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Die juristischen Aspekte des Paulusprozesses (Apg 21,18 – 28,31)

Examensarbeit 2008 50 Seiten

Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte

Leseprobe

Gliederung

Literaturverzeichnis

A. Einleitung

B. Inskription der Textstelle
I. Die Apostelgeschichte als Quelle
II. Der Autor der Apostelgeschichte

C. Paulus

D. Der Präfekt Judäas als Oberster Richter

E. Das vorgeworfene Delikt: Crimen Maiestatis

F. Das römische Strafprozessrecht im Prinzipat
I. Coercitio, cognitio und accusatio
II. Von der Republik zur Kaiserzeit
III. Verfahren in den Provinzen
IV. Das Verfahren im Paulusprozess

G. Der Prozessverlauf
I. Gefangennahme
II. Befragung durch das Synedrium
III. Überführung nach Cäsarea
IV. Einleitung des Verfahrens
1) Feststellung der Parteirollen
2) Anzeige gegen Paulus
3) Voruntersuchung
4) Konstituierung des Gerichts
5) Festsetzung des Verhandlungstermins
V. Die erste Verhandlung
1) Eröffnung des Beweisverfahren
2) Einleitender Vortrag der klagenden Partei
3) Verteidigung des Angeklagten
4) Beweislegung
5) Ansetzung eines erneuten Beweisverfahren
VI. Zweite Verhandlung und Findung des Urteils
1) Aufruf der Parteien
2) Einleitender Vortrag des Klägers
3) Die Verteidigung des Angeklagten
4) Die Beweislegung
5) Die Inanspruchnahme zusätzlicher Rechtsmittel
6) Beratung und Abstimmung
7) Fällung und Verkündung des Urteils
VII. Die Vorführung des Paulus vor Agrippa
1) Aufruf der Parteien
2) Der einleitende Vortrag des Klägers
3) Die Verteidigung des Angeklagten
4) Die Beweislegung
5) Die erneute Vertagung
VIII. Der Paulusprozess als Akkusationsverfahren
IX. Vergleich des Paulusprozess mit dem Jesusprozess

H. Das römische Bürgerrecht im Prinzipat
I. Die gesellschaftliche Einteilung nach dem Personenrecht
II. Erwerb des römischen Bürgerrechts
1) Durch Geburt
2) Durch Verleihung
3) Durch Kauf
4) Durch Freilassung
III. Verlust des römischen Bürgerrechts
IV. Inhalt des Bürgerrechts
1) Überblick über Rechte und Pflichten
2) Rechte im Strafverfahren
a) Prügelstrafe des Paulus
b) Haft und Fesselung des Paulus
3) Das Recht der Provokation
V. Die Möglichkeit der Doppelbürgerschaft
VI. Öffentlicher Nachweis der Zivität

I. Paulus und das römische Bürgerrecht
I. Die Befunde der Apostelgeschichte zur Civität des Apostels
1) Apg 16,37 f
2) Apg 22,25-29 und 23,27
3) Apg 25,11; 26,31 f. und 28,19
II. Das vermeintliche Provokationsrecht des Paulus
III. Ursprung des paulinischen Bürgerrechts
IV. Die Rechtslage der Juden im Prinzipat
V. Der römische Name Paulus
VI. Umgang der römischen Beamten mit Paulus
VII. Der soziale Status der Familie des Paulus
VIII. Die Einstellung von Paulus zum römischen Bürgerrecht

J. Zusammenfassung und Wertung der Diskussion
I. Neueres Schrifttum
II. Die Verfahrensart als Hinweis
III. Die Verlegung des Prozesses nach Rom
IV. Bewertung der Historizität des römischen Bürgerrechts

