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Das Ohnmachtsverhältnis im "Bahnwärter Thiel" und sein Einfluss auf die Morde

Seminararbeit 2008 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Personenkonstellationen
2.1 Minna und Lene
2.2 Tobias und das Kind aus zweiter Ehe

3 Erzählsituation und Naturalismus

4 Thiel und sein Leben als Bahnwärter
4.1 Thiel
4.2 Das Bahnwärterhäuschen als Ort der Ruhe

5 Der Besuch am Bahnwärterhäuschen
5.1 Die Stimmung und das Verhalten der Familie Thiel
5.2 Der Unfall des Tobias

6 Thiels Erwachen

Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gerhart Hauptmanns 1887 entstandene novellistische Studie Bahnwärter Thiel ist eine milieu- und beziehungsgeprägte Erzählung, in der Thiel eine hierarchisch untergeordnete Position einnimmt. Thiel wird von einem Trauerfall in die Arme einer Frau getrieben, die ihm sein Leben erleichtern soll und um sein Kind kümmern soll. Doch erfüllen sich seine Erwartungen nicht. Bahnwärter Thiel ist geprägt von sozialen Beziehungen der Eheleute und die Beziehung zu den Kindern. Besonders sind hier die Beziehung von Thiel zu seiner jetzigen Frau Minna, ihre Beziehung zu Tobias und die von Thiel zu Tobias. Die Verhältnisse münden in dem Tod des Tobias und dem Mord an Minna und dem Kind. In der Forschung liegt die Konzentration nicht auf dieser Thematik. Doch für diese Arbeit ist sie unerlässlich, da sie sich mit den Gründen für die Morde des Thiel beschäftigt und ob diese bei den Verhältnissen innerhalb der Familie ihren Ursprung haben.

Die Arbeit befasst sich zuerst mit den Personenkonstellationen zwischen Minna, Lenne und mit Thiel und daran anschließend der zwischen Tobias, Lene, dem kleinen Kind und Thiel, um einen Einstieg zu vermitteln und zu zeigen, wie die einzelnen Personen zu einander stehen, was sehr bedeutend für die Novelle Bahnwärter Thiel ist. Danach liegt das Hauptaugenmerk auf dem Bahnwärter selbst; seine Person und sein Beruf werden betrachtet. Besonders wird auf das Bahnwärterhäuschen eingegangen, da dieses eine besondere Rolle im Leben von Thiel eine wichtige Rolle einnimmt. Es ist ein Rückzugsort für ihn und eine Abschirmung zur Außenwelt. Im Folgenden geht es um den Besuch der Familie am Häuschen und den Verlust seiner Ruhe dort. Thiels Erwachen schließt die Arbeit thematisch ab und beschäftigt sich mit dem „neuen“ Thiel, der realisiert, wie es in seiner Familie vorgeht und der nicht länger die Augen zumacht. Dies endet in den beiden Morden. Die Arbeit schließt mit einem Fazit ab, das die Beobachtungen zusammenfasst und versucht die Gründe für den Mord offen zu legen.

2 Personenkonstellationen

In der Erzählung stehen zwei Beziehungskonstellationen zwischen zwei Personen im Mittelpunkt; zum einen steht er zwischen seiner verstorbenen und seiner jetzigen Frau,[1] zum anderen zwischen den beiden Kindern. Er ist hin und her gerissen, doch er hat eine favorisierte Seite, auf die er sich stellt.

2.1 Minna und Lene

Sowohl Thiels verstorbene Frau Minna, als auch seine aktuelle Ehefrau Lene spielen eine wichtige und fast gleichwertige Rolle im Leben des Bahnwärters. Dabei könnten sie von Charakter und Erscheinung her nicht unterschiedlicher sein. So wird Minna als schmächtig und kränklich aussehendes Frauenzimmer sowie mit den Attributen jung und zart beschrieben, die zu der Erscheinung Thiels nicht im Geringsten passte.[2] Mit ihr war Thiel zwei Jahre verheiratet, bis sie im Wochenbett nach Tobias Geburt verstarb. Viel mehr erfahren wir über die Verstorbene nicht.

Vergessen kann Thiel Minna aber nicht, sie begleitet ihn in Visionen und andächtigen Erinnerungen bis hin zu seinem einsamen Arbeitsplatz.[3] Für ihn ist sie die wahre Liebe in seinem Leben gewesen und zudem eine gute Mutter für ihren gemeinsamen Sohn Tobias. Ihr hat Thiel am Sterbebett versprochen auf Tobias aufzupassen und gut für ihn zu sorgen.[4] Dieses Versprechen hält die Beziehung zur toten Minna aufrecht und sie ist allgegenwärtig in Thiels neuer Ehe. Daher ist er immer zwischen Minna und Lene hin und her gerissen, weil er sich geistig nicht von Minna trennen kann und sie somit die Ehe unterschwellig beeinflusst. Durch Minna ist die Vergangenheit für Thiel allgegenwärtig.

