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Die Grammatik im Kopf - 50 Jahre Revolution und Revision in der Generativen Grammatik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 27 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Phase 1 - Harris, Chomsky und die Transformation

3. Phase 2 - Adäquate Grammatik im Standardmodell

4. Grundgedanken weiterer Entwicklungen
4.1 UG - Grammatik und Genetik
4.2 X’ und move α - einfache Syntax (?)

5. Operation am grammatischen Blinddarm - Das minimalistische Programm

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Was weiss jemand oder hat jemand im Kopf, der eine Sprache, z.B. die deutsche Sprache, beherrscht?“1

Seit nahezu über einem halben Jahrhundert steht diese Frage im Zentrum einer der prominentesten Richtungen moderner grammatiktheoretischer Ansätze. Mit der Veröffentlichung der syntactic structures begründet Noam Chomsky 1957 die Generative Grammatik. Mit seiner Betrachtung der Grammatik, sowie der Sprache überhaupt, geht eine radikale Neuorientierung in der Linguistik einher. Insbesondere die Abwendung vom bis dato vorherrschenden Strukturalismus hin zur Erforschung der Spracherzeugung im Kopf des Menschen, als Ausgangspunkt syntaktischer Untersuchungen an sich, sind wesentliche Eckpunkte des generativen Theoriegerüsts. So revolutionär diese Idee ist, so schwierig stellt sich das Unterfangen auch dar. Günther Grewendorf bezeichnet es in seiner Abhandlung über das linguistische Gesamtwerk Chomskys nicht ohne Hintergrund als Das generative Unternehmen.2 Der universalistische Anspruch der Generativen Grammatik und das Ziel, eine Grammatik zu modellieren, die der kognitiven Realität - d.h. dem tatsächlichen menschlichen Sprachverarbeitungssystem - entspricht, sind sehr hoch gesteckt und stellen den Linguisten vor enorm komplexe Probleme. Jeder Entwurf gab immer auch Anlass zur Kritik. Es ist daher nicht nur der lange Zeitraum, den die Forschung nun schon andauert, sondern vor allem auch die zahlreichen Verwürfe und Neukonzipierungen innerhalb der generativen Theoriebildung, welche die Entwicklungsgeschichte der Generativen Grammatik ungemein prägen. Im Folgenden soll diese Entwicklungsgeschichte von den Anfängen bis zu den neueren Ansätzen skizziert werden. Das Ziel dabei ist nicht, eine umfassende Übersicht jeder einzelnen Phase zu bieten. Vielmehr soll herausgestellt werden, welchen Weg die Generative Grammatik verfolgt und worin sich die Triebkraft der ständigen Weiter- und Neuentwicklungen begründet. Auf die genaue Erläuterung jedes einzelnen Details der verschiedenen Modelle muss aus diesem Grund verzichtet werden. Im Fokus der Darstellung sollen eher die wesentlichen Grundgedanken und Zielsetzungen der jeweiligen Konzeptionen stehen, unter der Fragestellung, welche generelle Programmatik sich daraus ableiten lässt.

2. Phase 1 - Harris, Chomsky und die Transformation

Der Grundstein für die Generative Grammatik wurde in den fünfziger Jahren von Zellig Harris gelegt. Er war der Lehrer Chomskys, ein Hauptvertreter des amerikanischen Strukturalismus, und er führte in den fünfziger Jahren den Transformationsbegriff in der Linguistik ein. Seine Idee bestand darin, dass eine Grammatik nicht nur den strukturellen Aufbau von Sätzen, wie in der Konstituentenstrukturanalyse, sondern auch regelmäßige syntaktische Beziehungen zwischen verschiedenen Sätzen beschreiben sollte.3 Die Ergebnisse, welche der Strukturalismus mit der IC- Analyse bis dahin in der Lage war zu Tage zu fördern, waren aus seiner Sicht noch unzureichend.