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A. Einleitung

Der Paulus Prozess der Apostelgeschichte[1] ist der am ausführlichsten dargestellte Prozessverlauf des Neuen Testaments.[2] Er erstreckt sich über sieben Abschnitte, vgl. Apg 21,18 – 28,31, und greift dabei neben den rein religiösen Aussagen, vielerlei juristische Einzelaspekte mit auf. Es wird vermutet, dass der Paulusprozess um das Jahr 68 n. Chr. zu datieren ist. Bei der Untersuchung des Berichtes kann also die Rechtslage des 1. Jahrhunderts n. Chr., soweit sie uns bisher bekannt ist, zugrunde gelegt werden. Entsprechend sollen in dieser Untersuchung die juristischen Informationen der Apostelgeschichte heraus gearbeitet und mit der damaligen Rechtslage verglichen werden, wobei den Schwerpunkt die vermeintliche civitas des Paulus darstellen soll. Denn gerade dieser Punkt unterscheidet den Paulusprozess von dem an sich ähnlich gelagerten Prozess gegen Jesus. Darüber hinaus stellt das römische Bürgerrecht eines der wichtigsten römischen Rechtsinstitute der Antike dar. Den Einstieg in die Arbeit gibt ein Überblick über verschiedene Teilaspekte, die der späteren Untersuchung als Grundlage dienen. Ausgegangen wird in der gesamten Arbeit von der bereits angegebenen Stelle der Apostelgeschichte. Sie ist die einzige Quelle, die uns den Paulusprozess überliefert und es soll nicht der Zweifel an ihrer Historizität im Vordergrund stehen, obwohl diese Frage bezüglich des römischen Bürgerrechts des Paulus nicht ausbleiben kann. Zunächst werden innerhalb der Inskription die Quelle und ihr Autor dargestellt. Sodann folgen allgemeine Ausführungen von Leben und Persönlichkeit Pauli, über das ihm vorgeworfene Delikt und über den Strafprozess im 1. Jahrhundert n. Chr. Es schließt sich eine genauere Untersuchung des Prozessverlaufes und ein kurzer darauf aufbauender Vergleich mit dem Jesusprozess an. Das Verfahren, gemäß der Wiedergabe in der Apostelgeschichte, wird an das Raster einer accusatio angelegt und in die verschiedenen Verfahrensschritte unterteilt. Danach folgt der Hauptteil, den die Darstellung des Römischen Bürgerrechts im Allgemeinen und die Auseinandersetzung mit der Civität des Paulus im Einzelnen bilden. Abschließend sollen in einem Fazit nochmals alle Ergebnisse zusammengefasst und bewertet werden.

B. Inskription der Textstelle

I. Die Apostelgeschichte als Quelle

Die Apostelgeschichte steht, als Teil des neutestamentlichen Kanons, zwischen dem Evangelium des Johannes und dem Römerbrief. Sie besteht insgesamt aus 28 Abschnitten, wobei der Schwerpunkt inhaltlich auf den Missionsreisen des Paulus liegt. Allgemein anerkannt ist die Datierung ihrer Entstehung auf den Zeitraum zwischen 80-90 n. Chr.[3] An welchem Ort die Apostelgeschichte verfasst wurde ist jedoch unsicher. Achaja, Rom, Mazedonien, Kleinasien, Antiochia und Cäsarea kommen dabei in Frage.[4] Wie bei den restlichen Evangelien neben Markus, lässt sich auch bei der Apostelgeschichte erkennen, dass das Markusevangelium als Quelle diente. Daneben wurde aber beträchtliches Sondergut und die sog. Logienquelle mit verarbeitet.[5] Es scheint, als seien einige Widergaben der Apostelgeschichte durchaus authentisch. Ortsangaben, außerbiblische Ereignisse, Jahreszahlen und die allgemeine gesellschaftliche Ordnung passen nach ihrer Beschreibung meistens genau in das Bild, dass wir durch andere Quellen bereits von dieser Zeit gewonnen haben. Dennoch ist an die apologetischen Elemente der Apostelgeschichte zu denken. Von heilsgeschichtlich und politisch motivierten Umdeutungen und Abänderungen beschriebener Ereignissen ist auszugehen. Der Verfasser hat etwa, entsprechend der antiken Geschichtsschreibung, handelnden Personen selbst formulierte Reden in den Mund gelegt, aber daneben auch durchaus überkommene Traditionen und Notizen aufgenommen.[6] Daher ist eine Zuordnung der Apostelgeschichte zu einem bestimmten Genre nicht unbedingt einfach. Der wohl überwiegende Teil der Wissenschaft sieht in ihr eine Art der antiken Geschichtsschreibung, insbesondere angelehnt an die damalige hellenistische Historiographie. Hinzu kommen aber auch monographische Züge und die Verwendung wissenschaftlicher Fachprosa.[7]

