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Verantwortung für das menschliche Leben - Grundfragen der Bioethik

Hausarbeit 2010 12 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Stellen Sie Grund und Inhalt des Begriffs der Menschenwürde dar

2. Der spezifische Beitrag des christlichen Glaubens zu Fragen der Bioethik

3. Diskutieren Sie die Problematik der neuen gesetzlichen Regelung zur Patientenverfügung
3.1 Die neue Gesetzeslage als Antwort auf eine Veränderung im Arzt-Patient-Verhältnis
3.2 Umsetzung von Selbstbestimmung durch Patientenverfügungen!?

4. Literaturverzeichnis

1. Stellen Sie Grund und Inhalt des Begriffs der Menschenwürde dar.

Das Prinzip der Menschenwürde nimmt eine besondere Stellung innerhalb der moralischen Grundsätze ein1. Dass die Würde des Menschen unantastbar ist, ist aus eben diesem Grund im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert2. In bioethischen Diskussionen spielt die Menschenwürde eine wesentliche Rolle, allerdings wird sie von manchen konsequent als Argumentation und rechtliche Grundlage angeführt, von anderen eher marginal betrachtet und von wieder anderen uminterpretiert.3

Um Grund und Inhalt der Menschenwürde darzustellen, bedarf es mehrerer Fragestellungen: Zunächst ist zu fragen, wodurch die Menschenwürde begründet wird und warum ihr besondere Geltung zukommt. Im Weiteren ist zu klären, wer die Menschenwürde innehat und welche Konsequenzen sich aus dem Zuspruch der Menschenwürde ableiten lassen.4 Eine Begründung für ein Prinzip zu finden ist eine im logischen Sinn jedoch gar nicht lösbare Aufgabe, da ein Prinzip im wörtlichen Sinn ein Anfang ist, von dem alles andere ausgeht. Gäbe es eine Begründung für eine prinzipielle Grundlage, dann wäre es kein Prinzip mehr. Dennoch besitzt das Prinzip der Menschenwürde eine Gültigkeit.5 Im Folgenden soll diese Gültigkeit interkulturell und säkular dargestellt werden.

Der Mensch besitzt eine Sonderstellung in der Natur, er ist anderen Lebewesen überlegen und vernunftbegabt. Dies ist eine Annahme, die sich zwar auch theologisch begründen lässt (Gottebenbildlichkeit), die jedoch ebenfalls interkulturell anerkannt ist. Man unterscheidet eine angeborene Würde, die jedem Menschen gebührt aufgrund seines Menschseins, und eine relative Würde, die sich an der Leistungsfähigkeit des Lebewesens bemisst. Die angeborene oder auch absolute Würde ist unverdient, sie kann auch als Mitgiftwürde bezeichnet werden. Gleichzeitig bringt diese angeborene Würde auch eine Verantwortung mit sich: Der Mensch soll dieser Würde durch seine Lebensweise gerecht werden. Da dies nicht von jedem in gleicher Weise geleistet werden kann, wird diese Verantwortungswürde in einer gewissen Rangfolge nach den Eigenschaften des Lebewesens zugesprochen.6

Im bioethischen Diskurs sollte die Menschenwürde jedoch nur kategorial bzw. absolut ver- standen werden. Das heißt, dass das menschliche Leben immer geschützt werden muss, ein- fach deshalb, weil es sich um einen Menschen handelt, dem aufgrund seiner Menschlichkeit eine besondere Würde zukommt.

Diese Würde bedeutet, dass der Mensch einen Wert bzw. einen Zweck an sich hat. Im Unter- schied zu bestimmten Werten, die man für andere innehaben, aber auch verlieren kann, ist die Würde nach Kant unveräußerbar und kommt jedem zu. Die Selbstzwecklichkeit des Men- schen gründet darin, dass der Mensch einen freien Willen hat und seine Vernunft einsetzen kann. Der Mensch ist fähig zu einer sittlichen Autonomie und darin liegt seine Menschenwür- de.7

Zur Selbstzwecklichkeit schreibt Kant:

„...das aber, was die Bedingung ausmacht, unter der allein etwas Zweck an sich selbst sein kann, hat nicht bloß einen relativen Wert, d.i. einen Preis, sondern einen innern Wert, d.i. Würde. Nun ist Moralität die Bedingung, unter der allein ein vernünftiges Wesen Zweck an sich selbst sein kann...“8

Als Gegenargument zu dieser Position kann man anbringen, dass der Mensch auch unmora- lisch handelt, entweder, weil er es nicht anders will oder weil er es nicht anders kann. Hierzu lässt sich sagen, dass auch wenn der Mensch in seinem Handeln determiniert ist, er sich zu seiner Determiniertheit verhalten und diese so überwinden kann. Sobald ich Determinanten als solche erkenne, bewältige ich sie. Ebenso kann man anführen, dass der Mensch grundsätz- lich die Möglichkeit hat, moralische Fragen zu erkennen und das moralisch Richtige zu wis- sen. Trotzdem kann der Mensch natürlich gegen eigene moralische Einsichten handeln.9

Wenn die Menschenwürde mit der sittlichen Autonomie begründet wird, muss im nächsten Schritt gefragt werden, wer Träger der Menschenwürde ist, denn nicht jeder Mensch kann seine Moralfähigkeit tatsächlich ausüben. Beispielsweise Menschen mit demenziellen Erkrankungen, Menschen mit bestimmten geistigen Behinderungen oder Embryos können ihre Vernunft nicht oder nur eingeschränkt anwenden.