Lene ist der genaue Gegensatz[5], sie wird als frühere Kuhmagd, Frau mit ihm übertreffender Gliederfülle und als Person mit grob geschnittenen Gesichtszügen beschrieben. Sie besitzt eine herrschsüchtige Gemütsart, Zanksucht und eine brutale Leidenschaftlichkeit.[6] Thiel heiratet Lene nach dem Tod Minnas. Für ihn ist es aber nicht eine Heirat aus Liebe und Eigennutz, da sie nach dem Tod seiner ersten Frau sehr verfrüht kommt, wie der Pastor anmerkt.[7] Es ist vielmehr eine Sicherung der Gesundheit seines Kindes Tobias, das aus der Ehe mit Minna hervorging:

„ Der Junge geht mir drauf, Herr Prediger.“ […] „Thiel erzähle nun, wie er Tobias einer alten Frau übergeben, die ihn einmal beinahe habe verbrennen lassen, während er ein anderes Mal von ihrem Schoß auf die Erde gekugelt sei, ohne glücklicherweise mehr als eine große Beule davonzutragen.“[8]

Der Bahnwärter handelt also besten Gewissen, um seinem Sohn ein angenehmes Leben zu bereiten. Für ihn bzw. seinen Sohn wäre es das Beste, wenn seine verstorbene Frau noch lebte.[9]

Ein weiterer Punkt in dem Verhältnis zwischen dem Bahnwärter und seiner zweiten Frau ist die sexuelle Abhängigkeit bzw. Hörigkeit Thiels ihr gegenüber. Diese äußert sich besonders in dem Nichthandeln von Thiel, wenn es um Lenes „Erziehung“ von Tobias geht.[10] Lenes Dominanz über ihn treibt ihn in eine Ohnmacht hinein, die es Thiel unmöglich macht, sich gegen Lene zu wehren und seinen erstgeborenen Sohn Tobias vor ihr zu schützen. Thiel wird dadurch mehr und mehr in eine passive Rolle gedrängt. Thiel handelt nicht, um Tobias zu verteidigen, als er zufällig nach Hause kommt und mitbekommt, wie er von Lene behandelt wird. Thiel geht einfach wortlos zur Arbeit.[11] Die Eile, die er anschließend an den Tag legt, um zum Dienst zu kommen, kann einerseits als Angst, zu spät zum Dienst zu erscheinen, gesehen werden oder andererseits als Flucht, um schnellstmöglich von zu Hause weg zu kommen und der heimischen Hölle zu entfliehen.[12] Aufgrund seines Pflichtbewusstseins im Bezug auf seine Arbeit ist wohl die erste Möglichkeit wahrscheinlicher, die zweite sollte im Bezug auf seine Ohnmachtsstellung nicht außer Acht gelassen werden.

Es ist nach außen ersichtlich, was im Hause Thiel vor sich geht. Das Dorf spricht von Lene als „das Mensch"[13] und drückt somit seine abwertende Denkweise über sie aus. Doch Thiel reagiert nicht auf die Andeutungen und Ratschläge des Dorfes,[14] die sogar soweit gehen, dass seine Frau einmal ordentlich „durchgewalkt“[15] werden müsse, damit der Haussegen und die Rollenverteilung wieder in die Waage gebracht wird. So leidet Thiel Bild in der Öffentlichkeit merklich und die Anfangs geäußerten Meinungen über Lene, das diese wie geschaffen für ihn wäre[16], schlagen ins Gegenteilige um.

2.2 Tobias und das Kind aus zweiter Ehe

Tobias und Thiels Kind aus zweiter Ehe stehen in einem ähnlichen, wie Minna und Lene, denn die Darstellung beider Kinder ist sehr unterschiedlich. Dies fällt vor allem bei der Darstellung des Neugeborenen auf. Dem Kind wird weder ein Name gegeben, es wird als „kleiner Schreihals“[17] oder als „der Kleinste“[18] beschrieben, noch wird näheres zu dem Kind selbst gesagt. Es wird nur erwähnt, dass es im Gegenteil zu von Gesundheit strotze und ein Junge ist.

