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Höflichkeitsformen - Entwicklung der Anredepronomina vom Mittelalter bis heute

Hausarbeit 2011 26 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

1) Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit werde ich mich mit der Entwicklung der Höflichkeitsformen vom Mittelalter bis zur heutigen Zeit beschäftigten, wobei der Schwerpunkt auf den Anredepronomina liegen wird. Zuerst werde ich eine Einordnung des Themas vornehmen, damit es dem Leser möglich wird die Zusammenhänge besser zu verstehen. Dabei werde ich kurz das Modell des sprachlichen Zeichens darstellen und den Begriff des Bedeutungswandels erläutern. Auch werde ich auf die pragmatischen Aspekte und die Indirektheit eingehen. Dies ist sehr wichtig, um die Entwicklung und die Veränderungen der Anredepronomina über die Zeit zu verstehen. Im dritten Kapitel werde ich auf die Höflichkeitsakte eingehen und damit einhergehend die unterschiedlichen Formen und Strategien der Höflichkeit beschreiben. Anschließend werde ich die Entwicklung der Höflichkeitsanredepronomina darstellen, welche ich dann im fünften Kapitel anhand von Hartmann von Aues ,Erec’ analysieren und mit den heutigen Höflichkeitsanredepronomina vergleichen werde.

Nach BESCH (1998: 150) kommt das Wort Höflichkeit von ,Hof’. Höflich zu sein bedeutet daher sich so zu benehmen wie am fürstlichen Hof damals. Allerdings war dieses Benehmen durch traditionelle Normen und Umgangsformen der öffentlichen Förmlichkeit bestimmt.

Dieses Verhaltensregelwerk, ehrte die Höhergestellten durch die Niedriggestellten, weswegen Höflichkeit primär „ein Produkt der Hierarchie“ war.

Wie jeder weiß, kann Höflichkeit aber auch Züge von Falschheit annehmen. So tadelt bereits Knigge den Hof, an dem Titelsucht über Würde geht und in bestimmten Höflichkeitsformen nur Prahlerei und Verstellung zu sehen ist. Das Anredearsenal spielt hinsichtlich dieses Gebietes eine bedeutende Rolle. Diese „Hofschranzen-Höflichkeit“ von damals ist heute allerdings nicht mehr gern gesehen und auch längst nicht mehr existent, da ihr sprachliches Inventar immer mehr reduziert worden ist, wie auch in der später dargelegten Entwicklung der höflichen Anrede zu sehen ist.

Das Höflichkeit also von entsprechenden Gebaren am Hof kommt ist die eine Herleitung des Begriffes. Eine andere Erklärung des Phänomens Höflichkeit liefert SCHOPENHAUER (1977: 708/709) in seiner Stachelschwein-Fabel. Für ihn steht fest, dass Höflichkeit existieren muss und auch weiterhin wird, da sie einfach lebensnotwendig ist. Egal, was sich ändern mag, auch die Sprache - das was dem sprechenden Menschen wichtig ist, wird er versuchen zu benennen, auch wenn er es auf eine neue Art tun muss, weil alte Bezeichnungen eines Wortes nicht mehr existent sind oder sich der Sinn dieses Wortes geändert hat (vgl. BESCH 1998: 152).

In Deutschland gibt es andere Anredepronomina wie in anderen Ländern. Denn: „Andere Länder - Andere Anredesitten“. Das japanische zum Beispiel weist ein viel umfangreicheres und vielschichtigeres Anredeinventar auf als das Deutsche. Hinzu kommen hier noch ritualisierte Gestiken und Mimik. Im Gegensatz dazu steht das Englische, wie auch das Kurdische, welche ihre Anredepronomina auf eine einzige Form reduziert haben.

Doch wie haben sich die Höflichkeitsformen der deutschen Sprache über die Jahre entwickelt? Wie kommt es, dass wir heute eine Person Siezen, als sprechen wir mehrere Personen an? Und gibt es einen bereits bemerkbaren Trend, der sich womöglich noch fortsetzt oder sich gar weiter entwickelt?

Diese Entwicklung der deutschen Anredepronomina wird im Folgenden dargestellt und anhand von Hartmanns Aues ,Erec’ geprüft. In einem Exkurs, wird eine kurze Standartbestimmung vorgenommen mit einem Ausblick in die Zukunft.