II. Der Autor der Apostelgeschichte

Das dritte Evangelium wird inhaltlich als mit der Apostelgeschichte eine Einheit bildend zusammengefasst. Es wird daher, und vor allem auch wegen der bei beiden Briefen angegebenen Adressierung an einen gewissen Theophilius (Lk 1,1-4 und Apg 1,1-2) davon ausgegangen, dass es sich um ein Doppelwerk, verfasst vom selben Autor, handelt. Ursprünglich wurden beide anonym verfasst und lässt sich somit der Autor nicht sicher ausmachen. Die altkirchliche Tradition jedoch schreibt die Texte einem Mann namens Lukas zu, wobei diese Annahme stark umstritten bleibt.[8] Lukas war ein Jünger und Nachfolger der Apostel. Er kam aus Antiochia, war Arzt, ledig und kinderlos. Einige Theorien besagen, dass er Paulus auf seinen Missionsreisen und bis zu dessen Martyrium als Mitarbeiter und Reisegefährte gefolgt sei und somit als Augenzeuge Bericht erstattet. Diese Theorien, die sich hauptsächlich auf die teilweise im „Wir“-Stil geschriebenen Textabschnitte stützen, werden heute aber überwiegend abgelehnt.[9] Mit 84 Jahren starb Lukas in Böotien.[10] Zunächst wurde das Evangelium des Lukas in Achaia verfasst, später dann die Apostelgeschichte. Das Doppelwerk lässt ein hohes Bildungsniveau des Autors erkennen. Sowohl im griechisch-römischen Bereich, als auch dem Judentum war er offensichtlich bewandert.[11] Insbesondere aber zeugen vielerlei Darstellungen rechtlicher Thematiken von einem fundierten juristischen Wissen.

C. Paulus

Neben Jesus stellt Paulus die bedeutsamste Person des Neuen Testaments dar. Mehrere von ihm oder engen Vertrauten verfasste Briefe und die Apostelgeschichte erzählen von seinen unzähligen Missionsreisen.[12] Diese allesamt christlichen Quellen sind, zusammen mit den Paulusakten und Paulus-Martyrien die einzigen anerkannten Quellen, die uns über Paulus vorliegen.[13] Die Informationen über die Person Paulus, die wir aus ihnen ziehen können, bleiben wegen der zugrunde liegenden religiösen Motivation teilweise sehr umstritten.[14] Geboren wurde er etwa Anfang des 1. Jahrhunderts im kilikischen Tarsus.[15] Es wird vermutet, dass seine Eltern eine jüdische Familie der Diaspora war.[16] Paulus bezeichnet sich selbst als Hebräer und Israelit aus dem Stamm Benjamin.[17] Gemäß der Apostelgeschichte ist er aber auch von Geburt an Inhaber des römischen, als auch tarsischen Bürgerrechts.[18] Er war einfacher Handwerker, aber mit einer hellenistischen Bildung im Hintergrund, weshalb er auch Latein und Griechisch sprach.[19] Nach Apg. 18,3 wird er als Skenopoios bezeichnet, was im Allgemeinen als Zeltmacher übersetzt wird, aber auch eine größere Bandbreite um diese Tätigkeit herum abdeckt.[20] Die biblische Geschichte erzählt von ihm als einem eifernden Pharisäer (Phil 3,5; Apg 23,6; 26,5), der auf unbarmherzigste Weise die Anhänger des Jesus Christus verfolgte (Gal 1,13), bis er eines Tages dem auferstandenen Jesus in einer Vision begegnet und selbst zum Christentum bekehrt wird (Gal 1,15f.; Röm. 1,1ff.; 1. Kor 15,8; Apg 9.22.26). Bis dahin trug er den hebräischen Namen Saul(os), den er nun ablegte und den römischen Namen Paulus annahm. Als überzeugter Christ und neuer Apostel bereiste Paulus von nun an das römische Reich, um für den christlichen Glauben zu missionieren.[21] Seine letzte Reise zur Urgemeinde nach Jerusalem führte zu seiner Gefangennahme und Anklage durch die Juden vor dem römischen Statthalter. Der Prozess dürfte sich zwischen 55 und 58 n.Chr. zugetragen haben. Im Winter 58 oder 59 n.Chr. wurde Paulus letztlich nach Rom übersandt, wo er nach Hinweisen der Apostelgeschichte und konkreter Ausführung des 1 Clem 5,3ff. nach längerer Gefangenschaft vor den Mauern Roms enthauptet wurde.[22]

