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Die amerikanisch-chinesischen Beziehungen zwischen 1945 und 1989

Magisterarbeit 2008 83 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Die ersten Jahre nach
1.1 Amerikanische Ansätze zur Chinapolitik im zweiten Weltkrieg
1.2 Die Marshall-Mission
1.3 Der „Verlust" Kontinentalchinas für den Westen und der Sieg Maos

2. Die sino-sowjetische Allianz
2.1 SchwierigerBeginn
2.2 1949:Das Wendejahr
2.3 Das Ende der Allianz

3. Betrachtung einzelner Epochen
3.1 Chinas Eingreifen in den Koreakrieg
3.2 Die Offshore-Krisen und die Entwicklung der amerikanischen „Zwei-China-Politik"
3.3 Der Besuch Nixons in China und die Hinwendung nach Westen
3.4 Aufnahme offizieller Beziehungen unter Carter und Deng Xiaoping

4. Fazit

Literaturliste

Vorwort

Diplomatische Beziehungen entstehen nicht über Nacht. Sie entwickeln sich erst langsam und müssen oft starke Belastungen aushalten. Geprägt werden sie von vielen Faktoren: seien es nun die politische Großwetterlage, wirtschaftliche Turbolenzen oder das Verhältnis der Personen an der Spitze der jeweiligen Regierungen zueinander. Gerade die gegenseitigen Beziehungen großer Länder können oft eine ganze Region beeinflussen. Am Beispiel der amerikanisch-chinesischen Beziehungen lässt sich dies gut verdeutlichen. Wieso ist Amerika heute wieder um seine Position in Asien besorgt? Wieso fürchtet die amerikanische Wirtschaft die chinesische so sehr, und warum beunruhigt die erneute Annäherung Moskaus an Peking die Administration in Washington? Gerade in der Ära des Kalten Krieges haben diplomatische Beziehungen ein besonderes Gewicht. Der Versuch, sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Sowjetunion, die Staaten der Welt in ihr jeweiliges Lager zu ziehen, bestimmte eine ganze Ära und wurde, auf der Suche nach einem Vorteil für die eigene Seite, von beiden oft mit allen Mitteln, egal ob wirtschaftlich, diplomatisch oder kriegerisch geführt. Dabei konzentrieren sich die meisten Studien über „Internationale Beziehungen" auf Afrika, Lateinamerika und Osteuropa. Häufig übersehen wird dabei, dass auch China immer wieder ins Spannungsfeld der beiden Supermächte geriet. Denn nicht erst heute ist China eine Macht in Asien. Und wie die internationalen Truppen, so auch die Amerikaner, in Korea erfahren mussten, eine Kraft, mit der zu rechnen war, sobald sie sich in Bewegung setzte. Es kann also kaum überraschen, dass Washington eine zu enge Allianz zwischen der Sowjetunion mit dem seit 1949 ebenfalls kommunistisch regierten China fürchtete. Denn einer solch kombinierten Kraft hatte man in Asien nichts entgegen zusetzen. Es lag daher also auf der Hand, dass Washington bestrebt war, einen Keil in die Partnerschaft zwischen Moskau und Peking zu treiben und China, wenn es schon nicht ins eigene Lager gezogen werden konnte, so doch zumindest neutralisiert werden sollte.

Aber auch China hatte durch den Systemkonflikt seine Vorteile. Konnte es doch durch geschickte Schaukeldiplomatie mal mit der einen, mal mit der anderen Seite ins Geschäft kommen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den amerikanisch - chinesischen Beziehungen während der Jahre 1945-1989. Sie soll aber keine reine Verlaufsgeschichte sein, sondern, im Hauptteil, anhand ausgewählter Ereignisse in verschiedenen Jahrzehnten analysieren, was sich zur jeweiligen Zeit ereignete, wer die tragenden Persönlichkeiten dabei waren und welchen Einfluss dies auf den Verlauf der gesamten zwischenstaatlichen Beziehungen hatte.

Die Gliederung der Arbeit sieht folgendermaßen aus:

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Ausgangslage der beiden Staaten im Jahre 1945. Es ist wichtig zu zeigen, in welcher Situation die hier zu betrachtenden Staaten sind, da man in beiden unterschiedliche Voraussetzungen findet. Die Vereinigten Staaten, die als Großmacht aus dem Krieg hervorgehen, auf der einen und China, von Japan im Krieg verwüstet, auf der anderen Seite - welche Strömungen herrschen dort und welche Beschlüsse werden im Bezug auf eine neue Politik beschlossen.

Kapitel Zwei beschäftigt sich mit der zweiten Großmacht des kalten Krieges. Es ist nicht möglich, eine Arbeit zu diesem Thema zu verfassen, ohne die Sowjetunion mit einzubeziehen. Denn gerade die sino-sowjetische Allianz wird von vielen Historikern immer als einer der Grundlagen des Kalten Krieges gesehen. Zwar richtet diese Arbeit ihr Hauptaugenmerk auf die Beziehungen zwischen Amerika und China, aber dennoch wichtig ist auch ein Blick auf die andere Seite des Grenzflusses Ussuri. Denn auch dieses Verhältnis_hat gewichtige Auswirkungen. So führt z.B. der Beginn der Allianz zum Eingreifen Chinas in den Korea-Krieg bzw. ihr Bruch zur langsamen Annäherung Chinas an den Westen und damit an die USA.

