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Exegese zu Gen 11,1-9 (Turmbau zu Babel)

Hausarbeit 2008 22 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Übersetzung

III Textkritik

IV Literarkritik
a) Sprachlich-syntaktische Analyse
b) Semantische Analyse
c) Narrative Analyse
d) Pragmatische Analyse

V Traditionsgeschichte

VI Formgeschichte

VII Überlieferungsgeschichte

VIII Redaktionsgeschichte

IX Theologische Reflexion

X Literaturverzeichnis

I Einleitung

Die historisch-kritische Exegese beschäftigt sich mit der Analyse und Interpretation eines biblischen Textes. Ziel ist es, den Text „ als Geschehen [zu] verstehen, in dem geschichtliche und soziale Bedingungen, geistige Vorprägungen, Erfahrungen, Impulse, Zielvorstellungen des Verfassers, Eigenart der Adressaten in einem lebendigen Vorgang zu der vorliegenden sprachlichen Äußerung einschließlich ihres >ungesagten Sinnhorizontes< (H.-G. Gadamer) führen.“[1]

Zur Aufschlüsselung der von mir verwendeten Abkürzungen verweise ich auf: Schwertner, Siegfried M., Internationales Abkürzungsverzeichnis für Theologie und Grenzgebiete (IATG), 2. Auflage, Berlin 1992.

II Übersetzung

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. 5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.

7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.[2]

III Textkritik

Die Textkritik versucht anhand der vorhandenen Textzeugen den vermutlich ursprünglichen Text zu rekonstruieren, ihn also von nachträglichen Ergänzungen o.ä. zu befreien. Dafür werde ich zunächst den masoretischen Text mit der Septuaginta[3] und anschließend mit dem Targum[4] vergleichen.

In V. 1 liest die LXX hinter „und da war eine Sprache“ noch „für alle“. Nach der Regel „lectio brevior potior“[5] ist davon auszugehen, dass der MT den ursprünglichen Text bewahrt hat. Die Lesart der LXX soll möglicherweise verdeutlichen, dass alle Menschen der Welt dieselbe Sprache sprachen. Es war also eine Verständigung untereinander ohne Schwierigkeiten möglich. Das Hinzufügen diente folglich der besonderen Hervorhebung des gegenseitigen Verstehens.

In V. 8 befindet sich in der LXX nach „sie hörten auf die Stadt zu bauen“ noch der Zusatz „und den Turm“. Auch hier ist wohl der kürzeren Variante der Vorzug zu geben, so dass davon auszugehen ist, dass der MT die ursprüngliche Lesart bewahrt hat. Die Lesart der LXX wird von Seebass als Glättung aufgefasst.[6] Dieser Ansicht schließe ich mich an, denn es geht neben dem Stadtbau ebenso um den Turmbau. „Die Änderung musste um so näher liegen, als die Interpretationsgeschichte von Gen 11,1-9 in zunehmendem Masse das Thema des ‚Turmbaus’ gegenüber dem ursprünglich dominierenden vom Bau der >Stadt< favorisierte“.[7]

In V. 9a übersetzt die LXX den Stadtnamen „Babel“ mit dem hebräischen Wort balal („Verwirrung“),[8] im MT fehlt eine solche Übersetzung. Nach der Regel „lectio difficilior probabilior“[9] ist davon auszugehen, dass der MT den ursprünglichen Text bildet. So sollte die Übersetzung von „Babel“ wahrscheinlich den griechischen Lesern der LXX das hebräische Wort erklären, während für die hebräischen Leser des MT eine Übersetzung nicht notwendig war.

In V. 9b befindet sich in der LXX hinter „Herr“ noch der Zusatz „Gott“. Auch hier greift wohl die o.g. Regel, so dass „Gott“ als spätere Ergänzung betrachtet werden darf und nicht ursprünglich ist. „Der Zusatz […] unterstreicht […] die Differenz zwischen dem vermessenen Projekt der >Menschensöhne< und dem machtvollen Handeln Gottes.“[10] Gottes Macht wird also durch das Stilmittel Hendiadyoin betont. Er allein ist es, der die Stärke besitzt die Sprache der Menschen zu verwirren, so dass eine Verständigung untereinander nicht mehr möglich ist und die Menschen vom Turmbau ablassen müssen.

Der Targum liest anders als der MT in V. 1 vor „Sprache“ noch zusätzlich „eine Art von“. Auch hier ist wohl die kürzere Variante des MT vorzugswürdig: Die Ergänzung sollte vermutlich betonen, dass es sich um ein und dieselbe Sprache handelte.

