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Alkoholismus und die Auswirkungen auf die Familie

Hausarbeit 2009 21 Seiten

Soziologie - Medizin und Gesundheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung Abhängigkeit
2.1 Psychische Abhängigkeit
2.2 Körperliche Abhängigkeit

3. Auswirkungen der Sucht auf die Familie
3.1 Beginn des Realisierens
3.1.1 Die Lernphase
3.1.2 Die Suchphase
3.1.3 Die schädliche Phase
3.1.4 Die Fluchtphase
3.2 Co-Abhängigkeit in der Partnerschaft
3.3 Auswirkungen auf die Kinder
3.3.1 Die Rolle des Helden oder der Heldin
3.3.2 Die Rolle des Sündenbocks
3.3.3 Die Rolle des verlorenen Kindes
3.3.4 Die Rolle des Maskottchens

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Alkoholismus wurde erstmals 1774 als „Krankheit des Willens“ bezeichnet und damit zum Gegenstand medizinisch – psychologischer Betrachtung gemacht. Zuvor waren Alkoholprobleme eher als Laster oder gar Teufelswerk moralisch verurteilt und die Betroffenen mit Irren und Verbrechern gleich gesetzt.[1]

Trotz allem herrscht heute eine ambivalente Einstellung gegenüber Alkoholkranken, auch wenn der Alkoholismus seit 1968 gesetzlich als Krankheit anerkannt ist.[2] Doch die Einstellung, dass der Alkoholkranke willentlich trinkt und selber Schuld an seiner Sucht trägt, ist im Denken der Menschen nach wie vor verankert. So wird immer wieder deutlich, dass die Vorstellungen der Allgemeinheit nach wie vor dahin gehen, dass die Alkoholkranken mit Obdachlosen gleichgesetzt werden. Jedoch lebt der Großteil der Alkoholiker im Kreise seiner Familie. Um die Auswirkungen der Sucht mit all ihren Facetten auf die einzelnen Familienmitglieder soll es in dieser Arbeit gehen, weniger um den Alkoholkranken selbst. Zu Beginn wird der Begriff Alkoholismus erklärt und in psychische bzw. körperliche Abhängigkeit unterschieden. Das Hauptaugenmerk soll darauf gelegt werden, wie die engsten Angehörigen mit der Suchtsituation des Alkoholkranken umgehen und welche Strategien sie entwickeln um sich zu schützen, ist doch das Zusammenleben mit einem Abhängigen von Enttäuschungen, Angst und Ungewissheit geprägt. So wird zunächst auf die Partnerschaft eingegangen, darauf wie sich beide Partner trotz der großen Belastungen doch brauchen und bedingen.

Der größte Teil dieser Arbeit beschäftigt sich jedoch mit den Kindern und den spezifischen Rollen die sie annehmen um den inneren Schmerz so gering wie möglich zu halten. Gerade Kinder, die ein großes Gespür für die Stimmungen im eigenen zu Hause haben, sind mit der Alkoholabhängigkeit eines Elternteils überfordert. Sie lernen zu früh erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen, die sie nur überfordern kann. Nur allzu oft werden gerade Kinder aus Suchtfamilien als besonders verantwortungsbewusst und pflegeleicht beschrieben, ohne die Dramatik dahinter zu erkennen. Kinder aus suchtkranken Familien haben Überlebensstrategien entwickelt, die auf den ersten Blick oftmals nur schwer erkennbar sind, für sie aber, selbst nach Austritt aus der Familie, zur Persönlichkeit dazu gehören, dass heißt, sie legen selbst dann ihre, in früher Kindheit erlernten, Abwehrmechanismen nicht ab, wenn sie es könnten.

2. Begriffsbestimmung Abhängigkeit

„Alkoholabhängig ist entweder wer den Konsum von Alkohol nicht beenden kann, ohne dass unangenehme Zustände körperlicher oder psychischer Art eintreten oder wer nicht aufhören kann zu trinken, obwohl er sich und anderen immer wieder erheblichen Schaden zufügt.“[3]

Innerhalb dieser Arbeit werden die Begriffe „Sucht“ und „Abhängigkeit“ als bedeutungsgleich behandelt.