2) Einordnung des Themas

Um die Entwicklung der Höflichkeitsformen über die Zeit besser zu verstehen ist es wichtig, sich den Aufbau des sprachlichen Zeichens zu betrachten und die Möglichkeiten wie- und die Gründe warum es sich verändern kann. Hierbei spielen der Bedeutungswandel, pragmatische Aspekte, wie auch die Indirektheit eine wichtige Rolle.

2.1) Modell des sprachlichen Zeichens

Zum besseren Verständnis des Themas ist es hilfreich, sich erst einmal das Modell des sprachlichen Zeichens näher zu betrachten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach MORRIS (1972) hat das sprachliche Zeichen unterschiedliche Dimensionen, die durch Beziehungen vernetzt sind. So gibt es die grammatische Beziehung zu anderen sprachlichen Zeichen und die semantische Beziehung zu den realen Gegenständen auf die sie verweisen. Des Weiteren gibt es auch noch eine pragmatische Beziehung, welche auf die Sprachbenutzer verweist. Hier geht es also darum, wie Sprachbenutzer handeln, wie sie die sprachlichen Zeichen (wann und wo) verwenden. Hinsichtlich des angesprochenen Sprachwandels bedeutet dies, dass sich bei den grammatischen Dimensionen die Beziehung von sprachlichen Zeichen untereinander verändern beziehungsweise auf der Dimension des Sprachsystems.

Beim semantischen Wandel verändert sich demnach die „Beziehung zwischen den sprachlichen Zeichen und der außersprachlichen Wirklichkeit“ (NÜBLING 2008: 153).

Die Dimensionen der Grammatik und der Semantik sind beide fest in unserem Sprachsystem integriert weshalb sie auch nur wenig veränderbar oder durch Kommunikationskontexte beeinflussbar sind. Dadurch, dass die pragmatische Dimension aber beim aktiven Sprachhandeln in konkreten Kontexten entsteht, ist sie auch von diesen abhängig und dadurch leicht wandelbar. Denn nur wer zum Sprechzeitpunkt anwesend ist kann verstehen, auf welche Denotate der Sprecher indirekt, zum Beispiel durch gewisse Pronomina, verweist.

In dieser Hausarbeit wird es, wie bereits erwähnt, darum gehen, wie sich das Sprachhandeln über die Zeit verändert - eigentlich Aufgabe der historischen Pragmatik. Deswegen erscheint es auch wichtig sich mit dem Begriff des Bedeutungswandels auseinander zusetzen.

2.2) Bedeutungswandel

Die Bedeutungen der einzelnen Anredepronomina haben sich über die Zeit geändert und damit auch sie selbst. Allerdings ist die Frage warum.

Nach KELLER/ KIRSCHBAUM (2003: 8) unterliegen Sprachen einem kontinuierlichen Wandel. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sich auch die Bedürfnisse der Menschen und Umstände, in denen die Sprache aktiv gebraucht wird, ändern. Deshalb gibt es auch Zeiten, in denen sich eine Sprache mehr oder weniger schnell entwickelt oder in welchen sie sich gar nicht wandelt. Von diesem Sprachwandel sind demzufolge alle Aspekte einer Sprache betroffen, außer natürlich die biologisch determinierten. Es können sich sowohl die Struktur und die Regeln einer Sprache verändern wie auch der Wortschatz dieser. Deswegen kann man sagen, dass die vom Sprachwandel betroffenen, veränderbaren, kulturell bedingten Aspekte nicht nur den sprachlichen Bereich, sondern auch deren Semantik betreffen.

Dieser Sprachwandel ist allerdings nichts, was wir Menschen absichtlich oder gar bewusst betreiben. Wir können den Sprachwandel weder anhalten noch beschleunigen. Denn wie bereits oben aufgeführt, gibt es gewisse Faktoren, wie gesellschaftliche Umstände oder unterschiedliche Bedürfnisse der Menschen, die diesen beeinflussen und weitertragen. Niemand interessiert sich indem Moment, indem er spricht für das Schicksal der Sprache, sondern er versucht seine kommunikativen Ziele möglichst optimal zu verwirklichen. Deswegen hat jeder Sprachwandel letztlich auch seinen Ursprung darin, dass sprachliche Zeichen in gewissen Kommunikationssituationen auf neue Art benutzt werden und auch benutzt werden müssen um eben seine eigene kommunikative Intention zu erfüllen.

