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Franz Kafka „Brief an den Vater“

Eine Betrachtung aus dem Blickwinkel der Pädagogik

Hausarbeit 2009 19 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Biographische Hintergründe und Inhalt des Briefes

3 Subjektivität des Briefes

4 Das Bild des Vaters

5 Selbstbild Kafkas

6 Die Vater- Sohn Beziehung

7 Folgen der Erziehung

8 Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zu Zeiten Kafkas, also zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war das Leiden am tyrannischen Vater ein in der Kunst und Literatur oft beschriebenes Phänomen.

Eine ganze Generation von Schriftstellern setzte sich mit den Autoritätsstrukturen der sich im Umbruch befindenden, überkommenen, patriarchalischen Gesellschaft auseinander. Das hatte u.a. mit den Bemühungen zu tun, die alte und traditionelle vaterrechtliche Ordnung anzugreifen und abzuschaffen. Jedoch wurde nicht nur an der familialen Dimension der Gesellschaft Kritik geübt, sondern auch (und hauptsächlich) an deren sozialen, politischen und wirtschaftlichen Dimension.

Der Vater hatte in der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts die bestimmende Macht innerhalb der Familie inne, das Vaterrecht. Er war sowohl Repräsentant der sozialen Umwelt, der Welt des Verdienstes und der Arbeit, als auch der Welt der Ordnungen und Verbote. Die Figur des Vaters rückte deshalb in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Autoren, weil diese die Strukturen der Gesellschaft im Vaterrecht verkörpert sahen. „Vaterrecht und Wirtschaftsliberalismus verbanden sich [damals] zu einer mächtigen Einheit.“ (Pfeiffer S.95)

Auch im „Brief an den Vater“ von Franz Kafka steht die dominante Vaterfigur im Mittelpunkt. Und obwohl eine Literarisierung und die Mythisierung der Vatergestalt zu beobachten ist, ist der Brief das Werk Kafkas, welches seiner Lebenswirklichkeit am nächsten kommt.

Natürlich wurde Franz von der „Autorenrevolte“ gegen die Väter, der auch Max Brod, ein Freund Kafkas angehörte, beeinflusst. Aber das Thema „Vater“ ist in Kafkas (Seelen-) Leben und in seinem gesamten Werk viel zu präsent und brisant, als dass es für ihn nur von literarischer und gesellschaftskritischer Bedeutung gewesen wäre. Wegen der Tatsache, dass Franz auch in vielen privaten Briefen über seinen Vater, die Erziehung und die familiale Situation schrieb und weil der Autor den Brief, zumindest von seiner ersten Intention her, von seinem Adressaten gelesen wissen wollte, kann davon ausgegangen werden, dass es sich hier um ein persönliches Schriftstück Kafkas handelt. Der Vater hat den Brief jedoch nie erhalten.

Um den „Brief an den Vater“ sowie das gesamte Werk und Leben von Franz Kafka ansatzweise gut verstehen zu können, ist es also wichtig, die biographischen Hintergründe, speziell die familiären Bedingungen zu kennen. Aus diesem Grund werde ich, so weit wie nötig, auf diese in Punkt zwei meiner Arbeit eingehen. Ferner werde ich dort auch kurz den Inhalt des Briefes darstellen, sowie die Entstehungshintergründe und den Schreibanlass knapp darstellen.

Ziel meiner Arbeit ist es, das pädagogische Problem, welches der Brief beinhaltet, herauszufinden und zu beleuchten.

Dazu werde ich zunächst die Subjektivität des Briefes behandeln und folgend in den Punkten vier und fünf das Selbstportrait des Sohnes Franz und das Bild des Vaters analysieren, um im sechsten Punkt auf die Vater Sohn- Beziehung eingehen zu können. Im siebten Punkt werde ich abschließend aufzeigen welche Folgen die autoritäre Erziehung für die Entwicklung und das Leben Kafkas hatte.

2. Biographische Hintergründe und Inhalt des Briefes

Franz Kafka stammt aus einer jüdischen Familie des Prager Bürgertums. Seine Mutter Julie und sein Vater Hermann Kafka hatten neben Franz, dem Ältesten, noch drei andere Kinder: Elli, Valli und Ottla Kafka.

Hermann Kafka stammte aus ärmlichen Verhältnissen und musste schon als Kind zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Nach sechs Jahren Grundschule verließ er seine Familie und machte eine Lehre. Es folgte der Eintritt in die Armee. Nach der Heirat mit Julie Löwy, die aus gutbürgerlichem Hause stammte, schaffte er durch eigene Kraft den gesellschaftlichen Aufstieg, indem er ein Kurzwaren und Gebrauchsartikel- Geschäft (welches er später ausbaute) eröffnete. Hermann Kafka war, wie für die damalige Zeit üblich, das Familienoberhaupt. Seine Bestrebungen galten stets der Sicherung der sozialen Stellung, Reichtum und Status. Alle Familienmitglieder ordneten sich der dem Lebensstil und den Prinzipien des Vaters Hermann unter. Hermann Kafka wollte, so wie die Tradition vorsah, seinen Werte- und Normenkatalog an Franz weiter geben, denn in der patriarchalischen Gesellschaft war es üblich, dass der Älteste der „Stammhalter des Hauses“ Fortsetzer von Namen und Geschäft und das eigentliche Ebenbild des Vaters darstellte. Jedoch ist Franz den Weg, welchen der Vater vorgab nie gegangen-er konnte nicht.

Der „Brief an den Vater“ entstand im November des Jahres 1919 in einem schlesischen Dorf, in dem sich Kafka aufhielt, um sich von seiner Lungentuberkulose zu erholen. Die Krankheit war 1917 ausgebrochen. Er verfasste den im Original über 100 Seiten umfassenden Brief im Alter von 36 Jahren, vier Jahre vor seinem Tod.

