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Nato-Doppelbeschluss und Afghanistan-Einmarsch - Die Gefahr einer neuen „Eiszeit“

von Anna Kiesbauer (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. ) Einleitung

II.) Der historische Kontext

III.) Der NATO-Doppelbeschluss
1.) Der Inhalt des Kommuniqués der Sondersitzung der Außen-und Verteidigungsminister der NATO
2.) Wie reagierte die UdSSR auf den NATO-Doppelbeschluss?
3.) Die besondere Rolle Deutschlands

IV.) Der Afghanistan-Einmarsch
1.) Das Geschehen
2.) Wie reagierte der Westen auf den Einmarsch?
2.1.) Die USA
2.2.) Das Verhalten der übrigen Bündnispartner
2.3) Deutschlands Haltung

V.) Schluss

VI.) Literaturverzeichnis

I.) Einleitung

In der vorliegenden Arbeit möchte ich die sogenannte „Eiszeit“ anhand der beiden dramatischsten Ereignisse dieser Periode charakterisieren. Der NATO-Doppelbeschluss und der Afghanistan-Einmarsch von 1979 illustrieren die typische Denkweise dieser Zeit und die Folgen zahlreicher, oftmals nur von Kleinigkeiten verursachter Missverständnisse und Fehlinterpretationen. Denn hierbei handelt es sich um das Taktieren zweier Blöcke, denen einerseits eine völlig unterschiedliche Weltauffassung zugrunde liegt, von der sie meinen, diese in der Welt durchsetzen zu müssen, und die andererseits im „Gegner“ den ausschließlichen Imperialisten und „Bedroher“ sehen. Dabei legen sie fälschlicherweise eigene Verständnismuster an, wenn sie sich in die gegnerische Partei hineinversetzen. Deutlich wird dieses v.a. an den Reaktionen beider Seiten auf die Ereignisse des Dezembers 1979.

II.) Der historische Kontext

Im Zeitraum von ca. 1979[1] bis 1985 brach die Gefahr einer neuen „Eiszeit“ an. Diese Periode wird auch „Zweiter Kalter Krieg“ genannt. Die Eckpunkte werden durch die Ereignisse im Dezember 79 markiert und durch die Amtsübernahme Gorbatschows zum Generalsekretär der KPdSU 1985.

Im Brennpunkt steht die Frage des militärischen Gleichgewichts, daher gebe ich im folgenden einen kurzen Überblick über den Stand der Rüstung.:

In den 50er Jahren wies die SU eine Überlegenheit bei den konventionellen Streitkräften auf; die USA zeigte eine Überlegenheit im Bereich der Nuklearkräfte. Dadurch lag ein relativer Ausgleich vor, denn ein Krieg ist weder nur mit konventionellen Streitkräften noch mit ausschließlich Nuklearwaffen zu gewinnen; darüber waren sich beide Blöcke einig. In den 60er Jahren holte die SU auf, im Bereich der Nuklearwaffen. Die USA musste dringend ihre eigene konventionelle Schwäche beseitigen, und rüstete auf. Während die SU über ca. 600 nukleare Mittelstreckenwaffen verfügte, hatte die USA so gut wie keine Mittelstreckenwaffen, dafür aber eine Überlegenheit bei den Interkontinentalraketen. Anfang der 70er verlor die USA ihre Überlegenheit bei den Interkontinentalraketen durch das Nachrüsten der SU, während die UdSSR gleichzeitig ihre Überlegenheit bei den Mittelstreckenwaffen behielt und sogar ausbaute. In den Jahren 72 und 75 wurden zwischen den USA und der UdSSR die SALT I –und SALT II –Abkommen geschlossen. Die beiden Supermächte verpflichteten sich darin zum Abbau von Konflikten und internationalen Spannungen. Für die Aufstellung strategischer Atomwaffen werden Höchstgrenzen vereinbart. Jedoch sahen die SALT-Abkommen keine gegenseitigen Rüstungskontrollen vor. Zudem wurden einige Waffenkategorien nicht berücksichtigt (die Abkommen betreffen hauptsächlich Interkontinentalraketen)[2]. Diese „Lücken“[3] in den Verträgen nutzen beide Seiten zur Entwicklung und Stationierung neuer Waffentypen (v.a. Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper). Zwischen den USA und der UdSSR blieb ein erhebliches Misstrauen bestehen.