Die Nachteile der Distributionsanalyse sind wohl der Grund gewesen, weshalb sie allein - sieht man einmal von der leicht überschaubaren phonologischen Ebene ab - zu relativ wenig praktischen Ergebnissen geführt hat. Deshalb geht Harris selbst einen Schritt weiter von der Distributionsanalyse zur Transformationsanalyse […]4

Diese Weiterentwicklung resultierte aus der Beobachtung, dass zwischen zwei Sätzen, welche den selben Satz an Konstituenten bzw. Distributionen beinhalten, eine formale Beziehung besteht, die Harris als Transformation bezeichnet.5 So ließe sich bspw. von einer Aktivkonstruktion mittels syntaktisch, morphologischer Umformung die äquivalente Passivkonstruktion ableiten. Wobei es sich allerdings im eigentlichen Sinne nicht um eine Ableitung handelt, da die Sätze, zwischen denen Harris transformationelle Beziehungen sieht, bereits gegeben sind. Eine solche Passivtransformation ist in der Abb. 1 schematisch dargestellt. Zwischen dem Aktivsatz Der Arzt untersucht den Patienten und dem äquivalenten Passivsatz Der Patient wird (vom Arzt) untersucht besteht eine transformationelle Beziehung, welche sich durch Regeln erfassen lässt, so wie es unter den Punkten eins bis fünf getan wurde. Die Regeln eins bis drei veranschaulichen die Umformungen bezüglich der Flektionsmerkmale der betreffenden Satzglieder. Aus dem Objekt wird das Subjekt durch den Kasuswechsel vom Akkusativ zum Nominativ. Umgekehrt wird aus dem Subjekt das Objekt durch Umformung der Nominalphrase im Nominativ zu einer Präpositionalphrase im Dativ. Abschließend wird das finite Verb in den Infinitiv gesetzt und mit dem Hilfsverb werden in der entsprechenden Flektionsform verbunden.

Abb. 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Regeln vier und fünf beinhalten nun die Transformationen, mit denen syntaktische Bewegungen markiert werden. Zunächst werden die Satzglieder entsprechend der passivischen Struktur verschoben. Unter viertens wird letztlich vermerkt, dass das Objekt in der Passivstruktur fakultativ ist, d.h. eliminiert werden kann, ohne dass die Grammatikalität des Satzes dabei gestört wäre.

Transformationen unterliegen bei Harris strengen Bedingungen. Da es sich hier noch um Beziehungen zwischen bereits gegebenen Sätzen handelt, muss zwischen Ausgangssatz und transformiertem Satz eine Äquivalenzbeziehung bestehen. „Eine Konstruktion kann nur dann als Transformation einer anderen gelten, wenn beide Konstruktionen den gleichen Bestand an Elementen haben.“6 Daneben ist besonders wichtig, dass sich zwar der grammatische Status des Satzes ändern kann, der semantische Grundgehalt jedoch grundsätzlich erhalten bleiben muss. Es kann durchaus vorkommen, dass zwei Satzstrukturen den selben Morphembestand aufweisen, jedoch eine völlig unterschiedliche Situation beschreiben.

Während eine Passivtransformation, wie im obigen Beispiel, diese Bedingung noch erfüllt, ist dies beim einfachen Austausch von Subjekt und Objekt, wie bei den Sätzen Die Katze frisst die Maus. und Die Maus frisst die Katze.7, meist nicht der Fall. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Transformationskonzeptes von Harris ist die Annahme sogenannter Kernsätze:

Kernsätze sind für Harris die Sätze, deren Struktur die Struktur anderer Sätze erklärt, die aber nicht aus der Struktur anderer Sätze erklärt werden können. Man kann alle Sätze einer Sprache mit Hilfe von Transformationen aus einem Kernsatz oder mehreren Kernsätzen erhalten.8

Das Ergebnis der Überlegungen besteht in einer radikalen Vereinfachung der bisherigen Konzepte grammatischer Strukturanalysen. Die IC- Analyse müsse nunmehr lediglich auf die angenommenen Kernsätze angewandt werden und nicht mehr auf alle Sätze einer Sprache. In Verbindung mit den ermittelten Transformationsregeln ergibt sich einer umfassende Strukturbeschreibung der jeweiligen Sprache.

Chomsky greift die Theorie seines Lehrers auf. Zunächst jedoch entwickelt er seine ganz eigenen Ansichten zu den Aufgaben einer Grammatik, was im weiteren Verlauf zu einer umfassenden Weiterentwicklung des Transformationsgedanken führt. Der wichtigste und zugleich auch revolutionärste Grundgedanke Chomskys ist sein Anspruch an die Grammatik, in der Lage zu sein, Sätze generieren zu können. Seine Grammatik soll nicht nur beschreibungsadäquat sein, sondern v.a. Erklärungsadäquatheit beanspruchen. Hierin begründet sich auch der wesentliche Unterschied zwischen Harris und Chomsky. Wo der Strukturalismus bis dahin lediglich an der Oberfläche konkret vorhandener sprachlicher Daten operierte, soll die Generative Grammatik fähig sein Sätze zu erzeugen. Das Richtungsweisende in diesem Anspruch ist die direkte Verbindung zwischen Grammatiktheorie und realer Lebenspraxis. Die Zielsetzung, welche die Forschung im Bereich der Generativen Grammatik in den folgenden Jahrzehnten bestimmen wird, ist die Nachbildung und somit die Erklärung der menschlichen Sprachkompetenz.

