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Glokalisierung oder Grobalisierung? Globalisierungstheorien nach Roland Robertson und George Ritzer

Hausarbeit 2010 10 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Globale Lokalisierung und lokale Globalisierung: Globalisierungsverständnis nach Roland Robertson

3. McDonaldisierung der Gesellschaft: Globalisierungsverständnis nach George Ritzer

4. Vergleich, Diskussion und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was ist Globalisierung? Wenngleich der Begriff in den öffentlichen Debatten um Ver- änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft mittlerweile zu einem der bedeutendsten Schlagworte geworden ist, bleibt er in seiner genaueren Bedeutung eher diffus. Eine eindeutige Definition fällt insbesondere schwer, weil der Begriff häufig für unter- schiedliche Bedeutungsgehalte herangezogen wird und es bisher nicht gelungen ist, einen Konsens über seine Bedeutung zu erzielen (vgl. Kessler 2009: 35). So ver- weist beispielsweise auch der Münchner Soziologe Ulrich Beck auf die Unschärfe des Globalisierungsbegriffs, der die öffentliche und fachliche Diskussion beherrscht (vgl. Beck 1997: 42). Unumstritten ist lediglich die sehr allgemeine Definition, dass das Wesen der Globalisierung die Überwindung der nationalen und kontinentalen Grenzen bildet (vgl. Pilz 2009: 119) und die Tatsache, dass der Globalisierungsbe- griff insbesondere fünf Dimensionen umfasst: eine ökonomische, eine politische, eine wissenschaftlich-technische, eine ökologische und eine kulturelle (vgl. ebd.: 120)1.

Ihren Anfang nahm die wissenschaftliche Globalisierungsdebatte im Wesentlichen zu Beginn der 1990er-Jahre, wenngleich einzelne Vorreiter den Begriff schon zuvor verwendeten - damals jedoch noch häufig bezogen auf einzelne eng umrissene Bereiche und nicht auf ein umfassendes, makrosoziologisches Phänomen (vgl. Kessler 2009: 35). Mittlerweile existieren so viele verschiedene Globalisierungs- definitionen und -theorien, sodass der Stand der Forschung nur noch schwer zu überblicken ist.

Aufgrund der Bandbreite der Thematik erscheint es daher zweckmäßig, sich auf einen bestimmten Aspekt des Themas zu beschränken. Konkret möchte diese Arbeit mit den Theorieansätzen der Soziologen Roland Robertson und George Ritzer zwei prominente - und sich zum Teil erheblich widersprechende - Theorien der kulturellen Globalisierung aus der Vielstimmigkeit des sozialwissenschaftlichen Diskurses herausgreifen und gegenüberstellen. Zunächst werden die beiden Theorieansätze in ihren groben Grundzügen skizziert (Kapitel 2 und 3), bevor sie miteinander verglichen und kritisch diskutiert werden (Kapitel 4).

2. Globale Lokalisierung und lokale Globalisierung: Globalisierungsverständnis nach Roland Robertson

Lange bevor sich in den 1990er-Jahren der Begriff „Globalisierung“ zum Modewort entwickelte, hatte ihn der britische Soziologe Roland Robertson bereits ins Zentrum seiner Überlegungen gestellt. Robertson kann somit durchaus als „Pionier einer ex- pliziten Globalisierungstheorie“ (Dürrschmidt 2006: 519) bezeichnet werden, andere Autoren würdigen ihn als „leading globalization theorist“ (Cohen/Kennedy 2000: 24) oder als „key figure in the formalization and specification of the concept of globaliza- tion“ (Waters 1995: 39).

Robertson definiert Globalisierung „as a concept refers both to the compression of the world and the intensification of consciousness of the world as a whole“ (Robert- son 1992: 8) und verfolgt ein Globalisierungsverständnis, das seinen Fokus - im Ge- gensatz zu vielen anderen Theorieansätzen - auf die mikrosoziologische Perspektive legt und im Ergebnis dem Trend einer universalen Welt(-kultur) und einer zuneh- menden Konvergenz widerspricht, wie er zum Beispiel von George Ritzer mit seiner These der McDonaldisierung der Gesellschaft postuliert wird (vgl. Kapitel 3).