D. Der Präfekt Judäas als Oberster Richter

Dem Statthalter oblag das Amt des obersten Richter Judäas.[23] Er vereinigte in seiner Person alle judikativen Kompetenzen, die in Rom auf mehrere Beamte verteilt waren, konnte aber Bereiche auch an einheimische Instanzen übertragen.[24] Hiervon wurde in Judäa Gebrauch gemacht, indem der bestehenden höchsten Instanz die Zuständigkeit für normale straf- und zivilrechtliche Fälle belassen wurde.[25] Dies war der von Pharisäern dominierte Sanhedrin, mit Sitz in Jerusalem. Geleitet wurde er von einem Hohepriester, der zur Zeit des Paulus Prozesses Hananias war. Der Sanhedrin sprach, als jüdische Behörde, Recht nach den Normen der Thora.[26] Daneben besaß der Präfekt jedoch hinsichtlich der Todesstrafe die ausschließliche Zuständigkeit. Als Inhaber des ius gladii, des Schwertrechts, konnte nur er ein Todesurteil aussprechen und exekutieren lassen.[27] Das vom Kaiser abgeleite imperium war umfassend und wurde nur durch das imperium maius proconsulare des Kaisers, durch den Besitz des römischen Bürgerrechts und durch die Möglichkeit gegen den Statthalter beim Legaten der Provinz oder beim Kaiser selbst Beschwerde einzulegen begrenzt.[28] Dem statthalterlichen imperium nicht inzidiert war das ius gladii. Es konnte aber vom Kaiser gesondert zuerkannt werden und so geschah es in Judäa. Daher konnten Felix und Festus auch Prozesse wegen Kapitalverbrechen angeschuldigter römischer Bürger vollziehen.[29] Die von den Römern vorgefunden Behörden ließen sie bestehen und so war das priesterliche Oberhaupt Hananias ein bedeutender Kontrahent des Statthalters.[30] In Strafsachen behielten die Statthalter gegenüber den lokalen Rechtsprechungsbehörden jedoch die letzte Verfügungsmacht.[31] Schließlich war der Präfekt sogar dazu befugt, die Hohepriester nach seinem Ermessen ein- und abzusetzen.[32] Die Macht des jüdischen Verwaltungsapparates war also durch die Römer stark begrenzt worden, während Judäa ohnehin seiner Eigenstaatlichkeit beraubt war.[33]

E. Das vorgeworfene Delikt: Crimen Maiestatis

Obschon die Anklage ganz und gar religiös motiviert war, wurde das aus ihr gezogene politische Moment vor der römischen Gerichtsbarkeit einseitig hervorgehoben. Darin ist ein geschickter Schachzug zusehen, denn einen Untertan, der noch dazu römischer Bürger ist, aufgrund innerjüdischer Vergehen zu richten, lag einem römischen Beamten fern. Doch die Vorwürfe, welche die Juden bei Felix vortrugen, beinhalteten die Gefährdung der römischen pax romana und dies zu einer Zeit, in der angebliche Propheten und Religionsstifter für viel Unruhe in der Provinz Judäa sorgten.[34] Die Anklage lautete: „Wir haben erkannt, dass dieser Mann schädlich ist und dass er Aufruhr erregt unter allen Juden auf dem ganzen Erdkreis und dass er ein Anführer der Sekte der Nazarener ist. Er hat auch versucht, den Tempel zu entweihen.“[35] Nach römischem Recht lässt sich daraus leicht auf das Delikt des Aufruhrs gegen Rom (seditio) schließen. Die seditio war nach römischem Rechtsverständnis eines der schwersten Delikte, weil sie sich gegen die innere Ordnung des Reiches richtete und damit im Prinzipat direkt gegen den Kaiser, dessen „Majestät“ verletzt wurde (Crimen laesae maiestatis).[36] Von Anfang an unterlag sie daher auch der magistratischen coercitio und wurde gemäß der von Augustus erlassenen lex Iulia de maiestate mit dem Tode bestraft.[37] Aufgrund der Formulierungen kann also davon ausgegangen werden, dass von jüdischer Seite darauf spekuliert wurde Paulus Verführung des Volkes und damit Hochverrat und Anstiftung zum Aufruhr anzulasten.[38]

F. Das römische Strafprozessrecht im Prinzipat

Es stellt sich die Frage, welche Verfahrensart zur Zeit des Paulusprozesses, also um 68 n. Chr., die vorherrschende in Kapitalsachen war. Dabei sind, neben dem zeitlichen, weitere Faktoren zu bedenken. Das vorgeworfene Delikt, die beteiligten Personen und dass der Prozess in einer Provinz außerhalb Italiens statt fand.

