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Dürfen Wissenschaftler Werturteile abgeben?

Max Webers Verständnis von Objektivität und Wertfreiheit in den Sozialwissenschaften

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung

2. Der historische Kontext
2.1 Professoren-Prophetie und das universitäre Umfeld
2.2 Methoden- und Werturteilsstreit

3. Max Webers Wissenschaftslehre
3.1 Der „Objektivitätsaufsatz“ (1904)
3.2 Der „Wertfreiheitsaufsatz“ (1917)
3.3 Wissenschaft als Beruf (1919)

4. Nachwirkung und Rezeption
4.1 Kritik an Webers Prinzip der Wertfreiheit
4.2. Der Positivismusstreit

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung

Über Zweck und Aufgabe von Wissenschaft, insbesondere der Kultur- und Sozialwissenschaften wird seit geraumer Zeit gestritten. Bereits zu Beginn des 20.Jhdt. wurde im sogenannten Werturteilsstreit darüber diskutiert, ob es Aufgabe der Wissenschaft ist praktische Werturteile abzugeben oder nicht. Während den 1960er Jahren wurde diese Frage erneut im sogenannten Positivismusstreit aufgegriffen, bei dem sich unter anderem Popper und Adorno gegenüberstanden. Doch auch in der Gegenwart ist die Frage nach den Werten in der Wissenschaft nicht vollständig geklärt. Immer wieder wird von der Wissenschaft gefordert Antworten auf konkrete Probleme der Politik, der Wirtschaft oder der Gesellschaft zu geben. So wird auch in aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen (z.B. Mindestlöhne, Sterbehilfe oder Armutsbekämpfung) von der Wissenschaft erwartet, „(…) dass sie praktische Empfehlungen und Reformen für Politik und Gesellschaft unterbreiten müsste“ (vgl. Müller 2007: 189). Max Weber war einer der ersten Intellektuellen, der die Vermengung von Fakten und Wertungen in wissenschaftlichen Aussagen ablehnte. Sein Postulat der Werturteilsfreiheit ist Gegenstand dieser Arbeit.

Im ersten Teil der Arbeit soll auf den historischen Kontext von Max Webers Werken eingegangen werden. Zum einen soll auf seine Stellung im „Verein für Sozialpolitik“, in dem der Werturteilsstreit ausgetragen wurde, eingegangen werden. Zum anderen soll das an Universitäten übliche Phänomen der „Professoren-Prophetie“ erläutert werden. Im zweiten Teil soll Max Webers Verständnis von Wissenschaft anhand zweier Aufsätze und eines Vortrags („Wissenschaft als Beruf“) herausgearbeitet werden. Hierbei geht es um das Verhältnis von Fakten und Werturteilen, Prognosen und Gesetzmäßigkeiten in den Sozialwissenschaften und den Sinn der Wertfreiheit. Im letzten Teil soll die Kritik an Max Weber und der Fortgang der Werturteilsdiskussion im Positivismusstreit dargestellt werden, sowie ein Bezug zur Gegenwart hergestellt werden. Damit soll gezeigt werden, dass Max Webers Verständnis von Wertfreiheit in der Wissenschaft auch heute noch Gültigkeit besitzt und in der Lage ist die Fragestellung dieser Arbeit zu beantworten.

2. Der historische Kontext

Max Webers Verständnis von Objektivität und Wertfreiheit gilt zweifellos als grundlegend und sehr bedeutend für die Sozialwissenschaften und das Verständnis von Wissenschaft im Allgemeinen. Zahlreiche Diskussionen schlossen an seine Position an, riefen aber auch Kritik und Widerspruch hervor. Um zu verstehen wie Weber zu seinen Ansichten gelangte, muss zunächst auf den historischen Kontext und einige spezielle Gegebenheiten zu Beginn des 20.Jhdt. eingegangen werden. Zum einen ist dies der Methodenstreit, der später unter Einmischung Webers im Werturteilsstreit im „Verein für Sozialpolitik“ gipfelte. Zum anderen ist das universitäre Umfeld und das Phänomen der „Professoren-Prophetie“ bzw. Kathederwertung ein entscheidender Einflussfaktor für die Herausbildung von Webers Position. Beide Faktoren sollen im Folgenden vorgestellt und ihr Einfluss auf Weber herausgearbeitet werden.