Da Globalisierung auch im wissenschaftlichen Diskurs häufig als makrosoziologi- sches, großformatiges Phänomen aufgefasst wird, fehlt oftmals das Bewusstsein da- für, dass Globalisierung zwar ein globales Phänomen ist, allerdings erst im Lokalen empirisch sichtbar wird (vgl. Villányi/Witte 2007: 149). Nach Beck (1997: 91) ist Glo- balisierung „scheinbar das Ganz-Große, das Äußere, das, was am Ende noch dazu- kommt und alles andere erdrückt“, das jedoch erst „im Kleinen, Konkreten, im Ort, im eigenen Leben, in kulturellen Symbolen“ fassbar werde. Daraus wird ersichtlich, dass eine Interdependenz zwischen Globalem und Lokalen, zwischen Globalisierung und Lokalisierung besteht.

Vor diesem Hintergrund schlägt Robertson vor, den Grundbegriff kultureller Globali- sierung durch den der Glokalisierung zu ersetzen. Es handelt sich bei dieser Wort- neuschöpfung, die das Verhältnis zwischen Partikularem und Universellem zum Aus- druck bringen soll, um eine Verbindung der Worte Globalisierung und Lokalisierung.

Aus der Wortsynthese ergeben sich zwei Prozesse: globale Lokalisierung auf der ei- nen und lokale Globalisierung auf der anderen Seite. Als globale Lokalisierung lässt sich der Prozess bezeichnen, der lokal geprägte Kulturelemente global anwendbar macht, indem diese von den spezifischen Besonderheiten der regionalen Kultur be- freit werden. Regionales wird auf diese Weise in die Welt getragen. Entsprechend werden beim entgegengesetzten Prozess der lokalen Globalisierung universalisierte Kulturimporte vor Ort mit Lokalkolorit versehen (vgl. Villányi/Witte 2007: 150).

Globalisierung führt laut Robertson somit weder zu einer eindeutigen Homogenisie- rung, noch zu einer eindeutigen Heterogenisierung der Gesellschaft. Durch die Pro- zesse der globalen Lokalisierung und der lokalen Globalisierung kommt es seiner Ansicht nach vielmehr zu einer „wechselseitigen Vermischung“ (Schwinn 2006: 205) bzw. Hybridisierung, durch die die Welt zunehmend pluralistischer wird. Das Lokale und das Globale schließen sich gegenseitig nicht aus, im Gegenteil: Das Lokale muss immer als fester Bestandteil des Globalen verstanden werden (vgl. Beck 1997: 90). Einflüsse von außen treffen laut Schwinn (2006: 205) nicht auf ein kulturelles Vakuum, sondern immer auf bereits bestehende Kulturformen. Somit ist Beck (1997: 90) zuzustimmen, wenn er anmerkt, dass Globalisierung aus dieser Perspektive auch definiert werden kann als „das Zusammenziehen und Aufeinandertreffen lokaler Kulturen, die in diesem ‚clash of localities’ inhaltlich neu bestimmt werden müssen.“

Kurz: Robertson betont mit seinem Globalisierungs- bzw. Glokalisierungsverständnis die selektive Einbeziehung des Globalen in das Lokale und nicht das Verschwinden von Letzterem, von dem andere Theoretiker - auch Ritzer - gemeinhin ausgehen.

Zwar stellt Robertsons Gedankengebäude keine allumfassende Globalisierungstheorie dar, sondern ist eher „ein kontinuierlicher theoretischer Vorentwurf einer solchen“ (Dürrschmidt 2006: 526). Dennoch hat er mit der Einführung des Begriffs „Glokalisierung“ einen wichtigen Stützpfeiler in die sozialwissenschaftliche Globalisierungsdebatte eingebracht, der im weiteren Forschungsprozess nicht mehr außer Acht gelassen werden kann und der Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen sucht und bietet (vgl. ebd.). So bekräftigt auch Beck mit Blick auf Robertsons neu erschaffenen Globalisierungsbegriff, dass eine Globalisierungssoziologie erst und nur als glokale Kulturforschung empirisch möglich werde (vgl. Beck 1997: 91).

[...]


1 Etwas detailliertere, einführende Annäherungen an den Globalisierungsbegriff bieten z.B. Fäßler 2007: 30-33 oder Brock 2008: 12f.

Details

Seiten
10
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640928781
ISBN (Buch)
9783640928897
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172853
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Max-Weber-Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Glokalisierung Grobalisierung Globalisierung Roland Robertson Robertson George Ritzer Ritzer Gegenüberstellung Vergleich Globalisierungstheorien

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