Der Bedeutungswandel eines Wortes hängt also auch mit dem Wandel seines Gebrauchs zusammen. Daraus ergibt sich, dass die Bedeutung eines Wortes nicht nur die Vorstellung davon ist, sondern auch die Regel seines Gebrauchs in der Sprache. Das was ein Sprecher in einer bestimmten Situation mit der Verwendung des Wortes meint, ist also dann sein Sinn, die Bedeutung des Wortes. Denn gerade von Pronomina, lässt sich nur schwer eine Vorstellung in unserem Kopf bilden. Während man bei dem Wort Haus oder grün direkt eine genaue Vorstellung des Wortes hat, ist die Bedeutung von geil[1] oder von den Pronomina nur durch ihren Gebrauch festzumachen. Diese Regeln (Konventionen) des Gebrauchs eines Wortes lernt man, wenn man die Sprache lernt.

Folglich kann man sagen, dass der Sprach- wie auch Bedeutungswandel ein unbeabsichtigter Nebeneffekt in unserer alltäglichen Kommunikation ist. Und dadurch, dass die höfliche Anrede ein integraler Bestandteil der sozialen Praxis ist, „ist der Bedeutungswandel der Ausdrücke, mit denen angeredet wird, auch eine Form des sozialen Wandels“ (FRITZ 2005: 171).

2.3) Pragmatische Aspekte

Wie bereits erwähnt, werde ich in meiner Hausarbeit, bei der es um die Entwicklung der Höflichkeit geht, vor allem auf die Entwicklung beziehungsweise Veränderung der Anredepronomina eingehen.

Nach NÜBLING (2008: 159) ist die pronominale Anrede Teil der Personaldeixis, da sie deiktisch auf die Adressaten verweist. Das heißt, dass man mit Hilfe der Personalpronomen, die man zur höflichen Anrede gebraucht, im Sprechakt auf andere Mitspieler verweist - also „auf die Sprecherrolle (ich, wir), die Adressatenrolle (du, ihr, sie) und die Rolle Unbeteiligter (er, sie, es, sie (Pl.)).“

Viele Sprachen, wie auch die Deutsche, machen eine Unterscheidung innerhalb der Anrede zwischen höflich-respektvollen und normalen Anredemitteln. Das soziale Koordinatensystem, anhand welchem man sich für eine Art der Anrede, entweder formell oder informell, entscheidet ist dabei der Kontext, also die Kommunikationssituation. Der Kontext, in welchem man sich zum Zeitpunkt der Kommunikation befindet, sei sie mündlich oder schriftlich, steuert also meine Entscheidung insofern, welche höflichkeitsanzeigenden Mittel ich wähle. Allerdings ist es hierbei absolut notwendig, dass die Sprachbenutzer ein gewisses Hintergrundwissen über soziale Konventionen und Beziehungen aufweisen, da es sonst schwer fällt, sich in diesem komplexen System der Anredeformen zurechtzufinden.

Die Regeln des Duzens und Siezens sind aber nicht nur durch den Kontext einer Kommunikation bestimmt, sondern auch durch soziale Variablen wie Sozialstatus, Alter und Geschlecht. Je nachdem in welcher Sprachgemeinschaft man sich befindet, haben diese Variablen unterschiedliches Gewicht. So ist zum Beispiel in der japanischen Sprache das Geschlecht wichtiger als im Deutschen.

Dadurch, dass die Anrede durch den sozialen Kontext der Gesprächsteilnehmer gesteuert wird, spricht man nach LEVINSON (2000: 97-102) auch von Sozialdeixis. Je nachdem in welcher Situation ich mich befinde, werde ich andere deiktische Mittel, in diesem Fall eben die Personalpronomina, anwenden. BESCH’s (2003: 2601) 4-W-Grundfrage bringt es auf den Punkt: Wer redet wen in welcher Situation wie an?

