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Ein Weg aus dem gefangenen Ich?

Methode und Nutzen der Gestützten Kommunikation bei autistischen Menschen

Hausarbeit 2009 21 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Autismus
2.1 Begriffsklärung
2.2 Spannungsfeld Kommunikation

3. Ein Weg aus dem autistischen Kerker?
3.1 Gestützte Kommunikation bei autistischen Menschen
3.2 „[ich] zerreisse die stricke des öden stummen autismus“ - Birger Sellin

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

wasser sucht einen weg ins meer.

birger sucht einen weg ins leben.

Birger Sellin - 29.10.94

1. Einleitung

Während meiner Arbeit als Einzelfallhelferin begegnete ich vor einigen Monaten im Oberlinhaus in Potsdam einem autistischen Jungen. Ich stand vor dem Herd und unterhielt mich mit Paula[1], dem Mädchen, das ich betreue, als sich der Junge unmittelbar vor mich stellte und von einem Fuß auf den anderen wippte. Er sah mich nicht direkt an und sagte auch nichts, also stellte ich mich vor. Erst auf meine Nachfrage erwiderte er formelhaft seinen Namen, nahm sogar meine Hand. Dann wippte wieder einige Minuten hin und her und rief plötzlich: „Ich will die Frau sein.“ Danach lief er in eine Ecke des Zimmers, schrie und klopfte lautstark gegen die Wand. Ein ihm vertrauter Pfleger schaffte es, ihn nach etwa fünfzehn Minuten zu beruhigen.

Als ich später Paula fragte, wer der Junge gewesen sei, erwiderte sie nur: „Ach, das ist ein Autist.“ Auf meine Frage, was sie darunter verstehe, konnte sie mir keine Antwort geben.

Einen zweiten Berührungspunkt mit dem Thema hatte ich wenige Wochen später im Theater der Schaubühne Berlin. Das Stück „Die Wissenden“ handelte von den so genannten Savants - Menschen, die trotz einer kognitiven, psychischen oder geistigen Behinderung in einem gewissen Bereich geniale Fähigkeiten aufweisen. Es wird geschätzt, dass etwa die Hälfte jener Savants an Autismus erkrankt ist.[2]

Ich beschäftigte mich etwas mit der autistischen Störung, dennoch fiel es mir weiterhin schwer, ein klares Bild davon zu bekommen, was Autismus genau bedeutet. Die Gründe hierfür sind mir inzwischen klar:

Die unterschiedlichen Symptome, die unter das Diagnoseraster des Autismus fallen und die enorme Reichweite des individuellen Schweregrades der Erkrankung führen zu einem komplexen Bild, das aus vielen möglichen Störungsbildern zusammengesetzt ist. Diese Vielfalt stellte sich mir auch bei dem Verfassen dieser Hausarbeit in den Weg. Autismus ist ein Thema, welches man im Umfang einer solchen Arbeit nur ansatzweise vorstellen kann.

Bei der Darstellung des Autismus unter 2.1 habe ich versucht, mich auf die wichtigsten Punkte zu beschränken, sowie die unterschiedlichen wissenschaftlichen Standpunkte zu berücksichtigen. Ich selbst betrachte die autistische Störung vorwiegend aus einem entwicklungspädagogischen Blickwinkel.

Trotz der ungleichen individuellen Ausprägungen und Kombinationen mit anderen Erkrankungen oder Behinderungen weisen fast alle Menschen mit Autismus eine Störung des Sozialverhaltens auf. Sie haben Probleme, mit anderen Menschen zu sprechen oder Wünsche zu äußern sowie Mimik oder Körpersprache zu verstehen. Gesellschaftliche Kommunikationskonventionen scheinen für sie ein Rätsel zu sein.