I. Coercitio, cognitio und accusatio

Die unbegrenzte Strafgewalt des Statthalters bezeichnet man als coercitio, die Strafgerichtsbarkeit als magistratische Judikation. Die coercitio war reine Polizeigewalt nach Kriegsrecht und bot dem Magistrat vollste Entscheidungsfreiheit.[39] Jeder militärische Befehlshaber war im Falle offenkundigen Widerstandes gegen die Staatsgewalt dazu befugt.[40] Bei den Gerichtsverfahren waren die cognitio und die accusatio zu unterscheiden.[41] Ersteres war die ältere Form, deren Grenzen gegenüber der coercitio schwer zu bestimmen waren. Die cognitio ließ dem leitenden Richter innerhalb eines kleinen verfahrensrechtlichen Gerüstes maximalen Freiraum. Das Wort cognitio kam von der Beweisaufnahme der Magistrate und so drehte sich dieses Verfahren auch hauptsächlich darum. Daneben stand die accusatio, deren vorgeschriebener ordo den leitenden Magistrat in seiner Gestaltungsfreiheit sehr viel mehr begrenzte. Insbesondere wurde seine Macht dadurch beschnitten, dass die Anklage und das Ermittlungsverfahren einem Privatmann als Vertreter des Gemeinwesens übertragen wurden.[42]

II. Von der Republik zur Kaiserzeit

Während der Republik wurde eine Entwicklung vorangetrieben, die der magistratischen coercitio entgegenwirken sollte und zwar durch die Einführung der sog. Quästionengerichte, die der Volksgerichtsbarkeit dienten und der Form des Akkusationsverfahren angehörten.[43] Zu Beginn des Prinzipat wurden keine besonderen prozessualenVeränderungen vorgenommen. Die quaestiones wurden im Prinzipat weitergeführt.[44] Dennoch vollzog sich gleichzeitig mit dem Zusammenbruch der Republik eine sich steigernde Rückwendung zur coercitio und damit der Willkür und rechtlichen Unbestimmtheit.[45] Getragen von der neuen Herrschaftssituation und der zunehmenden Konzentrierung der Macht auf dem princeps, übertrug man dem prozessleitenden Magistrat erneut mehr und mehr Verantwortung. Die republikanische Volksgerichtsbarkeit wurde allmählich verdrängt von dem neu etablierten Kognitionsverfahren.[46]

III. Verfahren in den Provinzen

Die beinahe unbeschränkte Machtvollkommenheit der provinzialen Statthalter berechtigte sie, alle von ihnen übernommenen Bereiche nach Belieben zu gestalten.[47] Diese Formlosigkeit wirkte sich natürlich auch auf die Gerichtsbarkeit aus. Ein Verfahren nach den Vorschriften des ordo war für Provinziale keineswegs zwingend. Stattdessen konnte der Statthalter ein Verfahren extra ordinem abhalten, also in Form der cognitio. Das führte dazu, dass Strafprozesse vor einem römischen Provinzstatthalter normalerweise als Kognitionsverfahren durchgeführt wurden, solange es sich bei den Angeklagten nicht um römische Bürger handelte. Auf diese Weise konnte im letzten Jahrhundert der Republik das weitaus mehr Vorschriften unterliegende Akkusationsverfahren in den Statthalterprozess Einzug halten. Im Prinzipat wurde es römischen Bürgern gegenüber dann zur Regel, Provinzialen stand dem Statthalter die Wahl einer der beiden Verhandlungsformen frei.

IV. Das Verfahren im Paulusprozess

Mommsen bezeichnete den Prozess gegen Paulus in seinem Buch zum Römischen Strafrecht als ein Beispiel einer provinzialen strafrechtlichen Maßnahme extra ordinem.[48] Doch wie eben ausgeführt, war es im 1. Jahrhundert n. Chr. Pflicht der Statthalter römischen Bürgern ein Akkusationsverfahren zu gewähren. Zwar ist bekannt, dass sich die Magistrate außerhalb Roms selten zuverlässig Vorschriften einhielten, dennoch weist der Paulus Prozess bereits auf den ersten Blick einen sehr regulären Ablauf auf. Deshalb wird hier zunächst der Ablauf der accusatio zugrunde gelegt, damit sodann zu sehen ist, inwiefern sich der Bericht des Paulusprozesses in den ordo einfügt.