Braun betont, dass die Menschenwürde dennoch uneingeschränkt jedem Menschen zugespro- chen werden muss, unabhängig von der tatsächlichen Moralfähigkeit. Die Begründung hierfür leitet sie mit einem Umkehrschluss herbei: „Wenn nur diejenigen Menschen Träger von Men- schenwürde wären, deren Moralvermögen voll entwickelt ist, wäre niemand Träger von Men- schenwürde.“10

Auch wenn die Menschen ihre Moralfähigkeit nur unzulänglich entwickelt haben, so haben sie sie doch erworben und allein das ist Grund für die Menschenwürde. Der medizinische Fortschritt stellt diese Annahme allerdings vor eine weitere Herausforderung. Es gilt zu klä- ren, wann menschliches Leben beginnt und wann es aufhört. Zum Zeitpunkt der Entstehung der Menschenrechte begann menschliches Leben mit der Geburt und endete mit dem Tod. Welche Rechte beispielsweise einem Ungeborenen oder einem Hirntoten zukommen ist recht- lich bislang nur unzulänglich geklärt. M.E. ist eine Minimaldefinition von menschlichem Le- ben, wie es auch Adrian Holderegger fordert, der einzig sinnvolle Ansatz. Überall da, wo menschliches Leben vermutet wird, sollte es auch als solches behandelt werden und demzu- folge Würde zugesprochen bekommen.11 Alle Setzungen, die den Beginn des menschlichen Lebens zu einem späteren Zeitpunkt als der Verschmelzung der Keimzellen festlegen, sind willkürlich und ausschließend. Das gleiche gilt für Setzungen von Todeskriterien, die einem Teil von Menschen die Menschenwürde absprechen, obwohl man sie ihnen genauso noch zusprechen könnte. Empirische Kriterien, an denen die Menschenwürde festgemacht wird, widersprechen der kategorialen Menschenwürde.12

Kant folgert aus der Selbstzwecklichkeit des Menschen, dass für das menschliche Handeln ein kategorischer Imperativ gelten muss. „Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“13

Ein Träger von Menschenwürde darf demnach nicht ausschließlich instrumentalisiert werden und andere nicht gegen ihren Willen instrumentalisieren. Im Alltag gibt es Handlungen, bei denen andere mich nutzen. Wenn ich der Handlung nicht zugestimmt habe, werde ich verzweckt und zum Objekt. Habe ich jedoch meine Zustimmung signalisiert, bin ich selbst Subjekt der Handlung und habe mir die Zwecke der anderen zueigen gemacht. Wenn jemand nicht äußern kann, ob er zustimmt, dürfen an ihm nur Handlungen vorgenommen werden, die seinem Wohl dienen. Sobald es um Zwecke anderer geht, ist es als eine Instrumentalisierung und somit als unmoralisch zu bewerten.14

Die Menschenwürde umfasst nach Kant also eine soziale und eine personale Perspektive: So- wohl mir selbst gegenüber als auch gegenüber anderen habe ich die Menschenwürde vorbe- haltlos anzuerkennen und andere und mich als Zweck an sich selbst zu betrachten.15 In bioethischen Fragen ist deshalb genau zu untersuchen, ob und in welcher Weise die Men- schenwürde verletzt wird.

[...]


1 Vgl. Höffe, Otfried, Medizin ohne Ethik, Frankfurt a.M. 2002, 49.

2 Vgl. GG, Art. 1 Abs. 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

3 Vgl. Braun, Kathrin, Die besten Gründe für eine kategorische Auffassung der Menschenwürde, in: Kettner, Matthias (Hg.), Biomedizin und Menschenwürde, Frankfurt a.M. 2004, 81.

4 Vgl. a.a.O., 82.

5 Vgl. Höffe (2002), 51.

6 Vgl. a.a.O., 52-54.

7 Vgl. Braun (2004), 82f.

8 Kant, GMS (1974), BA 78.

9 Vgl. Braun (2004), 83.

10 A.a.O., 84.

11 Vgl. Holderegger, Adrian, Grundlagen der Moral und der Anspruch des Lebens, Themen der Lebensethik, Freiburg/Schweiz 1995, 155-160.

12 Vgl. Braun (2004), 85f.

13 Kant, GMS (1974), BA 67

14 Vgl. Braun (2004), 87-89.

15 Vgl. Höffe (2002), 67.

Details

Seiten
12
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640919796
ISBN (Buch)
9783640919802
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172205
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Katholische Theologie
Note
1,0
Schlagworte
Bioethik Menschenwürde Patientenverfügung christliche Bioethik Selbstbestimmung Arzt-Patient-Verhältnis Autonomie Moraltheologie

Autor

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