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Penthesila - Die Problematik des Dritten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Über „das Dritte“
2.1. Geschlechterdiskurs
2.2. Die Protagonisten
2.3. Die Kategorie des Paradoxen

3. Über die Möglichkeit des Dritten
3.1. Amazonengesetz
3.2. Toleranz

4. Über die Unmöglichkeit des Dritten
4.1. Gesetz vs. Gesetz
4.1.1. Spiel im Spiel
4.2. Individuum vs. Gesetz
4.2.1. Penthesileas Tod
4.3. Zum Verständnis des Paradoxen

5. Resümee

6. Bibliographie

1. Einleitung

Bereits nachdem Kleists Penthesilea 1808 erschien, sorgte es für Aufruhr unter den Lesern. Besonders Goethe ist viel zitiert, denn seine harmonischen Vorstellungen von Antike werden im Stück nicht erfüllt, die beschriebene Brutalität entsetzte ihn.[1] Auch die heutige Fachliteratur benutzt Begriffe wie Skandal, Grausamkeit und Orgie[2], der Rezipient scheint überfordert zu sein. Nachvollziehbar wird dies vor allem in der Vielschichtigkeit des Dramas, die Problematiken wie Gewalt, Sexualität, Geschlechterrollen, Politik und Souveränität im Zusammenhang aufwirft und diese mit der „Kategorie des Dritten“[3] zudem übersteigt.

So wie die Figuren im Theaterstück selbst, weiß der Leser mit diesem „Dritten“ kaum etwas anzufangen. Dass es sich hierbei nicht nur um ein drittes Geschlecht handelt, wie es auf den ersten Blick erscheinen könnte, sondern viel tiefgründiger angesetzt wurde, soll im Folgenden analysiert werden. Auch soll geklärt werden, inwiefern diese „Kategorie des Dritten“ möglich und überlebensfähig sein könnte.

2. Über „das Dritte“

Um die Problematik und den Skandal des Dritten zu verstehen, muss in erster Linie geklärt werden, worum es sich dabei überhaupt handelt. Benannt wird es konkret durch Odysseus, der im ersten Auftritt folgende Aussage trifft: „Soviel ich weiß, gibt es in der Natur/ Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes.“[4] Die Gleichung lautet also:

Kraft + Widerstand = Natur

Natur ≠ Drittes

Der Zustand des Dritten ist demnach nicht natürlich und verstößt gegen die Naturgesetze. Diese Vorüberlegung muss getroffen werden, um den Konflikt und den daraus resultierenden Umgang mit allem Dritten nachvollziehen zu können.

Nach Oliver Jahraus ist „das Dritte [...] dasjenige, das von einem Schema, das zwischen zwei Seiten unterscheidet, nicht mehr erfaßt [sic!] werden kann!“[5]

Das Dritte ist nicht die Synthese; das Genuine am Dritten ist die Tatsache, daß [sic!] es sowohl das Erste als auch das Zweite gleichermaßen negiert [...][6]

Im Drama konstituiert sich dies zuerst anhand der Amazonen, die nicht nur die Problematik eines dritten Geschlechts („Zwitterwesen“[7]) implizieren, sondern auch eine andere Gesellschaftsform, anders als die der Griechen und Trojaner, aufweisen. Im kriegerischen Konflikt zwischen Trojanern und Griechen stellen sie eine dritte Kraft dar, die im Bezug zum Helenraub keine Position einnehmen. Sie verfolgen andere Interessen und sind auf keiner Seite außer der eigenen, für die zwei kämpfenden Parteien also nicht einordbar.

Als Nächstes müssen die Protagonisten Penthesilea und Achill in Betracht gezogen werden. Beide brechen mit ihrem Gesetz und werden zuhauf mit Begriffen aus dem semantischen Feld des Wahnsinns betitelt, sowohl von Amazonen als auch Griechen. Beide, insbesondere jedoch Penthesilea stellen einen Widerspruch in sich dar. Dieses Paradox „verletzt die Vorstellung von einem in sich stimmigen Individualkonzept“[8] und soll deshalb noch genauer erörtert werden, immer im Hintergrund des Unnatürlichen.