G. Der Prozessverlauf

In Jerusalem erkennen Juden aus der Provinz Asien Paulus im Tempel und werfen ihm vor, gegen das jüdische Volk, sein Gesetz und den Tempel zu predigen. Letzteres konkretisiert sich in der Behauptung, Paulus hätte einen heidnischen Griechen mit in den Tempelvorhof genommen. Daraufhin entwickelt sich ein Tumult unter der umherstehenden Menschenmenge, die Paulus ergreifen und lynchen wollen.[49]

I. Gefangennahme

Der zuständige römische Oberst, Claudius Lysias, erhält Nachricht von dem Aufruhr und greift sogleich mit Soldaten und Hauptleuten ein. Er lässt Paulus festnehmen und versucht den Sachverhalt noch an Ort und Stelle zu klären, indem er ihn nach seiner Identität und den gegen ihn vorgebrachten Vorwürfen befragt. Aufgrund der aufgebrachten Menge lässt sich jedoch nichts Konkretes herausfinden und so führt der Oberst Paulus ab, um wieder Ordnung und Ruhe herzustellen[50] und darüber hinaus die Sachlage ermitteln zu können.[51] Durch Folter will Lysias von Paulus die Hintergründe des Tumultes erfahren und erst, als man ihn bereits festgebunden hat und mit der Geißelung beginnen will, weist Paulus gegenüber dem dabeistehenden Hauptmann auf sein römisches Bürgerrecht hin. „... Ist es erlaubt bei euch, einen Menschen, der römischer Bürger ist, ohne Urteil zu geißeln?“ (Apg 22,25) Sofort bricht Lysias die Geißelung ab und lässt Paulus einsperren. Es verwundert, weshalb Paulus erst so spät auf sein Bürgerrecht hinweist und es wird sich zeigen, dass er es auch im weiteren Verlauf des Verfahrens so handhaben wird. Darauf, wie auch auf die Einzelheiten des römischen Bürgerrechts wird später noch näher einzugehen sein.

II. Befragung durch das Synedrium

Am nächsten Tag berief Lysias das Synedrium ein, ihm bei der Sachverhaltsaufklärung behilflich zu sein (Apg 22,30). Als römischer Beamter, der innerhalb seiner Polizeigewalt Ermittlungen leitet, setzt er die jüdische Ratsversammlung als eine Art Sachverständigen ein. Jüdische Experten sollen dem römischen Oberst Aufschluss über die jüdischen Vorwürfe und darüber, ob es etwas gibt, das unter das römische Strafrecht fällt, verschaffen.[52] Es ist eine Privilegierung, die Paulus als römischem Bürger von Seiten des Obersts eingeräumt wird.[53] Dafür, dass es sich um ein eigenständiges jüdisches Gerichtsverfahren gehandelt hätte, gibt es keinerlei Hinweise.[54] Auf die Vorwürfe wird jedoch gar nicht eingegangen und nachdem sich wiederum ein Tumult bildete, löste Lysias die Sitzung auf.

III. Überführung nach Cäsarea

Am nächsten Tag beschloss eine Gruppe unter den Juden, mit Unterstützung des Hohe Priesters und der Ältesten, einen tödlichen Anschlag auf Paulus auszuüben. Lysias erfuhr von dem Vorhaben und übersendet daraufhin Paulus sofort, unter hohem Begleitschutz, nach Cäsarea in die Obhut des Statthalters M. Antonius Felix[55].[56] Paulus wurde somit an die nächst höhere, römische Instanz übergeben. Grundsätzlich führten die Statthalter Judäas sowohl in Cäsarea, als auch Jerusalem Prozesse, aber da Lysias nicht mehr für Paulus Sicherheit garantieren konnte, ließ er Paulus aus der Stadt bringen anstatt auf das Erscheinen des Felix in Jerusalem zu warten.[57] In einem Begleitschreiben[58] fasste Lysias kurz die bisherigen Vorfälle zusammen, wobei er jedoch sein Vorgehen in ein für sowohl Felix als auch Paulus gutes Licht stellte und daher leicht unsachgemäße Angaben machte.[59] Immerhin war ihm nun bekannt, dass Paulus ein römischer Bürge, und als solcher bevorzugt zu behandeln ist. Felix übernahm unverzüglich die Kontrolle, lässt Paulus vorführen und fragt ihn nach seiner Heimatprovinz, um die Zuständigkeit zu klären.[60] Er erfährt, dass Paulus aus Kilikien stammt und sagt zu, den Fall zu übernehmen.[61] Den Termin für das offizielle Verhör macht er von der Ankunft der Ankläger abhängig und befiehlt Paulus bis dahin im Palast des Herodes in Haft zu behalten.[62] Damit nimmt Felix Bezug auf ein römisches Rechtsprinzip, das er auch später nochmals vor Agrippa mit den Worten: „es sei bei den Römern nicht üblich, einen Menschen auszuliefern, bevor nicht der Angeklagte den Anklägern gegenübergestellt sei ...“ (Apg 25,16) verdeutlicht.