Das dritte Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit.

Hier werden anhand der Betrachtung unterschiedlicher Ereignisse aus vier Jahrzehnten, die Veränderungen und Entwicklungen der Beziehungen zwischen krisenhafter Zuspitzung und einsetzender Entspannung beobachtet und analysiert.

Als Betrachtungspunkte wurden ausgewählt:

1. Das Eingreifen Chinas in den Koreakrieg
2. Die beiden Offshore-Krisen und die Entwicklung der amerikanischen „Zwei-China Politik"
3. Die Öffnung Chinas gegenüber den USA und der Besuch Nixons in Peking
4. Aufnahme offizieller Beziehungen unter Carter und Deng Xiaoping

Abschließen wird die Arbeit mit einem Fazit, das die Betrachtungen der einzelnen Punkte noch einmal aufgreift und versucht, eine Antwort auf die Fragestellung der Arbeit zu geben. Zu einem solchen Thema finden sich zahlreiche Werke, die eine Betrachtung von unterschiedlichster Seite erlauben.

Als Einstieg ins Thema und zum Nachschlagen wichtiger Personen sei hier die „Encyclopedia of Chinese-American Relations von Yuwu Song empfohlen. Kurze Artikel erläutern das entsprechende Thema, Angaben zu weiterführender Literatur runden das Buch ab. Als absolut unverzichtbarer Titel hat sich das Buch „International Relations since 1945" von Young und Kent erwiesen. Das Buch bietet neben Zeitleisten und Erklärung wichtiger Begriffe eine ausführliche Übersicht über das Beziehungsgeflecht der letzten 60 Jahre. Es berücksichtigt dabei alle Regionen der Welt, sowie unterschiedliche Zeitabschnitte des Kalten Krieges. Eine große Ansammlung an Originalquellen bietet das Buch „The Cold War" von Westad und Hanhimäki. Als Länderportrait sei für China das bei der Bundeszentrale für politische Bildung neu aufgelegte Werk von Spence „ Chinas Weg in die Moderne empfohlen. Es hat einen großen Geschichtsteil, aber beleuchtet auch kulturelle Hintergründe. Für die amerikanische Sicht gilt dasselbe für das Buch „ America since 1945: The American Moment" von Paul Levine und Harry Papasotiriou.

1. Die ersten Jahre nach 1945

1.1 Amerikanische Ansätze zur Chinapolitik im zweiten Weltkrieg

Das Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem europäischen Kontinent bedeutete nicht, dass der Krieg damit insgesamt beendet war. Gekämpft wurde noch auf dem asiatischen Schauplatz, auf den sich nun alle Augen richteten. Dort befand sich Deutschlands Alliierter Japan noch im Kampf um den Sieg. Und einer der Gebiete, wo dies geschehen sollte, war China. Die Lage dort war jedoch alles andere als einfach. Denn man hatte es nicht mit einem, sondern eigentlich mit drei unterschiedlichen Chinas zu tun: da war einmal der, von den Japanern eroberte Teil des Landes, dann der, von den Guomindang unter Chiang-Kai-Sheks Nationalisten kontrollierte Teil, und der Teil, in dem die Kommunisten eine wichtige Rolle spielten. Seit dem Fall der Mandschu-Dynastie im Anfang des 20 Jhd. hatte es in China keine ernst zunehmende Regierung mehr gegeben, die es geschafft hatte, das Land vollständig unter ihre Kontrolle zu bekommen. Auch die von Nationalisten und Kommunisten getragene Einheitsfront war bereits 1927 schon wieder zerbrochen, und seitdem herrschte eigentlich Chaos im Land. Manche Historiker sehen dies als eine Fortsetzung der Politik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in dem Chinaja zum großen Teil unter den imperialen Mächten aufgeteilt war, und es da schon keine effektive Zentralverwaltung mehr gab. Dieses in sich gespaltene Land, galt nun Amerika als Brückenkopf für seine Invasion gegen Japan.

Den Amerikanern bot sich das oben gezeichnete Bild: ein Land mit drei Teilstaaten, deren Grenzen sich ständig verschoben, und die von zwei tief miteinander verfeindeten Gruppen regiert wurden, deren seit Jahren dauernder Kampf sie sogar daran hinderte, gemeinsam gegen ihren eigentlichen Feind, die japanischen Streitkräfte auf chinesischem Boden vorzugehen.(1) Diese Zustände behinderten zusehends die Entstehung einer politischen und kulturellen Einheit des Landes Ein militärischer Einsatz gegen Japan, sollte er erfolgreich verlaufen, konnte nur gelingen, wenn man es schaffte, einigermaßen stabile Verhältnisse zu schaffen und einen Partner zu finden, auf den man sich verlassen konnte.

Das amerikanische Engagement in China während und nach der Zeit des zweiten Weltkrieges diente daher hauptsächlich dem Versuch, eine solche Einigung zu schaffen(2).

