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Visionen grosser Ökonomen

Literaturbericht über Kurt W. Rothschild's Werk

Rezension / Literaturbericht 2008 13 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klassische Periode
2.1 Adam Smith (1723-1790)
2.2 John Stuart Mill (1806-1873)
2.3 Karl Marx (1818-1883)

3. Paradigmenwechsel zur nachklassischen Periode
3.1 Alfred Marshall (1842-1924)
3.2 Joseph Alois Schumpeter (1883-1950)
3.3 John Maynard Keynes (1883-1946)
3.4 Friedrich August von Hayek (1899-1992)

Quellenangabe

1. Einleitung

Rothschild versucht in seinem Werk „Die politischen Visionen grosser Ökonomen“ (2004) die getrennten Wissensgebiete Ökonomie und Politik auf ihre Ganzheitlichkeit zurückzuführen. So zieht Rothschild einen Querschnitt durch einige der bedeutendsten nationalökonomischen Theorien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert.

Schon im 4. Jahrhundert vor Christus findet man in der griechischen Philosophie Überlegungen zum Wirtschaftsleben. Plato und Aristoteles dachten bereits über die Vorteile von Arbeitsteilung und den Stellenwert von Geld nach. Aristoteles betrachtete die Trias von Politik Wirtschaft und Ethik als Grundlage für die Realisierung einer Verfassung menschlicher Gemeinschaft.

Im 18. Jahrhundert, während der proto-industriellen Zeit und der damit einhergehenden Komplexität der Gesellschaft, haben die Wissenschaftsbereiche eine Spezialisierung, im Rahmen von Politik, Wirtschaft und Kultur, erfahren. Ab 1820, dem Beginn der Industrialisierung, erfuhr die Gesellschaft eine Regulierungsnotwendigkeit, die sich in immer komplexer werdenden gesetzlich und vertraglichen Rahmenbedingungen ausdrückte. Zur Folge hatte dies eine Entkoppelung des methodologischen Leitbildes von einer umfassenden Sicht des menschlichen Zusammenlebens, die zum Beispiel in der praktischen Philosophie eines Platos oder Aristoteles zu finden war.

Die bis zum 18. Jahrhundert zu beobachtende gewisse Statik in den historischen Rahmenbedingungen änderte sich mit dem Aufkommen der Industrialisierung, die eine „komplexe dynamische Realität“1 mit sich brachte. Industrialisierung wurde zum universellen Bezugspunkt von Entwicklungszielen. Unter diesen neuen Gesichtspunkten fand eine Trennung politischer und wirtschaftlicher Aspekte statt, auch unter Vernachlässigung ethischer Fragen. Die Beschleunigung des Fortschritts, wissenschaftliche sowie technisch, brachte eine geänderte Vorrangstellungen unter den Wissenschaften mit sich. Die Bedeutung von Wirtschaftswissenschaften nahm zu, da sie messbare Größen wie Preise, Warenmengen, Einnahmen und Ausgaben etc. zur Verfügung hatte. In den Humanwissenschaften waren nur in der experimentellen Psychologie kontrollierte Experimente möglich. Die politischen Visionen grosser Ökonomen - Kurt W. Rothschild

Der Methodenstreit zwischen den Wirtschaftstheoretikern Gustav Schmoller und Carl Menger war bezeichnend für den Entkoppelungsprozess der Wissenschaften. Menger, der den Methodenstreit für sich entschied, plädierte für eine Wirtschaftswissenschaft, die, angelehnt an die Naturwissenschaft, zu generell gültigen Gesetzmäßigkeiten gelangen kann und mitbestimmte somit die isolierte Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften von der Humanwissenschaft.

„Wirtschaftstheorie ist die Wissenschaft, die menschliches Verhalten als eine Beziehung zwischen Zielen und Mitteln mit mehrfachen Verwendungsmöglichkeiten untersucht“ 2. So definierte der englische Ökonom Lionel Robbins 1932 die erstarkende Wissenschaft. Der Einfluss von Politik, Kultur, Geschichte etc. wird in den Hintergrund gestellt, wie überhaupt ab dem 19. Jahrhundert der Zusammenhang mit nicht-ökonomischen Einflüssen ausgeblendet wird, da er als unerheblich erachtet wird.