[...]


[1] Im Folgenden mit Apg abgekürzt.

[2] Verwendet wird die Bibel in der Übersetzung von Martin Luther.

[3] Jervell, Apostelgeschichte, S. 86; Stegemann, Lukas, DNP, sp. 492.

[4] Jervell, Apostelgeschichte, S. 86.

[5] Stegemann, Lukas, DNP, sp. 492.

[6] Lohse, Paulus, S. 17.

[7] Stegemann, Lukas, DNP, sp. 492; Bergholz, Der Aufbau des lukanischen Doppelwerkes, S. 31.

[8] Stegemann, Lukas, DNP, sp. 491 f.; Reinbold, Der Prozess Jesu, S. 41, 44.

[9] Jervell, Apostelgeschichte, S. 79; Stegemann, Lukas, DNP, sp. 491.

[10] Jervell, Apostelgeschichte, S. 80.

[11] Stegemann, Lukas, DNP, sp. 492.

[12] Stegemann, E.W., Paulus, DNP, sp. 432.

[13] Berger, Paulus, S. 14.

[14] Stegemann, E. W., Paulus, DNP, sp. 433.

[15] Stegemann, E. W., Paulus, DNP, sp. 435; Berger, Paulus, S. 12; Apg 9,11; Lütgehetmann, Paulus für Einsteiger, S. 51.

[16] Stegemann, E. W., Paulus, DNP, sp. 435; Berger, Paulus, S. 12; Apg 9,11.

[17] Phil. 3,5f.; Röm. 11,1; 2. Kor. 11,22.

[18] Apg 16,37 f.; 21,25 f.; 39; 22,25 ff.

[19] Apg 18,3; 1. Kor. 4,12; 2. Kor. 6,5; 11,23; 1. Thess. 2,9.

[20] Lütgehetmann, Paulus für Einsteiger, S. 75.

[21] Gal 1,15 f.; Röm 1,1 ff.; 1 Kor 15,8; Apg 9.22.26.

[22] Lütgehetmann, Paulus für Einsteiger, S. 52; Becker, S. 2 f.

[23] Jaros, In Sachen Pontius Pilatus, S. 34.

[24] Jaros, In Sachen Pontius Pilatus, S. 35.

[25] Egger, Crucifixus sub Pontio Pilato, S. 40

[26] Jaros, In Sachen Pontius Pilatus, S. 35 f.

[27] So die h.M. vgl. Jaros, In Sachen Pontius Pilatus, S. 36.

[28] Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelwerk, S. 209.

[29] Mommsen, Staatsrecht II/2, Rn. 928.

[30] Strobel, Die Stunde der Wahrheit, S. 109.

[31] Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelwerk, S. 209.

[32] Jaros, In Sachen Pontius Pilatus, S. 20.

[33] Strobel, Die Stunde der Wahrheit, S. 109.

[34] Die Ablehnung von religiös motivierten Verurteilungen zeigt sich auch an folgenden Stellen wieder: Apg 23,29 und Apg 25,18-19,25; Sherwin-White, Roman society and Roman law, S. 50; Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelwerk, S. 71.

[35] Apg 24,5 f.

[36] Mommsen, Römisches Strafrecht, S. 537 f.; Reinbold, Der Prozess Jesu, S. 84.

[37] Reinbold, Der Prozess Jesu, S. 84; vgl. Tacitus, Ann 2,50; 3,38; Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelwerk, S. 202.

[38] Vgl. Doer, Civis Romanus sum, S. 48 f.; Vittinghof ist dagegen der Meinung, dass die Christenprozesse alle ohne tatbestandliche Grundlage durchgeführt wurden und man das Christentum allgemein kriminalisierte, vgl. Vittinghof, in: Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 1, S. 266 ff.

[39] Dermandt, Hände in Unschuld, S. 170.

[40] Dermandt, Hände in Unschuld, S. 170.

[41] Mommsen, Römisches Strafrecht, S. 340.

[42] Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelwerk, S. 201; Sherwin-White, Roman society and Roman law, S. 48.

[43] Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelwerk, S. 199.

[44] Kunkel/Schermaier, Römische Rechtsgeschichte, S. 87.

[45] Kunkel/Schermaier, Römische Rechtsgeschichte, S. 87; Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelwerk, S. 200.

[46] Bleicken, Verfassungs- und Sozialgeschichte, S. 265.

[47] Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelwerk, S. 211 f.