In einem Seminar erfuhr ich von den Möglichkeiten alternativer Kommunikationssysteme. Ein Beispiel ist die Methode des taktilen Gebärdens, welche bei taubblinden Menschen sehr erfolgreich angewendet wird. Ich fragte mich, ob es ähnliche Konzepte gibt, die bei nichtsprechenden autistischen Menschen verwendet werden. Im Internet stieß ich auf die Bücher von Birger Sellin, einem Autisten, der mit Hilfe der so genannten Gestützten Kommunikation einen Weg aus der „sicherheitsstummen“ Welt fand (Sellin 1995:40). Mit seinen Büchern gab er Einblicke in die Wahrnehmung eines Autisten, die so bislang nicht bekannt waren. Ich möchte unter Punkt 3.1 zunächst die Methode der Gestützten Kommunikation erläutern.

Das Konzept wurde und wird kontrovers diskutiert - wissenschaftliche Forschungsergebnisse und persönliche Erfahrungen stehen in einem scharfen Kontrast zueinander. Die Kritikpunkte sollen nicht unerwähnt bleiben, da sie nach meiner persönlichen Überzeugung durchaus ihre Berechtigung haben. Als Fallbeispiel (gar für den sagenhaften Erfolg der Methode?) möchte ich anschließend unter 3.2 auf Birger Sellin und seine Bücher eingehen.

In meinem Fazit möchte ich meine persönliche Meinung zu den Gegnern und Vertretern der Gestützten Kommunikation darlegen, eventuell offen gebliebene Fragen anführen und abschließend meine Hausarbeit kurz resümieren. Letztendlich soll die Frage geklärt werden, ob Birger Sellin den einleitend zitierten „Weg ins Leben“ gefunden hat oder er - wie so manche Quelle vorm Erreichen des Meeres - versiegt ist.

2.Autismus

2.1 Begriffsklärung

Menschen mit einer autistischen Störung wirken äußerlich meist völlig normal. Oft fällt erst bei näherer Betrachtung auf, dass ihr Verhalten nicht mit dem anderer Kinder oder Erwachsener vergleichbar ist. Ihre Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung ist gestört. Sie scheinen die Fülle an Eindrücken, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, nicht richtig filtern zu können und schotten sich von der Außenwelt ab - daher auch die Bezeichnung Autismus . Der Begriff Autismus kommt vom griechischen „autós“ (αὐτός) und bedeutet „selbst“. Es bezeichnet den starken Bezug auf das Selbst und den Rückzug in die eigene Welt, den man bei autistischen Menschen feststellen kann.

Die Frage nach den Ursachen und Diagnosekriterien der autistischen Störung ist in den vergangenen 20 – 30 Jahren unterschiedlich beantwortet worden. Zum einen liegt dies daran, dass sich die Forschung stetig weiter entwickelt und neue Erkenntnisse über die autistische Störung geliefert hat. Zum anderen wurden, je nach dem, aus welcher wissenschaftlichen Fachrichtung der Autismus betrachtet wurde, andere Ursachen und Symptome als wichtig erachtet. Es existieren daher viele veraltete, medizinische, psychologische, pädagogische oder soziologische Theorien. Heute besteht weitgehend ein Konsens über die verschiedenen Störungsbilder, ihre Symptome und Diagnostik. Die Ursachen jedoch sind bis heute nicht endgültig erforscht, es gibt jedoch einige Erkenntnisse aus neurowissenschaftlichen Untersuchungen.

Ich möchte im Folgenden erklären, was Autismus bedeutet, wobei dies, wie einleitend erwähnt, nur in Ansätzen geschehen kann. Ich möchte zunächst einige allgemeine Fakten über die autistische Störung anführen und die unterschiedlichen Arten des Autismus-Spektrums anführen. Anschließend möchte ich die Symptome für eine Autismusdiagnose aufzeigen und aktuelle Erkenntnisse der Ursachenforschung in Ansätzen darstellen. Abschließend möchte ich die historische Entwicklung der differenten Begründungen skizzieren und aktuelle Trends der pädagogisch-therapeutischen Praxis anführen.

Eine Autismus-Spektrum-Störung tritt bei etwa 19 von 10.000 Personen auf, wobei Jungen drei- bis viermal häufiger betroffen sind.[3] Dies könnte mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron zusammenhängen. Nach der Theorie des englischen Wissenschaftlers Simon Baron-Cohen, führt eine Überdosis Testosteron im Mutterleib zu einer Fehlentwicklung im Gehirn, welche den Autismus auslöst.