Letztlich wird das Anredeverhalten durch die Höflichkeit gesteuert, da sie das eigentliche „Motiv für die Verwendung indirekter Aufforderungen ist“(MEIBAUER 2001: 114). Deshalb spricht man nach MEIBAUER (2001: 114) bei der Höflichkeit auch von einem pragmatischen Phänomen. Denn es ist ein Unterschied ob ich meinem Kommunikationspartner sozial nahe stehe und mich informell ausdrücke, wie zum Beispiel: 1) Holst du mich vom Flughafen ab? oder ob ich ihm gegenüber in einer gewissen sozialen Distanz stehe und mich formell auszudrücken versuche: 2) Könntest du mich vielleicht vom Flughafen abholen? (vgl. MEIBAUER 2001: 115)

2.4) Indirektheit

Nach MEIBAUER (2001: 116) sind die Indirektheit und Nichtwörtlichkeit vielfach benutzbare Ausdrucksweisen und damit „reale Phänomene der Sprachverwendung“ in der alltäglichen sprachlichen Kommunikation. Nicht nur wegen der Häufigkeit ihres Vorkommens, sondern auch wegen ihrer Bedeutsamkeit und Leistung sind sie als ein Grundphänomen sprachlicher Kommunikation aufzufassen. Indirektheit ist aber keine Funktion oder Eigenschaft eines Sprachsystems, sondern ein erst durch den Gebrauch sprachlicher Mittel entstehendes, kommunikationsspezifisches Phänomen. Denn keine grammatische Konstruktion ist von Natur aus indirekt.

Indirektheit kann nur zustande kommen und wahrgenommen werden, wenn alle Kommunikationsfaktoren beteiligt sind. Dies sind zum einen pragmatische Faktoren, wie Sprecherintention(en), Sprecher- und Hörerannahmen zum Beispiel, aber auch sprachliche Faktoren und das Vorwissen darüber.

In der Anfangsphase der Sprechakttheorie wurde die Rolle der Indirektheit fast ausschließlich auf der Beziehungsebene betrachtet. Dabei wurde die Höflichkeit als das eigentliche Motiv der Indirektheit angenommen. Diese Ansicht ist nicht unbegründet, denn sicherlich kann man die „Diskrepanz zwischen sprachlichem Indikator und tatsächlicher Illokution“ (PARK 2000: 213) mit der Bemühung des Sprechers in Verbindung bringen, eine Gesichtsverletzung seines Gegenübers zu vermeiden, die man durch eine direkte und explizite Ausführung eines Sprechaktes verursachen würde. Auch bemüht sich der Sprecher die verbindlichen sozialen Normen einzuhalten, ohne dadurch das geplante Ziel aus den Augen zu verlieren oder vielleicht sogar zu verfehlen.

Es geht bei der Indirektheit also darum, die Direktheit, als typischen Fall in der Sprechakte zu vermeiden oder die Explizierung der eigenen Intention zu dämpfen. Denn im Falle eines direktiven Sprachgebrauchs könnte die Direktheit eine soziale Bedeutung von Respekt- oder Rücksichtslosigkeit dem Hörer Gegenüber implizieren.

Deshalb kann man weiterhin sagen, dass die Indirektheit quasi eine vorbeugende Maßnahme gegen mögliche Konflikte darstellt, in die man in seinem sozialen Umfeld mit anderen Menschen geraten kann.

Allerdings muss auch gesagt werden, dass nicht alles was sich per Implikatur erschließen lässt, als automatisch höflich gelten muss. Es kann manchmal auch genauso gut das Gegenteil der Fall sein. Die die Indirektheit kennzeichnende pragmatische Eigenschaft des Nicht-Sagens kann in gewissem Sinne als von vornherein höflich wirken. Nämlich dann, wenn der Sprecher dem Hörer überlässt, zu verstehen, was er eigentlich mit seiner Aussage gemeint hat und so die Verantwortung der Deutung seiner Aussage an den Hörer weitergibt. Gegenüber dieser nicht aufdringlichen Ausdrucksweise, kann sie aber jedoch auch unhöflich wirken. Denn der Sprecher kann sich nicht von dem Vorwurf befreien, dass er dem Hörer so viel Interpretationsspielraum lässt und ihm so das Verständnis erschwert.

[...]


[1] Das Wort ,geil’ wandelt über die Jahrhunderte öfter seine Bedeutung. Von ,fröhlich’ , üppiges Wachstum’ geht es über zu ,wild hinter Frauen her sein’ und hat auch in der heutigen Zeit seine Bedeutung erneut erweitert.

Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640928736
ISBN (Buch)
9783640928828
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172838
Note
2.0
Schlagworte
höflichkeitsformen entwicklung anredepronomina mittelalter

Autor

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Titel: Höflichkeitsformen - Entwicklung der Anredepronomina vom Mittelalter bis heute