Lade Inhalt...

Tatort Stadion - Wandlung der Zuschauergewalt im Profifußball

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsabgrenzung Gewalt

3. Fußball im historischen Wandel
3.1 Die Wiege des modernen Fußballs
3.2 Fußball als Kriegsspiel
3.3 Veränderung der Rahmenbedingungen im Fußball

4. Zuschauer
4.1 Fan und Identifikation
4.2 Zuschauertypologie
4.2.1 Soziokultureller Wandel
4.2.2 Kategorisierungsansätze
4.2.3 Hooligan
4.2.4 Ultra
4.2.5 Gewalt und Feindbilder

5. Politik und Fußball - Eine Analogie

6. Lösungsansätze und Strategien

7. Fazit

1. Einleitung

Fußball ist mehr als ein Spiel. Über den Fußball haben sich ganze Nationen definiert und sich mit ihm identifiziert. Mit Fußball-Ereignissen lassen sich Entwicklungen in Politik und Gesellschaft verknüpfen. Fußball ist auch ein globales Phänomen. Weltweit wird das Spiel nach denselben Regeln gespielt und steht jenseits sozialer, politischer oder ökonomischer Schranken für alle offen. Dietrich Schulze-Marmeling beschrieb die Konsenskraft des Fußballs so: „Die Sprache des Fußballs ist universell, jeder kennt und beherrscht sie. Fußball vereint den Intellektuellen mit dem Arbeiter, versöhnt für kurze Momente Arm und Reich miteinander und bietet in der sich individualisierenden Welt eines der letzten gemeinsamen Erlebnisse“. (Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, 9) Das heißt jedoch nicht, dass Fußballstadien eine heile Welt wären. Aggression, Intoleranz und Rassismus sind Teil des Fußballs und eine Herausforderung für Politik und Gesellschaft.

Vor dieser Folie soll zunächst die Entstehungsgeschichte des Fußballs nachgezeichnet werden, wobei immer der Fokus auf die Ursache und Wirkung von Zuschauergewalt liegt. Zunächst wird der zugrundeliegende Gewaltbegriff definiert, um diesen vielschichtigen Begriff einzugrenzen und ihn als Basis für die weitere Betrachtung verwenden zu können. Parallel zur Weiterentwicklung des Fußballs und der Rahmenbedingungen verändern sich auch Zuschauergruppierungen hinsichtlich ihrer Zusammensetzung, Motivation, Identifikation und nicht zuletzt auch in ihrem Bezug zu Gewalt. Diese Entwicklung hat vor allen seit der Weltmeisterschaft 2006 an Dynamik gewonnen, denn während Hooligans sowohl in ihrer Zahl als auch in ihrer Bedeutung immer weiter zurückgehen, nehmen zunehmend sogenannte Ultra-Gruppierungen ihren Platz im Stadion und in der öffentlichen Wahrnehmung ein. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, nehmen die Ausdifferenzierung der verschiedenen Fantypen und mögliche Kategorisierungsschemata einen großen Raum in dieser Arbeit ein. Abschließend werden Analogien in Politik und Fußball beleuchtet und Lösungsansätze und Strategien aus dem aktuellen Forschungsbestand ausgewählt und vorgestellt.

2. Begriffsabgrenzung Gewalt

Um die Wandlung der Zuschauergewalt adäquat zu beschreiben, müssen zuerst die verwendeten Begriffe und ihre Bedeutung geklärt werden. Der Gewaltbegriff wird in vielen wissenschaftlichen Disziplinen je nach Untersuchungsziel unterschiedlich definiert. Für die vorliegende Arbeit ist Gewalt sowohl intentionale Verhaltensweise von Menschen, mit der Absicht eine Person oder Sache physisch zu schädigen als auch aggressive Interaktion zwischen Personen oder Personengruppen mittels Sprache, Zeichen, Symbolen oder Gesten. (Vgl. Schwind, 8 ff) Werden Erkenntnisse der Polizei oder der Justiz zitiert, gilt für diese Aussagen der Gewaltbegriff hinsichtlich des Strafrechts, in dem gewalttätiges Handeln die Schädigung oder Gefährdung eines Rechtsguts oder Person voraussetzt. (Vgl. Krey 1986, 15)