Klassifiziert wird die autistische Störung als eine tief greifende Entwicklungsstörung (Dodd 2007:3).[4] Etwa 70% der autistischen Menschen sind gleichzeitig geistig behindert oder haben eine weitere Krankheit oder Behinderung. Die verbleibenden 30% schaffen es oft, ein selbstständiges Leben zu führen. Dennoch bleibt die Fähigkeit, einen emotionalen und engen sozialen Kontakt aufzubauen meist zeitlebens gestört, was eine gewisse Hilfe im alltäglichen Handeln weiterhin notwendig macht.

Der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus (Autismus Deutschland e.V. 2009) nennt drei Bereiche, in denen Verhaltensauffälligkeiten festgestellt werden:

1. Störung der so genannten „Theory of Mind“ bzw. des „Mentalising“ :

Hierunter wird die Unfähigkeit verstanden, sich in das Erleben, Denken, Fühlen und Verhalten anderer Menschen hineinzuversetzen. Menschen mit Autismus zeichnen sich vielfach durch einen Mangel an Empathie und durch ein gestörtes Verständnis sozialer Situationen aus. Sie können aus diesem Grunde auch den Symbolcharakter bzw. „Hintersinn“ bestimmter Redewendungen, von Ironie bzw. Witzen nur unzureichend verstehen.

2. Störung der „exekutiven Funktionen“ :

Diese Störung resultiert in einer eingeschränkten Planungsfähigkeit, verminderten Flexibilität und Strukturierungsfähigkeit. Diese Fähigkeiten sind wesentlich im Frontalhirn verankert..

3. Störung der „zentralen Kohärenz“ :

Hierunter wird eine gestörte ganzheitliche Erfassung von Objekten verstanden, die zum „Haften an Details“ und zu einem eingeschränkten Verständnis des Gesamtzusammenhanges von Situationen führt.

Um die verschiedenen Krankheitsbilder zu erfassen, spricht man auch von Autismus-Spektrum-Störungen. Unter dieses Spektrum fallen der frühkindliche Autismus, das Asperger Syndrom, der High-functioning-autism und der atypische Autismus.

Der frühkindliche Autismus (auch Kanner-Syndrom oder autistische Störung) tritt in den ersten drei Lebensjahren auf. Festgestellt wird er durch Auffälligkeiten im sozialen Umgang mit Mitmenschen, in der Kommunikation sowie sich stets wiederholenden Handlungen.

Das Asperger-Syndrom gilt als eine leichtere Form der autistischen Störung, da die Sprache sich meist altersgemäß entwickelt und auch in der kognitiven Entwicklung kaum Rückstände festzustellen sind. Allerdings sind bei Kindern mit Asperger-Syndrom ebenfalls die soziale Interaktion und Kommunikation gestört. Auch die psychomotorische Entwicklung scheint verlangsamt und nicht altersgemäß entwickelt. Das Asperger Syndrom macht einen Großteil der Autismus-Spektrum-Störungen aus. Zwischenmenschliche Signale, ob nonverbal oder verbal, werden von Menschen mit Asperger-Syndrom nicht in der gesellschaftlich normierten Art verstanden oder gesendet. Ihr Verhalten scheint oft sonderbar, beispielsweise durch ungewöhnliche Bewegungsabläufe oder sich immer wiederholende Wörter oder Sätze.

Neben dem Asperger Syndrom zählt auch der atypische Autismus bzw. die nicht näher bezeichnete tief greifende Entwicklungsstörung zu den Autismus-Spektrum-Störungen. Die betroffenen Personen weisen nur in bestimmten Bereichen Beeinträchtigungen auf, erfüllen aber nicht alle Diagnosekriterien.

High-functioning-autism ist eine nicht von allen Wissenschaftlern verwendete Bezeichnung für autistische Savants - also Menschen mit autistischer Störung, die über so genannte Inselbegabungen verfügen. Gemeint sind geniale Fähigkeiten in einem bestimmten Gebiet, das ihren Interessen entspricht.