2.1 Psychische Abhängigkeit

Durch die Einnahme des Alkohols werden die Probleme des Alltags vom Betroffenen als unproblematischer wahrgenommen und viele alltägliche Situationen wirken angenehmer. Spricht man von psychischer Abhängigkeit, so werden damit der Wunsch und später das Verlangen gemeint, sich auf das Suchtmittel, in diesem Fall Alkohol, zu stützen, um genau die oben genannte Wirkung zu erzielen. Die psychische Abhängigkeit beginnt schleichend und mit anfangs eher unscheinbaren Ereignissen, wie zum Beispiel das Feststellen, dass man „am Morgen danach“ schlechte Laune hat und den Wunsch verspürt, Mithilfe des Alkohols wieder in Schwung zu kommen und die Laune zu verbessern. Auf den Punkt gebracht, ist die psychische Abhängigkeit die Überzeugung, nur mit dem Suchtmittel einen einigermaßen erträglichen Tagesablauf gestalten zu können.[4] Anders gesagt ist derjenige dann psychisch abhängig, „wenn der Suchtmittelgebrauch zum vorherrschenden Mittel für die Herstellung von Wohlbefinden und für die Bewältigung von Belastungen und Verstimmungen geworden ist.“[5] Hierbei kommt es nicht auf die Tatsache an, ob der Betreffende dieses gierige Verlangen bewusst oder unbewusst registriert.

Schwierig wird es dann, wenn es immer mehr unangenehme und belastende Situationen im Leben und Alltag des Betroffenen gibt, denn dann gewinnt das Suchtmittel mehr und mehr an Bedeutung, gerade eben für das seelische Gleichgewicht. So kann es sein, dass das Selbstwertgefühl des Abhängigen nur dann intakt ist, wenn dieser vorher Alkohol zu sich genommen hat.[6] Mit der Zeit stellen sich Angst und Unwohlsein ein, wenn das Mittel nicht zur Verfügung steht und dies bedeutet, dass der Fokus mehr und mehr darauf gerichtet wird, sich Vorräte anzulegen. Tatsächlich kann es dazu kommen, dass das gesamte Leben danach ausgerichtet wird, den nächsten Schluck zu bekommen.[7] Aus diesem Kreis, der sich immer enger schnürt, entsteht eine gefühlsmäßige Bindung an das Suchtmittel und diese hält weitaus länger als die körperliche Abhängigkeit. Während diese im ein bis dreiwöchigen Entzug zu beseitigen ist, dauert eine Entwöhnung von der psychischen Abhängigkeit bis zu zwei Jahre, zumindest bis diese stabilisiert ist.[8]

2.2 Körperliche Abhängigkeit

Von körperlicher Abhängigkeit spricht man erst dann, wenn Entzugserscheinungen auftreten, auch wenn die Veränderung des Stoffwechsels und die biochemischen Veränderungen im Gehirn sehr viel früher beginnen, wodurch die Trennung von körperlicher und psychischer Abhängigkeit eine recht künstliche ist.[9]

Die körperliche Abhängigkeit ist die Folge eines (zu) häufigen Suchtmittelgebrauchs, wodurch eine Anpassung des Körpers an dieses Suchtmittel entsteht. Dies wiederum führt dazu, dass der Körper mit der Zeit nicht mehr auf das Suchtmittel verzichten kann, will er seine Aufgaben wie gewohnt ausführen. Das Körpergefühl wird also erst dann als normal wahrgenommen, wenn sich der Suchtstoff im Körper befindet. Wird die Droge irgendwann abgebaut und nicht wieder nachgefüllt, kann sich der Körper nicht so schnell umstellen und es kommt zu Entzugserscheinungen: Zittern, starkes Schwitzen, Angst und Unruhe. „Diese Erscheinungen können fast unmerklich mit Schwächegefühlen und Verdauungsstörungen beginnen und sich bis zu einer schweren und lebensgefährlichen Krankheit, dem Delirium[10], steigern.“[11]