Die Ideen des amerikanischen Präsidenten Roosevelt sahen ein starkes China vor, das sich gegen Aggressoren selbst verteidigen konnte, aber auch gegen innere Probleme gewappnet war. Er zog damit die Lehre aus der Betrachtung des letzten Jahrhunderts chinesischer Geschichte. Es sollte auch verhindert werden, dass "seine Schwäche je wieder eine Gefahr für den Weltfrieden werden würde"(3).

Mit diesen Vorstellungen setzte er seine ganzen Hoffnungen in das Regime von Chiang Kai-shek. Den Amerikanern war dabei wohl bewusst, dass Chiang nicht der perfekte Alliierte war den sie sich erhofft hatten. So sprach Roosevelt in einer Unterredung mit seinem Außenminister Summer Welles offen darüber, dass er sehr wohl wisse, welche Mängel das von ihm unterstütze Regime habe, sei es nun die Korruption, oder Chiangs Gleichgültigkeit dem Leiden von Millionen einfacher Chinesen gegenüber. Aber er sei nun mal der einzige Führer, der während des Krieges gegen die Japaner gewinnen könne (oft zeigten die Resultate das Gegenteil), und nach dem gewonnenen Krieg das Land werde zusammenhalten können(4).

Er hatte Verständnis für Chiangs Beschwerden, die Lieferungen an Waffen und Material seien unzureichend, aber was Amerika liefere, sei zur Zeit einfach das maximal Mögliche. Chiang verstieg sich sogar zu der Äußerung, dringend von ihm benötigtes Material werde bewusst zu den Briten abgeleitet.

Weiterhin, so Roosevelt, müsse man aufpassen, dass die Sowjetunion die von den USA bereits geleistete Hilfe nicht als Begründung nehme, um sich hinter die Kommunisten zu stellen und damit den Bürgerkrieg noch zu vertiefen. Daher müsse schnellstens alles getan werden, um eine Beilegung der Feindseligkeiten zwischen der Nationalregierung in Chungking und den kommunistischen Truppen zu erreichen. Washington dürfe nicht zulassen, dass Chiang seine Energien und Ressourcen im Kampf gegen andere Chinesen aufzehre. Aus diesen Äußerungen ist bereits ersichtlich, dass man in Washington zu keiner Zeit darüber nachdachte, möglicherweise sich die andere Partei, also die Kommunisten, ebenfalls einmal anzusehen.

Der Präsident zieht interessanterweise auch eine Parallele zu Spanien in den Zeiten des Bürgerkrieges. Dort habe man genau dasselbe erlebt, wie nun ich China. Die spanischen Geschehnisse dürften sich auf keinen Fall wiederholen, da man sonst, auf Grund der Größe des Landes und der Masse der Menschen ein ungleich größeres Problem als damals hätte. Zu diesem Zweck sei es unerlässlich, schnellstmöglich eine funktionierende nationale Wirtschaft aufzubauen und, z.B. durch Abkommen zu verhindern, dass der seit den 20er Jahren stetig vorhandene Einfluss durch die Sowjetunion verhindert werde. Diese möglicherweise ausgeübte Einflussnahme verhindere ein Wiedererstarken des Landes und werde auf Dauer einen zersetzenden Einfluss haben.

All diese Ideen zeigen sowohl Roosevelts Wunsch nach einer kurzfristigen Beilegung der Feindseligkeiten zwischen Guomindang und den Kommunisten zwecks der Vereinigung der chinesischen Armeen zum Sieg über diejapanischen Truppen, andererseits aber auch die Hoffnung, langfristig sowohl die USA auf Seiten Chiangs, aber auch die Sowjetunion auf Seiten der Kommunisten aus langfristigen Engagements in einen möglichen inner-chinesischen Bürgerkrieg zu verhindern.

China sollte aber auch, so Roosevelts Pläne, von den USA zu einer neuen Großmacht im asiatischen Raum aufgebaut werden; dafür war es nötig, dass sowohl das kurzfristige, als auch das langfristige Ziel ineinander griffen Die Vereinigten Staaten ließen ihren Plänen auch schnell Taten folgen:

- 1942 erhielt Chungking im Rahmen des Land-Lease Abkommens einen Kredit über 500 Millionen Dollar, der an keinerlei Verpflichtungen Chiangs oder Bedingungen von Seiten Washingtons geknüpft war, und der von der Administration gegen den Widerstand Morgenthaus gewährt wurde(5).
- Am 11.Oktober 1944 beendeten die USA und Großbritannien mit der Aufhebung der „Ungleichen Verträge" das Kapitel des Imperialismus in China. Sie sollten durch neue ersetzt werden, die im Rahmen der sich durchsetzenden „Internationalen Gleichbehandlung" die neue Rolle eines geeinten China anerkennen sollten(6).
— Ebenfalls im Oktober 1944 gelang es Außenminister Hull, eine Erhebung Chinas in die Gruppe der Signatarstaaten durchzusetzen, die nach Ende des Krieges eine neue „Internationale Ordnung schaffen sollten". Damit stand China in einer Reihe mit den Staaten der „Großen Allianz", den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und Großbritannien. Dazu gehörte auch der China auf der Konferenz von Dunbarton Oaks, welche die Gründung der UN vorbereiten sollte, versprochene Sitz im Weltsicherheitsrat.
- In dieser Funktion unterzeichnete das China Chiang Kai-Sheks die Gründungsakte der UN in San Francisco am 26 Juli 1945.