2.1 Professoren-Prophetie und das universitäre Umfeld

Als Max Weber zum Ende des 19.Jhdt. seine Tätigkeit als Professor für Nationalökonomie in Freiburg antrat, stellte sich das universitäre Umfeld deutlich anders dar als heute. Es war nicht ungewöhnlich, dass Professoren in den Hörsälen der Universitäten lehrten, die offen politische Ansichten vertraten und gegen Vertreter anderer Auffassungen wetterten. Dieses als „Professoren-Prophetie“ bekannt gewordene Phänomen ist ein entscheidender Antrieb für Weber die strikte Trennung von Fakten und Werturteilen zu fordern. Sein Postulat für Werturteilsfreiheit richtete sich sowohl gegen Heinrich von Treitschke und andere „Kathederpropheten“ als auch gegen den Zustand des gesamten Hochschulsystems (vgl. Hennis 1996: 127). Treitschke, der vor Weber ebenfalls Nationalökonom in Freiburg war, galt als Antisemit und Gegner von Liberalen und Sozialdemokraten. Er propagierte eine Lehre, nach der Juden durch Assimilation „(…) das jüdische Wesen“ abstreifen und ein „deutsches Wesen“ in sich aufnehmen sollten und schürte damit antisemitisches Denken (vgl. Treitschke 2009). Aber auch weniger extremistische Positionen riefen das Missfallen Webers hervor. Gustav Schmoller beispielsweise, ein Vertreter der historischen Schule in der Ökonomie, galt als sogenannter „Kathedersozialist“. Als solcher vertrat er Werturteile in sozialpolitischen Fragen in der wissenschaftlichen Lehre. Genau dies ist für Weber das „ganz und gar unerträgliche“ Verhalten eines Wissenschaftlers, der so einem Propheten gleichkommt (vgl. Müller 2007: 194f.). An der Person Schmollers tritt aber auch ein grundsätzlicheres Problem zutage, das Hennis (1992: 107) als einen Generationenkonflikt beschreibt. Weber gesteht dieser „Generation der Kathedersozialisten“ für ihre Zeit zwar das Recht auf Kathederwertung zu, betont aber auch deutlich, dass sich dies zu seiner Zeit geändert habe und er ein anderes Verständnis von Wissenschaft anstrebe. Folglich kritisiert er Schmollers Verhalten, der als Berater staatlicher Stellen eine Fähigkeit entwickelt habe die Interessen der Ministerien frühzeitig zu erkennen und diese dann als wissenschaftliche Erkenntnis zu verbreiten (vgl. Hennis 1996: 110ff.).

Das zuvor beschriebene Verhalten einzelner Wissenschaftler ist allerdings ein Spiegelbild eines Selbstverständnisses vieler Wissenschaftler zur damaligen Zeit und des gesamten Hochschulsystems. Lenk (2000: 992) etwa konstatiert, dass der „(…) herrschende Wissenschaftsbetrieb zur Zeit Webers darauf abgestellt war, mit der Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten zugleich jene Normen und Handlungsanweisungen in „wissenschaftlicher“ Verpackung mitzuliefern, die der Aufrechterhaltung obrigkeitsstaatlicher Ordnungen zu dienen hatten (…)“. Vor diesem Hintergrund bezeichnet er Webers Forderung nach Werturteilsfreiheit gar als gesellschaftskritisch, um zu verdeutlichen wie sehr diese Haltung anerkannt war. Daneben gab es aber auch Stimmen, die offen für eine wertende Wissenschaft warben. Paul de Lagarde und Julius Langbehn als Vertreter einer „kulturkritischen“ Richtung kritisierten eine deskriptive und empirische Wissenschaft und sahen die Abgabe von Werturteilen als das Ziel der Wissenschaft an. Ebenso bestritten sie die Existenz jeglicher Objektivität in der Wissenschaft (vgl. Käsler 1979: 189). Betrachtet man diese Gegebenheiten, wird klar, warum Weber sein Postulat aussprach und es auch immer wieder, wie später deutlich wird, so energisch vertrat.

