschland?, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften Universität Duisburg-Essen, Essen 2006, S. 7.

[36] Vgl. Tiemann, Susanne, Gesundheitssysteme in Europa – Experimentierfeld zwischen Staat und Markt: Frankreich, Niederlande, Schweiz, Schweden und Großbritannien: Analyse und Vergleich, Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 91f.

[37] Vgl. Greß, Stefan; Manouguian, Maral; Wasem, Jürgen, Krankenversicherungsreform in den Niederlanden Vorbild für einen Kompromiss zwischen Bürgerversicherung und Pauschalprämie in Deutschland?, in: Diskussionsbeitrag aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften Universität Duisburg-Essen, Essen 2006, S. 8.

[38] Vgl. Tiemann, Susanne, Gesundheitssysteme in Europa – Experimentierfeld zwischen Staat und Markt: Frankreich, Niederlande, Schweiz, Schweden und Großbritannien: Analyse und Vergleich, Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 95ff.

[39] Vgl. Schneider Thomas, Krankenversicherung in Europa, Deutschland, Schweden und die Niederlande im Vergleich, Tectum Verlag, Marburg 2010, S. 219f.

[40] Vgl. Greß, Stefan; Manouguian, Maral; Wasem, Jürgen, Krankenversicherungsreform in den Niederlanden Vorbild für einen Kompromiss zwischen Bürgerversicherung und Pauschalprämie in Deutschland?, in: Diskussionsbeitrag aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften Universität Duisburg-Essen, Essen 2006, S. 9f.

[41] Vgl. Tiemann, Susanne, Gesundheitssysteme in Europa – Experimentierfeld zwischen Staat und Markt: Frankreich, Niederlande, Schweiz, Schweden und Großbritannien: Analyse und Vergleich, Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 92f.

[42] Vgl. Schneider Thomas, Krankenversicherung in Europa, Deutschland, Schweden und die Niederlande im Vergleich, Tectum Verlag, Marburg 2010, S. 237f.

[43] Quelle: Greß, Stefan, Der Nachbar als Herausforderung? Zur Vorbildfunktion des niederländischen Modells, ZeS-Arbeitspapier 1/2000, Zentrum für Sozialpolitik, Bremen 2000, S. 71.

Details

Seiten
43
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640930685
ISBN (Buch)
9783640930449
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172941
Institution / Hochschule
Fachhochschule Kaiserslautern Standort Zweibrücken
Note
1,3
Schlagworte
krankenversicherungssystem niederlande system krankenversicherung private krankenversicherung deutschland vergleich neu gestaltungsprinipien leistungserbringung organisation finanzierung 2006 reformwirkung reformwirkungen positiv negativ unterschiede

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Titel: Das Krankenversicherungssystem der Niederlande - das bessere System?