In V. 2 ergänzt der Targum ebenfalls den MT: So beginnt der Satz mit „Und es passierte“. Hier greift ebenfalls die Regel „lectio brevior potior“ und es ist davon auszugehen, dass der MT die ursprüngliche Lesart wiedergibt. Wahrscheinlich sollte so Spannung erzeugt und das weitere Geschehen angedeutet werden. Die Phrase „Und es passierte“ sensibilisiert den Leser für die -möglicherweise unerwartete- Wendung der Erzählung: Gott verhindert die Vollendung des Bauwerks, indem er die Sprachen der Menschen verwirrt.

Außerdem weicht in V. 2 die Bezeichnung des Landes „Babylon“ im Targum von der im MT ab, denn dort heißt es „im Lande Schinar“. Hier greift keine Regel, da Babylon im Land Schinar liegt (vgl. Gen 10,10). Der Redaktor des Targums greift sich Babylon stellvertretend für das Land Schinar heraus -vermutlich wegen der am Ende stehenden Namensätiologie. Diese Erklärung macht wahrscheinlich, dass der MT die ursprüngliche Lesart bildet. Durch eine redaktionelle Bearbeitung des Targums sollte später eine genaue Lokalisierung vorgenommen und eine Verbindung zu der Namensätiologie in V. 9 geschaffen werden.

In V. 5 liest der Targum anstelle vom masoretischen „Da fuhr der HERR hernieder“ „Und der Herr enthüllte sich selbst“. Hier halte ich eine absichtliche Veränderung des vorliegenden Textes für wahrscheinlich. Es ist davon auszugehen, dass der MT die ursprüngliche Lesart bewahrt hat. Die Veränderung im Targum sollte wohl einer zu anthropomorphen Vorstellung Gottes vorbeugen[11] ; ein Mensch fährt, Gott aber „enthüllt sich“.

Auch die Addition im Targum in V. 5 „im Zusammenhang mit der Arbeit“ hinter „Und der Herr enthüllte sich selbst“ und die Veränderung in V. 7 „Kommt, lasst uns uns selbst enthüllen“ statt des masoretischen „Wohlauf, lasst uns herniederfahren“ in V. 7 dienten der Vermeidung der Anthropomorphismen.[12]

IV Literarkritik

Die Literarkritik untersucht einen (biblischen) Text im Hinblick auf seine Entstehungsgeschichte und versucht verschiedene Textschichten voneinander abzugrenzen und diese in ein Entstehungsverhältnis zueinander zu setzen.

Diese Bibelstelle bildet den Abschluss der jahwistischen Urgeschichte, die die Kapitel Gen 1-11 umfasst.[13] In ihr wird zum letzten Mal die gesamte Menschheit thematisiert, bevor in der folgenden Vätergeschichte ein einzelnes Volk in den Fokus rückt. Gen 11,1-9 kann demnach als Überleitung zur Vätergeschichte gesehen werden, da die Entstehung der verschiedenen Völker erklärt wird. Auf das Schicksal eines Stammes geht das Buch Exodus näher ein, indem es von Gott und seinem Volk Israel berichtet.

Für Weiser steht fest, dass der Text nach vorne und hinten deutlich abgegrenzt und nicht in den Kontext eingebunden ist. „Es fehlt jeder äußere Zusammenhang mit der vorausgegangenen Völkertafel, die ja schon von Einzelvölkern gesprochen und gar das geschichtliche Babylon schon erwähnt hat (1.Mose 10,10).“[14] Jacob vertritt die Gegenthese, dass sehr wohl eine Beziehung zwischen den beiden Kapiteln bestehe. In Gen 10 werde die Fortpflanzung von einer Generation zur nächsten beschrieben, die jedoch weder eine Erklärung für die Verteilung der Menschen in alle Länder liefere, noch begründe, wie die verschiedenen Sprachen und Völker entstanden seien. Hieraus zieht Jacob die Schlussfolgerung, dass die beiden Kapitel sich ergänzen sollen.[15] Voraussetzung für die beiden Erzählungen sei die Flutgeschichte, in der Gott bei der Segnung Noahs und seiner Söhne zwei Befehle erteilt: 1. „Seid fruchtbar und mehret euch“ sowie 2. „und füllet die Erde“. Auf die Ausführung dieser Aufträge gehen Gen 10 und Gen 11,1-9 ein.[16] Für den Zusammenhang der beiden Erzählungen spricht außerdem, dass in Gen 11,1-9 keine Neueinführung der Personen erfolgt und weiterhin das Personalpronomen „sie“ (V. 2) für alle Menschen verwendet wird. Die Argumente für einen Zusammenhang der Kapitel 10 und 11 wiegen in meinen Augen schwerer, so dass ich mich Jacobs These anschließe.

a) Sprachlich-syntaktische Analyse

Im Text lässt sich ein bestimmtes Vorzugsvokabular erkennen; so werden in V. 3f. Fachwörter aus dem Bauwesen verwendet (V. 3: „Ziegel“, „streichen“, „brennen“, „Stein“, „Erdharz“, „Mörtel“, V. 4: „Stadt“, „Turm“, „bauen“). Neben dem Substantiv Erdharz, das im AT nur selten vorkommt, ist das Wort Mörtel sogar ein Hapaxlegomena.