3. Auswirkungen der Sucht auf die Familie

Natürlich beeinflusst die Sucht eines Menschen auch und besonders seine Angehörigen und das Zusammenleben in der Familie. Die Abhängigkeit darf nicht als individuelles Problem betrachtet werden, „sondern als ein problematisches Verhalten, das in Interaktion mit anderen Verhaltensweisen steht und das seinerseits von Interaktionen und Veränderungen beeinflusst wird.“[12] Demnach ist Alkoholismus eine Familienkrankheit, die als solche nicht unterschätzt werden darf, v. Villiez formuliert es folgendermaßen: „(die) Krankheit wird (…) als ein strukturelles oder funktionelles Ungleichgewicht der Familie erlebt und nicht (…) als Schwierigkeit aufgefasst, die ein einzelnes Individuum in der Familie erlebt.“[13]

Allgemein kann festgestellt werden, dass eine Familie aus mehreren Teilen besteht, die miteinander verbunden sind und die sich immer wieder selber reguliert und in Gleichgewicht bringt. Das klassische Beispiel dieser Betrachtungsweise ist der Vergleich mit einem Mobile: auch bei einem Mobile geht es darum, dass alle einzelnen Teile versuchen, das „große Ganze“ im Gleichgewicht zu halten. Gerät auch nur ein einziges Teil unter Druck, kommen alle Teile in Bewegung, bis sich schließlich wieder eine neue Balance eingependelt hat.[14] Auch die Familie des Suchtkranken strebt nach diesem Gleichgewicht und auch wenn die Sucht zu einer Kette von Aktionen und Reaktionen führt, wird eine neue Balance gefunden und zwar eine, die an die Abhängigkeit angepasst ist. Diese neu entstandene Balance ist jedoch gefährlich, ist sie doch nur haltbar mit einhergehender, hoher Belastung der Familienmitglieder.[15]

Dieser Prozess, der nun entsteht, nämlich das die Familienmitglieder sich der Sucht anpassen und entsprechend reagieren, wird Co-Abhängigkeit genannt. „Co-Abhängigkeit ist ein Problem- und Bewältigungsmuster, das im Zusammenspiel mit einem suchtkranken Menschen entwickelt wird.“[16] Diese Co-Abhängigkeit beginnt, wenn die Bezugspersonen des Trinkenden alle negativen Folgen des Trinkens tolerieren oder schlimmstenfalls zu verhindern suchen. Denn dann bekommt der Trinkende keine Rückmeldung, dass sein Trinkverhalten Probleme bereitet, ist doch immer wieder jemand da, der seine (durch das trinken entstandene) Probleme abmildert.[17]

Angehörige eines suchtkranken Familienmitgliedes durchlaufen einen Veränderungsprozess, dessen Phasen sich derer gleichen, die der Abhängige durchmacht. Eine wesentliche Rolle in dieser Entwicklung kommt den Gefühlen zu, die durch den Suchtkranken ausgelöst werden.[18] Zum einen das Gefühl der Angst , die durch die ständig unvorhersehbaren Probleme entsteht. In der „nassen“[19] Phase nimmt die Angst überhand, dass dem geliebten Angehörigen etwas passiert, er zum Beispiel mit brennender Zigarette einschläft oder einen Autounfall verursacht. In der „trockenen“[20] Phase ist nach wie vor Angst ein zentrales Thema, nämlich die ständig lauernde Angst, dass es zu einem Rückfall kommt und alles von vorne beginnt.[21] Ein weiteres Gefühl, was alle Angehörigen von Suchtkranken kennen, sind die Schuldgefühle und die Scham . Im Laufe der Zeit beginnen die Familienmitglieder sich gegenseitig bewusst oder unbewusst die Schuld zuzuschieben oder sie werfen sich selbst eine Mitschuld an der Sucht vor, denken, wenn sie anders gehandelt hätten, wäre es nicht soweit gekommen. Das Schamgefühl resultiert aus dem unvermeintlichen peinlichen Verhalten des Betrunkenen. Ebenso zentral ist das Gefühl des Schmerzes , der daraus entsteht, dass die Familienmitglieder mit ansehen müssen, wie ein geliebter Mensch sich verändert. Dieser Veränderung stehen die Angehörigen ohnmächtig gegenüber, was zu (oftmals verletzenden) Streitgesprächen und Diskussionen führt, zum Beispiel über Täuschungs- und Betrugsmanöver des Abhängigen oder über uneingehaltene Versprechen.[22]