Im Gegensatz zu den früher gängigen Universalwissenschaften, die Themen übergreifende Problemstellungen behandeln sollten, zeichnen sich die modernen Wissenschaften und hier im speziellen die Wirtschaftswissenschaft, im Zuge der kapitalistischen Globalisierung, immer mehr durch rein spezialisierte Zugänge aus.

Rotschild stellt fest, dass die heute vorherrschende neoklassische Theorie den Blick auf größere Zusammenhänge versperrt beziehungsweise verzerrt, da sie sich nur mehr mit rein wirtschaftlichen Problemen befasst. Die ehemalige political economy wandelt sich zu economics und in weiterer Folge zur Neuen politischen Ökonomie . Diese hat es zum Ziel, Politik mit Hilfe neuer Methoden der economics dem neoklassischen Rahmen einzuverleiben. Rothschild benennt dies als „ökonomischen Imperialismus“3. Er plädiert für eine fachübergreifende Wissenschaft die sich durch philosophische und politische Problemansätze verbinden soll.

Sein Fokus bei der Auswahl der folgend dargestellten Ökonomen lag auf deren breitem Verständnis für gesellschaftliche Problemstellungen und nicht auf einseitiger Wirtschaftstheorie. Leon Walras, der den Grundstein für die mathematisch-analytische Erfassung der gesamtwirtschaftlichen Marktzusammenhänge ermöglichte, wurde von Rothschild wegen seiner reinen Methodik nicht in sein Werk aufgenommen. Im Gegensatz zu Die politischen Visionen grosser Ökonomen - Kurt W. Rothschild Marx der nicht bloße Methodik verfolgte, sondern dem es gelang die Vision wirtschaftliche Entwicklung mit einer gesamtgesellschaftlichen Dynamik zu verknüpfen.

So werden die Lehren von Adam Smith, John Stuart Mill, Karl Marx, Alfred Marshall, Joseph Alois Schumpeter, John Maynard Keynes und Friedrich August von Hayek skizziert.

2. Klassische Periode

2.1 Adam Smith (1723-1790)

Es existierten bereits vor Smith wirtschaftliche Denkschulen wie der Merkantilismus, der über die Schaffung von Exportüberschüssen Geldmittel lukrieren will, um die Machtbasis der Herrschenden zu stärken. Ebenso entstand bereits die physiokratische Schule, die sich als Modell eines gesamtwirtschaftlichen Kreislaufs eher einseitig auf die Landwirtschaft als einzig produktive Tätigkeit konzentriert. Trotzdem kann man Smith wohl als Begründer der Wirtschaftstheorie als eigenständige Wissenschaft betrachten, denn er versuchte die gesamte wirtschaftliche Aktivität zu erfassen.4

Smith lieferte mit seinem Werk die theoretische Grundlage für die, zu seiner Zeit erst im Entstehen begriffene, kapitalistische Industrie- und Marktgesellschaft. Der freie Markt soll für eine leistungsfähige Versorgung der Allgemeinheit, durch vollkommene Konkurrenz und flexible Preise, sorgen. Im Detail soll dies durch eine Ausdehnung der Arbeitsteilung erreicht werden, was auch im Umbruch zur modernen Industriegesellschaft geschehen ist, allerdings mit der Folge des Zusammenbruchs regionaler Netzwerke. Der Markt kann trotz anonymer Beziehungen, die das wohlwollende Verhalten von Menschen untereinander einschränken, und trotz des zu erwartenden eigennützigen Verhaltens der Produzenten die Wünsche der kaufkräftigen Konsumenten erfüllen und somit zu steigendem Wohlstand führen. Durch die so genannte unsichtbare Hand, die für den Marktprozess steht, sorgt der Marktmechanismus dafür, dass trotz eigennützigen individuellen Verhalten der Marktteilnehmer gesamtgesellschaftlich ein wünschenswertes Ergebnis entsteht, nämlich eine effiziente (d.h. kostengünstige) Befriedigung der Nachfrage der Konsumenten (immer Zahlungsfähigkeit vorausgesetzt), ohne dass es eines bestimmten Planes oder einer bestimmten Regelung bedarf. Die politischen Visionen grosser Ökonomen - Kurt W. Rothschild