Beim Dritten kann man also davon ausgehen, dass es sich grundsätzlich von allem natürlich erscheinenden abhebt und in dem Maße anders ist, dass es für Außenstehende kaum mehr kategorisierbar ist.

2.1. Geschlechterdiskurs

Zunächst einmal wird deutlich, dass sich das Amazonenvolk von beiden Geschlechtern, Mann und Frau, unterscheidet. Rein biologisch sind sie zwar Frauen und werden als solche geboren, doch ihr Verhalten weist auch typisch- männliche Muster auf (z.B. kriegerische Handlungen). Sie amputieren die rechte Brust, um Waffen besser tragen zu können. Diese Amputation wird zum Symbol eines dritten Geschlechts, das Merkmale beider Geschlechter sowohl vereint als auch negiert. Dies geschieht folgendermaßen: Durch ihr Gesetz und der damit verbundenen Lebensweise, vereinen sie mütterliche Eigenschaften mit martialischen. Sie ziehen liebevoll ihre weiblichen Kinder groß, männliche werden getötet, müssen sich aber gleichzeitig auch um sämtliche männliche Tätigkeiten, zum Beispiel der Administration des Staates, kümmern. Männer werden ausschließlich zur Fortpflanzung gebraucht, nicht mehr und nicht weniger. Dementsprechend fallen sämtliche Aufgaben innerhalb und außerhalb des Staates an die Frauen, die durch ihr männliches Auftreten die Griechen, die Männer im Drama, verwirren, da diese weder ihre Intentionen noch ihr Gesetz kennen oder verstehen.

Und woher quillt, von wannen ein Gesetz, / Unweiblich, du vergibst mir, unnatürlich, / Dein übrigen Geschlecht der Menschen fremd?[9]

Auf die Griechen wirken sowohl die Amazonen und ihr kriegerisches Verhalten an sich unweiblich und somit unnatürlich, aber auch ihre Staatsform des Matriarchats. Schließlich sind ihnen beide komplett unbekannt und erwecken in ihnen „die Angst [...] vor einem Umsturz des Herrschaftsverhältnisses des Mannes über die Frau und um eine mögliche Umkehrung der Rollen.“[10] Diese Ängste sind auch durchaus berechtigt, wirken doch die Amazonen, und die Tatsache, dass sie kaum einschätzbar sind, sehr bedrohlich. Auch ihre Fähigkeiten auf dem Schlachtfeld tragen dazu bei. Gerade das Bild der verschlingenden (Penthesilea!), kastrierenden Frau erwecken ebendiese „uralten Männerängste“.[11] Unter anderem deshalb, der Punkt „Liebe“ soll vorerst außer Acht gelassen werden, stimmt Achill einem Zweikampf mit Penthesilea zu. Sie hat ihn und seine Männlichkeit herausgefordert. Infolgedessen entbrennt ein wortwörtlich zu nehmender Geschlechterkampf[12], fernab vom ursprünglichen politischen Interesse Achills.

Zusammenfassend wird offensichtlich, dass sich der Konflikt des Dritten, im Bezug auf Geschlechterrollen, sowohl am Zwitterwesen der Amazonen konstituiert als auch und vor allem an der Angst vor der Bedrohung durch das Unbekannte, nicht Einschätzbare, die damit verbunden sind. Ein weiterer Aspekt davon ist die Einschüchterung der Männer durch (über)mächtige Frauen.