3. Fußball im historischen Wandel

3.1 Die Wiege des modernen Fußballs

Die Gründung der Football Assocation (FA) 1863 gilt fraglos als die Geburtsstunde des modernen Fußballs. Das von ihr erarbeitete, einheitliche Regelwerk schaffte die Voraussetzung für eine weltweite Verbreitung des Sports und schaffte eine klare Abgrenzung zum Rugby. (Vgl. Eisenberg 1997, 8 f.) Die neu gegründete FA sorgte mit der Einführung eines Ligensystems und der Stiftung einer Trophäe (FA-Cup) für einen geregelten Spielbetrieb. Daraufhin wurde aus einem Kampfspiel mit regional unterschiedlich ausgeprägten Regeln ein rational organisierter Sport, der überall und von jedem ausgeübt werden konnte. So konnte sich der Fußball ab 1870 auch in Deutschland durchsetzen, obwohl dort keinerlei Tradition des Spiels existierte. (Vgl. Eisenberg 2004 7 f.) In Deutschland war Turnen sehr populär, das durch „Uniformität, Harmonie und Abstraktion“ (Brüggemeier 2006, 9) geprägt war. Der leistungsorientierte Wettkampf war dabei verpönt, ebenso eine herausragende Einzelleistung. Schon damals kritisierten Zeitgenossen die Erstarrung des Turnsports in Ritualen. Der Fußball verkörperte eine attraktive Alternative. „Anstelle einer diffusen Gruppe trat eine klar abgegrenzte Mannschaft, […] die […] den Wettkampf sucht.“ (Ebd. 2006, 9) Fußball bot Möglichkeit, soziale Grenzen zu überwinden und schaffte Identifikationsfiguren. (Ebd. 2006, 13)

3.2 Fußball als Kriegsspiel

„Ein Fußballwettkampf hat Ähnlichkeit mit dem Krieg“, hieß es in einem Lehrbuch des Fußballs im Deutschen Reich 1914 (zitiert nach Heinrich 2000, 37). Im wilhelminischen Kaiserreich galt Fußball als ein probates Mittel, um die Wehrhaftigkeit zu erhöhen. Mannschaftsgeist und Individualität, Disziplin und die Fähigkeit, schnell auf neue Situationen zu reagieren und Entscheidungen zu treffen – nach Meinung des Militärs waren sich die Anforderung des modernen Kriegs und die des Fußballs ähnlich. (Vgl. Brüggemeier 2006, 12) Der Durchbruch des Fußballs zu einem Massenphänomen erfolgte in den 20er Jahren also durch aktive Unterstützung des Militärs. (Vgl. Peiffer/Tobias 1996, 14) Tatsächlich diente der Fußball aber weniger der flächendeckenden Leibesertüchtigung und Erziehung im militärischen Sinne als Ablenkung und Motivation während des Ersten Weltkriegs. Beim Spiel verwischten dabei gesellschaftliche und hierarchische Unterschiede. Besonders eindrucksvoll zeigten die Geschehnisse an der Front Weihnachten 1914 das Potenzial zur Nivellierung von Unterschieden, als die Soldaten ihre Waffen ruhen ließen um mit ihren Feinden gemeinsam Fußball spielten. Auch während der NS-Zeit wurde der Fußball von der Politik vereinnahmt und die Nationalmannschaft gezielt zu ihren Zwecken eingesetzt. So wurden Länderspiele als „Vorstufe eines Krieges zweier Nationen“ gesehen und ein „sportlicher Sieg als Beleg für die Überlegenheit des eigenen Volkes interpretiert“ (Fischer/Lindner 1999, 27) Vor dem Hintergrund der Instrumentalisierung des Fußball durch Militär und Politik und der von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägten Entwicklungsphase ist es nicht verwunderlich, dass viele Begriffe im Fußball martialisch geprägt sind. Zudem wurde auf Druck des Allgemeinen Deutschen Sprachverein englische Ausdrücke durch deutsche ersetzt. (Vgl. Brüggemeier 2006, 12) Die Kriegsmetaphorik reicht dabei vom Flügelangriff über Verteidigungsbollwerk bis hin zum Schuss, dem man, wenn er mit Gewalt geschossen wird, gar als Granate bezeichnet. Jedoch werden diese Begriffe heute losgelöst von ihrer Denotation gebraucht und rekontextualisiert.