Ich möchte nun auf die Diagnosekriterien und Symptome eingehen. Nachdem lange Zeit kontroverse Meinungen darüber herrschten, wann Autismus diagnostiziert werden sollte, gibt es nach den psychiatrischen Klassifikationssystemen DSM-IV[5] und ICD-10[6] drei Erkennungszeichen der autistischen Störung. Diese Merkmale werden auch als „Triade der Beeinträchtigungen“ bezeichnet (Dodd 2007: 2):

1. eine Störung der sozialen Interaktion
2. eine Störung der sozialen Kommunikation ( d.h. sowohl verbale als auch nonverbale Kommunikationsformen wie Gestik und Mimik)
3. eine Beeinträchtigung der sozialen Phantasie (was auch ein eingeschränktes Repertoire von Aktivitäten und Interessen sowie Auftreten stereotyper Verhaltensmuster bedeutet).

Da die Diagnose sich nicht nach messbaren medizinischen Werten richtet, sondern sich auf bestimmte Verhaltensmuster beruft, lässt sich kein pauschales Diagnoseraster für eine autistische Erkrankung festlegen. Es gibt allerdings diagnostische Kriterien, die ein Kind erfüllen muss, damit eine Autismusdiagnose gestellt werden kann. Für die Diagnose eines frühkindlichen Autismus müssen beispielsweise sechs von zwölf möglichen Kriterien erfüllt sein. Zwei dieser Kriterien müssen im Bereich der sozialen Interaktion auffallen und mindestens eins im Bereich der Kommunikation und „sozialen Phantasie“. Für Eltern gibt es kategorische Listen, in denen einige auf Autismus hinweisende Verhaltensweisen und Beeinträchtigungen aufgeführt sind.

Kleine Kinder äußern diese Beeinträchtigungen im Verhalten beispielsweise darin, Blicken auszuweichen oder in bestimmten Situationen überempfindlich zu reagieren. Auch der Spracherwerb ist häufig betroffen. Typische Sprachentwicklungsphasen wie das Babbeln, Lallen oder Nachahmen von Gesten und Lauten können ausbleiben. Zudem zeigen einige Kinder repetitive Verhaltensweisen wie das ständige Hin- und herwippen des Oberkörpers. Auch Erwachsene oder Jugendliche weisen Beeinträchtigungen in den genannten Bereichen auf. Sie äußern sich jedoch teils anders: Die ständige Wiederholung zeigt sich dann beispielsweise in der so genannten Echolalie, dem ständigen Wiederholen von zuvor Gehörtem oder dem Verwenden von Floskeln. Was sind die Ursachen für diese Erkrankung?

[...]


[1] Name geändert.

[2] Einige Wissenschaftler vermeiden die Verwendung des Begriffes Autismus als Oberbegriff für die voneinander unterschiedenen Störungsbilder, da der Begriff Autismus oder autistische Störung nach einigen Definitionen nur den frühkindlichen Autismus beschreibt. Ich verwende im Folgenden die Begriffe Autismus , Autismus-Spektrum-Störung und autistische Störung synonym als Oberbegriffe für sämtliche Störungsbilder.

[3] Zählt man das Asperger Syndrom hinzu, vergrößert sich die Zahl auf 93 von 10 000 betroffenen Personen und einem entsprechenden Verhältnis von 9:1 in der Geschlechterverteilung (vgl. Dodd 2000:10ff).

[4] Der Begriff der tief greifenden Entwicklungsstörung wird von einigen Wissenschaftlern kritisiert, da er zu unspezifisch sei. Stattdessen solle ausschließlich der Begriff „Autismus-Spektrum-Störung“ verwendet werden (vgl. Dodd 2007:147).

[5] Diagnostic and Statistical Manual of Mental Diseases der American Psychiatric Association, Version IV.

[6] International Classification of Diseases der Weltgesundheitsorganisation, Version 10.

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640929887
ISBN (Buch)
9783640930012
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172908
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Rehabilitationswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Birger Sellin Autismus Gestützte Kommunikation AAC

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