2.2. Die Protagonisten

Wie bereits angedeutet unterscheiden sich Penthesilea und Achill von ihrer jeweiligen Gefolgschaft, sogar auf ähnliche Weise. Beide sind ausgesprochen brutal: Achills Verfahren mit Hektor, sowie Penthesileas Einverleibung Achills sprechen für sich. „In ihrer Angriffslust, ihrer Stärke und Entschlossenheit“[13] sind beide gleich. Beide lassen sich sowohl von ihrem sexuellen Begehren als auch militärischer Gewalt[14] leiten und benutzen sogar gleiche Worte um sich gegenseitig, aber auch ihre Taten und Ziele, zu beschreiben.[15]

Die gleiche Wortwahl verweist auf eine innige Übereinstimmung der beiden, die jedoch nicht zu einer harmonischen Verbindung [...] kommen kann, weil keiner von beiden, die weibliche, nämlich die passive, empfangende und hingebende Rolle übernehmen will.[16]

Als Paar, das beide Gesetze und sämtliche damit verbundenen Normen, die der Griechen und die der Amazonen, größtenteils ignoriert, und sich gleichermaßen in Brutalität und Kraft von allen abhebt, bilden sie etwas Drittes. Etwas, das sich im Vergleich zu den anderen Figuren als überragender Superlativ derer Gefühle und Handlungen darstellt. Dies geschieht in einem solchen Ausmaß, dass sie nicht mehr von ihrer Umgebung verstanden werden können und für wahnsinnig erklärt werden.

Die Oberpriesterin. Die Unselige!

Die Erste Priesterin. Verloren ist sie!

Eine Priesterin. Den Erinnyen zum Staub ist ihre Seele hingegeben![17]

Odysseus. Ist dieser Mann bei Sinnen, Sohn des Peleus![18]

Hierbei fällt auf, dass sowohl Griechen als auch Amazonen „einen ähnlichen Wahnsinns- bzw. Sinn- oder Vernunftbegriff“[19] haben. Während Achill und Penthesilea sich nicht mehr gesellschaftskonform verhalten und sozialisierbar sind, vereinen vor allem Odysseus, auf Seiten der Griechen, und die Oberpriesterin, auf Seiten der Amazonen, stellvertretend für ihre jeweilige Staatsform „Sinn“ und „Vernunft“[20]. Trotzdem verkörpern Achill und Penthesilea das Dritte nicht nur weil ihr Verhalten und ihre Ziele Norm abweichend und „unnatürlich“, sowie anders als das der Nebenfiguren sind, sondern auch weil sie in sich widersprüchlich sind und widersprüchlich handeln.

Diese Strukturanalogie ergibt sich [...] durch die Konfrontation mit dem Dritten, das eben nicht als Negation, als Negation der Vernunft oder des Sinns, als das Andere zu verstehen ist. Das Dritte umgreift sowohl auf der Ebene des Textes als auch auf der Ebene seiner Interpretation, Position und Negation. Das Dritte ist eben nicht das Andere der Vernunft oder des Sinns, sondern etwas, was Vernunft und Sinn und ihr Gegenteil übersteigt.[21]

[...]


[1] Appelt, S. 127.

[2] Jahraus, S. 131.

[3] siehe Jahraus.

[4] Kleist, S. 8, Z. 125 ff.

[5] Jahraus, S. 141.

[6] Ebd., S. 136.

[7] Pfeiffer, S. 92.

[8] Jahraus, S. 137.

[9] Kleist, S. 74, Zeile 1902 ff.

[10] Stephan, Da werden Weiber zu Hyänen, S. 33.

[11] Siehe ebd., S. 39.

[12] Ebd., S. 37.

[13] Ebd.

[14] Siehe Jahraus, S. 135.

[15] Siehe Stephan, Da werden Weiber zu Hyänen, S. 38.

[16] Ebd.

[17] Kleist, S. 47, Z. 1231 – 1233.

[18] Ebd., S. 96, Z. 2495.

[19] Jahraus, S. 138.

[20] Siehe ebd.

[21] Ebd., S. 139.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640923267
ISBN (Buch)
9783640922895
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172367
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Kleist Penthesila Cross-Dressing Film Literatur Heinrich von Kleist Gender Studies Geschlechterdiskurs Das Dritte

Autor

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