Diese Gefühle entwickeln sich zu einem Kreislauf, der zu einer immer enger werdenden Spirale wird. Dahinter steht fast immer die enttäuschte Liebe zur abhängigen Person. Vielen Angehörigen ist es nicht möglich das suchtbedingte Verhalten von der Person zu trennen.[23] Leider führt die Entwicklung in einer suchtkranken Familie oftmals zum Zusammenbruch der Kommunikation und somit dazu, dass die Familie zwar weiterhin zusammen wohnt, aber jeder für sich zu einer einsamen Person wird.[24]

[...]


[1] Vgl. Johannes Lindenberger: Alkoholabhängigkeit. Göttingen (u.a.) 2005, S. 2.

[2] Vgl. ebd.

[3] Johannes Lindenmeyer: Alkoholabhängigkeit. Göttingen (u.a.) 2005, S. 5.

[4] Vgl. Ralf Schneider: Die Suchtfibel. Hohengehren 2001, S. 95.

[5] Ebd.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. ebd., S. 96.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd., S. 93.

[10] „Bezeichnung für eine lebensbedrohliche akute Krankheit, die nach langjährigem Alkoholmissbrauch im Entzug auftreten kann.“, „Es kommt dabei zu schweren Angst- und Unruhestörungen, starkem Zittern und Sinnestäuschungen (z.B. sehen von weißen Mäusen).“, „Bei fehlender Behandlung sterben 20% der Deliranten.“, Ebd., S. 130.

[11] Ebd.

[12] Monika Rennert: Co-Abhängigkeit. Was Sucht für die Familie bedeutet. Freiburg im Breisgau 1990, S. 15.

[13] Thomas v. Villiez: Sucht und Familie. Berlin (u.a.) 1986, S.5.

[14] Vgl. Monika Rennert: Co-Abhängigkeit. Was Sucht für die Familie bedeutet. Freiburg im Breisgau 1990, S. 43.

[15] Vgl. ebd., S. 44.

[16] Ulla Schmalz: Das Maß ist voll. Für Angehörige von Alkoholabhängigen. Bonn 2007, S. 90.

[17] Vgl. ebd., S. 89.

[18] Vgl. Monika Rennert: Co-Abhängigkeit. Was Sucht für die Familie bedeutet. Freiburg im Breisgau 1990, S. 45.

[19] entspricht der Phase, wenn der Alkoholkranke noch trinkt

[20] entspricht der Phase, wenn der Alkoholkranke nicht trinkt

[21] Vgl. Monika Rennert: Co-Abhängigkeit. Was Sucht für die Familie bedeutet. Freiburg im Breisgau 1990, S. 45.

[22] Vgl. ebd., S. 46.

[23] Vgl. ebd., S. 46 f

[24] Vgl. ebd., S. 47.

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640928224
ISBN (Buch)
9783640927906
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172761
Note
1,3
Schlagworte
Alkoholismus Familie Sucht psychosoziale Auswirkungen Familienstruktur Famile Alkohol Erkrankung Familienleben Rollen Kinder Enabler Co-Abhängigkeit

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Titel: Alkoholismus und die Auswirkungen auf die Familie