Die sprachlich-syntaktische Analyse gibt außerdem zu erkennen, dass sich durch den ganzen Text folgende Handlungsverben ziehen: V. 2: „zogen“, „fanden“, V. 3: „streichen“, „brennen“, V. 4: „bauen“, V. 5: „fuhr […] hernieder“, V. 8: „zerstreute“. Nach Becker ist dies ein Anzeichen dafür, dass eine Erzählung vorliegt[17], was hier meines Erachtens auch der Fall ist. Für diese Zuordnung spricht außerdem, dass der vorliegende Text Anfang (V. 1 „Es hatte aber…“) und Ende (V. 9 „Daher heißt ihr Name Babel…“) aufweist und eine zeitliche Abfolge schildert.

Der Text ist in den V. 1-4a vorrangig parataktisch verfasst, so werden viele koordinierende Konjunktionen wie „und“ (V. 2f.4a) verwendet. Die V. 5-9 hingegen weisen einen hypotaktischen Stil auf, der sich vor allem durch die Konjunktionalsätze in den V. 5.7.8 charakterisiert. V. 1f. sind asyndetisch.

b) Semantische Analyse

Wie bereits in der sprachlich-syntaktischen Analyse dargelegt, ist in den V. 3.4 das Wortfeld „bauen“ mit den o.g. Beispielen zu finden. Ein weiteres Wortfeld existiert in V. 7 zum Thema „Verwirrung“ („Sprache“, „verwirren“, „verstehe“). Der Leser wird mit Hilfe der zwei Wortfelder durch den Text geführt und ist sich nach der Lektüre des Textes über die Botschaft im Klaren. In V. 4 befindet sich allerdings ein Gedankensprung. Während es in V. 4a um den Turmbau geht, dessen Ziel es sein soll, sich einen Namen zu machen, wird in V. 4b die Befürchtung der Menschen genannt, in alle Länder zerstreut zu werden. V. 4b bezieht sich semantisch auf das Vorhaben Gottes („Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe“), von dem allerdings erst in V. 7 die Rede ist. Es findet sich also in V. 4b eine Vorwegnahme des Folgenden.

[...]


[1] Steck, O., Exegese, 3.

[2] Lutherbibel, Gen 11, 1-9.

[3] Pietersma, A., Wright, B., Translation, 12.

[4] Aberbach, M., Grossfeld, B., Targum, 72-74.

[5] „In der Überlieferung besteht die Tendenz, einen schwer verständlichen Text durch erklärende oder korrigierende Zusätze zu erweitern.“ Becker, U., Exegese, 36.

[6] Vgl. Seebass, H., Urgeschichte, 270, Anm. f.

[7] Uehlinger, C., Weltreich, 18.

[8] Vgl. Soden, W., Art. Babylon, RGG, 808.

[9] „Die Erfahrung zeigt, daß ein anstößiger, schwieriger Text im Laufe der Textüberlieferung eher vereinfacht, erleichtert wird als umgekehrt.“ Becker, U., Exegese, 36.

[10] Uehlinger, C., Weltreich, 19.

[11] Vgl. Aberbach, M., Grossfeld, B., Targum, 74, Anm. 7. Targum und LXX “vermeiden in der Regel anthropomorphe Darstellungen der Gottheit”. Veltri, G., Art. Anthropomorphismus, RGG, 525.

[12] Vgl. Aberbach, M., Grossfeld, B., Targum, 75, Anm. 8.

[13] Vgl. Westermann, C., Bibelkunde, 23. Vgl. ebenso Weiser, A., Buch Mose, 112.

[14] Vgl. Weiser, A., Buch Mose, 113.

[15] Vgl. Jacob, B., Genesis, 303.

[16] Vgl. Jacob, B., Genesis, 304.

[17] Vgl. Becker, U., Exegese, 58f.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640927562
ISBN (Buch)
9783640927272
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172716
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Evangelisch-Theologische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Exegese Turmbau zu Babel

Autor

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Titel: Exegese zu Gen 11,1-9 (Turmbau zu Babel)