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Eine Untersuchung zur Situation des Rassismus gegen Sinti und Roma nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland

Hausarbeit 2003 20 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Begriffsklärung
2.1 Vorurteile
2.2 Rassismus
2.3 Antiziganismus

3 Überblick über die Geschichte der Sinti und Roma und des Antiziganismus
3.1 Bis 1933
3.2 1933 – 1945
3.3 Ab 1945

4 Hintergründe zur Entstehung des Antiziganismus
4.1 Religiöse Hintergründe
4.2 Politische Hintergründe
4.3 Wirtschaftliche Hintergründe

5 Diskriminierung durch Behörden und Politik nach 1945

6 „Zigeunerbilder“ in der Presse (1990 – 2003)
6.1 Kriminalität und Bettelei
6.2 Primitivität und Hygiene
6.3 Nichtsesshaftigkeit
6.4 Musikalität und Romantik

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

9 Erklärung

1 Einleitung

In der Vorstellungswelt der meisten Deutschen verkörpern „Zigeuner“ wohl Gefahr und Idylle zugleich (Mihok, Widmann 2001, S. 42). Obwohl die wenigsten Menschen in Deutschland persönliche Erfahrungen mit der ethnischen Minderheit der Sinti und Roma haben, werden sie doch zumeist abgelehnt. Nach einer Studie des Emnid-Instituts von 1994 lehnen 68% der Deutschen „Zigeuner“ als Nachbarn ab (Mihok, Widmann 2001, S. 43). Die Vorstellung, wie „Zigeuner“ sind, hat jedoch nichts mit der Realität der Sinti und Roma zu tun und spiegelt nicht ihre Lebensverhältnisse wieder, sondern stellt eine Wiederspiegelung von Ängsten, Vorurteilen und Wünschen der Mehrheitsbevölkerung dar (vgl. Kalkuhl 2002, S. 42; Solms 1998, S. 50). Die Weitergabe dieser „Zigeunerbilder“ und das vermeintliche Wissen um das Leben der Sinti und Roma erfolgt nicht durch eigene Erfahrung, sondern durch Alltagsgespräche, Romane, Opern und Operetten, Filme, Presseberichte usw. (Mihok, Widmann 2001, S. 43).

Die internationale Selbstbezeichnung dieser Minderheit lautet Roma. Es wird geschätzt, dass es insgesamt ca. 10 Mio. Roma gibt, davon in Europa ca. 6 Mio, zum größten Teil in Osteuropa. In Deutschland leben ca. 60.000 Sinti und Roma. Der überwiegende Teil, der in Deutschland Lebenden bezeichnet sich als Sinti. Die Vorfahren der deutschen Sinti werden seit 1400 in Mitteleuropa erwähnt, während die Vorfahren der deutschen Roma zunächst im osteuropäischen Raum beheimatet waren. Sie kamen erstmals vor 80-150 Jahren nach Deutschland. Weitere Einwanderungen gab es vor allem noch zwischen 1950 und 1960, sowie seit der Öffnung der Grenzen 1989. Sowohl Sinti als auch Roma sprechen die aus dem indischen Sanskrit stammende Sprache Romanes. Zwischen Roma und Sinti gibt es geringe kulturelle Unterschiede und Unterschiede im Gebrauch ihrer Sprache Romanes (vgl. Rose 1989, S. 11ff). Romani Rose (1987, S. 11) vergleicht dies mit den Unterschieden zwischen Bayern und Preußen, die trotz ihrer kulturellen und sprachlichen Unterschiede beide deutsche Volksgruppen sind.

Die in Deutschland beheimateten Sinti und Roma sind zum größten Teil deutsche Staatsbürger und entgegen allen Vermutungen der Mehrheitsgesellschaft meistenteils sesshaft (Rose, S. 10).

Ich möchte in dieser Arbeit untersuchen, wie stark der Rassismus gegen Sinti und Roma auch nach Beendigung des 2. Weltkrieges in der Bundesrepublik Deutschland ausgeprägt ist, wobei ich mich nicht auf spektakuläre Vorfälle wie den Wohnheimbrand in Rostock konzentriere, sondern mehr auf den stillen Rassismus, wie er sich auch in der Handlungsweise von Behörden und Politik zeigt. Außerdem möchte ich aufzeigen, wie die Presse Sinti und Roma darstellt und welche Bilder dadurch bei der Mehrheitsbevölkerung erzeugt werden.