Wohl am wichtigsten für die kommenden Geschehnisse in China dürfte aber die Konferenz von Kairo am 26. November 1943 sein. Dort wurde Chiang von Roosevelt und Churchill versprochen, dass sämtliche von den japanischen Truppen befreiten Gebiete, seiner Nationalregierung und den Truppen der Guomindang zufallen würden. Dies galt vor allem für die in den nächsten Jahren immer wichtiger werdende Mandschurei und auch für die Insel Formosa, auf der Chiang nach seiner Vertreibung vom chinesischen Festland den Staat Taiwan errichtete. Diese Versprechen von Kairo dürften wohl auch einer der Gründe für Chinas weiteres Festhalten an den Ansprüchen auf Taiwan sein, das esja bis heute als abtrünnige Provinz betrachtet.

Bei all diesen Punkten fällt auf, dass sich in Washington scheinbar niemand ernsthaft mit dem Gedanken beschäftigt hat, dass die Nationalregierung im Kampf um die Macht und die Kontrolle über das ganze Land letztendlich verlieren könnte. So ist es wohl auch zu erklären, dass die Vertreibung Chiangs und der damit einhergehende „Verlust" Chinas für die USA und damit für den Westen, die Öffentlichkeit in den USA so überraschend getroffen hat. Für die politischen Entscheidungsträger in Washington kam sie dagegen wenig überraschend. Nur die Geschwindigkeit, mit der das Guomindang-Regime letztendlich stürzen würde, kam auch für die Experten in Washington unerwartet.

Dies mag auch daran gelegen haben, dass die Amerikaner von einem Zustand ausgingen, den es ja eigentlich seit fast hundert Jahren nicht mehr gab. Die anhaltenden Demütigungen, die China seit fast hundert Jahren durch Fremde hatte erdulden müssen, machte eine Lösung durch Fremde auch eher unwahrscheinlich.

Ein weiterer Punkt war, dass die USA China zwar pro forma zur Großmacht auf dem Papier erklärt hatten, sich dies aber nicht in Auswirkungen auf ihre Kriegsplanungen niederschlug. Für diese hatte immer noch der europäische Kriegsschauplatz Priorität und erhielt daher auch die Mehrheit an Menschen und Material. Zudem hatte man lange Zeit einfach keine geeigneten Transportwege, um geeignetes Material zu den chinesischen Alliierten der Guomindang zu bringen. Erst nach Öffnung der Straße von Birma und der Eroberung der Hafenstädte konnte man mit der Lieferung beginnen. Dies war jedoch viel zu spät um die umfangreichen und ehrgeizigen Ziele, welche die Administration in Washington hatte, noch umsetzten zu können. Diese Differenzen in Worten und Taten wurden natürlich auch in Chungking registriert und lösten dort große Enttäuschung aus. Ein Großteil der heftigen Auseinandersetzungen zwischen Roosevelt und Chiang rührten genau von dieser Tatsache her. Roosevelt warjedoch nicht der einzige, der die Geduld mit den Nationalisten zu verlieren drohte, auch von Seiten des Militärs wurden immer lauter kritische Töne geäußert. Es hieß, die Guomindang habe die besten Truppen aus den Kämpfen gegen die Japaner zurückgezogen, um sie gegen die Kommunisten einzusetzen und damit ihre Position im Inneren zu stärken. Zudem gab es kritische Berichte aus der amerikanischen Botschaft in Chungking, welche andeuteten, dass Chiang die Land-Lease Gelder nicht für den Kampf gegen die Japaner zu verwenden gedachte, sondern zum Kampf gegen die Kommunisten zu verwenden. Auch Chiangs Bitte um einen Amerikaner als Chef seines Militärs war auf den zweiten Blick wenig dazu angetan, das Misstrauen gegenüber den wahren Zielen Chiangs zu zerstreuen. Denn anstatt einen Experten für China zu verlangen, bat er um die Entsendung eines Kandidaten mit möglichst keinerlei Vorkenntnissen über Land und Kultur. Dies ließ bei den amerikanischen Verantwortlichen für die Armee die Alarmglocken schrillen(7).

Die Auswahl des neuen Stabschef Chiangs wuchs sich dann auch zur handfesten Kontroverse aus, denn die Wahl fiel auf einen denkbar unglücklichen Kandidaten: Joseph Stilwell. Dieser Mann war zwar ein ausgezeichneter Soldat, eine wichtige weitere Qualifikation für diesen Job fehlte ihm aber: die Kunst der Diplomatie. Er hatte Kenntnisse über das Land und große Hochachtung für das chinesische Volk,jedoch wenige Sympathien für die Führer, unter denen es sehr oft zu leiden hatte.

Dies lies er Chiang auch spüren, indem er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hielt, und seine Memoranden und Tagebucheintragungen oft mit recht derben Sprüchen die Führungsclique um Chiang betreffend füllte(8).