[48] Mommsen, Römisches Strafrecht, S. 278; Mommsen vergleicht den Vorgang auch mit dem von Apuleius in seiner Apologia.

[49] Vgl. Apg 21,27-31.

[50] Teilweise wird angenommen, dass Lysias Paulus durch die Festnahme vor der Lynchjustiz retten wollte. Dafür gibt der Text jedoch keinerlei Anhaltspunkte her. Stattdessen handelt Lysias lediglich seinem Amt entsprechend, wenn er versucht eine Verschärfung der Unruhe zu unterbinden, indem er den Auslöser, also hier in seinen Augen Paulus, festnimmt und versucht die Ursachen aufzudecken. Dafür, dass es ihm nicht um eine Schutzhaft, sondern um die pax romana und Sachverhaltsermittlung ging, spricht vor allem, dass er zunächst davon ausging, dass Paulus ein ägyptischer Revolutionär wäre, vlg. Apg 21,38. Das römische Reich ging ohnehin von jeher sehr streng gegen unerlaubte Zusammenrottungen, oder Versammlungen vor. Vgl. dazu Cassidy, Society and politics in the Acts, S. 97 ff.

[51] Vgl. Apg 21,31-36.

[52] Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelwerk, S. 21 f.

[53] Mussner, Apostelgeschichte, S. 137.

[54] Es ist ein andauernder Meinungsstreit in der Wissenschaft, ob es sich bei dem Verhör des Paulus vor der Synedrialversammlung um einen Rechtszug innerhalb des römischen Prozesses, oder ob es sich um ein eigenständiges jüdisches Gerichtsverfahren handelte. Vgl. dazu Haenchen, Apostelgeschichte, S. 614, Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelerk, S. 23 f.; Cadbury, Roman law and the trial of Paul, S. 303. Das Synedrium hatte das Ausnahmerecht Todesstrafen zu verhängen und auszuführen, wenn jemand das jüdische Verbot missachtete, als Heide den Vorhof des Tempels zu betreten, oder auch nur dazu anzustiften. Dennoch weist die Apostelgeschichte keine Indizien für solch ein autonomes, jüdisches Verfahren auf.

[55] Doer, Civis Romanus sum, S. 45

[56] Die Bezeichnung „Prokurator“ kennt das NT nicht. Präses ist der gebräuchliche Titel für den römischen Statthalter, vlg. Lk 20,20; 21,20; Apg 23,24; 26,33; 24,1.10; 26,30.

[57] Heusler, Kapitalprozesse im lukanischen Doppelwerk, S. 52.

[58] Der Brief lautete: „Klaudius Lysias dem edlen Statthalter Felix: Gruß zuvor! Diesen Mann hatten die Juden ergriffen und wollten ihn töten. Da kam ich mit Soldaten dazu und entriss ihnen den und erfuhr, dass er ein römischer Bürger ist. Da ich aber erkunden wollte, weshalb sie ihn anklagten, führte ich ihn hinunter vor ihren Hohen Rat. Da fand ich, dass er beschuldigt wird wegen Fragen ihres Gesetzes, aber keine Anklage gegen sich hatte, auf die Tod oder Gefängnis steht. Und als vor mich kam, dass ein Anschlag gegen den Mann geplant sei, sandte ich ihn sogleich zu dir und wies auch die Kläger an, vor dir zu sagen, was sie gegen ihn hätten.“ (Apg 23,26-30).

[59] Apg 23,12-35.

[60] Vgl. dazu Sherwin-White, Roman society and Roman law, S. 55-57.

[61] Nach dem Prinzip des forum domicilii hätte er den Fall freilich zurückweisen müssen, aber dieses Prinzip war niemals mehr als optional und hatte sich auch erst im frühen Prinzipat etabliert. Sherwin-White, Roman society and Roman law, S. 28 f. Darüber hinaus zur Klärung der Frage, warum Felix einen solchen für ihn unangenehmen Prozess nicht abgewiesen hat vgl. Sherwin-White, Roman society and Roman law, S. 55 f.

[62] Apg 23,33-35.

Details

Seiten
50
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640920211
ISBN (Buch)
9783656057451
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172213
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Rechtsgeschichte
Note
9,00
Schlagworte
Paulus Apostelgeschichte Prozess Römisches Recht Prozessrecht Römische Rechtsgeschichte Wissenschaftliche Hausarbeit Rechtsgeschichte Jesus

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Titel: Die juristischen Aspekte des Paulusprozesses  (Apg 21,18 – 28,31)