2 Begriffsklärung

2.1 Vorurteile

Benita und Thomas Luckmann (1983, S. 13) definieren Vorurteile als „vorgefasste Meinung oder Einstellung gegen oder für eine Person oder einen Gegenstand“. Das Wörterbuch der Soziologie bezeichnet Vorurteile als „nicht systematisch überprüfte Urteile über einzelne Kategorien von Personen“ (in Luckmann 1983, S.13). Werner Fuchs-Heinritz definiert Vorurteile als „verfestigtes, vorgefasstes, durch neue Erfahrungen oder Informationen schwer veränderbares Urteil über Personen, Gruppen, Sachverhalte“ (Lexikon zur Soziologie 1995). Bei Vorurteilen über Fremdgruppen werden Erfahrungen mit einzelnen Mitgliedern generalisiert. Eigene Normen und Wertvorstellungen werden für allgemeingültig gehalten und zum Maßstab des Verhaltens der Anderen gemacht. Dies sichert das eigene Selbstwertgefühl und dient auch dem Zusammenhalt der eigenen Gruppe (Fuchs-Heinritz 1995). Bergmann (2001) unterscheidet zwischen dem Vorurteil im Alltagsverständnis und dem der Vorurteilsforschung. Als Vorurteil wie es die Allgemeinheit versteht, bezeichnet er nicht realitätsgerechte und Gegenargumenten nicht zugängliche Einstellungen über ein Objekt. Diese Einstellungen können sowohl positiv als auch negativ sein. Im Gegensatz dazu bezeichnet die Vorurteilsforschung nur sozial unerwünschte und gegen „anerkannte menschliche Wertvorstellungen“ verstoßende Einstellungen als Vorurteil. Vorurteile sind danach „stabile und konsistent negative Einstellungen gegenüber einer anderen Gruppe bzw. einem Individuum, weil es zu dieser Gruppe gerechnet wird“. Bergmann hält Vorurteile für nur dann für bedeutsam, wenn sie sich in diskriminierendem Verhalten niederschlagen.

2.2 Rassismus

Im Lexikon zur Soziologie wird Rassismus als „weltanschaulich formulierter Glaube an die Höherwertigkeit der eigenen und die Minderwertigkeit der anderen Rassen, sowie an deren Gefährlichkeit für die eigene Rasse“ bezeichnet (Fuchs-Heinritz 1995). Dies setzt jedoch den Glauben an die Existenz von menschlichen Rassen voraus. Die Unesco hat bereits 1978 und 1995, unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Untersuchungen erklärt, dass es keine unterschiedlichen menschlichen Rassen gebe. Miles (1991, S. 106) betont die ideologische Verknüpfung des Rassismus mit anderen Ideologien wie Sexismus und Nationalismus. Als zentrales gemeinsames Merkmal dieser Ideologien nennt er die „falsche Behauptung, es gebe innerhalb der menschlichen Gattung natürliche Unterteilungen, die angeboren und universell seien“.

2.3 Antiziganismus

Antiziganismus ist ein verhältnismäßig neuer Begriff, der seit Beginn der 70er Jahre verwendet wird und vom Begriff des Antisemitismus abgeleitet wurde, sowie die Ähnlichkeit zu diesem betont (Engbring-Romang 2001, S. 1). Für Kalkuhl (2001) ist Antiziganismus die rassistisch begründete Ablehnung von Sinti und Roma. Diese äußert sich sowohl in Diskriminierung als auch in Romantisierung. Wippermann (1989, S. 37) bezeichnet Antiziganismus einfach als Feindschaft gegen Sinti und Roma. Der Begriff des Antiziganismus ist umstritten, hat sich aber in den letzten Jahren durchgesetzt (Engbring-Romang 2001, S. 2). Ich werde ihn in dieser Arbeit als Synonym für Rassismus gegen Sinti und Roma verwenden.

3 Überblick über die Geschichte der Sinti und Roma und des Antiziganismus

3.1 Bis 1933

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts gab es die ersten Einwanderungen von Sinti in deutschsprachige Gebiete. Sie wurden zu diesem Zeitpunkt durchaus mit Neugier von der deutschen Bevölkerung begrüßt (Solms 2002). Ende des 15. Jahrhunderts, zur Zeit des Feldzugs gegen die Türken, änderte sich jedoch die Einstellung. Sinti wurden als „Spione der Türken“ und als „Christenfeinde“ bezeichnet. Sie wurden überall vertrieben und wurden damit recht- und besitzlose Fahrende (Solms 2002). Der 30jährige Krieg lenkte von der Vertreibung der „Zigeuner“ ab. Viele Sinti nahmen als Söldner und sogar als Offiziere am Krieg teil. Nach Beendigung des Krieges verschlechterte sich ihre Lage jedoch wieder dramatisch und sie wurden von da an kriminalisiert und verfolgt (Solms 2002). In der Zeit von 1497 bis 1774 gab es allein in Deutschland 146 Verordnungen, die alle Arten von physischer und psychischer Gewalt gegen Sinti zuließen (Rose 1987, S. 11). Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die ersten Roma aus den osteuropäischen Ländern nach Deutschland. Im 19. Jahrhundert gab es auch vereinzelte Erziehungsprojekte für „Zigeuner“, wie z.B. in Friedrichslohra. Diese scheiterten jedoch meistens (Solms 2002). Mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches 1871 wurde der Druck auf die Minderheit der Sinti und Roma deutlich größer. Durch die Herausbildung eines gut funktionierenden Verwaltungsapparates gab es eine starke polizeiliche Überwachung und strenge Aufentshaltsbeschränkungen (Mihok, Widmann 2001, S. 43). Die aus Osteuropa stammenden Roma wurden abgeschoben und die einheimischen Sinti in ihre Heimatregionen geschickt (Solms 2002). Schließlich wurden sie, ausgehend von Bayern, in ganz Deutschland polizeilich registriert und schließlich ab 1920 in umzäunte Lager verwiesen (Solms 2002).

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Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638218641
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17248
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – FB Kultur- und Sozialwissenschaften
Schlagworte
Eine Untersuchung Situation Rassismus Sinti Roma Bundesrepublik Deutschland

Autor

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