So schaukelten sich die Anschuldigungen und Vorwürfe auf beiden Seiten immer weiter hoch. Chungking war nicht bereit, den Kampf gegen diejapanischen Truppen zu intensivieren, sollten die Amerikaner nicht ihre Hilfen für das Regime ausweiten und Washington war nicht bereit dafür die Hilfen für ein Regime zu erhöhen, das in den Augen der Administration keinerlei Anstalten unternahm, im Kampf gegen diejapanischen Truppen vorzugehen. Ein klassischer Teufelskreis. Ein Mittel Chiangs, doch Einfluss auf die Politik gegenüber seiner Regierung zu nehmen, bestand darin, inoffizielle Kanäle zu nutzen, die durch Personen in den richtigen Positionen direkt zu Roosevelt ins Oval Office führten. Harry Hopkins ist hier ein Beispiel, einer der wichtigsten Mitarbeiter des Präsidenten.

Durch ihn konnten die Nationalisten den Präsidenten manches Mal dazu bringen, die Bedenken der Regierungsbürokratie in Washington bei Seite zuschieben, und Entscheidungen zu überstimmen oder gegen Kritik der entsprechenden Ministerien oder Fachleute, trotzdem durchzusetzen. Traurige Berühmtheit erlangte die Idee, den Kampf gegen Japan in China durch die Luftwaffe zu gewinnen. Dadurch sollte die Ziele der Amerikaner erreicht werden und es sollte Chiang ermöglichen, seine Truppen in Reserve halten zu können. Diese Idee war von General Marshall bereits als zu gefährlich abgelehnt worden. So gut die Idee in der Theorie auch klingen mochte, in der Praxis ging sie fürchterlich schief. Die zunehmenden Angriffe von Flugzeugen führten nur dazu, dass die Japaner einfach die amerikanischen Flugfelder überrannten. Die Amerikaner, deren schwach verteidigte Basen dem nichts entgegenzusetzen hatten, wandten sich an Chungking zwecks Verstärkung, doch Chiang weigerte sich, Truppen zum Schutz der Luftwaffenbasen zu senden, mit der Begründung, er könne die Loyalität dieser Truppen nicht garantieren. Eine mehr als erstaunliche Aussage.

Zu der sich schlecht entwickelnden militärischen Lage kamen zunehmend Beschwerden über den Regierungsstil der Guomindang und ihrer Führungsclique. Es gelang ihr einfach nicht, eine funktionierende und von Korruption freie Verwaltung aufzubauen Und die nun immer häufiger ausbrechenden Unruhen führten dazu, dass die Führungskader der Nationalisten, vorher schon konservativ, dies noch weiter verstärkten und immer brutaler gegen die Bevölkerung vorgingen(9).

Dies wurde zum Ende der japanischen Besatzung immer offensichtlicher. Viele Amerikaner in China betrachteten dies mit zunehmendem Abscheu, und manche verglichen diese immer konservativer werdende Guomindang mit ihrem Geheimdienst und der Polizei, die Intellektuelle verprügelte und brutal gegenjegliche Form der Kritik vorging, schon mit den Nazis im Deutschland Hitlers(10).

Die neu eingeführte und ohne Rücksicht auf Verluste umgesetzte Bodenreform taten ein Übriges, die Bevölkerung von den Nationalisten hin zu den erstarkenden Kommunisten zu treiben(11). Überhaupt galten diese in den Jahren 1943/44 vielen im State Departement und anderen Regierungsbehörden, ebenso wie Kriegsberichterstattern als ernst zunehmende Alternative zu Chiang und seinen Nationalisten.

Denn bei ihnen zeigte sich, dass eine Bodenreform auch funktionieren könne, sie gewannen immer mehr an Zulauf im einfachen Volk, und, wohl am Wichtigsten zu dieser Zeit, sie kämpften tatsächlich heftig gegen die Japaner. Der Charme und die Ausstrahlung Zhou Enlais, dem kommunistischen Repräsentanten in Chungking, wird ebenfalls eine Rolle bei der zunehmend positiver werdenden Wahrnehmung der Kommunisten nachgesagt(12).

Mit Entsetzten reagierten die Amerikaner, als bekannt wurde, dass Chiang 500.000 Mann seiner besten Truppen dazu verwendete, die Kommunisten zu blockieren, anstatt sie gegen den gemeinsamen Feind einzusetzen. Daher wurde der Wunsch der Amerikaner größer, die Feindseligkeiten zwischen den beiden Parteien zu beenden, um sowohl die kommunistischen, als auch die Guomindang-Truppen unter einem gemeinsamen alliierten Oberkommando zusammenfassen und gegen die Japaner führen zu können. All diese Sorgen und die Furcht davor, dass Chiang möglicherweise nicht erst den Sieg gegen die Japaner abwarten würde, um eine neue Offensive gegen die Kommunisten zu starten, um sie möglicherweise endgültig militärisch zu schlagen, führten dazu, dass das bisher trotz aller Streitigkeiten immer noch positive Bild der Guomindang-Regierung in den USA heftige Risse bekam.