In dieser Zeit war die SU innerlich geschwächt, durch das Ringen um die Nachfolge Breschnews und ersten ernsthaften Zweifeln an der „Sieghaftigkeit“ des sozialistischen Gesellschaftsmodells. Die leicht zugänglichen Rohstoffquellen schienen zu erschöpfen, und die Industrieausstattung begann zu veraltern. Russland war ökonomisch kaum mehr in der Lage, den Etat für Militärausgaben noch aufzustocken.

International erreichten große Massenbewegungen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Politik (z.B. in Polen die Solidarnosc, in den NATO-Staaten die Friedensbewegungen). In den USA war die Regierung dem Unmut ausgesetzt, der sich aufgrund der Inflation, Arbeitslosigkeit und der deutlichen sozialen Unterschiede im Land bemerkbar machte –und, dass das „reichste Land der Welt“ unfähig war, dieses zu beheben. Carter stand auch unter Druck durch die Folgen von Vietnam(1975).

Diese Zeitspanne war insgesamt gekennzeichnet von Pessimismus und Kriegsfurcht. Die frühere Entspannungseuphorie knickte durch die dramatischen Ereignisse im Dezember 1979 schlagartig ab; erst nach Gorbatschows Machtantritt löste sich das Stimmungstief wieder auf. Da nun eine verjüngte KPdSU-Führung an die Macht trat, die nach neuen Wegen suchte und eine Politikwende einleitete, bei der u.a. die traditionelle Kriegsführungsdoktrin durch eine neue Defensivstrategie abgelöst wurde, der Einfluss der Militärs in den Institutionen zurückgeschnitten und die Rolle der Streitkräfte im Bereich der kriegsverhindernden Diplomatie neu bestimmt wurde.

Doch zurück zur sogenannten „Eiszeit“. Auf beiden Seiten wurden Möglichkeiten eines Nuklearkriegs durchgespielt, so z.B. ist im Lehrbuch „Militärische Theorie und Praxis“[4] zu lesen, dass „ein Raketenkernwaffenkrieg mit der Vernichtung des Kapitalismus als Weltsystem enden“ würde und „Wir sind überzeugt, dass der Sieg auf unserer Seite sein wird“... Aber beiden Seiten wurde zunehmend bewusst, was ein Nuklearschlag anrichten würde, so dass man nach dem Prinzip „Gleichgewicht des Schreckens“ handelte. Dem lagen mehrere Strategien zugrunde, so auch die Strategie der „flexible response“, nach der man fähig sein muss, sofort, wenn der Feind den Knopfdruck zum Abschuss einer nuklearen Bombe gegeben hat, noch im fast selben Moment den Gegenschlag ausführen zu können. Eine weitere wichtige ist die Strategie der Abschreckung. : Durch das erreichte derart hohe militärische Potential ist der Feind abgeschreckt. Er wird keinen Angriff vornehmen. Demnach soll die Zerstörungskraft nuklearer Waffen davor abschrecken, den Krieg noch als Mittel der Politik zu begreifen. Aus diesem Denken heraus, entstand der NATO-Doppelbeschluss.

III.) Der NATO-Doppelbeschluss

1.) Der Inhalt des Kommuniqués der Sondersitzung der Außen-und Verteidigungsminister der NATO

Die Atmosphäre der Entspannung zwischen den Supermächten war Ende der 70er endgültig vorbei. 1977 begann die UdSSR mit der Aufstellung eines neuen Raketentyps. 330 „SS-20“-Mittelstreckenraketen, jede mit 3 Atomsprengköpfen bestückt, standen einsatzbereit. Davon bedrohten rund 160 SS-20 gezielt die Länder Westeuropas;[5] woraufhin sich die europäischen NATO-Verbündeten einer völlig neuen Bedrohung ausgesetzt sahen. Denn diese SS-20 weist gegenüber den älteren SS-4 und SS-5-Raketen wesentliche Verbesserungen auf.: Sie besitzt eine Reichweite von bis zu 5000km, bei einer Treffgenauigkeit von rund 300m. Darüber hinaus verfügt sie mit ihren 3 Sprengköpfen über die Möglichkeit, 3 verschiedene Ziele zu bekämpfen. Aufgrund ihrer Mobilität ist sie kaum zu bekämpfen. Der Antrieb funktioniert nicht mehr mit festem Treibstoff, sondern nun mit flüssigem, wodurch ein Auftanken entfällt und die Rakete schneller einsatzbereit ist.