Zum Zeitpunkt der Niederschrift hatte Kafka seinen dritten gescheiterten Heiratsversuch hinter sich. Die letzte Verlobung fand im Sommer 1919 mit Julie Wohryzek statt. Doch zur im November desselben Jahres geplanten Hochzeit kam es nicht. Kafka gab seinen Vater Hermann die Schuld am Scheitern. Dieser hatte seit dem Beginn der Beziehung nicht viel für Julie übrig, da diese aus der unteren sozialen Schicht des Prager Bürgertums kam.

Kafka nutzt den Brief als Gelegenheit, um den Vater ihre Beziehung aus seiner Sicht ausführlich darzustellen. Indem er beschreibt wie er sich selbst, seine Umwelt und die Familiensituation wahrgenommen hat, schildert Franz sehr eindrucksvoll wie die väterliche Erziehung auf ihn als Kind und Jugendlicher wirkte und welche Spuren sie bei ihm hinterließ.

Als Schreibanlass nennt er im Brief den Versuch die Furcht vor dem Vater zu erklären. Dies wirkt auf den aufmerksamen Leser allerdings wie ein Vorwand. Die eigentliche Intention des Schreibens scheint eine ganz andere zu sein-denn statt eine Erklärung der Furcht zu geben, konzentriert Kafka sich doch vielmehr darauf den Vater für seine gescheiterten Beziehungen und seine ganze Persönlichkeit verantwortlich zu machen.

Der Brief ist der Ablösungsversuch eines Erwachsenen, der sein Leben lang abhängig von seinem Vater war, der unter den „Gesetzen“ seines Vaters und auch unter der Rolle des Erstgeborenen mit all den dazugehörigen Erwartungen litt. Das Werk ist ein Exempel der Schilderung einer defekten Eltern- Kind- Beziehung und deren Folgen.

3. Subjektivität des Briefes

Wie für einen Monolog in Briefform typisch, schildert Franz Kafka seine Situation, die Person und Persönlichkeit seines Vaters und den Einfluss, den dieser auf ihn und sein Leben hat, einzig aus seiner Sicht. Die Ereignisse, die Kafka beschreibt, gibt er dabei nicht chronologisch und wertfrei wieder, sondern er interpretiert sie unter dem Einfluss seiner eigenen Wahrnehmung und Erinnerung.

Ein wichtiger Aspekt, in diesem Zusammenhang ist, dass stellvertretend für das Kind bzw. den Jugendlichen Franz Kafka, der Erwachsene mit dem Brief eine Ablösung vom Vater versucht, um mit sich ins Reine zu kommen (vgl. Ölkers S.205).

Aber was weiß man als Erwachsener im Augenblick der Niederschrift seiner Kindheitserinnerungen über eine allenfalls im Gefühl deutliche Vergangenheit, und kann man sich überhaupt richtig erinnern und dabei gerecht bleiben?

Sich an längst Vergangenes zu erinnern, ist immer ein subjektives und meist nicht der Realität entsprechendes Unterfangen. Erwachsene sind- sehr radikal gesehen- nicht die Zeugen ihrer Kindheit. Die eigene Kindheit ist eine Konstruktion aus Erinnerungsfragmenten des Erwachsenen, die er ohne Beteiligung des authentischen Gedächtnisses zusammenfügen muss-und nicht die im Gedächtnis haften geblieben Realität. Das somit unzuverlässig zusammengefügte Bild der Kindheitserinnerungen kann durchaus als echt empfunden werden, weil dieses mit sehr starken Gefühlen und Emotionen besetzt ist. (vgl. ebd. 207f.) „[…] [E]s sind [auch] nie die tatsächlichen Personen der Vergangenheit, sondern immer nur deren Bilder, die als echt erscheinen.“ (ebd. S.208) Das Kind und die damit besetzten Gefühle, scheint in Erinnerungen immer die verlässliche Größe zu sein, an der sich der Erwachsene orientiert. Aber Erfahrungen werden immer auch durch die sozialen Rahmenbedingungen und den gegebenen Umständen der jeweiligen Situation mitbestimmt, die meist beim Erinnernden in Vergessenheit geraten sind. Ein weiteres Problem einer der Wahrheit entsprechenden Erinnerung ist demnach, dass das Vergessen nicht kontrollierbar ist und, dass die Welt als Kind reflexiv nur schwer und unvollständig zugänglich war:

„Was in der Kindheit zusammenpasst und kognitiv harmoniert, entsteht aus einer unvergleichlich intensiven, wenngleich beschränkten Erfahrung. Wie beschränkt diese Erfahrung ist, kann erst hinterher aufgeklärt werden, vorausgesetzt die Wunden der Kindheit werden relativiert.“ (ebd. 210f)

Der Erwachsene muss also die Erinnerung bearbeiten und ihr nicht nur eine Stimme verleihen, denn oft sind es Irrtümer, Verzerrungen, ungerechte Schlüsse, die er erinnert.

Man kann, laut Ölkers, Kindheitserinnerungen in gewisser Weise korrigieren und sich „gerecht erinnern“, sofern man neue Fragen zulässt, die das Bild der Vergangenheit lockern. Z.B. inwieweit man selber am Vaterbild der Kindheit beteiligt wird. „Fairness erwächst erst aus der Distanz, aus der Relativierung des Absoluten, und was wäre falscher, als Väter oder Mütter wie Götter zu betrachten?“ (ebd. S.211f.)

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640929221
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172871
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Pädagogik
Note
1,5
Schlagworte
Kafka Brief an den Vater pädagogische Interpretation Vater-Sohn-Beziehung Erziehung in der Literatur

Autor

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Titel: Franz Kafka „Brief an den Vater“