Ein letzter Punkt, der die Entwicklung von Webers Position erklärt, ist sein Verständnis der Tätigkeit eines Hochschullehrers, das sich bereits sehr früh in seiner eigenen Lehrtätigkeit ausgebildet hat. Zu Zeiten des Kaiserreiches sahen einige Gelehrte wie etwa Friedrich Paulsen die Aufgabe der Hochschule darin eine Art „(…) öffentliche[s] Gewissen des Volkes in Absicht auf Gut und Böse in der Politik(…)“ zu sein (zitiert aus Käsler 1979: 189). Dem Hochschullehrer wird aus dieser Sicht also ein erzieherischer Auftrag nahe gelegt. Weber sah dessen Aufgabe aber eher in der Fachschulung, gerade um eigene Ansichten und Werturteile nicht zu sehr einfließen zu lassen und den „Weltanschauungsgehalt der Professorenrolle“ zu verringern. Darüber hinaus soll der Hochschullehrer seinen Studenten viel eher beibringen Tatsachen zunächst anzuerkennen und diese dann von einer eigenen Bewertung zu trennen (vgl. Müller 2007: 194).

2.2 Methoden- und Werturteilsstreit

Aus dem zuvor skizzierten Bild von Wissenschaft und Universität zu Max Webers Zeiten, ergeben sich weitere Entwicklungen, die Webers Position in Bezug auf wissenschaftliche Wertungen geprägt haben. Zum einen ist dies der Methodenstreit, an dem Weber kaum aktiv beteiligt war, mit dem er sich aber stark auseinandersetzte. Zum anderen ist dies der Werturteilsstreit, in dem Weber selbst einer der Protagonisten war und in dem er seine Position bekräftigte.

Als „theoretischen Hintergrund“ für Webers Wertfreiheitspostulat bezeichnet Käsler (1979: 184) die Diskussionen im sogenannten „Methodenstreit“. Dieser Streit in der deutschen Nationalökonomie geht auf die Kontroversen zweier Schulen zurück, die unterschiedliche Methoden und Erkenntnisziele ihrer Fachdisziplin postulieren. Auf der einen Seite steht die „Jüngere Historische Schule“ mit Gustav Schmoller als bekanntestem Vertreter, auf der anderen Seite die „Theoretische Schule“ mit Carl Menger als Vordenker. Die „Historische Schule“ greift dabei auf Konzepte der „Älteren Historischen Schule“ zurück, die sich als erfahrungswissenschaftliche und historisch orientierte Wissenschaft verstand. Auch Schmoller betont die historische Dimension wirtschaftlicher Vorgänge und plädiert für die Beachtung vergangener Ereignisse in der Forschung. Im Selbstverständnis der „Jüngeren Schule“ lag ebenso eine enge Verbindung zu politischen Akteuren. Dieser Dialog zwischen Wissenschaft und Politik institutionalisierte sich 1872 in der Gründung des „Vereins für Sozialpolitik“ (im Folgenden VfS) (vgl. Käsler 1979: 185). Ziel dieses Vereins war zum einen praktische Lösungen in Sachen der Arbeiterfrage zu finden, zum anderen staatlich geförderte empirische Untersuchungen, sogenannte „Enqueten“, durchzuführen, die Aufschluss über bestimmte soziale Gruppen (z.B. Arbeiter) bringen sollten (vgl. Ritsert 1996: 26).

Schmoller und der “Historischen Schule“ gegenüber stand Carl Menger als Vertreter der „Theoretischen Schule“. Dieser sah zwei Richtungen in der Forschung, nämlich eine „empirisch-realistische“ und eine „exakte“. Erstere soll durch Beobachtung Realtypen feststellen, während die exakte Richtung Gesetzmäßigkeiten aufzustellen versucht, die mit den Naturgesetzen der Naturwissenschaft vergleichbar sind. Die Methode der „Theoretischen Schule“ versucht dies durch das Aufstellen von Hypothesen zu erreichen. Die „Historische Schule“ sieht in diesem Vorgehen keinen neuen Erkenntnisgewinn und plädiert für ein deskriptives Vorgehen. Dadurch lassen sich reale Zusammenhänge besser erkennen und Begriffe exakter formuliert werden, im Gegensatz zum hypothetischen Wissen, das von Mengers Schule erzielt wird (vgl. Käsler 1979: 185f.).