Immer mehr Zeitungen und Magazine veröffentlichten nun auch negative Berichte über Chiang Kai-Shek, und auch bekennende China-Freunde distanzierten sich und äußerten auch öffentlich Kritik. In diesen unsicheren Zeiten begannen amerikanische Diplomaten immer häufiger von einer reformierten Guomindang-Bewegung zu träumen, die gemeinsam mit den Kommunisten eine neue liberale Regierung aufbauten. Diese Ideen setzten eine Wandlungsfähigkeit Chiangs voraus, die dieser wohl kaum bereit gewesen sein dürfte mitzumachen. Gleichzeitig begann man mit dem Sammeln von Informationen und dem Knüpfen von Kontakten zur kommunistischen Bewegung. Roosevelt, der nun ebenfalls begann, die Geduld mit Chiang zu verlieren, entsandte im Frühjahr 1944 seinen Vize-Präsidenten Henry Wallace, um die Lage zu bereinigen. Er kam im Juni an, während der Zeit einer japanischen Offensive, und setzte durch, dass eine amerikanische Beobachter-Delegation ins kommunistische Hauptquartier nach Yanan reisen konnte, um sich dort ein Bild von Mao und den Kommunisten zu machen. Von Wallace mit den Zuständen in seinem Land und der schwindenden Zustimmung zu seinem Regime konfrontiert, beschuldigte Chiang die Vereinigten Staaten, ihm nur unzureichend Unterstützung zu gewähren und für kommunistische Propaganda empfanglich zu sein. Eigene Fehler wies er weit von sich (13).

Wallace erhielt durch seinen Besuch den Eindruck, dass Chiang Stilwell loswerden wolle oder sogar einen persönlichen Gesandten Roosevelts wünsche, der Stilwell unter Kontrolle halten, und Chiang eine direkte Tür ins Oval Office öffnen würde, vorbei an den üblichen Stellen der Regierungsbehörden, wie dem Außen- oder dem Kriegsministerium.

Diesen einen letzten Gefallen sollte Roosevelt Chiang mit der Entsendung von Patrick Hurley, noch tun, aber damit waren Chiangs Sympathien in Washington, soweit noch vorhanden, endgültig aufgebraucht. Die fehlgeschlagenen Luftwaffenaktionen taten ein Übriges, sodass Roosevelt sich nun endgültig auf Stillwells Seite stellte, und eine Offensive gegen die Japaner einforderte, bei der alle Kräfte der Guomindang unter Stillwells Kommando stehen sollten. Dessen Mangel an Takt veranlasste diesen dazu, Chiang diese Nachricht persönlich und mit unverhohlener Freude zu überbringen. Das stellte eine Demütigung dar, die Chiang nicht einfach so übergehen konnte und so verlangte er Stillwells Abberufung aus Chungking. Die Warnungen vor den angeblichen kommunistischen Gefahren, die Chiang regelmäßig äußerte, stießen in Washington auf taube Ohren.

Man fürchtete 1944 die Kommunisten ja noch nicht in dem Maße, wie dies ein Jahr später der Fall sein sollte. Im Gegenteil, hieß es zu diesem Zeitpunkt in allen Berichten, egal aus welchen Kreisen sie kamen, dass die kommunistisch beherrschten Regionen eher dem Modell entsprachen, das die Amerikaner von China hatten, als alles, was die Guomindang aufzubieten hatten. Damit war die Bühne für den nach 1945 beginnenden Konflikt um die Zukunft und die Machtausübung in China vorbereitet und die großen Pläne, die Roosevelt für China als eine der „neuen Demokratien in Asien" hatte, an den Realitäten der Machtpolitik gescheitert. Denn bei genauer und realistischer Betrachtung und Einschätzung der Situation und Ansichten der beiden Lager, hätte ihm klar werden können und müssen, dass weder die Guomindang, noch die Kommunisten bereit waren, die Vereinigten Staaten als etwas anderes zu sehen, als eine weitere „imperialistische Nation", wie es schon andere vor ihnen gewesen waren.

1.2 Die Marshall-Mission

Dass sich die USA dann im Laufe des Jahres 1945 doch in eine Vermittlerrolle drängen ließen, dürfte wohl vor allem auf taktischen Überlegungen gegründet sein. Denn, so die Vorstellungen in Washington, sollte die von Chiang geführte Nationalregierung tatsächlich auseinander brechen oder militärisch geschlagen werden, was ja zu keinem Zeitpunkt auszuschließen war, dann würden zu einem für die Amerikaner ungünstigen Zeitpunkt, viele japanische Kriegsgefangene frei, die sich dann wieder ihrer Armee anschließen würden und damit den beginnenden Vorstoß der Amerikaner auf diejapanischen Hauptinseln gefährden könnten.