Als Gegenmaßnahme erfolgte am 12.Dezember 1979 der NATO-Doppelbeschluss: Durch die Einführung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen (insbesondere mit der Aufstellung von 572 Mittelstreckenwaffen mit je 1 Sprengkopf) sollte das NATO-Abschreckungspotential modernisiert werden und parallel dazu wollte die USA mit diesem Beschluss der SU Verhandlungen über die Begrenzung der Mittelstreckenraketen auf beiden Seiten anbieten. D.h.: einerseits sieht der Beschluss eine Aufrüstung mit nuklearen Mittelstreckenraketen vor, um die militärische Sicherheit zu gewährleisten; zum anderen ist die Begrenzung der Mittelstreckenraketen in beiden Blöcken vorgesehen. Die NATO zielt also darauf ab, gleichgewichtig Waffen zu produzieren, um sie wiederum abzurüsten. Dieses mag auf den ersten Blick paradox wirken, und die SU fühlte sich damit zum Narren gehalten, wie ich an späterer Stelle noch genauer aufzeigen werde. Doch kennt man die Logik, die hinter dem NATO-Doppelbeschluss steht, so erscheint dieser als bestmögliche Reaktion auf die empfundene russische Bedrohung.: Durch Rüstung allein kann nicht sichergestellt werden, dass ein Gleichgewicht auf Dauer stabil und verlässlich bleibt. Um eine dauerhafte Sicherheit zu erreichen, muss versucht werden, durch ausgewogene Begrenzung militärischer Potentiale ein stabiles militärisches Gleichgewicht auf möglichst niedrigem Niveau zu schaffen. Die NATO sah sich jedoch gezwungen, zunächst aufzurüsten, da sie sonst ihre Fähigkeit für die Strategie der Flexibilität verloren hätte, und politisch erpressbar geworden wäre. Die beschlossene Aufrüstung wäre jedoch erst im Jahre 1983 realisiert/einsatzbereit. Ein möglicherweise weiterer Gedanke für die angebotene Verhandlungsbereitschaft zur Abrüstung, sind die erheblichen finanziellen Einsparungen, die gewonnen würden, könnte man sich bis zum vollständigen Bau aller Raketen, also während der Zeitspanne bis 83 auf den Abbau einigen, so dass gar nicht erst die gesamten, geplanten Waffen gebaut werden müssen.

[...]


[1] Selbstverständlich gilt die Jahreszahl nur als konventionalisierte Richtmarke. Die Zuspitzung einer Konfliktsituation erfolgt über längeren Zeitraum. Jedoch sind die Ereignisse von 1979 zugleich „Zündfunken“ und Höhepunkte dieser Periode.

[2] Siehe: „Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken über die Begrenzung der Systeme zur Abwehr ballistischer Flugkörper (SALT-I, ABM-Vertrag).26.Mai 1972.“: S.158; „Interimsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken über bestimmte Maßnahmen hinsichtlich der Begrenzung strategischer Angriffswaffen (mit Protokoll und gemeinsamen Interpretationen) (SALT-I) 26.Mai1972.“: S.163; „Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken über die Begrenzung strategisch offensiver Waffen (SALT-II) 18.Juni1979.“: S.169. In: Münch, Ingo; Klingst, Martin: Abrüstung Nachrüstung Friedenssicherung. Nördlingen 1983.

[3] Auch „Grauzone“ genannt, da es sich um einen Bereich handelt, der weder durch SALT noch durch MBFR abgedeckt wird. Es handelt sich hierbei v.a. um die nicht-strategischen Nuklearwaffen (TNF), insbesondere um die LRTNF (Mittelstreckenbomber, schwere Jagdbomber u. Mittelstreckenraketen).

[4] Zit. nach: Ploetz, Martin: Wie die Sowjetunion den Kalten Krieg verlor. Von der Nachrüstung zum Mauerfall. Berlin2000. S.36.

[5] Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hg.): Aspekte der Friedenspolitik. Argumente zum Doppelbeschluß des nordatlantischen Bündnisses. Bonn 1981. S.17.

Details

Seiten
21
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638218955
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17289
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Historisches Institut
Note
1
Schlagworte
Nato-Doppelbeschluss Afghanistan-Einmarsch Gefahr Deutschland Krieg“

Autor

  • Anna Kiesbauer (Autor)

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