Chomskys Neuerung in der gTG ist die, daß seine Transformationsgrammatik nicht nur die Umformung von Sätzen beschreiben, sondern Sätze generieren, d.h. erzeugen soll. Damit wird versucht, die sprachliche Kompetenz des Sprechers nachzubilden, der in der Lage ist, Sätze zu produzieren und zu verstehen, die er noch nie zuvor gehört hat.9

Ähnlich wie bei der Saussureschen Dichotomie von langue und parole stellt Chomsky die Begriffe Kompetenz und Performanz gegenüber. Der Performanz, d.h. dem Gebrauch von Sprache, liegt demnach eine Kompetenz, d.h. eine bestimmte kognitive Fähigkeit in Form von individuellem Wissen bzw. eines intuitiven Grammatikverständnis beim Sprecher/ Hörer, zu Grunde.

Für die Zwecke dieser Diskussion hier wollen wir jedoch davon ausgehen, daß wir intuitive Kenntnis von den grammatischen Sätzen […] besitzen, und wollen fragen, welche Art von Grammatik die Aufgabe erfüllen kann, diese Sätze in irgendeiner wirksamen und klärenden Weise hervorzubringen.10

Die Generative Grammatik stellt also den Versuch dar, dieses internalisierte Regelwerk in einem Modell nachzubilden. Die Methodik der generativen Theoriebildung hebt sich ebenfalls von bisherigen Herangehensweisen ab. Es wird nicht mehr direkt vom Objekt ausgegangen, sondern es werden Hypothesen über das Regelwerk angestellt. Diese werden dann erst anhand der sprachlichen Daten verifiziert und notfalls revidiert. Schritt für Schritt nähert man sich damit dem angestrebten Ergebnis. Wie schwierig und langwierig sich dieser Prozess letztendlich darstellt, wurde bereits angedeutet.

Auch Chomsky kann nicht darauf verzichten, für seine Theorie auf die Erkenntnisse des Strukturalismus zurückzugreifen. Für die Generierung von Sätzen bedient er sich zunächst der Phrasenstrukturregeln der IC- Analyse und verbindet sie mit dem Transformationsgedanken seines Lehrers Harris. Abb. 2 zeigt, dass sich schon mit nur drei Phrasenstrukturregeln eine Vielzahl an Sätzen generieren lässt. (2’) stellt eine sog. rekursive Regel dar. Durch die Möglichkeit, innerhalb der Nominalphrase eine weitere Nominalphrase einzusetzen, ist sie immer wieder auf sich selbst anwendbar. Dadurch wird die Anzahl möglicher generierbarer Sätze theoretisch ins Unendliche potenziert.

[...]


1 Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 5., erweiterte Auflage. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2004. S. 103.

2 Vgl. Günther Grewendorf: Noam Chomsky. München: Beck Verlag 2006. S. 111.

3 Vgl. Ursula Klenk: Generative Syntax. Tübingen: Gunter Narr Verlag 2003. S.71.

4 Gerhard Helbig: Geschichte der neueren Sprachwissenschaft. Unter dem besonderen Aspekt der Grammatik- Theorie. Unveränderter Nachdruck der 1. Auflage. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut 1973. S. 261.

5 Vgl. ebd.

6 Ebd.

7 Vgl. ebd. S. 262.

8 Ebd. S. 264.

9 Christa Dürscheid: Modelle der Satzanalyse. Überblick und Vergleich. Hürth- Efferen: Gabel Verlag 1991 (Kölner Linguistische Arbeiten - Germanistik. Hrsg. von Heinz Vater 26). S. 29.

10 Noam Chomsky: Strukturen der Syntax. deutsche Übersetzung von Klaus- Peter- Lange. Paris: The Hague 1973. S. 15.

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640927616
ISBN (Buch)
9783640927418
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172723
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Generative Grammatik Phrasenstrukturgrammatik Chomsky Universalgrammatik minimalistische Programm Lexikon

Autor

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