So wurde entschieden, eine Delegation unter Leitung des amerikanischen Außenministers Marshall zu entsenden, der versuchen sollte, eine Einigung zwischen Nationalisten und Kommunisten zu erreichen(14). Er war nicht der einzige Vermittler. Bereits vor Amtsantritt von Präsident Truman war Patrick Hurley nach China gereist, um zu versuchen, eine Koalitionsregierung der beiden Kontrahenten zustande zu bringen. Sowohl Chiang als auch Mao nahmen an diesen Gesprächen teil, jedoch aus unterschiedlichen Motivationen. Mao und seine Kommunisten konnten nur gewinnen, wenn sie, nach außen hin, den USA gegenüber ihren guten Willen demonstrierten. Sie schwächten so die Position Chiangs und hatten gleichzeitig die Möglichkeit, sollte eine solche Regierung wirklich zustande kommen, auch einen erheblichen Machtzuwachs zu verbuchen und zusätzlich an Legitimation zu gewinnen. Für Chiang sah die Lage ganz anders aus, denn für seine Administration in Chungking ging es nun ums politische Überleben. Da der Krieg im Pazifik mit der Niederlage Japans geendet hatte, entfiel sein Trumpf gegenüber der Administration in Washington(15). Zudem war nach den zahlreichen, sich immer weiter aufbauenden Spannungen, unter anderem wegen der Affäre um Stillwells Abberufung, klar, dass es in Zukunft ohne Zugeständnisse seinerseits wesentlich schwerer, wenn nicht sogar unmöglich werden würde, die Hilfe aus Washington zu bekommen, die er für die Stützung seiner Nationalregierung brauchte.

Mit diesen Voraussetzungen im Hintergrund, begannen die beiden Parteien ihre Gespräche unter Vermittlung Harleys, dessen Optimismus zu einer Einigung zu gelangen, zu diesem Zeitpunkt noch sehr groß war.

Als Botschafter der USA in China, hätte er eigentlich in der Lage sein sollen, die Lage richtig einzuschätzen.

Die Realität in China sahjedoch sehr viel anders aus. Chiang und seine Armee setzten ihre Aktionen fort, unterstützt durch positive Signale aus Amerika(16). Auch die Kommunisten verfolgten weiter ihre Ziele, unterstützt durch die sowjetische Regierung. Auf die sowjetische Einflussnahme auf die Kommunisten und ihre Aktionen wird im nächsten Kapitel eingegangen. In Amerika begann man aus Frustration über die Lage in Europa darüber nachzudenken, wie eine weitere Zunahme des sowjetischen Einflusses in Asien verhindert werden könne. Mitten in diese Situation platze im November 45 die Nachricht von Hurleys Rücktritt. Dieser hatte angesichts der verworrenen Lage und der Erkenntnis, das beide Seiten nicht mit offenen Karten gespielt hatten, aus Frustration sein Mandat niedergelegt und erging sich nun in wüster Politikerbeschimpfung.

Präsident Truman verlor in dieser Situation keine Zeit und kontaktierte noch am Nachmittag desselben Tages seinen neuen Außenminister James Marshall, um ihn nun zu einer erneuten Mission zu entsenden. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war klar, dass die Administration sich entschlossen hatte, China nicht aufzugeben und sowohl die Unterstützung von Chiangs Regime fortzusetzen, als auch das eigene personelle Engagement auszubauen.

Marshall sollte also an Hurleys bisherige Versuche anknüpfen, einen Waffenstillstand zu erreichen und für eine Einheitsregierung zu werben(17). Er hatte auch in sofern Erfolg, als das beide Seiten im Januar 1946 einem Waffenstillstand zustimmten sowie der Einrichtung einer beratenden Konferenz, die klären sollte, wie ein Bürgerkrieg vermeiden und die Feindseligkeiten zwischen den beiden Parteien beigelegt werden könnte.

Die Konferenz fand in Chungking statt, war aber nie wirklich ein Erfolg, da beide Seiten von Anfang an nicht an einer friedlichen Lösung interessiert waren.

Die Konferenz war nur ein Nebenschauplatz, die wirklich wichtigen Entscheidungen wurden in Nordchina und der Mandschurei getroffen, wo die Kommunisten jetzt begannen, ihre Positionen auszubauen(18). Marshall kehrte schon im März 46 wieder nach Washington zurück, was beide Seiten veranlasste, ihre alten Kämpfe weiterzuführen. Mao und die Kommunisten sahen dabei in Chiangs Regime nichts als Papiertiger, die man leicht hinwegfegen könne. Chiang vertraute von nun an auf die große zahlenmäßige Überlegenheit seiner Truppen. Damit waren die Verhandlungen beendet und auch dieser Versuch einer friedlichen Einigung gescheitert. Marshall, der zwischendurch wieder zu Verhandlungen nach China zurückgekehrt war, verließ das Land im Dezember 1946 endgültig, ohne weitere Erfolge erzielt zu haben. Ähnlich wie Hurley, machte er beide Seiten für das letztendliche Scheitern der Verhandlungen verantwortlich. Aber er sah auch bereits am Anfang seiner Mission, die Problematik der Vereinigten Staaten, eine Vermittlerrolle in China zu spielen. Denn wie könne er vorgeben, ein neutraler Vermittler zu sein, wenn gleichzeitig seine Regierung einen der Verhandlungspartner massiv mit Waffen und Material belieferte(19). Weitere Gründe sah er in der unklaren Haltung seiner Regierung: aus Washington wurden ihm diese Direktiven mitgegeben: eine Warnung an Chiang, dass, falls die Kommunisten Zugeständnisse machten, er aber weiter blockiere, Washington ihm die Unterstützung entziehen und direkt mit den Kommunisten verhandeln würde. Das würde bedeuten, die Vereinigten Staaten würden die von ihnen anerkannte Regierung umgehen, um sicherzustellen, dass das von den Japanern aufgegebene Gebiet in chinesische und nicht in russische Hände fallen würde; den Kommunisten ließ man bestellen, sie hätten im Fall einer Blockade damit zu rechnen, dass Amerika sich voll und ganz hinter Chiang stellen würde(20). Doch schon wenige Tage später nahm Truman diese Order zurück, mit dem neuen Befehl Chiang aufjeden Fall zu unterstützen, egal wie er sich in den Verhandlungen verhalten würde. Mit anderen Worten: Der Druck den Marshall gegenüber Chiang aufbauen sollte, um ihn zur Kooperation zu zwingen, war nichts anderes als ein großer Bluff Washingtons. Man würde Chiang aufkeinen Fall fallen lassen(21).