Mit dem Postulat für einen freien, unkontrollierten Markt wollte Smith der feudalen Zunftordnung entgegentreten und sie entmachten. Er setzte die natürliche Freiheit des Menschen, in Form des freien Marktes, gegen die autokratisch Herrschenden. Smith plädiert für einen schlanken Staat, der seine Aufgaben nur in den Bereichen der Landesverteidigung, des Rechtssystems und in öffentlichen Arbeiten, die eine hohe gesellschaftliche Priorität haben aber nicht profitabel durchgeführt werden können, hat. Allen eventuellen weiteren Interventionen des Staates steht Smith skeptisch gegenüber. Dies ist der gesellschaftspolitische Aspekt seiner Theorie, den Rothschild als „weiten Horizont“5 bezeichnet. Geprägt war Smith’ Theorie außerdem von einer optimistischen Sicht menschlichen Verhaltens. Er sieht im Menschen zwar die Neigung des self-loving, allerdings auch die Fähigkeit des moral sentiments . Dieses ermöglicht dem Menschen durch Empathie Zusammenhalt in der Gruppe und in weiterer Folge die Konstitution von Staaten.

Smith’ Ansätze vom freien Markt sind allerdings nicht auf den globalen Kapitalismus anwendbar, da nach Smith viele kleine, konkurrierende Unternehmen den Markt bilden, die nicht genügend Macht besitzen um den Markt zu manipulieren, oder den Aktivitäten eines Staates entgegenzutreten, wie das bei heutigen Großkonzernen zu beobachten ist.

2.2 John Stuart Mill (1806-1873)

Mill hat die klassische politische Ökonomie, welche sich aus der ökonomischen Theorie mit philosophischer und soziologisch-politischer Perspektive zusammensetzt, in eine neue Richtung gelenkt. Rothschild zitiert Schneewind, der über Mill behauptet er sei „vielleicht der letzte grössere Denker, dessen Bemühungen, philosophische Grundsätze auf aktuelle Probleme anzuwenden, noch Beachtung verdienen“6 7.

Der Leitgedanke Mill’s Theorie war die individuelle Freiheit, die sich von der utilitaristischen Philosophie mit ethischem Imperativ beeinflusst zeigte. Hier sei aber nicht positive Freiheit gemeint, durch die Individuen im Wohlfahrtsstaat durch entwickelte Fähigkeiten am gesellschaftlichen Entwicklungsprozess teilnehmen. Als individuelle Freiheit bezeichnet Mill die negative Freiheit des eigenen Handelns. Die Grenzen des Aktionsradius von Individuen soll soweit, ohne den Eingriff Dritter, möglich sein, bis sie die negative Freiheit anderer berührt.

[...]


1 Rothschild, Kurt W. (2004): Die politischen Visionen grosser Ökonomen. Wallstein Verlag: Göttingen, S. 10.

2 ebda, S. 15.

3 ebda, S. 19.

4 vgl. ebda, S. 25-50.

5 ebda, S. 28.

6 vgl. ebda, S. 51-70.

7 Schneewind, J.B. (1968): Mill, A Collection of Critical Essays, Cambridge, S. 13.

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640937509
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172923
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Politikwissenschaft
Note
Gut
Schlagworte
Rothschild Ökonomie ökonomische Theorien Ökonomen Smith Mill Marx Marshall Schumpeter Keynes Hayek Visionen großer Ökonomen

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