Max Weber greift in diesen „Methodenstreit“ kaum ein und nimmt eher die Rolle eines Vermittlers ein. Dennoch beeinflusst diese Kontroverse sein weiteres Denken. Das wird zum einen in seinen Ansichten über die Verzahnung von Wissenschaft und Politik und Gesetzmäßigkeiten in den Sozialwissenschaften deutlich, zum anderen aber auch bei der Betrachtung seiner Position im „Werturteilsstreit“ im VfS. Letzterer steht für den von Käsler (1979: 184) als „organisatorisch“ bezeichneten Hintergrund von Webers Postulat. Anfang des 20.Jhdt. bildeten sich im VfS mehrere Flügel, die eine unterschiedliche Auffassung über dessen Theorie- und Selbstverständnis hatten. Während ein Flügel die enge Verbindung zwischen Wissenschaft und praktischer Sozialpolitik kritisierte und über Theorien und Methoden des Vereins diskutieren wollte, lehnte ein anderer Flügel dies ab und sah „(…) die Hauptaufgabe des Vereins in der Beeinflussung praktischer Sozialpolitik (…)“ (Käsler 1979: 186). Diese Gruppe um Schmoller sah „(…) praktische Zielsetzungen [und] gesellschaftliche Normvorstellungen als einen inneren Bestandteil der Theoriebildung und der Untersuchungsarbeit (…)“ (Ritsert 1996: 26).

Max Webers Eintritt in die Diskussion und der eigentliche Ausbruch des „Werturteilsstreits“ findet 1909 auf einer Tagung des VfS statt. Anlass ist ein Referat von Eugen von Philippovich, der dem Zeitgeist entsprechend Produktivität und Rentabilität öffentlicher und gesellschaftlicher Einrichtungen fordert (vgl. Müller 2007: 190). Hierbei kritisiert Weber einerseits die wissenschaftliche Unbrauchbarkeit des Vortrags, da dieser voller persönlicher Wertungen ist und andererseits die materialistische Grundauffassung, die unreflektiertes Fortschrittsdenken darstellt (vgl. Käsler 1979: 187). Weber drückt seine Kritik in einer Stellungnahme auf einer Tagung des VfS von 1912 aus, die später in einer überarbeiteten Version als „Wertfreiheitsaufsatz“ bekannt wird. Dennoch findet er kaum Mitstreiter für seine Position im VfS (vgl. Ritsert 1996: 27). Aber auch in der von ihm mitgegründeten „Gesellschaft für Soziologie“ stößt Weber nur auf wenig Resonanz. Zwar sind in dessen Statuten „sozialpolitische Propaganda“ und „praktische Ziele“ ausgeschlossen, dennoch treten auch hier immer wieder Diskussionen über praktische Wertungen auf. Dies führt zur Resignation Webers und seinem Ausscheiden aus der „Gesellschaft für Soziologie“ (vgl. Käsler 1979: 188). Die Position als „Außenseiter“ macht deutlich, warum Weber in seinen Schriften immer wieder so scharf für sein Postulat argumentiert und aufs Neue bekräftigt.

3. Max Webers Wissenschaftslehre

Max Webers Verständnis der Aufgaben, Ziele und Ausgestaltung von Wissenschaft und dem Beruf des Wissenschaftlers lassen sich besonders gut in drei Schriften nachvollziehen: Im „Objektivitätsaufsatz“ von 1904, dem „Wertfreiheitsaufsatz“ von 1917 und dem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“.

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Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640924097
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172459
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Max Weber Positivismusstreit Werturteilsstreit Objektivität Wissenschaftstheorie Wissenschaft als Beruf Wertfreiheit Werturteil

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Titel: Dürfen Wissenschaftler Werturteile abgeben?