3.3 Veränderung der Rahmenbedingungen im Fußball

In Deutschland war lange – anders als in England und dem restlichen Europa – Fußball ein Amateursport. Der Durchbruch des Berufsfußballs erfolgte in den meisten europäischen Ländern Anfang der dreißiger Jahre, also vierzig Jahre später als im Mutterland des Fußballs. Einen Impuls für die Professionalisierung gab die Weltwirtschaftskrise und die damit verbundene Arbeitslosigkeit, die Spieler dazu zwang, ihr Einkommen vollständig durch den Fußball zu bestreiten. Ein anderer Faktor war die erstmals durchgeführte Weltmeisterschaft in Uruguay. Dieser internationale Vergleich erweiterte den internationalen Transfermarkt und führte in finanzschwachen Ländern zu massiven Abwanderungen von Spitzenspielern.“Die Einführung des bezahlten Fußballs war dort nicht zuletzt eine Maßnahme, die Stars im Lande zu halten.“ (Eisenberg 2006, 16 f.) Die Auflösung der Gehaltsobergrenze für Spielergehälter 1974 und die Integration der Vereine in die Freie Marktwirtschaft (die ihren vorläufigen Höhepunkt im Börsengang der Borussia Dortmund im Jahr 2000 fand) brachten den Vereinen neue Einnahmequellen in Form von Trikotwerbung, Merchandising und Rechteverkäufe. Mit steigendem Zuschauerinteresse entstanden auch immer größere Stadien. Mit großen Zuschauermassen sind allerdings auch erhöhte Sicherheitsansprüche an bauliche, polizeiliche, und sicherheitspolitische gestellt. So werden bei internationalen Wettbewerben nur Sitzplätze in den Stadien besetzt und alkoholfreies Bier ausgeschenkt, um die aggressive Stimmung nicht zusätzlich durch Alkoholkonsum zu befeuern. England, das von Fußballtragödien in der Vergangenheit besonders betroffen war, verzichtet auch in der Liga auf Stehplätze, um die Zuschauermassen besser kontrollieren zu können.

4. Zuschauer

4.1 Fan und Identifikation

Die Definitionen und Merkmale, wodurch sich Fans auszeichnen, sind so vielfältig wie die Disziplinen, aus denen sie stammen. Nach Aschenbeck sind Empathie mit der Mannschaft, Solidaritäts- und Gemeinschaftsgefühl, Vereinstreue, äußerliche Zeichen der Zugehörigkeit und Männlichkeitsnormen die entscheidenden Merkmale. Etymologisch geht der Begriff Fan auf das Wort fanum zurück, das mit Tempel übersetzt wird. Der Fußballfan erklärt den Sport also implizit als Heiligtum. (Vgl. Aschbeck 1998, 80-89) In den 30er Jahren bis weit in die 50er Jahre war das Verhältnis von Zuschauer und Spielern von Interaktion geprägt. Dies ging soweit, dass Zuschauer sogar aktiv ins Geschehen eingriffen: „Da stand schon mal einer mit dem Spazierstock – wenn man […] ein schneller Linksaussen war, dann konnte es schon mal passieren, dass [man] mit dem Spazierstock angehalten wurde. Weil die Zuschauer direkt am Platz waren“. (Heinz Bothe zitiert nach Pilz 2005, 6 ff.) Daneben sorgten die hohe Vereinsdichte und die Tatsache, dass sich die Spieler überwiegend aus der Region des Vereins rekrutierten, für ein hohes Maß an Identifikation mit dem Verein. Die Beziehung zwischen Zuschauer und Spieler veränderte sich jedoch in dem Maß, in dem sich der Spielbetrieb und die Vereine selbst weiterentwickelten. Aus den früheren Repräsentanten des Vereins, die mit den Zuschauern die lokale Verwurzelung und einen ähnlichen soziokulturellen Hintergrund teilten, brachte die Professionalisierung einen von Medien geformten Star hervor. “Dessen Grad der Vereinsverbundenheit wird durch den Grad der finanziellen Zuwendung bestimmt. Durch die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs treten Verein und Zuschauer in ein Geschäftsverhältnis. Zwischen Zuschauer und Spieler herrscht heute „ein Verhältnis emotionaler Spannung […], bei der die Pole Verehrung und Verachtung eng beieinander liegen.“ (Hortleder 1974, 68). Wirft man heute einen Blick in die Stadien, so wird schnell deutlich, dass die emotionale Trennung sich auch in einer materiellen Barriere aus Zäunen niederschlägt. Übrig geblieben sind verstümmelte Formen der Identifikation, Formen gleichwohl, die einen realen Kern enthalten.“ (Lindner/Breuer 1979, 167)

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640926725
ISBN (Buch)
9783640926916
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172665
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
Schlagworte
Politik Gewalt Fußball

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Tatort Stadion - Wandlung der Zuschauergewalt im Profifußball