Erstaunlicherweise hatte der so Abgesicherte selbst wohl wenig Vertrauen in die Sicherheit dieser Entschlüsse. Der Geheimdienst der Guomindang sah, im Gegenteil, sogar die Gefahr, dass die neue kommunistische Zusage einer Teilnahme an der Konferenz und den damit verbundenen Einstellungen der Kämpfe, ihre Position schwächen, und im Zusammenspiel mit der amerikanischen kommunistischen Partei (!) einen Stimmungsumschwung hin zu Mao verursachen würde. Dass das Angebot der Kommunisten vielleicht ernst gemeint sein könnte, zogen sie gar nicht in Erwägung.

Sie betrachteten es lediglich als Hinhaltetaktik(22). Um sich nach allen Seiten hin abzusichern, machte die Guomindang daher die Kommunisten verantwortlich für die Schwierigkeiten im russisch-chinesischen Verhältnis und die sich daraus ergebenden Probleme für den zwischen Moskau und Chungking geschlossenen Vertrag. Man vertraute also eher auf die Unterstützung der Kommunisten in Moskau, als auf den bisherigen Partner in Washington. Auch an den Fähigkeiten Marshalls als Vermittler tauchten Zweifel auf, die ihre Quellen sowohl in der Politik als auch unter den Intellektuellen hatten. Man gestand ihm zwar zu ein, großer Soldat zu sein und zweifellos die militärischen Gegebenheiten in China und die geplante Strategie seines Präsidenten zu verstehen, aber es sei unklar, ob er auch die Voraussetzungen für eine tiefergehende Betrachtung mitbringe. So heißt es in einer Tagebucheintragung aus dieser Zeit über ihn: ,, Ich gewinne zunehmend den Eindruck eines Mannes, der wirklich ein großer Soldat und ein großer Mann in dem Sinne ist, dass er wirklich demütig und nicht von sich selbst eingenommen ist, aber dessen Erwartungen und Erfahrungen die Beschränkungen eines Berufssoldaten haben. Er lernt schnell, aber er hat wenig Sinn für Geschichte als Ausgangspunkt. Seine Gespräche gehen nie über den Rahmen seiner Erfahrungen hinaus".(22) Cohen kritisierte Marshall einerseits dafür, dass er für seinen Stab nur Leute auswählte, die nachweislich „keine Ahnung" von dem Konflikt hatten, und er sich auch nicht wirklich um andere Quellen bemühte, andererseits verteidigte er ihn mit der Begründung, die Entscheidungsträger in Washington hätten zu diesem Zeitpunkt nur sehr oberflächlich über den eigentlichen Konflikt diskutiert und dabei noch nicht mal die neuesten Materialien zur Hand gehabt. Auf die vorsichtige Kritik, dass es schwierig werden würde die Guomindang, die ja die meiste Macht hatte, zur Abgabe eines Teils dieser Macht zu bewegen, reagierte Marshall mit einem Wutausbruch(23).

[...]


(1) Cohen, Bonner Russel: Marshall, Mao und Chiang, S. 7

(2) ebenda

(3) ebenda, S. 2

(4) ebenda ,S. 4

(5) Cohen, Warren I.: Americas Response to China, S. 126

(6) ebenda

(7) ebenda, S. 127

(8) ebenda

(9) Young, John W; Kent, John: International Relations since 1945, S. 83 f.

(10) Cohen, Warren I.: Americas Response to China, S. 130.

(11) Young, John W; Kent, John: International Relations since 1945, S. 83 f.

(12) Cohen, Warren I.: Americas Response to China, S. 130.

(13) Kent, Young: International Relations since 1945, S. 85 f

(14) Song, Yuwu: Encyclopedia ofChinese-American Relations, S. 189

(15) ebenda, s. 190

(16) Levine, Papasotiriou, The American Moment ,S.28

(17) Song, Yuwu: Encyclopedia ofChinese-American Relations, S.189 f.

(18) ebenda

(19) Cohen, Warren I.: Americas Response to China, S. 151 f.

(20) Cohen, Warren I.: Americas Response to China, S. 153

(21) Cohen, Bonner Russel: Marshall, Mao, und Chiang , S. 171

(21) ebenda

(22) ebenda

(23) ebenda, S.175f

Details

Seiten
83
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640920600
ISBN (Buch)
9783640920662
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172262
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2,30
Schlagworte
beziehungen

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Titel: Die amerikanisch-chinesischen Beziehungen zwischen 1945 und 1989