Tobias, Thiels erstes Kind aus der Ehe mit Minna, das das Bindeglied zwischen Thiel und seiner verstorbenen Frau darstellt[19], hat von seiner Geburt an keinen leichten Stand in seinem Leben. Seine körperliche Entwicklung will nicht ganz voran gehen, er kann erst mit Ablauf seines zweiten Lebensjahres notdürftig sprechen und laufen, und daher erscheint seine Person eher als kränklich.[20] Daher ist Tobias sehr auf andere Leute angewiesen und in seinem Alter kann er sowieso nicht alleingelassen werden. Schlechte Erfahrungen mit Kindermädchen und das Versprechen, das er Minna gegeben hatte, treiben Thiel in die Arme von Lene (siehe oben).

Anders als erwartet, zieht Tobias keinen Nutzen aus der erneuten Heirat seinen Vaters, denn die erhoffte Fürsorge, die Lene im Bezug auf Tobias an den Tag legen soll, bleibt aus. Lenes Zuneigung nimmt stetig ab und schlägt in Abneigung um, als Lene ihr gemeinsames Kind mit Thiel zur Welt bringt.[21] Lenes entflammte Mutterliebe für das Neugeborene und ihre vorher schon anklingende Abneigung, die sich besonders durch Tobias’ Aussehen und Auftreten entwickelt hat, verschlechtert Tobias ohnehin nicht einfaches Leben zu einer Tortour in seinen erst jungen Leben. Er bekommt von Lene eine neue Position innerhalb der Familie zugeordnet, nämlich als persönlicher Sklave des kleinen Kindes und als ihr Prügelknecht.[22] Tobias’ Leben wird ihm durch Lenes Diktatur zur Hölle gemacht und er muss die Kraft, von der ihm sowieso nicht viel zur Verfügung steht, für das kleine Kind einsetzten. Thiels erhoffte Hilfe bezweckt das genaue Gegenteil von dem, was er für Tobias erreichen wollte. Doch durch seine seltene Anwesenheit, die durch seinen Arbeitsrhythmus bestimmt wird, bekommt er dies wiederum viel zu spät mit. Selbst das erneute Einmischen der Dorfbewohner öffnet dem Bahnwärter nicht die Augen für diese Situation.[23]

Durch die neuentstandene Situation in dem Leben des Tobias wird Thiel als Bezugsperson immer wichtiger und wertvoller, doch kann er diese Position nicht immer einnehmen.[24] Während seiner Anwesenheit im Haus erfährt das Martyrium eine kurzzeitige Pause, da Lene es sich nicht wagt, die Hand gegen Tobias in Thiels Beisein zu erheben. Das sklavenähnliche Verhältnis, das zwischen beiden herrscht, versucht Thiel so gut es geht zu unterbinden, indem er den kleinen Tobias mit nach draußen nimmt und ihn so den aufgetragenen Aufgaben entzieht.[25] Teils unbewusst, teils aber auch gezielt entzieht Thiel seinen Jungen aus seiner schlimmen Welt und lässt ihn so für einen kurzen Moment ein kleines Kind sein, das sich nach seinem Alter vergnügen kann.

[...]


[1] Krämer, Herbert: Gerhart Hauptmann Bahnwärter Thiel. Interpretationen von Herbert Krämer, München 1980, S. 10

[2] Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel. In: Gerhart Hauptmann – Große Erzählungen, hg. v. Gunnar Ahlström, Zürich 1968, S. 79

[3] ebd. S. 82 & 98

[4] ebd. S. 80

[5] Krämer, Herbert: Gerhart Hauptmann Bahnwärter Thiel. Interpretationen von Herbert Krämer, S. 17

[6] Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel, 81

[7] ebd. S. 80

[8] ebd.

[9] Krämer, Herbert: Gerhart Hauptmann Bahnwärter Thiel. Interpretationen von Herbert Krämer, S. 50

[10] Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel, S. 89f

[11] ebd. S. 91 f

[12] ebd. S. 92

[13] ebd. S. 81

[14] vgl. Krämer, Herbert: Gerhart Hauptmann Bahnwärter Thiel. Interpretationen von Herbert Krämer, S. 48

[15] ebd.

[16] Ebd. S. 81 f

[17] vgl. Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel, S. 84

[18] ebd. S. 102

[19] Krämer, Herbert: Gerhart Hauptmann Bahnwärter Thiel. Interpretationen von Herbert Krämer, S. 16

[20] Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel, S. 84

[21] ebd.

[22] ebd. S. 84 f

[23] Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel, S. 85

[24] Krämer, Herbert: Gerhart Hauptmann Bahnwärter Thiel. Interpretationen von Herbert Krämer, S. 15

[25] Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel, S. 86 f

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640929962
ISBN (Buch)
9783640929993
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172922
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
Schlagworte
Bahnwärter Thiel Ohnmacht Minna und Lene Tobias Naturalismus

Autor

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